Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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14. Februar 2012
Hl. Cyrill und Methodius


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Wir schreiben das Jahr 1943: Die deutschen Behörden  lehnen es ab, eine offizielle seelsorgerliche Betreuung  französischer Arbeiter in Deutschland zuzulassen. Der für die Kriegsgefangenen zuständige leitende Geistliche, Abbé Rodhain, richtet daraufhin einen Appell an alle französischen Pfarrer, nach Deutschland zu gehen und dort verdeckt als Arbeiterpriester zu wirken. Viele denken, man müsse verrückt sein, um einem solchen Aufruf zu folgen. Dennoch melden sich über vierzig Freiwillige, darunter auch Abbé René Giraudet aus der Vendée (Westfrankreich), der seinen Bischof geradezu anfleht: „Bitte, Herr Bischof, übergehen Sie mich nicht.« Wie kam der junge Priester dazu, Jesus bis zur Torheit des Kreuzes zu lieben?

Das erste Kind des Apothekenhelfers Louis Giraudet und seiner Frau Octavie wurde am 4. Dezember 1907 geboren und am 8. Dezember, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, in der Kathedrale von Luçon (Vendée) auf den Namen René getauft. Diesen ersten Kontakt mit der Jungfrau Maria am Tage seiner Taufe deutete René später als ein Zeichen des Himmels. Im Sommer 1915 verbrachte der Junge ein paar Tage in Sainte-Hermine bei seiner überaus frommen Groß–mutter väterlicherseits, die sich von Gott eine geistliche Berufung in der Familie wünschte. Sie schien erhört werden, denn René erklärte ihr nach dem gemeinsamen Kreuzweg in der Dorfkirche: „Weißt du, Großmutter, ich will Priester werden.« Nach der Firmung 1917 und der Erstkommunion im Jahr danach verfestigte sich Renés Berufung; er wollte sogar Missionar werden.

„Er ist ein guter Junge«

Im Oktober 1920 kam René auf das Kleine Seminar  von Chavagnes-en-Paillers. Der lustige, sportliche Junge legte neben seiner Schlichtheit und Frömmigkeit oft auch Schalk und Ausgelassenheit an den Tag: Wie ein Fohlen löckte er vielfach wider den Stachel, war mitunter extrem unaufmerksam und konkurrenzlos faul; seine Eltern waren die Beschwerden des Präfekten und der Lehrer bald so leid, dass sie ihn zweimal vom Seminar nehmen wollten. René wurde einzig und allein von seinem Beichtvater verteidigt: „Nicht doch! Ich sage Ihnen, er ist ein guter Junge. Sie dürfen ihn nicht von hier fortnehmen, es wäre dumm. Das wird sich geben.« Und tatsächlich waren bald Fortschritte zu verzeichnen. Da René unbedingt in die Marien-Kongregation eintreten wollte, erneuerte er seine Marien-Weihe an jedem 8. Dezember und gab sich große Mühe, sein Temperament zu zügeln. Er wurde allerdings erst im Juni 1925 in die Kongregation aufgenommen. Sein Wahlspruch lautete: „Immer wieder neu geboren werden und immer wieder sterben.«

Im September 1925 zog Renés Familie nach Chantonnay und eröffnete dort eine Drogerie. Madame Giraudet schlug ihrem Sohn vor, im Geschäft mitzuarbeiten. „Nein, Mütterchen«, erwiderte er. „Ich will Missionar werden.« Auf dem Großen Seminar von Luçon zeigten sich trotz aller guten Vorsätze die alten Schwächen wieder; die Vorgesetzten bezweifelten die Eignung des jungen Mannes für den geistlichen Stand. Er wurde nichtsdestoweniger 1929 in das Pariser Missionsseminar aufgenommen. Nach seiner Diakonen–weihe im Juni 1931 verschlechterte sich sein Gesund–heitszustand; die Ärzte erklärten, er sei für die Mission untauglich, und schickten ihn erst einmal zur Erholung nach Hause. Am 19. Dezember 1931 wurde er gleichwohl zu seiner unbeschreiblichen Freude in der Kapelle des Pariser Seminars zum Priester geweiht. Das Kärtchen zum Gedenken an diesen Tag zeigt einen Priester am Kreuz, der seine Arme zur Welt hin ausbreitet; darunter steht der prophetische Satz: Mit Christus bin ich gekreuzigt worden (Gal 2,19). – Nach der Priesterweihe legte man Abbé Giraudet die Rückkehr in seine Heimatdiözese nahe, da seine Gesundheit keinen längeren Aufenthalt im Klima des Fernen Ostens zuließ. Im Februar 1932 wurde er zum Vikar in Saint-Hilaire-de-Loulay, einem Städtchen mit 1700 Einwohnern, ernannt. In der Pfarrgemeinde gab es ein intensives religiöses Leben; der junge Kaplan war mit einer ernsthaften, zurückhaltenden Bevölkerung konfrontiert, die seitens des Pfarrers keinen Spaß verstand. René bemühte sich, seine Pfarrkinder kennenzulernen, und schätzte sie bald sehr. Er bewunderte ihren handfesten Glauben und erklärte späterhin oft, er habe nirgends so vollendete Christen getroffen wie in der Vendée. Mit großem Eifer widmete er sich der Kinder- und Jugendarbeit: Neben einer Gruppe „Tapferer Herzen« gründete und betreute er eine Sektion der Katholischen Landjugend.

„Man kann Jesus nicht allein folgen«, sagte Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag in Madrid. „Wer der Versuchung nachgibt, ‚auf seine eigene Weise' Jesus zu folgen oder den Glauben entsprechend der in der Gesellschaft vorherrschenden individualistischen Auffassung zu leben, läuft Gefahr, Jesus Christus niemals zu begegnen oder letztlich einem Zerrbild von ihm zu folgen.... Ich bitte euch, liebe Freunde: Liebt die Kirche, die euch zum Glauben geboren hat, die euch geholfen hat, Christus besser kennenzulernen, die euch die Schönheit seiner Liebe entdecken ließ. Für das Wachsen eurer Freundschaft mit Christus kommt es entscheidend darauf an, dass ihr die grundlegende Bedeutung eurer freudigen Einbindung in die Pfarreien, Gemeinden und Bewegungen ebenso anerkennt wie die Teilnahme an der Eucharistie an jedem Sonntag, den häufigen Empfang des Sakraments der Versöhnung, die regelmäßige Anbetung und die regelmäßige Betrachtung des Wortes Gottes« (21. August 2011).

Das Schränkchen

Abbé Giraudet widmete sich intensiv der Seelsorge  und verbrachte viel Zeit im Beichtstuhl. „Die wichtigste Tugend eines Pfarrers besteht darin, dass er dieses unbequeme Schränkchen buchstäblich liebt und desto glücklicher ist, je länger und öfter er darin verweilen muss«, schrieb er. Er versuchte die Beichte „freundschaftlich« zu gestalten, sie zu einem vertraulichen und vertrauensvollen Gespräch zu machen, damit die Menschen unbeschwert wie einem Freund ihr Herz ausschütten konnten. Seinen Beichtkindern empfahl er einen Tagesplan, der feste Zeiten zum Aufstehen und zum Schlafengehen, eine bestimmte Stunde für jede Frömmigkeitsübung, auch für die kurzen, und vor allem eine abendliche Gewissenserforschung vorsah. Er selbst hielt sich getreu an einen solchen Plan und sah darin ein überaus wirksames Mittel, spirituell weiterzukommen.

Im Februar 1942 wurde Abbé Giraudet zum Pfarrer von Saint-Hilaire-du-Bois ernannt, einem Dorf mit 600 Einwohnern. Die Gemeindeglieder waren auf Anhieb von der schlichten Ausdrucksweise und der Aufrichtigkeit ihres Pfarrers angetan. Sie hörten ihm interessiert zu, und niemand war versucht, während der Predigt einzuschlafen. Samstags ließ er jedem Haushalt ein vierseitiges hektografiertes Gemeindeblatt zustellen – jedes Mal ein kleines Meisterwerk. Es enthielt neben einem Geleitwort des Pfarrers Anzeigen der Pfarrge–meinde, Bekanntmachungen des Bürgermeisters, Nachrichten aus dem Komitee für die Gefangenen, kurzum alles, was die Dorfbewohner interessieren mochte. Bald betrachteten diese ihren Pfarrer als einen liebevollen und fürsorglichen Vater - im Zeitlichen wie im Geistlichen. Zu seinen großen Anliegen gehörte die Restaurierung der Kirche, denn sie war gleichsam das Haus der Dorffamilie. Etliche Mitglieder der Pfarrgemeinde hatten besonders unter dem Krieg zu leiden: die Kriegsgefangenen, ihre Frauen und die Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten. Für die Ersteren sammelte der Abbé Spenden und ließ ihnen Pakete mit leiblicher und geistlicher Nahrung schicken. Den Frauen, die sich zu einer kleinen Vereinigung zusammengeschlossen hatten, sprach er Mut zu und lehrte sie, ihre Hoffnung auf Gott zu setzen. Er schlief auf einem Brett, heizte kaum und pflegte morgens lange in der Kirche zu beten. Seine Art, das heilige Messopfer zu feiern, wurde so bewundert, dass immer mehr Leute zur Messe und zur Kommunion kamen. Alle Mitglieder der Gemeinde liebten ihren Pfarrer und fühlten sich eng mit ihm verbunden. Seine Saat wurde von himmlischem Tau gesegnet. Auf das Titelblatt seines Breviers schrieb er: „Das Kreuz schwebt über der Gemeinde, wenn sich der Hirte aus Liebe zu seinen Schäfchen daran nageln lässt.« Auf seinem Schreibtisch lag die Abbildung eines Altarsteins mit der Unterschrift: „Das Herz des Priesters muss einem Altarstein gleichen: Es sollte von fünf Kreuzen gezeichnet sein und Märtyrerreliquien in sich bergen.« Und unter seiner Soutane trug er ein Missionarskreuz, das er oft hervorholte und küsste.

„Ich habe mich getäuscht«

Von 1942 an verlangte Deutschland Unterstützung  durch Fremdarbeiter aus Frankreich. Da die Anwerbung von Freiwilligen nicht klappte, griff das Reich zum Mittel der Zwangsverpflichtung; die jungen Arbeiter durften dabei nicht von Priestern begleitet werden. Um sie dennoch heimlich zu betreuen, startete Abbé Rodhain seinen eingangs erwähnten Aufruf in den Diözesen. Im März 1943 traf er mit den Freiwilligen zusammen und suchte 20 von ihnen aus; René Giraudet war nicht darunter. „Er ist ein Landpfarrer, der bislang immer nur mit Bauern zu tun hatte«, urteilte Abbé Rodhain. „Zudem macht er einen schüchternen Eindruck, ohne jeden Schwung.« Erst auf die Intervention seiner Sekretärin hin, die die tiefe innere Glut, die große Opferbereitschaft und den scharfen Verstand des jungen Mannes erkannte, setzte Abbé Rodhain dessen Namen unten auf die Liste.

René wurde im April von Abbé Bousquet, dem ersten, bereits im Januar angekommenen Untergrundpfarrer in Berlin empfangen. „Ich bin nicht gekommen, um für oder gegen jemanden Politik zu machen. Ich bin gekommen, um Seelen zu retten, und ich werde mich in meiner Freizeit darum bemühen, so gut ich kann.« Zunächst wurde René in einer Druckerei beschäftigt, in der viele Franzosen arbeiteten. Er wohnte in einem Lager. Die meisten seiner Zimmergenossen dort standen der katholischen Religion gleichgültig oder sogar feindlich gegenüber. Niemand wusste, dass er Priester war, doch er imponierte den „Pariser Jungs« auf Anhieb. Durch seine Uneigennützigkeit und seine tätige Nächstenliebe gewann er die Herzen der jungen Leute für sich. Bald fand er eine kleine Kammer über einem Aufzugschacht, in der er heimlich die heilige Messe zelebrieren konnte. Die jungen Franzosen befanden sich in einer physischen und moralischen Notsituation. Vor allem litten sie ständig Hunger. René schrieb an die Mitglieder seiner Gemeinde und an seine Freunde in der Vendée: Sie schickten ihm Lebensmittelpakete, die er unter den Jugendlichen verteilte, ob sie nun Christen waren oder nicht. Er verschenkte sein Essen an Hungernde, seine Kleidung an Bedürftige und gab alles, was er erhielt, weiter. Manchmal bekam er durch die dünne Zwischen–wand seines Verschlages positive Gespräche über sich selber mit und dankte Gott für die Würdigung seiner Nächstenliebe. Er kümmerte sich rührend und fürsorglich um Jugendliche, die im Krankenhaus lagen. Stieß er auf jemanden mit einer rechtschaffenen Seele, flüsterte er ihm zu: „Hör mal, mein Großer, ich bin Priester. Aber behalte das für dich.« Es folgte freudige Überraschung, und das Gespräch wurde gleich vertraulicher. Unter der Woche nahm René auf einer Parkbank Beichten ab, teilte in einer Telefonzelle die Kommunion aus und organisierte Sonntagsausflüge in die Wälder der Umgebung, um dort Andachten zu halten und für die Seminaristen, Pfadfinder und Mitglieder der christlichen Arbeiter–jugend Messen zu lesen. All das erledigte er neben der aufreibenden Fabrikarbeit und trotz der nächtlichen Bombenalarme. Er wurde allen unentbehrlich. Mit Bewunderung sah er die Frömmigkeit der Jugendlichen: „Wenn ihr wüsstet«, schrieb er an seine Pfarrkinder, „wie diese Jugend sich um ihr ewiges Schicksal sorgt; sie könnte vielen Christen in der Vendée eine Lehre erteilen, die gar nicht wissen, wie glücklich sie sind, den Glauben von frühester Kindheit an eingeimpft bekommen zu haben ... Bringt das Messopfer wie wir in der Todesstunde Jesu für uns dar und denkt dabei an unsere Devise: ‚Für den Arbeiter in der Fremde ist alle Tage Karfreitag.'«

Wie ein großer Bruder

Durch seine methodische und präzise Arbeit spielte  Abbé Giraudet eine wichtige Rolle bei der Organisation des religiösen Lebens in Berlin, und zwar ohne jemals seine Kompetenzen zu überschreiten. Seine Sprache war für alle verständlich. „Das ist ein einfacher Priester; er benutzt keine komplizierten Ausdrücke, sondern spricht wie ein großer Bruder zu uns«, betonte einer der Jugendlichen. Schon von seiner Priesterweihe an wollte René ein „echter Priester werden, der alles aus der übermenschlichen Perspektive sieht und kein anderes Ziel hat als das absolut Gute in allem. Wenn man das Priesteramt anders versteht, wäre es besser, kein Priester zu sein.« Für die Seelsorge war er immer zu haben: Mochten auch Nächte draufgehen, mochte die Gestapo ihm nachspionieren, die Vorarbeiter ihn wegen Fehlzeiten bestrafen, er ließ sich von nichts abhalten. Wegen seiner apostolischen Untergrundtätigkeit musste er die Arbeit in der Fabrik reduzieren und war bei den Vorarbeitern schlecht angeschrieben. Bald war er auf der untersten Stufe in der Arbeiterschaft angekommen. „Ich bin ganz zufrieden, den einfachsten meiner Brüder gleichgestellt zu sein; so kann ich sie leichter ansprechen«, gestand er. „Mag die körperliche Arbeit für die Natur des Menschen noch so erniedrigend sein, sie lässt ihn geistig freier und gottnah leben!«

Seine wahre Mission

Zu Beginn der Fastenzeit 1944 organisierte Abbé  Giraudet eine Kampagne, um von Christus die Bekehrung vieler Franzosen zu erbitten. Die jungen Leute legten „Osterversprechen« zu drei Themenbe-reichen ab: Opfer, geistliches Leben und Apostolat. An Ostern fanden dann über 500 Jugendliche, die ihre religiösen Pflichten zu Hause seit Jahren vernachlässigt hatten, auf den Weg des Glaubens zurück. „Unsere Aktionen sind bescheiden«, schrieb René am 14. April, „und der Heilige Geist sorgt bei Bedarf dafür, dass wir von Zeit zu Zeit durch eine kleine Demütigung auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt werden; das ist nötig, damit wir nicht vergessen, dass alles ein Werk von Gottes Gnade ist.« Er wusste, dass seine wahre Mission nicht das Predigen, sondern das gemeinsame Leiden mit Jesus für die Erlösung der Seelen war: „Unser Apostolat hier besteht nicht nur in unserer Tätigkeit, sondern auch in unserem moralischen Leiden ... Wenn ihr einmal keine Nachrichten mehr von mir bekommt, betet für mich, damit meine Mission, die dann erst richtig beginnt, der Ehre Gottes diene.«

Wir sehen, erklärt Benedikt XVI., „dass in der Geschichte das Kreuz gesiegt hat und nicht die Weisheit, die sich dem Kreuz widersetzt. Der Gekreuzigte ist Weisheit, weil er tatsächlich offenbar macht, wer Gott ist, nämlich die Kraft der Liebe, die bis ans Kreuz geht, um den Menschen zu retten. Gott bedient sich der Handlungsweisen und Mittel, die uns auf den ersten Blick als Schwäche erscheinen. Der Gekreuzigte enthüllt einerseits die Schwachheit des Menschen und andererseits die wahre Kraft Gottes, nämlich die Unentgel-tlichkeit der Liebe: gerade diese totale Unentgeltlichkeit der Liebe ist die wahre Weisheit« (Audienz vom 29. Oktober 2008).

Am 14. Mai 1944, einem Sonntag, erlebte Abbé Giraudet eine große Freude. In einer Ansprache vor einer Gruppe von Geistlichen im Untergrund sowie von Mitgliedern der Action Catholique sagte er zu einem Gebet der Bewegung: „Für Dich, Jesus, sind unsere Mühen, unser Schweiß, unsere Wunden im Schrecken der Bombardements, selbst unser Leben, wenn du willst, um unsere Brüder loszukaufen.« Unter Hinweis auf die drohende Verfolgung bat er seine Zuhörer, sich freudig als Opfer für das Reich Christi anzubieten. Daraufhin warfen sich alle Anwesenden spontan mit dem Gesicht nach unten zu Boden und baten den Heiligen Geist um die nötige Kraft; anschließend gelobten sie vor dem ausgestellten Allerheiligsten, mit ganzer Seele Christus zu dienen, selbst wenn sie dafür mit ihrem Leben bezahlen müssten. - Die Verhaftungswelle vom Februar bis August 1944 erfasste viele Katholiken, die in von den Nazis als regimefeindlich eingestuften Organisationen tätig waren, darunter auch René. Am 12. Juni festgenommen, traf er im Gefängnis eine ganze Reihe von Mitstreitern wieder; dank ihres intensiven spirituellen Lebens waren sie gut auf die langen Verhöre vorbereitet, in deren Verlauf ihnen das Geständnis einer politischen Aktivität abgerungen werden sollte. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli wurde René Giraudet ohne Prozess und ohne Urteil in das Lager Sachsenhausen deportiert. Er musste dort mehrere Monate als einziger Franzose in einem Block mit einer Gruppe ruchloser SS-Leute verbringen, die für Disziplin im Lager sorgen sollten.

„Was bin ich zufrieden!«

Bereits an Tuberkulose erkrankt, wurde er im Januar  1945 in das KZ-Lager Bergen-Belsen verlegt, wo er sich zusätzlich mit Typhus infizierte. Das Lager wurde am 15. April von den Alliierten befreit. Unter den Gesandten des Vatikans erkannte René einen Amtsbruder aus der Vendée wieder und gestand ihm: „Ich habe nur noch einen Wunsch: Ich will in meine Gemeinde zurück, um dort zu sterben. Ich möchte meine Gebeine nicht hier zurücklassen.« Sobald sein Zustand es zuließ, wurde er nach Frankreich transportiert; er traf am 11. Juni in Paris ein, wo er gleich in ein Krankenhaus kam. Dort erreichten ihn positive Nachrichten über seine Berliner Schützlinge, und er sagte immer wieder: „Was bin ich zufrieden. Was bin ich glücklich!« Abbé Rodhain brachte ihm persönlich die heilige Kommunion und war ganz überrascht von seinem heiteren Gesicht, das bereits von der Vorfreude beseelt war, für Christus sterben zu dürfen. Bald danach entschlief René Giraudet friedlich im Alter von 38 Jahren. Nach einer ergreifenden Totenwache und einer vom Pariser Erzbischof Kardinal Suhard gehaltenen Trauerfeier im Invalidendom wurde der Leichnam Abbé Giraudets in seiner Heimatgemeinde von einer großen Volksmenge empfangen und am 18. Juni auf dem Friedhof von Chantonnay beigesetzt.

Abbé René Giraudet gehört zu einer Gruppe von rund 50 Priestern, Mönchen, Seminaristen, Mitgliedern der Christlichen Arbeiterjugend und Pfadfindern, die dem NS-Regime zum Opfer gefallen waren und deren Heiligsprechung als Märtyrer für den Glauben 1988 in die Wege geleitet wurde. Sie haben ihr Leben für Christus hingegeben: Mögen sie Fürbitte einlegen für die Christen unserer Zeit, damit diese ihrem Beispiel folgen! Heute ist die Verfolgung viel heimtückischer, denn sie schläfert den Widerstand durch Konsumgüter und kurzsichtigen Wohlstand ein und trocknet die Herzen aus. Der Weg zum wahren Leben ist ein anderer Weg; am 21. August 2011 wurde er von Benedikt XVI. beim Weltjugendtag in Madrid so beschrieben:

„Der Glaube hat seinen Ursprung in der Initiative Gottes, die uns sein Innerstes enthüllt und uns zur Teilhabe an seinem göttlichen Leben einlädt. Der Glaube liefert nicht nur irgendeine Information über die Identität Christi, sondern er setzt eine persönliche Beziehung zu ihm voraus, die Zustimmung der ganzen Person mit ihrem Verstand, ihrem Willen und ihren Gefühlen zur Selbstoffenbarung Gottes. So spornt die Frage Jesu: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? die Jünger eigentlich dazu an, hinsichtlich der Beziehung zu ihm eine persönliche Entscheidung zu treffen. Glaube und Nachfolge Christi hängen eng zusammen ... Liebe junge Freunde, auch heute wendet sich Christus an euch mit derselben Frage, die er an die Apostel gerichtet hat: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Antwortet ihm großzügig und mutig, wie es einem jugendlichen Herzen wie dem euren entspricht. Sagt zu ihm: ,Jesus, ich weiß, dass du der Sohn Gottes bist, der sein Leben für mich hingegeben hat. Ich will dir in Treue folgen und mich von deinem Wort leiten lassen. Du kennst mich und liebst mich. Ich vertraue dir und lege mein ganzes Leben in deine Hände. Ich möchte, dass du die Kraft bist, die mich trägt, die Freude, die mich nie verlässt'«.

Dom Antoine Marie osb

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