Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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8. Dezember 2011
Unbefleckte Empfängnis MARIAS


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Christus ist nicht allein gestorben. Es sind zwei weitere Menschen mit  Ihm gestorben. Unsere Liebe Frau stand nicht nur ihrem sterbenden  Sohn bei, sondern auch den zwei Schächern in deren Agonie. Wir müssen für alle beten, die verlassen und einsam im Elend oder in der Sünde sterben.« Diese Überlegung der ehrwürdigen Mary Potter, einer englischen Nonne, lag der Gründung einer religiösen Kongregation zugrunde, die sich der Begleitung von Sterbenden widmete.

Mary Potter wurde am 22. November 1847 in Newington, südlich von London, als das jüngste von fünf Kindern geboren. Ihr Vater hatte sich mit dem Übertritt seiner Frau zum Katholizismus nie abfinden können und verließ die Familie nach Marys Geburt. Mrs. Potter, die von den Ihren nur „Queen Viktoria« genannt wurde, stand plötzlich mittellos da und war auf die Hilfsbereitschaft ihrer Verwandten angewiesen. Das kleine Neugeborene wurde zum Liebling der Familie. Mary schrieb später: „Am meisten schmerzt mich an meiner Vergangenheit, dass ich zu Hause und in unserem Bekanntenkreis so geliebt wurde, wie ich war: wie ein kleiner Götze; und ich liebte es, meinetwegen und nicht um Gottes willen geliebt zu werden. Von Kindesbeinen an wollte ich mich bei den Anderen beliebt machen und mich ihnen widmen. Als ich erwachsen war, genügte mir die Liebe meiner Geschwister nicht mehr. Ich wollte jemanden, der mir ganz und gar ergeben war.«

Eine kategorische Aufforderung

Diese ihr völlig ergebene Person fand sie in Godfrey  King, einem überaus integren Mann, mit dem sie sich Mitte 1868 verlobte. Godfrey ermunterte sie, sich ernsthafter um ihre Seele zu kümmern. Seine Ermahnungen waren so eindrucksvoll, dass Mary sich bald zum Ordensleben berufen fühlte. Um ganz sicher zu gehen, fragte sie den Bischof von Southwark, Thomas Grant, um Rat. Dieser empfahl ihr ohne Umschweife, ihre Verlobung zu lösen: „Ob Sie nun ihr Leben in der Welt oder in einem Kloster verbringen, Sie sollten nur einen Bräutigam haben: Jesus.« Der Rat war hart, doch Mary befolgte ihn.

Am 8. Dezember 1868 wurde sie von den Schwestern der Gnade in Brighton als Postulantin aufgenommen. Der 1831 gegründete Orden weihte sich dem Dienst an den Armen. Mary wurde am 30. Juli 1869 eingekleidet und erhielt den Ordensnamen Schwester Mary-Angela. Sie war eine vorbildliche Novizin und wurde von allen bewundert. Ihre schwache Gesundheit war in der neuen Umgebung allerdings bald so angegriffen, dass sie zur Erholung in die Welt zurückkehren musste. Sehr zum Missfallen ihrer Mutter gab Mary ihren Plan, ins Kloster zu gehen, nicht auf; sie hielt sich weiterhin, so gut sie konnte, an das im Kloster Gelernte, insbesondere an die täglichen Gebete und Betrachtungen. Unterstützt wurde sie dabei von einem frommen Geistlichen namens John Virtue. Sie las die kurz zuvor auf Englisch erschienene Abhandlung über die vollkommene Andacht zu Maria vom hl. Ludwig-Maria Grignion de Montfort. Das Werk sollte ihr Leben nachhaltig prägen. Am 8. Dezember 1872 sprach Mary selbst das vom hl. Ludwig-Maria empfohlene „Weihegebet an Jesus durch Maria«. Da sie feststellte, dass es noch keinen englischsprachigen Kommentar zu diesem wichtigen Werk gab, verfasste sie die Schrift The Path of Mary (Der Weg Mariens), deren Inhalt sich in folgender Passage zusammenfassen lässt: „Liebe dieses Herz (Mariens), weihe dich Ihm ... Mögen deine Leiden, deine Handlungen, deine Worte, dein ganzes Wesen das Leben Mariens auf der Erde nachbilden. Dafür musst du Maria genau studieren: Du musst in ihr Herz vordringen und seine Funktionsweise ergründen.« Mary Potter wählte für das später von ihr gestiftete Werk den Wahlspruch: „Eins im Herzen Mariens«.

Während ihrer Rekonvaleszenz war Mary auf den fehlenden Beistand für Kranke und Sterbende aufmerksam geworden und nahm sich fest vor, sich in der Zukunft um das ewige Heil dieser Leute zu kümmern. Am 6. November 1874 beschloss sie auf eine göttliche Eingebung hin, ein Werk zu gründen, das sich vornehmlich der Begleitung von Sterbenden widmen sollte.

Mary Potters Entschluss war von großer Bedeutung für die Seelen, denn der Tod ist der Augenblick, der den Übergang in die Ewigkeit markiert. „Der Tod ist das Ende der irdischen Pilgerschaft des Menschen, der Zeit der Gnade und des Erbarmens, die Gott ihm bietet, um sein Erdenleben nach dem Plane Gottes zu leben und über sein letztes Schicksal zu entscheiden. Wenn unser einmaliger irdischer Lebenslauf erfüllt ist, kehren wir nicht mehr zurück, um noch weitere Male auf Erden zu leben. Es ist dem Menschen bestimmt, ein einziges Mal zu sterben (Hebr 9,27). Nach dem Tod gibt es keine ‚Reinkarnation'... Jeder Mensch empfängt im Moment des Todes in seiner unsterblichen Seele die ewige Vergeltung. Dies geschieht in einem besonderen Gericht, das sein Leben auf Christus bezieht - entweder durch eine Läuterung hindurch oder indem er unmittelbar in die himmlische Seligkeit eintritt oder indem er sich selbst sogleich für immer verdammt« (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1013;1022).

Bereit sein

Die Kirche ermutigt uns, uns auf die Stunde des  Todes vorzubereiten, ... die Gottesmutter zu bitten, ‚in der Stunde unseres Todes' für uns einzutreten (Gebet Ave Maria) und uns dem hl. Josef, dem Patron der Sterbenden, anzuvertrauen. ‚In allen deinen Handlungen, in allen deinen Gedanken solltest du dich so verhalten, als ob du heute sterben müsstest', empfiehlt das Buch von der Nachfolge Christi. ‚Wenn du ein gutes Gewissen hättest, würdest du den Tod nicht sehr fürchten. Es wäre besser, sich vor der Sünde zu hüten, als vor dem Tod zu flüchten. Falls du heute nicht bereit bist, wirst du es dann morgen sein?' (1,23,1).

Der Tod ist Folge der Sünde. Als authentischer Ausleger der Aussagen der Heiligen lehrt das Lehramt der Kirche, dass der Tod in die Welt gekommen ist, weil der Mensch gesündigt hat (Röm 5,12; 6,23). Gott bestimmte ihn nicht zum Sterben. Der Tod ist durch Christus umgewandelt worden. Auch Jesus, der Sohn Gottes, hat den Tod, der zum menschlichen Dasein gehört, erlitten. Obwohl er vor ihm zurückschreckte, nahm er ihn in völliger und freier Unterwerfung unter den Willen seines Vaters auf sich. Der Gehorsam Jesu hat den Fluch, der auf dem Tod lag, in Segen verwandelt. Durch Christus hat der christliche Tod einen positiven Sinn. Für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn (Phil 1,21). Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben (2 Tim 2,11).« - Und der Christ kann, nach dem Beispiel Christi, seinen Tod zu einem Akt des Gehorsams und der Liebe zum Vater machen.

„Die christliche Sicht des Todes wird in der Liturgie der Kirche besonders gut ausgedrückt: ‚Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet' (Römisches Messbuch, Präfation von den Verstorbenen).« So haben auch die Heiligen den Tod positiv dargestellt: „Ich will Gott sehen, und um ihn zu sehen, muss man sterben« (Hl. Theresia v. Avila). „Ich sterbe nicht; ich gehe ins Leben ein« (Hl. Theresia vom Kinde Jesu. Siehe Katechismus, 1005-1014).

Ein andermal empfing Mary Potter die Gnade einer intensiven Verehrung für das kostbare Blut Jesu, das Werkzeug unseres ewigen Heils, sowie für den Heiligen Geist. Ihre Spiritualität verband drei Elemente miteinander: Zusammen mit der Allerseligsten Jungfrau Maria wollte sie darum bitten, dass das kostbare Blut Jesu durch die Gnade des Heiligen Geistes über alle Sterbenden ausgegossen werde. Im Februar 1875 notierte sie: „Das Herz Mariens, das kostbare Blut, der Heilige Geist: mit ihnen wirst du kämpfen, und du wirst siegen!«

Angesichts der Ängste, die der um sich greifende Materialismus bei den Menschen geweckt hatte, bot in den Augen Mary Potters allein die christliche Hoffnung einen tiefen und wahren Frieden; diese Hoffnung gründete auf dem Kreuz Christi, das den unendlichen Wert jedes menschlichen Lebens offenbarte. Für Mary waren die Menschen am beklagenswertesten, die niemanden hatten, der sie liebte und ihre Bürde mit ihnen teilte. Es sollte folglich keine Gelegenheit versäumt werden, einer Seele Gutes zu tun. Sie schrieb: „Das erste Gebot sagt, man solle Gott über alles lieben; das zweite ist ihm ähnlich: Liebe deinen nächsten wie dich selbst. Kannst du sagen, dass du deinen Nächsten wie dich selbst liebst, wenn du ihn einsam und hilflos siehst und ihm nicht beistehst?... Weltweit sind Seelen drauf und dran zu sterben, unterzugehen, in einen tiefen, ausweglosen Abgrund zu stürzen. Willst du nicht einen Ruf in Richtung Himmel schicken, bevor es zu spät ist, und um Barmherzigkeit bitten?... Knie dich hin, bete, flehe, zieh das Erbarmen Gottes herab.«

Eine unerträgliche Situation

Gottes Ruf drängte Mary zur Eile: „Ich fühle mich ver- antwortlich. Sünder liegen im Sterben, Seelen, die Ebenbilder der Heiligen Dreifaltigkeit sind, stürzen ins Verderben. Mir ist, als würden sie mir gehören, und ich kann nicht dulden, dass sie mir genommen werden. Es wäre für mich schrecklich und unerträglich, wenn ich ihnen nicht helfen könnte. Aber mit Gottes Hilfe kann ich das.« Als sie Pfarrer Virtue von ihrem Vorhaben erzählte, riet er ihr dringend davon ab, sonst begehe sie eine Todsünde. Mary litt monatelang unter Angstzuständen, denn sie fühlte sich zwischen der Gewissheit, eine göttliche Eingebung empfangen zu haben, und dem Gehorsam ihrem Beichtvater gegenüber hin und hergerissen. Nachdem dieser im folgenden Jahr versetzt worden war, traf Mary den Maristenpater Edward Selley, der sie unter seine Fittiche nahm und ihr bei der Gründung ihres Werkes helfen wollte.

Im Januar 1877 machte sie mit ihrer Schwägerin einen Tagesausflug nach Brighton. Auf der Rückfahrt kam ihr plötzlich das Evangelium des Tages, die Auffindung Jesu im Tempel, in den Sinn, und sie begann zu beten. Ein tiefer Friede kam über sie; sie beschloss, nach London zu fahren und nicht zu ihrer Mutter nach Portsmouth zurückzukehren. Diese war darüber so verärgert, dass sie 18 Monate lang kein Wort mehr mit ihrer Tochter wechselte. Von London reiste Mary nach Nottingham zum dortigen Bischof namens Bagshawe weiter, der sie aufnahm und ihr die Gründung eines neuen Instituts unter dem Namen „Little Company of Mary« (Kleine Gesellschaft Mariens) in seiner Diözese gestattete. Am 2. Juli 1877 erhielten Mary sowie fünf weitere Gefährtinnen ihr neues Ordensgewand: eine schwarze Tunika mit blauem Schleier. Daher der Name Blue Sisters (Blaue Schwestern), unter dem sie bekannt wurden.

Mutter Mary nahm durch ihr sanftes Wesen alle für sich ein. Als an einem Sonntagabend die Schwestern in der Dorfkapelle an der Komplet teilnahmen, auf die der Segen des Allerheiligsten Sakraments folgen sollte, betrat ein Betrunkener die Kirche und fing an, lautstark herumzugrölen. Der Priester bat den Küster, ihn hinauszubringen. Mutter Mary redete indessen besänftigend auf den Mann ein. Als der Küster ihn am Arm packen wollte, erklärte der Mann, er wolle nur mit Mutter Mary die Kirche verlassen. Sie begleitete ihn nach Hause und kam gerade noch rechtzeitig zum Segen zurück.

„Mein Vertrauen ist nicht erschüttert«

Gleichwohl musste Mutter Mary ihr Kreuz bald wie- der auf sich nehmen. Obwohl Bischof Bagshawe guten Willens war, hatte er nur verschwommene Vorstellungen vom Ordensleben. Schon nach drei Wochen fand er Mutter Mary zu anspruchsvoll und setzte eine andere Schwester an die Spitze der Gemeinschaft. Mutter Mary meinte dazu: „Wenn dieses Werk meine eigene Idee gewesen wäre, hätte ich seine Leitung vielleicht nicht so leicht abtreten können. Da es aber, wie ich meine, nicht mein Projekt ist, sondern ein Werk des allmächtigen Gottes – das ihm besonders am Herzen liegt und somit vom Zeichen des Kreuzes geprägt ist -, überlasse ich es Gott und sage, Er möge sich seiner annehmen. Obwohl ich darüber traurig bin, dass die Dinge nicht so laufen, wie ich erhofft hatte, ist mein Gottvertrauen dadurch nicht erschüttert ... Gott will nicht alles, was geschieht, aber Er lässt es zu; Er kann das Schlechte zum Guten wenden, und Er tut es.«

Einige Monate später betraute der Bischof Mutter Mary mit dem Amt der Novizenmeisterin, allerdings mit der Auflage, dass sie weder vertrauliche Mitteilungen der Novizinnen entgegennehmen noch ihnen Vorhaltungen machen dürfe; sie solle ihnen lediglich Sinn und Zweck ihrer Berufung klarmachen. Unter diesen Bedingungen hielt es Mutter Mary für unmöglich, ihre Aufgabe zu erfüllen. „Mir scheint«, schrieb sie, „dass man sich nur überwinden kann, wenn man auf jedes Detail achtet, wenn man die Dinge nicht vage nimmt oder nur allgemeine Vorsätze fasst; man muss vielmehr am konkreten Einzelfall arbeiten und akzeptieren, dass einem gezeigt wird, wo man gefehlt hat.« Trotzdem nahm Mutter Mary diese Prüfung im Geiste des Glaubens auf sich. Nach einigen Wochen musste sie allerdings zugeben, dass ihre Situation unmöglich war; sie wurde wieder abgesetzt. Der Bischof erlaubte ihr jedoch, ihre Überlegungen zu Sinn und Geist der Company niederzuschreiben; der Text war für die Nachwelt später von unschätzbarem Wert. Neben all dem Ungemach litt Mutter Mary auch unter schweren gesundheitlichen Problemen und musste 1878 zwei Brustkrebsoperationen über sich ergehen lassen.

Sie schrieb in einem Brief: „Vielleicht wissen Sie etwas über die verschiedenen Kreuze, die dieser kleinen Gesellschaft Mariens aufgebürdet worden sind. Wir sollten die Dinge in dem von unserem betreuenden Pater geschilderten Licht sehen: Er schrieb mir vor einigen Monaten, er freue sich darüber, denn er habe noch nie ein Werk Gottes gesehen, in dem es an Kreuzen mangele. Gottes Wille mildert alles ab; wenn Er will, dass wir arbeiten, dann wollen wir das auch; wenn Er will, dass wir leiden, wenn Er uns ruft, um zu uns zu sprechen, dann müssen wir freudig antworten: ‚Herr, wir sind zur Stelle!'« Als Bischof Bagshawe Anfang 1879 wegen mangelnder religiöser Führung der Gesellschaft eine Neuwahl der Oberin durchführen musste, stimmte die Mehrheit für Mutter Mary.

Mütterliche Liebe

Mary Potter hatte den Mitgliedern ihres Instituts die  Mission erteilt, Christus in all seinen Gliedern zu pflegen, vor allem aber Sterbende und Arme; sie sollten sich „die mütterliche Liebe Jesu und Marias« zum Vorbild nehmen. Da in den Augen der Gründerin Gottes Liebe eine mütterliche Liebe war und Frauen über die besondere Gabe verfügten, diese mütterliche Liebe Gottes greifbar zu machen, sollten ihre Schwestern gleichsam Mütter im geistlichen Sinne werden. Vorbild war dabei die Mutterschaft Marias: Maria ist „eine von uns«, behauptete sie. Sie wünschte sich, dass Unsere Liebe Frau zur Mutter der Kirche erklärt werde. In einem Brief vom 18. Juli 1876 an den seligen Papst Pius IX. legte sie Maria folgende Worte in den Mund: „Mein Kind, als Jesus mir im Augenblick seines Todes einen Beweis seiner Liebe hinterlassen wollte, vertraute er in der Person des heiligen Johannes die Kirche meinem mütterlichen Schutz an ... Komm zu mir und bringe mir die ganze Kirche, die ich zusammen mit ihrem Gründer Jesus unter dem Herzen getragen habe. Möge der heilige Stellvertreter meines Sohnes vom Kreuz herab verkünden, dass ich die Mutter dieser Kirche bin! Möge er zusammen mit seinem Herrn allen Völkern der Erde kundtun: ‚Sieh, deine Mutter'... Ich werde zeigen, dass ich ihre Mutter bin!« Dieser Wunsch ging erst am 21. November 1964 in Erfüllung, als Papst Paul VI. zum Abschluss der dritten Sitzung des II. Vatikanums Unsere Liebe Frau zur „Mutter der Kirche« erklärte.

Die heilige Jungfrau Maria hat „beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter ... Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft. Jeglicher heilsame Einfluss der seligen Jungfrau ... fließt aus dem Überfluss der Verdienste Christi, stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt von ihr vollständig ab und schöpft aus ihr seine ganze Wirkkraft« (II. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 60-62).

Im Oktober 1882 reiste Mutter Mary mit einigen Schwestern nach Rom, um von Papst Leo XIII. die Genehmigung ihres Instituts zu erbitten. Zu ihrer großen Freude wurden sie zu einer Papstmesse und zu einer anschließenden Privataudienz eingeladen; der Heilige Vater bot ihnen an, in Rom zu bleiben und ein Haus zu gründen. Mutter Mary nahm das Angebot an und begann bald mit dem Bau eines Krankenhauses in der Nähe des Laterans: Es wurde 1908 fertiggestellt. Die Konstitutionen der Little Company of Mary waren bereits am 31. Mai 1886 vom Heiligen Stuhl gebilligt worden.

Nach 1885 folgten viele weitere Gründungen in Australien, Italien und Irland. Hauptmission der Little Company war zwar der Beistand für Sterbende, gleichwohl war die Gründerin für jedes Apostolat aufgeschlossen. Ein weiteres Wirkungsfeld sollte die Versorgung von Neugeborenen werden. Mutter Mary wünschte, dass ihre Schwestern - ähnlich wie die heilige Jungfrau Maria bei der Heimsuchung Elisabeths - armen Müttern zur Seite stehen, um ihnen bei der Entbindung sowie im Wochenbett zu helfen. Das war damals so radikal neu, dass der Erzbischof von Westminster, Kardinal Manning, sogar ein Verbot erließ: Diese Arbeit schicke sich nicht für geweihte Frauen. Daraufhin wandte sich Mutter Mary an den Heiligen Stuhl, und dieser erteilte 1886 eine zunächst begrenzte Erlaubnis, die 1905 erweitert wurde.

„Sie hat Gott geliebt«

Als im Frühling 1913 in Rom das Gerücht aufkam,  die Santa Madre sei schwer erkrankt, eilten zahlreiche Besucher zu ihr. Am 4. April 1913 übermittelte ihr Staatssekretär Kardinal Merry del Val den besonderen Segen des hl. Papstes Pius X. Sie hatte oft prophezeit, dass sie an dem Tag, an dem sie keine Kommunion mehr empfangen könne, sterben werde. Während der Messfeier in ihrem Zimmer am 9. April breitete sie im Augenblick der Konsekration plötzlich die Arme aus und sprach mehrmals hintereinander den heiligen Namen Jesu. Danach verlor sie das Bewusstsein und gab, als die Messe zu Ende ging, ihre Seele friedlich an Gott zurück. Ein Priester, der sie gut gekannt hatte, sagte, als er von ihrem Tod erfuhr: „Mutter Mary hat nur eine Sache in ihrem Leben gemacht: Sie hat Gott geliebt.«

Beim Tod der Gründerin zählte die Little Company 16 Häuser in Europa, Nordamerika, Australien und Afrika. Die Schwestern setzen ihren Dienst für die Sterbenden und Leidenden heute noch weltweit fort. 1988 erklärte Papst Johannes-Paul II. Mary Potter für ehrwürdig. Ihre zunächst in Rom beigesetzte sterbliche Hülle wurde 1997 in die Kathedrale von Nottingham überführt.

In einer Schrift über die Entwicklung ihres Instituts bekannte Mary Potter: „Gott war so gut zu uns! Wenn wir Ihm doch nur danken könnten! Wir werden Ewigkeiten brauchen, um unserem Gott angemessen zu danken. Wofür sollen wir Ihm danken, wenn wir auf das Leben zurückblicken, das Er uns führen ließ? Dafür, dass Er uns die Gnade gewährte, mit Jesus den Kreuzweg gehen zu dürfen, dass wir ein bisschen leiden durften und dass wir verachtet und gedemütigt wurden. Für diese Gnaden schulden wir unserem Herrn Dank, denn wir hätten das nicht von uns aus gekonnt. Nein, in der Stunde unseres Todes werden uns nicht die Klöster und Krankenhäuser zur Ehre gereichen, die wir gebaut haben, sondern wir werden mit dem Apostel sagen können: Mir sei es ferne, mich in etwas anderem zu rühmen als im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus (Gal 6,14).«

Bitten wir die ehrwürdige Mary Potter, sie möge für uns die Gnade erwirken, Jesus auf den Kalvarienberg zu folgen, damit wir in den Himmel kommen. Sie möge uns ermutigen, Sterbende zu begleiten, und uns die richtigen Worte und Gesten eingeben, die ihnen helfen können, friedlich in Gott einzugehen!

Dom Antoine Marie osb

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