Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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1. November 2011
Allerheiligen


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Eines Tages im Jahre 1676 betrat ein irokesischer Krieger ohne  Vorwarnung das Zelt einer jungen Indianerin namens Kateri, die sich  zum Christentum bekehrt hatte, und wollte sie zwingen, ihrem Glauben abzuschwören. Er hob seinen Tomahawk, als würde er zu einem Schlag ausholen. Zur Antwort fiel sie auf die Knie, kreuzte die Arme über der Brust und begann inbrünstig zu beten. Angesichts der inneren Stärke der jungen Frau ließ der Krieger verlegen seinen Tomahawk fallen und schämte sich seiner Schwäche.

1656 wurde in Nordamerika im heutigen Staat New York ein kleines Mädchen geboren, dessen Mutter Kahenta, eine Indianerin aus dem Stamm der Algonkin, Frau des Mohawk-Häuptlings Kenhoronkwa war. „Mohawk« hieß der Fluss, der durch das Land der Irokesen fließt. Das junge Paar lebte im Dörfchen Ossernenon, dem heutigen Auriesville, wo einige Jahre zuvor die heiligen Jesuitenmissionare Isaac Jogues, René Goupil und Jean de la Lande den Märtyrertod erlitten hatten. Kahenta war Christin, und ihr größter Wunsch bestand darin, ihre Tochter taufen zu lassen. Damals wagte es keine indische Frau, ein Kind selbst zu taufen; das durften lediglich die Jesuiten, die wegen ihrer schwarzen Soutanen „Schwarzröcke« genannt wurden. Allerdings waren schon seit zwei Jahren keine Missionare mehr ins Dorf gekommen. Zudem lehnte Kahentas Mann das Christentum ab. Sie musste sich also damit begnügen, ihre Tochter heimlich in die Geheimnisse des wahren Glaubens einzuführen.

„Frage die Schönheit ...«

Das Gesicht des Kindes, das von seiner Mutter so gern  Geschichten über Jesus, Maria und die Heiligen hörte, strahlte vor Reinheit. „Mama, wo kommen die Vögel her?« – „Gott hat sie gemacht, meine Kleine. Gott hat alle schönen Dinge der Welt gemacht: die Bäume, die Blumen, die Vögel und die Seen; er hat alles gemacht.«

Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: „Aus der Schönheit der Welt kann man Gott als Ursprung und Ziel des Universums erkennen« (32). „Frage die Schönheit der Erde, frage die Schönheit des Meeres, frage die Schönheit der Luft, die sich ausdehnt und sich verbreitet, frage die Schönheit des Himmels frage alle diese Dinge«, rät der heilige Augustinus. „Alle antworten dir: Schau, wie schön wir sind! Ihre Schönheit ist ein Bekenntnis. Wer hat diese der Veränderung unterliegenden Dinge gemacht, wenn nicht der Schöne (Gott), der der Veränderung nicht unterliegt?» (Predigt 241).

1660 kam ein großes Unglück über das Dorf, in dem die Indianerfamilie wohnte: Eine Pockenepidemie raffte ein Drittel der Einwohner dahin, darunter auch die Eltern und den kleinen Bruder des Mädchens. Dieses starb nicht, doch sein Gesicht blieb von der Krankheit gezeichnet, und seine Augen wurden so schwach, dass sie kein helles Licht mehr vertrugen und bei Sonnenschein im Freien mit einem Schal geschützt werden mussten. Da die kleine Waise kaum sehen konnte und sich daher mit den Händen vorwärtstastete, wurde sie Tekakwitha, d.h. „Die sich tastend fortbewegt«, genannt. Wegen ihrer zahlreichen Wunder gab man ihr später den Namen „Die alles vor sich bewegt«.

Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie, wie das bei den Indianern üblich war, von einem Onkel aufgenommen, der sie ihren Tanten anvertraute. Die Ankunft des Mädchens bedeutete zwei zusätzliche Hände zum Arbeiten: Bei den Irokesen oblagen nämlich die Sorge um den Haushalt sowie alle schweren Arbeiten wie Wasserholen, Holzhacken und Holzsammeln der Frau, ebenso wie das Mahlen von Mais und die Herstellung von Möbeln, Stoffen und Kunsthandwerk. Der Mann ging lediglich auf die Jagd und meldete, wo das erlegte Wild lag. Die Frau musste anschließend das Wild suchen und zur Hütte schleppen, wo es dann zerlegt wurde. Tekakwithas Tanten waren sehr streng und überhäuften ihre Nichte mit so vielen Aufgaben, dass sie kaum über Freizeit verfügte. Sie arbeitete gern und gut, fügte sich gutwillig allem, was man ihr auftrug, und besaß großes handwerkliches Geschick.

Tekakwitha hatte den innigen Wunsch, Gott zu gefallen. Wie Unsere Liebe Frau, wollte sie Ihm allein gehören und Jungfrau bleiben. Sie lehnte daher alle Heiratsanträge ab. Das war nicht einfach, weil sie die Tochter eines Stammeshäuptlings war. Ihr Onkel hatte ihr bereits einen stolzen Krieger, den er schätzte, zum Mann bestimmt. Doch sie gab nicht nach. Ihr unbeugsamer Wille brachte ihren Onkel und ihre Tanten gegen sie auf. Sie wurde fortan praktisch wie eine Sklavin behandelt, und jede Zurückweisung eines Heiratsantrags brachte ihr zusätzliche Arbeit und Verachtung ein.

Der Wunsch nach der Taufe

1667 kamen drei Missionare in das Dorf. Die Vorsehung sorgte dafür, dass Tekakwitha mit ihrer Bewirtung beauftragt wurde. Pater Cholenec bezeugte später, wie bescheiden und freundlich sie ihre Aufgabe als Gastgeberin erfüllte. Sie nahm die Worte der Patres sowie die Gesprächsfetzen, die sie in der engen Hütte mitbekam, begierig auf, doch sie konnte sich noch nicht dazu durchringen, um die Taufe zu bitten. Erst im Herbst 1675, bei einem Aufenthalt Pater Lambervilles, vertraute die junge Frau diesem ihren Wunsch an; er hielt sie für durchaus taufwürdig und befragte die Leute nach ihrem Lebenswandel. Er fand niemanden, der sie nicht gelobt hätte, obwohl die Irokesen eigentlich dazu neigten, anderen, vor allem Frauen, Übles nachzusagen. Tekakwitha war zu allem bereit, um sich taufen zu lassen, und wagte es schließlich, ihren Onkel um sein Einverständnis zu bitten, obwohl sie wusste, dass er das Christentum ablehnte. Der Himmel segnete ihre Entschlossenheit: Ihr Onkel war – entgegen allen Erwartungen – einverstanden. Am Osterfest, dem 18. April 1676, wurde Tekakwitha auf den Namen Kateri zu Ehren der heiligen Katharina von Alexandrien getauft.

„Die heilige Taufe ist die Grundlage des ganzen christlichen Lebens, das Eingangstor zum Leben im Geiste und zu den anderen Sakramenten. Durch die Taufe werden wir von der Sünde befreit und als Söhne Gottes wiedergeboren; wir werden Glieder Christi, in die Kirche eingefügt und an ihrer Sendung beteiligt«, lehrt der Katechismus der Katholischen Kirche. Der heilige Gregor von Nazianz erklärt: „Die Taufe ist die schönste und herrlichste der Gaben Gottes ... Wir nennen sie Gabe, Gnade, Salbung, Erleuchtung, Gewand der Unverweslichkeit, Bad der Wiedergeburt, Siegel, ... Gabe, denn sie wird solchen verliehen, die nichts mitbringen; Gnade, denn sie wird sogar Schuldigen gespendet; Taufe, denn die Sünde wird im Wasser begraben; Salbung, denn sie ist heilig und königlich; Erleuchtung, denn sie ist strahlendes Licht; Gewand, denn sie bedeckt unsere Schande; Bad, denn sie wäscht; Siegel, denn sie behütet uns und ist das Zeichen der Herrschaft Gottes» (Or. 40,3-4; vgl. Katechismus 1214).

Mit der Taufe brach für Kateri ein neues Leben mit neuen Erfordernissen an: Wer mit mir gehen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach, sagt Jesus Christus (Mk 8,34). Onkel und Tanten wollten Kateri auch sonntags arbeiten lassen „wie jedermann«; doch sie weigerte sich mit dem Argument, dieser Tag sei dem Herrn geweiht. Sie hatte ja gelernt, dass die Liebe des Herrn sowie das Geschenk des ewigen Lebens an die Befolgung der Gebote geknüpft sind: Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote, sagt Jesus zum reichen Jüngling (Mt 19,17). Kateri wurde daraufhin als Müßiggängerin behandelt; man sagte ihr, wenn sie nicht arbeiten wolle, dann bekomme sie auch nichts zu essen. So nahm sie monatelang an Sonntagen so gut wie nichts zu sich. Während die Familie sich üppige Mahlzeiten einverleibte, saß sie vor Schwäche und Hunger ganz schwindlig an ihrem Bett. Die Dorfkinder durften sie ungestraft mit Steinen bewerfen und beschimpfen, wenn sie vorbeiging, und man nannte sie voller Verachtung nur „Christin« oder „Hexe«.

Der Tag des Herrn

Der selige Papst Johannes-Paul II. hat den Sinn der  Heiligung des Sonntags sowie der Sonntagsruhe so erklärt: „Wenn auf der ersten Seite der Genesis das Schaffen Gottes Vorbild für den Menschen ist, so gilt das ebenso von seinem Ruhen: Gott ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er vollbracht hatte (Gen 2,2) ... Der Tag der Ruhe ist der Sabbat also vor allem deshalb, weil er der von Gott gesegnete und geheiligte Tag ist, das heißt, getrennt von den anderen Tagen, um unter allen der ‚Tag des Herrn' zu sein ... Wahrhaftig müssen sowohl das ganze Leben, wie auch die ganze Zeit des Menschen als Lob und Dank gegenüber dem Schöpfer gelebt werden. Aber die Beziehung des Menschen zu Gott braucht auch Zeiten des ausdrücklichen Gebetes ... Der ‚Tag des Herrn' ist schlechthin der Tag dieser Beziehung, an dem der Mensch seinen Gesang zu Gott erhebt und so zur Stimme der gesamten Schöpfung wird. Deshalb ist er auch der Tag der Ruhe: Die Unterbrechung des oft belastenden Arbeitsrhythmus bringt die Anerkennung der eigenen und der Abhängigkeit des Kosmos von Gott zum Ausdruck. Alles kommt von Gott! Der Tag des Herrn macht diesen Grundsatz ständig geltend« (Apostolisches Schreiben Dies Domini vom 31. Mai 1998).

Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt, wie der Sabbat (der siebte Tag der Woche) vom Sonntag (dem ersten Tag) abgelöst wurde: „Jesus ist am ersten Tag der Woche (Mt 28, 1) von den Toten auferstanden. Als der erste Tag erinnert der Tag der Auferstehung Christi an die erste Schöpfung. Als achter Tag, der auf den Sabbat folgt, bedeutet er die mit der Auferstehung Christi angebrochene neue Schöpfung. Er ist für die Christen zum ersten aller Tage, zum ersten aller Feste geworden, zum Tag des Herrn, zum Sonntag« (Nr. 2174).

All ihre Prüfungen stand Kateri allein durch und wurde dabei ständig gehänselt. Ihre Freundin Anastasia war wie viele indianische Christen nach Kanada ausgewandert, um in einem von Jesuitenpatres gegründeten Dorf nahe der Missionsstation Saint-François-Xavier am südlichen Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms zu leben. Kateri wollte ihnen gern nachreisen, um ihren Glauben endlich frei leben zu können; auch Pater de Lamberville war dafür. Als Kateris Onkel einmal verreist war, ließ der Missionar sie mit zwei anderen Christen nach Kanada aufbrechen und schrieb an den Leiter der dortigen Missionsstation, Pater Frémin: „Ich schicke Ihnen einen Schatz! Passen Sie gut darauf auf!« Sobald der Onkel bei seiner Rückkehr von der Flucht seiner Nichte hörte, machte er sich sofort an ihre Verfolgung, doch er konnte sie nicht einholen. Kateri gelangte nach einer langen Reise ans Ziel. Endlich konnte sie ungehindert ein christliches Leben führen. Beim Anblick der Kapelle traten ihr Tränen in die Augen: Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie eine Kirche.

Was Gott am besten gefällt

Pater Cholenec nahm Kateri sogleich in die Gruppe  der Neubekehrten auf, die sich auf die Erstkommunion vorbereiteten. Als er sah, wie eifrig sie war, mit welcher Hingabe sie Kranke pflegte, Kinder hütete und sich überall nützlich machte, befreite er sie von der für Neugetaufte geltenden einjährigen Wartezeit. So empfing Kateri bereits am Weihnachtstag 1676 zum ersten Mal ihren über alles geliebten Herrn in ihrem keuschen Herzen und blieb danach noch lange allein in der Kirche, um Jesus Dank zu sagen. Pater Cholenec notierte in seinem Tagebuch: „Von diesem Tage an kam uns Kateri wie verwandelt vor; sie war ganz von Gott und von der Liebe zu ihm erfüllt.« Sie fragte sich: „Wer wird mir beibringen, was Gott am besten gefällt, damit ich das tue?« Ihre innige Gottverbundenheit führte nach dem Zeugnis der Missionare indes nicht dazu, dass sie ihre Arbeit vernachlässigte, ganz im Gegenteil; sie erledigte sie mit noch größerer Hingabe.

Weihnachten war zugleich der Vorabend des großen Aufbruchs zur jährlichen Jagdexpedition. Für die Irokesen war die Jagd ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens: Sie war das Großereignis des Jahres und stellte für das ganze Dorf wie für jede Familie eine Lebensnotwendigkeit dar. Es wurden große Mengen Fleisch nach Hause gebracht, aber auch Pelze, die man bei den Weißen gegen Waffen und Lebensmittel eintauschen konnte. Die Jagdzeit diente auch der Entspannung. Für die Frauen war sie ein Fest, denn das Leben im Wald war viel freizügiger. Sie mussten zwar das Wild ausnehmen und die Pelze bearbeiten, aber die reiche Beute bot allen, Männern wie Frauen, Anlass zum Feiern und zu ausgelassenen Freudentänzen.

Für Kateri war die Jagdzeit wegen der Entfernung zur Kirche, wegen der Abgeschnittenheit von der Messe und von den Sakramenten sowie wegen des engen Zusammenlebens mit den Anderen eher eine Prüfung. Eines Tages kehrte ein Mann völlig erschöpft in die Hütte zurück, warf sich auf den erstbesten Strohsack und schlief ein. Da der Strohsack direkt neben dem Kateris lag, meinte die Frau des Mannes am nächsten Tag, die beiden hätten zusammen geschlafen; zudem hatte sie bemerkt, dass Kateri regelmäßig allein in den Wald ging, was ihren Verdacht weiter stärkte. Sie teilte ihn ihren Freundinnen und nach ihrer Rückkehr ins Dorf auch dem Missionar mit, der daraufhin Kateri befragte. Diese gestand ihm, dass sie jeden Tag in den Wald gegangen war, wo sie sich einen einsamen kleinen Betplatz mit einem Holzkreuz errichtet hatte, um zu Jesus zu beten. Sie konnte so dem Müßiggang, den Spielen und den frivolen Gesprächen ihrer Gefährtinnen bequem aus dem Wege gehen. „Ich möchte, dass das unter uns bleibt«, fügte Kateri hinzu, „und ich bitte Sie, den anderen Frauen nichts zu sagen. Es kümmert mich wenig, dass sie mich verdächtigen, etwas Böses getan zu haben. Meine Seele muss nur Gott Rechenschaft ablegen.« Ihre gelassenen Worte überzeugten den Pater von ihrer Unschuld. Er versicherte der eifersüchtigen Frau, dass ihr Verdacht unbegründet war. Dennoch wurde Kateri einige Zeit streng überwacht; eine Demütigung, die sie in ihrer Verbundenheit mit dem dornengekrönten Jesus Gott darbrachte.

Ein tiefer Eindruck

An Ostern 1678 wurde Kateri in die Bruderschaft von  der Heiligen Familie aufgenommen, die vom Bischof von Québec, Mgr. de Laval, in „Neufrankreich« eingeführt worden war, um die Gläubigen zu ermuntern, sowohl in ihrem persönlichen Leben als auch in jedem Haushalt die Tugenden Jesu, Marias und Josefs zu pflegen. Bei einem Besuch Montreals lernte Kateri die im dortigen Hôtel-Dieu tätigen Josefsschwestern kennen. Sie war von diesen Frauen und deren Keuschheits–gelübde so beeindruckt, dass sie sich mit zwei Freundinnen auf der Heroninsel inmitten des Sankt-Lorenz-Stroms als Eremitin niederlassen wollte; doch Pater Frémin verwies sie auf ihre geringe Erfahrung im christlichen Leben und auf die Gefahren, die drei einsam lebenden Frauen drohten. Kateri gab nach, blieb in der Welt und bemühte sich dort um ein erfülltes Seelenleben. Sie hielt jedoch an ihrem Wunsch fest, nur Christus zu gehören.

Die Entscheidung für die Jungfräulichkeit aus Liebe zu Gott macht das Reich Gottes auf Erden sichtbar, wie Johannes-Paul II. den Ordensleuten in seinem Aposto–lischen Schreiben Vita consecrata vom 25. März 1996 erklärte: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz (Mt 6,21): Der einzige Schatz des Gottesreiches ruft das Verlangen, die Erwartung, den Einsatz und das Zeugnis hervor. In der Urkirche wurde die Erwartung der Wiederkunft des Herrn besonders intensiv gelebt. Die Kirche hat jedoch während all der Jahrhunderte nicht aufgehört, diese Hoffnungs–haltung zu pflegen: sie hat immer wieder die Gläubigen eingeladen, nach dem Heil Ausschau zu halten, das schon bald offenbar werden wird, denn die Gestalt dieser Welt vergeht ... Unveränderlich ist die Lehre, die das geweihte Leben als Vorwegnahme des zukünftigen Reiches darstellt. Das II. Vatikanische Konzil greift diese Lehre wieder auf, wenn es sagt, der Ordensstand kündigt die zukünftige Auferstehung und die Herrlichkeit des Himmelreiches an (Lumen gentium, 44). Das geschieht vor allem durch die Entscheidung für die Jungfräulichkeit, die von der Überlieferung immer als eine Vorwegnahme der endgültigen Welt verstanden wurde, die schon jetzt am Werk ist und den Menschen in seiner Ganzheit verwandelt« (Nr. 26).

Kateri war nun 23 Jahre alt, viel älter, als junge Indianerinnen bei ihrer Hochzeit zu sein pflegten. Alle ihre Freundinnen rieten ihr zur Heirat, denn in den jungen christlichen Gemeinden war die aus Liebe zu Christus gewählte Jungfräulichkeit noch völlig unbekannt. Man verstand Kateri nicht und betrachtete sie als „exzentrisch«. Sie litt darunter, vor allem, als sie von ihrer Freundin Anastasia schwere Vorhaltungen zu hören bekam: „Es ist unerhört, dass eine Mohawk nicht heiratet! Du musst deinen Vorfahren gehorchen. Wer soll dich zudem unterhalten? Du wirst aller Welt zur Last fallen, wenn du nicht heiratest. Es gibt mehrere junge Männer, die dich zur Frau nehmen würden.« Doch all das bestärkte sie nur in ihren Wunsch, Gott allein zu gehören. Sie wandte sich an den Missionar um Rat; er riet ihr klugerweise, auf ihr eigenes Herz zu hören: „Das hängt allein von Ihnen ab.« Ihr Entschluss stand nun unverrückbar fest: Sie wollte nur Christus zum Bräutigam haben. überrascht und erfreut gab ihr der Pater die Erlaubnis, ein zeitliches Keuschheitsgelübde abzulegen. Am 25. März 1679 legte die später als „Lilie der Mohawks« bekannte junge Frau nach einer gewissenhaften Vorbereitung das ewige Keuschheits-gelübde ab.

Die geweihte Jungfräulichkeit ist ein wichtiges Zeugnis für die Kraft der Liebe Gottes in der Hinfälligkeit des menschlichen Daseins. Sie belegt, dass das, was die meisten Leute für unmöglich halten, durch die Gnade des Herrn Jesus möglich und zu einer wahren Quelle der Befreiung wird. Die frei gewählte Jungfräulichkeit durch Personen des geweihten Lebens erinnert alle Gläubigen an die Notwendigkeit, Keuschheit zu üben. „In der Nachfolge Christi, der das Vorbild der Keuschheit ist, sind alle berufen, ihrem jeweiligen Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen: die einen in der Jungfräulichkeit oder in der gottgeweihten Ehelosigkeit, die eine hervorragende Weise ist, sich leichter mit ungeteiltem Herzen Gott hinzugeben; die anderen, die verheiratet sind, indem sie die eheliche Keuschheit leben; und die Unverheirateten, indem sie enthaltsam leben« (Katechismus der Katholischen Kirche: Kompendium, 491).

Der neue Stern

Kateri kümmerte sich aufopfernd um Arme, Kranke  und Alte. Sie pflegte einen Rosenkranz um den Hals zu tragen und betete ihn, wenn sie barfuß durch den Schnee lief. Für die Bekehrung ihres Volkes nahm sie immer mehr Bußübungen auf sich. Pater Cholenec versuchte, sie in ihrer asketischen Strenge zu bremsen, doch im Winter bekam sie heftigen Husten, Kopfschmerzen und Fieber, und sie stand schon bald dem Tode nahe. Ihre letzten Tage verbrachte sie mit Beten und erzählte allen, die ihr zuhören mochten, vom „Großen Geist«; es hörten ihr viele Leute zu, denn alle hatten von ihrer Nächstenliebe profitiert. Am Dienstag der Karwoche bekam sie die letzte Wegzehrung in ihrer armseligen Hütte gereicht. Einen Tag später, am 17. April 1680, machte sie sich, umgeben vom ganzen Dorf und mit den Worten „Jesus! Maria! Ich liebe euch!« auf den Lippen, auf den Weg zu ihrem himmlischen Bräutigam. Sogleich wirkte sie ganz verklärt, und ihr zuvor von Pockennarben gezeichnetes Gesicht glättete sich und wurde wunderschön.

Ihre Verehrung breitete sich sowohl in der indianischen als auch in der französischen Bevölkerung Kanadas rasch aus, und es gab immer mehr Berichte über Wunderheilungen, die auf ihre Fürsprache zurückgeführt wurden. Sechzig Jahre später galt sie allgemein als Beschützerin Kanadas, als der „neue Stern der Neuen Welt«. Sie wurde am 22. Juni 1980 seliggesprochen.

Bei den Weltjungendtagen in Toronto (Kanada) richtete Papst Johannes-Paul II. folgende Worte an die Landsleute der Seligen: „Mit großer Freude treffe ich die jungen Ureinwohner aus dem Land der seligen Kateri Tekakwitha. Mit Recht nennt ihr sie Kaiatano (edelste und ehrwürdigste Person). Sie möge euch ein Vorbild sein und euch lehren, als Christen Salz und Licht der Erde zu sein!« (28. Juli 2002).

Dom Antoine Marie osb

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