Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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24. August 2011
Hl. Bartholomäus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu«, pflegte der heilige  Pfarrer von Ars zu sagen. „Diese bewegende Formulierung veran- lasst uns vor allem, uns innerlich angerührt und dankbar bewusst zu werden, welch unermessliches Geschenk die Priester nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Menschheit überhaupt sind«, schrieb Bene-dikt XVI. am 16. Juni 2009. Um das zu erkennen, lud uns der Heilige Vater ein, unsere Augen auf die vielen edlen Priestergestalten zu richten: „Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewusstsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von brennender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern.« Giovanni Battista de Rossi war einer der heiligen Priester, die Christus seiner Kirche geschenkt hat.

Giovanni Battista (Johannes) de Rossi wurde als neuntes und letztes Kind einer einfachen Familie am 22. Februar 1698 in Voltaggio (im italienischen Ligurien) geboren. Einer seiner Onkel lebte als Kapuziner in Rom, und einer seiner Vettern, Lorenzo de Rossi, war Kanoniker in Santa Maria in Cosmedin, einer der schönsten Kirchen Roms. Giovanni Battista diente zunächst drei Jahre lang als Page bei einer adligen Familie in Genua und zog dann nach Rom, wo er von seinem Kapuzineronkel auf das von Jesuitenpatres betriebene Collegio Romano geschickt wurde. Der junge Mann war ein glänzender Schüler und fiel durch seine tätige Frömmigkeit auf. Seine Liebenswürdigkeit, seine Fröhlichkeit sowie seine freundliche Art, Dinge anzusprechen, bewirkten, dass die Mitschüler ihm bereitwillig folgten: zum Beten ebenso wie zu Kranken- und Armenbesuchen. Als sein Vater 1710 vorzeitig starb, sollte er auf Wunsch der Familie nach Hause zurückkehren, doch er entschied sich dafür, sein Philosophie- und Theologiestudium am Collegio Romano fortzusetzen, denn er fühlte sich zum Priesteramt berufen.

Die verändernde Kraft der Liebe

De Rossi führte ein streng asketisches Leben, doch da  es ihm dabei an seelsorgerischer Begleitung fehlte, wurde er immer schweigsamer und verschlossener; seine früheren Kameraden zogen sich von ihm zurück. Eines Tages fiel er während der Messe plötzlich in Ohnmacht. Seine überzogenen Bußü–bungen, insbesondere der Nahrungsverzicht, hatten seine Gesundheit nachhaltig geschädigt: Er litt fortan unter Magenschmerzen sowie epileptischen Anfällen und musste sein geregeltes Studium abbrechen. Erst später begriff er, dass die Herzen nicht durch exzessive Kasteiungen, sondern nur durch die Liebe erhöht werden. „Lernt aus meinem Beispiel«, riet er den Seminaristen, „vertraut nicht blind eurem eigenen Urteil, sondern holt euch Rat von eurem Beichtvater, bevor ihr eine Bußübung in Angriff nehmt.« Er war sich seiner intellektuellen Fähigkeiten durchaus bewusst und sah daher in dieser Prüfung einen Wink Gottes, nicht hochmütig zu werden: „Wenn ich in meinen akademischen Erfolgen nicht gestoppt worden wäre, wäre ich der Versuchung des Hochmuts und des Ehrgeizes erlegen.« Giovanni Battista nutzte seine verbleibenden Kräfte, um bei Dominikanerpatres Kurse nach der Lehre des hl. Thomas von Aquin zu besuchen.

Am 8. März 1721 wurde er - wegen seiner Jugend mit Dispens - zum Priester geweiht. Sein größter Wunsch war, selbst den Weg der Heiligkeit einzuschlagen, bevor er daran ging, Andere dafür zu gewinnen. Jeden Morgen widmete er eine Stunde der Besinnung - im Wesentlichen über das Evangelium - und verbrachte abends noch einmal eine halbe Stunde in Betrachtung – hauptsächlich über das Leben der Heiligen. Mit besonderem Eifer hing er am Breviergebet und hielt seine Mitbrüder dazu an, die Stundengebete möglichst zu den vorgesehenen Zeiten zu verrichten. Er selbst nahm später als Kanoniker besonders getreu am gemeinsamen Chorgebet teil.

„Eine grundlegende Priorität der priesterlichen Existenz ist, das Sein mit dem Herrn und daher eine Zeit des Gebetes zu haben. Der Heilige Karl Borromäus hat immer gesagt: ‚Du kannst nicht für die Seelen der anderen sorgen, wenn du die deinige verkümmern lasst. Dann sorgst du am Schluss auch für die anderen nicht mehr. Du musst auch Zeit für dich mit Gott haben'. Und so möchte ich betonen: So viel auch herandrängt, es ist eine wirkliche Priorität, jeden Tag eine Stunde lang Zeit zu haben zur Stille für den Herrn und mit dem Herrn, wie es uns die Kirche mit dem Brevier, mit den Gebeten des Tages anbietet, um so von innen her immer wieder reich zu werden, immer wieder eben – wie ich in der Antwort auf die erste Frage sagte – in den Atemraum des Heiligen Geistes zu kommen« (Benedikt XVI., 6. August 2008). Das gilt für alle Gläubigen, wie der Papst am 18. September 2010 auf seiner Englandreise vor Jugendlichen sagte: „Jeden Tag müssen wir uns entscheiden zu lieben, und das erfordert Hilfe: die Hilfe, die von Christus her kommt, aus dem Gebet und aus der Weisheit, die sich in seinem Wort findet, und aus der Gnade, die er uns in den Sakramenten der Kirche schenkt. Das ist die Botschaft, die ich euch heute mitteilen möchte. Ich bitte euch, jeden Tag in euer Herz zu schauen, um die Quelle aller echten Liebe zu finden. Jesus ist immer dort; ruhig wartet er auf uns, dass wir still werden bei ihm und seine Stimme hören. In der Tiefe eures Herzens ruft er euch, dass ihr Zeit mit ihm verbringt im Gebet. Aber diese Art von Gebet, von wirklichem Gebet, erfordert Disziplin; es erfordert, jeden Tag Zeit für Momente des Schweigens zu reservieren.«

Ein Hirt für die Hirte

Die Priesterweihe hatte Giovanni Battistas Eifer für  die Seelen geradezu beflügelt. Er ging zweimal pro Woche zum Forum, wo sich die Schaf- und Kuhhirten versammelten, um ihre Tiere zum Markt zu treiben, und führte sie geduldig in die Geheimnisse des Glaubens ein. Ein ebenso fruchtbares Tätigkeitsfeld für ihn war das Santa-Galla-Hospiz: Das 1650 gegründete Armenhaus bot allen Bedürftigen ein Dach über dem Kopf und war zudem Sitz einer frommen Vereinigung von Klerikern, die verwahrloste Kinder betreute und in der christlichen Lehre unterwies. Die Einrichtung wurde bald zum Lieblingswerk Giovanni Battistas, dem er sich 49 Jahre lang widmete. Nachdem er sich mit seinem Beichtvater, dem Jesuitenpater Galuzzi, beraten und viel gebetet hatte, gründete er ein ähnliches Hospiz für arme Frauen, die als Obdachlose auf der Straße noch gefährdeter waren. Aus Bescheidenheit trat er den Titel des Direktors an Pater Galuzzi ab und begnügte sich damit, für das geistliche und zeitliche Wohl des Heims zu sorgen.

Im Gedenken an das Leid unseres Herrn Jesus Christus im Kerker, pflegte Giovanni Battista Gefangene zu besuchen. Auf diese regelmäßigen Besuche angesprochen, erwiderte er: „Ich tue das, um sie aus der inneren Hölle herauszuholen, in der sie sich befinden: Sobald ihr Gewissen erleichtert ist, werden sie die Last der Haft leichter akzeptieren und ertragen, um ihre Verfehlungen zu sühnen.« Für weibliche Häftlinge konnte er ein eigenes Frauengefängnis durchsetzen, das von frommen, mildtätigen Frauen verwaltet wurde.

Es soll wirklich so sein, „dass der Priester wie Christus in das menschliche Elend eintritt, es mit sich trägt, zu den leidenden Menschen geht, sich um sie kümmert und sie nicht allein äußerlich, sondern innerlich auf sich nimmt, in sich selbst die ‚Passion' seiner Zeit, seiner Pfarrei, der ihm anvertrauten Menschen auf sich nimmt« (Bene-dikt XVI., An den Klerus von Rom, 18. Februar 2010).

Ein wertvolles Geschenk

Ein guter Hirte«, sagte der Pfarrer von Ars, „ein Hirte  nach dem Herzen Gottes, ist der größte Schatz, den der liebe Gott einer Pfarrei gewähren kann, und eines der wertvollsten Geschenke der göttlichen Barmherzigkeit.« Das Priesteramt benötigt seinerseits die Unterstützung der Gläubigen, wie der selige Johannes-Paul II. betonte: „Die gegenseitige Hilfe unter den verschiedenen Gliedern der Kirche ist von besonderer Bedeutung. Die gegenseitige Hilfe enthüllt und verwirklicht zugleich das Geheimnis der Kirche als Mutter und Erzieherin. Priester und Ordensleute müssen den Laien bei ihrer Erziehung und Ausbildung helfen. Die Laien müssen ihrerseits den Priestern und Ordensleuten auf ihrem geistlichen und pastoralen Weg beistehen« (Apostolisches Schreiben Christifideles laici, 30. Dezem–ber 1988). Damit diese Hilfe fruchtbar und klug ausfällt, müssen die Gläubigen eine rechte Vorstellung vom Priesteramt haben, wie es bei den heiligen Priestern sichtbar wird, die die Kirche uns als Vorbilder präsentiert.

1737 starb Vetter Lorenzo, und Giovanni Battista erbte sowohl seinen Platz als Kanoniker als auch sein luxuriöses Haus, das er umgehend verkaufte und dessen Erlös er an die Armen verteilte; um öfter am Chorgebet teilnehmen zu können, zog er in die Nähe von Santa Maria in Cosmedin in eine Art Speicher, der dem Konvent gehörte. In der Kirche gab es ein wundertätiges Bild der Gottesmutter, das Giovanni Battista sehr verehrte und von dem er stets eine Kopie bei sich trug. Er konnte die Chorherren dazu bewegen, auch Litaneien zur Heiligen Jungfrau Maria ins Stundengebet aufzunehmen. Er liebte den Rosenkranz und warb überall dafür, dass man morgens und abends drei „Gegrüßt seist du, Maria« bete, um letzte Beständigkeit im Glauben zu erlangen. Diese Form der Verehrung führte zu überraschenden Erfolgen und echten Bekehrungen.

1739 machte ein Freund Giovanni Battista darauf aufmerksam, dass er mehr Gutes bewirken könnte, wenn er zum Abnehmen der Beichte ermächtigt wäre. Eine Weile lang wehrte er sich in seiner Demut gegen den Vorschlag, gab jedoch schließlich nach. Als Beichtvater weitete er seine Aktivität erheblich aus. Morgens verschob er die Messe, bis er auch den letzten Pönitenten angehört hatte, selbst auf die Gefahr hin, auf das Mittagessen verzichten zu müssen. Abends begab er sich nochmal in den Beichtstuhl. Seine Suche nach verwahrlosten Leuten führte ihn in Gefängnisse und Hospitäler. Er war so ausgelastet und bei Beichtwilligen so beliebt, dass Papst Clemens XII. ihn von der Pflicht des Stundengebets entband, wenn er Beichtdienst hatte. Der Dispens führte zu einem schmerzlichen Kesseltreiben gegen ihn: Ein anderer Kanoniker behauptete, der Dispens sei erschwindelt und stelle einen schwerwiegenden Skandal dar, der die Pflicht der Chorherren zur regelmäßigen Teilnahme am Chorgebet untergrabe. De Rossi erkrankte darüber, blieb jedoch stets nachsichtig mit seinem Kritiker. Bald danach wurde auch dieser krank; Giovanni Battista besuchte ihn mehrfach und konnte einen Meinungswandel bewirken; der Kranke nahm ihn sogar zum Beichtvater und konnte friedlich sterben.

Der kürzeste Weg

Bei der Beichte zeigte sich Giovanni Battista sehr  mild, denn Milde war seiner Meinung nach eine wichtige Vorbedingung dafür, dass das Beichtkind aufrichtig und ohne zu zögern alle Sünden bekennt. Er versicherte später: „Früher kannte ich noch nicht den kürzesten Weg in den Himmel; heute bin ich überzeugt, dass er in einer guten Beichte besteht.« Ähnlich äußerte sich Papst Johannes-Paul II. am 28. März 2004 vor Jungpriestern: „Das Sakrament der Vergebung ist notwendig für die tiefe Gemeinschaft mit Gott ... Wir werden nie heilig genug sein, um ohne diese sakramentelle Reinigung auszukommen. Von Beichte zu Beichte wird der Gläubige die Erfahrung der Gemeinschaft mit dem barmherzigen Herrn stetig vertiefen, bis zur völligen Identifikation mit ihm.« In verzweifelten Fällen riefen andere Beichtväter gern Giovanni Battista zu Hilfe, denn Gott hatte ihm die Gabe geschenkt, die richtigen Worte zu finden, um die Seelen für die Gnade zu öffnen. Als einmal ein schwerkranker Reitknecht nicht beichten wollte und sich auf seine schlechten Gewohnheiten berief, die sich zu sehr festgesetzt hätten, konnte ihn erst der eilig herbeigerufene Giovanni Battista zur Umkehr bewegen. Der Heilige setzte sich auch für die Regelung ungeordneter eheähnlicher Verbindungen ein. Seine nachdrücklichen Ermahnungen im Beichtstuhl waren oft erfolgreich und führten entweder zu einer Hochzeit oder zu einer endgültigen Trennung. Auf der anderen Seite verweigerte er die Absolution all denen, die es an Reue fehlen ließen und sich weigerten, die Gelegenheit zur Sünde zu meiden und die notwendigen Schritte zu ergreifen, um aus der Sünde herauszukommen.

„Die Priester dürften niemals resignieren, wenn sie ihre Beichtstühle verlassen sehen, noch sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegenüber diesem Sakrament festzustellen. Zur Zeit des heiligen Pfarrers von Ars war in Frankreich die Beichte weder einfacher, noch häufiger als in unseren Tagen, da der eisige Sturm der Revolution die religiöse Praxis auf lange Zeit erstickt hatte. Doch er versuchte auf alle Arten, ... die Mitglieder seiner Pfarrei die Bedeutung und die Schönheit der sakramentalen Buße neu entdecken zu lassen, indem er sie als eine mit der eucharistischen Gegenwart innerlich verbundene Notwendigkeit darstellte. Auf diese Weise verstand er, einen Kreislauf der Tugend in Gang zu setzen. Durch seine langen Aufenthalte in der Kirche vor dem Tabernakel erreichte er, dass die Gläubigen begannen, es ihm nachzutun; sie begaben sich dorthin, um Jesus zu besuchen, und waren zugleich sicher, den Pfarrer anzutreffen, der bereit war zum Hören und zum Vergeben« (Brief von Benedikt XVI. an die Priester, 16. Juni 2009).

1748 zog Giovanni Battista de Rossi wegen seiner zahlreichen Gesundheitsprobleme in die Priester–gemeinschaft Trinità dei Pellegrini, übte jedoch sein Amt als Kanoniker an Santa Maria in Cosmedin weiterhin aus, insbesondere an Markttagen, an denen die Bauern nebenbei die Gelegenheit zum Beichten nutzten. Er unterstützte auch Priester in ihrem spirituellen Leben und bemühte sich um Freundschaften mit ihnen. Er achtete sorgfältig darauf, das Liebesgebot nicht zu verletzen, wenn er über andere Kleriker sprach. Umgekehrt wurde sein aufbrausendes Temperament durch rücksichtslosere Kollegen oft auf eine harte Probe gestellt.

„Die Treue zu eurer Berufung erfordert Mut und Vertrauen, aber der Herr will auch, dass ihr euch gegenseitig stärkt; sorgt füreinander und unterstützt euch brüderlich. Die gemeinsamen Zeiten des Gebets und der Fortbildung sowie das Mittragen der Herausforderungen des priesterlichen Lebens und Wirkens der Mitbrüder sind ein notwendiger Teil eures Lebens. Wie schön ist es, wenn ihr euch gegenseitig in euren Häusern aufnehmt und dabei den Frieden Christi in euren Herzen habt! Wie wichtig ist es, dass ihr einander im Gebet und mit guten Ratschlägen und Unterscheidungshilfen beisteht!« (Benedikt XVI. in Fatima, 12. Mai 2010).

Besser als das Fasten

Giovanni Battista de Rossi trat dafür ein, zur  Fastenzeit Katechismuskurse für Erwachsene abzuhalten, denn seiner Meinung nach war „der Katechismus mehr wert als eine gut eingehaltene Fastenzeit«. Die Sorge der Kirche um die Unterweisung im Katechismus ist nach wie vor aktuell. In seinem Vorwort zum Jugend-katechismus (Youcat), der aus Anlass der WJT in Madrid (August 2011) bereits erschienen ist, lädt der Heilige Vater die jungen Leute ein: „Studiert den Katechismus mit Leidenschaft und Ausdauer!... Dieses Buch ist spannend, weil es von unserem eigenen Schicksal redet und darum einen jeden von uns zutiefst angeht.« Und er fügt hinzu: „Dieser Katechismus redet Euch nicht nach dem Mund. Er macht es Euch nicht leicht. Er fordert nämlich ein neues Leben von Euch ... Ihr müsst wissen, was Ihr glaubt. Ihr müsst Euren Glauben so präzise kennen wie ein IT-Spezialist das Betriebssystem eines Computers ... Ja, Ihr müsst im Glauben noch viel tiefer verwurzelt sein als die Generation Eurer Eltern, um den Herausforderungen und Versuchungen dieser Zeit mit Kraft und Entschiedenheit entgegentreten zu können. Ihr braucht göttliche Hilfe, wenn Euer Glaube nicht austrocknen soll wie ein Tautropfen in der Sonne, wenn Ihr den Verlockungen des Konsumismus nicht erliegen wollt, wenn Eure Liebe nicht in Pornographie ertrinken soll, wenn Ihr die Schwachen nicht verraten und die Opfer nicht im Stich lassen wollt.«

Giovanni Battista de Rossi war kein berühmter Prediger, doch seine Predigten sprachen die Leute an. Er pflegte die Glaubenswahrheiten klar herauszuarbeiten und seine Botschaft dem jeweiligen Publikum anzupassen. Seine Beispiele entnahm er im Allgemeinen dem Leben von Heiligen. Es betrübte ihn, wenn er oberflächliche Predigten hörte oder auch gelehrte theologische Vorträge, die für die Gläubigen unverständlich blieben. Am liebsten predigte er über die göttliche Barmher–zigkeit. Der Pfarrer von Ars eiferte später seinem Vorbild nach, und er „hat in seiner Zeit das Herz und das Leben so vieler Menschen zu verwandeln vermocht, weil es ihm gelungen ist, sie die barmherzige Liebe des Herrn wahrnehmen zu lassen. Auch in unserer Zeit ist eine solche Verkündigung und ein solches Zeugnis der Wahrheit der Liebe dringend: Deus caritas est (1 Joh 4,8)« (Brief von Benedikt XVI. an die Priester, 16. Juni 2009).

Giovanni Battista war bestrebt, Armut in jeder Form zu lindern, indem er etwa verarmte Familien unterstützte oder für kranke römische Juden ärztliche Hilfe organisierte. Seine Aktivitäten machten nicht vor den Stadtmauern halt. Er führte auch kleinere Missionen auf dem Lande durch und verschaffte so der Landbe–völkerung Gelegenheit, bei einem fremden Priester zu beichten, zumal er wusste, dass die Leute sich oft scheuten, schwere Verfehlungen dem eigenen Pfarrer zu beichten. Giovanni Battista fühlte sich auch zur Mission in fernen Ländern hingezogen, doch man legte ihm nahe, er solle lieber die Beichtstühle und Hospitäler Roms als sein Missionsfeld betrachten. Auf Bitten seiner Vorgesetzten war er in mehreren Ordensgemeinschaften als Beichtvater und Prediger tätig.

Volle Sicherheit

In den letzten zwei Jahren seines Lebens litt Giovanni  Battista unter ständigem Fieber. 1762 war seine Gesundheit so angegriffen, dass seine Freunde ihn zu einem Erholungsaufenthalt am Nemi-See überredeten. Als jedoch dort die seit seiner Jugend verschwundenen epileptischen Anfälle wieder auftraten, kehrte er Mitte Oktober nach Rom zurück und konnte danach sein Krankenzimmer kaum mehr verlassen. Er bedauerte, handlungsunfähig zu sein, und hielt sich für einen „Tagedieb«. Gleichwohl konnte er auf Grund seines spirituellen Hochgefühls den Freunden, die ihn besuchten, Mut einflößen. Am 8. September 1763 ließ er sich zur Kirche Santa Maria in Cosmedin bringen, um mariä Geburt dort zu begehen. Zu seinen Mitbrüdern sagte er: „Betet für mich. Ich werde nie mehr hierher zurückkehren; das ist mein letztes Fest mit euch.« Als er nach einem heftigen epileptischen Anfall am Morgen des 27. Dezember erst einen Tag später aus der Ohnmacht erwachte, spendete man ihm die letzte Wegzehrung, die er so freudig und in sich gekehrt aufnahm, dass er ganz verzückt schien. Danach empfing er die Kranken–salbung. Zur allgemeinen Überraschung besserte sich sein Zustand, und er konnte wieder mehrmals die heilige Messe zelebrieren. Als ihm das ebenso unmöglich wurde wie das Stundengebet, bestand sein letzter Trost im Rosenkranzbeten. Seinem Beichtvater, der ihn ermahnte, den Tod zu akzeptieren, erwiderte er: „Ich blicke dem Tod gefasst, ohne Furcht ins Auge; ich glaube, dass dieses Gefühl der vollen Sicherheit eine besondere Gnade Gottes ist, und hoffe, dass der Herr mir in seiner Barmherzigkeit und wegen der Liebe, die ich seinen Armen entgegenbringe, diese Gnade auch in meiner letzten Stunde gewähren wird.« Den Rosenkranz gab er am liebsten nicht aus der Hand und beklagte sich, wenn er ihm während einer Ohnmacht abgenommen wurde. Am 23. Mai 1764 entschlief Giovanni Battista de Rossi friedlich im Alter von 66 Jahren.

Beten wir gemeinsam mit unserem Papst Benedikt XVI. zu Maria, der unbefleckten Mutter, damit „die Kirche von heiligen Priestern erneuert werden möge, die von der Gnade dessen verwandelt wurden, der alles neu macht« (Fatima, 12. Mai 2010), und wiederholen wir immer wieder die Anrufung: „Herr, schenke uns Priester! Herr, schenke uns heilige Priester!«

Dom Antoine Marie osb

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