Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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23. Juli 2011
Hl. Margareta, Jungfrau und Märtyrerin


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Entfernen Sie sofort die Kreuze aus den Krankenzimmern!«, befahl  der SS-Offizier in Uniform kategorisch; Anfang 1940 war im all- mächtigen großdeutschen Reich dieses religiöse Symbol an öffentlichen Orten gesetzlich verboten. Dennoch führte keiner der Anwesenden den Befehl aus. Einige Tage zuvor hatte bei der Einweihung eines Neubaus für das Mödlinger Krankenhaus eine Schwester eigenhändig in jedem Zimmer ein Kreuz aufgehängt; kein anderer hatte es gewagt. Diese Nonne, Restituta Kafka, wurde am 21. Juni 1998 von Papst Johannes-Paul II. als erste Märtyrerin Österreichs seliggesprochen.

Helene Kafka wurde am 1. Mai 1894 im mährischen Brünn-Hussowitz, dem heutigen Brno (Tschechien), geboren. Ihr Vater war einfacher Schuhmacher und hatte alle Hände voll zu tun, um seine sieben Kinder zu ernähren. Bald zog die Familie nach Wien um. Helenes Kindheit war von Armut, aber auch von einer stark katholischen Erziehung geprägt. Nach dem Ende ihrer Schulpflicht arbeitete sie erst als Dienstmagd, dann als Verkäuferin. Da sie sich für Krankenpflege interessierte, wurde sie 1913 Aushilfsschwester im Städtischen Krankenhaus Wien-Lainz. Dort lernte sie die Franziskanerinnen von der christlichen Liebe kennen, die wegen ihres in der Wiener Hartmanngasse gelegenen Mutterhauses im Volksmund nur „Hartmann-schwestern« hießen. Das junge Mädchen beschloss, in die Kongregation einzutreten, um sich durch ein Leben der Hingabe an Gott ganz und gar dem Dienst ihres Nächsten zu weihen. Als Postulantin arbeitete Helene ein Jahr lang weiter in Lainz; danach wurde ihre Kandidatur erneut geprüft. Sie hatte keine Mitgift, da ihre Eltern ihr keine mitgeben konnten; doch ihre Frömmigkeit und ihr Glaubenseifer sprachen für sie: Sie wurde ins Noviziat aufgenommen und zusammen mit 14 weiteren Mädchen am 25. Oktober 1915 eingekleidet. Sie erhielt den Ordensnamen „Schwester Restituta«; die hl. Restituta war eine jungfräuliche römische Märtyrerin des 3. Jahrhunderts.

Die Novizenmeisterin gewöhnte die jungen Nonnen an einfache Frömmigkeitsübungen, die ihnen auf dem Weg der Vollkommenheit weiterhelfen konnten: regelmäßiges Beichten, tägliche Kommunion, Besuch des Allerheiligsten, Verehrung der Muttergottes, Rosenkranz. Schwester Restituta hielt daran fest und schöpfte besonders viel Kraft aus ihrer Verehrung für die Mutter der Sieben Schmerzen. Im Oktober 1916 legte sie ihre ersten Gelübde ab. 1919 kam sie an das Krankenhaus Mödling bei Wien und wurde bald zur ersten OP-Schwester ernannt. Der Chefarzt des Krankenhauses, Dr. Stöhr, war ein anspruchsvoller, schwieriger Mensch, der bereits mehrere Schwestern verschreckt hatte. Doch diesmal verstanden sich Chirurg und Assistentin auf Anhieb. In ihrer schwierigen Jugend hatte Helene gelernt zu warten, sich zu fügen, sich aber auch zu behaupten, wenn es nötig war. Sie liebte ihre Arbeit wie ihre Kranken und bemühte sich findig und ideenreich um eine Verbesserung der Pflege.

Schwester „Resoluta«

Bald merkte man in Mödling, dass alles, was die klei- ne, rundliche Schwester Restituta anfasste, gelang. Sie arbeitete flink und gut. Ihr entschiedener Charakter brachte ihr den Spitznamen Schwester „Resoluta« ein. Innerhalb der Schwesterngemeinschaft war sie ein Element von ansteckender Fröhlichkeit – vor allem in den Pausen und im Fasching. Sie wusste, dass Feste und gemeinsame Freizeiten den Schwestern halfen, Müdigkeit und Kummer zu überwinden. Sie diente auch als „Brücke« zwischen Doktor Stöhr und den Personen, die das bisweilen brüske Verhalten des Arztes verletzte. Sie fand immer eine Lösung, wenn es darum ging, jemandem in der Not zu helfen. „Kein Bett frei!«, hieß es einmal für eine Kranke, die gekommen war, um sich operieren zu lassen; Schwester Restituta konnte ein freies Bett organisieren, indem sie einen Raum zum Krankenzimmer umfunktionierte.

Schwester Restituta war freilich keine gewöhnliche Nonne. Sie pflegte Patienten zu Hause zu besuchen und manchmal nach einem anstrengenden Tag in ein nahegelegenes Gasthaus zu gehen, wo die Wirtin ihr ihre Lieblingsspeise, einen Gulasch, und ein Krügel Bier servierte. So etwas war in ihrer Kongregation nicht üblich. Die Kehrseite von Schwester Restitutas entschiedenem Charakter war eine bisweilen verletzende Schroffheit; sie nahm kein Blatt vor den Mund und hatte ihren eigenen Kopf. Manche Mitschwestern fürchteten sich sogar ein bisschen vor ihr! Trotz dieser Schwächen – deren sie sich bei den monatlichen „Schuldkapiteln« des Konvents oft bezichtigte – war sie allgemein beliebt und geachtet. Man sah sie jeden Abend – selbst wenn es spät wurde – in langer Zwiesprache mit Jesus im Tabernakel spirituelle Kraft schöpfen.

Während der langen Jahre im Operationssaal erwarb Schwester Restituta eine so große Kompetenz, dass die jungen Ärzte manchmal das Gefühl hatten, sie leite die Operationen; man musste sie nie um ein chirurgisches Instrument bitten, sie hatte es stets schon in der Hand! Die Schwester war füllig geworden, litt unter Fußschmerzen und musste den ganzen Tag auf den Beinen sein; trotzdem „regierte« sie mit leichter Hand über den ganzen Operationstrakt. Dank ihrer einfluss-reichen Position konnte sie sowohl bei den Patienten als auch beim medizinischen Personal apostolisch wirken. Bei allen Schwierigkeiten pflegte man sich in Mödling an Schwester Restituta zu wenden, um einen Rat, materielle Unterstützung oder ein tröstendes Wort zu bekommen. Ordensleute unter ihren Patienten luden sie oft in ihre Konvente ein, weil sie gern von ihr weiterbetreut werden wollten. Dieser berufliche und menschliche Erfolg weckte Neid. Einige der jungen Ärzte ärgerten sich zudem, weil sie ihnen das Rauchen im Vorraum des Operationssaales kategorisch untersagte; sie fanden, sie spiele sich zu sehr auf.

„Dass Gott gegenwärtig ist ...«

Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im  März 1938 versuchte das Regime alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unter seine Kontrolle zu bringen und insbesondere die katholische Kirche auszuschalten. Das ganze Krankenhauswesen sollte säkularisiert und die christliche Präsenz soweit wie möglich zurückdrängt werden. Leider wird diese Politik nicht nur von totalitären Staaten verfolgt. Italien sollte im November 2009 durch einen Beschluss des Europäischen Gerichtshofs verpflichtet werden, sämtliche Kreuze aus öffentlichen Schulen zu entfernen. Papst Benedikt XVI. hatte sich bereits am 15. August 2005 im Vorfeld gegen diesen Vorstoß gewandt: „Im öffentlichen Leben ist es wichtig, dass Gott zum Beispiel durch das Zeichen des Kreuzes in den öffentlichen Gebäuden gegenwärtig ist und dass er in unserem gemeinschaftlichen Leben gegenwärtig ist, denn nur wenn Gott gegenwärtig ist, haben wir eine Orientierung, einen gemeinsamen Weg. Andernfalls werden die Gegensätze unversöhnlich, weil die Anerkennung einer gemeinsamen Würde fehlt.« Und am 17. Dezember 2010 dankte der Papst mit folgenden Worten dem italienischen Botschafter für den Widerstand seiner Regierung gegen das Kruzifix-Urteil: „Deshalb kann man nicht die Meinung vertreten, den echten sozialen Fortschritt dadurch erreichen zu können, dass man den Weg der Ausgrenzung oder gar der ausdrücklichen Ablehnung des religiösen Faktors einschlägt, wie es heutzutage auf verschiedene Weise versucht wird. Eine dieser Formen ist zum Beispiel der Versuch, aus den öffentlichen Räumen die Anbringung der religiösen Symbole zu verbannen, als erstes von allen das Kruzifix, das gewiss das Sinnbild des christlichen Glaubens schlechthin ist, das aber gleichzeitig alle Menschen guten Willens anspricht und als solches kein Diskriminierungsfaktor ist.«

Einer der Krankenhausärzte, Dr. Stumfohl, war erklärter Nazi und Mitglied der SS. Er wurde für die Schwestern bald zur Bedrohung, namentlich für Schwester Restituta, die er nicht ausstehen konnte. Diese wiederum machte keinen Hehl aus ihrer grundsätzlichen Abneigung gegen den Nationalsozialismus, der ihr mit dem katholischen Glauben unvereinbar schien. Manche der Schwestern rieten ihr ängstlich: „Reden Sie nicht so viel, halten Sie Ihre Zunge im Zaum.« Stumfohl besaß Informanten und spionierte überall in der Klinik herum. Er untersagte den Schwestern, zu Sterbenden einen Priester zu rufen, sofern sie nicht ausdrücklich darum gebeten wurden. Schwester Restituta kritisierte die Methoden des inkompetenten Arztes und verweigerte eines Tages sogar die Mitarbeit, als er ohne hinreichenden Grund den Fuß eines Patienten amputieren wollte; sie wies ihn darauf hin, dass die medizinisch unnötige Maßnahme den Patienten verstümmeln würde. Stumfohl musste zähneknirschend klein beigeben. Als er einmal verhinderte, dass einem Polen die Sterbe–sakramente gereicht wurden, legte Schwester Restituta ein Kruzifix in die Hände des Kranken und betete für ihn, bis er friedlich entschlief. Der Arzt warnte sie daraufhin: Wenn das noch einmal vorkäme, solle sie sich auf Konsequenzen gefasst machen.

Ein verräterisches Blatt Kohlepapier

Eines Morgens im Dezember 1941 suchte Schwester  Restituta das Büro einer Sekretärin in der Röntgenabteilung auf. Sie trug ein Spottgedicht gegen Hitler bei sich, das bei den zwangsrekrutierten österreichischen Soldaten „unter der Hand« kursierte. Sie bat die Sekretärin, den Text abzutippen; doch in ihrer Ungeduld hatte sie unvorsichtigerweise vergessen, die Tür zuzumachen, und wurde beim Diktieren belauscht. Dr. Stumfohl jubelte; er fand sogar das Kohlepapier, mit dessen Hilfe ein Durchschlag angefertigt worden war. Endlich konnte er die verhasste Schwester bei der Gestapo anzeigen. Zwei Monate lang passierte gar nichts; am Aschermittwoch, dem 18. Februar 1942, betraten jedoch vier Gestapomänner den Operation–strakt, wo Schwester Restituta gerade Doktor Stöhr assistierte. Sobald die Operation beendet war, wurde die Nonne verhaftet und abgeführt. Noch am selben Abend ließ die Generaloberin „im Interesse der Verhafteten« alle Schwestern um absolutes Stillschweigen ersuchen.

Die Gestapo versuchte vergebens, von Schwester Restituta durch Folter den Namen der Person zu erfahren, von der sie den fraglichen Text hatte. Anfang März wurde die Schwester in das Wiener Bezirksgefängnis verlegt und blieb dreizehn Monate dort. Sie litt sehr unter der Einsamkeit: Sie vermisste den Konvent, denn die Schwestern durften sie nur selten besuchen. In Momenten der Niedergeschlagenheit fragte sie sich voller Bitterkeit: „Hat man mich so schnell vergessen, obwohl ich so viel für die Kongregation getan habe?« Sie wusste nicht, dass Post und Besuche drastisch eingeschränkt worden waren: Es waren nur noch ein Besuch alle zwei Monate und ein Brief pro Monat erlaubt. Die Gefangene blieb dennoch geistig mit dem Konvent verbunden. Sie schrieb an die Generaloberin: „Vor dem Tabernakel sind wir alle vereint, und kein Abgrund kann uns trennen.«

Den Mitgefangenen fiel die Sanftmut und die Fürsorglichkeit der kleinen Schwester auf, und sie gaben ihr den Kosenamen „Restl«. In der Finsternis und im Schatten des Todes wurde die Schwester schnell zum Licht für ihre Gefährtinnen. Sie kümmerte sich besonders intensiv um eine Gefangene, die wegen Kindesmords einsaß; die Unglückliche litt unter einer Hautkrankheit und war beim Essen auf Hilfe angewiesen. Die anderen riefen ihr zu: „Du hast dein Kind verhungern lassen, jetzt bist du dran!« Nur Schwester Restituta fütterte sie. Sie wusste, dass Jesus nicht die Gerechten, sondern die Sünder hat ansprechen wollen.

„Es wird alles gut«

Im nationalsozialistischen Gefängnis waren Milch und  Butter für Personen „deutschen Blutes« reserviert; Jüdinnen und Ausländerinnen gingen leer aus. Schwester Restituta teilte ihre Portion stets mit ihnen. Manche Frauen verbrachten ihre Zeit mit düsteren Klagen; diesen pflegte die Schwester zu entgegnen: „Es wird gut, es wird alles gut; das Böse kann nicht siegen.« Als das Gerücht aufkam, dass sie selbst bald vor Gericht gestellt würde, sprachen ihr die Mitgefangenen, selbst die Atheistinnen unter ihnen, mit ihren eigenen Worten Mut zu: „Es wird schon werden; wir beten ja für dich.« Sie erwiderte: „Nein, ich werde nicht zurückkommen, das ist mein Tod.«

Am 29. Oktober 1942 wurde vom Wiener Volksge-richtshof das Urteil über Schwester Restituta gesprochen. Die Anklage warf ihr vor, ein „Hetzgedicht gegen den Führer« verfasst und eine „Flugschrift staatsfeindlichen Inhalts« verbreitet zu haben. In Wirklichkeit war sie nicht die Verfasserin des Gedichts, und die „Verbreitung« bestand aus einem einzigen Durchschlag. Das Hitlerregime suchte einen Vorwand, um der katholischen Kirche in der Person der wegen ihres Widerstandes bekannten Nonne einen Denkzettel zu verpassen. Man hatte nicht vergessen, dass sie die Kreuze im Krankenhaus an die Wand gehängt hatte. Am Schluss dieser Prozessfarce wurde die Angeklagte „wegen Verschwörung gegen die Heimat und versuchten Hochverrats« zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Das Urteil wurde von ihr gefasst aufgenommen, die anwesenden Schwestern waren entsetzt; als Doktor Stumfohl davon hörte, brach er in Tränen aus: „Das habe ich nicht gewollt!«

Es wurden zahlreiche Versuche unternommen, das Leben der Franziskanerin zu retten. Doktor Stöhr reichte ein Gnadengesuch wegen ihrer hohen beruflichen Kompetenz ein; die Schwester Vikarin unternahm eine Reise nach Berlin, und auch der Erzbischof von Wien intervenierte. Am 1. Januar 1943 begann die Kongre-gation eine als Sturmgebet gedachte Novene zum heiligen Judas Taddäus. All diese Bemühungen scheiterten am unerbittlichen Willen Martin Bormanns, der „grauen Eminenz« des Führers: Er betrachtete die Hinrichtung – die einzige, die an einer „deutschrassigen« Nonne ausgeführt wurde – als unerlässlich, um den Klerus und die ganze katholische Kirche einzuschüchtern.

Schwester Restituta kam in die Todeszelle und verbrachte fünf Monate dort. Ihren Mitgefangenen gelang es mitunter, sie dort zu besuchen; eine von ihnen, die Kommunistin Anna Haider, die der Todesstrafe ausgekommen war, berichtete: „Schwester Restituta saß dort, betete den Rosenkranz, und ich kniete mich vor ihr hin und sagte: ‚Mein Gott, Restl, jetzt bist du dran!' Sie antwortete: ‚Glaub nicht, dass ich weine, weil ich sterben muss; ich wein' vor Freude, dass du leben kannst.' Schließlich hat sie mir noch gesagt: ‚Für Christus habe ich gelebt, für Christus will ich sterben, werde ich sterben!' Ich habe mir ihre Worte tief im Herzen eingeprägt.«

Der Seelenarzt

Der Seelenarzt Jesus Christus beschloss, die zur  Patientin gewordene Krankenpflegerin selbst zu pflegen. Er brach ihre raue Schale wie eine Nuss auf und bediente sich der Bösartigkeit des Naziregimes, um das darunter verborgene strahlende, hingabebereite und geläuterte Herz zum Vorschein kommen zu lassen. Schwester Restituta hatte in der Klinik viel gearbeitet; doch sie hatte Entscheidungsmacht, sie war sozusagen eine „Institution«. Im Gefängnis war sie nur eine „Volksfeindin«, gedemütigt, ausgehungert, dem Schafott geweiht. Der rastlosen Ordensfrau, die um halb vier aufzustehen pflegte, erlegte Gott völlige Passivität auf: Sie durfte ihren Schlafplatz morgens nicht vor halb sieben verlassen. Sie, die so gerne kommandierte, musste den Wärtern gehorchen und sich „wie ein Lamm zur Opferbank« führen lassen. Sie, deren Reichtum darin bestanden hatte, sich im Dienste der Kranken zu verausgaben, durfte ihnen nichts mehr geben ... außer ihrer stillen Selbstentäußerung, die sie für sie darbot.

Die Franziskanerin hatte eine schwangere Mitgefan–gene entdeckt, die ihr Baby wegen Unterernährung zu verlieren drohte. Sie gab ihr regelmäßig einen Teil ihrer mageren Kartoffelportion ab. Im November 1942 kam im Gefängnis ein kleines Mädchen zur Welt; die Mutter wollte es Restituta nennen, doch „Restl« redete ihr das vorsichtshalber aus. Das Töchterchen bekam den Namen Helene, den ursprünglichen Taufnamen seiner Lebensretterin. Die Bewunderung der Gefangenen für die Schwester wuchs, und eine von ihnen erklärte: „Ein solcher Glaube, eine solche Güte, eine solche Selbsthingabe sind absolut einzigartig!« Der Gefängnisgeistliche Köck bekannte: „Sie war für mich eine große Stütze in meinem Dienst unter den Gefangenen.«

„Ja, Vater!«

Einen Monat vor ihrer Hinrichtung schrieb die zum  Tode Verurteilte an ihre Generaloberin: „Ich warte jeden Tag, ob mein Kreuzweg bald die Höhe Kalvarias erreicht ... ob so oder so, sein heiliger Wille geschehe. In diesem seinen heiligen Willen liegt mein ganzer Trost, und täglich sage ich aufs Neue, ‚Ja, Vater!', und es geht alles gut.« Drei Tage nach ihrer Verurteilung ließ sie den Mitschwestern ihr „Testament« zukommen. Sie bat sie um Vergebung für das Leid, das sie ihnen bereitet hatte, und bedankte sich für die empfangenen Wohltaten; sie vergab allen, die ihr Böses zugefügt hatten, insbesondere Dr. Stumfohl; sie bat die Schwestern, nicht zu weinen, sondern um eine gute Sterbestunde für sie zu beten. Am 31. Januar 1943 schrieb sie: „... der Heiland und die Mutter verlassen uns nie, dies habe ich zur Genüge erfahren; um keine Sekunde werde ich das Kreuz länger tragen, als mein Gott für mich bestimmt hat. Es ist ja nicht mein Verdienst, dass ich so mutig diesen Weg gehe, vielmehr die vielen Gebete und Opfer, die für mich täglich zum Himmel steigen.«

Am 30. März 1943 wurde der Gefangenen kurzerhand eröffnet, dass der Augenblick ihrer Hinrichtung gekommen sei. Zitternd erneuerte sie das am Tag ihrer Profess gegebene Versprechen der Selbsthingabe. Man nahm ihr den Professring sowie alle Kleider ab und gab ihr ein Papierkleid zum Anziehen; sie sollte arm wie der heilige Franziskus sterben. Auf ihrem Weg zum Schafott standen ihr Pfarrer Köck sowie ein weiterer Priester namens Ivanek bei; sie bat letzteren, ihr ein „Kreuzerl« auf die Stirn zu machen. Bald darauf vernahmen die beiden Priester den dumpfen Schlag des Fallbeils: „Er sagte uns, dass der Himmel wieder um eine gottliebende Seele reicher war.« Eine überlebende Mitgefangene berichtete: „Mehrere von uns Todgeweihten sagten: Wir wollen so sterben wie Schwester Restituta.«

Aus Angst, Schwester Restituta könnte als Märtyrerin verehrt werden, hatten die Nazis bereits am 4. Dezember 1942 vorsorglich verboten, dass ihr Leichnam der Kongregation übergeben werde; er kam in ein Massengrab. Die verängstigten Klosterschwestern wagten nicht einmal von ihr zu sprechen. Pater Ivanek konnte nicht schweigen; er erzählte ihnen vom erhabenen Tod Schwester Restitutas und gab ihre letzten Worte weiter: „Für Christus habe ich gelebt, für Christus will ich sterben.« Ihr Beichtvater, Pater Schebesta, legte folgendes Zeugnis ab: „Das barsche, überresolute Wesen der Schwester hat mich immer verwundert, denn sie war zutiefst eine weiche Seele ... Für mich ist es kein Zweifel, dass Schwester Restituta im Kerker zu einer Heiligen geworden ist.« Die erste Person, der die himmlische Fürsprache der Märtyrerin zugutekam, war Josefine Zimmerl, eine ältere Mitgefangene, die Mutter eines hingerichteten Widerstandskämpfers; da sie selbst Widerständlerin war, konnte sie auf keine Milde hoffen. Eines Tages hatte Schwester Restituta zu ihr gesagt: „Das erste, was ich tue, wenn ich in Gnaden bei Gott ankomme, ist, dass ich ihn bitte, dass er die alte Zimmerl in die Freiheit führt.« Am 1. April 1943, zwei Tage nach der Hinrichtung der Klosterfrau, wurde Josefine mitgeteilt, sie werde entlassen.

Bei der Seligsprechung von Schwester Restituta sagte der selige Johannes-Paul II.: „Für das Bekenntnis zum Kreuz hat sie ihren Kopf hingehalten. Sie hat es im Herzen bewahrt und vor der Hinrichtung noch einmal leise ausgesprochen, als sie den Gefängnispfarrer um ein ‚Kreuzerl auf die Stirne' bat. An der seligen Schwester Restituta können wir ablesen, zu welchen Höhen innerer Reife ein Mensch an der Hand Gottes geführt werden kann ... Man kann uns Christen vieles nehmen. Aber das Kreuz als Zeichen des Heils lassen wir uns nicht nehmen. Lassen wir nicht zu, dass man es aus der Öffentlichkeit entfernt!... Danke, selige Schwester Restituta Kafka, für Dein Schwimmen gegen den Strom der Zeit!« Und der Papst rief der Jugend zu: „Pflanzt das Kreuz in Eurer Leben ein – das Kreuz als wahren Baum des Lebens!«

Dom Antoine Marie osb

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