Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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11. Mai 2011
Marienmonat


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Einzig und allein eine Kirche kann würdig repräsentieren, was ein Volk  fühlt, denn Religion ist das Erhabenste im Menschen«, meinte  Antoni Gaudí, der Architekt der Basilika Sagrada Família in Barcelona (Spanien), die am 7. November 2010 von Benedikt XVI. geweiht wurde. Der Papst betonte in seiner Predigt, dass „die Weihe dieser Kirche der Sagrada Família in einer Zeit, in der der Mensch sich anmaßt, sein Leben hinter Gottes Rücken aufzubauen, so als hätte er ihm nichts mehr zu sagen, ein sehr bedeutsames Ereignis ist. Gaudí zeigt uns durch sein Werk, dass Gott der wahre Maßstab des Menschen ist, dass das Geheimnis der wahren Originalität, wie er sagte, darin besteht, zum Ursprung zurückzukehren, der Gott ist. Indem er selbst in dieser Weise seinen Geist für Gott öffnete, konnte er in dieser Stadt einen Raum der Schönheit, des Glaubens und der Hoffnung schaffen, der den Menschen zur Begegnung mit jenem führt, der die Wahrheit und die Schönheit selbst ist.«

Antoni Gaudí wurde als fünftes Kind von Francesc Gaudí Serra und Antonia Cornet Bertran am 25. Juni 1852 in Reus in der spanischen Provinz Tarragona (Katalonien) geboren. Alle seine Geschwister starben früh. Die jahrelange Trauer um sie mag den tiefen Ernst erklären, von dem Gaudís Temperament geprägt war. Antonis Vorfahren waren Kupferschmiede. Da er in der Werkstatt seines Vaters der Bearbeitung von Kupfer zusehen konnte, gewöhnte er sich früh „das dreidimensionale Denken« an. Antoni litt von Kind auf und lebenslang an Rheuma. Die Krankheit zwang ihn zu langen Aufenthalten auf dem einsam gelegenen kleinen Gut der Familie in Riudoms bei Reus, wo seine Augen das Licht des Mittelmeeres, die Urformen von Felsen, Pflanzen und Tieren einfangen konnten; die Natur betrachtete er stets als fabelhafte Lehrmeisterin. Antoni war kein besonders guter Schüler, erhielt jedoch bei den Piaristenbrüdern des hl. José de Casalanz eine solide Grundbildung.

Sein einziges Ziel

1868 wechselte der junge Mann an die Architektur–hochschule in Barcelona. Das Geld für die Studien–gebühren verdiente er selbst, indem er bekannten Ingenieuren und Architekten zuarbeitete. Nebenbei belegte er Kurse in Philosophie, Ästhetik und Geschichte an der Universität und war auch kulturell interessiert. Die Kunst musste sich in seinen Augen ihre Inspiration in den Gesetzen und Vorbildern der Natur suchen, im Werk des Schöpfers, in dem sich Wahrheit und Schönheit widerspiegeln. 1878 erhielt Antoni Gaudí das Architektendiplom.

Während der Bauarbeiten an einem Genossenschafts–gebäude lernte Gaudí eine Lehrerin kennen, die an einer Schule für Arbeiterkinder unterrichtete. Nach vielen intensiven Gesprächen und langem Zögern rang er sich schließlich durch, um ihre Hand anzuhalten; doch die junge Frau gestand ihm, dass sie bereits verlobt war. Gaudí beschloss daraufhin, sich mit Leib und Seele dem Herrn zu weihen und fortan ehelos in der Welt zu leben. Er widmete sich jahrelang der Pflege seines alten Vaters und einer kranken, verwaisten Nichte.

Antoni entwarf für einen Handschuhfabrikanten eine originelle Vitrine zur Weltausstellung 1878 in Paris. Als der Graf von Güell, ein überaus kultivierter und vermögender Mann, erfuhr, dass das Meisterwerk aus seiner Heimatstadt stammte, wollte er unbedingt dessen Schöpfer kennenlernen. Zwischen den Männern entstand eine lebenslange Freundschaft. Der Graf gab gleich den Entwurf einer ganzen Reihe von Bauwerken in Auftrag. Antoni freundete sich mit dem Bischof von Vic, Torras i Bagès, für den heute ein Seligsprechungsprozess läuft, sowie weiteren Priestern an. Diese Freundschaften verhalfen ihm zu tiefen Einsichten in den Geist der Liturgie und der Soziallehre der Kirche. Gaudí war von Jugend an sensibel für die sozialen Probleme seiner Zeit, insbesondere für die Lebensbe–dingungen der Arbeiter. Bald erkannte er, dass die tiefen sozialen Konflikte der Zeit nicht durch materialistische Utopien, sondern einzig und allein durch die praktische Umsetzung der christlichen Soziallehre gelöst werden konnten.

Gaudí hat nie ein Buch veröffentlicht. Er hat jedoch viele Aufzeichnungen zu Fragen der Architektur und der Gestaltung von Bauwerken hinterlassen. Er hielt keine Vorträge, doch immer wieder erläuterte er Besuchern die Sagrada Família und teilte seine Überlegungen voll menschlicher und christlicher Weisheit mit Mitarbeitern und Schülern. Als leidenschaftlicher Ästhet suchte er das Rätsel der Schönheit zu lösen und erkannte, das die schönen Dinge wegen des Inbegriffs des Schönen (d.h. Gott selbst) schön sind: „Schönheit ist der Glanz der Wahrheit; ohne Wahrheit gibt es keine Kunst. Der Glanz zieht alle Welt an, denn die Kunst ist universal.«

In seiner Predigt am 7. November 2010 sagte Papst Benedikt XVI.: „In Wirklichkeit ist die Schönheit das große Bedürfnis des Menschen; sie ist die Wurzel, die den Stamm unseres Friedens und die Früchte unserer Hoffnung hervorbringt. Die Schönheit ist auch Offenbarerin Gottes, denn das schöne Werk ist wie er reine Unentgeltlichkeit, es lädt zur Freiheit ein und entreißt den Menschen dem Egoismus.«

Geistliches Erwachen

Das 19. Jahrhundert war für Spanien ein Jahrhundert  tiefer sozialer Umbrüche. Es wehte ein antiklerikaler Geist, die Kirche wurde verfolgt. Der Buchhändler José Bocabella, ein großer Verehrer des hl. Josef, hatte die Idee, eine der Heiligen Familie von Nazareth geweihte Kirche zu errichten. Zur Sühne für die Sünden seiner Zeitgenossen wollte er ein beredtes Zeugnis der Liebe zu Gott und dessen fleischgewordenem Sohn Jesus ablegen. Er startete eine Spendenaktion; viele Christen unterstützten das Projekt, „damit die lauen Seelen wachgerüttelt werden, der Glaube wieder erstarkt, die Nächstenliebe aufblüht und damit der Herr sich daher seines Landes erbarmt.« Man begann unverzüglich mit den Bau–arbeiten; bald kam es jedoch zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Bocabella und seinem Architekten; letzterer schied aus dem Projekt aus. Eines Nachts erschien einer Tante Bocabellas der Architekt im Traum, der die Sagrada Família erbauen würde: Es war ein junger Mann mit blauen Augen. Ohne dem Bedeutung beizumessen, suchte José ein neues Architekturbüro auf. Als er die Tür öffnete, stand er einem blauäugigen jungen Mann gegenüber; er erzitterte, denn in Katalonien sind blaue Augen selten. Der junge Architekt hieß Gaudí. Bocabellas Vorstellungen waren eher streng klassizistisch orientiert, doch er stimmte ohne zu zögern den anspruchsvolleren Plänen Gaudís zu.

In der Überzeugung, dass Bauarbeiten nicht ohne Opfer vorangebracht werden können, nahm Gaudí Abschied von dem leichten Leben, das er als angesehener junger Architekt geführt hatte; er intensivierte seine Gebete und lebte fortan in strenger Askese. „Diese Kirche ist eine Sühnekirche«, erklärte er. „Das heißt, sie nährt sich von Opfern.« In der Fastenzeit des Jahres 1883 fastete er so eisern, dass er sich beinahe zu Tode hungerte. Sein Freund Torras i Bagès musste eingreifen, damit er etwas zu sich zu nahm. „Leben ist Liebe, und Liebe ist Opfer«, sagte Antoni. „Wenn ein Haus einen offenkundig vitalen Eindruck macht, liegt das daran, dass jemand dafür Opfer bringt. Dieser Jemand ist manchmal ein Diener, eine Magd.« Antonis große Gottes- und Nächstenliebe wurzelte in seiner Liebe zum Kreuz. Er pflegte seine religiösen wie profanen Bauwerke mit einem vierarmigen Kreuz zu krönen, an dem oft das Zeichen der Heiligen Familie „JMJ« (Jesus, Maria, Josef) angebracht war.

Platz für alle

Gaudí entwarf den Sühnetempel der Heiligen Familie  gleichsam als eine Synthese der katholischen Lehre. Zur Darstellung kommen sollten dabei: die Schöpfung der Welt, die Arbeit des Menschen auf der Erde, der Übergang aus dem Reich der Finsternis in das Reich des Lichts, die Mysterien des Lebens Christi, die sieben Sakramente, die sieben Gaben des Heiligen Geistes, die Seligpreisungen, der Tod, das Fegefeuer, das Jüngste Gericht, die Hölle und der Himmel. Der geplante Grundriss der ungefähr 100 m langen „Kathedrale« hatte die Form eines lateinischen Kreuzes mit fünf Schiffen sowie drei Fassaden. Die Schiffe sollten durch geneigte, parabolische Gewölbe bildende Säulen voneinander getrennt sein. Zur Stabilisierung des Gebäudes sollten alle Stützträger zur Mitte hin konvergieren. Diese innovative Technik war von Gaudí entwickelt worden, um die 18 geplanten, etwa 110 m hohen Türme sowohl sturm- als auch erdbebenfest zu machen. Gaudí wollte, dass das Bauwerk allen offensteht: „Das Portal soll nicht nur für einzelne Menschen, sondern für die ganze Menschheit groß genug sein, weil alle einen Platz im Schoß des Schöpfers haben.«

„In diesem Raum wollte Gaudí die Eingebung zusammenfassen, die er aus den drei großen Büchern erhielt, aus denen er als Mensch, als Gläubiger und als Architekt Nahrung zog: das Buch der Natur, das Buch der Heiligen Schrift und das Buch der Liturgie«, stellte Benedikt XVI. fest. „So vereinte er die Wirklichkeit der Welt und die Heilsgeschichte, wie sie uns durch die Bibel berichtet und in der Liturgie vergegenwärtigt wird. Er nahm Steine, Bäume und menschliches Leben in den Sakralbau hinein, um die ganze Schöpfung auf das göttliche Lob auszurichten, aber gleichzeitig brachte er die Retabel hinaus, um den Menschen das Geheimnis Gottes vor Augen zu führen, das in der Geburt, im Leiden, im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi offenbart wird. So wirkte er auf geniale Weise am Aufbau eines menschlichen Bewusstseins mit, das in der Welt verankert, offen für Gott und von Christus erleuchtet und geheiligt ist.«

Auf der Riesenbaustelle der Sagrada Família sorgte Gaudí für einen wunderbaren Gemeinschaftsgeist. Da es damals noch keine soziale Absicherung gab und die Arbeiter bis an ihr Lebensende arbeiten mussten, führte der Architekt vorsorglich ein System gegenseitiger kollektiver Sicherung ein, das bei jedem die Einbehaltung eines kleinen Lohnanteils vorsah, um auch kranken Kollegen einen Lohn zahlen zu können. Gaudí war so beliebt, dass die Arbeiter ihn „Vater« nannten, wenn sie von ihm sprachen; er sollte das nie erfahren. Seine Güte war sprichwörtlich. Eines Tages erschien ein Steinmetz völlig übernächtigt zur Arbeit. Der Architekt sagte zu ihm: „Wenn der Körper nach Ruhe verlangt, muss man sie ihm schleunigst gönnen.« – „Ja«, erwiderte der Stein-metz, „ich tue das, sobald ich nach Hause komme.« – „Nein, das muss sofort erledigt werden.« Der Steinmetz gehorchte. Die Güte Gaudís ging allerdings mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn einher. Als ein Kunde ihm sein ausstehendes Honorar nicht zahlen wollte, wandte sich Gaudí, ohne zu zögern, an ein Gericht; er gewann den Prozess und spendete das Geld einem Nonnenkloster. In Absprache mit seinem Gemeinde-pfarrer entwarf Gaudí ein Schulgebäude für die Kinder der ärmsten Familien seines Viertels und finanzierte den Bau aus eigener Tasche. „Die Armen müssen in der Kirche stets Aufnahme finden, denn sie ist die christliche Nächstenliebe«, pflegte er zu sagen.

Mitunter hatte Gaudí Anfälle von schlechter Laune, die sich in scharfen Worten äußerten. „Mit meinem Temperament«, sagte er, „kann ich gar nicht anders als die Dinge so anzusprechen, wie ich sie sehe. Gewiss, die Leute leiden darunter ... Meine Willenskraft half mir stets, alle Hindernisse zu überwinden, sie hat nur in einem einzigen Punkt versagt: beim Bessern meines Temperaments.« Trotzdem war er alles in allem fröhlich und scherzte gern.

Bei ihm

Bei einem Krankenhausbesuch in Begleitung eines  Steinmetzes wurde Gaudí einmal von einer Schwester zu einem sterbenden Armen geführt, der keine Familie hatte. Die beiden Männer blieben und beteten leise bei dem Kranken, bis er friedlich entschlief. „Die Andacht des Sterbenden hat mich davon überzeugt, dass die Heilige Familie bei ihm war. Ich meine, wir sollten die Szene im Kreuzgang der Sühnekirche abbilden,« sagte Gaudí und machte auf der Stelle eine Skizze, wie sich das Jesuskind in den Armen seiner Mutter lächelnd hinabbeugt, um den Sterbenden zu streicheln, während der heilige Josef vom Fußende des Bettes aus zuschaut.

Gaudí brachte die Fähigkeiten eines jeden zur Entfaltung: „Das Werk erwächst aus der Zusammenarbeit, und diese kann nur auf Liebe gründen. Der Architekt muss alles, was seine Mitarbeiter wissen und tun können, verwerten. Man muss die spezifische Stärke eines jeden nutzen. Alle Bemühungen müssen integriert, gebündelt und, sobald sie erlahmen wollen, unterstützt werden. So wird freudig und mit der Zuversicht gearbeitet, die auf dem vom Organisator geweckten vollen Vertrauen fußt. Man muss wissen, dass es keine nutzlosen Menschen gibt. Jeder ist nach Maßgabe seiner Fähigkeiten nützlich. Man muss sie nur bei ihm entdecken.« Gleichwohl liebte Gaudí gut gemachte Arbeit und strebte nach Vollkommenheit: „Wenn die Leute etwas machen und die Arbeit einigermaßen gelungen ist, hören sie sofort auf und begnügen sich mit dem Erreichten; das ist falsch: Wenn ein Werk auf dem Weg der Vervollkommnung ist, muss es so lange verbessert werden, bis es vollkommen wird.« Aus eigener Erfahrung wusste er, dass man auf Anhieb nur selten ein gutes Ergebnis erzielt. Wollte man ihm Fristen setzen, pflegte er daher zu erwidern: „Mein Kunde hat es nicht eilig.« Er betrachtete nämlich Gott als seinen einzigen Kunden. Wenn er bei einem Mitarbeiter einen Fehler bemerkte, korrigierte er ihn rücksichtsvoll, indem er z.B. sagte: „Wir haben uns nicht richtig verstanden, wir werden es nochmals versuchen.«

Große Überwindung

Nach dem vorzeitigen Tod seiner Nichte und kurz  danach seines Vaters, notierte Gaudí 1912: „Ich habe nichts mehr. Jetzt kann ich mich voll und ganz dem Sühnetempel der Heiligen Familie widmen.« Im Oktober 1925 zog er sogar aus seinem Haus im Park Güell auf die Baustelle der Sagrada Família. Er kleidete sich ärmlich und ernährte sich hauptsächlich von Trockenfrüchten und Ziegenmilch mit Zitrone. Alle seine Honorare flossen in den Bau der Basilika. Es gab jedoch auch Enttäuschungen. Als die Wirtschaftskrise spürbar wurde, ging er betteln, um die Arbeiter bezahlen zu können, obwohl es ihn große Überwindung kostete. Eines Tages gab ihm eine arme Frau eine Peseta, einen winzigen Betrag; er legte die Münze beglückt in den Opferstock der Kirche. Als die Infantin Isabella die Sagrada Família besuchte, wollte Gaudí zur Stelle sein, doch die königliche Garde wies ihn wegen seiner ärmlichen Kleidung ab. Seine Mitarbeiter waren empört: „Was sind die Wachen dumm!« – „Nein«, erwiderte Gaudí. „Sie sind nur auf ihrem Posten.« Mitunter hielt man ihn für den Sakristan, und er informierte demütig über die Gottesdienstzeiten. Als eines Tages der Expräsident der Ersten Spanischen Republik, Francesc Pi i Margall, bei einem Besuch der Sagrada Família die Krypta betrat, die damals schon für Gottesdienste genutzt wurde, bot ihm Gaudí freundlich Weihwasser dar. Pi i Margall tat, als hätte er es nicht gesehen. Doch Gaudí ließ nicht locker: „Bitte, Señor Francesc.« Dieser war selbst am meisten überrascht, als er sich plötzlich vor aller Welt bekreuzigte.

Ein andermal kam der Rektor der Universität Salamanca, Miguel de Unamuno, ein großer Schriftsteller und Agnostiker. Angesichts der von christlichen Symbolen überquellenden Geburtsfassade sagte er zum Architekten: „Dass Sie als intelligenter Mensch noch an solche Dinge glauben!« Gaudí reagierte nicht. Als es bald danach zum Angelus läutete, brach er die Unterhaltung ab, nahm die Mütze vom Kopf und begann ohne Rücksicht auf seine Umgebung, andächtig zu beten; danach sagte er: „Laus Deo! Ich wünsche allen eine gute Nacht!«

Und als ein Besucher vor derselben, mit natürlichen Elementen üppig geschmückten Fassade bewundernd ausrief: „Aber das ist ja ein Hymnus an die Natur!«, erwiderte Gaudí: „Stimmt, aber sagen Sie lieber an die Schöpfung!« Wegen der vielen Pflanzen- und Tierornamente wurde er auch heftig kritisiert. Er rechtfertigte sich mit dem Argument, dass all diese Pflanzen und Tiere voller Leben und Bewegung dargestellt seien: Die Natur gestalte so den Hof ihres Schöpfers.

Antoni ging jeden Tag zur Messe und studierte intensiv das Evangelium, das er gerne zitierte und von dem er sich bei Personendarstellungen an der Sagrada Família inspirieren ließ. Für ihn war „ein Mensch ohne Glauben ein verkrüppelter Mensch. Um die Dinge gut zu machen, braucht man zunächst Liebe und erst dann technisches Wissen.« Vom gregorianischen Gesang war Gaudí so begeistert, dass er am Musikpalast von Barcelona einen Kurs belegte. Auf die Frage dem Grund seines Interesses erwiderte er: „Ich komme hierher, um Architektur zu studieren!« Die Chöre der Sagrada Família sind für rund 3000 Sänger ausgelegt, da Gaudí der Ansicht war, dass die Zukunft der Kirche gehöre. Er wusste, dass alle Weisheit und alles Mühen des Menschen, Gott näherzukommen, ihre Krönung in Christus finden. Seine Architektur war ein fulminantes Zeugnis dieser Überzeugung: Elemente anderer Traditionen bzw. Kulturen wurden gleichsam als Sockel für das Kreuz verwendet. Wenn Gaudí Besucher über die Baustelle führte, hörten sich seine Erklärungen wie eine überragende Darstellung der christlichen Lehre an. Etliche Anhänger anderer Religionen, insbesondere Buddhisten und Shintoisten, wurden durch den Kontakt mit Gaudí bzw. seinem Werk zum Katholizismus bekehrt.

Wie er es gewünscht hatte

Am 7. Juni 1926 wurde Gaudí beim Verlassen der  Baustelle von einer Straßenbahn angefahren. Man hielt ihn für einen Bettler und brachte ihm in ein von Nonnen betriebenes Armenhospital, wo er die Krankensalbung empfing. Als er schließlich erkannt wurde, boten die besten medizinischen Teams ihre Hilfe an, doch sie kamen zu spät. Am 10. Juni starb Gaudí, arm, wie er es gewünscht hatte, mit den Worten „Mein Gott, mein Gott!« auf den Lippen. Seine Beerdigung war ein öffentliches Großereignis, an dem eine riesige Trauergemeinde teilnahm –- von zivilen und kirchlichen Würdenträgern bis hin zu den einfachsten Leuten. Er wurde in der Krypta „seiner« Kirche in der Kapelle Unserer Lieben Frau vom Karmel beigesetzt. Es läuft ein Seligsprechungsverfahren für ihn, denn es werden zahlreiche Gnadenerweise auf seine Fürsprache zurückgeführt.

Gaudí hatte nicht vor, sein Werk selbst zu vollenden: „Ich möchte den Tempel nicht fertigbauen. Das geht nicht an. Die Errichtung des Tempels ist ein Gebet in der Zeit. Auch künftige Generationen müssen die Möglichkeit haben, Gott durch die Arbeit am Bau zu lobpreisen und dabei andere Stilmittel einzusetzen.« Oft sagte er nur: „Der heilige Josef wird den Tempel fertigstellen.« In der Tat ist die von Papst Benedikt XVI. zur Basilika erhobene Sagrada Família immer noch unvollendet.

In seiner Ansprache hob der Papst einen grundlegenden Aspekt des Werkes hervor: Gaudí „verwirklichte das, was heute zu den wichtigsten Aufgaben gehört: die Überwindung der Spaltung zwischen menschlichem und christlichem Bewusstsein, zwischen der Existenz in dieser zeitlichen Welt und der Öffnung zum ewigen Leben, zwischen der Schönheit der Dinge und Gott als der Schönheit selbst ... Wir haben diesen Sakralraum Gott geweiht, der sich uns in Christus offenbart und hingegeben hat, um endgültig Gott unter den Menschen zu sein ... Die Kirche hat keinen Bestand aus sich selbst heraus; sie ist berufen, Zeichen und Werkzeug Christi zu sein, in reiner Fügsamkeit gegenüber seiner Autorität und in völligem Dienst an seinem Gebot. Der eine Christus gründet die eine Kirche; er ist der Fels, auf dem unser Glaube gründet. Auf der Grundlage dieses Glaubens versuchen wir gemeinsam, der Welt das Antlitz Gottes zu zeigen, der die Liebe ist und der allein auf das Verlangen des Menschen nach Erfüllung antworten kann. Das ist die große Aufgabe: allen zu zeigen, dass Gott der Gott des Friedens ist und nicht der Gewalt, der Freiheit und nicht des Zwangs, der Eintracht und nicht der Zwietracht.«

Möge Gott jeden Einzelnen von uns an seinem Platz zu einem Baumeister der Schönheit und des Friedens machen, zu einem Zeugen der Wahrheit, die Christus ist, damit wir alle zu Recht Gottes Kinder genannt werden können!

Dom Antoine Marie osb

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