Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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2. März 2011
Monat des hl. JOSEF


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Im Lager Zella-Mehlis im Thüringen waren viele für den Pflichtarbeitsdienst  STO eingezogene Franzosen untergebracht. Am 19. April 1944 ging der  junge Bretone Marcel Callo in aller Frühe wie gewohnt zur Arbeit in die Fabrik, kehrte jedoch bereits gegen 11 Uhr in die Baracke zurück. Joël, ein Kamerad aus der Nachtschicht, staunte: „Na, Marcel, bist du krank?« – „Ich bin verhaftet worden.« Gleich darauf trat ein Gestapomann in die Baracke, durchsuchte Marcels Sachen und prüfte seine Bücher und Papiere. Joël fragte ihn nach dem Verhaftungsgrund. „Monsieur ist viel zu katholisch«, erwiderte der Polizist. Er forderte Marcel auf, ihm zu folgen. Der junge Mann ergriff seinen Rosenkranz, drückte Joël die Hand und bat ihn: „Teile bitte meinen Eltern und meiner Braut mit, dass ich verhaftet bin.«

Marcel wurde als das zweite von neun Kindern am 6. Dezember 1921 in Rennes (Bretagne) als Sohn eines einfachen Arbeiters geboren. Die Familie war arm an irdischen Gütern, aber reich an Glauben. Marcel half gern im Haushalt mit und war ein fröhlicher, lustiger Junge; sein Hauptfehler war zweifelsohne seine Dickköpfigkeit, Irrtümer konnte er jedoch durchaus zugeben. Obwohl in der Schule sein unregelmäßiges Lernen bemängelt wurde, fanden ihn die Lehrer insgesamt fleißig; alle waren von seiner Aufrichtigkeit und seiner Umgänglichkeit angetan. Marcel engagierte sich bereits mit acht Jahren im „Eucharistischen Kreuzzug«, einer Bewegung, die Liebe zu Jesus in der Hostie vermittelte. Er lernte, seine Tage dem Herzen Jesu als Opfer für das Heil der Seelen darzubringen. Gemäß dem Leitspruch der Bewegung, „Bete, kommuniziere, opfere dich, sei Apostel!«, diente er jeden Morgen als Messdiener und ging alle vierzehn Tage zur Beichte.«

Eine neue Seite

1933 trat Marcel der 5. Pfadfindergruppe von Rennes bei. Die Ideale der Pfadfinder – Treue, Mut, Dienst und Reinheit – entsprachen seinem tiefsten Streben; begeistert befolgte er das Pfadfindergesetz und vergaß dabei nicht, dass die Aufgabe des Pfadfinders zu Hause beginnt. 1936 übernahm er die Leitung einer Truppe. Der Pfadfinder–bewegung war es zu verdanken, dass Marcel später zu einer Führungs–persönlichkeit der Christlichen Arbeiter–jugend Jeunesse Ouvrière Chrétienne (JOC) heranreifen konnte.

„Die Pfadfinderbewegung räumt der Gottesverehrung und dem Gottesdienst den zentralen Platz ein, der ihnen im Leben des Menschen zukommt«, sagte Papst Pius XII., „und versetzt dadurch den jungen Menschen in die Lage, im Lichte der göttlichen Sonne den wahren Wert, den wirklichen Glanz jedes Gegenstandes, jeder Ordnung, jeder erschaffenen Schönheit zu erkennen. Gott in seinen Werken suchen, finden, schmecken und verherrlichen, das ist die Grundlage der Pfadfinder-bewegung« (10. September 1946).

Nachdem er 1934 die Schule beendet hatte, begann Marcel eine Schriftsetzerlehre. Er war stolz, seine Eltern nunmehr finanziell unterstützen zu können. Sein Start in der Druckerei war schwierig. Sein christliches Ideal prallte auf die liederlichen Sitten der Arbeiter, die darum wetteiferten, die Jüngeren mit ihren Lastern vertraut zu machen. Wenn sie sich mit schlüpfrigen Witzen amüsierten, lachte er nicht mit, sondern erzählte später alles seiner Mutter, die die Dinge wieder zurechtrückte. Auf ihren Rat hin wandte Marcel sein Herz immer mehr der Heiligen Jungfrau zu. Er wurde bald ein kompetenter Arbeiter, der bei seinem Vorgesetzten ebenso beliebt war wie bei den neuen Lehrlingen, die er geschickt dem verderblichen Einfluss der Älteren entzog.

Da der Pfarrer der Saint-Aubin-Kirche, Abbé Martinais, in der Ortsgruppe der JOC eine schwindende christliche Gesinnung beklagte, begann er nach Jugendlichen zu suchen, die das Ruder herumreißen könnten. Auf seine Bitte hin verließ Marcel 1936 schweren Herzens die Pfadfinder und schloss sich der JOC an. Er wurde überaus kühl aufgenommen; die jungen Arbeiter besuchten die Treffen zur Unterhaltung und begegneten der Kirche sowie den „Neuen« wie Marcel, die sie für Handlanger des Klerus hielten, mit Misstrauen. Marcel erkannte schnell, dass die Aufgabe der JOC darin bestand, das Gefühl der Arbeiter für die Würde ihrer vermeintlich minderwertigen Arbeit zu wecken und sie daran zu erinnern, dass alle Menschen Gottes Kinder sind. Dazu brauchte es reine, fröhliche und einnehmende Mitstreiter, die auf die Gefolgschaft Christi stolz waren. An manch einem Abend gab es heftige Diskussionen. Marcel, der in seinen Ansichten sehr bestimmt war, sah sich zum ersten Mal direkt mit Konflikten konfrontiert: Man respektierte ihn allerdings auf Grund seines Benehmens. Manchmal ärgerte er sich über bestimmte Worte oder Umtriebe, und er ließ seinem Zorn freien Lauf, doch das geschah stets mit Respekt vor seinen Gegnern. Nach und nach lernte er, seine Zornausbrüche zu zügeln.

Gruppenleiter mit siebzehn Jahren

Marcel war ein treuer Besucher des Studienkreises  der JOC und widmete sich privat besonders der Kirchenlehre. 1938 trat das ganze Leitungsgremium der JOC-Gruppe von Saint-Aubin zurück. Marcel war inzwischen so beliebt, dass er trotz seiner erst 17 Jahre zum Gruppenleiter gewählt wurde. Er stellte ein bemerkenswertes Team auf die Beine, das durch seine Dynamik die ganze Pfarrgemeinde positiv beeinflusste. Von apostolischem Eifer beseelt, setzte Marcel alles in Bewegung, um benachteiligte und arbeitslose Jugendliche anzulocken. Bei seinen jungen Mitstreitern warb er leidenschaftlich für die Methode des Abbé Cardijn, des Gründers der Christlichen Arbeiterjugend: „Lerne zu denken wie Christus, um die Gesinnung Christi zu haben.« Das Wichtigste für ihn selbst war, „vierundzwanzig Stunden am Tag in Gott zu leben«. Jedes JOC-Mitglied gelobte nicht nur, täglich zur Messe und zur Kommunion zu gehen, sondern auch eine Viertelstunde Einkehr pro Tag zu halten und sowohl für geistliche Lektüre als auch für allgemeinbildende Studien wöchentlich einmal Zeit zu reservieren.

Marcel bereitete die Gruppentreffen sorgfältig vor, organisierte Spiele, Fahrradausflüge und tat alles, um eine brüderliche Atmosphäre zu schaffen. Die Freizeit war ihm sehr wichtig, denn sie bot gute Gelegenheit, die Jugendlichen mitzureißen; und nichts lag ihm mehr am Herzen. Seine Gutmütigkeit brachte ihm viele Freundschaften ein. Er lachte und spielte den Clown, vor allem aber ging von seinem Inneren eine intensive Ausstrahlung aus. Es kamen immer mehr Jugendliche zu den Treffen, und sie fanden nach und nach wieder Zugang zur Kirche. Sie waren nicht mehr „die Verdammten dieser Erde«, wie ihnen manch ein revolutionär gesonnener Kollege einzureden versuchte; sie waren Kinder Gottes, und ihre Arbeit, die sie im Verein mit Christus taten, diente der Errettung der Welt.

In seiner Enzyklika Laborem exercens (Nr. 27) lehrte Johannes-Paul II.: „Jede Arbeit – ob körperlich oder geistig – ist unvermeidlich mit Mühen verbunden. Das Buch Genesis bringt dies in wirklich eindringlicher Weise zum Ausdruck, indem es der ursprünglichen Segnung der Arbeit, die im Schöpfungsgeheimnis enthalten und mit der Erhöhung des Menschen zum Abbild Gottes verbunden ist, den Fluch entgegenstellt, den die Sünde mit sich gebracht hat ... Indem der Mensch die Mühsal der Arbeit in Einheit mit dem für uns gekreuzigten Herrn erträgt, wirkt er mit dem Gottessohn an der Erlösung der Menschheit auf seine Weise mit. Er erweist sich als wahrer Jünger Christi, wenn auch er Tag für Tag bei der ihm aufgegebenen Tätigkeit sein Kreuz auf sich nimmt ... In der menschlichen Arbeit findet der Christ einen kleinen Teil des Kreuzes Christi und nimmt ihn mit der gleichen Erlösergesinnung auf sich, mit der Christus für uns sein Kreuz auf sich genommen hat (14. September 1981).

Gebets- und Andachtszeiten nahmen in der Bewegung breiten Raum ein, doch sie waren stets gut in den Alltag der Arbeiter integriert. Marcel meinte: „Man kann unmöglich mit leeren Händen in die Messe kommen.« Einer seiner Freunde berichtete: „Wir dachten immer, dass es für einen guten Christen ausreiche, morgens und abends zu beten, sonntags in die Messe zu gehen, das sei alles. Darüber hinaus gebe es nichts weiter. Seit Marcel es mir beigebracht hat, ‚gehe' ich nicht einfach in die Messe, sondern versuche, mich daran zu beteiligen, nicht mit leeren Händen zu kommen, etwas von meinem Leben darzubringen.« Marcel nahm oft seine Freunde mit, wenn er das Allerheiligste besuchte; seine Andacht beeindruckte alle. Von 1939 an organisierte er auch eine „Kommunionskette« für den Frieden und für die Kriegsgefangenen.

Die Gemeindeglieder staunten

Die deutsche Besatzung vom Sommer 1940 an konn- te den missionarischen Eifer des jungen Mannes nicht bremsen. In der Fastenzeit 1941 setzte er mit Hilfe seiner Freunde alle Hebel in Bewegung, um möglichst viele junge Leute für eine dreitägige Einkehr in Saint-Aubin zu gewinnen. Die Gemeindeglieder staunten nicht schlecht, als sie all die kirchenfernen jungen Leute ankommen sahen. Marcel erkannte, dass der Erfolg seines Kampfes an ein Leben des Gebets, ein Leben echter Vertrautheit mit Jesus geknüpft war: „Gott ist alles, wir sind nichts. Ohne den Beistand Christi wäre all unsere Mühe vergeblich.« Er führte einen beherzten Kampf gegen die Sünde: „Wir sind oft schlechte Werkzeuge in Gottes Hand, weil wir schlechte Gewohnheiten, schlechte Neigungen haben. Die Sünde schwächt unser spirituelles Leben, sie zieht uns herab und hindert uns daran, für die gute Sache zu kämpfen, uns hinzugeben. Nur in dem Maße, wie wir Christus in uns aufnehmen, werden wir zum Wohle der Gemeinschaft wirken können. Ich muss mich jeden Tag Christus ein bisschen weiter anpassen.«

Bald wurde die JOC von der Besatzungsmacht verboten. Marcel ließ sämtliche Akten und Papiere verschwinden, die Gruppe gab ihren Versammlungsraum auf und wurde ein „Sportverein«! An den Aktivitäten änderte sich nichts; das Untergrunddasein beflügelte sogar den Eifer der jungen Leute. Sie agierten im Verborgenen – wie die ersten Christen! In dieser Zeit lernte Marcel Marguerite, eine junge Mitstreiterin, kennen. Bald begannen sie Pläne für eine gemeinsame Zukunft zu schmieden. Die offizielle Verlobung sollte im Sommer 1943 stattfinden. Am 8. März geriet jedoch alles ins Wanken: Die Stadt Rennes wurde von den Alliierten bombardiert. Marcel lief wie viele andere sofort los, um den Opfern zu helfen. Mit Entsetzen sah er, dass das Gebäude, in dem seine Schwester Madeleine arbeitete, völlig zerstört war. Sobald man anfangen konnte, die Trümmer wegzuräumen, fand Marcel den Leichnam seiner Schwester. Er musste den Eltern die schreckliche Nachricht überbringen. Trotz seiner tiefen Betroffenheit sagte er: „Wenn Gott uns Madeleine genommen hat, so deshalb, weil Er sie als bereit für den Himmel erachtete. Wäre sie später ebenso bereit gewesen? Oder hätte sie sich vielleicht ins Verderben stürzen können? Die Vorsehung weiß besser als wir, was wir brauchen.«

Gewissenskonflikt

Die Bewährungsprobe hatte für Marcel damit erst  begonnen. Er trug ein schreckliches Geheimnis in der Tasche – seine Einberufung zum Service du Travail Obligatoire (STO), einen Arbeitsdienst in Deutschland, zu dem junge Franzosen per Gesetz verpflichtet waren, um die in der Armee dienenden deutschen Arbeiter und Landwirte zu ersetzen. Marcel befand sich in einem Gewissens–konflikt: Sollte er seine Familie, die noch unter dem Schock von Madeleines Tod stand, seine Verlobte sowie die JOC verlassen oder lieber in Frankreich bleiben und in den Untergrund gehen? In letzterem Fall war jedoch mit Repressalien gegen die Familie zu rechnen, vor allem gegen den älteren Bruder Jean, der im Juni zum Priester geweiht werden sollte. „Ich gehe nicht als Arbeiter dorthin«, sagte er zu seinen Angehörigen. „Ich gehe als Missionar; es gibt so viel zu tun, um Christus zu verkünden.«

Am 19. März 1943 wurde Marcel nach Zella-Mehlis in Thüringen verbracht, wo Franzosen in einer Fabrik Raketenwerfer montierten; er musste 10 Stunden am Tag in einer drückenden Atmosphäre unter Kollegen durchstehen, die vor allem an einem lasterhaften Leben interessiert waren. Man stahl ihm gleich seine Ersparnisse. Die ersten Wochen in Deutschland waren sehr leidvoll. Es wurde kein Gottesdienst geduldet, und es schien unvorstellbar, die in Frankreich verbotene JOC hier wieder aufleben zu lassen. In der protestantischen Gegend gab es keine katholische Kirche. Eines Tages zeigte sich jedoch Licht am Horizont: Marcel entdeckte einen kleinen Raum, in dem ein deutscher Priester sonntags die Messe las. Er hatte sich zwar den Finger verbrannt, litt unter Zahnweh und Bauchschmerzen, aber er würde am Sonntag in die Messe gehen können! Zudem besuchte er von da an, sooft er konnte, das Allerheiligste und betete zur Mutter Gottes. Er schöpfte Kraft und Mut, und sein Glaubenseifer lebte wieder auf. „Es gibt hier viele moralische Wunden, die gepflegt werden müssen«, schrieb er an seine Verlobte. „Die ersten beiden Monate nach meiner Ankunft waren extrem hart und mühsam. Ich war lustlos, abgestumpft und hatte das Gefühl, dass ich langsam einging. Doch plötzlich rief Christus nach mir: Er trug mir auf, mich um meine Kameraden zu kümmern. Daraufhin kehrte meine Lebensfreude zurück.« Zur Priesterweihe seines Bruders am 29. Juni schrieb er: „Die schmerzliche Trennung lässt mich das Leben ein bisschen besser verstehen: Im Leiden wird man ein besserer Mensch.«

Nach und nach zog Marcel immer mehr Kameraden sonntags mit sich, und hoffte, dass bald alle zur Messe gehen würden. An Ostern waren zu seiner Freude alle Zimmergenossen mit einer Ausnahme dabei. Einmal im Monat las der Priester auf Marcels Bitte hin eine Messe für französischsprachige Besucher mit französischen Kirchenliedern. „An die hundert Franzosen waren gekommen. Und welche Begeisterung! Alle sangen mit einer einzigen Stimme. Am meisten gefreut hat mich aber, dass es uns gelungen war, Kameraden mitzuziehen, die seit Jahren keine Messe besucht hatten.« Um diese bei Laune zu halten, organisierte er sportliche und künstlerische Aktivitäten (Singen, Musik, Theater). Sein Einfluss wurde immer größer. Selbst bei verstockten Kameraden war er geachtet, und man bat ihn gern um Rat. Er war stets bereit zu helfen, Vertrauliches anzuhören, seine Lebensmittelpakete mit bedürftigen und kranken Kameraden zu teilen. Er selbst lebte aus der Erinnerung an seine Verlobte und sprach oft von ihr, um anzügliche Sprüche zu neutralisieren. Oft änderte sich der Ton bereits bei seinem Erscheinen.

Ein geheimes Netz

Die JOC stellte in den einzelnen Arbeitslagern eine  Geheimorganisation auf die Beine. Die Verantwortlichen ergriffen jede Gelegenheit, sich zu treffen und bei ihrem gemeinsamen Apostolat gegenseitig zu helfen. In Thüringen entstand ein richtiges Widerstandsnetz. Als der Erzbischof von Paris, Kardinal Suhard, vom großartigen Engagement der JOC-Mitglieder erfuhr, richtete er ein Schreiben mit seinem Segen und seinem Dank an sie. Die Gestapo wiederum spionierte der JOC nach und betrachtete sie als antinazistische politische Partei. Im April 1944 wurde das Netz zerschlagen. Am 19. traf Marcel im Gestapogefängnis elf verhaftete Freunde wieder, darunter zwei Priester und zwei Seminaristen. Sie wurden nacheinander verhört, bedroht und misshandelt, um ihre Pläne sowie die Namen ihrer Mitstreiter in Erfahrung zu bringen. Am folgenden Sonntag stimmten die zwölf Häftlinge in ihren jeweiligen Zellen gemeinsam die Missa de angelis an. Sie hatten Angst und Hunger, litten unter der Kälte, doch in ihrem Herzen waren sie innig vereint. Ende April wurden sie in das Gefängnis von Gotha verlegt und warteten dort auf ihre Verurteilung. Tagsüber arbeiteten sie mit anderen Gefangenen auf einem nahegelegenen Bauernhof, wo sie sich wenigstens sattessen konnten. Auf dem Heimweg von der Arbeit wurde ihnen am 16. Juli von einem JOC-Mitglied heimlich ein Päckchen mit geweihten Hostien zugesteckt: eine Riesenfreude für die Häftlinge, die nach 88 Tagen des Wartens endlich den Herrn empfangen konnten, für den sie verfolgt wurden!

Marcel schrieb 180 Briefe bzw. Postkarten aus Deutschland. Der letzte datiert vom 6. Juli 1944 und offenbart sein Innerstes. Zunächst bekennt Marcel, wie sehr er darunter leidet, keine Nachrichten von seiner Familie zu bekommen, und fährt fort: „Glücklicher–weise gibt es einen Freund, der mich keinen Augenblick verlässt und der mir in schmerzhaften und quälenden Stunden beistehen kann. Mit Ihm hält man alles aus. Ich bin Christus so dankbar, dass er mir den Weg gewiesen hat, auf dem ich mich momentan befinde. Ich kann Ihm großartige Tage darbringen! ... All mein Leiden bringe als Opfer für Euch dar, liebe Eltern, für meine kleine Braut, für Jean, damit sein Amt Früchte trägt, für alle Kameraden. Es ist ja so süß und tröstlich, für geliebte Menschen zu leiden. Ich bemühe mich, ein besserer Mensch zu werden, indem ich immer näher an Gott heranrücke. Ich denke auch an Frankreich. Es ist schmerzlich, unser Land in seinem derzeitigen Zustand zu sehen; wir werden es wieder aufbauen, alle, die gelitten haben, und wir werden ihm sein wahres Gesicht wiedergeben. Gott, Familie, Heimat – drei Worte, die sich ergänzen und die nie voneinander hätten getrennt werden dürfen. Wenn jeder auf diese drei Grundlagen bauen, sich auf sie stützen würde, ginge alles gut.«

Der Regierung geschadet

Im August kamen viele neue Häftlinge; so legte man  die JOC-Mitglieder in einer – von den Wärtern „Kirche« genannten – Zelle zusammen, wo sie zu ihrer Freude gemeinsam beten und singen konnten. Am 25. September wurde ihnen das Urteil verkündet: Deportation in ein Konzentrationslager. Jeder musste zuvor folgende Erklärung unterzeichnen: „Durch die katholische Beeinflussung meiner französischen Kameraden beim obligatorischen Arbeitsdienst in Deutschland habe ich der nationalsozialistischen Regierung und dem Wohl des deutschen Volkes geschadet.« Von den zwölf Gefangenen sind nur vier aus den KZ heimgekehrt.

Am 6. Oktober wurde Marcel nach Mauthausen in Österreich verlegt, wo 90 % der damals unter erbärmlichsten Bedingungen arbeitenden Deportierten durch schlechten Behandlungen, Mord oder Krankheiten ums Leben kamen. Marcel wurde einer unterirdischen Flugzeugfabrik zugeteilt. Nachdem man ihm seine Brille gestohlen hatte, waren seine Augen durch die reflektierenden Aluminiumplatten manchmal so geblendet und blutunterlaufen, dass er fast nichts mehr sah. Die kleinste Ungeschicklichkeit wurde als Sabotage gewertet und mit Schlagstockhieben geahndet; Marcel musste das viermal über sich ergehen lassen. Abgemagert und erschöpft ertrug er alles, ohne sich von Hass oder auch nur Groll gegen seine Henker vereinnahmen zu lassen. Er fand immer wieder Mittel, andere zu trösten und aufzurichten: „Vertrauen, Christus ist mit uns. – Wir dürfen uns nicht gehen lassen, Gott behütet uns.« Man fühlte sich wohl in seiner Nähe: Sein heroischer Glaube machte den Kameraden Mut. Er betete gern mit allen, die es wollten. Seine physische Erschöpfung war allerdings manchmal so groß, dass er selbst um Beistand bat: „Helft mir, bitte, ich kann nicht mehr.« Neben Tuberkulose und Ruhr bekam Marcel ein Beinödem sowie eine Furunkulose und wurde auf die Krankenstation verlegt. Dort fehlte es an allem: neben Medikamenten auch an Nahrungsmitteln. Die Kranken blieben sich selbst überlassen und waren auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Am Abend des 18. März 1945 brach Marcel zusammen. Oberst Tibodo, ein französischer Mithäftling, trug ihn zu seiner Pritsche. Unter seinen Augen erlosch Marcel sanft wie eine Lampe, der das Öl ausgeht: „Sein Blick war einzigartig, ein Blick, der etwas anderes sah und die tiefe Überzeugung ausdrückte, dass er in Richtung Glückseligkeit aufbrach. Es war ein Akt des Glaubens und zugleich der Hoffnung auf ein besseres Leben. Niemals und nirgends habe ich bei einem Sterbenden – und ich habe Tausende sterben sehen – einen solchen Blick gesehen. Er hatte den Blick eines Heiligen. Für mich war das eine Offenbarung.« Am 19. März 1945, dem Festtag des hl. Josef, des Patrons für einen guten Tod, flog Marcel im Alter von 23 Jahren dem Himmel entgegen.

Bei der Seligsprechung Marcel Callos am 4. Oktober 1987 sagte Papst Johannes-Paul II.: Marcel besitze „die einzigartige Ausstrahlung derer, die Christus in sich aufnehmen und die sich für die vollständige Befreiung ihrer Mitmenschen opfern«.

Dom Antoine Marie osb

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