Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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25. Januar 2011
Bekehrung des hl. Apostels Paulus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Man kann das Christentum ‚intellektuell' sehr gründlich  kennen und doch nicht danach leben. Dafür müssen wir  erst ein erfülltes inneres Leben erlangen, einen innigen Glauben, der die Seele verwandelt; um diese Gabe müssen wir Gott immerfort bitten, denn Er allein kann sie gewähren.« Diese tiefgründigen Worte an eine Freundin offenbaren uns Élisabeth Leseurs Seele; sie erklären und beleuchten ihren eigenen spirituellen Weg.

Élisabeth Leseur wurde am 16. Oktober 1866 als erstes der fünf Kinder von Antoine und Marie-Laure Arrighi in Paris geboren. Ihr Vater war korsischer Abstammung und hatte als Jurist einen vielbeneideten Posten im Justizpalast inne. Die Mutter lehrte die Kinder beten und öffnete deren Herz für die Gottesliebe. Élisabeth notierte am 14. November 1877 in ihrem ersten Tagebuch: „Gestern war ich zum dritten Mal in der Katechismusstunde. Ach, wie mich das interessiert!... Ich freue mich, dass ich diese Woche beichten darf; ich habe es sehr nötig.« Sie entwarf einen Tagesplan für sich und hielt jeden Tag eine ihrem Alter entsprechende Andacht. Bald erwachte in ihr der Wunsch, ihre Fehler zu korrigieren; doch das war nicht einfach: „Nein, ich bin nicht brav, ganz im Gegenteil. Wenn man mir was sagt, widerspreche ich gleich, vor allem Pierre (ihrem Bruder) ... Ich will nie zugeben, dass ich unrecht habe.« Im Mai 1879 empfing sie die Erstkommunion und zugleich das Sakrament der Firmung. Neben ihrer ausgeprägten Vorliebe für alles Geistige und Künstlerische verlor sie auch den Ernst des Lebens nicht aus den Augen. „Der Prediger hat uns bei den Exerzitien vom Auftrag des jungen Mädchens und der christlichen Frau erzählt. Er sagte, dass dieser Auftrag göttlich ist. Dass wir auf unserem irdischen Weg viel Gutes oder viel Böses tun können ... Er sagte auch, dass wir die Selbstsucht fürchten müssen, die immer nur an sich denkt.« Mit etwa zwanzig Jahren lernte Élisabeth Félix Leseur kennen.

Félix wurde als drittes Kind einer wohlhabenden Familie am 22. März 1861 in Reims geboren. Sein Vater war ein brillanter Rechtsanwalt und gehörte mehreren katholischen Verbänden an. Seine Mutter, eine überaus fromme Frau, hatte ein von gegenseitiger Liebe geprägtes Heim geschaffen, in dem auch des Nächsten gedacht wurde. Félix besuchte katholische Schulen. Er war ein begeisterter Leser und verschlang heimlich die freigeistigen Werke des 18. Jh. ebenso wie die großen Romane des 19. Jh. Er interessierte sich für Geographie und wollte eine Laufbahn in den französischen Kolonien einschlagen. Dafür begann er in Reims in einem Kreis überzeugter Materialisten Medizin zu studieren. Bald ging auch er dazu über, die Dogmen zu negieren, und legte jede religiöse Überzeugung ab. Solange er in seiner Familie lebte, brach er jedoch nicht offen mit der Kirche, da er seinen Eltern keinen Kummer bereiten wollte. Félix schloss sein Medizinstudium in Paris ab. Die Atmosphäre pulsierender Betriebsamkeit in der Hauptstadt gefiel ihm; es gab reichlich Gelegenheit zum Lernen, aber auch zur Unterhaltung: Theater, Konzerte, Cabarets ... Er schrieb Zeitungsartikel über die Kolonien und legte dabei ebenso umfassende Kenntnisse wie ein sicheres Urteil an den Tag. Interessante Fakten wusste er dem großen Publikum in wenigen überzeugenden und gut dokumentierten Zeilen zu präsentieren.

Gleiche Vorlieben

Félix lernte Élisabeth Arrighi bei Freunden kennen; ihr  Scharfsinn, ihre Fröhlichkeit, Vornehmheit, Empfindsamkeit und breite Bildung gefielen ihm gut. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten in religiösen Fragen hatten beide die gleichen Vorlieben, Verhaltensweisen und intellektuellen Interessen. Sie verlobten sich am 23. Mai 1889. Bald danach gaben Élisabeths Eltern Félix zu verstehen, dass sie nie damit einverstanden wären, wenn ihre Tochter mit ihm nach Übersee ginge. Um sie heiraten zu können, verzichtete er auf eine Karriere in den Kolonien. Dieser Liebesbeweis sowie Félix' Versprechen, ihr jede Freiheit in der Religionsausübung zu lassen, ließen Élisabeth hoffen, dass er mit ihrer Hilfe zum Glauben seiner Kindheit zurückfinden werde. Sie heirateten am 31. Juli 1889. Am Ende des Sommers erkrankte Élisabeth an einem Darmabszess, von dem sie sich zwar nach mehreren Monaten erholte, unter dessen Spätfolgen sie jedoch ihr ganzes Leben lang zu leiden hatte.

Im März 1892 wurde Félix von der kirchenfeindlichen Tageszeitung „La République Française« als Redakteur für Außenpolitik sowie für die Kolonien eingestellt. Im Oktober 1894 wechselte er in die Redaktion des „Siècle«, einer noch antiklerikaleren Pariser Zeitung. Bald darauf wurde er zum Mitglied des Obersten Rates für die Kolonien mit Wohnsitz in Afrika ernannt. Félix verzichtete jedoch auf den Posten und trat in den Verwaltungsrat einer großen Versicherungsgesellschaft ein, die von einem Bruder Frau Arrighis geleitet wurde. Bald übernahm er die Direktion des Unternehmens.

Nicht glauben wollen

Das Ehepaar Leseur führte ein mondänes Leben.  Élisabeth fand Gefallen daran, abends auszugehen, in modischen Restaurants zu speisen, Abendveran-staltungen zu besuchen. Von der materialistischen Atmosphäre berauscht, suchte Félix „Gründe für den Unglauben zu finden, wie ein wahrer Christ nach Gründen für den Glauben sucht«. Er baute sich eine Bibliothek auf, in der die Werke aller großen Freidenker, Modernisten und liberalen Protestanten versammelt waren. Er wurde in zunehmendem Maße intolerant, ja sogar aggressiv gegen die Überzeugungen seiner Frau. Diese tiefgreifende Meinungsverschiedenheit konnte jedoch weder die gegenseitige Liebe der Ehegatten noch die Gemütlichkeit ihres Heims beeinträchtigen. Élisabeth bildete sich weiter, indem sie Latein, Russisch und Italienisch lernte. Daneben las sie auch Autoren, deren Denken sich fatal auf ihren Glauben auswirkte; sie gab nach und nach die Gewohnheit religiöser Besinnung auf.

Von 1893 bis 1897 unternahm das Paar ausgedehnte Auslandsreisen nach Rom, Algerien, Tunesien, Deutschland und Osteuropa. Wieder zu Hause, gab Élisabeth jede Verbindung mit Gott auf. 1898 sagte sie eines Tages zu ihrem Mann: „Ich habe nichts mehr zu lesen. Gib mir etwas.« In der Absicht, ihren Glauben endgültig zu zerstören, schlug ihr Félix die Werke des brillanten Rationalisten Renan vor. Élisabeth begann das Buch „Das Leben Jesu« zu lesen. Dank ihres scharfen Verstandes und ihrer breiten Bildung entdeckte sie bald versteckte Unaufrichtigkeiten und wackelige Hypothesen hinter dem gefälligen Stil. Sie nahm sich daraufhin erneut die Evangelien vor: Durch den Kontakt mit der Person und dem Wort Jesu lebte die intensive Religiosität ihrer Jugend wieder auf. Félix ärgerte sich über ihren unvorhergesehenen Gesinnungswandel; er verdoppelte seine kritischen Einwände gegen das Christentum und spottete über die Dinge, die Élisabeth am teuersten waren. Sie sah freundlich über alle Unstimmigkeiten hinweg und bemühte sich, eine aufmerksame, fürsorgliche und zärtliche Ehefrau zu sein.

Am 11. September 1899 begann Elisabeth wieder Tagebuch zu führen. „Ich habe angefangen, mich mit Philosophie zu beschäftigen«, schrieb sie, „und finde sie sehr interessant. Die Philosophie klärt vieles und bringt Ordnung in das Denken. Ich begreife nicht, warum man sie nicht zur Krönung jeder weiblichen Erziehung nutzt.« Élisabeth vertiefte sich in das Evangelium, las die Werke der Kirchenväter und der Heiligen. Dank ihrer Kenntnisse konnte sie in den harten Diskussionen mit ihrem Mann und seinen atheistischen Freunden gut bestehen; sie widerlegte ihre Argumente ebenso sanft wie beharrlich.

Durch Ihn erneuert

1899 bis 1901 befand sich das Ehepaar Leseur wieder auf Reisen: Es besuchte Russland, Kleinasien, Griechen–land, Italien, Spanien, Marokko, Belgien und Holland. Die letzte Reise mussten die beiden rasch beenden und nach Paris zurückkehren, denn Élisabeth war an einem Leberleiden erkrankt. 1903 fuhren sie mit einem befreundeten Ehepaar nach Rom. Am Mittwoch der Karwoche wurde Élisabeth nach der Kommunion im Petersdom eine besondere Gnade zuteil: „Ich fühlte die lebendige Gegenwart, die unendliche Liebe des gesegneten Christus in mir ... Ich fühlte mich durch Ihn zutiefst erneuert.« Sie erzählte ihrem Mann jedoch vorerst nichts davon.

Ihre Liebe zu Félix brachte Élisabeth 1904 in einem Brief zum Ausdruck: „Danke für alles und vor allem dafür, dass du du bist. Vergib mir, dass ich ich bin, also eine Person, die an sich nicht sonderlich wertvoll ist und die sich nur ein klein bisschen gebessert hat unter dem Einfluss des angenommenen Leidens – angenommen nur dank eines Beistandes und einer größeren Kraft als meine. Sei daher nachsichtig mit meinen durch die Zeit und durch Gott vertieften Überzeugungen, die mich davor bewahrt haben, ein verbittertes und egoistisches Wesen zu werden.« Ihre Zuneigung zu Félix hinderte sie nicht daran, ihm mitunter zu widersprechen. So lehnte sie es ab, die Hochzeit eines Freundes mit einer geschiedenen Frau zu billigen. Félix regte sich fürchterlich auf, während Élisabeth ruhig abwartete, bis sie ihre Meinung sagen konnte. Das war der einzige ernsthafte Streit des Ehepaares Leseur in 25 Ehejahren. Élisabeth hing sehr an ihrem Mann und wünschte sich nichts sehnlicher als ihn zu Gott zurückkehren zu sehen. Dafür brachte sie neben allen kleinen Mühen, Widrigkeiten, Demütigungen, „von denen es in unserem Alltag mehr als genug gibt«, auch die schwereren Heimsuchungen (Krankheit und seelische Leiden) Gott dar.

Im Frühjahr 1905 starb Élisabeths Schwester Juliette an Tuberkulose. Élisabeth war tief betroffen und machte einen inneren Wandel durch: Sie fand sich mit dem Leiden ab. Die über den Tod hinaus bestehende spirituelle Verbindung mit Juliette erschloss ihr das Dogma von der Gemeinschaft der Heiligen: „Dank diesem gesegneten Dogma«, schrieb sie, „kann selbst das einsamste Wesen, der Ärmste, den eine schmerzhafte Krankheit ans Bett fesselt, dessen Leben nur aus demütigem Verzicht und täglichen Opfern besteht, andere beeinflussen und durch die göttliche Gnade auch solche Leute erreichen, die er mit seinem Handeln sonst nicht berührt hätte ... Keine unserer Tränen, keines unserer Gebete geht verloren, und sie haben eine Kraft, die die meisten Leute gar nicht vermuten.« Sie setzte hinzu: „Jede Seele, die sich erhebt, erhebt die Welt.«

Das verborgene Leid sehen

Die Freuden der Mutterschaft waren Élisabeth nicht vergönnt, doch Gott schenkte ihr besonderes Geschick im Umgang mit Kindern, die sie hervorragend beschäftigen, unterhalten und anspornen konnte. Sie arbeitete zunächst bei der Familienunion, einer Organisation zur Unterstützung von Arbeiterfamilien, mit, später auch bei der Katholischen Volksunion, einem Hilfswerk, das sich bei seiner karitativen Tätigkeit auf zwei Grundsätze stützte: den vollen persönlichen Einsatz der Mitarbeiter und deren ständiges Bestreben, Seelen aufzurichten und ihnen zum ewigen Heil zu verhelfen. Dank dieser Hilfswerke lernte Élisabeth das menschliche Leid näher kennen. „Wie oft offenbart ein Wort, eine von niemandem bemerkte Geste verborgenes Leid«, schrieb sie. „Würde man ebenso darauf achten wie man auf viele nichtige Dinge achtet, so könnte man vieles entdecken und sich viele ungeschickte Worte sparen.« Sie selbst empfing jeden Besucher mit einem Lächeln, selbst wenn er ungelegen kam.

Im Juli 1910 fuhr das Ehepaar Leseur nach Beaune (Burgund), um dort das von Nonnen geführte berühmte Hospiz Hôtel-Dieu zu besichtigen. Élisabeth freundete sich mit einer Schwester namens Marie Goby an und berichtete ihrer Mutter, diese Freundschaft bereichere ihr Leben mit großer Herzlichkeit: „Was sind ein paar Krankheiten und Operationen schon dagegen!« Élisabeth litt damals an einer chronischen Leber–krankheit, die sie wiederholt zu völliger Ruhe zwang. Anfang März 1911 wurde sie wegen Brustkrebs operiert und bot zuvor ihr Leben Gott zum Opfer dar. Manchmal hatte sie solche Schmerzen, dass sie nichts mehr machen konnte: „Sie wissen, dass ich gerade eine harte Prüfung durchgemacht habe«, schrieb sie an Schwester Goby. „Ich war wie ausgelöscht, und das Leiden ließ weder Platz für einen Gedanken noch für ein Gebet, mir war alles genommen ... So ging ich zur Kommunion, und dabei kam dann alles von Ihm, denn ich hatte nur mein Leid zu bieten.« Ihre Schmerzen machten Élisabeth mitfühlend für das Leid anderer. Einem Freund, der ihr gegenüber geklagt hatte, erwiderte sie: „Wer noch nie laut oder auch nur innerlich gejammert hatte, möge den ersten Stein über Sie werfen; ich tue das bestimmt nicht ... Es gibt Stunden, in denen unsere arme geschundene Natur aufschreit wie der Herr auf Golgotha und sich verlassen fühlt ... Ich glaube, dass das Leiden Sie zurechtgefeilt, Sie mit so viel Mitleid und menschlicher Sympathie erfüllt hat, wie es das Glück vielleicht nie vermocht hätte.«

1912 reisten die Leseurs nach Lourdes. Félix war vom Anblick der Kranken beeindruckt: „Ich stand neben einem jungen spanischen Priester, der gelähmt in einem Wagen lag. Ich dachte für mich: ‚Es ist kriminell, einen solchen Kranken hierher zu bringen ... Der Mann kann unmöglich geheilt werden und wird todunglücklich nach Hause fahren.' Doch zu meiner großen Überraschung spiegelte sein Gesicht trotz der Tatsache, dass er nicht geheilt war, eine tiefe Freude, einen tiefen Frieden wider. Da sagte ich mir: Sollte doch was dran sein? Es ist wirklich seltsam! Wäre ich an seiner Stelle, hätte ich aufbegehrt!« Bald darauf entdeckte Félix seine Frau betend vor der Grotte: „Ich konnte einen Vorgang beobachten, der sich mir entzog, den ich nicht begriff, der mir jedoch ausgesprochen ‚übernatürlich' vorkam ... Ich kam ganz verstört nach Paris zurück ... Doch all das verschwand rasch aus meinem Gedächtnis, zumindest dem Anschein nach ...« In jenem Augenblick hatte Élisabeth um die Bekehrung ihres Mannes zu Maria gebetet. Sie hatte kurz zuvor an Schwester Goby geschrieben: „Mit Achtung und Rührung verfolge ich, was Gott in der Seele meines lieben Mannes vollbringt; man könnte sagen, Er bereitet den Boden für den Glauben. Um den zu erreichen, müssen wir jedoch mit vereinten Kräften mehr denn je beten und Opfer bringen.« Im Sommer darauf sagte Élisabeth bei einem Spaziergang mit Schwester Goby ihren vorzeitigen Tod voraus, ebenso die Bekehrung von Félix und seinen Eintritt ins Kloster.

Gelassenheit

1913 hatte der Krebs ganz von Élisabeth Besitz ergriffen. Nach einer Novene zur hl. Therese vom Kinde Jesu gab es eine Atempause. Élisabeths Mann machte sich gern über ihre Verehrung für die heilige Karmelitin lustig: „Aber das ist doch kindisch, an deiner kleinen Schwester ist nichts dran.« – „Da ist sehr wohl was dran«, erwiderte sie, „aber du kannst es nicht verstehen.« Die Atempause war nur von kurzer Dauer, bald wütete die Krankheit weiter. Félix wunderte sich über das positive Charisma seiner Frau: „Wenn ich nach Hause kam und wieder bei ihr war, kam sogleich Friede über mich, und ich spürte eine Zuversicht, die ich mir nicht erklären konnte ... Das war sicherlich die Wirkung jenes inneren Friedens, jener Gelassenheit, die Gott den Menschen schenkt, die ganz die Seinen geworden sind.« Auch auf andere machte Élisabeth einen ähnlichen Eindruck. Ein Freund der Leseurs riet seiner Frau, als sie sich einmal ängstigte: „Geh doch zu Élisabeth und tanke ein bisschen Gelassenheit.«

Am 24. April 1914 begann Élisabeth zu delirieren. In einem wachen Augenblick streckte sie ihre Arme mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit ihrem Mann entgegen und fiel bald danach ins Koma. Félix ließ ihr die Letzte Ölung verabreichen. Elisabeth starb am 3. Mai in seinen Armen. Als er ihr entspanntes Antlitz betrachtete, hatte er das Gefühl, dass die Schönheit dieses Lebens nicht erlöschen darf. Beim Öffnen ihres Testaments spürte er förmlich ihre Gegenwart. „Liebe die Seelen«, schrieb sie, „leide und arbeite für sie. Sie verdienen all unsere Schmerzen, all unsere Mühen, all unsere Opfer.« Er fand auch Élisabeths Tagebuch und entdeckte, welches Leid er ihr unwissentlich bereitet hatte und zu welchen Opfern sie bereit gewesen war, damit er zu Gott zurückfinde. Eine solche Gelassenheit, so erhabene Gedanken hatte Élisabeth nur dank ihrer tiefen Frömmigkeit entwickelt. Das erschütterte ihn.

„Ganz nah bei mir ...«

Im Juni 1914 brach Félix mit einem Freund zu einer  Reise auf. Im Auto überkam ihn plötzlich das Gefühl, Élisabeth säße bei ihnen: „Ich hatte deutlich den Eindruck, dass sie da war, ganz nah bei mir; ich sagte mir sofort: ‚Sie lebt doch, ihre Seele ist an meiner Seite, ich spüre ihre Gegenwart beinahe physisch.' Meine Rührung war so intensiv, dass ich sie kaum beherrschen konnte ... Wenn aber Élisabeth so lebendig ist, wie ich es eben so überwältigend erfahren habe, dann bedeutet das, dass die Seele unsterblich ist; Gott existiert also, die übernatürliche Welt ist wahr.« Einige Tage später vernahm er in der Basilika von Paray-le-Monial einen weiteren Ruf: „Ich spürte ihre geliebte Gegenwart noch deutlicher; ich fiel in einer Betbank auf die Knie ... Ich wandte mich an unseren Herrn ... und hatte wirklich den Eindruck, dass Er da war im Tabernakel und dass Er mir seine unendliche Güte zuwandte.« Sobald Félix jedoch wieder in Paris war, redete er sich ein, er habe sich das alles nur unter dem Eindruck von Élisabeths Tod eingebildet.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wollte Félix nach Bordeaux fahren. Auf dem Weg dorthin lenkte Élisabeth seine Schritte nach Lourdes. Er besuchte die Grotte und bat die Heilige Jungfrau, sie möge die Vergebung seiner Sünden erwirken. Da ergriff Gott plötzlich Besitz von seiner Seele, hüllte ihn in seine Güte ein und schenkte ihm Frieden und Gelassenheit, wie er sie noch nie verspürt hatte. Es vollzog sich ohne sein Zutun ein grundlegender Wandel in ihm. „Ich war erobert! Ich war erleuchtet.« Nach Paris zurückgekehrt, studierte er den katholischen Glauben und nutzte dafür fleißig die von Élisabeth hinterlassene Bibliothek, in der viele Bände mit ihren Anmerkungen versehen waren. Bald ergab sich ein Kontakt mit Pater Janvier, einem bekannten Dominikaner, der ihm lange zuhörte und ihm schließlich die Beichte abnahm. Am nächsten Tag ging Félix in die Messe und zur Kommunion; er stellte sich vor, er würde dabei eine ähnliche Gnade empfangen wie in Lourdes. Doch nichts geschah: Er kehrte enttäuscht und entmutigt nach Hause zurück. Auf einmal hörte er in seinem Inneren Élisabeths Stimme: „Das wäre aber auch zu bequem! Wenn dir, nur weil du gebeichtet und die Kommunion empfangen hast, auf Anhieb alle Klarheiten, alle Tröstungen zuteil würden, wo du doch während deines ganzen erwachsenen Lebens Gott und Jesus Christus verleugnet und bekämpft hast; das wäre beinahe unanständig. Es geht hier nicht mehr um deine Empfindungen, sondern um deinen Willen, den du von jetzt an in den Dienst Christi stellen musst.« Verblüfft beschloss Félix, am nächsten Tag wieder zur Kommunion zu gehen.

Im Frühjahr 1917 veröffentlichte er auf Drängen vieler Freunde hin das Tagebuch Élisabeths. In einer tragischen Kriegszeit brauchten die Leute seiner Ansicht nach dringend inneren Halt, sie mussten vor allem den unschätzbaren Wert des Leidens erkennen. Das Buch war ein Riesenerfolg. Bald fühlte sich Félix zu einem gottgeweihten Leben berufen. 1919 trat er in Paris ins Noviziat der Dominikaner ein und wurde am 8. Juli 1923 zum Priester geweiht. Sein apostolischer Auftrag bestand im Wesentlichen darin, das Leben und die Werke Élisabeths bekannt zu machen. Er widmete sich bis zu seinem Tod im Februar 1950 mit großem Erfolg dieser Aufgabe. Dank seiner Vorarbeit konnte 1955 der Seligsprechungsprozess für Élisabeth eröffnet werden.

In seiner Generalaudienz vom 18. August 2010 bekräftigte Papst Benedikt XVI., dass „die Grundlage unseres apostolischen Wirkens in den verschiedenen Bereichen, in denen wir tätig sind, stets die innige persönliche Vereinigung mit Christus sein muss, die Tag für Tag gepflegt und vertieft werden muss ... Nur wenn wir in den Herrn verliebt sind, sind wir in der Lage, die Menschen zu Gott zu bringen, sie für seine barmherzige Liebe zu öffnen und so die Welt für die Barmherzigkeit Gottes zu öffnen.« Möge uns das Vorbild Élisabeth Leseurs ermutigen, in Vereinigung mit dem Herrn zu leben.

Dom Antoine Marie osb

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