Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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22. Dezember 2010
Gebetsoktave vor Weihnachten


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Eines Tages im Sommer 1955 wurde eine Studentin der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand beim Abschlussexamen für das zweite Studienjahr unerwartet zur mündlichen Prüfung aufgerufen. Sie reagierte zunächst nicht, errötete dann und erklärte zaghaft: „Herr Professor, ich werde wegen eines Nervenleidens behandelt und höre nichts ... Ich hoffe, dass ich gesund werde. Haben Sie Geduld ... Können Sie mir die Fragen auch schriftlich stellen?« Die anwesenden Studenten begannen zu lachen. Der Professor vermutete einen schlechten Scherz und schrie: „Geduld, Geduld! – Haben Sie das gehört? Wer hat schon einen tauben Arzt gesehen?« Er schleuderte das Studienbuch der entgeisterten und beschämten Studentin an die Wand. Sie stammelte: „Bitte, verzeihen Sie; ich wollte Sie nicht verletzen.« Der Professor blieb unnachgiebig, die Studentin fiel durch. Sie verließ den Raum und sagte zu einer Freundin, die alles mit angesehen hatte und weinte: „Das macht nichts; hör mal, sag vorerst nichts zu Mama; ich werde es ihr morgen sagen.« Sie wollte den Professor bei ihrer Mutter noch selbst entschuldigen. Die Studentin hat niemals ein Arztdiplom erhalten; doch sie bringt heute vom Himmel aus unzähligen „Patienten« die hohe Kunst des Leidens bei.

Benedetta Bianchi Porro wurde am 8. August 1936 in Dovadola, einem Dorf in der norditalienischen Provinz Romagna, geboren. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Frau, die versuchte, ihren Glauben an ihre sechs Kinder weiterzugeben. Im Alter von wenigen Monaten erkrankte Benedetta an Kinderlähmung; die Krankheit wurde zwar gestoppt, doch ihr rechtes Bein blieb kürzer als das linke. Eines Tages wurde sie auf dem Pausenhof von einem Jungen, der sich über sie geärgert hatte, „Hinkebein« gerufen. Ihr Bruder Gabriele fing sofort eine Rauferei mit ihm an. Die Mütter liefen herbei, um die beiden zu trennen. Benedetta selbst fühlte sich gar nicht beleidigt: „Er hat mich Hinkebein genannt; was ist daran so schlimm? Es stimmt doch!« Durch ihre Worte waren die Jungen auf der Stelle versöhnt und spielten weiter.

Hochfliegende Mädchenträume

1942 zog die Familie Bianchi nach Sirmione am Gardasee. Ab 1946 vertraute Benedetta ihre Gedanken, oft auch ihre Verfehlungen, einem Tagebuch an: „Mama sagt, ich bin unerträglich ... Ich bin ungezogen und böse.« Von 1949 an musste sie ein Korsett tragen, um keinen Buckel zu bekommen. Sie schrieb: „Ich habe geweint; das Korsett drückt schrecklich unter den Armen! Davor war ich unbekümmert und glaubte, ich wäre fast wie die Anderen. Heute liegt ein Abgrund zwischen uns! Aber im Leben will ich so sein wie die Anderen, vielleicht sogar ein bisschen mehr: Ich möchte berühmt werden.« In der Schule hatte Benedetta glänzende Noten. 1953 notierte sie: „Heute ist Ostern; wie gern würde ich aus meinen Sünden auferstehen und nur von Gott leben! Heute habe ich mit Gabriele ein bisschen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele philosophiert. Was sind die Menschen dumm, dass sie sich schämen, über diese wichtigen Dinge zu reden!«

In einer Predigt vom 15. April 2010 vor den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission sagte Papst Benedikt XVI.: „Wir fürchten uns heute oft ein wenig davor, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir sprechen von den Dingen, die für die Welt nützlich sind, wir zeigen, dass das Christentum auch dabei hilft, die Welt zu verbessern, aber wir wagen es nicht, zu sagen, dass dessen Ziel das ewige Leben ist und dass von diesem Ziel dann alle Kriterien für das Leben herrühren. Wir müssen von neuem ... anerkennen, dass das Christentum nur in der großen Perspektive des ewigen Lebens seinen ganzen Sinn offenbart. Wir müssen ... die große Hoffnung haben, dass es das ewige Leben gibt, dass es das wahre Leben ist und dass aus diesem wahren Leben das Licht hervorgeht, das auch diese Welt erleuchtet.«

Als Benedetta am 15. Februar 1953 in einer Lateinstunde mündlich drangenommen wurde, konnte sie die Fragen des Lehrers auf einmal nicht mehr hören. Von da an kam es immer wieder zu Hörstörungen. In ihrem Tagebuch steht: „Wie sehe ich wohl ich diesen Augenblicken aus? Was soll's. Vielleicht werde ich eines Tages gar nichts mehr davon mitbekommen, was die Anderen sagen; meine innere Stimme aber werde ich immer hören, uns das ist die Richtschnur, nach der ich mich richten muss.« Im Oktober legte sie die Abiturprüfung mit hervorragenden Noten ab und schrieb sich in Mailand an der Medizinischen Fakultät ein; ihr Ziel war: „Leben, kämpfen und mich für alle Menschen opfern.«

Doch die drohende Taubheit ließ Benedetta eine Zeitlang verzagen; sie spürte den Sog des Nichts. Sie schrieb an ihre damalige Lieblingsfreundin: „Weißt Du, Anna, mir ist, als befände ich mich in einem unendlichen, eintönigen Sumpf und ginge ganz langsam unter –ohne Schmerzen, ohne Bedauern, ohne Bewusstsein, gleichgültig dem gegenüber, was passieren wird, selbst wenn der letzte Zipfel des Himmels verschwindet und der Schlamm mich verschluckt ... Ich bin oft voller Zweifel und sehe alles schwarz.« Die größte Gefahr für das junge Mädchen lauerte nicht in der Krankheit, sondern in der heimtückischen Versuchung, in Nihilismus und Verzweiflung zu verfallen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann sie den Reichtum des inneren Lebens zu entdecken, einer Welt, die viel weiter war als die Welt der Sinne. Ihr Wunsch „Wie gern möchte ich nur von Gott leben!« war bereits ein Hinweis auf die zukünftige Richtung ihres Lebens. Ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus fand allerdings erst später statt.

Benedetta kämpfte mit stoischer Hartnäckigkeit gegen ihre Behinderung an und studierte erfolgreich. Sie lernte lippenlesen und konnte bei den mündlichen Prüfungen so prompt antworten, dass niemand etwas von ihrer Taubheit merkte. Im November 1955 durfte sie die mündliche Prüfung vom letzten Sommer schriftlich wiederholen und bestand sie mit Bravour; noch am selben Abend bekam sie jedoch heftige Kopfschmerzen, ihr Blickfeld verengte sich. Eine düstere Vorahnung überkam sie: „Nein, mein Gott! Nicht die Augen!« Eines Abends im Jahre 1956 kam Benedetta mit einer medizinischen Abhandlung zu einer Freundin: „Das hier ist meine Krankheit.« Sie zeigte ihr das Foto eines Patienten mit einer „diffusen Neurofibromatose«, auch „Morbus Recklinghausen« genannt: Diese äußerst seltene tödliche Krankheit zerstört nach und nach das zentrale Nervensystem, indem sie kleine Tumoren darin bildet; sie befällt zunächst den Hörnerv, dann folgen der Sehnerv und die anderen Sinne; zum Schluss kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Die Ärzte gaben nach eingehender Untersuchung betroffen zu, dass Benedettas Diagnose richtig war. Es begann eine lange Serie von Krankenhausaufenthalten und chirurgischen Eingriffen, um den schrecklichen Krankheitsprozess aufzuhalten.

„Ein folgsames Schaf in seinen Händen«

Am 27. Juni 1957 wurde Benedetta am Kopf operiert.  Im Angesicht des Todes sagte sie zu ihrer Mutter: „Was bin ich zufrieden, Mama, dem Herrn rein, ohne eine Todsünde entgegenzutreten.« Sie erinnerte sich an die geliebten Worte des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun« (Lob der Schöpfung). Als man ihr die Haare abschnitt, suchte sie Zuflucht im Gebet: „Als mein Kopf rasiert wurde, fühlte ich mich wie ein Lamm, das geschoren wird. Ich bat den Herrn, ein folgsames Schaf in seinen Händen werden zu dürfen.« Gleich nach dem Erwachen aus der Narkose betastete sie ihr Gesicht: „Sie haben mir den Gesichtsnerv durch-trennt.« Ihre linke Gesichtshälfte war gelähmt. Der Chirurg wusste gar nicht, wie er sich für den Kunstfehler entschuldigen sollte; sie sagte ihm einfach: „Sie haben getan, was Sie konnten; geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie beruhigt! So etwas kann passieren; Sie sind nicht unser Vater im Himmel!«

Indes reichte Benedettas große moralische Stärke nicht mehr ganz, um die Situation ertragen zu können; einmal schrieb sie aus ihrer im siebten Stock gelegenen Mailänder Wohnung an ihre beste Freundin Maria Grazia: „Mitunter hätte ich Lust, aus dem Fenster zu springen.« Sie wollte sich der Krankheit jedoch noch nicht geschlagen geben; durch harte Arbeit gelang es ihr, im Juni 1959 ihr fünftes Studienjahr erfolgreich abzuschließen; es blieb nur noch ein Jahr bis zum Medizinerdiplom! Die nächste Operation, die die fortschreitende Lähmung ihrer unteren Gliedmaßen aufhalten sollte, misslang jedoch: Sie konnte nicht mehr gehen. 1960 musste Benedetta ihr Studium endgültig aufgeben: eine harte Prüfung für die begabte junge Frau. Ihre Verwandten, die ihren körperlichen Verfall ohnmächtig verfolgten, wurden gleichzeitig Zeugen ihres atemberaubenden spirituellen Aufblühens. Obwohl sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, war sie weder traurig noch verzweifelt: „Ich führe ein eintöniges Leben, doch wie erfüllt kommt es mir vor! Das Leben an sich scheint mir ein Wunder zu sein, und ich möchte eine Lobeshymne auf Den anstimmen, der es mir geschenkt hat.« Ihre Mutter schenkte ihr einen Vogel im Käfig mit den Worten: „Er ist wie du.« Sie erwiderte: „Nein, Mama, ich war nie so frei wie jetzt, seit ich hier festsitze.« Zu Maria Grazia sagte sie: „Geistig bin ich völlig gelassen - mehr noch: Ich bin glücklich; glaube bloß nicht, dass ich übertreibe.« Gleichzeitig wuchs ihre Demut, denn sie erkannte, wie unvollkommen sie war, eine „Sünderin« vor Gott; sie fühlte sich ihrer inneren Freude unwürdig und fürchtete, sie zu verlieren.

Doch nicht immer verlief alles reibungslos. Dem Frieden folgten Perioden innerer Qual. 1960 schrieb Benedetta an eine neue Freundin namens Nicoletta, die im spirituellen Leben erfahrener war: „Ich mache zur Zeit eine Phase großer geistiger Öde durch. Ich fühle mich allein, müde, ein bisschen gedemütigt, ungeduldig ... Am schmerzlichsten ist, dass ich nicht in Frieden lebe. Bete für mich, bete für mich ... Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu?« Die Freundin antwortete: „Du kannst nicht erzwingen, dass du deinen Glauben fühlst und dass du verstehst, wieso dein Leiden gerecht ist. Keine Panik, wenn du das Gefühl hast, dass du revoltierst: Für Gott ist das unwichtig; Er kennt die Wahrheit ... Angesichts dieses unendlichen Mysteriums will Er nur unser ‚Ja'; es spielt keine Rolle, wie wir es aussprechen.« Benedetta hörte auf sie, sagte „Ja« und spürte immer stärker die Gegenwart Jesu Christi, der in ihr lebte; sie schrieb zurück: „Sei gesegnet für die Freude, die du mir vermittelt hast, eine zu große Freude für mich Unwürdige; sie brach über mich herein, als hätten sich alle Ozeane in eine Nussschale ergossen.«

Von diesem Augenblick an begriff Benedetta das Leiden nicht als Last, die heroisch zu ertragen war, sondern vielmehr als Zeichen besonderer göttlicher Wertschätzung. Jesus rief sie, sie solle sein Kreuz mittragen, um mit Ihm eins zu werden; sie folgte ihm und schöpfte täglich Kraft aus der Lektüre des Evangeliums, der Schriften des hl. Paulus und der Psalmen.

In seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007 bestätigt Benedikt XVI. die Richtigkeit dieser Haltung: „Damit das Gebet diese reinigende Kraft entfaltet, muss es einerseits ganz persönlich sein, Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott. Es muss aber andererseits immer wieder geführt und erleuchtet werden von den großen Gebetsworten der Kirche und der Heiligen, vom liturgischen Gebet, in dem der Herr uns immer wieder recht zu beten lehrt« (Nr. 34).

„Sprich zu ihr!«

Im Mai 1962 reiste Benedetta in einem Krankenzug mit  nach Lourdes. Im dortigen Krankenhaus lag ein 22 Jahre altes Mädchen namens Maria neben ihr, das ebenfalls gelähmt war. Maria war in einer materiell wie moralisch verzweifelten Lage nach Lourdes gekommen, um die Unbefleckt Empfangene um ein Wunder zu bitten; sie betete ununterbrochen, doch es passierte nichts. Die beiden Kranken lagen am Tag vor ihrer Abreise Seite an Seite auf ihren Tragen vor der Grotte; Maria schluchzte. Benedetta nahm ihre Hand und umschloss sie mit ihren Händen, als würde sie an Marias Stelle beten: „Maria, die Madonna ist da und blickt dich an! Sprich zu ihr, zur Madonna!« Plötzlich erhob sich Maria von ihrer Trage. Sie machte zaghaft, noch ganz ungläubig, ein paar Schritte. Dann eilte sie, außer sich vor Freude, unter Tränen der Rührung und Dankbarkeit nach vorne. Benedetta war glücklich über das Wunder, zugleich aber auch kurz traurig bei dem Gedanken, dass es an jemand anderem bewirkt worden war. Bald beruhigte sie sich wieder und gab sich in die Hände Marias. Ein Jahr später kehrte sie nach Lourdes zurück und schrieb von dort: „Ich schmecke die Süße der Entsagung. Das ist für mich dieses Jahr das Wunder von Lourdes. Die Madonna hat mir alles wiedergeschenkt, was ich verloren hatte. Sie hat mir alles vergolten, was mir genommen worden war, denn ich besitze die Fülle des Heiligen Geistes.« Am 20. August 1963 fand eine Krankenschwester Benedetta in ekstatischer Verzückung vor; sie sagte, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen: „Wie schön sie ist, die Madonna!«

Inzwischen war Benedetta mehrmals am Kopf operiert worden. Vor der letzten Operation am 27. Februar 1963 vertraute sie ihre Angst Maria Grazia an; diese erinnerte sie an folgende Passage aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers«, einem Roman von Georges Bernanos: „Wenn ich Angst habe, sage ich ohne Scham: ‚Ich habe Angst.' Und der Herr wird mir Kraft schenken.« Benedetta sprach den Satz immer wieder leise vor sich her, und nach und nach kam sie innerlich zur Ruhe. Sie bedankte sich überschwänglich bei ihrer Freundin. Am Tag nach der Operation stellte sie fest, dass sie erblindet war; doch sie bat darum, es dem Chirurgen zu verheimlichen, um ihn nicht zu betrüben. Sie nahm das Kreuz der Blindheit auf sich, das sie 1955 noch so entsetzt hatte, und ihre Seele war friedlich dabei: „Man braucht sich nur mit geschlossenen Augen Gott anzuvertrauen. Ich bin dabei, die Einfachheit zu leben, die Selbstentäußerung ... Ist das schön! Man wird so leicht und so frei!«

In Bezug auf große, nach menschlichem Maßstab unerträgliche Heimsuchungen gleicht die Erklärung Benedikts XVI. dem Geheimnis, das Benedetta entdeckt hatte: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben ... augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind und von ihr her Sinn und Bedeutung haben, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken« (Spe Salvi, Nr. 35).

Benedetta lebte von da an fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich zwei winzige Verbindungswege waren ihr geblieben: ein schwaches, dünnes Stimmchen zum Sprechen sowie ihre linke Hand, die wie durch ein Wunder nicht gefühllos geworden war; mit den Fingern dieser Hand konnte man ihr Zeichen des Fingeralphabets auf das Gesicht „malen«, die sie nicht sah, sondern nur fühlte (das „b« wurde z.B. durch geschlossene Zeige- und Mittelfinger auf der Wange gebildet); so konnte sie sich mit ihrer Umwelt verständigen. Ihr Zimmer wurde bald von Besuchern belagert, die sie aufmuntern, aber auch um Hilfe bitten wollten. Benedetta hatte die Gabe, Freude um sich zu verbreiten, und lebte allen den „schmalen Weg« vor, der zu Gott führt. Zu ihrer besten Freundin sagte sie einmal: „Wir müssen das Geheimnis akzeptieren, Maria Grazia; uns ängstigt die Frage nach dem Warum ... Der Herr gibt uns genau so viel Leid auf, wie wir tragen können; nicht mehr und nicht weniger.« Die Freundin erklärte später: „Da merkte ich, dass sich etwas in ihr überraschend geändert hatte, seit sie erblindet war. Ein tiefer Frieden schien über sie gekommen zu sein, als wäre sie plötzlich völlig frei von Angst und Furcht.« Ein Priester, der Benedetta oft die heilige Kommunion brachte, berichtete folgenden Ausspruch der Kranken: „Wenn für einen kurzen Moment Versuchungen auftauchen, rufe ich den Herrn zu Hilfe, selbst wenn ich vor Schrecken erbleiche; und ich spüre sofort Seine tröstende Gegenwart.«

Benedetta interessierte sich für alle Leute, vor allem für die, die sich von Gott entfernt hatten. Im Mai 1963 las ihr ihre Mutter per „Fingersprache« die Zuschrift eines jungen Mannes namens Natalino aus einer Wochenzeitschrift vor, der an einer schweren Krankheit litt und aus Hoffnungslosigkeit um Hilfe bat. Benedetta antwortete ihm: „Ich bin blind und taub, deswegen sind die Dinge für mich sehr schwierig geworden ... Ich bin jedoch nicht an meinem Kreuz verzweifelt; ich weiß, dass am Ende des Weges Jesus auf mich wartet. Ich habe eine Weisheit gefunden, die erhabener ist als die Weisheit der Menschen; ich habe entdeckt, dass Gott existiert, dass Er Liebe, Treue, Freude und Gewissheit bedeutet bis ans Ende der Zeit ... Meine Tage sind nicht einfach; sie sind hart, aber zugleich auch süß, denn Jesus ist bei mir in meinem Leiden, und Er schenkt mir seine Sanftmut in der Einsamkeit sowie Licht in der Dunkelheit ... Er lächelt mir zu und begrüßt meine Mitwirkung. Adieu, Natalino: Das Leben ist kurz, es ist schnell vorbei; ein ganz kurzer Steg - gefährlich für den, der gierig nach Genuss strebt, sicher für den, der sich Ihm anschließt, um in die Heimat einzugehen.«

Am 21. Januar 1964 fühlte Benedetta endlich den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus, ihrem Bräutigam, nahen; sie beichtete und empfing die Kommunion. In der Nacht zum 22. bat sie die Krankenschwester, wegen der Versuchungen Satans bei ihr zu bleiben: „Emilia, morgen werde ich sterben. Mir geht es sehr schlecht.« Am nächsten Morgen entdeckte ihre Mutter eine frisch aufgeblühte weiße Rose im Garten ... eine blühende Rose im Januar! Als sie Benedetta von ihrer Entdeckung berichtete, erwiderte diese: „Auf dieses Zeichen habe ich gewartet!« Sie hatte im Jahr davor an Allerheiligen geträumt, sie betrete die Familiengruft und sehe sie mit einer lichtglänzenden weißen Rose geschmückt. Bald darauf erlitt sie einen Blutsturz und starb im Alter von 27 Jahren mit dem Wort „Danke« auf den Lippen.

„Ich werde mit der Angst nicht mehr allein sein«

Die Ausstrahlung Benedetta Bianchi Porros ist nach  ihrem Tod immer größer geworden. Unzählige Leidende finden Kraft und Mut, wenn sie ihren Lebensbericht und ihre Briefe lesen, und sagen mit Maria Grazia zu ihr: „Ich werde nicht mehr allein sein mit der Angst, weil du mir den Wert des Gebets gezeigt hast.« Am 23. Dezember 1993 billigte Papst Johannes-Paul II. ein Dekret über die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden; für die Seligsprechung der „ehrwürdigen Dienerin« Benedetta fehlt nur noch die Anerkennung eines durch ihre Fürbitte bewirkten Wunders.

In seinem apostolischen Schreiben Salvifici doloris vom 11. Februar 1984 formulierte der ehrwürdige Papst Johannes-Paul II. folgende Zeilen, die genau auf den spirituellen Lebensweg Benedettas passen: „... jeder tritt fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem ‚Warum' in sein Leiden ein. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage ... Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr und mehr an den Leiden Christi teilnimmt ... Die Antwort ... ist in der Tat vor allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: ‚Folge mir! Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz!' Während der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines Leidens ... Nun findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude« (Nr. 26).

Am 24. Mai 1963 verriet Benedetta: „Ich möchte allen Leidenden, allen Kranken sagen, dass der Herr Großes in uns bewirken kann, wenn wir demütig und gehorsam sind.« Mit ihr zusammen bitten wir Jesus, uns zu „folgsamen Schäfchen in seinen Händen« zu machen.

ines Tages im Sommer 1955 wurde eine Studentin der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand beim Abschlussexamen für das zweite Studienjahr unerwartet zur mündlichen Prüfung aufgerufen. Sie reagierte zunächst nicht, errötete dann und erklärte zaghaft: „Herr Professor, ich werde wegen eines Nervenleidens behandelt und höre nichts ... Ich hoffe, dass ich gesund werde. Haben Sie Geduld ... Können Sie mir die Fragen auch schriftlich stellen?« Die anwesenden Studenten begannen zu lachen. Der Professor vermutete einen schlechten Scherz und schrie: „Geduld, Geduld! – Haben Sie das gehört? Wer hat schon einen tauben Arzt gesehen?« Er schleuderte das Studienbuch der entgeisterten und beschämten Studentin an die Wand. Sie stammelte: „Bitte, verzeihen Sie; ich wollte Sie nicht verletzen.« Der Professor blieb unnachgiebig, die Studentin fiel durch. Sie verließ den Raum und sagte zu einer Freundin, die alles mit angesehen hatte und weinte: „Das macht nichts; hör mal, sag vorerst nichts zu Mama; ich werde es ihr morgen sagen.« Sie wollte den Professor bei ihrer Mutter noch selbst entschuldigen. Die Studentin hat niemals ein Arztdiplom erhalten; doch sie bringt heute vom Himmel aus unzähligen „Patienten« die hohe Kunst des Leidens bei.

Benedetta Bianchi Porro wurde am 8. August 1936 in Dovadola, einem Dorf in der norditalienischen Provinz Romagna, geboren. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Frau, die versuchte, ihren Glauben an ihre sechs Kinder weiterzugeben. Im Alter von wenigen Monaten erkrankte Benedetta an Kinderlähmung; die Krankheit wurde zwar gestoppt, doch ihr rechtes Bein blieb kürzer als das linke. Eines Tages wurde sie auf dem Pausenhof von einem Jungen, der sich über sie geärgert hatte, „Hinkebein« gerufen. Ihr Bruder Gabriele fing sofort eine Rauferei mit ihm an. Die Mütter liefen herbei, um die beiden zu trennen. Benedetta selbst fühlte sich gar nicht beleidigt: „Er hat mich Hinkebein genannt; was ist daran so schlimm? Es stimmt doch!« Durch ihre Worte waren die Jungen auf der Stelle versöhnt und spielten weiter.

Hochfliegende Mädchenträume

1942 zog die Familie Bianchi nach Sirmione am Gardasee. Ab 1946 vertraute Benedetta ihre Gedanken, oft auch ihre Verfehlungen, einem Tagebuch an: „Mama sagt, ich bin unerträglich ... Ich bin ungezogen und böse.« Von 1949 an musste sie ein Korsett tragen, um keinen Buckel zu bekommen. Sie schrieb: „Ich habe geweint; das Korsett drückt schrecklich unter den Armen! Davor war ich unbekümmert und glaubte, ich wäre fast wie die Anderen. Heute liegt ein Abgrund zwischen uns! Aber im Leben will ich so sein wie die Anderen, vielleicht sogar ein bisschen mehr: Ich möchte berühmt werden.« In der Schule hatte Benedetta glänzende Noten. 1953 notierte sie: „Heute ist Ostern; wie gern würde ich aus meinen Sünden auferstehen und nur von Gott leben! Heute habe ich mit Gabriele ein bisschen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele philosophiert. Was sind die Menschen dumm, dass sie sich schämen, über diese wichtigen Dinge zu reden!«

In einer Predigt vom 15. April 2010 vor den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission sagte Papst Benedikt XVI.: „Wir fürchten uns heute oft ein wenig davor, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir sprechen von den Dingen, die für die Welt nützlich sind, wir zeigen, dass das Christentum auch dabei hilft, die Welt zu verbessern, aber wir wagen es nicht, zu sagen, dass dessen Ziel das ewige Leben ist und dass von diesem Ziel dann alle Kriterien für das Leben herrühren. Wir müssen von neuem ... anerkennen, dass das Christentum nur in der großen Perspektive des ewigen Lebens seinen ganzen Sinn offenbart. Wir müssen ... die große Hoffnung haben, dass es das ewige Leben gibt, dass es das wahre Leben ist und dass aus diesem wahren Leben das Licht hervorgeht, das auch diese Welt erleuchtet.«

Als Benedetta am 15. Februar 1953 in einer Lateinstunde mündlich drangenommen wurde, konnte sie die Fragen des Lehrers auf einmal nicht mehr hören. Von da an kam es immer wieder zu Hörstörungen. In ihrem Tagebuch steht: „Wie sehe ich wohl ich diesen Augenblicken aus? Was soll's. Vielleicht werde ich eines Tages gar nichts mehr davon mitbekommen, was die Anderen sagen; meine innere Stimme aber werde ich immer hören, uns das ist die Richtschnur, nach der ich mich richten muss.« Im Oktober legte sie die Abiturprüfung mit hervorragenden Noten ab und schrieb sich in Mailand an der Medizinischen Fakultät ein; ihr Ziel war: „Leben, kämpfen und mich für alle Menschen opfern.«

Doch die drohende Taubheit ließ Benedetta eine Zeitlang verzagen; sie spürte den Sog des Nichts. Sie schrieb an ihre damalige Lieblingsfreundin: „Weißt Du, Anna, mir ist, als befände ich mich in einem unendlichen, eintönigen Sumpf und ginge ganz langsam unter –ohne Schmerzen, ohne Bedauern, ohne Bewusstsein, gleichgültig dem gegenüber, was passieren wird, selbst wenn der letzte Zipfel des Himmels verschwindet und der Schlamm mich verschluckt ... Ich bin oft voller Zweifel und sehe alles schwarz.« Die größte Gefahr für das junge Mädchen lauerte nicht in der Krankheit, sondern in der heimtückischen Versuchung, in Nihilismus und Verzweiflung zu verfallen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann sie den Reichtum des inneren Lebens zu entdecken, einer Welt, die viel weiter war als die Welt der Sinne. Ihr Wunsch „Wie gern möchte ich nur von Gott leben!« war bereits ein Hinweis auf die zukünftige Richtung ihres Lebens. Ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus fand allerdings erst später statt.

Benedetta kämpfte mit stoischer Hartnäckigkeit gegen ihre Behinderung an und studierte erfolgreich. Sie lernte lippenlesen und konnte bei den mündlichen Prüfungen so prompt antworten, dass niemand etwas von ihrer Taubheit merkte. Im November 1955 durfte sie die mündliche Prüfung vom letzten Sommer schriftlich wiederholen und bestand sie mit Bravour; noch am selben Abend bekam sie jedoch heftige Kopfschmerzen, ihr Blickfeld verengte sich. Eine düstere Vorahnung überkam sie: „Nein, mein Gott! Nicht die Augen!« Eines Abends im Jahre 1956 kam Benedetta mit einer medizinischen Abhandlung zu einer Freundin: „Das hier ist meine Krankheit.« Sie zeigte ihr das Foto eines Patienten mit einer „diffusen Neurofibromatose«, auch „Morbus Recklinghausen« genannt: Diese äußerst seltene tödliche Krankheit zerstört nach und nach das zentrale Nervensystem, indem sie kleine Tumoren darin bildet; sie befällt zunächst den Hörnerv, dann folgen der Sehnerv und die anderen Sinne; zum Schluss kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Die Ärzte gaben nach eingehender Untersuchung betroffen zu, dass Benedettas Diagnose richtig war. Es begann eine lange Serie von Krankenhausaufenthalten und chirurgischen Eingriffen, um den schrecklichen Krankheitsprozess aufzuhalten.

„Ein folgsames Schaf in seinen Händen«

Am 27. Juni 1957 wurde Benedetta am Kopf operiert.  Im Angesicht des Todes sagte sie zu ihrer Mutter: „Was bin ich zufrieden, Mama, dem Herrn rein, ohne eine Todsünde entgegenzutreten.« Sie erinnerte sich an die geliebten Worte des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun« (Lob der Schöpfung). Als man ihr die Haare abschnitt, suchte sie Zuflucht im Gebet: „Als mein Kopf rasiert wurde, fühlte ich mich wie ein Lamm, das geschoren wird. Ich bat den Herrn, ein folgsames Schaf in seinen Händen werden zu dürfen.« Gleich nach dem Erwachen aus der Narkose betastete sie ihr Gesicht: „Sie haben mir den Gesichtsnerv durch-trennt.« Ihre linke Gesichtshälfte war gelähmt. Der Chirurg wusste gar nicht, wie er sich für den Kunstfehler entschuldigen sollte; sie sagte ihm einfach: „Sie haben getan, was Sie konnten; geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie beruhigt! So etwas kann passieren; Sie sind nicht unser Vater im Himmel!«

Indes reichte Benedettas große moralische Stärke nicht mehr ganz, um die Situation ertragen zu können; einmal schrieb sie aus ihrer im siebten Stock gelegenen Mailänder Wohnung an ihre beste Freundin Maria Grazia: „Mitunter hätte ich Lust, aus dem Fenster zu springen.« Sie wollte sich der Krankheit jedoch noch nicht geschlagen geben; durch harte Arbeit gelang es ihr, im Juni 1959 ihr fünftes Studienjahr erfolgreich abzuschließen; es blieb nur noch ein Jahr bis zum Medizinerdiplom! Die nächste Operation, die die fortschreitende Lähmung ihrer unteren Gliedmaßen aufhalten sollte, misslang jedoch: Sie konnte nicht mehr gehen. 1960 musste Benedetta ihr Studium endgültig aufgeben: eine harte Prüfung für die begabte junge Frau. Ihre Verwandten, die ihren körperlichen Verfall ohnmächtig verfolgten, wurden gleichzeitig Zeugen ihres atemberaubenden spirituellen Aufblühens. Obwohl sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, war sie weder traurig noch verzweifelt: „Ich führe ein eintöniges Leben, doch wie erfüllt kommt es mir vor! Das Leben an sich scheint mir ein Wunder zu sein, und ich möchte eine Lobeshymne auf Den anstimmen, der es mir geschenkt hat.« Ihre Mutter schenkte ihr einen Vogel im Käfig mit den Worten: „Er ist wie du.« Sie erwiderte: „Nein, Mama, ich war nie so frei wie jetzt, seit ich hier festsitze.« Zu Maria Grazia sagte sie: „Geistig bin ich völlig gelassen - mehr noch: Ich bin glücklich; glaube bloß nicht, dass ich übertreibe.« Gleichzeitig wuchs ihre Demut, denn sie erkannte, wie unvollkommen sie war, eine „Sünderin« vor Gott; sie fühlte sich ihrer inneren Freude unwürdig und fürchtete, sie zu verlieren.

Doch nicht immer verlief alles reibungslos. Dem Frieden folgten Perioden innerer Qual. 1960 schrieb Benedetta an eine neue Freundin namens Nicoletta, die im spirituellen Leben erfahrener war: „Ich mache zur Zeit eine Phase großer geistiger Öde durch. Ich fühle mich allein, müde, ein bisschen gedemütigt, ungeduldig ... Am schmerzlichsten ist, dass ich nicht in Frieden lebe. Bete für mich, bete für mich ... Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu?« Die Freundin antwortete: „Du kannst nicht erzwingen, dass du deinen Glauben fühlst und dass du verstehst, wieso dein Leiden gerecht ist. Keine Panik, wenn du das Gefühl hast, dass du revoltierst: Für Gott ist das unwichtig; Er kennt die Wahrheit ... Angesichts dieses unendlichen Mysteriums will Er nur unser ‚Ja'; es spielt keine Rolle, wie wir es aussprechen.« Benedetta hörte auf sie, sagte „Ja« und spürte immer stärker die Gegenwart Jesu Christi, der in ihr lebte; sie schrieb zurück: „Sei gesegnet für die Freude, die du mir vermittelt hast, eine zu große Freude für mich Unwürdige; sie brach über mich herein, als hätten sich alle Ozeane in eine Nussschale ergossen.«

Von diesem Augenblick an begriff Benedetta das Leiden nicht als Last, die heroisch zu ertragen war, sondern vielmehr als Zeichen besonderer göttlicher Wertschätzung. Jesus rief sie, sie solle sein Kreuz mittragen, um mit Ihm eins zu werden; sie folgte ihm und schöpfte täglich Kraft aus der Lektüre des Evangeliums, der Schriften des hl. Paulus und der Psalmen.

In seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007 bestätigt Benedikt XVI. die Richtigkeit dieser Haltung: „Damit das Gebet diese reinigende Kraft entfaltet, muss es einerseits ganz persönlich sein, Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott. Es muss aber andererseits immer wieder geführt und erleuchtet werden von den großen Gebetsworten der Kirche und der Heiligen, vom liturgischen Gebet, in dem der Herr uns immer wieder recht zu beten lehrt« (Nr. 34).

„Sprich zu ihr!«

Im Mai 1962 reiste Benedetta in einem Krankenzug mit  nach Lourdes. Im dortigen Krankenhaus lag ein 22 Jahre altes Mädchen namens Maria neben ihr, das ebenfalls gelähmt war. Maria war in einer materiell wie moralisch verzweifelten Lage nach Lourdes gekommen, um die Unbefleckt Empfangene um ein Wunder zu bitten; sie betete ununterbrochen, doch es passierte nichts. Die beiden Kranken lagen am Tag vor ihrer Abreise Seite an Seite auf ihren Tragen vor der Grotte; Maria schluchzte. Benedetta nahm ihre Hand und umschloss sie mit ihren Händen, als würde sie an Marias Stelle beten: „Maria, die Madonna ist da und blickt dich an! Sprich zu ihr, zur Madonna!« Plötzlich erhob sich Maria von ihrer Trage. Sie machte zaghaft, noch ganz ungläubig, ein paar Schritte. Dann eilte sie, außer sich vor Freude, unter Tränen der Rührung und Dankbarkeit nach vorne. Benedetta war glücklich über das Wunder, zugleich aber auch kurz traurig bei dem Gedanken, dass es an jemand anderem bewirkt worden war. Bald beruhigte sie sich wieder und gab sich in die Hände Marias. Ein Jahr später kehrte sie nach Lourdes zurück und schrieb von dort: „Ich schmecke die Süße der Entsagung. Das ist für mich dieses Jahr das Wunder von Lourdes. Die Madonna hat mir alles wiedergeschenkt, was ich verloren hatte. Sie hat mir alles vergolten, was mir genommen worden war, denn ich besitze die Fülle des Heiligen Geistes.« Am 20. August 1963 fand eine Krankenschwester Benedetta in ekstatischer Verzückung vor; sie sagte, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen: „Wie schön sie ist, die Madonna!«

Inzwischen war Benedetta mehrmals am Kopf operiert worden. Vor der letzten Operation am 27. Februar 1963 vertraute sie ihre Angst Maria Grazia an; diese erinnerte sie an folgende Passage aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers«, einem Roman von Georges Bernanos: „Wenn ich Angst habe, sage ich ohne Scham: ‚Ich habe Angst.' Und der Herr wird mir Kraft schenken.« Benedetta sprach den Satz immer wieder leise vor sich her, und nach und nach kam sie innerlich zur Ruhe. Sie bedankte sich überschwänglich bei ihrer Freundin. Am Tag nach der Operation stellte sie fest, dass sie erblindet war; doch sie bat darum, es dem Chirurgen zu verheimlichen, um ihn nicht zu betrüben. Sie nahm das Kreuz der Blindheit auf sich, das sie 1955 noch so entsetzt hatte, und ihre Seele war friedlich dabei: „Man braucht sich nur mit geschlossenen Augen Gott anzuvertrauen. Ich bin dabei, die Einfachheit zu leben, die Selbstentäußerung ... Ist das schön! Man wird so leicht und so frei!«

In Bezug auf große, nach menschlichem Maßstab unerträgliche Heimsuchungen gleicht die Erklärung Benedikts XVI. dem Geheimnis, das Benedetta entdeckt hatte: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben ... augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind und von ihr her Sinn und Bedeutung haben, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken« (Spe Salvi, Nr. 35).

Benedetta lebte von da an fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich zwei winzige Verbindungswege waren ihr geblieben: ein schwaches, dünnes Stimmchen zum Sprechen sowie ihre linke Hand, die wie durch ein Wunder nicht gefühllos geworden war; mit den Fingern dieser Hand konnte man ihr Zeichen des Fingeralphabets auf das Gesicht „malen«, die sie nicht sah, sondern nur fühlte (das „b« wurde z.B. durch geschlossene Zeige- und Mittelfinger auf der Wange gebildet); so konnte sie sich mit ihrer Umwelt verständigen. Ihr Zimmer wurde bald von Besuchern belagert, die sie aufmuntern, aber auch um Hilfe bitten wollten. Benedetta hatte die Gabe, Freude um sich zu verbreiten, und lebte allen den „schmalen Weg« vor, der zu Gott führt. Zu ihrer besten Freundin sagte sie einmal: „Wir müssen das Geheimnis akzeptieren, Maria Grazia; uns ängstigt die Frage nach dem Warum ... Der Herr gibt uns genau so viel Leid auf, wie wir tragen können; nicht mehr und nicht weniger.« Die Freundin erklärte später: „Da merkte ich, dass sich etwas in ihr überraschend geändert hatte, seit sie erblindet war. Ein tiefer Frieden schien über sie gekommen zu sein, als wäre sie plötzlich völlig frei von Angst und Furcht.« Ein Priester, der Benedetta oft die heilige Kommunion brachte, berichtete folgenden Ausspruch der Kranken: „Wenn für einen kurzen Moment Versuchungen auftauchen, rufe ich den Herrn zu Hilfe, selbst wenn ich vor Schrecken erbleiche; und ich spüre sofort Seine tröstende Gegenwart.«

Benedetta interessierte sich für alle Leute, vor allem für die, die sich von Gott entfernt hatten. Im Mai 1963 las ihr ihre Mutter per „Fingersprache« die Zuschrift eines jungen Mannes namens Natalino aus einer Wochenzeitschrift vor, der an einer schweren Krankheit litt und aus Hoffnungslosigkeit um Hilfe bat. Benedetta antwortete ihm: „Ich bin blind und taub, deswegen sind die Dinge für mich sehr schwierig geworden ... Ich bin jedoch nicht an meinem Kreuz verzweifelt; ich weiß, dass am Ende des Weges Jesus auf mich wartet. Ich habe eine Weisheit gefunden, die erhabener ist als die Weisheit der Menschen; ich habe entdeckt, dass Gott existiert, dass Er Liebe, Treue, Freude und Gewissheit bedeutet bis ans Ende der Zeit ... Meine Tage sind nicht einfach; sie sind hart, aber zugleich auch süß, denn Jesus ist bei mir in meinem Leiden, und Er schenkt mir seine Sanftmut in der Einsamkeit sowie Licht in der Dunkelheit ... Er lächelt mir zu und begrüßt meine Mitwirkung. Adieu, Natalino: Das Leben ist kurz, es ist schnell vorbei; ein ganz kurzer Steg - gefährlich für den, der gierig nach Genuss strebt, sicher für den, der sich Ihm anschließt, um in die Heimat einzugehen.«

Am 21. Januar 1964 fühlte Benedetta endlich den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus, ihrem Bräutigam, nahen; sie beichtete und empfing die Kommunion. In der Nacht zum 22. bat sie die Krankenschwester, wegen der Versuchungen Satans bei ihr zu bleiben: „Emilia, morgen werde ich sterben. Mir geht es sehr schlecht.« Am nächsten Morgen entdeckte ihre Mutter eine frisch aufgeblühte weiße Rose im Garten ... eine blühende Rose im Januar! Als sie Benedetta von ihrer Entdeckung berichtete, erwiderte diese: „Auf dieses Zeichen habe ich gewartet!« Sie hatte im Jahr davor an Allerheiligen geträumt, sie betrete die Familiengruft und sehe sie mit einer lichtglänzenden weißen Rose geschmückt. Bald darauf erlitt sie einen Blutsturz und starb im Alter von 27 Jahren mit dem Wort „Danke« auf den Lippen.

„Ich werde mit der Angst nicht mehr allein sein«

Die Ausstrahlung Benedetta Bianchi Porros ist nach  ihrem Tod immer größer geworden. Unzählige Leidende finden Kraft und Mut, wenn sie ihren Lebensbericht und ihre Briefe lesen, und sagen mit Maria Grazia zu ihr: „Ich werde nicht mehr allein sein mit der Angst, weil du mir den Wert des Gebets gezeigt hast.« Am 23. Dezember 1993 billigte Papst Johannes-Paul II. ein Dekret über die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden; für die Seligsprechung der „ehrwürdigen Dienerin« Benedetta fehlt nur noch die Anerkennung eines durch ihre Fürbitte bewirkten Wunders.

In seinem apostolischen Schreiben Salvifici doloris vom 11. Februar 1984 formulierte der ehrwürdige Papst Johannes-Paul II. folgende Zeilen, die genau auf den spirituellen Lebensweg Benedettas passen: „... jeder tritt fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem ‚Warum' in sein Leiden ein. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage ... Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr und mehr an den Leiden Christi teilnimmt ... Die Antwort ... ist in der Tat vor allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: ‚Folge mir! Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz!' Während der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines Leidens ... Nun findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude« (Nr. 26).

Am 24. Mai 1963 verriet Benedetta: „Ich möchte allen Leidenden, allen Kranken sagen, dass der Herr Großes in uns bewirken kann, wenn wir demütig und gehorsam sind.« Mit ihr zusammen bitten wir Jesus, uns zu „folgsamen Schäfchen in seinen Händen« zu machen.

ines Tages im Sommer 1955 wurde eine Studentin der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand beim Abschlussexamen für das zweite Studienjahr unerwartet zur mündlichen Prüfung aufgerufen. Sie reagierte zunächst nicht, errötete dann und erklärte zaghaft: „Herr Professor, ich werde wegen eines Nervenleidens behandelt und höre nichts ... Ich hoffe, dass ich gesund werde. Haben Sie Geduld ... Können Sie mir die Fragen auch schriftlich stellen?« Die anwesenden Studenten begannen zu lachen. Der Professor vermutete einen schlechten Scherz und schrie: „Geduld, Geduld! – Haben Sie das gehört? Wer hat schon einen tauben Arzt gesehen?« Er schleuderte das Studienbuch der entgeisterten und beschämten Studentin an die Wand. Sie stammelte: „Bitte, verzeihen Sie; ich wollte Sie nicht verletzen.« Der Professor blieb unnachgiebig, die Studentin fiel durch. Sie verließ den Raum und sagte zu einer Freundin, die alles mit angesehen hatte und weinte: „Das macht nichts; hör mal, sag vorerst nichts zu Mama; ich werde es ihr morgen sagen.« Sie wollte den Professor bei ihrer Mutter noch selbst entschuldigen. Die Studentin hat niemals ein Arztdiplom erhalten; doch sie bringt heute vom Himmel aus unzähligen „Patienten« die hohe Kunst des Leidens bei.

Benedetta Bianchi Porro wurde am 8. August 1936 in Dovadola, einem Dorf in der norditalienischen Provinz Romagna, geboren. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Frau, die versuchte, ihren Glauben an ihre sechs Kinder weiterzugeben. Im Alter von wenigen Monaten erkrankte Benedetta an Kinderlähmung; die Krankheit wurde zwar gestoppt, doch ihr rechtes Bein blieb kürzer als das linke. Eines Tages wurde sie auf dem Pausenhof von einem Jungen, der sich über sie geärgert hatte, „Hinkebein« gerufen. Ihr Bruder Gabriele fing sofort eine Rauferei mit ihm an. Die Mütter liefen herbei, um die beiden zu trennen. Benedetta selbst fühlte sich gar nicht beleidigt: „Er hat mich Hinkebein genannt; was ist daran so schlimm? Es stimmt doch!« Durch ihre Worte waren die Jungen auf der Stelle versöhnt und spielten weiter.

Hochfliegende Mädchenträume

1942 zog die Familie Bianchi nach Sirmione am Gardasee. Ab 1946 vertraute Benedetta ihre Gedanken, oft auch ihre Verfehlungen, einem Tagebuch an: „Mama sagt, ich bin unerträglich ... Ich bin ungezogen und böse.« Von 1949 an musste sie ein Korsett tragen, um keinen Buckel zu bekommen. Sie schrieb: „Ich habe geweint; das Korsett drückt schrecklich unter den Armen! Davor war ich unbekümmert und glaubte, ich wäre fast wie die Anderen. Heute liegt ein Abgrund zwischen uns! Aber im Leben will ich so sein wie die Anderen, vielleicht sogar ein bisschen mehr: Ich möchte berühmt werden.« In der Schule hatte Benedetta glänzende Noten. 1953 notierte sie: „Heute ist Ostern; wie gern würde ich aus meinen Sünden auferstehen und nur von Gott leben! Heute habe ich mit Gabriele ein bisschen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele philosophiert. Was sind die Menschen dumm, dass sie sich schämen, über diese wichtigen Dinge zu reden!«

In einer Predigt vom 15. April 2010 vor den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission sagte Papst Benedikt XVI.: „Wir fürchten uns heute oft ein wenig davor, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir sprechen von den Dingen, die für die Welt nützlich sind, wir zeigen, dass das Christentum auch dabei hilft, die Welt zu verbessern, aber wir wagen es nicht, zu sagen, dass dessen Ziel das ewige Leben ist und dass von diesem Ziel dann alle Kriterien für das Leben herrühren. Wir müssen von neuem ... anerkennen, dass das Christentum nur in der großen Perspektive des ewigen Lebens seinen ganzen Sinn offenbart. Wir müssen ... die große Hoffnung haben, dass es das ewige Leben gibt, dass es das wahre Leben ist und dass aus diesem wahren Leben das Licht hervorgeht, das auch diese Welt erleuchtet.«

Als Benedetta am 15. Februar 1953 in einer Lateinstunde mündlich drangenommen wurde, konnte sie die Fragen des Lehrers auf einmal nicht mehr hören. Von da an kam es immer wieder zu Hörstörungen. In ihrem Tagebuch steht: „Wie sehe ich wohl ich diesen Augenblicken aus? Was soll's. Vielleicht werde ich eines Tages gar nichts mehr davon mitbekommen, was die Anderen sagen; meine innere Stimme aber werde ich immer hören, uns das ist die Richtschnur, nach der ich mich richten muss.« Im Oktober legte sie die Abiturprüfung mit hervorragenden Noten ab und schrieb sich in Mailand an der Medizinischen Fakultät ein; ihr Ziel war: „Leben, kämpfen und mich für alle Menschen opfern.«

Doch die drohende Taubheit ließ Benedetta eine Zeitlang verzagen; sie spürte den Sog des Nichts. Sie schrieb an ihre damalige Lieblingsfreundin: „Weißt Du, Anna, mir ist, als befände ich mich in einem unendlichen, eintönigen Sumpf und ginge ganz langsam unter –ohne Schmerzen, ohne Bedauern, ohne Bewusstsein, gleichgültig dem gegenüber, was passieren wird, selbst wenn der letzte Zipfel des Himmels verschwindet und der Schlamm mich verschluckt ... Ich bin oft voller Zweifel und sehe alles schwarz.« Die größte Gefahr für das junge Mädchen lauerte nicht in der Krankheit, sondern in der heimtückischen Versuchung, in Nihilismus und Verzweiflung zu verfallen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann sie den Reichtum des inneren Lebens zu entdecken, einer Welt, die viel weiter war als die Welt der Sinne. Ihr Wunsch „Wie gern möchte ich nur von Gott leben!« war bereits ein Hinweis auf die zukünftige Richtung ihres Lebens. Ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus fand allerdings erst später statt.

Benedetta kämpfte mit stoischer Hartnäckigkeit gegen ihre Behinderung an und studierte erfolgreich. Sie lernte lippenlesen und konnte bei den mündlichen Prüfungen so prompt antworten, dass niemand etwas von ihrer Taubheit merkte. Im November 1955 durfte sie die mündliche Prüfung vom letzten Sommer schriftlich wiederholen und bestand sie mit Bravour; noch am selben Abend bekam sie jedoch heftige Kopfschmerzen, ihr Blickfeld verengte sich. Eine düstere Vorahnung überkam sie: „Nein, mein Gott! Nicht die Augen!« Eines Abends im Jahre 1956 kam Benedetta mit einer medizinischen Abhandlung zu einer Freundin: „Das hier ist meine Krankheit.« Sie zeigte ihr das Foto eines Patienten mit einer „diffusen Neurofibromatose«, auch „Morbus Recklinghausen« genannt: Diese äußerst seltene tödliche Krankheit zerstört nach und nach das zentrale Nervensystem, indem sie kleine Tumoren darin bildet; sie befällt zunächst den Hörnerv, dann folgen der Sehnerv und die anderen Sinne; zum Schluss kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Die Ärzte gaben nach eingehender Untersuchung betroffen zu, dass Benedettas Diagnose richtig war. Es begann eine lange Serie von Krankenhausaufenthalten und chirurgischen Eingriffen, um den schrecklichen Krankheitsprozess aufzuhalten.

„Ein folgsames Schaf in seinen Händen«

Am 27. Juni 1957 wurde Benedetta am Kopf operiert.  Im Angesicht des Todes sagte sie zu ihrer Mutter: „Was bin ich zufrieden, Mama, dem Herrn rein, ohne eine Todsünde entgegenzutreten.« Sie erinnerte sich an die geliebten Worte des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun« (Lob der Schöpfung). Als man ihr die Haare abschnitt, suchte sie Zuflucht im Gebet: „Als mein Kopf rasiert wurde, fühlte ich mich wie ein Lamm, das geschoren wird. Ich bat den Herrn, ein folgsames Schaf in seinen Händen werden zu dürfen.« Gleich nach dem Erwachen aus der Narkose betastete sie ihr Gesicht: „Sie haben mir den Gesichtsnerv durch-trennt.« Ihre linke Gesichtshälfte war gelähmt. Der Chirurg wusste gar nicht, wie er sich für den Kunstfehler entschuldigen sollte; sie sagte ihm einfach: „Sie haben getan, was Sie konnten; geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie beruhigt! So etwas kann passieren; Sie sind nicht unser Vater im Himmel!«

Indes reichte Benedettas große moralische Stärke nicht mehr ganz, um die Situation ertragen zu können; einmal schrieb sie aus ihrer im siebten Stock gelegenen Mailänder Wohnung an ihre beste Freundin Maria Grazia: „Mitunter hätte ich Lust, aus dem Fenster zu springen.« Sie wollte sich der Krankheit jedoch noch nicht geschlagen geben; durch harte Arbeit gelang es ihr, im Juni 1959 ihr fünftes Studienjahr erfolgreich abzuschließen; es blieb nur noch ein Jahr bis zum Medizinerdiplom! Die nächste Operation, die die fortschreitende Lähmung ihrer unteren Gliedmaßen aufhalten sollte, misslang jedoch: Sie konnte nicht mehr gehen. 1960 musste Benedetta ihr Studium endgültig aufgeben: eine harte Prüfung für die begabte junge Frau. Ihre Verwandten, die ihren körperlichen Verfall ohnmächtig verfolgten, wurden gleichzeitig Zeugen ihres atemberaubenden spirituellen Aufblühens. Obwohl sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, war sie weder traurig noch verzweifelt: „Ich führe ein eintöniges Leben, doch wie erfüllt kommt es mir vor! Das Leben an sich scheint mir ein Wunder zu sein, und ich möchte eine Lobeshymne auf Den anstimmen, der es mir geschenkt hat.« Ihre Mutter schenkte ihr einen Vogel im Käfig mit den Worten: „Er ist wie du.« Sie erwiderte: „Nein, Mama, ich war nie so frei wie jetzt, seit ich hier festsitze.« Zu Maria Grazia sagte sie: „Geistig bin ich völlig gelassen - mehr noch: Ich bin glücklich; glaube bloß nicht, dass ich übertreibe.« Gleichzeitig wuchs ihre Demut, denn sie erkannte, wie unvollkommen sie war, eine „Sünderin« vor Gott; sie fühlte sich ihrer inneren Freude unwürdig und fürchtete, sie zu verlieren.

Doch nicht immer verlief alles reibungslos. Dem Frieden folgten Perioden innerer Qual. 1960 schrieb Benedetta an eine neue Freundin namens Nicoletta, die im spirituellen Leben erfahrener war: „Ich mache zur Zeit eine Phase großer geistiger Öde durch. Ich fühle mich allein, müde, ein bisschen gedemütigt, ungeduldig ... Am schmerzlichsten ist, dass ich nicht in Frieden lebe. Bete für mich, bete für mich ... Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu?« Die Freundin antwortete: „Du kannst nicht erzwingen, dass du deinen Glauben fühlst und dass du verstehst, wieso dein Leiden gerecht ist. Keine Panik, wenn du das Gefühl hast, dass du revoltierst: Für Gott ist das unwichtig; Er kennt die Wahrheit ... Angesichts dieses unendlichen Mysteriums will Er nur unser ‚Ja'; es spielt keine Rolle, wie wir es aussprechen.« Benedetta hörte auf sie, sagte „Ja« und spürte immer stärker die Gegenwart Jesu Christi, der in ihr lebte; sie schrieb zurück: „Sei gesegnet für die Freude, die du mir vermittelt hast, eine zu große Freude für mich Unwürdige; sie brach über mich herein, als hätten sich alle Ozeane in eine Nussschale ergossen.«

Von diesem Augenblick an begriff Benedetta das Leiden nicht als Last, die heroisch zu ertragen war, sondern vielmehr als Zeichen besonderer göttlicher Wertschätzung. Jesus rief sie, sie solle sein Kreuz mittragen, um mit Ihm eins zu werden; sie folgte ihm und schöpfte täglich Kraft aus der Lektüre des Evangeliums, der Schriften des hl. Paulus und der Psalmen.

In seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007 bestätigt Benedikt XVI. die Richtigkeit dieser Haltung: „Damit das Gebet diese reinigende Kraft entfaltet, muss es einerseits ganz persönlich sein, Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott. Es muss aber andererseits immer wieder geführt und erleuchtet werden von den großen Gebetsworten der Kirche und der Heiligen, vom liturgischen Gebet, in dem der Herr uns immer wieder recht zu beten lehrt« (Nr. 34).

„Sprich zu ihr!«

Im Mai 1962 reiste Benedetta in einem Krankenzug mit  nach Lourdes. Im dortigen Krankenhaus lag ein 22 Jahre altes Mädchen namens Maria neben ihr, das ebenfalls gelähmt war. Maria war in einer materiell wie moralisch verzweifelten Lage nach Lourdes gekommen, um die Unbefleckt Empfangene um ein Wunder zu bitten; sie betete ununterbrochen, doch es passierte nichts. Die beiden Kranken lagen am Tag vor ihrer Abreise Seite an Seite auf ihren Tragen vor der Grotte; Maria schluchzte. Benedetta nahm ihre Hand und umschloss sie mit ihren Händen, als würde sie an Marias Stelle beten: „Maria, die Madonna ist da und blickt dich an! Sprich zu ihr, zur Madonna!« Plötzlich erhob sich Maria von ihrer Trage. Sie machte zaghaft, noch ganz ungläubig, ein paar Schritte. Dann eilte sie, außer sich vor Freude, unter Tränen der Rührung und Dankbarkeit nach vorne. Benedetta war glücklich über das Wunder, zugleich aber auch kurz traurig bei dem Gedanken, dass es an jemand anderem bewirkt worden war. Bald beruhigte sie sich wieder und gab sich in die Hände Marias. Ein Jahr später kehrte sie nach Lourdes zurück und schrieb von dort: „Ich schmecke die Süße der Entsagung. Das ist für mich dieses Jahr das Wunder von Lourdes. Die Madonna hat mir alles wiedergeschenkt, was ich verloren hatte. Sie hat mir alles vergolten, was mir genommen worden war, denn ich besitze die Fülle des Heiligen Geistes.« Am 20. August 1963 fand eine Krankenschwester Benedetta in ekstatischer Verzückung vor; sie sagte, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen: „Wie schön sie ist, die Madonna!«

Inzwischen war Benedetta mehrmals am Kopf operiert worden. Vor der letzten Operation am 27. Februar 1963 vertraute sie ihre Angst Maria Grazia an; diese erinnerte sie an folgende Passage aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers«, einem Roman von Georges Bernanos: „Wenn ich Angst habe, sage ich ohne Scham: ‚Ich habe Angst.' Und der Herr wird mir Kraft schenken.« Benedetta sprach den Satz immer wieder leise vor sich her, und nach und nach kam sie innerlich zur Ruhe. Sie bedankte sich überschwänglich bei ihrer Freundin. Am Tag nach der Operation stellte sie fest, dass sie erblindet war; doch sie bat darum, es dem Chirurgen zu verheimlichen, um ihn nicht zu betrüben. Sie nahm das Kreuz der Blindheit auf sich, das sie 1955 noch so entsetzt hatte, und ihre Seele war friedlich dabei: „Man braucht sich nur mit geschlossenen Augen Gott anzuvertrauen. Ich bin dabei, die Einfachheit zu leben, die Selbstentäußerung ... Ist das schön! Man wird so leicht und so frei!«

In Bezug auf große, nach menschlichem Maßstab unerträgliche Heimsuchungen gleicht die Erklärung Benedikts XVI. dem Geheimnis, das Benedetta entdeckt hatte: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben ... augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind und von ihr her Sinn und Bedeutung haben, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken« (Spe Salvi, Nr. 35).

Benedetta lebte von da an fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich zwei winzige Verbindungswege waren ihr geblieben: ein schwaches, dünnes Stimmchen zum Sprechen sowie ihre linke Hand, die wie durch ein Wunder nicht gefühllos geworden war; mit den Fingern dieser Hand konnte man ihr Zeichen des Fingeralphabets auf das Gesicht „malen«, die sie nicht sah, sondern nur fühlte (das „b« wurde z.B. durch geschlossene Zeige- und Mittelfinger auf der Wange gebildet); so konnte sie sich mit ihrer Umwelt verständigen. Ihr Zimmer wurde bald von Besuchern belagert, die sie aufmuntern, aber auch um Hilfe bitten wollten. Benedetta hatte die Gabe, Freude um sich zu verbreiten, und lebte allen den „schmalen Weg« vor, der zu Gott führt. Zu ihrer besten Freundin sagte sie einmal: „Wir müssen das Geheimnis akzeptieren, Maria Grazia; uns ängstigt die Frage nach dem Warum ... Der Herr gibt uns genau so viel Leid auf, wie wir tragen können; nicht mehr und nicht weniger.« Die Freundin erklärte später: „Da merkte ich, dass sich etwas in ihr überraschend geändert hatte, seit sie erblindet war. Ein tiefer Frieden schien über sie gekommen zu sein, als wäre sie plötzlich völlig frei von Angst und Furcht.« Ein Priester, der Benedetta oft die heilige Kommunion brachte, berichtete folgenden Ausspruch der Kranken: „Wenn für einen kurzen Moment Versuchungen auftauchen, rufe ich den Herrn zu Hilfe, selbst wenn ich vor Schrecken erbleiche; und ich spüre sofort Seine tröstende Gegenwart.«

Benedetta interessierte sich für alle Leute, vor allem für die, die sich von Gott entfernt hatten. Im Mai 1963 las ihr ihre Mutter per „Fingersprache« die Zuschrift eines jungen Mannes namens Natalino aus einer Wochenzeitschrift vor, der an einer schweren Krankheit litt und aus Hoffnungslosigkeit um Hilfe bat. Benedetta antwortete ihm: „Ich bin blind und taub, deswegen sind die Dinge für mich sehr schwierig geworden ... Ich bin jedoch nicht an meinem Kreuz verzweifelt; ich weiß, dass am Ende des Weges Jesus auf mich wartet. Ich habe eine Weisheit gefunden, die erhabener ist als die Weisheit der Menschen; ich habe entdeckt, dass Gott existiert, dass Er Liebe, Treue, Freude und Gewissheit bedeutet bis ans Ende der Zeit ... Meine Tage sind nicht einfach; sie sind hart, aber zugleich auch süß, denn Jesus ist bei mir in meinem Leiden, und Er schenkt mir seine Sanftmut in der Einsamkeit sowie Licht in der Dunkelheit ... Er lächelt mir zu und begrüßt meine Mitwirkung. Adieu, Natalino: Das Leben ist kurz, es ist schnell vorbei; ein ganz kurzer Steg - gefährlich für den, der gierig nach Genuss strebt, sicher für den, der sich Ihm anschließt, um in die Heimat einzugehen.«

Am 21. Januar 1964 fühlte Benedetta endlich den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus, ihrem Bräutigam, nahen; sie beichtete und empfing die Kommunion. In der Nacht zum 22. bat sie die Krankenschwester, wegen der Versuchungen Satans bei ihr zu bleiben: „Emilia, morgen werde ich sterben. Mir geht es sehr schlecht.« Am nächsten Morgen entdeckte ihre Mutter eine frisch aufgeblühte weiße Rose im Garten ... eine blühende Rose im Januar! Als sie Benedetta von ihrer Entdeckung berichtete, erwiderte diese: „Auf dieses Zeichen habe ich gewartet!« Sie hatte im Jahr davor an Allerheiligen geträumt, sie betrete die Familiengruft und sehe sie mit einer lichtglänzenden weißen Rose geschmückt. Bald darauf erlitt sie einen Blutsturz und starb im Alter von 27 Jahren mit dem Wort „Danke« auf den Lippen.

„Ich werde mit der Angst nicht mehr allein sein«

Die Ausstrahlung Benedetta Bianchi Porros ist nach  ihrem Tod immer größer geworden. Unzählige Leidende finden Kraft und Mut, wenn sie ihren Lebensbericht und ihre Briefe lesen, und sagen mit Maria Grazia zu ihr: „Ich werde nicht mehr allein sein mit der Angst, weil du mir den Wert des Gebets gezeigt hast.« Am 23. Dezember 1993 billigte Papst Johannes-Paul II. ein Dekret über die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden; für die Seligsprechung der „ehrwürdigen Dienerin« Benedetta fehlt nur noch die Anerkennung eines durch ihre Fürbitte bewirkten Wunders.

In seinem apostolischen Schreiben Salvifici doloris vom 11. Februar 1984 formulierte der ehrwürdige Papst Johannes-Paul II. folgende Zeilen, die genau auf den spirituellen Lebensweg Benedettas passen: „... jeder tritt fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem ‚Warum' in sein Leiden ein. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage ... Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr und mehr an den Leiden Christi teilnimmt ... Die Antwort ... ist in der Tat vor allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: ‚Folge mir! Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz!' Während der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines Leidens ... Nun findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude« (Nr. 26).

Am 24. Mai 1963 verriet Benedetta: „Ich möchte allen Leidenden, allen Kranken sagen, dass der Herr Großes in uns bewirken kann, wenn wir demütig und gehorsam sind.« Mit ihr zusammen bitten wir Jesus, uns zu „folgsamen Schäfchen in seinen Händen« zu machen.

ines Tages im Sommer 1955 wurde eine Studentin der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand beim Abschlussexamen für das zweite Studienjahr unerwartet zur mündlichen Prüfung aufgerufen. Sie reagierte zunächst nicht, errötete dann und erklärte zaghaft: „Herr Professor, ich werde wegen eines Nervenleidens behandelt und höre nichts ... Ich hoffe, dass ich gesund werde. Haben Sie Geduld ... Können Sie mir die Fragen auch schriftlich stellen?« Die anwesenden Studenten begannen zu lachen. Der Professor vermutete einen schlechten Scherz und schrie: „Geduld, Geduld! – Haben Sie das gehört? Wer hat schon einen tauben Arzt gesehen?« Er schleuderte das Studienbuch der entgeisterten und beschämten Studentin an die Wand. Sie stammelte: „Bitte, verzeihen Sie; ich wollte Sie nicht verletzen.« Der Professor blieb unnachgiebig, die Studentin fiel durch. Sie verließ den Raum und sagte zu einer Freundin, die alles mit angesehen hatte und weinte: „Das macht nichts; hör mal, sag vorerst nichts zu Mama; ich werde es ihr morgen sagen.« Sie wollte den Professor bei ihrer Mutter noch selbst entschuldigen. Die Studentin hat niemals ein Arztdiplom erhalten; doch sie bringt heute vom Himmel aus unzähligen „Patienten« die hohe Kunst des Leidens bei.

Benedetta Bianchi Porro wurde am 8. August 1936 in Dovadola, einem Dorf in der norditalienischen Provinz Romagna, geboren. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Frau, die versuchte, ihren Glauben an ihre sechs Kinder weiterzugeben. Im Alter von wenigen Monaten erkrankte Benedetta an Kinderlähmung; die Krankheit wurde zwar gestoppt, doch ihr rechtes Bein blieb kürzer als das linke. Eines Tages wurde sie auf dem Pausenhof von einem Jungen, der sich über sie geärgert hatte, „Hinkebein« gerufen. Ihr Bruder Gabriele fing sofort eine Rauferei mit ihm an. Die Mütter liefen herbei, um die beiden zu trennen. Benedetta selbst fühlte sich gar nicht beleidigt: „Er hat mich Hinkebein genannt; was ist daran so schlimm? Es stimmt doch!« Durch ihre Worte waren die Jungen auf der Stelle versöhnt und spielten weiter.

Hochfliegende Mädchenträume

1942 zog die Familie Bianchi nach Sirmione am Gardasee. Ab 1946 vertraute Benedetta ihre Gedanken, oft auch ihre Verfehlungen, einem Tagebuch an: „Mama sagt, ich bin unerträglich ... Ich bin ungezogen und böse.« Von 1949 an musste sie ein Korsett tragen, um keinen Buckel zu bekommen. Sie schrieb: „Ich habe geweint; das Korsett drückt schrecklich unter den Armen! Davor war ich unbekümmert und glaubte, ich wäre fast wie die Anderen. Heute liegt ein Abgrund zwischen uns! Aber im Leben will ich so sein wie die Anderen, vielleicht sogar ein bisschen mehr: Ich möchte berühmt werden.« In der Schule hatte Benedetta glänzende Noten. 1953 notierte sie: „Heute ist Ostern; wie gern würde ich aus meinen Sünden auferstehen und nur von Gott leben! Heute habe ich mit Gabriele ein bisschen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele philosophiert. Was sind die Menschen dumm, dass sie sich schämen, über diese wichtigen Dinge zu reden!«

In einer Predigt vom 15. April 2010 vor den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission sagte Papst Benedikt XVI.: „Wir fürchten uns heute oft ein wenig davor, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir sprechen von den Dingen, die für die Welt nützlich sind, wir zeigen, dass das Christentum auch dabei hilft, die Welt zu verbessern, aber wir wagen es nicht, zu sagen, dass dessen Ziel das ewige Leben ist und dass von diesem Ziel dann alle Kriterien für das Leben herrühren. Wir müssen von neuem ... anerkennen, dass das Christentum nur in der großen Perspektive des ewigen Lebens seinen ganzen Sinn offenbart. Wir müssen ... die große Hoffnung haben, dass es das ewige Leben gibt, dass es das wahre Leben ist und dass aus diesem wahren Leben das Licht hervorgeht, das auch diese Welt erleuchtet.«

Als Benedetta am 15. Februar 1953 in einer Lateinstunde mündlich drangenommen wurde, konnte sie die Fragen des Lehrers auf einmal nicht mehr hören. Von da an kam es immer wieder zu Hörstörungen. In ihrem Tagebuch steht: „Wie sehe ich wohl ich diesen Augenblicken aus? Was soll's. Vielleicht werde ich eines Tages gar nichts mehr davon mitbekommen, was die Anderen sagen; meine innere Stimme aber werde ich immer hören, uns das ist die Richtschnur, nach der ich mich richten muss.« Im Oktober legte sie die Abiturprüfung mit hervorragenden Noten ab und schrieb sich in Mailand an der Medizinischen Fakultät ein; ihr Ziel war: „Leben, kämpfen und mich für alle Menschen opfern.«

Doch die drohende Taubheit ließ Benedetta eine Zeitlang verzagen; sie spürte den Sog des Nichts. Sie schrieb an ihre damalige Lieblingsfreundin: „Weißt Du, Anna, mir ist, als befände ich mich in einem unendlichen, eintönigen Sumpf und ginge ganz langsam unter –ohne Schmerzen, ohne Bedauern, ohne Bewusstsein, gleichgültig dem gegenüber, was passieren wird, selbst wenn der letzte Zipfel des Himmels verschwindet und der Schlamm mich verschluckt ... Ich bin oft voller Zweifel und sehe alles schwarz.« Die größte Gefahr für das junge Mädchen lauerte nicht in der Krankheit, sondern in der heimtückischen Versuchung, in Nihilismus und Verzweiflung zu verfallen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann sie den Reichtum des inneren Lebens zu entdecken, einer Welt, die viel weiter war als die Welt der Sinne. Ihr Wunsch „Wie gern möchte ich nur von Gott leben!« war bereits ein Hinweis auf die zukünftige Richtung ihres Lebens. Ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus fand allerdings erst später statt.

Benedetta kämpfte mit stoischer Hartnäckigkeit gegen ihre Behinderung an und studierte erfolgreich. Sie lernte lippenlesen und konnte bei den mündlichen Prüfungen so prompt antworten, dass niemand etwas von ihrer Taubheit merkte. Im November 1955 durfte sie die mündliche Prüfung vom letzten Sommer schriftlich wiederholen und bestand sie mit Bravour; noch am selben Abend bekam sie jedoch heftige Kopfschmerzen, ihr Blickfeld verengte sich. Eine düstere Vorahnung überkam sie: „Nein, mein Gott! Nicht die Augen!« Eines Abends im Jahre 1956 kam Benedetta mit einer medizinischen Abhandlung zu einer Freundin: „Das hier ist meine Krankheit.« Sie zeigte ihr das Foto eines Patienten mit einer „diffusen Neurofibromatose«, auch „Morbus Recklinghausen« genannt: Diese äußerst seltene tödliche Krankheit zerstört nach und nach das zentrale Nervensystem, indem sie kleine Tumoren darin bildet; sie befällt zunächst den Hörnerv, dann folgen der Sehnerv und die anderen Sinne; zum Schluss kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Die Ärzte gaben nach eingehender Untersuchung betroffen zu, dass Benedettas Diagnose richtig war. Es begann eine lange Serie von Krankenhausaufenthalten und chirurgischen Eingriffen, um den schrecklichen Krankheitsprozess aufzuhalten.

„Ein folgsames Schaf in seinen Händen«

Am 27. Juni 1957 wurde Benedetta am Kopf operiert.  Im Angesicht des Todes sagte sie zu ihrer Mutter: „Was bin ich zufrieden, Mama, dem Herrn rein, ohne eine Todsünde entgegenzutreten.« Sie erinnerte sich an die geliebten Worte des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun« (Lob der Schöpfung). Als man ihr die Haare abschnitt, suchte sie Zuflucht im Gebet: „Als mein Kopf rasiert wurde, fühlte ich mich wie ein Lamm, das geschoren wird. Ich bat den Herrn, ein folgsames Schaf in seinen Händen werden zu dürfen.« Gleich nach dem Erwachen aus der Narkose betastete sie ihr Gesicht: „Sie haben mir den Gesichtsnerv durch-trennt.« Ihre linke Gesichtshälfte war gelähmt. Der Chirurg wusste gar nicht, wie er sich für den Kunstfehler entschuldigen sollte; sie sagte ihm einfach: „Sie haben getan, was Sie konnten; geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie beruhigt! So etwas kann passieren; Sie sind nicht unser Vater im Himmel!«

Indes reichte Benedettas große moralische Stärke nicht mehr ganz, um die Situation ertragen zu können; einmal schrieb sie aus ihrer im siebten Stock gelegenen Mailänder Wohnung an ihre beste Freundin Maria Grazia: „Mitunter hätte ich Lust, aus dem Fenster zu springen.« Sie wollte sich der Krankheit jedoch noch nicht geschlagen geben; durch harte Arbeit gelang es ihr, im Juni 1959 ihr fünftes Studienjahr erfolgreich abzuschließen; es blieb nur noch ein Jahr bis zum Medizinerdiplom! Die nächste Operation, die die fortschreitende Lähmung ihrer unteren Gliedmaßen aufhalten sollte, misslang jedoch: Sie konnte nicht mehr gehen. 1960 musste Benedetta ihr Studium endgültig aufgeben: eine harte Prüfung für die begabte junge Frau. Ihre Verwandten, die ihren körperlichen Verfall ohnmächtig verfolgten, wurden gleichzeitig Zeugen ihres atemberaubenden spirituellen Aufblühens. Obwohl sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, war sie weder traurig noch verzweifelt: „Ich führe ein eintöniges Leben, doch wie erfüllt kommt es mir vor! Das Leben an sich scheint mir ein Wunder zu sein, und ich möchte eine Lobeshymne auf Den anstimmen, der es mir geschenkt hat.« Ihre Mutter schenkte ihr einen Vogel im Käfig mit den Worten: „Er ist wie du.« Sie erwiderte: „Nein, Mama, ich war nie so frei wie jetzt, seit ich hier festsitze.« Zu Maria Grazia sagte sie: „Geistig bin ich völlig gelassen - mehr noch: Ich bin glücklich; glaube bloß nicht, dass ich übertreibe.« Gleichzeitig wuchs ihre Demut, denn sie erkannte, wie unvollkommen sie war, eine „Sünderin« vor Gott; sie fühlte sich ihrer inneren Freude unwürdig und fürchtete, sie zu verlieren.

Doch nicht immer verlief alles reibungslos. Dem Frieden folgten Perioden innerer Qual. 1960 schrieb Benedetta an eine neue Freundin namens Nicoletta, die im spirituellen Leben erfahrener war: „Ich mache zur Zeit eine Phase großer geistiger Öde durch. Ich fühle mich allein, müde, ein bisschen gedemütigt, ungeduldig ... Am schmerzlichsten ist, dass ich nicht in Frieden lebe. Bete für mich, bete für mich ... Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu?« Die Freundin antwortete: „Du kannst nicht erzwingen, dass du deinen Glauben fühlst und dass du verstehst, wieso dein Leiden gerecht ist. Keine Panik, wenn du das Gefühl hast, dass du revoltierst: Für Gott ist das unwichtig; Er kennt die Wahrheit ... Angesichts dieses unendlichen Mysteriums will Er nur unser ‚Ja'; es spielt keine Rolle, wie wir es aussprechen.« Benedetta hörte auf sie, sagte „Ja« und spürte immer stärker die Gegenwart Jesu Christi, der in ihr lebte; sie schrieb zurück: „Sei gesegnet für die Freude, die du mir vermittelt hast, eine zu große Freude für mich Unwürdige; sie brach über mich herein, als hätten sich alle Ozeane in eine Nussschale ergossen.«

Von diesem Augenblick an begriff Benedetta das Leiden nicht als Last, die heroisch zu ertragen war, sondern vielmehr als Zeichen besonderer göttlicher Wertschätzung. Jesus rief sie, sie solle sein Kreuz mittragen, um mit Ihm eins zu werden; sie folgte ihm und schöpfte täglich Kraft aus der Lektüre des Evangeliums, der Schriften des hl. Paulus und der Psalmen.

In seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007 bestätigt Benedikt XVI. die Richtigkeit dieser Haltung: „Damit das Gebet diese reinigende Kraft entfaltet, muss es einerseits ganz persönlich sein, Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott. Es muss aber andererseits immer wieder geführt und erleuchtet werden von den großen Gebetsworten der Kirche und der Heiligen, vom liturgischen Gebet, in dem der Herr uns immer wieder recht zu beten lehrt« (Nr. 34).

„Sprich zu ihr!«

Im Mai 1962 reiste Benedetta in einem Krankenzug mit  nach Lourdes. Im dortigen Krankenhaus lag ein 22 Jahre altes Mädchen namens Maria neben ihr, das ebenfalls gelähmt war. Maria war in einer materiell wie moralisch verzweifelten Lage nach Lourdes gekommen, um die Unbefleckt Empfangene um ein Wunder zu bitten; sie betete ununterbrochen, doch es passierte nichts. Die beiden Kranken lagen am Tag vor ihrer Abreise Seite an Seite auf ihren Tragen vor der Grotte; Maria schluchzte. Benedetta nahm ihre Hand und umschloss sie mit ihren Händen, als würde sie an Marias Stelle beten: „Maria, die Madonna ist da und blickt dich an! Sprich zu ihr, zur Madonna!« Plötzlich erhob sich Maria von ihrer Trage. Sie machte zaghaft, noch ganz ungläubig, ein paar Schritte. Dann eilte sie, außer sich vor Freude, unter Tränen der Rührung und Dankbarkeit nach vorne. Benedetta war glücklich über das Wunder, zugleich aber auch kurz traurig bei dem Gedanken, dass es an jemand anderem bewirkt worden war. Bald beruhigte sie sich wieder und gab sich in die Hände Marias. Ein Jahr später kehrte sie nach Lourdes zurück und schrieb von dort: „Ich schmecke die Süße der Entsagung. Das ist für mich dieses Jahr das Wunder von Lourdes. Die Madonna hat mir alles wiedergeschenkt, was ich verloren hatte. Sie hat mir alles vergolten, was mir genommen worden war, denn ich besitze die Fülle des Heiligen Geistes.« Am 20. August 1963 fand eine Krankenschwester Benedetta in ekstatischer Verzückung vor; sie sagte, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen: „Wie schön sie ist, die Madonna!«

Inzwischen war Benedetta mehrmals am Kopf operiert worden. Vor der letzten Operation am 27. Februar 1963 vertraute sie ihre Angst Maria Grazia an; diese erinnerte sie an folgende Passage aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers«, einem Roman von Georges Bernanos: „Wenn ich Angst habe, sage ich ohne Scham: ‚Ich habe Angst.' Und der Herr wird mir Kraft schenken.« Benedetta sprach den Satz immer wieder leise vor sich her, und nach und nach kam sie innerlich zur Ruhe. Sie bedankte sich überschwänglich bei ihrer Freundin. Am Tag nach der Operation stellte sie fest, dass sie erblindet war; doch sie bat darum, es dem Chirurgen zu verheimlichen, um ihn nicht zu betrüben. Sie nahm das Kreuz der Blindheit auf sich, das sie 1955 noch so entsetzt hatte, und ihre Seele war friedlich dabei: „Man braucht sich nur mit geschlossenen Augen Gott anzuvertrauen. Ich bin dabei, die Einfachheit zu leben, die Selbstentäußerung ... Ist das schön! Man wird so leicht und so frei!«

In Bezug auf große, nach menschlichem Maßstab unerträgliche Heimsuchungen gleicht die Erklärung Benedikts XVI. dem Geheimnis, das Benedetta entdeckt hatte: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben ... augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind und von ihr her Sinn und Bedeutung haben, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken« (Spe Salvi, Nr. 35).

Benedetta lebte von da an fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich zwei winzige Verbindungswege waren ihr geblieben: ein schwaches, dünnes Stimmchen zum Sprechen sowie ihre linke Hand, die wie durch ein Wunder nicht gefühllos geworden war; mit den Fingern dieser Hand konnte man ihr Zeichen des Fingeralphabets auf das Gesicht „malen«, die sie nicht sah, sondern nur fühlte (das „b« wurde z.B. durch geschlossene Zeige- und Mittelfinger auf der Wange gebildet); so konnte sie sich mit ihrer Umwelt verständigen. Ihr Zimmer wurde bald von Besuchern belagert, die sie aufmuntern, aber auch um Hilfe bitten wollten. Benedetta hatte die Gabe, Freude um sich zu verbreiten, und lebte allen den „schmalen Weg« vor, der zu Gott führt. Zu ihrer besten Freundin sagte sie einmal: „Wir müssen das Geheimnis akzeptieren, Maria Grazia; uns ängstigt die Frage nach dem Warum ... Der Herr gibt uns genau so viel Leid auf, wie wir tragen können; nicht mehr und nicht weniger.« Die Freundin erklärte später: „Da merkte ich, dass sich etwas in ihr überraschend geändert hatte, seit sie erblindet war. Ein tiefer Frieden schien über sie gekommen zu sein, als wäre sie plötzlich völlig frei von Angst und Furcht.« Ein Priester, der Benedetta oft die heilige Kommunion brachte, berichtete folgenden Ausspruch der Kranken: „Wenn für einen kurzen Moment Versuchungen auftauchen, rufe ich den Herrn zu Hilfe, selbst wenn ich vor Schrecken erbleiche; und ich spüre sofort Seine tröstende Gegenwart.«

Benedetta interessierte sich für alle Leute, vor allem für die, die sich von Gott entfernt hatten. Im Mai 1963 las ihr ihre Mutter per „Fingersprache« die Zuschrift eines jungen Mannes namens Natalino aus einer Wochenzeitschrift vor, der an einer schweren Krankheit litt und aus Hoffnungslosigkeit um Hilfe bat. Benedetta antwortete ihm: „Ich bin blind und taub, deswegen sind die Dinge für mich sehr schwierig geworden ... Ich bin jedoch nicht an meinem Kreuz verzweifelt; ich weiß, dass am Ende des Weges Jesus auf mich wartet. Ich habe eine Weisheit gefunden, die erhabener ist als die Weisheit der Menschen; ich habe entdeckt, dass Gott existiert, dass Er Liebe, Treue, Freude und Gewissheit bedeutet bis ans Ende der Zeit ... Meine Tage sind nicht einfach; sie sind hart, aber zugleich auch süß, denn Jesus ist bei mir in meinem Leiden, und Er schenkt mir seine Sanftmut in der Einsamkeit sowie Licht in der Dunkelheit ... Er lächelt mir zu und begrüßt meine Mitwirkung. Adieu, Natalino: Das Leben ist kurz, es ist schnell vorbei; ein ganz kurzer Steg - gefährlich für den, der gierig nach Genuss strebt, sicher für den, der sich Ihm anschließt, um in die Heimat einzugehen.«

Am 21. Januar 1964 fühlte Benedetta endlich den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus, ihrem Bräutigam, nahen; sie beichtete und empfing die Kommunion. In der Nacht zum 22. bat sie die Krankenschwester, wegen der Versuchungen Satans bei ihr zu bleiben: „Emilia, morgen werde ich sterben. Mir geht es sehr schlecht.« Am nächsten Morgen entdeckte ihre Mutter eine frisch aufgeblühte weiße Rose im Garten ... eine blühende Rose im Januar! Als sie Benedetta von ihrer Entdeckung berichtete, erwiderte diese: „Auf dieses Zeichen habe ich gewartet!« Sie hatte im Jahr davor an Allerheiligen geträumt, sie betrete die Familiengruft und sehe sie mit einer lichtglänzenden weißen Rose geschmückt. Bald darauf erlitt sie einen Blutsturz und starb im Alter von 27 Jahren mit dem Wort „Danke« auf den Lippen.

„Ich werde mit der Angst nicht mehr allein sein«

Die Ausstrahlung Benedetta Bianchi Porros ist nach  ihrem Tod immer größer geworden. Unzählige Leidende finden Kraft und Mut, wenn sie ihren Lebensbericht und ihre Briefe lesen, und sagen mit Maria Grazia zu ihr: „Ich werde nicht mehr allein sein mit der Angst, weil du mir den Wert des Gebets gezeigt hast.« Am 23. Dezember 1993 billigte Papst Johannes-Paul II. ein Dekret über die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden; für die Seligsprechung der „ehrwürdigen Dienerin« Benedetta fehlt nur noch die Anerkennung eines durch ihre Fürbitte bewirkten Wunders.

In seinem apostolischen Schreiben Salvifici doloris vom 11. Februar 1984 formulierte der ehrwürdige Papst Johannes-Paul II. folgende Zeilen, die genau auf den spirituellen Lebensweg Benedettas passen: „... jeder tritt fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem ‚Warum' in sein Leiden ein. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage ... Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr und mehr an den Leiden Christi teilnimmt ... Die Antwort ... ist in der Tat vor allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: ‚Folge mir! Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz!' Während der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines Leidens ... Nun findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude« (Nr. 26).

Am 24. Mai 1963 verriet Benedetta: „Ich möchte allen Leidenden, allen Kranken sagen, dass der Herr Großes in uns bewirken kann, wenn wir demütig und gehorsam sind.« Mit ihr zusammen bitten wir Jesus, uns zu „folgsamen Schäfchen in seinen Händen« zu machen.

ines Tages im Sommer 1955 wurde eine Studentin der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand beim Abschlussexamen für das zweite Studienjahr unerwartet zur mündlichen Prüfung aufgerufen. Sie reagierte zunächst nicht, errötete dann und erklärte zaghaft: „Herr Professor, ich werde wegen eines Nervenleidens behandelt und höre nichts ... Ich hoffe, dass ich gesund werde. Haben Sie Geduld ... Können Sie mir die Fragen auch schriftlich stellen?« Die anwesenden Studenten begannen zu lachen. Der Professor vermutete einen schlechten Scherz und schrie: „Geduld, Geduld! – Haben Sie das gehört? Wer hat schon einen tauben Arzt gesehen?« Er schleuderte das Studienbuch der entgeisterten und beschämten Studentin an die Wand. Sie stammelte: „Bitte, verzeihen Sie; ich wollte Sie nicht verletzen.« Der Professor blieb unnachgiebig, die Studentin fiel durch. Sie verließ den Raum und sagte zu einer Freundin, die alles mit angesehen hatte und weinte: „Das macht nichts; hör mal, sag vorerst nichts zu Mama; ich werde es ihr morgen sagen.« Sie wollte den Professor bei ihrer Mutter noch selbst entschuldigen. Die Studentin hat niemals ein Arztdiplom erhalten; doch sie bringt heute vom Himmel aus unzähligen „Patienten« die hohe Kunst des Leidens bei.

Benedetta Bianchi Porro wurde am 8. August 1936 in Dovadola, einem Dorf in der norditalienischen Provinz Romagna, geboren. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Frau, die versuchte, ihren Glauben an ihre sechs Kinder weiterzugeben. Im Alter von wenigen Monaten erkrankte Benedetta an Kinderlähmung; die Krankheit wurde zwar gestoppt, doch ihr rechtes Bein blieb kürzer als das linke. Eines Tages wurde sie auf dem Pausenhof von einem Jungen, der sich über sie geärgert hatte, „Hinkebein« gerufen. Ihr Bruder Gabriele fing sofort eine Rauferei mit ihm an. Die Mütter liefen herbei, um die beiden zu trennen. Benedetta selbst fühlte sich gar nicht beleidigt: „Er hat mich Hinkebein genannt; was ist daran so schlimm? Es stimmt doch!« Durch ihre Worte waren die Jungen auf der Stelle versöhnt und spielten weiter.

Hochfliegende Mädchenträume

1942 zog die Familie Bianchi nach Sirmione am Gardasee. Ab 1946 vertraute Benedetta ihre Gedanken, oft auch ihre Verfehlungen, einem Tagebuch an: „Mama sagt, ich bin unerträglich ... Ich bin ungezogen und böse.« Von 1949 an musste sie ein Korsett tragen, um keinen Buckel zu bekommen. Sie schrieb: „Ich habe geweint; das Korsett drückt schrecklich unter den Armen! Davor war ich unbekümmert und glaubte, ich wäre fast wie die Anderen. Heute liegt ein Abgrund zwischen uns! Aber im Leben will ich so sein wie die Anderen, vielleicht sogar ein bisschen mehr: Ich möchte berühmt werden.« In der Schule hatte Benedetta glänzende Noten. 1953 notierte sie: „Heute ist Ostern; wie gern würde ich aus meinen Sünden auferstehen und nur von Gott leben! Heute habe ich mit Gabriele ein bisschen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele philosophiert. Was sind die Menschen dumm, dass sie sich schämen, über diese wichtigen Dinge zu reden!«

In einer Predigt vom 15. April 2010 vor den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission sagte Papst Benedikt XVI.: „Wir fürchten uns heute oft ein wenig davor, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir sprechen von den Dingen, die für die Welt nützlich sind, wir zeigen, dass das Christentum auch dabei hilft, die Welt zu verbessern, aber wir wagen es nicht, zu sagen, dass dessen Ziel das ewige Leben ist und dass von diesem Ziel dann alle Kriterien für das Leben herrühren. Wir müssen von neuem ... anerkennen, dass das Christentum nur in der großen Perspektive des ewigen Lebens seinen ganzen Sinn offenbart. Wir müssen ... die große Hoffnung haben, dass es das ewige Leben gibt, dass es das wahre Leben ist und dass aus diesem wahren Leben das Licht hervorgeht, das auch diese Welt erleuchtet.«

Als Benedetta am 15. Februar 1953 in einer Lateinstunde mündlich drangenommen wurde, konnte sie die Fragen des Lehrers auf einmal nicht mehr hören. Von da an kam es immer wieder zu Hörstörungen. In ihrem Tagebuch steht: „Wie sehe ich wohl ich diesen Augenblicken aus? Was soll's. Vielleicht werde ich eines Tages gar nichts mehr davon mitbekommen, was die Anderen sagen; meine innere Stimme aber werde ich immer hören, uns das ist die Richtschnur, nach der ich mich richten muss.« Im Oktober legte sie die Abiturprüfung mit hervorragenden Noten ab und schrieb sich in Mailand an der Medizinischen Fakultät ein; ihr Ziel war: „Leben, kämpfen und mich für alle Menschen opfern.«

Doch die drohende Taubheit ließ Benedetta eine Zeitlang verzagen; sie spürte den Sog des Nichts. Sie schrieb an ihre damalige Lieblingsfreundin: „Weißt Du, Anna, mir ist, als befände ich mich in einem unendlichen, eintönigen Sumpf und ginge ganz langsam unter –ohne Schmerzen, ohne Bedauern, ohne Bewusstsein, gleichgültig dem gegenüber, was passieren wird, selbst wenn der letzte Zipfel des Himmels verschwindet und der Schlamm mich verschluckt ... Ich bin oft voller Zweifel und sehe alles schwarz.« Die größte Gefahr für das junge Mädchen lauerte nicht in der Krankheit, sondern in der heimtückischen Versuchung, in Nihilismus und Verzweiflung zu verfallen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann sie den Reichtum des inneren Lebens zu entdecken, einer Welt, die viel weiter war als die Welt der Sinne. Ihr Wunsch „Wie gern möchte ich nur von Gott leben!« war bereits ein Hinweis auf die zukünftige Richtung ihres Lebens. Ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus fand allerdings erst später statt.

Benedetta kämpfte mit stoischer Hartnäckigkeit gegen ihre Behinderung an und studierte erfolgreich. Sie lernte lippenlesen und konnte bei den mündlichen Prüfungen so prompt antworten, dass niemand etwas von ihrer Taubheit merkte. Im November 1955 durfte sie die mündliche Prüfung vom letzten Sommer schriftlich wiederholen und bestand sie mit Bravour; noch am selben Abend bekam sie jedoch heftige Kopfschmerzen, ihr Blickfeld verengte sich. Eine düstere Vorahnung überkam sie: „Nein, mein Gott! Nicht die Augen!« Eines Abends im Jahre 1956 kam Benedetta mit einer medizinischen Abhandlung zu einer Freundin: „Das hier ist meine Krankheit.« Sie zeigte ihr das Foto eines Patienten mit einer „diffusen Neurofibromatose«, auch „Morbus Recklinghausen« genannt: Diese äußerst seltene tödliche Krankheit zerstört nach und nach das zentrale Nervensystem, indem sie kleine Tumoren darin bildet; sie befällt zunächst den Hörnerv, dann folgen der Sehnerv und die anderen Sinne; zum Schluss kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Die Ärzte gaben nach eingehender Untersuchung betroffen zu, dass Benedettas Diagnose richtig war. Es begann eine lange Serie von Krankenhausaufenthalten und chirurgischen Eingriffen, um den schrecklichen Krankheitsprozess aufzuhalten.

„Ein folgsames Schaf in seinen Händen«

Am 27. Juni 1957 wurde Benedetta am Kopf operiert.  Im Angesicht des Todes sagte sie zu ihrer Mutter: „Was bin ich zufrieden, Mama, dem Herrn rein, ohne eine Todsünde entgegenzutreten.« Sie erinnerte sich an die geliebten Worte des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun« (Lob der Schöpfung). Als man ihr die Haare abschnitt, suchte sie Zuflucht im Gebet: „Als mein Kopf rasiert wurde, fühlte ich mich wie ein Lamm, das geschoren wird. Ich bat den Herrn, ein folgsames Schaf in seinen Händen werden zu dürfen.« Gleich nach dem Erwachen aus der Narkose betastete sie ihr Gesicht: „Sie haben mir den Gesichtsnerv durch-trennt.« Ihre linke Gesichtshälfte war gelähmt. Der Chirurg wusste gar nicht, wie er sich für den Kunstfehler entschuldigen sollte; sie sagte ihm einfach: „Sie haben getan, was Sie konnten; geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie beruhigt! So etwas kann passieren; Sie sind nicht unser Vater im Himmel!«

Indes reichte Benedettas große moralische Stärke nicht mehr ganz, um die Situation ertragen zu können; einmal schrieb sie aus ihrer im siebten Stock gelegenen Mailänder Wohnung an ihre beste Freundin Maria Grazia: „Mitunter hätte ich Lust, aus dem Fenster zu springen.« Sie wollte sich der Krankheit jedoch noch nicht geschlagen geben; durch harte Arbeit gelang es ihr, im Juni 1959 ihr fünftes Studienjahr erfolgreich abzuschließen; es blieb nur noch ein Jahr bis zum Medizinerdiplom! Die nächste Operation, die die fortschreitende Lähmung ihrer unteren Gliedmaßen aufhalten sollte, misslang jedoch: Sie konnte nicht mehr gehen. 1960 musste Benedetta ihr Studium endgültig aufgeben: eine harte Prüfung für die begabte junge Frau. Ihre Verwandten, die ihren körperlichen Verfall ohnmächtig verfolgten, wurden gleichzeitig Zeugen ihres atemberaubenden spirituellen Aufblühens. Obwohl sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, war sie weder traurig noch verzweifelt: „Ich führe ein eintöniges Leben, doch wie erfüllt kommt es mir vor! Das Leben an sich scheint mir ein Wunder zu sein, und ich möchte eine Lobeshymne auf Den anstimmen, der es mir geschenkt hat.« Ihre Mutter schenkte ihr einen Vogel im Käfig mit den Worten: „Er ist wie du.« Sie erwiderte: „Nein, Mama, ich war nie so frei wie jetzt, seit ich hier festsitze.« Zu Maria Grazia sagte sie: „Geistig bin ich völlig gelassen - mehr noch: Ich bin glücklich; glaube bloß nicht, dass ich übertreibe.« Gleichzeitig wuchs ihre Demut, denn sie erkannte, wie unvollkommen sie war, eine „Sünderin« vor Gott; sie fühlte sich ihrer inneren Freude unwürdig und fürchtete, sie zu verlieren.

Doch nicht immer verlief alles reibungslos. Dem Frieden folgten Perioden innerer Qual. 1960 schrieb Benedetta an eine neue Freundin namens Nicoletta, die im spirituellen Leben erfahrener war: „Ich mache zur Zeit eine Phase großer geistiger Öde durch. Ich fühle mich allein, müde, ein bisschen gedemütigt, ungeduldig ... Am schmerzlichsten ist, dass ich nicht in Frieden lebe. Bete für mich, bete für mich ... Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu?« Die Freundin antwortete: „Du kannst nicht erzwingen, dass du deinen Glauben fühlst und dass du verstehst, wieso dein Leiden gerecht ist. Keine Panik, wenn du das Gefühl hast, dass du revoltierst: Für Gott ist das unwichtig; Er kennt die Wahrheit ... Angesichts dieses unendlichen Mysteriums will Er nur unser ‚Ja'; es spielt keine Rolle, wie wir es aussprechen.« Benedetta hörte auf sie, sagte „Ja« und spürte immer stärker die Gegenwart Jesu Christi, der in ihr lebte; sie schrieb zurück: „Sei gesegnet für die Freude, die du mir vermittelt hast, eine zu große Freude für mich Unwürdige; sie brach über mich herein, als hätten sich alle Ozeane in eine Nussschale ergossen.«

Von diesem Augenblick an begriff Benedetta das Leiden nicht als Last, die heroisch zu ertragen war, sondern vielmehr als Zeichen besonderer göttlicher Wertschätzung. Jesus rief sie, sie solle sein Kreuz mittragen, um mit Ihm eins zu werden; sie folgte ihm und schöpfte täglich Kraft aus der Lektüre des Evangeliums, der Schriften des hl. Paulus und der Psalmen.

In seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007 bestätigt Benedikt XVI. die Richtigkeit dieser Haltung: „Damit das Gebet diese reinigende Kraft entfaltet, muss es einerseits ganz persönlich sein, Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott. Es muss aber andererseits immer wieder geführt und erleuchtet werden von den großen Gebetsworten der Kirche und der Heiligen, vom liturgischen Gebet, in dem der Herr uns immer wieder recht zu beten lehrt« (Nr. 34).

„Sprich zu ihr!«

Im Mai 1962 reiste Benedetta in einem Krankenzug mit  nach Lourdes. Im dortigen Krankenhaus lag ein 22 Jahre altes Mädchen namens Maria neben ihr, das ebenfalls gelähmt war. Maria war in einer materiell wie moralisch verzweifelten Lage nach Lourdes gekommen, um die Unbefleckt Empfangene um ein Wunder zu bitten; sie betete ununterbrochen, doch es passierte nichts. Die beiden Kranken lagen am Tag vor ihrer Abreise Seite an Seite auf ihren Tragen vor der Grotte; Maria schluchzte. Benedetta nahm ihre Hand und umschloss sie mit ihren Händen, als würde sie an Marias Stelle beten: „Maria, die Madonna ist da und blickt dich an! Sprich zu ihr, zur Madonna!« Plötzlich erhob sich Maria von ihrer Trage. Sie machte zaghaft, noch ganz ungläubig, ein paar Schritte. Dann eilte sie, außer sich vor Freude, unter Tränen der Rührung und Dankbarkeit nach vorne. Benedetta war glücklich über das Wunder, zugleich aber auch kurz traurig bei dem Gedanken, dass es an jemand anderem bewirkt worden war. Bald beruhigte sie sich wieder und gab sich in die Hände Marias. Ein Jahr später kehrte sie nach Lourdes zurück und schrieb von dort: „Ich schmecke die Süße der Entsagung. Das ist für mich dieses Jahr das Wunder von Lourdes. Die Madonna hat mir alles wiedergeschenkt, was ich verloren hatte. Sie hat mir alles vergolten, was mir genommen worden war, denn ich besitze die Fülle des Heiligen Geistes.« Am 20. August 1963 fand eine Krankenschwester Benedetta in ekstatischer Verzückung vor; sie sagte, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen: „Wie schön sie ist, die Madonna!«

Inzwischen war Benedetta mehrmals am Kopf operiert worden. Vor der letzten Operation am 27. Februar 1963 vertraute sie ihre Angst Maria Grazia an; diese erinnerte sie an folgende Passage aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers«, einem Roman von Georges Bernanos: „Wenn ich Angst habe, sage ich ohne Scham: ‚Ich habe Angst.' Und der Herr wird mir Kraft schenken.« Benedetta sprach den Satz immer wieder leise vor sich her, und nach und nach kam sie innerlich zur Ruhe. Sie bedankte sich überschwänglich bei ihrer Freundin. Am Tag nach der Operation stellte sie fest, dass sie erblindet war; doch sie bat darum, es dem Chirurgen zu verheimlichen, um ihn nicht zu betrüben. Sie nahm das Kreuz der Blindheit auf sich, das sie 1955 noch so entsetzt hatte, und ihre Seele war friedlich dabei: „Man braucht sich nur mit geschlossenen Augen Gott anzuvertrauen. Ich bin dabei, die Einfachheit zu leben, die Selbstentäußerung ... Ist das schön! Man wird so leicht und so frei!«

In Bezug auf große, nach menschlichem Maßstab unerträgliche Heimsuchungen gleicht die Erklärung Benedikts XVI. dem Geheimnis, das Benedetta entdeckt hatte: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben ... augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind und von ihr her Sinn und Bedeutung haben, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken« (Spe Salvi, Nr. 35).

Benedetta lebte von da an fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich zwei winzige Verbindungswege waren ihr geblieben: ein schwaches, dünnes Stimmchen zum Sprechen sowie ihre linke Hand, die wie durch ein Wunder nicht gefühllos geworden war; mit den Fingern dieser Hand konnte man ihr Zeichen des Fingeralphabets auf das Gesicht „malen«, die sie nicht sah, sondern nur fühlte (das „b« wurde z.B. durch geschlossene Zeige- und Mittelfinger auf der Wange gebildet); so konnte sie sich mit ihrer Umwelt verständigen. Ihr Zimmer wurde bald von Besuchern belagert, die sie aufmuntern, aber auch um Hilfe bitten wollten. Benedetta hatte die Gabe, Freude um sich zu verbreiten, und lebte allen den „schmalen Weg« vor, der zu Gott führt. Zu ihrer besten Freundin sagte sie einmal: „Wir müssen das Geheimnis akzeptieren, Maria Grazia; uns ängstigt die Frage nach dem Warum ... Der Herr gibt uns genau so viel Leid auf, wie wir tragen können; nicht mehr und nicht weniger.« Die Freundin erklärte später: „Da merkte ich, dass sich etwas in ihr überraschend geändert hatte, seit sie erblindet war. Ein tiefer Frieden schien über sie gekommen zu sein, als wäre sie plötzlich völlig frei von Angst und Furcht.« Ein Priester, der Benedetta oft die heilige Kommunion brachte, berichtete folgenden Ausspruch der Kranken: „Wenn für einen kurzen Moment Versuchungen auftauchen, rufe ich den Herrn zu Hilfe, selbst wenn ich vor Schrecken erbleiche; und ich spüre sofort Seine tröstende Gegenwart.«

Benedetta interessierte sich für alle Leute, vor allem für die, die sich von Gott entfernt hatten. Im Mai 1963 las ihr ihre Mutter per „Fingersprache« die Zuschrift eines jungen Mannes namens Natalino aus einer Wochenzeitschrift vor, der an einer schweren Krankheit litt und aus Hoffnungslosigkeit um Hilfe bat. Benedetta antwortete ihm: „Ich bin blind und taub, deswegen sind die Dinge für mich sehr schwierig geworden ... Ich bin jedoch nicht an meinem Kreuz verzweifelt; ich weiß, dass am Ende des Weges Jesus auf mich wartet. Ich habe eine Weisheit gefunden, die erhabener ist als die Weisheit der Menschen; ich habe entdeckt, dass Gott existiert, dass Er Liebe, Treue, Freude und Gewissheit bedeutet bis ans Ende der Zeit ... Meine Tage sind nicht einfach; sie sind hart, aber zugleich auch süß, denn Jesus ist bei mir in meinem Leiden, und Er schenkt mir seine Sanftmut in der Einsamkeit sowie Licht in der Dunkelheit ... Er lächelt mir zu und begrüßt meine Mitwirkung. Adieu, Natalino: Das Leben ist kurz, es ist schnell vorbei; ein ganz kurzer Steg - gefährlich für den, der gierig nach Genuss strebt, sicher für den, der sich Ihm anschließt, um in die Heimat einzugehen.«

Am 21. Januar 1964 fühlte Benedetta endlich den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus, ihrem Bräutigam, nahen; sie beichtete und empfing die Kommunion. In der Nacht zum 22. bat sie die Krankenschwester, wegen der Versuchungen Satans bei ihr zu bleiben: „Emilia, morgen werde ich sterben. Mir geht es sehr schlecht.« Am nächsten Morgen entdeckte ihre Mutter eine frisch aufgeblühte weiße Rose im Garten ... eine blühende Rose im Januar! Als sie Benedetta von ihrer Entdeckung berichtete, erwiderte diese: „Auf dieses Zeichen habe ich gewartet!« Sie hatte im Jahr davor an Allerheiligen geträumt, sie betrete die Familiengruft und sehe sie mit einer lichtglänzenden weißen Rose geschmückt. Bald darauf erlitt sie einen Blutsturz und starb im Alter von 27 Jahren mit dem Wort „Danke« auf den Lippen.

„Ich werde mit der Angst nicht mehr allein sein«

Die Ausstrahlung Benedetta Bianchi Porros ist nach  ihrem Tod immer größer geworden. Unzählige Leidende finden Kraft und Mut, wenn sie ihren Lebensbericht und ihre Briefe lesen, und sagen mit Maria Grazia zu ihr: „Ich werde nicht mehr allein sein mit der Angst, weil du mir den Wert des Gebets gezeigt hast.« Am 23. Dezember 1993 billigte Papst Johannes-Paul II. ein Dekret über die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden; für die Seligsprechung der „ehrwürdigen Dienerin« Benedetta fehlt nur noch die Anerkennung eines durch ihre Fürbitte bewirkten Wunders.

In seinem apostolischen Schreiben Salvifici doloris vom 11. Februar 1984 formulierte der ehrwürdige Papst Johannes-Paul II. folgende Zeilen, die genau auf den spirituellen Lebensweg Benedettas passen: „... jeder tritt fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem ‚Warum' in sein Leiden ein. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage ... Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr und mehr an den Leiden Christi teilnimmt ... Die Antwort ... ist in der Tat vor allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: ‚Folge mir! Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz!' Während der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines Leidens ... Nun findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude« (Nr. 26).

Am 24. Mai 1963 verriet Benedetta: „Ich möchte allen Leidenden, allen Kranken sagen, dass der Herr Großes in uns bewirken kann, wenn wir demütig und gehorsam sind.« Mit ihr zusammen bitten wir Jesus, uns zu „folgsamen Schäfchen in seinen Händen« zu machen.

ines Tages im Sommer 1955 wurde eine Studentin der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand beim Abschlussexamen für das zweite Studienjahr unerwartet zur mündlichen Prüfung aufgerufen. Sie reagierte zunächst nicht, errötete dann und erklärte zaghaft: „Herr Professor, ich werde wegen eines Nervenleidens behandelt und höre nichts ... Ich hoffe, dass ich gesund werde. Haben Sie Geduld ... Können Sie mir die Fragen auch schriftlich stellen?« Die anwesenden Studenten begannen zu lachen. Der Professor vermutete einen schlechten Scherz und schrie: „Geduld, Geduld! – Haben Sie das gehört? Wer hat schon einen tauben Arzt gesehen?« Er schleuderte das Studienbuch der entgeisterten und beschämten Studentin an die Wand. Sie stammelte: „Bitte, verzeihen Sie; ich wollte Sie nicht verletzen.« Der Professor blieb unnachgiebig, die Studentin fiel durch. Sie verließ den Raum und sagte zu einer Freundin, die alles mit angesehen hatte und weinte: „Das macht nichts; hör mal, sag vorerst nichts zu Mama; ich werde es ihr morgen sagen.« Sie wollte den Professor bei ihrer Mutter noch selbst entschuldigen. Die Studentin hat niemals ein Arztdiplom erhalten; doch sie bringt heute vom Himmel aus unzähligen „Patienten« die hohe Kunst des Leidens bei.

Benedetta Bianchi Porro wurde am 8. August 1936 in Dovadola, einem Dorf in der norditalienischen Provinz Romagna, geboren. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Frau, die versuchte, ihren Glauben an ihre sechs Kinder weiterzugeben. Im Alter von wenigen Monaten erkrankte Benedetta an Kinderlähmung; die Krankheit wurde zwar gestoppt, doch ihr rechtes Bein blieb kürzer als das linke. Eines Tages wurde sie auf dem Pausenhof von einem Jungen, der sich über sie geärgert hatte, „Hinkebein« gerufen. Ihr Bruder Gabriele fing sofort eine Rauferei mit ihm an. Die Mütter liefen herbei, um die beiden zu trennen. Benedetta selbst fühlte sich gar nicht beleidigt: „Er hat mich Hinkebein genannt; was ist daran so schlimm? Es stimmt doch!« Durch ihre Worte waren die Jungen auf der Stelle versöhnt und spielten weiter.

Hochfliegende Mädchenträume

1942 zog die Familie Bianchi nach Sirmione am Gardasee. Ab 1946 vertraute Benedetta ihre Gedanken, oft auch ihre Verfehlungen, einem Tagebuch an: „Mama sagt, ich bin unerträglich ... Ich bin ungezogen und böse.« Von 1949 an musste sie ein Korsett tragen, um keinen Buckel zu bekommen. Sie schrieb: „Ich habe geweint; das Korsett drückt schrecklich unter den Armen! Davor war ich unbekümmert und glaubte, ich wäre fast wie die Anderen. Heute liegt ein Abgrund zwischen uns! Aber im Leben will ich so sein wie die Anderen, vielleicht sogar ein bisschen mehr: Ich möchte berühmt werden.« In der Schule hatte Benedetta glänzende Noten. 1953 notierte sie: „Heute ist Ostern; wie gern würde ich aus meinen Sünden auferstehen und nur von Gott leben! Heute habe ich mit Gabriele ein bisschen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele philosophiert. Was sind die Menschen dumm, dass sie sich schämen, über diese wichtigen Dinge zu reden!«

In einer Predigt vom 15. April 2010 vor den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission sagte Papst Benedikt XVI.: „Wir fürchten uns heute oft ein wenig davor, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir sprechen von den Dingen, die für die Welt nützlich sind, wir zeigen, dass das Christentum auch dabei hilft, die Welt zu verbessern, aber wir wagen es nicht, zu sagen, dass dessen Ziel das ewige Leben ist und dass von diesem Ziel dann alle Kriterien für das Leben herrühren. Wir müssen von neuem ... anerkennen, dass das Christentum nur in der großen Perspektive des ewigen Lebens seinen ganzen Sinn offenbart. Wir müssen ... die große Hoffnung haben, dass es das ewige Leben gibt, dass es das wahre Leben ist und dass aus diesem wahren Leben das Licht hervorgeht, das auch diese Welt erleuchtet.«

Als Benedetta am 15. Februar 1953 in einer Lateinstunde mündlich drangenommen wurde, konnte sie die Fragen des Lehrers auf einmal nicht mehr hören. Von da an kam es immer wieder zu Hörstörungen. In ihrem Tagebuch steht: „Wie sehe ich wohl ich diesen Augenblicken aus? Was soll's. Vielleicht werde ich eines Tages gar nichts mehr davon mitbekommen, was die Anderen sagen; meine innere Stimme aber werde ich immer hören, uns das ist die Richtschnur, nach der ich mich richten muss.« Im Oktober legte sie die Abiturprüfung mit hervorragenden Noten ab und schrieb sich in Mailand an der Medizinischen Fakultät ein; ihr Ziel war: „Leben, kämpfen und mich für alle Menschen opfern.«

Doch die drohende Taubheit ließ Benedetta eine Zeitlang verzagen; sie spürte den Sog des Nichts. Sie schrieb an ihre damalige Lieblingsfreundin: „Weißt Du, Anna, mir ist, als befände ich mich in einem unendlichen, eintönigen Sumpf und ginge ganz langsam unter –ohne Schmerzen, ohne Bedauern, ohne Bewusstsein, gleichgültig dem gegenüber, was passieren wird, selbst wenn der letzte Zipfel des Himmels verschwindet und der Schlamm mich verschluckt ... Ich bin oft voller Zweifel und sehe alles schwarz.« Die größte Gefahr für das junge Mädchen lauerte nicht in der Krankheit, sondern in der heimtückischen Versuchung, in Nihilismus und Verzweiflung zu verfallen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann sie den Reichtum des inneren Lebens zu entdecken, einer Welt, die viel weiter war als die Welt der Sinne. Ihr Wunsch „Wie gern möchte ich nur von Gott leben!« war bereits ein Hinweis auf die zukünftige Richtung ihres Lebens. Ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus fand allerdings erst später statt.

Benedetta kämpfte mit stoischer Hartnäckigkeit gegen ihre Behinderung an und studierte erfolgreich. Sie lernte lippenlesen und konnte bei den mündlichen Prüfungen so prompt antworten, dass niemand etwas von ihrer Taubheit merkte. Im November 1955 durfte sie die mündliche Prüfung vom letzten Sommer schriftlich wiederholen und bestand sie mit Bravour; noch am selben Abend bekam sie jedoch heftige Kopfschmerzen, ihr Blickfeld verengte sich. Eine düstere Vorahnung überkam sie: „Nein, mein Gott! Nicht die Augen!« Eines Abends im Jahre 1956 kam Benedetta mit einer medizinischen Abhandlung zu einer Freundin: „Das hier ist meine Krankheit.« Sie zeigte ihr das Foto eines Patienten mit einer „diffusen Neurofibromatose«, auch „Morbus Recklinghausen« genannt: Diese äußerst seltene tödliche Krankheit zerstört nach und nach das zentrale Nervensystem, indem sie kleine Tumoren darin bildet; sie befällt zunächst den Hörnerv, dann folgen der Sehnerv und die anderen Sinne; zum Schluss kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Die Ärzte gaben nach eingehender Untersuchung betroffen zu, dass Benedettas Diagnose richtig war. Es begann eine lange Serie von Krankenhausaufenthalten und chirurgischen Eingriffen, um den schrecklichen Krankheitsprozess aufzuhalten.

„Ein folgsames Schaf in seinen Händen«

Am 27. Juni 1957 wurde Benedetta am Kopf operiert.  Im Angesicht des Todes sagte sie zu ihrer Mutter: „Was bin ich zufrieden, Mama, dem Herrn rein, ohne eine Todsünde entgegenzutreten.« Sie erinnerte sich an die geliebten Worte des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun« (Lob der Schöpfung). Als man ihr die Haare abschnitt, suchte sie Zuflucht im Gebet: „Als mein Kopf rasiert wurde, fühlte ich mich wie ein Lamm, das geschoren wird. Ich bat den Herrn, ein folgsames Schaf in seinen Händen werden zu dürfen.« Gleich nach dem Erwachen aus der Narkose betastete sie ihr Gesicht: „Sie haben mir den Gesichtsnerv durch-trennt.« Ihre linke Gesichtshälfte war gelähmt. Der Chirurg wusste gar nicht, wie er sich für den Kunstfehler entschuldigen sollte; sie sagte ihm einfach: „Sie haben getan, was Sie konnten; geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie beruhigt! So etwas kann passieren; Sie sind nicht unser Vater im Himmel!«

Indes reichte Benedettas große moralische Stärke nicht mehr ganz, um die Situation ertragen zu können; einmal schrieb sie aus ihrer im siebten Stock gelegenen Mailänder Wohnung an ihre beste Freundin Maria Grazia: „Mitunter hätte ich Lust, aus dem Fenster zu springen.« Sie wollte sich der Krankheit jedoch noch nicht geschlagen geben; durch harte Arbeit gelang es ihr, im Juni 1959 ihr fünftes Studienjahr erfolgreich abzuschließen; es blieb nur noch ein Jahr bis zum Medizinerdiplom! Die nächste Operation, die die fortschreitende Lähmung ihrer unteren Gliedmaßen aufhalten sollte, misslang jedoch: Sie konnte nicht mehr gehen. 1960 musste Benedetta ihr Studium endgültig aufgeben: eine harte Prüfung für die begabte junge Frau. Ihre Verwandten, die ihren körperlichen Verfall ohnmächtig verfolgten, wurden gleichzeitig Zeugen ihres atemberaubenden spirituellen Aufblühens. Obwohl sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, war sie weder traurig noch verzweifelt: „Ich führe ein eintöniges Leben, doch wie erfüllt kommt es mir vor! Das Leben an sich scheint mir ein Wunder zu sein, und ich möchte eine Lobeshymne auf Den anstimmen, der es mir geschenkt hat.« Ihre Mutter schenkte ihr einen Vogel im Käfig mit den Worten: „Er ist wie du.« Sie erwiderte: „Nein, Mama, ich war nie so frei wie jetzt, seit ich hier festsitze.« Zu Maria Grazia sagte sie: „Geistig bin ich völlig gelassen - mehr noch: Ich bin glücklich; glaube bloß nicht, dass ich übertreibe.« Gleichzeitig wuchs ihre Demut, denn sie erkannte, wie unvollkommen sie war, eine „Sünderin« vor Gott; sie fühlte sich ihrer inneren Freude unwürdig und fürchtete, sie zu verlieren.

Doch nicht immer verlief alles reibungslos. Dem Frieden folgten Perioden innerer Qual. 1960 schrieb Benedetta an eine neue Freundin namens Nicoletta, die im spirituellen Leben erfahrener war: „Ich mache zur Zeit eine Phase großer geistiger Öde durch. Ich fühle mich allein, müde, ein bisschen gedemütigt, ungeduldig ... Am schmerzlichsten ist, dass ich nicht in Frieden lebe. Bete für mich, bete für mich ... Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu?« Die Freundin antwortete: „Du kannst nicht erzwingen, dass du deinen Glauben fühlst und dass du verstehst, wieso dein Leiden gerecht ist. Keine Panik, wenn du das Gefühl hast, dass du revoltierst: Für Gott ist das unwichtig; Er kennt die Wahrheit ... Angesichts dieses unendlichen Mysteriums will Er nur unser ‚Ja'; es spielt keine Rolle, wie wir es aussprechen.« Benedetta hörte auf sie, sagte „Ja« und spürte immer stärker die Gegenwart Jesu Christi, der in ihr lebte; sie schrieb zurück: „Sei gesegnet für die Freude, die du mir vermittelt hast, eine zu große Freude für mich Unwürdige; sie brach über mich herein, als hätten sich alle Ozeane in eine Nussschale ergossen.«

Von diesem Augenblick an begriff Benedetta das Leiden nicht als Last, die heroisch zu ertragen war, sondern vielmehr als Zeichen besonderer göttlicher Wertschätzung. Jesus rief sie, sie solle sein Kreuz mittragen, um mit Ihm eins zu werden; sie folgte ihm und schöpfte täglich Kraft aus der Lektüre des Evangeliums, der Schriften des hl. Paulus und der Psalmen.

In seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007 bestätigt Benedikt XVI. die Richtigkeit dieser Haltung: „Damit das Gebet diese reinigende Kraft entfaltet, muss es einerseits ganz persönlich sein, Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott. Es muss aber andererseits immer wieder geführt und erleuchtet werden von den großen Gebetsworten der Kirche und der Heiligen, vom liturgischen Gebet, in dem der Herr uns immer wieder recht zu beten lehrt« (Nr. 34).

„Sprich zu ihr!«

Im Mai 1962 reiste Benedetta in einem Krankenzug mit  nach Lourdes. Im dortigen Krankenhaus lag ein 22 Jahre altes Mädchen namens Maria neben ihr, das ebenfalls gelähmt war. Maria war in einer materiell wie moralisch verzweifelten Lage nach Lourdes gekommen, um die Unbefleckt Empfangene um ein Wunder zu bitten; sie betete ununterbrochen, doch es passierte nichts. Die beiden Kranken lagen am Tag vor ihrer Abreise Seite an Seite auf ihren Tragen vor der Grotte; Maria schluchzte. Benedetta nahm ihre Hand und umschloss sie mit ihren Händen, als würde sie an Marias Stelle beten: „Maria, die Madonna ist da und blickt dich an! Sprich zu ihr, zur Madonna!« Plötzlich erhob sich Maria von ihrer Trage. Sie machte zaghaft, noch ganz ungläubig, ein paar Schritte. Dann eilte sie, außer sich vor Freude, unter Tränen der Rührung und Dankbarkeit nach vorne. Benedetta war glücklich über das Wunder, zugleich aber auch kurz traurig bei dem Gedanken, dass es an jemand anderem bewirkt worden war. Bald beruhigte sie sich wieder und gab sich in die Hände Marias. Ein Jahr später kehrte sie nach Lourdes zurück und schrieb von dort: „Ich schmecke die Süße der Entsagung. Das ist für mich dieses Jahr das Wunder von Lourdes. Die Madonna hat mir alles wiedergeschenkt, was ich verloren hatte. Sie hat mir alles vergolten, was mir genommen worden war, denn ich besitze die Fülle des Heiligen Geistes.« Am 20. August 1963 fand eine Krankenschwester Benedetta in ekstatischer Verzückung vor; sie sagte, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen: „Wie schön sie ist, die Madonna!«

Inzwischen war Benedetta mehrmals am Kopf operiert worden. Vor der letzten Operation am 27. Februar 1963 vertraute sie ihre Angst Maria Grazia an; diese erinnerte sie an folgende Passage aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers«, einem Roman von Georges Bernanos: „Wenn ich Angst habe, sage ich ohne Scham: ‚Ich habe Angst.' Und der Herr wird mir Kraft schenken.« Benedetta sprach den Satz immer wieder leise vor sich her, und nach und nach kam sie innerlich zur Ruhe. Sie bedankte sich überschwänglich bei ihrer Freundin. Am Tag nach der Operation stellte sie fest, dass sie erblindet war; doch sie bat darum, es dem Chirurgen zu verheimlichen, um ihn nicht zu betrüben. Sie nahm das Kreuz der Blindheit auf sich, das sie 1955 noch so entsetzt hatte, und ihre Seele war friedlich dabei: „Man braucht sich nur mit geschlossenen Augen Gott anzuvertrauen. Ich bin dabei, die Einfachheit zu leben, die Selbstentäußerung ... Ist das schön! Man wird so leicht und so frei!«

In Bezug auf große, nach menschlichem Maßstab unerträgliche Heimsuchungen gleicht die Erklärung Benedikts XVI. dem Geheimnis, das Benedetta entdeckt hatte: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben ... augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind und von ihr her Sinn und Bedeutung haben, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken« (Spe Salvi, Nr. 35).

Benedetta lebte von da an fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich zwei winzige Verbindungswege waren ihr geblieben: ein schwaches, dünnes Stimmchen zum Sprechen sowie ihre linke Hand, die wie durch ein Wunder nicht gefühllos geworden war; mit den Fingern dieser Hand konnte man ihr Zeichen des Fingeralphabets auf das Gesicht „malen«, die sie nicht sah, sondern nur fühlte (das „b« wurde z.B. durch geschlossene Zeige- und Mittelfinger auf der Wange gebildet); so konnte sie sich mit ihrer Umwelt verständigen. Ihr Zimmer wurde bald von Besuchern belagert, die sie aufmuntern, aber auch um Hilfe bitten wollten. Benedetta hatte die Gabe, Freude um sich zu verbreiten, und lebte allen den „schmalen Weg« vor, der zu Gott führt. Zu ihrer besten Freundin sagte sie einmal: „Wir müssen das Geheimnis akzeptieren, Maria Grazia; uns ängstigt die Frage nach dem Warum ... Der Herr gibt uns genau so viel Leid auf, wie wir tragen können; nicht mehr und nicht weniger.« Die Freundin erklärte später: „Da merkte ich, dass sich etwas in ihr überraschend geändert hatte, seit sie erblindet war. Ein tiefer Frieden schien über sie gekommen zu sein, als wäre sie plötzlich völlig frei von Angst und Furcht.« Ein Priester, der Benedetta oft die heilige Kommunion brachte, berichtete folgenden Ausspruch der Kranken: „Wenn für einen kurzen Moment Versuchungen auftauchen, rufe ich den Herrn zu Hilfe, selbst wenn ich vor Schrecken erbleiche; und ich spüre sofort Seine tröstende Gegenwart.«

Benedetta interessierte sich für alle Leute, vor allem für die, die sich von Gott entfernt hatten. Im Mai 1963 las ihr ihre Mutter per „Fingersprache« die Zuschrift eines jungen Mannes namens Natalino aus einer Wochenzeitschrift vor, der an einer schweren Krankheit litt und aus Hoffnungslosigkeit um Hilfe bat. Benedetta antwortete ihm: „Ich bin blind und taub, deswegen sind die Dinge für mich sehr schwierig geworden ... Ich bin jedoch nicht an meinem Kreuz verzweifelt; ich weiß, dass am Ende des Weges Jesus auf mich wartet. Ich habe eine Weisheit gefunden, die erhabener ist als die Weisheit der Menschen; ich habe entdeckt, dass Gott existiert, dass Er Liebe, Treue, Freude und Gewissheit bedeutet bis ans Ende der Zeit ... Meine Tage sind nicht einfach; sie sind hart, aber zugleich auch süß, denn Jesus ist bei mir in meinem Leiden, und Er schenkt mir seine Sanftmut in der Einsamkeit sowie Licht in der Dunkelheit ... Er lächelt mir zu und begrüßt meine Mitwirkung. Adieu, Natalino: Das Leben ist kurz, es ist schnell vorbei; ein ganz kurzer Steg - gefährlich für den, der gierig nach Genuss strebt, sicher für den, der sich Ihm anschließt, um in die Heimat einzugehen.«

Am 21. Januar 1964 fühlte Benedetta endlich den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus, ihrem Bräutigam, nahen; sie beichtete und empfing die Kommunion. In der Nacht zum 22. bat sie die Krankenschwester, wegen der Versuchungen Satans bei ihr zu bleiben: „Emilia, morgen werde ich sterben. Mir geht es sehr schlecht.« Am nächsten Morgen entdeckte ihre Mutter eine frisch aufgeblühte weiße Rose im Garten ... eine blühende Rose im Januar! Als sie Benedetta von ihrer Entdeckung berichtete, erwiderte diese: „Auf dieses Zeichen habe ich gewartet!« Sie hatte im Jahr davor an Allerheiligen geträumt, sie betrete die Familiengruft und sehe sie mit einer lichtglänzenden weißen Rose geschmückt. Bald darauf erlitt sie einen Blutsturz und starb im Alter von 27 Jahren mit dem Wort „Danke« auf den Lippen.

„Ich werde mit der Angst nicht mehr allein sein«

Die Ausstrahlung Benedetta Bianchi Porros ist nach  ihrem Tod immer größer geworden. Unzählige Leidende finden Kraft und Mut, wenn sie ihren Lebensbericht und ihre Briefe lesen, und sagen mit Maria Grazia zu ihr: „Ich werde nicht mehr allein sein mit der Angst, weil du mir den Wert des Gebets gezeigt hast.« Am 23. Dezember 1993 billigte Papst Johannes-Paul II. ein Dekret über die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden; für die Seligsprechung der „ehrwürdigen Dienerin« Benedetta fehlt nur noch die Anerkennung eines durch ihre Fürbitte bewirkten Wunders.

In seinem apostolischen Schreiben Salvifici doloris vom 11. Februar 1984 formulierte der ehrwürdige Papst Johannes-Paul II. folgende Zeilen, die genau auf den spirituellen Lebensweg Benedettas passen: „... jeder tritt fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem ‚Warum' in sein Leiden ein. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage ... Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr und mehr an den Leiden Christi teilnimmt ... Die Antwort ... ist in der Tat vor allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: ‚Folge mir! Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz!' Während der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines Leidens ... Nun findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude« (Nr. 26).

Am 24. Mai 1963 verriet Benedetta: „Ich möchte allen Leidenden, allen Kranken sagen, dass der Herr Großes in uns bewirken kann, wenn wir demütig und gehorsam sind.« Mit ihr zusammen bitten wir Jesus, uns zu „folgsamen Schäfchen in seinen Händen« zu machen.

ines Tages im Sommer 1955 wurde eine Studentin der Medizinischen Fakultät der Universität Mailand beim Abschlussexamen für das zweite Studienjahr unerwartet zur mündlichen Prüfung aufgerufen. Sie reagierte zunächst nicht, errötete dann und erklärte zaghaft: „Herr Professor, ich werde wegen eines Nervenleidens behandelt und höre nichts ... Ich hoffe, dass ich gesund werde. Haben Sie Geduld ... Können Sie mir die Fragen auch schriftlich stellen?« Die anwesenden Studenten begannen zu lachen. Der Professor vermutete einen schlechten Scherz und schrie: „Geduld, Geduld! – Haben Sie das gehört? Wer hat schon einen tauben Arzt gesehen?« Er schleuderte das Studienbuch der entgeisterten und beschämten Studentin an die Wand. Sie stammelte: „Bitte, verzeihen Sie; ich wollte Sie nicht verletzen.« Der Professor blieb unnachgiebig, die Studentin fiel durch. Sie verließ den Raum und sagte zu einer Freundin, die alles mit angesehen hatte und weinte: „Das macht nichts; hör mal, sag vorerst nichts zu Mama; ich werde es ihr morgen sagen.« Sie wollte den Professor bei ihrer Mutter noch selbst entschuldigen. Die Studentin hat niemals ein Arztdiplom erhalten; doch sie bringt heute vom Himmel aus unzähligen „Patienten« die hohe Kunst des Leidens bei.

Benedetta Bianchi Porro wurde am 8. August 1936 in Dovadola, einem Dorf in der norditalienischen Provinz Romagna, geboren. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Frau, die versuchte, ihren Glauben an ihre sechs Kinder weiterzugeben. Im Alter von wenigen Monaten erkrankte Benedetta an Kinderlähmung; die Krankheit wurde zwar gestoppt, doch ihr rechtes Bein blieb kürzer als das linke. Eines Tages wurde sie auf dem Pausenhof von einem Jungen, der sich über sie geärgert hatte, „Hinkebein« gerufen. Ihr Bruder Gabriele fing sofort eine Rauferei mit ihm an. Die Mütter liefen herbei, um die beiden zu trennen. Benedetta selbst fühlte sich gar nicht beleidigt: „Er hat mich Hinkebein genannt; was ist daran so schlimm? Es stimmt doch!« Durch ihre Worte waren die Jungen auf der Stelle versöhnt und spielten weiter.

Hochfliegende Mädchenträume

1942 zog die Familie Bianchi nach Sirmione am Gardasee. Ab 1946 vertraute Benedetta ihre Gedanken, oft auch ihre Verfehlungen, einem Tagebuch an: „Mama sagt, ich bin unerträglich ... Ich bin ungezogen und böse.« Von 1949 an musste sie ein Korsett tragen, um keinen Buckel zu bekommen. Sie schrieb: „Ich habe geweint; das Korsett drückt schrecklich unter den Armen! Davor war ich unbekümmert und glaubte, ich wäre fast wie die Anderen. Heute liegt ein Abgrund zwischen uns! Aber im Leben will ich so sein wie die Anderen, vielleicht sogar ein bisschen mehr: Ich möchte berühmt werden.« In der Schule hatte Benedetta glänzende Noten. 1953 notierte sie: „Heute ist Ostern; wie gern würde ich aus meinen Sünden auferstehen und nur von Gott leben! Heute habe ich mit Gabriele ein bisschen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele philosophiert. Was sind die Menschen dumm, dass sie sich schämen, über diese wichtigen Dinge zu reden!«

In einer Predigt vom 15. April 2010 vor den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission sagte Papst Benedikt XVI.: „Wir fürchten uns heute oft ein wenig davor, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir sprechen von den Dingen, die für die Welt nützlich sind, wir zeigen, dass das Christentum auch dabei hilft, die Welt zu verbessern, aber wir wagen es nicht, zu sagen, dass dessen Ziel das ewige Leben ist und dass von diesem Ziel dann alle Kriterien für das Leben herrühren. Wir müssen von neuem ... anerkennen, dass das Christentum nur in der großen Perspektive des ewigen Lebens seinen ganzen Sinn offenbart. Wir müssen ... die große Hoffnung haben, dass es das ewige Leben gibt, dass es das wahre Leben ist und dass aus diesem wahren Leben das Licht hervorgeht, das auch diese Welt erleuchtet.«

Als Benedetta am 15. Februar 1953 in einer Lateinstunde mündlich drangenommen wurde, konnte sie die Fragen des Lehrers auf einmal nicht mehr hören. Von da an kam es immer wieder zu Hörstörungen. In ihrem Tagebuch steht: „Wie sehe ich wohl ich diesen Augenblicken aus? Was soll's. Vielleicht werde ich eines Tages gar nichts mehr davon mitbekommen, was die Anderen sagen; meine innere Stimme aber werde ich immer hören, uns das ist die Richtschnur, nach der ich mich richten muss.« Im Oktober legte sie die Abiturprüfung mit hervorragenden Noten ab und schrieb sich in Mailand an der Medizinischen Fakultät ein; ihr Ziel war: „Leben, kämpfen und mich für alle Menschen opfern.«

Doch die drohende Taubheit ließ Benedetta eine Zeitlang verzagen; sie spürte den Sog des Nichts. Sie schrieb an ihre damalige Lieblingsfreundin: „Weißt Du, Anna, mir ist, als befände ich mich in einem unendlichen, eintönigen Sumpf und ginge ganz langsam unter –ohne Schmerzen, ohne Bedauern, ohne Bewusstsein, gleichgültig dem gegenüber, was passieren wird, selbst wenn der letzte Zipfel des Himmels verschwindet und der Schlamm mich verschluckt ... Ich bin oft voller Zweifel und sehe alles schwarz.« Die größte Gefahr für das junge Mädchen lauerte nicht in der Krankheit, sondern in der heimtückischen Versuchung, in Nihilismus und Verzweiflung zu verfallen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann sie den Reichtum des inneren Lebens zu entdecken, einer Welt, die viel weiter war als die Welt der Sinne. Ihr Wunsch „Wie gern möchte ich nur von Gott leben!« war bereits ein Hinweis auf die zukünftige Richtung ihres Lebens. Ihre persönliche Begegnung mit Jesus Christus fand allerdings erst später statt.

Benedetta kämpfte mit stoischer Hartnäckigkeit gegen ihre Behinderung an und studierte erfolgreich. Sie lernte lippenlesen und konnte bei den mündlichen Prüfungen so prompt antworten, dass niemand etwas von ihrer Taubheit merkte. Im November 1955 durfte sie die mündliche Prüfung vom letzten Sommer schriftlich wiederholen und bestand sie mit Bravour; noch am selben Abend bekam sie jedoch heftige Kopfschmerzen, ihr Blickfeld verengte sich. Eine düstere Vorahnung überkam sie: „Nein, mein Gott! Nicht die Augen!« Eines Abends im Jahre 1956 kam Benedetta mit einer medizinischen Abhandlung zu einer Freundin: „Das hier ist meine Krankheit.« Sie zeigte ihr das Foto eines Patienten mit einer „diffusen Neurofibromatose«, auch „Morbus Recklinghausen« genannt: Diese äußerst seltene tödliche Krankheit zerstört nach und nach das zentrale Nervensystem, indem sie kleine Tumoren darin bildet; sie befällt zunächst den Hörnerv, dann folgen der Sehnerv und die anderen Sinne; zum Schluss kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Die Ärzte gaben nach eingehender Untersuchung betroffen zu, dass Benedettas Diagnose richtig war. Es begann eine lange Serie von Krankenhausaufenthalten und chirurgischen Eingriffen, um den schrecklichen Krankheitsprozess aufzuhalten.

„Ein folgsames Schaf in seinen Händen«

Am 27. Juni 1957 wurde Benedetta am Kopf operiert.  Im Angesicht des Todes sagte sie zu ihrer Mutter: „Was bin ich zufrieden, Mama, dem Herrn rein, ohne eine Todsünde entgegenzutreten.« Sie erinnerte sich an die geliebten Worte des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun« (Lob der Schöpfung). Als man ihr die Haare abschnitt, suchte sie Zuflucht im Gebet: „Als mein Kopf rasiert wurde, fühlte ich mich wie ein Lamm, das geschoren wird. Ich bat den Herrn, ein folgsames Schaf in seinen Händen werden zu dürfen.« Gleich nach dem Erwachen aus der Narkose betastete sie ihr Gesicht: „Sie haben mir den Gesichtsnerv durch-trennt.« Ihre linke Gesichtshälfte war gelähmt. Der Chirurg wusste gar nicht, wie er sich für den Kunstfehler entschuldigen sollte; sie sagte ihm einfach: „Sie haben getan, was Sie konnten; geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie beruhigt! So etwas kann passieren; Sie sind nicht unser Vater im Himmel!«

Indes reichte Benedettas große moralische Stärke nicht mehr ganz, um die Situation ertragen zu können; einmal schrieb sie aus ihrer im siebten Stock gelegenen Mailänder Wohnung an ihre beste Freundin Maria Grazia: „Mitunter hätte ich Lust, aus dem Fenster zu springen.« Sie wollte sich der Krankheit jedoch noch nicht geschlagen geben; durch harte Arbeit gelang es ihr, im Juni 1959 ihr fünftes Studienjahr erfolgreich abzuschließen; es blieb nur noch ein Jahr bis zum Medizinerdiplom! Die nächste Operation, die die fortschreitende Lähmung ihrer unteren Gliedmaßen aufhalten sollte, misslang jedoch: Sie konnte nicht mehr gehen. 1960 musste Benedetta ihr Studium endgültig aufgeben: eine harte Prüfung für die begabte junge Frau. Ihre Verwandten, die ihren körperlichen Verfall ohnmächtig verfolgten, wurden gleichzeitig Zeugen ihres atemberaubenden spirituellen Aufblühens. Obwohl sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, war sie weder traurig noch verzweifelt: „Ich führe ein eintöniges Leben, doch wie erfüllt kommt es mir vor! Das Leben an sich scheint mir ein Wunder zu sein, und ich möchte eine Lobeshymne auf Den anstimmen, der es mir geschenkt hat.« Ihre Mutter schenkte ihr einen Vogel im Käfig mit den Worten: „Er ist wie du.« Sie erwiderte: „Nein, Mama, ich war nie so frei wie jetzt, seit ich hier festsitze.« Zu Maria Grazia sagte sie: „Geistig bin ich völlig gelassen - mehr noch: Ich bin glücklich; glaube bloß nicht, dass ich übertreibe.« Gleichzeitig wuchs ihre Demut, denn sie erkannte, wie unvollkommen sie war, eine „Sünderin« vor Gott; sie fühlte sich ihrer inneren Freude unwürdig und fürchtete, sie zu verlieren.

Doch nicht immer verlief alles reibungslos. Dem Frieden folgten Perioden innerer Qual. 1960 schrieb Benedetta an eine neue Freundin namens Nicoletta, die im spirituellen Leben erfahrener war: „Ich mache zur Zeit eine Phase großer geistiger Öde durch. Ich fühle mich allein, müde, ein bisschen gedemütigt, ungeduldig ... Am schmerzlichsten ist, dass ich nicht in Frieden lebe. Bete für mich, bete für mich ... Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu?« Die Freundin antwortete: „Du kannst nicht erzwingen, dass du deinen Glauben fühlst und dass du verstehst, wieso dein Leiden gerecht ist. Keine Panik, wenn du das Gefühl hast, dass du revoltierst: Für Gott ist das unwichtig; Er kennt die Wahrheit ... Angesichts dieses unendlichen Mysteriums will Er nur unser ‚Ja'; es spielt keine Rolle, wie wir es aussprechen.« Benedetta hörte auf sie, sagte „Ja« und spürte immer stärker die Gegenwart Jesu Christi, der in ihr lebte; sie schrieb zurück: „Sei gesegnet für die Freude, die du mir vermittelt hast, eine zu große Freude für mich Unwürdige; sie brach über mich herein, als hätten sich alle Ozeane in eine Nussschale ergossen.«

Von diesem Augenblick an begriff Benedetta das Leiden nicht als Last, die heroisch zu ertragen war, sondern vielmehr als Zeichen besonderer göttlicher Wertschätzung. Jesus rief sie, sie solle sein Kreuz mittragen, um mit Ihm eins zu werden; sie folgte ihm und schöpfte täglich Kraft aus der Lektüre des Evangeliums, der Schriften des hl. Paulus und der Psalmen.

In seiner Enzyklika Spe Salvi vom 30. November 2007 bestätigt Benedikt XVI. die Richtigkeit dieser Haltung: „Damit das Gebet diese reinigende Kraft entfaltet, muss es einerseits ganz persönlich sein, Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott. Es muss aber andererseits immer wieder geführt und erleuchtet werden von den großen Gebetsworten der Kirche und der Heiligen, vom liturgischen Gebet, in dem der Herr uns immer wieder recht zu beten lehrt« (Nr. 34).

„Sprich zu ihr!«

Im Mai 1962 reiste Benedetta in einem Krankenzug mit  nach Lourdes. Im dortigen Krankenhaus lag ein 22 Jahre altes Mädchen namens Maria neben ihr, das ebenfalls gelähmt war. Maria war in einer materiell wie moralisch verzweifelten Lage nach Lourdes gekommen, um die Unbefleckt Empfangene um ein Wunder zu bitten; sie betete ununterbrochen, doch es passierte nichts. Die beiden Kranken lagen am Tag vor ihrer Abreise Seite an Seite auf ihren Tragen vor der Grotte; Maria schluchzte. Benedetta nahm ihre Hand und umschloss sie mit ihren Händen, als würde sie an Marias Stelle beten: „Maria, die Madonna ist da und blickt dich an! Sprich zu ihr, zur Madonna!« Plötzlich erhob sich Maria von ihrer Trage. Sie machte zaghaft, noch ganz ungläubig, ein paar Schritte. Dann eilte sie, außer sich vor Freude, unter Tränen der Rührung und Dankbarkeit nach vorne. Benedetta war glücklich über das Wunder, zugleich aber auch kurz traurig bei dem Gedanken, dass es an jemand anderem bewirkt worden war. Bald beruhigte sie sich wieder und gab sich in die Hände Marias. Ein Jahr später kehrte sie nach Lourdes zurück und schrieb von dort: „Ich schmecke die Süße der Entsagung. Das ist für mich dieses Jahr das Wunder von Lourdes. Die Madonna hat mir alles wiedergeschenkt, was ich verloren hatte. Sie hat mir alles vergolten, was mir genommen worden war, denn ich besitze die Fülle des Heiligen Geistes.« Am 20. August 1963 fand eine Krankenschwester Benedetta in ekstatischer Verzückung vor; sie sagte, sie habe die Heilige Jungfrau gesehen: „Wie schön sie ist, die Madonna!«

Inzwischen war Benedetta mehrmals am Kopf operiert worden. Vor der letzten Operation am 27. Februar 1963 vertraute sie ihre Angst Maria Grazia an; diese erinnerte sie an folgende Passage aus dem „Tagebuch eines Landpfarrers«, einem Roman von Georges Bernanos: „Wenn ich Angst habe, sage ich ohne Scham: ‚Ich habe Angst.' Und der Herr wird mir Kraft schenken.« Benedetta sprach den Satz immer wieder leise vor sich her, und nach und nach kam sie innerlich zur Ruhe. Sie bedankte sich überschwänglich bei ihrer Freundin. Am Tag nach der Operation stellte sie fest, dass sie erblindet war; doch sie bat darum, es dem Chirurgen zu verheimlichen, um ihn nicht zu betrüben. Sie nahm das Kreuz der Blindheit auf sich, das sie 1955 noch so entsetzt hatte, und ihre Seele war friedlich dabei: „Man braucht sich nur mit geschlossenen Augen Gott anzuvertrauen. Ich bin dabei, die Einfachheit zu leben, die Selbstentäußerung ... Ist das schön! Man wird so leicht und so frei!«

In Bezug auf große, nach menschlichem Maßstab unerträgliche Heimsuchungen gleicht die Erklärung Benedikts XVI. dem Geheimnis, das Benedetta entdeckt hatte: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben ... augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen sind und von ihr her Sinn und Bedeutung haben, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken« (Spe Salvi, Nr. 35).

Benedetta lebte von da an fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich zwei winzige Verbindungswege waren ihr geblieben: ein schwaches, dünnes Stimmchen zum Sprechen sowie ihre linke Hand, die wie durch ein Wunder nicht gefühllos geworden war; mit den Fingern dieser Hand konnte man ihr Zeichen des Fingeralphabets auf das Gesicht „malen«, die sie nicht sah, sondern nur fühlte (das „b« wurde z.B. durch geschlossene Zeige- und Mittelfinger auf der Wange gebildet); so konnte sie sich mit ihrer Umwelt verständigen. Ihr Zimmer wurde bald von Besuchern belagert, die sie aufmuntern, aber auch um Hilfe bitten wollten. Benedetta hatte die Gabe, Freude um sich zu verbreiten, und lebte allen den „schmalen Weg« vor, der zu Gott führt. Zu ihrer besten Freundin sagte sie einmal: „Wir müssen das Geheimnis akzeptieren, Maria Grazia; uns ängstigt die Frage nach dem Warum ... Der Herr gibt uns genau so viel Leid auf, wie wir tragen können; nicht mehr und nicht weniger.« Die Freundin erklärte später: „Da merkte ich, dass sich etwas in ihr überraschend geändert hatte, seit sie erblindet war. Ein tiefer Frieden schien über sie gekommen zu sein, als wäre sie plötzlich völlig frei von Angst und Furcht.« Ein Priester, der Benedetta oft die heilige Kommunion brachte, berichtete folgenden Ausspruch der Kranken: „Wenn für einen kurzen Moment Versuchungen auftauchen, rufe ich den Herrn zu Hilfe, selbst wenn ich vor Schrecken erbleiche; und ich spüre sofort Seine tröstende Gegenwart.«

Benedetta interessierte sich für alle Leute, vor allem für die, die sich von Gott entfernt hatten. Im Mai 1963 las ihr ihre Mutter per „Fingersprache« die Zuschrift eines jungen Mannes namens Natalino aus einer Wochenzeitschrift vor, der an einer schweren Krankheit litt und aus Hoffnungslosigkeit um Hilfe bat. Benedetta antwortete ihm: „Ich bin blind und taub, deswegen sind die Dinge für mich sehr schwierig geworden ... Ich bin jedoch nicht an meinem Kreuz verzweifelt; ich weiß, dass am Ende des Weges Jesus auf mich wartet. Ich habe eine Weisheit gefunden, die erhabener ist als die Weisheit der Menschen; ich habe entdeckt, dass Gott existiert, dass Er Liebe, Treue, Freude und Gewissheit bedeutet bis ans Ende der Zeit ... Meine Tage sind nicht einfach; sie sind hart, aber zugleich auch süß, denn Jesus ist bei mir in meinem Leiden, und Er schenkt mir seine Sanftmut in der Einsamkeit sowie Licht in der Dunkelheit ... Er lächelt mir zu und begrüßt meine Mitwirkung. Adieu, Natalino: Das Leben ist kurz, es ist schnell vorbei; ein ganz kurzer Steg - gefährlich für den, der gierig nach Genuss strebt, sicher für den, der sich Ihm anschließt, um in die Heimat einzugehen.«

Am 21. Januar 1964 fühlte Benedetta endlich den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus, ihrem Bräutigam, nahen; sie beichtete und empfing die Kommunion. In der Nacht zum 22. bat sie die Krankenschwester, wegen der Versuchungen Satans bei ihr zu bleiben: „Emilia, morgen werde ich sterben. Mir geht es sehr schlecht.« Am nächsten Morgen entdeckte ihre Mutter eine frisch aufgeblühte weiße Rose im Garten ... eine blühende Rose im Januar! Als sie Benedetta von ihrer Entdeckung berichtete, erwiderte diese: „Auf dieses Zeichen habe ich gewartet!« Sie hatte im Jahr davor an Allerheiligen geträumt, sie betrete die Familiengruft und sehe sie mit einer lichtglänzenden weißen Rose geschmückt. Bald darauf erlitt sie einen Blutsturz und starb im Alter von 27 Jahren mit dem Wort „Danke« auf den Lippen.

„Ich werde mit der Angst nicht mehr allein sein«

Die Ausstrahlung Benedetta Bianchi Porros ist nach  ihrem Tod immer größer geworden. Unzählige Leidende finden Kraft und Mut, wenn sie ihren Lebensbericht und ihre Briefe lesen, und sagen mit Maria Grazia zu ihr: „Ich werde nicht mehr allein sein mit der Angst, weil du mir den Wert des Gebets gezeigt hast.« Am 23. Dezember 1993 billigte Papst Johannes-Paul II. ein Dekret über die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden; für die Seligsprechung der „ehrwürdigen Dienerin« Benedetta fehlt nur noch die Anerkennung eines durch ihre Fürbitte bewirkten Wunders.

In seinem apostolischen Schreiben Salvifici doloris vom 11. Februar 1984 formulierte der ehrwürdige Papst Johannes-Paul II. folgende Zeilen, die genau auf den spirituellen Lebensweg Benedettas passen: „... jeder tritt fast immer mit einem typisch menschlichen Protest und mit der Frage nach dem ‚Warum' in sein Leiden ein. Ein jeder fragt sich nach dem Sinn des Leidens und sucht auf seiner menschlichen Ebene eine Antwort auf diese Frage ... Christus antwortet nicht direkt, und er antwortet nicht in abstrakter Weise auf diese Frage des Menschen nach dem Sinn des Leidens. Der Mensch hört seine rettende Antwort erst, wenn er selbst mehr und mehr an den Leiden Christi teilnimmt ... Die Antwort ... ist in der Tat vor allem ein Ruf. Sie ist eine Berufung. Christus erklärt nicht in abstrakter Weise die Gründe des Leidens, sondern sagt vor allem: ‚Folge mir! Komm! Nimm mit deinem Leiden teil an dem Werk der Erlösung der Welt, die durch mein Leiden vollbracht wird! Durch mein Kreuz!' Während der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt und sich dabei geistig mit dem Kreuz Christi vereint, enthüllt sich vor ihm mehr und mehr der heilbringende Sinn seines Leidens ... Nun findet der Mensch in seinem Leiden inneren Frieden und sogar geistliche Freude« (Nr. 26).

Am 24. Mai 1963 verriet Benedetta: „Ich möchte allen Leidenden, allen Kranken sagen, dass der Herr Großes in uns bewirken kann, wenn wir demütig und gehorsam sind.« Mit ihr zusammen bitten wir Jesus, uns zu „folgsamen Schäfchen in seinen Händen« zu machen.

Dom Antoine Marie osb

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