Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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13. Oktober 2010
Rosenkranzmonat


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Zum Erledigen materieller Arbeit finde ich genug Leute, aber es gibt nur wenige, so gut wie gar keine Leute, die den Katechismus gut erklären, Glauben und Gottesliebe in die Seelen pflanzen können.« Hinter diesen Worten des seligen Antoine Chevrier steckte sein brennender Wunsch, „der Kirche und der Welt arme Priester und gute Katecheten zu schenken, die überall hingehen, um Jesus Christus zu verkünden« (Johannes-Paul II., Selig-sprechungspredigt, 4. Oktober 1986).

Am 16. April 1826 in Lyon geboren, wurde Antoine Chevrier zwei Tage nach seiner Geburt getauft. Er war das einzige Kind einer arbeitsamen Seidenweberfamilie und wuchs in einer von den Wirren des Weberaufstandes und der Revolution von 1848 geprägten Welt auf. Von seinem Vater hatte er die Tugenden der Demut und Sanftmut geerbt, von seiner lebhaften, energischen Mutter einen Glauben, der Berge versetzen konnte. Frau Chevrier befürchtete stets, ihr Mann und ihr Sohn könnten vom rechten Weg abkommen und ihre Seele verlieren. Beging das Kind eine kleine Verfehlung, wurde es von seiner Mutter sofort bestraft: „Gehen Sie ins Bett, Monsieur!« – „Nein, Mama, ich will kein Monsieur sein, ich bin doch dein kleiner Antoine.« Später einmal schrieb er: „Wissen Sie, was die Menschen formt? Leiden, Entbehrungen und Demütigungen. Wer nicht gelitten hat, weiß nichts: Er ist ein Weichling.« Antoine war im Spielen ebenso tüchtig wie im Lernen und wurde auf dem Schulhof wie auf der Straße oft zum Mannschaftsführer gewählt. Als einmal die Schüler der staatlichen Schule ihm und seinen Kameraden auf dem Heimweg auflauerten, konnte Antoine sie durch seine Körpergröße und seine friedfertigen Worte so beeindrucken, dass sie auf einen Kampf verzichteten.

Eine Lichtkugel

Schon sehr früh wurde ihm die Gnade eines Wunders  zuteil. Damals sollten die Gläubigen bei der Wandlung während der Messe aus Respekt vor den heiligen Gestalten die Augen niederschlagen. Als Antoine eines Morgens aus unschuldiger Neugier im Augenblick der Elevation den Kopf hob, erblickte er voller Bewunderung eine Lichtkugel über dem Kelch. Erst viel später begriff er die übernatürliche Bedeutung der Erscheinung und dankte Gott für die Stärkung seines erwachenden Glaubens. Nach seiner Erstkommunion 1837 bat Antoine darum, bei der morgendlichen Fünf-Uhr-Messe ministrieren zu dürfen. Sommers wie winters war er getreu zur Stelle und wartete oft in der Kälte auf Einlass. 1840 wurde er vom Vikar seiner Gemeinde gefragt, ob er nicht Priester werden wolle. Er hatte zwar noch nie daran gedacht, doch er antwortete mit einem freudigen Ja. Er kam zunächst auf die kirchliche Franziskusschule, dann auf die bischöfliche Schule in Argentière bei Lyon. Im Oktober 1846 durfte er im Priesterseminar des Heiligen Irenäus die Soutane anlegen; als er ein Jahr später die Tonsur empfing, verfiel er auf den Gedanken, sich für die Mission in fernen Ländern zu melden. Seine Mutter wandte sich mit aller Kraft dagegen: „Sie sind undankbar, Monsieur, ein schlechter Sohn. Denken Sie, ich hätte Sie erzogen, um Sie von den Wilden fressen zu lassen? Wilde gibt es auch in Lyon genug! Wenn Sie gegen meinen Willen fortgehen, verstoße ich Sie.« Ihre von allzu menschlicher Vernunft diktierten Worte allein hätten ihn nicht zurückhalten können, doch auch sein Beichtvater riet ihm ab.

Nach seiner Priesterweihe am 25. Mai 1850 durch Kardinal de Bonald wurde Antoine Chevrier zum Pfarrer von Saint-André in einer Arbeitervorstadt von Lyon ernannt. Die Einwohner dort stammten größtenteils vom Lande und fühlten sich entwurzelt. Männer, Frauen und Kinder ab 8 oder 9 Jahren arbeiteten täglich über acht Stunden in den Fabriken und Werkstätten – auch sonntags. Ihre Lehmhäuser standen eng aneinandergedrängt in kleinen, trostlosen und verwinkelten Gassen. Das einzige Freizeitvergnügen war der Besuch verruchter Kneipen und Ballsäle. 1850 zählte die Gemeinde Saint-André 6000 Seelen, die so schwer zu evangelisieren waren, dass Antoines Vorgänger nach vierjährigem Wirken erfolglos aufgab. Der junge Pfarrer freute sich, weil er „viel Gutes tun konnte«. Er stand stets früh auf, dann folgten Gebet, Brevier, Messe, geistliche Studien und Krankenbesuche. Wenn er befürchtete, dass ihm die Tür angesichts seiner Soutane vor der Nase zugeschlagen wird, pflegte er beiseite zu treten, damit man ihn nicht gleich sah. Sobald einer öffnete, setzte er einen Fuß in die Tür und bat so inständig um Einlass, dass er fast immer zu den Sterbenden durchgelassen wurde und auf diese Weise wunderbare Erfolge erzielen konnte. Auf der Straße bekehrte er Prostituierten und hatte deswegen Beleidigungen, Drohungen, Prügel und Steinwürfe einzustecken.

Das Geheimnis dieses so heftig bekämpften und zugleich so fruchtbaren Apostolats lag in der Armut Abbé Chevriers. Er gab alles fort und vertraute sich der Fürsorge Gottes an. Die ganze „Aussteuer«, die ihm seine Mutter mitgegeben hatte, verteilte er an die Armen. Versorgte sie ihn mit neuer Wäsche, verschenkte er auch diese. „Solche Ausgaben und solche Mühe nehme ich doch nicht für Fremde auf mich«, beklagte sie sich. „Diese Fremden sind aber meine Kinder.« – „Dann soll ich wohl die Großmutter dieser Wegelagerer sein! Danke sehr!« Er lachte nur und ließ sich nicht beirren. Als seine Mutter ihm erneut Vorhaltungen machte, erwiderte er: „Was ist das schon. Unser Herr Jesus Christus hat sogar sein Blut hingegeben!« Am 31. Mai 1856 führte das Hochwasser der Rhône zu katastrophalen Überschwemmungen. Antoine kämpfte tagelang unter Lebensgefahr gegen den reißenden Strom und die gefährlichen Strudel, um den Opfern zu helfen. Er konnte etliche Personen retten und von der Umwelt abgeschnittene Häuser mit Lebensmitteln versorgen. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen dieser Bewährungsprobe und dem spirituellen Erlebnis einige Monate später, das sein Leben völlig verändern sollte: Gott hatte etwas Besonderes mit ihm vor.

Alles geriet ins Wanken

In der Weihnacht des Jahres 1856 vernahm Abbé  Chevrier beim Nachsinnen über die Menschwerdung an der Krippe des Christkindes einen himmlischen Ruf, den er folgendermaßen wiedergab: „Der Sohn Gottes ist auf die Erde gekommen, um die Menschen zu retten und die Sünder zu bekehren. Und was sehen wir? In der Welt wimmelt es vor Sündern! Die Menschen stürzen sich immer noch ins Verderben! - Da habe ich beschlossen, unserem Herrn Jesus Christus enger nachzufolgen, damit ich umso besser für das Heil der Seelen wirken kann.« Alles geriet für ihn plötzlich ins Wanken: Er musste alles verlassen und möglichst besitzlos leben. Da er weder impulsiv noch schwärmerisch veranlagt war, nahm er sich Zeit zum Überlegen und betete. Er war sich sicher, dass seine Mission die Bekehrung armer und kleiner Leute war. Im Januar 1857 fragte er den heiligen Pfarrer von Ars um Rat. Dieser hörte ihn an, billigte sein Vorhaben und betrachtete ihn fortan als sein Kind. Abbé Chevriers Vorgesetzter hingegen verstand ihn nicht und sprach sich gegen seine Pläne aus. Der junge Mann erwog, die Gemeinde zu verlassen. Die Entscheidung fiel, als er im Juni 1857 Camille Rambaud begegnete, der seine Existenz aufgegeben und eine Armensiedlung namens Cité de l'Enfant-Jésus (Christuskind-Stadt) errichtet hatte. Die Siedlung benötigte einen Geistlichen. Die Stelle wurde Abbé Chevrier zugewiesen, der von da an Pater Chevrier genannt wurde, obwohl er keinem Orden angehörte. Seine Aufgabe bestand vor allem darin, jeden Tag die Messe zu lesen und etwa 20 Kinder zur Vorbereitung auf die Erstkommunion im Katechismus zu unterweisen. Die Arbeitersiedlung beherbergte damals gut 200 Personen, zumeist Opfer der Überschwemmungen von 1856. Bruder Rambaud, wie man ihn nannte, leitete alles. Selbst asketisch veranlagt, forderte er auch von seinen Mitarbeitern extreme Armut und Selbstkasteiung. Pater Chevrier fühlte sich trotz seiner schwachen Gesundheit von dieser Lebensweise angezogen. 1859 trat er dem Dritten Orden der Franziskaner bei, da er am liebsten nach dem Vorbild des hl. Franziskus leben wollte.

Die beiden Hilfsprojekte Camille Rambauds, der Katechismusunterricht für arme Kinder und der Bau von Sozialwohnungen, konnten nicht lange nebeneinander betrieben werden. Der Religionsunterricht für Jungen fand in einem angemieteten Raum im Stadtteil La Guillotière, für Mädchen im Stadtteil Fourvière statt. Pater Chevrier wirkte somit an drei Orten. Da das über seine Kräfte ging, bat er die göttliche Vorsehung um ihren Beistand. Am 10. Dezember 1860 mietete er schließlich einen bis dahin verrufenen Ballsaal namens Prado an. Er hatte zwar keinen Sou in der Tasche, doch mit Hilfe von Wohltätern und mit Unterstützung des Erzbischofs konnte er den Saal sogar bald kaufen. Camille Rambaud, der inzwischen zum Priester geweiht worden war, wurde in beiderseitigem Einvernehmen Leiter der Siedlung Cité de l'Enfant-Jésus; Pater Chevrier übernahm den Religionsunterricht für Kinder im Prado.

Stolz auf ihren Sohn

Der Prado, einst ein „Haus des Teufels«, wurde zum  Haus Gottes. Der große Ballsaal wurde zu einer Kapelle umgebaut. Frau Chevrier konnte nun stolz sein auf ihren Sohn. Unterstützt von einigen jungen Männern und Frauen, die man „Brüder« und „Schwestern« nannte, nahm der Pater Kinder und Jugendliche aus Arbeiterfamilien für sechs Monate im Prado auf, um sie zu „Menschen und Christen zu formen«. Der Erste von ihnen, Pierre Pacalet, ein geistig behinderter Junge, fiel ihm dadurch auf, dass er Melonenschalen aus dem Müll fischte und verschlang. Pierre wurde zur Erstkommunion geführt und nannte sich fortan einen „Pfeiler des Prado«. Es gab einen großen Zulauf von Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren. Viele arbeiteten in Fabriken, seit sie 8 oder 9 Jahre alt waren. Einige waren Waisen, andere kamen aus dem Gefängnis. Im Prado bekamen sie eine umfassende religiöse Erziehung und lernten zwei Stunden am Tag lesen und schreiben. Alles im Haus beruhte auf Vertrauen in die göttliche Vorsehung. Man aß, was es gab, und wenn es nichts gab, brachte jemand in letzter Minute ausgerechnet das an, was man gerade brauchte. War die Geldbörse leer, zog Pater Chevrier los, um vor den Kirchentüren um Almosen zu bitten. Das fiel ihm sehr schwer, zumal er dabei mitunter von der Polizei behelligt wurde. Trotz aller Armut war das Leben im Prado nicht trist. Die Pausen waren oft sehr fröhlich und kurzweilig; vor allem, wenn der eine oder andere Heimbewohner früher Taschenspieler, Schwertschlucker oder Akrobat gewesen war.

Am meisten lag dem Pater die Katechesearbeit mit den Kindern, aber auch mit den erwachsenen Besuchern des Prado am Herzen: „Der Hauptauftrag des Priesters besteht heute darin, Menschen zu katechisieren.« Er wollte auch andere in diese Arbeit einbinden, doch das war nicht so einfach: „Ach, für jemanden, der in der Katechese gut ist und im Geiste der Armut, der Demut und der Liebe zu wirken versteht, gäbe ich den ganzen Prado her!« Die Aufgabe ließ sich für ihn in drei Punkte fassen: „Den Verstand aufklären, das Herz anrühren und schließlich den Willen anregen ... Lehren sollte man nicht durch große Reden, die das Herz der Unwissenden nur oberflächlich berühren, sondern durch ganz einfache Lehrsätze, die das Volk versteht. Man müsste heutzutage allerorts katechisieren, die grundlegenden Wahrheiten verkünden, den Menschen sagen, dass es einen Gott gibt, und sie anleiten, Gott zu lieben und Ihm zu dienen.«

Ein segensreiches Instrument

Hundertfünfzig Jahre später haben sich die  Umstände völlig verändert, doch das Problem an sich und seine Dringlichkeit sind nach wie vor gleich«, schrieb der Erzbischof von Lyon, Kardinal Barbarin, 2006 in einem Hirtenbrief über Pater Chevrier. Seit 2005 liegt uns nun ein segensreiches und in der Sache maßgebliches Instrument vor, das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche. „Das Kompendium enthält in knapper Form alle wesentlichen und grundlegenden Elemente des Glaubens der Kirche und bildet so, wie es von meinem Vorgänger gewünscht worden war, eine Art Vademecum, das den Menschen – ob sie gläubig sind oder nicht – ermöglicht, in einer Gesamtschau das ganze Panorama des katholischen Glaubens zu überblicken«, stellte Papst Benedikt XVI. in einem Motu proprio am 28. Juni 2005 fest. Vor Kurzem bekräftigte er noch einmal: „Die organische Darlegung des Glaubens [ist] ein unverzichtbares Erfordernis ... Denn die einzelnen Glaubenswahrheiten erleuchten sich gegenseitig, und in ihrer vollständigen und einheitlichen Schau treten die Harmonie des Heilsplanes Gottes und die Zentralität des Christusgeheimnisses zutage ... Der Katechismus des Katholischen Kirche wie auch das Kompendium desselben Katechismus bieten uns gerade dieses vollständige Bild der christlichen Offenbarung, die es in Glauben und Dankbarkeit anzunehmen gilt. Ich möchte daher auch die einzelnen Gläubigen und die christlichen Gemeinden dazu ermutigen, diese Instrumente zu nutzen, um die Inhalte unseres Glaubens zu kennen und zu vertiefen. So wird dieser gleich einer wunderbaren Symphonie vor unsere Augen treten, die uns von Gott und seiner Liebe spricht und unsere feste Treue und unsere tätige Antwort einfordert« (Generalaudienz vom 30. Dezember 2009).

1870 brach der Deutsch-Französischen Krieg aus, auf den 1871 auch in Lyon die Wirren der sogenannten Pariser Kommune folgten. Pater Chevrier sah sich durch seine Armut und den Ruf seiner Wohltätigkeit geschützt. Die Vorbereitung auf die Erstkommunion lief weiter. Der Pater wagte es, mit der Soutane bekleidet die Kinder durch die ganze Stadt voller exerzierender National–gardisten nach Fourvière zu führen. Beim Fronleich–namsfest 1871 trug er das Allerheiligste durch die Straßen, obwohl der Bürgerkampf unvermindert weitertobte. Niemand wagte es, die Zeremonie zu stören. Zur gleichen Zeit wurden in Paris der Erzbischof sowie eine Gruppe von Pfarrern von den Kommunisten erschossen. Pater Chevrier galt als der wohl mutigste Priester seiner Zeit.

Zusätzlich zu seiner aufreibenden Arbeit im Prado übernahm Pater Chevrier aus Liebe zu den Armen den Aufbau einer neuen Gemeinde im 3 km entfernten Elendsviertel Moulin-à-Vent, wo es überhaupt kein religiöses Leben gab. Eine erste Missionierungskampagne war ein großer Erfolg. „Tugend und Nächstenliebe wecken Vertrauen und Zuneigung beim Volk«, versicherte der Pater. „Stellen Sie einen armen Priester in eine behelfsmäßige Holzkirche, er wird mehr Leute anziehen und bekehren ... als ein Priester in einer goldenen Kirche. – Welche Freiheit, welche Kraft schenkt die heilige, erhabene Armut Jesu Christi dem Priester! Was für ein Vorbild ist er für diese Welt, die nur des Geldes wegen arbeitet, nur an das Geld denkt, nur für das Geld lebt!«

„Diese Botschaft hat inzwischen kein bisschen Staub angesetzt«, schreibt Kardinal Barbarin. „Sie anzunehmen, setzt eine große Offenheit des Herzens sowie einen entschlossenen Widerstand gegen die allgegenwärtige Versuchung des Wohllebens und der materiellen Bequemlichkeit voraus. Wie soll man frei bleiben angesichts des Geldes, das zwar eine notwendige und alltägliche Realität ist, das uns aber rasch auf Abwege führt und uns in seine gnadenlose Logik mitreißt!«

Lehren, erklären

Obwohl die seelsorgerliche Arbeit in Moulin-à-Vent  im Wesentlichen von einem Mitarbeiter getragen wurde, war Pater Chevrier von 1867 bis 1871 erster Pfarrer der Gemeinde. Seine im Prado erprobte Methode bestand in erster Linie in der aktiven Evangelisierung der Gemeindeglieder durch Ansprachen, Rosenkranz, Kreuzweg sowie öffentliche Andachten. Der Pater setzte vor allem auf Lehren und Erklären: „Wenn sich viele Leute in der Messe langweilen, so liegt das daran, dass sie die Mysterien nicht verstehen, die sich da vollziehen.« Er selbst pflegte das heilige Messopfer mit großer Sorgfalt zu feiern und konnte so die Aufmerksamkeit der Teilnehmer fesseln.

„Die beste Katechese über die Eucharistie ist die gut zelebrierte Eucharistie selbst ... Die Liturgie besitzt nämlich von ihrem Wesen her eine pädagogische Wirksamkeit, die Gläubigen in die Kenntnis des gefeierten Mysteriums einzuführen« (Benedikt XVI., Aposto–lisches Mahnschreiben Sacramentum Caritatis, Nr. 64, 22. Februar 2007).

1866 nahm Pater Chevrier ein Projekt im Prado in Angriff, das ihm schon immer am Herzen gelegen hatte: Die Ausbildung armer Kinder zu Priestern, um Arme zu evangelisieren. Er gründete eine entsprechende Schule. 1873 wurden die ersten vier seiner Lateinschüler in das Priesterseminar von Lyon aufgenommen. Speziell für sie verfasste er das Werk Le véritable disciple de Notre-Seigneur Jésus-Christ („Der wahre Jünger unseres Herrn Jesus-Christus«), in dem er das große Anliegen seines Lebens erläuterte, die Nachfolge Jesu, die nur dann in die Herrlichkeit des Herrn führt, wenn man arm wird wie Er in der Krippe, wenn man sich mit Ihm kreuzigen und sich wie Er in der Eucharistie verzehren lässt. „Der Priester ist ein besitzloser, gekreuzigter, verzehrter Mensch«, lauteten die Sinnsprüche, mit denen der Pater die Wände seiner schlichten Bleibe in Saint-Fons bei Lyon schmückte, in die er sich von Zeit zu Zeit gern für einige Tage der Besinnung zurückzog.

Loslassen

Pater Chevrier verausgabte sich ständig über seine  Kräfte hinaus und bekannte später: „Ich habe mich zu Tode gearbeitet.« Im Frühjahr 1874 erkrankte er schwer; er konnte zwar bald seine Tätigkeit wieder aufnehmen und einen viermonatigen Aufenthalt in Rom absolvieren, um die angehende Priester des Prado zu unterrichten, doch er wurde nie wieder richtig gesund. Als sein Werk nahezu vollendet schien, wurde er auf eine harte Probe gestellt: Ein langjähriger Gefährte verließ ihn, um für einige Zeit in ein Trappistenkloster zu gehen, und seine im Mai 1877 frisch geweihten Priester zauderten, im Prado weiterzumachen. „Gott hat mir Beistand und gute Mitarbeiter gewährt, nun nimmt er sie mir wieder. Gesegnet sei sein heiliger Name!«, sagte er. Die drei Jungpriester blieben schließlich doch im Prado. Bald wurde Pater Chevrier selbst arbeitsunfähig: Er musste am 6. Januar 1878 seinen Rücktritt erklären und einem jüngeren Nachfolger Platz machen. Die Ärzte verordneten ihm völlige Ruhe im Lyoner Umland. Im September 1879 spürte er, dass sein irdisches Leben sich dem Ende zuneigte und bat, in den Prado zurückkehren zu dürfen. Er starb dort am 2. Oktober 1879 im Alter von 53 Jahren. An seiner Beerdigung nahmen an die zehntausend Leute teil. Sein Leichnam wurde in der Kapelle des Prado beigesetzt.

Die vier Priester, die den Prado leiteten, befanden sich in einer schwierigen Situation, denn ihr Status war unsicher und blieb es für lange Zeit: Die Konstitution des Prado-Institut wurde erst 1924 – 45 Jahre später – vom Erzbischof von Lyon gebilligt; die Schwestern wurden 1925 als Apostolische Gemeinschaft anerkannt. In dieser Zeit erlebte der Prado zunächst in der Diözese Lyon, später, nach 1945, auch im übrigen Frankreich einen großen Aufschwung. Heute ist das Werk in über 30 Ländern Europas, Asiens, Afrikas und Südamerikas verbreitet. Die Zahl der Patres liegt über 1000. Die Familie des Prado umfasst auch Brüder sowie einen Frauenzweig, dessen Mitglieder in der Welt leben, sich jedoch aus Liebe zu Christus zur Ehelosigkeit verpflichten.

Pater Chevrier wurde am 4. Oktober 1986, dem Festtag des hl. Franziskus von Assisi, in Lyon seliggesprochen. „Er ist ein unvergleichlicher Ratgeber für Priester«, sagte Papst Johannes-Paul II. „Aber auch Laienchristen werden bei ihm Erleuchtung finden, denn er macht jedem Getauften vor, wie man den Armen die gute Nachricht verkünden und Jesus Christus durch die eigene Existenz vergegenwärtigen kann. Unser religiöser Kontext ist nicht mehr der gleiche wie bei Pater Chevrier. Er ist von Zweifel, Unglauben, Atheismus und größtmöglichem Freiheits–drang geprägt. Das religiöse Unwissen greift besorgniserregend um sich. Die Armen sind nunmehr die, die ohne Gott leben ..., die unter Arbeits- und Beschäftigung–s–losigkeit leiden. Das betrifft heute nicht nur die Welt der Arbeiter, sondern auch den Kreis der Kranken, Behinderten und Gefangenen. Die Worte Jesu, Ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen, rufen nach uns.«

Seliger Antoine Chevrier, lehr uns im Geiste der Seligsprechungen zu leben und öffne unsere Augen für die Armut unserer Welt, damit wir ihr unseren größten Schatz schenken: die Freude der Gottes- und der Nächstenliebe!

Dom Antoine Marie osb

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