Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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4. August 2010
Hl. Johannes Maria Vianney, Pfarrer von Ars


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Wenn ihr ein Loblied auf mich hört, sagt sofort: Er hat aber seinen  ‚Boy' verzogen, er hat Zigaretten geraucht, er hat gern ein  Schlückchen getrunken, er hat oft ‚Lasst mich in Frieden!' gesagt.» Diese Worte Alain de Boismenus, des „Bischofs der Papuaner», lassen unter der rauen Schale des alten Missionars die Demut eines großen Herzens erahnen, dessen Heiligkeit sich in natürlichem Freimut äußert.

Alain-Marie Guynot de Boismenu wurde am 27. Dezember 1870 als elftes Kind seiner Eltern in Saint-Malo geboren. Seine Mutter starb bei der Geburt. So wurde Alain von seiner älteren Schwester Augustine erzogen. Er war ein lebhaftes Kind von aufbrausendem Temperament. Er beugte sich folgsam der Autorität des verehrten Vaters, doch gegen die Strenge der älteren Schwester rebellierte er mitunter. Als diese ihn eines Tages deswegen schalt: „Du liebst mich wohl gar nicht?», erwiderte er mit festem Blick: „Doch, ich liebe dich, aber ich will selber entscheiden, ob ich gehorche.» Als der Vater am Abend davon erfuhr, sagte er: „Alain, ich möchte, dass du dich dafür entscheidest, deiner Schwester Augustine zu gehorchen.» Der Junge versprach es und hielt Wort. 50 Jahre später, als er schon seit fast 30 Jahren Bischof war, gestand er einer seiner Nichten: „Ich gehorche nur zwei Menschen auf Erden: meiner Schwester Augustine und dem Heiligen Vater.» Einer seiner Klassenkameraden sagte über ihn: „Alain war nicht immer sehr bequem, doch er war in seinen Worten so überlegt, dass man ihm überallhin gefolgt wäre.» Im Kolleg erzählte ihm einer der Geistlichen von einer neuen Kongregation, die Missionare ans andere Ende der Welt entsende, um das Evangelium zu predigen. Seine Neugier wurde dadurch ebenso geweckt wie sein Wunsch, selbst nach Neuguinea zu gehen. Er trat den Herz-Jesu-Missionaren von Issoudun bei, legte 1888 seine Ordensprofess ab und wurde am 10. Februar 1895 zum Priester geweiht.

„Üben Sie sich schon zuvor in Heiligkeit!»

Die Mission in Neuguinea war damals durch  Hungersnöte, Seuchen und zahlreiche Todesfälle gefährdet. Der dortige Apostolische Vikar, Mgr. Navarre, reiste nach Frankreich, um Interesse für sein Land zu wecken. Pater Alain hätte sich gern gemeldet, doch seine Vorgesetzten zögerten: Er wirkte eher schwächlich, und selbst viel robustere Kandidaten waren mit dem Klima und den Lebensbedingungen in Neuguinea nicht fertiggeworden. Zudem brauchte ihn die Kongregation als Lehrer in ihrem Schulungshaus. Pater Alain unterrichtete vier Jahre lang dort. Missionsbischof Verjus, dem er gestand, dass er nach wie vor in die Mission wolle, schrieb ihm damals: „Sie fühlen sich immer noch so leidenschaftlich zu unserer geliebten Mission hingezogen? Umso besser! Möge sie Sie weiterhin fesseln und zum einzigen Ziel Ihres Lebens werden!... Doch ich beschwöre Sie, üben Sie sich schon zuvor in Heiligkeit. Denn hier braucht man hundertmal mehr Tugend, Opfergeist und Glaubenskraft als in Europa ... Loben Sie den Tag, an dem man Ihnen viel Ärger macht, üben Sie sich in Geduld und im Ertragen menschlicher Schwächen.»

Im Jahre 1897 wurde Pater Alain schließlich von seinem Generaloberen nach Papuasien, in den östlichen Teil der Insel Neuguinea, entsandt. Die Mission dort war 13 Jahre zuvor gegründet worden. Bei der Ankunft Pater de Boismenus am 25. Januar 1898 gab es kaum 1950 Katholiken, die von 16 Priestern und 17 Brüdern in 20 Missionsstationen betreut wurden. Es lebten auch rund 15 Töchter Unserer Lieben Frau vom heiligsten Herzen Jesu dort. In den ersten beiden Wochen bereiste Pater Alain das ganze Missiongebiet und wurde am 11. Februar zum Generalprovikar ernannt.

Der südöstliche Teil der Insel, der von französischen Missionaren vom heiligsten Herzen Jesu betreut wurde, war damals im Besitz Großbritanniens und unterstand der Aufsicht eines englischen Gouverneurs, der den Katholiken den Zugang zu den protestantischen Gebieten verwehren wollte. Pater Alain verteidigte nachdrücklich das Recht auf freie Verkündigung; um Konflikte zu vermeiden, begann er jedoch von sich aus, weiter landeinwärts in die unerforschten Berggebiete vorzudringen, um dort erste Missionsstationen zu gründen. Die Richtigkeit dieser Entscheidung wurde einige Jahre später vom hl. Papst Pius X. bestätigt: „Zum Kampf darf es nicht kommen. Wir haben unermesslich große freie Gebiete und sollten lieber dorthin gehen, als bei den Protestanten anzuecken. Wir können uns zwar nicht mit ihnen vereinigen, doch sie sind in gewisser Weise unsere ‚adjutores' (Helfer) ... Sie geben einen Teil der Wahrheit weiter.»

In diese Richtung weist auch das II. Vatikanische Konzil: „Ebenso sind diese getrennten Kirchen und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles» (Unitatis redintegratio, 3).

Ende 1899 wurde Pater Alain – noch keine 30 Jahre alt – zum Koadjutor von Mgr. Navarre und somit zum Bischof ernannt. Die Bischofsweihe folgte am 18. März 1900 in der Basilika von Montmartre in Paris. Bischof Alain – wie er am häufigsten genannt wurde – war außerordentlich aktiv. Er war nicht immun gegen das Tropenfieber, doch seine Gesundheit war robust. Jedes Jahr durchwanderte er mehrmals das ganze Missionsgebiet, besuchte Außenposten, die mehrere Tagesmärsche voneinander entfernt lagen, gründete neue Stationen, erschloss neue Bezirke. Wie einer seiner Missionare bezeugte, „bewegte er sich erstaunlich schnell fort. Zu Fuß, zu Pferde, auf einer elenden Barke – er war stets zur Stelle, sobald es irgendwo nötig war, ein ernstes Wort zu sprechen, einen Anstoß zu geben oder eine notwendige Entscheidung zu treffen.»

Von seinem Rombesuch im Jahre 1911 zurückgekehrt, führte Bischof de Boismenu, inzwischen Apostolischer Vikar, energisch das Werk der Zivilisierung und Evangelisierung fort; er gründete Waisenhäuser, kirchliche Grund- und Berufsschulen, vor allem auch Katechistenschulen, um eine Elite auszubilden, die ihrerseits Christen heranziehen und Berufungen wecken sollte. Für ihn lag die Zukunft der Mission in der Ausbildung eines einheimischen Klerus: Es ging ihm nicht darum, „Christen zu haben», er wollte „eine Christenheit».

Gottes Antworten

Bischof Alains Halt war der im Allerheiligsten gegen- wärtige Herr: „Ich errichte neben meiner Residenz auf Yule Island eine bischöfliche Kapelle. Ich brauche das Allerheiligste ganz nah bei mir, damit ich den Herrn zu jeder Stunde aufsuchen, Ihm von meiner Mission berichten, Ihm meine Sorgen darlegen und mit Ihm Zwiesprache halten kann. Es gibt Momente, in denen mir kein Mensch raten kann, Dinge, die ich niemandem anvertrauen kann. Es ist so gut, so tröstlich, sich ganz allein sammeln, auf gute Ideen und gute Lösungen warten zu können, die dann als Antworten Gottes kommen.»

Während des Ersten Weltkrieges machte die Mission eine schwere Zeit durch; Missionare waren zwar vom Kriegsdienst befreit, doch es kam keine personelle Verstärkung nach. Es mangelte auch an finanzieller Unterstützung. Dennoch wurden alle Missionsbezirke nach einem festen Visitationsplan regelmäßig besucht und betreut. Um die Pfarrer in dieser schwierigen Situation zu unterstützen, richtete Bischof Alain einen Hirtenbrief an sie: „Wenn Sie Ihren Einsatz wirkungsvoll gestalten und ihm Erfolg bescheren wollen, so müssen Sie dabei das übernatürliche Element betonen. Es ist das wichtigste Element, der Hauptfaktor für den Erfolg und kann durch nichts ersetzt werden, nicht durch Hingabe, nicht durch Know-how, auch nicht durch harte Arbeit. Ohne das Übernatürliche bleibt alles sterile Betriebsamkeit, Kräfteverschwendung, verlorene Zeit. Mit ihm dagegen wird der kleinste Versuch fruchtbar, die geringste Kraft wird vervielfacht, der letzte Erfolg wird von Gott garantiert.»

1918 beschlossen mehrere papuanische Mädchen, Nonnen zu werden. Bischof de Boismenu versammelte sie in einer Gemeinschaft unter dem Namen „Dienerinnen unseres Herrn» – bald nur noch „Ancillen» genannt. Mutter Marie-Thérèse Noblet aus Frankreich übernahm die Leitung der Neugründung und bildete eingeborene Schwestern für die Bekehrungsarbeit heran, die von Bischof de Boismenu ab 1925 in den einzelnen Missionsstationen eingesetzt wurden. Mutter Marie-Thérèse teilte das Ideal des Bischofs und war von der gleichen Leidenschaft beseelt: von der Liebe zu Gott und vom Heil der Seelen.

Der unsichtbare Hintergrund der Weltgeschichte

In jenen Gegenden, die bis dahin der Macht des Teufels  ausgeliefert waren, wurde ein heftiger Kampf geführt, um abergläubische Gebräuche auszurotten. In seinem Hirtenbrief vom 29. September 1922 schrieb Bischof de Boismenu: „Es gibt zwei Reiche, die die Welt unter sich teilen und um die Seelen streiten; zwei Armeen, die sich allzeit aufs Heftigste bekämpfen: die Armee Jesu Christi, die Kirche, die Seelen retten will, und die Armee Satans, die sie ins Verderben stürzen will. Ein pausenloser, gnadenloser Krieg. Viele ignorieren ihn, viele halten ihn für eine Einbildung. Er ist dennoch real. Er bildet den unsichtbaren Hintergrund der Weltgeschichte bis in alle Zeit.» Zur Taktik des Teufels schrieb der Bischof, jener wolle „die Menschen des Transzendenten berauben und sie auf die Ebene des Naturgegebenen zurückführen, wo er dann seine eigene Stärke ausspielen und die Herrschaft übernehmen kann ... Welchen Erfolg hatte Satan doch unter den zivilisierten Menschen! Er hat ihre Transzendenz immer weiter beschnitten und sie scharenweise auf das Naturgegebene reduziert. Er hält sie darin fest gefangen ...»

Die Versuchung, unseren Horizont auf irdische Dinge zu beschränken, wurde auch von Papst Benedikt XVI. angesprochen: „Die Dinge Gottes erscheinen den meisten Menschen nicht vordringlich, sie bedrängen uns nicht unmittelbar. Und so sind wir, die Allermeisten, gern bereit, sie zu verschieben. Zuerst tut man das jetzt und hier Vordringliche. In der Liste der Prioritäten steht Gott häufig so ziemlich an letzter Stelle. Das kann man immer noch tun, so meint man.» Dem hält der Heilige Vater das Beispiel der Hirten aus dem Weihnachts-evangelium entgegen: „Es erzählt uns, dass die Hirten, nachdem sie die Botschaft des Engels vernommen hatten, zueinander sagten: 'Kommt, wir gehen nach Bethlehem' « So eilten sie hin (Lk 2, 15f) ... Was ihnen da verkündet worden war, war so wichtig, dass sie sofort gehen mussten. In der Tat, was ihnen da gesagt wurde, ging über alles Gewöhnliche hinaus... Der Erlöser ist geboren. Der erwartete Sohn Davids ist in seiner Stadt zur Welt gekommen. Was konnte es Wichtigeres geben?... Das Evangelium sagt uns: Gott hat höchste Priorität. Wenn irgend etwas in unserem Leben Eile ohne Aufschub verdient, dann allein die Sache Gottes... Gott ist wichtig, das Wichtigste in unserem Leben überhaupt... Von den Hirten wollen wir lernen, uns von all den bedrängenden Dingen des Alltags nicht erdrücken zu lassen. Von ihnen wollen wir die innere Freiheit lernen, anderes noch so Wichtiges zurückzustellen, um uns aufzumachen zu Gott, ihn einzulassen in unser Leben und in unsere Zeit. Zeit, die wir für Gott und von ihm her für den Nächsten verwenden, ist nie verlorene Zeit. Es ist die Zeit, in der wir eigentlich leben, in der wir das Menschsein selbst leben» (24. Dezember 2009).

Um dem Einfluss des Teufels entgegenzuwirken, empfahl Bischof Alain, man solle zu den heiligen Engeln beten: „Von ihrer Natur her gleichen die heiligen Engel den Dämonen, doch sie verfügen über den Vorteil der Gnade. Sie durchschauen die List und die Machen-schaften des Gegners. Keine unserer Gefährdungen entgeht ihnen. Sie räumen sie – manchmal spontan – aus dem Weg; sie warnen uns immer vor ihnen, und wenn wir wollen, helfen sie uns gewaltig, der Gefahr die Stirn zu bieten, indem sie unsere Leidenschaften mäßigen, unseren Verstand erleuchten, unseren Willen stärken und mit uns gemeinsam um mehr Gnade und Kraft bitten. Sie sind glücklich, Gott dadurch zu dienen, dass sie uns dienen: Ihr Dienst ist ein Liebesdienst. Denn sie lieben uns, unsere lieben Engel, und ihre Freundschaft übertrifft unsere Träume. Sie kennen den Wert unserer Seele genau und trachten viel intensiver nach deren Heil als Satan nach deren Verderben ... Ach! Wenn unser Glaube doch einfacher und unser Gefühl für die Gegenwart der Engel, für ihre Liebe, für den Wert ihrer Dienste doch lebendiger wären! Wären wir nur hellhöriger für ihre Eingebungen, riefen wir sie vertrauensvoller zu Hilfe und vertrauten wir mehr auf ihren Beistand, welche Kraft gäbe das uns und unserem Amt!»

Das einzige Ziel der Kirche

Am 28. Februar 1926 veröffentlichte Papst Pius XI.  die Enzyklika Rerum Ecclesiæ, die die Missions-geschichte der Kirche nachhaltig prägen sollte. Bischof Alain fasste sie so zusammen: „Pius XI. proklamiert das Apostolat, das Heil für möglichst viele, zum obersten Gesetz und weist uns entschlossen den Weg, dem wir folgen müssen, um dahin zu kommen ... Das ist die Priorität des göttlichen Meisters. Seine Stimme, die Inspiration seines Geistes lenkt die Kirche der Mission zu ... Das Reich Christi überallhin ausdehnen, allen Menschen das Heil bringen: Das ist das einzige Ziel kirchlichen Handelns.»

Auch das II. Vatikanische Konzil betont den Missionsauftrag der Kirche: „Zur Völkerwelt von Gott gesandt, soll die Kirche ‚das allumfassende Sakrament des Heils' sein. So müht sie sich gemäß dem innersten Anspruch ihrer eigenen Katholizität und im Gehorsam gegen den Auftrag ihres Stifters, das Evangelium allen Menschen zu verkünden» (Dekret Ad gentes, 1). Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt: „Das letzte Ziel der Mission ist es, die Menschen an der Gemeinschaft teilhaben zu lassen, die zwischen dem Vater und dem Sohn im Geist der Liebe besteht. Der Beweggrund zur Mission ist die Liebe Gottes zu allen Menschen. Aus ihr hat die Kirche von jeher die Pflicht und die Kraft ihres Missionseifers geschöpft, denn die Liebe Christi drängt uns ... (2 Kor 5,14). Gott will ja, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (1 Tim 2,4). Gott will, dass alle durch die Erkenntnis der Wahrheit das Heil erlangen. Das Heil findet sich in der Wahrheit. Wer dem Antrieb des Geistes der Wahrheit gehorcht, ist schon auf dem Weg zum Heil; die Kirche aber, der diese Wahrheit anvertraut worden ist, muss dem Verlangen des Menschen entgegenkommen und sie ihm bringen. Weil die Kirche an den allumfassenden Heilsratschluss glaubt, muss sie missionarisch sein» (Katechismus 850-851).

Der erste eingeborene Priester

Die Weisungen Pius' XI. wurden in Papuasien so gut  umgesetzt, dass innerhalb weniger Monate 23 weitere Stämme von den Missionaren erreicht und 18 neue Missionsposten eröffnet werden konnten. 1929 schrieb Bischof de Boismenu an seine Missionare: „Ihr habt kein Strohfeuer entfacht. Zur Zeit sind über 2000 Katechumenen in der Ausbildung, fünfmal so viele wie 1925. Ihr habt also die Weisung Roms ernstgenommen und die Evangelisierungskampagne zügig durchgeführt ... Das Tempo ist gut und gottgefällig. Gott mag es, wenn man ihm beherzt dient.» 1930 reiste Bischof Alain wieder nach Rom und verbrachte auch ein paar Tage bei seiner Familie; eine seiner Nichten bat darum, ihm nach Papuasien folgen zu dürfen. Ein Jahr später traf Solange Bazin de Jessey in Neuguinea ein und trat die Nachfolge der kurz zuvor verstorbenen Mutter Marie-Thérèse Noblet an. 1935 feierte die Mission in Papuasien ihr 50-jähriges Bestehen. Das Jubiläumsjahr wurde durch ein denkwürdiges Ereignis eröffnet: die Einweihung des ersten Karmeliterklosters in der Inselwelt Ozeaniens, für das sich Bischof Alain jahrelang eingesetzt hatte. 1937 gab es erneut Anlass zur Freude: Die Ankunft des ersten eingeborenen Priesters namens Louis Vanghéké vom Stamm der Mekeo, der in Madagaskar, wo er studiert hatte, zum Priester geweiht worden war. Der Bischof brachte seine Freude in einem Hirtenbrief zum Ausdruck: „Dieses einfache Kind unseres Landes ist jetzt zum Priester geweiht worden, zum Diener Gottes, autorisiert durch das Erlösungswerk Seines Sohnes, zum Vertrauten unseres göttlichen Meisters und Herrn Jesus Christus ... Wenn die Leute einen der Ihren am Altar, auf der Kanzel, im Beichtstuhl sehen, werden sie das harmonische Miteinander aller Farben und Rassen in der Einheit der Kirche, die keine Kasten kennt und nirgends fremd ist, auf der Stelle erfassen ...»

Im Mai 1941 verbreitete sich die Nachricht, Bischof Alain liege im Sterben. Ein Missionar zeichnete folgende Worte seines Bischofs auf: „Wenn ich gehe, möge Gottes Wille geschehen. Bittet mit mir darum ... Ich bitte Euch alle um Vergebung, alle, denen ich Leid zugefügt habe, zu denen ich zu hart, nicht gütig genug gewesen bin, denen gegenüber ich es an etwas habe fehlen lassen, an Unterstützung, an Gerechtigkeit ... Ja, vergebt mir alle. Ich selbst habe nichts zu vergeben. Wir gehören zur selben Familie, nicht wahr? Wir mögen einander Leid angetan haben, aber wir haben einander auch vergeben ...» Entgegen allen Prognosen erholte sich der Bischof und konnte einige Monate später seine Pastoralvisiten wieder aufnehmen.

Im Zweiten Weltkrieg stellte die Ausdehnung der Kampfhandlungen auf den Pazifik die Mission erneut auf eine harte Probe. Im Februar 1942 landeten japanische Einheiten an der Nordküste Neuguineas. In dieser bedrohlichen Lage ergriff Bischof Alain die Initiative: Er traf Vorsorge zur Verhütung einer Hungersnot; auf dem Gebiet der Pastoral stellte er noch einmal die für eine Generalabsolution erforderlichen Bedingungen klar und unterstrich, dass geistlicher Beistand jedem Kriegsteil–nehmer gleich welcher Nationalität zustehe.

Endlich Zeit, mit ganzer Kraft zu lieben

1945 wurde vom Heiligen Stuhl Pater André Sorin zu Bischof de Boismenus Nachfolger ernannt, der zur großen Freude aller weiter in Papuasien blieb. Sieben Jahre lang lebte er am Fuße der Berge. Von seiner Einsiedelei aus wirkte er weiter für das Heil der Seelen, doch vor allem widmete er sich dem Beten: „Ich lebe in meiner Einsiedelei, an die jetzt eine kleine Kapelle angebaut ist, wo ich noch – Gott sei Dank – jeden Tag die heilige Messe feiern kann», schrieb er an einen Missionar. „Ich hoffe, dass mir diese Gnade bis zuletzt gewährt wird: Sie ist der letzte Trost der Veteranen, die so in der Lage sind das Erlösungswerk zu vollziehen.» Als er sein Ende kommen fühlte, schrieb er einem seiner Neffen: „Ich bin hilflos, und nichts geht mehr, außer meinem Herzen, das nunmehr endlich Zeit hat, mit ganzer Kraft zu lieben. Es ist gut, wenn man sich sagt, dass man immer mehr lieben kann und dass wir eines Tages sogar fähig sein werden, im vollen Ausmaß zu lieben.»

Als die Missionare erfuhren, dass ihr Vater im Sterben lag, eilten sie an sein Lager. Der Sterbende empfing sie mit seiner gewohnten Freundlichkeit. Er gestand ihnen: „Ich mag die Art und Weise nicht, in der bestimmte Bücher vom Loslassen sprechen. Wir haben ein Herz zum Lieben. Unser Herr hat geliebt. Er will jedoch nicht, dass wir so sehr lieben, dass wir uns an etwas klammern. Wir müssen beim ersten Ruf loslassen und uns von allem trennen können, doch das tut weh.» Da er seine Kräfte schwinden fühlte, blickte er lange die umstehenden Missionare an und sagte mit fester Stimme zu ihnen: „Bleibt standhaft.» Am 5. November 1953 um drei Uhr nachmittags hörte sein Herz in dem Augenblick zu schlagen auf, als gerade der Vers Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist gesprochen wurde. Sein Leib ruht auf dem Friedhof von Kubuna neben den Gräbern von Mutter Marie-Thérèse Noblet und Mutter Solange Bazin de Jessey. Es ist ein Seligsprechungsprozess für ihn eröffnet worden.

Der bischöfliche Leitspruch von Alain de Boismenu, Ut cognoscant Te (Dass sie dich erkennen), stammt aus den Worten Jesu nach dem letzten Abendmahl: Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus (Joh 17,3). Das Glück, die Passion dieses Bischofs lag darin, Menschen zur Gotteserkenntnis zu führen, denn Gott allein kann sie retten und glücklich machen. Möge sein Vorbild uns helfen, das Reich Gottes auf Erden auszudehnen und die Menschen in die Seligkeit des Himmels zu führen!

Dom Antoine Marie osb

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