Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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29. Juni 2010
Hl. Petrus und Paulus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Im Mai 1873 vertraute der Apostolische Vikar von Hawaii,  Mgr. Maigret, einigen seiner Priester an, dass ihm die   Verwahrlosung der Leprakranken Sorgen bereite. Die Plage der Lepra breitete sich seit 1864 auf dem gesamten Archipel aus. Angesichts der Gefahr beschloss die Regierung, die Aussätzigen zu isolieren. „Es ist eine Situation entstanden, die mich sehr beunruhigt. Ich denke vor allem an die armen Kranken, von denen jedes Jahr viele sterben, ohne ihre Seele erleichtert zu haben, bevor sie vor Gott treten, und die zuvor keinen moralischen Beistand in ihrer Drangsal haben.« – „Aber Herr Bischof«, erwiderte ein Pater, „Sie brauchen doch nur einen von uns zu ihrem Seelsorger zu berufen!« Alle Geistlichen waren einmütig bereit, die Aufgabe zu übernehmen. Da meldete sich einer von ihnen, P. Damian de Veuster, und sagte entschlossen: „Herr Bischof haben mich daran erinnert, dass ich am Tag meiner Ordensprofess in ein Leichentuch gehüllt wurde, um zu lernen, dass aus dem freiwilligen Tod neues Leben entspringt; daher bin ich bereit, mich lebendig zu begraben mit diesen Unglücklichen, von denen ich mehrere persönlich kenne.« – „Wie alt sind Sie?«, fragte Bischof Maigret. – „33 Jahre.« – „So alt wie Unser Herr in der Stunde des Kreuzes«, erwiderte der Bischof.

Ein Wirbelwind

Der am 11. Oktober 2009 heiliggesprochene Damian  de Veuster wurde am 3. Januar 1840 in Tremelo in Flämisch-Brabant (Belgien) geboren und noch am selben Tag auf den Namen Jef (Josef) getauft. Sein Vater betrieb einen Bauernhof und eine Kornhandlung, so dass die große Familie mit acht Kindern in relativem Wohlstand leben konnte. In diesem christlichen Haus, aus dem vier Kinder später einem Orden beitraten, war es undenkbar, gegen die Gebote Gottes und der Kirche zu verstoßen. Sonntags waren sogar Näharbeiten verboten, und die Familie ging stets geschlossen zur Messe und zur Vesper in die Kirche. Unter der Woche war der Tagesablauf durch gemeinsame Gebete gegliedert; abends wurde aus dem Leben der Heiligen vorgelesen. Jef, das zweitjüngste Kind, war von robuster Konstitution und wurde bald der Wirbelwind im Haus. Unternehmungslustig und immer in Bewegung, hatte er jedoch auch einen Hang zur Andacht. Als man eines Tages schon überall nach ihm gesucht hatte, entdeckte die Mutter ihren 7-jährigen Jef beim Beten in der Kirche. Obwohl sein Lehrer ihn für begabt hielt, verließ Jef auf Wunsch seiner Eltern mit 13 Jahren die Schule und arbeitete auf dem Bauernhof mit.

1858 nahm er an einer von Redemptoristenpatres geleiteten Gemeindemission in Braine-le-Comte teil und empfing dabei seine Berufung. „Ihr wisst«, schrieb er an seine Eltern, „dass wir uns, um ewig glückselig zu werden, alle für den Stand entscheiden sollen, den Gott für uns vorbestimmt hat; daher könnt ihr euch nicht über meine Berufung grämen.« Seine Wahl fiel auf die „Kongregation von den Heiligsten Herzen Jesu und Mariens«, der bereits einer seiner Brüder angehörte. Diese 1800 von Pater Coudrin gegründete Ordens–familie hatte sich vom Mutterhaus in Paris aus zunächst in Frankreich ausgebreitet und wurde dann 1825 vom Heiligen Stuhl mit der Evangelisierung des östlichen Ozeaniens beauftragt. 1826 brach eine Gruppe von Missionaren in Richtung Hawaii auf. 1840 wurde ein Kloster in Leuven eröffnet, um angehende Missionare aus Belgien, Holland und Deutschland aufzunehmen. Dort traf Jef am 2. Februar 1852 seinen älteren Bruder wieder. Da er nur die Volksschule besucht und kein Latein gelernt hatte, wurde er unter dem Namen Damian zunächst als Bruder aufgenommen. Doch Gott hatte anderes mit ihm vor. Er lernte in sechs Monaten selbständig Latein und zeigte sowohl Neigung als auch Begabung zum Studieren; so wurde er von seinem Vorgesetzten zum Studium zugelassen. Am 7. Oktober 1860 legte Bruder Damian seine ewigen Gelübde ab. Danach setzte er sein Studium in Paris und Leuven beharrlich fort. 1863 stand sein Bruder kurz davor, sich nach Ozeanien einzuschiffen, wurde jedoch krank und konnte nicht fahren. Damian ergriff die Gelegenheit und bat den Generaloberen um die Erlaubnis, an Stelle seines Bruders reisen zu dürfen, obwohl seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen war.

Auf der Suche nach den verirrten Schafen

Am 30. Oktober 1863 bestieg eine Gruppe von  Missionaren, darunter auch Damian, ein Schiff nach Hawaii, das am 19. März 1864, dem Festtag des hl. Josef, im Hafen von Honolulu anlegte. Damian wurde am 21. Mai zum Priester geweiht und bekam den Bezirk Puna zugewiesen, in dem eine Menge Arbeit auf ihn wartete: Seit acht Jahren gab es dort keinen amtierenden Pfarrer mehr. Er machte sich zu Fuß und zu Pferde auf die Suche nach den verirrten Schafen. Bald war Kamiano, wie er auf Hawaianisch hieß, überall bekannt. Er schrieb in einem Brief an seinen Bruder, er wolle „jene Gottesliebe, jenen brennenden Eifer für das Heil der Seelen in sich spüren, von denen der Pfarrer von Ars, Vianney, entflammt war ... Unsere armen Insulaner sind so glücklich, wenn sie Kamiano kommen sehen. Ich liebe sie und würde mein Leben für sie hingeben, wie unser Heiland.« Im März 1865 musste Kamiano eine noch schmerzhaftere Trennung verkraften als den Abschied von seiner Familie: Er musste seine Christen verlassen. Ein Mitbruder war wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nicht mehr in der Lage, den riesigen Bezirk Koala zu betreuen; Pater Damian tauschte mit ihm und bürdete sich dadurch eine Aufgabe auf, die zehn Missionare erfordert hätte. Dank seiner robusten Konstitution konnte er schnelle Erfolge erzielen. Er brachte christliche Gemeinden zum Blühen, sorgte für Gebetshäuser, predigte, nahm Beichten ab, besuchte Kranke und fungierte als Architekt, Zimmermann und Maurer beim Bau von Kirchen und Schulen. Er drang in die entlegensten Regionen vor und nahm dafür gefährliche Kletterpartien und Flussüberquerungen auf sich, bei denen er mehrfach beinahe ertrank. Die Energie des Missionars beflügelte seine Schäfchen, denen von allen Seiten Versuchungen drohten: die Arglist der Medizinmänner, die Labilität der Ehen, die allgemeine Zügellosigkeit sowie die Faulheit zu beten. „Das sind Waffen der Hölle, die sogar die Besten zum Straucheln bringen könnten«, schrieb er am 22. Dezember 1866. Diese Jahre waren für Pater Damian gewissermaßen eine Vorbereitung auf seine künftige heroische Mission.

Bei seinen Besuchen in den Dörfern traf Kamiano auf immer mehr aussätzige Ureinwohner. 1865 beschloss die Regierung die Isolierung der Kranken. Sie wurden auch gegen ihren Willen in ein „Lepralager« auf der Halbinsel Kalawao im Norden der Insel Molokai verschleppt. Es handelte sich um eine 17 km2 große trostlose Landzunge, die zwischen einer nahezu unzugänglichen Küste und einer steilen Bergkette eingezwängt war. Kalawao wurde von einem Regierungsausschuss verwaltet; de facto hatten jedoch die Angst vor Ansteckung und der übliche Schlendrian eine rechtsfreie Zone daraus gemacht. Die Regierung sorgte für Nahrung und Bekleidung, doch die Aussätzigen hatten keinen Unterschlupf außer ein paar elenden Hütten, in denen sie im Dreck zusammengepfercht lebten. Zur Lepra, die den Körper der Kranken zerfraß, kamen alle psychischen und moralischen Gebrechen hinzu, die mit Verzweiflung und Müßiggang einhergehen. Die meisten Kranken waren Heiden; die Aussicht auf einen nahen Tod unter grausamsten Schmerzen stachelte sie zu allerlei Schandtaten an. Sie betranken sich, zwangen die Frauen zur Prostitution und feierten Orgien vor den Altären der Göttin Laka, der Venus der Kanaken. Die getauften Aussätzigen hatten große Mühe, ihre Triebe zu zügeln. Die Situation belastete ihr Gewissen. Wie aber sollte man die Seuche kurieren? Bischof Maigret sorgte sich um die kleine Gruppe der Katholiken auf Molokai. Er ließ dort zunächst eine der hl. Philomena geweihte Kapelle erbauen und schickte abwechselnd für einige Tage Priester dorthin. Doch diese Besuche waren eher selten. Selbst in den Zeitungen wurde bemängelt, dass das nicht reichte: „Was die Leprakranken jetzt brauchen, ist ein treuer Diener des Evangeliums und ein Arzt, die sich freiwillig für das Wohl dieser unglücklichen Gemeinschaft opfern.«

Seit 1865 hatte Kamiano ohnmächtig die Ausbreitung der Seuche verfolgt. Zur Krankheit kam für die meisten verschärfend die Trennung von ihrer Familie und ihrem Dorf hinzu, ohne jede Hoffnung auf Rückkehr. Pater Damian versprach allen, die fortgebracht wurden, dass er sie besuchen werde, und begleitete sie ein Stück auf ihrem Weg. Er wusste also, worum es ging, als er sich am 4. Mai 1873 als Freiwilliger für die Betreuung der Leprakranken meldete.

Ein Weg der Hoffnung

In seiner Enzyklika Spe salvi vom 30. November 2007  erläutert Papst Benedikt XVI. das Mittragen von Leid und Hoffnung so: „der einzelne kann das Leid des anderen nicht annehmen, wenn er nicht selbst im Leiden Sinn, einen Weg der Reinigung und der Reifung, einen Weg der Hoffnung zu finden vermag. Denn Annehmen des anderen, der leidet, bedeutet, dass ich mir sein Leid selbst zueigne, dass es auch mein Leiden wird. Eben dadurch aber, dass es nun geteiltes Leid geworden ist, dass ein anderer in ihm da ist, dringt das Licht der Liebe in dieses Leiden ein. Das lateinische Wort con-solatio, Tröstung, drückt dies sehr schön aus, indem es die Vorstellung eines Mitseins in der Einsamkeit weckt, die dann keine Einsamkeit mehr ist...

Bernhard von Clairvaux hat das großartige Wort geprägt: Impassibilis est Deus, sed non incompassibilis – Gott kann nicht leiden, aber er kann mitleiden. Der Mensch ist Gott so viel wert, dass er selbst Mensch wurde, um mit dem Menschen mit-leiden zu können, ganz real in Fleisch und Blut, wie es uns in der Passionsgeschichte Jesu gezeigt wird. Von da aus ist in alles menschliche Leiden ein Mitleidender, Mittragender hineingetreten; in jedem Leiden ist von da aus die con-solatio, der Trost der mitleidenden Liebe Gottes anwesend und damit der Stern der Hoffnung aufgegangen« (Nr. 38 und 39).

Mit euch leben und sterben

Am 10. Mai landete Pater Damian, begleitet von sei- nem Bischof, mit seinem Brevier als einzigem Gepäck in Kalawao. Zu ihrem Empfang waren viele noch rüstige Kranke gekommen. „Bislang wart ihr allein und verlassen, meine Kinder«, sagte Bischof Maigret. „Das wird nun anders. Hier kommt jemand, der euer Vater sein wird. Er liebt euch so sehr, dass er nicht zögert, um eures Glückes und um das Heil eurer unsterblichen Seele willen einer von euch zu werden und mit euch zu leben und zu sterben.« Die Kranken konnten ihre Rührung nicht verbergen. Der Bischof umarmte den Pater, segnete ihn und überließ ihn seiner heroischen Aufgabe. Die erste Zeit war hart: Nachts hatte Pater Damian kein anderes Dach über dem Kopf als einen Baum neben der Kapelle. Am schwersten zu ertragen waren für ihn der Anblick der Aussätzigen und der faulige Geruch, den ihre zerfressenen Gliedmaßen verströmten. Doch „sie haben eine Seele, die durch das kostbare Blut unseres göttlichen Erlösers losgekauft wurde«, schrieb er. „Ich kann sie zwar nicht heilen wie der Herr, doch ich kann sie zumindest trösten.« Er machte sich um Christi willen ihre Belange zu eigen und betrachtete sich als einen von ihnen: „Wenn ich predige, sage ich immer: ‚Wir Aussätzigen'. Könnte ich sie doch alle für Christus gewinnen!« Die Ankunft Kamianos war ein Hoffnungsschimmer für die rund 800 Ausgestoßenen. Jede Woche besuchte er sämtliche Hütten, ohne zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Protestanten und Katholiken zu unterscheiden. Um Seelen zu retten, bemühte er sich, körperliche Leiden zu lindern und Vertrauen zu gewinnen. Er war abwechselnd Krankenpfleger, Zimmermann, Ingenieur, Totengräber, Anwalt, Kapellmeister. Nichts konnte ihn aufhalten, wenn es um das Wohl der Kranken ging.

Pater Damians heldenhafter Einsatz löste eine wahre Spendenlawine aus. Protestanten und Katholiken wetteiferten miteinander im Spenden. Der belgische Pater wurde in allen Zeitungen gefeiert. Ein deutscher Protestant schrieb: „Lediglich ein einziger katholischer Priester ist in jene Hölle der Lepra vorgedrungen. Er harrt mitten unter den Sterbenden und Verzweifelten aus, um ihnen den Trost des ewigen Lebens zu spenden.« Das Lob war gar nicht nach dem Geschmack der Hygienebehörde in Honolulu; ihr war der Umzug des katholischen Priesters nach Molokai ein Dorn im Auge. Sollte seine vielfältige Aktivität vielleicht besagen, dass die Maßnahmen der Behörde unzureichend waren? Der Zugang zur Insel wurde für alle Nichtkranken gesperrt. Pater Damian war isoliert und „interniert«, denn ihm wurde verboten, den Quarantänebezirk zu verlassen: Durch diese Zermürbungsmaßnahme hoffte man, ihn zur Aufgabe seines Postens zu bewegen. Am meisten litt er darunter, dass er nicht mehr beichten konnte. Diese Verfügung wurde allerdings nach wenigen Monaten infolge eines Regierungswechsels aufgehoben.

Wo vor Kurzem noch das Gesetz des Dschungels geherrscht hatte, gedieh nun eine Gemeinschaft, in der auch der Schwächste einen Platz hatte: den ersten Platz! Kamiano erkannte, dass die Saat des Evangeliums durch menschliche Tugenden gestützt werden musste, um aufzugehen: Man musste den ganzen Menschen aufrichten. Christus selbst wollte nicht nur den Leib der Aussätzigen heilen, sondern auch ihre Lebensfreude wieder wecken. Kamianos Ansatz dazu waren seine Fröhlichkeit und seine liebevolle Präsenz: „Von morgens bis abends bin ich von herzzerreißendem physischem und moralischem Leid umgeben. Trotzdem versuche ich mich immer fröhlich zu zeigen, um den Mut meiner Kranken zu stärken« (17. Dezember 1874). Daneben interessierte sich Pater Damian auch für die Fortschritte der Medizin; als er später selbst erkrankt war, probierte er neue Behandlungsmethoden an sich aus. Als 1884 ein amerikanischer Professor 16 Jahre nach seinem ersten Besuch wieder nach Molokai kam, traute er seinen Augen nicht. Die Siechstation hatte zwei hübschen Dörfern mit weißen, von Blumen- und Gemüsegärten umgebenen Häuschen Platz gemacht, mit Zufahrtsstraße und Wasserleitung. Es gab ein Krankenhaus für die Schwerstkranken, Waisenhäuser mit fröhlichen Kindern, zwei volle Kirchen sowie einen schönen Friedhof. Mit Fanfaren angekündigte Feste, Umzüge und Pferderennen sorgten für vielfältige Abwechslung. Nur demütige Liebe hatte solche Veränderungen bewirken können.

„Pater Damian war Priester, Mönch und Missionar zugleich«, sagte Johannes-Paul II. bei der Seligspre-chungsmesse 1995. „Durch seine dreifache Rolle machte er das Bild Christi greifbar: Er wies den Weg zum Heil und verkündete das Evangelium, während er unermüdlich für den Fortschritt arbeitete. Er organisierte das religiöse, gesellschaftliche und brüderliche Leben in Molokai, einer von der Gesellschaft geächteten Insel; mit ihm hatte jeder seinen Platz, jeder war anerkannt und wurde von seinen Mitmenschen geliebt.«

Pater Damians Geheimnis

Woher bezog Pater Damian diese Liebe und diese  Kraft zu so vielen schönen Initiativen? Sein Herz schlug im gleichen Takt wie die Herzen Jesu und Mariens und übernahm deren Gefühle, Freuden und Schmerzen. Er hatte sich vor allem dem Heiligsten Herzen Jesu in der eucharistischen Anbetung geweiht. „Ohne die ständige Präsenz unseres göttlichen Meisters in meiner armen Kapelle«, schrieb Pater Damian, „hätte ich niemals bei meinem Entschluss bleiben und das Schicksal der Aussätzigen teilen können.« Er lebte von der Eucharistie. „Mit unserem Herrn an meiner Seite bleibe ich immer fröhlich und zufrieden und arbeite eifrig zum Wohle dieser unglücklichen Armen.« Er führte, sobald er konnte, die ewige Anbetung in Kalawao ein. „Jeden Tag suchen gute Christen beim ewigen Tröster aller Leidenden nach Linderung ihrer Leiden«, berichtete ein Zeuge. „Sie tun noch mehr: Sie bieten sich als Opfer dar zur Wiedergutmachung der Schmähungen, mit denen undankbare Kinder trotz ihrer christlichen Erziehung die göttlichen Herzen überschütten.«

Der Weg Pater Damians war mit Schwierigkeiten gespickt, die zuweilen durch sein Ungestüm noch gesteigert wurden, obwohl er sich, die Augen fest auf Gott gerichtet, um Zurückhaltung bemühte. Seine Tage begannen mit stillem Gebet. Er führte stets seinen Rosenkranz mit sich; beten wurde zum Atem seiner Seele, und Gott war ihm stets gegenwärtig. Sein Vertrauen auf Gott war unerschütterlich: „Von Anfang an«, schrieb er, „habe ich meine Gesundheit unserem Herrn, seiner heiligen Mutter und dem heiligen Josef anvertraut.« Indem er das Leben der Aussätzigen teilte, lief er Gefahr, selbst angesteckt zu werden. Bereits 1876 sagte er, es werde die Zeit kommen, „in der der Herr mir diese fürchterliche Lepra zum Geschenk machen wird.«

Als Kranker unter Kranken

Ob Pater Damian alle notwendigen Hygienemaß–- nahmen ergriff? Die strengsten Vorschriften hatte er schnell über Bord geworfen. Es war hier unmöglich, nach Krankenhausregeln zu leben. Wie sollte man für diese armen Leute Vater sein, ohne ihnen nahezukommen, ohne sie zu berühren, ohne ihre Einladungen anzunehmen, ohne sich mit der Hand aus der gemeinsamen Schüssel der Familie zu bedienen? Er hatte sich dafür entschieden, mit ihnen zusammenzuleben, um sie zu retten. „Damit setzte er sich der Krankheit dieser Menschen aus«, sagte Benedikt XVI. bei seiner Heiligsprechung. „Er fühlte sich bei ihnen zu Hause. So wurde der Diener des Wortes zu einem leidenden Diener, in seinen letzten vier Lebensjahren ein Aussätziger unter Aussätzigen.«

Der Gedanke an den Tod schreckte Pater Damian nicht: Am letzten Außenposten seines Gastlandes war er ohnehin der seligen Ewigkeit nah. „Der Friedhof und die Hütte der Sterbenden sind meine schönsten Andachtsbücher«, pflegte er zu sagen. 1885 hatte er bereits 1800 Aussätzige beerdigt, durchschnittlich 3 pro Woche. Er hatte sie wie ein Vater gepflegt, ihnen die Beichte abgenommen und ihnen in ihrem Todeskampf beigestanden. Da entdeckte er die ersten Symptome der Lepra an sich. Im Oktober informierte er seinen Provinzial: „Es steht für mich außer Zweifel, dass ich die Lepra habe: Gesegnet sei der liebe Gott!« An seinen Bischof schrieb er: „Ich habe mich der Gefahr, selbst zu erkranken, gestellt, indem ich hier meine Aufgabe verrichtete und dabei versuchte, für mich selbst immer mehr zu sterben. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto zufriedener und glücklicher bin ich.« Zur rapiden Verschlechterung seines Zustandes traten die Angst vor der Einsamkeit, das Unverständnis seiner Vorgesetzten und Verleumdungen hinzu. Doch Pater Damian ließ sich nicht unterkriegen: Er war „immer fröhlich und lächelte«, berichtete ein Zeuge. 1887 schrieb er an seinen Bruder: „Die Freude und die Zufriedenheit des Herzens, die mir die heiligsten Herzens Jesu und Mariens bescheren, machen mich in meinen Augen zum glücklichsten Missionar der Welt.« Zur großen Freude Pater Damians gesellte sich 1888 ein zweiter belgischer Missionar, Pater Conrady, zu ihm. Im selben Jahr zogen auch drei Franziskanerinnen in die Leprakolonie. Pater Damian hatte 15 Jahre lang darum gekämpft. Gott gewährte ihm an seinem Lebensabend den Trost, dass er das von ihm begonnene Werk fortgeführt sah. Bald verschlimmerte sich seine Krankheit und befiel auch innere Organe. Am 9. März 1889 trat der Pater zum letzten Mal an den Altar. Ende März konnte er sein Zimmer nicht mehr verlassen und erklärte: „Das ist das Ende, der Herr ruft mich, ich soll mit Ihm Ostern feiern.« Am Ostermontag, dem 15. April 1889, verschied er im Alter von 49 Jahren, von denen er 16 im Dienste der Leprakranken verbracht hatte, versehen mit den Sakramenten der Kirche und mit einem Lächeln auf den Lippen, wie ein Kind in den Armen seiner Mutter einschlummert.

Bei der Heiligsprechung Pater Damians sagte Papst Benedikt XVI.: „In der Nachfolge des hl. Paulus ruft uns der hl. Damian auf, den heiligen Kampf zu wählen (vgl. 1 Tim 1,18), nicht den, der zur Spaltung führt, sondern den, der zusammenführt. Er lädt uns ein, unsere Augen für alle Arten von Lepra zu öffnen, die das menschliche Antlitz unserer Brüder entstellen und die auch heute nicht nur an unsere Großzügigkeit, sondern vielmehr an unseren liebenden, dienenden Beistand appellieren.«

Dom Antoine Marie osb

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