Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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26. Mai 2010
Hl. Philipp Neri


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Binta, eine junge afrikanische Muslimin aus Guinea, verschluckte  eines Tages im Jahre 1994 eine ätzende Natronlauge. Sie wurde  nach Barcelona gebracht, wo sie durch eine Operation gerettet werden konnte; anschließend kam sie in ein Heim der „Blauen Schwestern«. Doch schon bald stellten die Ärzte ein riesiges Magen-geschwür, eine Bauchfellentzündung sowie eine Magen-blutung bei ihr fest. Trotz einer erneuten langwierigen Operation wurde ihr keine Überlebenschance eingeräumt: Man bereitete sogar schon einen Totenschein für sie vor. Da begannen die Blauen Schwestern eine Novene zu ihrer Gründerin, Émilie de Villeneuve, zu beten und legten der Kranken ein Porträt sowie eine Reliquie Émilies in die Hand. Binta schlug die Augen auf und war plötzlich auf medizinisch unerklärliche Weise wieder gesund. Nach 23 Tagen Bewusstlosigkeit stand sie alleine auf und kehrte geheilt in das Haus der Schwestern zurück. Auf Grund dieses Wunders wurde Émilie de Villeneuve am 5. Juli 2009 in Castres (Südfrankreich) seliggesprochen.

Émilie de Villeneuve kam am 9. März 1811 in Toulouse in einer Adelsfamilie des Languedoc zur Welt. Sie hatte zwei ältere Schwestern, Léontine und Octavie. Die Familie pflegte die Sommer auf Schloss Hauterive in der Nähe von Castres (Departement Tarn) zu verbringen und siedelte 1815, nach der Geburt eines Sohnes namens Ludovic, endgültig dorthin über. Frau de Villeneuve kümmerte sich trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit selbst um die Erziehung ihrer Kinder. Ihr Mann war mit der Verwaltung seiner Ländereien sowie mit der Überwachung von Feldarbeiten und Ernten völlig ausgelastet. Im Schloss herrschte strenge Disziplin: ungeheizte Schlafzimmer; Schweigen bei Tisch; im Salon waren die Kinder in eine hintere Ecke verbannt und mussten leise sein. Dafür konnten sie sich im Park nach Herzenslust austoben. Nachdem die Mutter die christlichen Grundlagen für Anstand und gutes Benehmen gelegt hatte, stützte sie ihre ebenso feste wie flexible Autorität weitgehend auf Vertrauen.

Der Altersunterschied zwischen Émilie und ihren Schwestern hatte eine gewisse Distanz zur Folge: Émilie fühlte sich oft ausgeschlossen und machte als Kind einen erschreckend unbeteiligten Eindruck. „Ein Herz, das nichts zu fühlen schien, ein kalter Verstand, der nicht einmal die niedliche Angewohnheit kindlicher Frage-und-Antwort-Spiele kannte«, sagte ihre Freundin Coralie später. Zudem schätzte Émilie – in ihrem Alter sehr ungewöhnlich - Genauigkeit und Pünktlichkeit über alles. Bald sollte sie im Auftrag ihrer Mutter ihren kleinen Bruder unterrichten. Émilie setzte sich mühelos gegen das unruhige Kind durch und fand selbst zunehmend Gefallen am Lernen.

Sensibel, aber verschlossen

1825 starb Frau de Villeneuve nach langem, schwerem Leiden. Émilie, die gewohnt war, ihre – sehr wohl vorhandenen – Gefühle zu verbergen, blieb äußerlich unbewegt. Hinter ihrer Verschlossenheit steckte ein inneres Drama: Sie hatte das Gefühl, zu wenig Mutterliebe abbekommen zu haben, da diese eher auf die beiden älteren Schwestern konzentriert war. Auch bei ihrer Erstkommunion im Januar 1826 ließ Émilie nichts von ihrer Inbrunst nach außen dringen. Bald danach wurde Herr de Villeneuve zum Bürgermeister von Castres ernannt und vertraute die Kinder seiner eigenen, in Toulouse lebenden Mutter an. Diese war alt und blind und ließ den Kindern völlig freie Hand. In ihrem Salon traf sich die ganze Stadt. Léontine und Octavie waren begeistert: Sie waren beliebt und mochten das gesellschaftliche Leben. Émilie hingegen wirkte trotz ihrer herrlichen blonden Haare nicht ansprechend. „Ihre lange, magere Figur war ohne jede Anmut«, sagte Coralie. „Ihre extreme Kurzsichtigkeit ließ sie ungeschickt, manchmal sogar unhöflich erscheinen, und führte dazu, dass sie ständig blinzelte.«

1828 starb Octavie im Alter von 20 Jahren. Die Familie weinte sich die Augen aus, nur Émilie nicht; sie galt deshalb in der ganzen Verwandtschaft als „Holzklotz«. Gleichwohl hatte dieses Ereignis eine erstaunliche Wirkung auf sie: „Für Émilie begann ein neues Leben«, schrieb Coralie. „All ihre Handlungen waren fortan von Nächstenliebe, von zärtlicher, inniger Zuneigung beseelt. Sie hatte Freude am Beten und am Empfang der Sakramente; und wenn die Großmutter von netten, frommen Freunden besucht wurde, gesellte sie sich zu ihnen und hörte ihnen begierig zu, vor allem, wenn sie von Gott und vom Himmel sprachen.« Ihr verschlossenes Herz öffnete sich für Gott und durch Ihn auch für die Menschen.

Ende November 1829 heiratete Léontine. Émilie wurde Hausherrin auf dem seit Jahren vernachlässigten Schloss Hauterive. Ihr Vater trat 1830 von seinem Bürgermeisteramt zurück und wandte sich wieder der Landwirtschaft zu. Als geschickte Haushälterin hatte Émilie zur großen Zufriedenheit ihres Vaters bald alles in Ordnung gebracht. Ihr Ernst missfiel ihrem Bruder Ludovic: „In deinem Alter und in deiner Lage ist es absurd, so zurückgezogen zu leben. Deine Freundinnen sind ebenso lächerlich wie du, ihr seid verrückt. Ohne die Predigten und die Feste in der Kirche hättet ihr gar keine Freude.« Émilie ging jeden Morgen zur Messe. Das Taschengeld, das sie von ihrem Vater bekam, teilte sie mit den Armen; sie besuchte junge Mädchen, unterrichtete sie und pflegte sie, wenn sie krank wurden. Geistlich wurde sie von Pater Leblanc, einem in Toulouse lebenden Jesuiten, betreut.

Unwiderstehlich hingezogen

Als Émilie 23 Jahre alt wurde, gestand sie Coralie:  „Ich werde nie heiraten ... Sorgen macht mir nur, dass ich mich unwiderstehlich zu einer Berufung hingezogen fühle und dass Pater Leblanc sich noch nicht dazu äußern will. Ich möchte mich in der Gesellschaft der Töchter des hl. Vinzenz von Paul den Armen weihen.« Sie freute sich sehr, als Pater Leblanc schließlich ihrem Plan zustimmte. Ihr Vater und die Familie baten sie allerdings, noch vier Jahre damit zu warten. Sie setzte also ihre gewohnten Aktivitäten fort und war eine solche Stütze für den Gemeindepfarrer, dass sie bei ihren Freundinnen nur noch „Herr Vikar« hieß. Eines Tages erhielt sie einen Brief von einem Herrn de Barre, einem eifrigen Christen, der einen Großteil seiner Zeit der Aufgabe widmete, das Elend der Armen zu lindern: Er habe während der Messe die Eingebung gehabt, dass Émilie in Castres ein von Nonnen geleitetes Haus zur Erziehung von Kindern gründen sollte, die nicht von ihren Eltern betreut werden konnten. Nach einigen Monaten Bedenkzeit und Gebet kam Pater Leblanc zu dem Schluss, dass das Werk von Gott gewollt war. Beruhigt, weil seine Tochter sich nicht allzu weit von ihm entfernte, gab auch Herr de Villeneuve seine Zustimmung; der Erzbischof von Albi war ebenfalls einverstanden.

Mit finanzieller Unterstützung ihres Vater kaufte Émilie ein Haus in Castres und gründete eine Gesellschaft, die sie „Kongregation von der unbefleckten Empfängnis« nannte; die Tracht der Schwestern war blau. Mit zwei Freundinnen begab sie sich in das Kloster der Heimsuchung Mariä in Toulouse, um dort einen Monat Noviziat zu absolvieren. Am 8. Dezember 1836 fand in Castres in Gegenwart des Erzbischofs die Einkleidung, die zeitliche Ordensprofess und der Einzug der drei Schwestern in ihr neuen Haus statt. Émilie nahm den Namen „Schwester Marie« an. Die ersten Regeln legten die Aufgaben der neuen Kongregation fest: Erziehung verlassener Kinder, Betreuung von Armen und Häftlingen, Unterricht und Berufsaus-bildung für junge Mädchen. Am 19. März 1837 wurde eine Nähstube für dreißig Lehrmädchen eröffnet, doch die Schneiderinnen der Stadt witterten unlautere Konkurrenz. Die Öffentlichkeit, die den Schwestern bei der Gründung noch sehr gewogen war, wandte sich nun mit böswilligen, verleumderischen Behauptungen gegen Schwester Marie. Auch der Klerus ließ sich davon beeinflussen, doch Pater Leblanc ermunterte die Schwestern, ihren Weg fortzusetzen.

„Ich bin so schwach ...«

Ende 1837 ebbte die Woge der Kritik ab; es wurden  vier Postulantinnen aufgenommen. Anfang des folgenden Jahres vertraute die Stadtverwaltung den Schwestern die Betreuung der Gefängnisse an. Am 1. Mai 1838 zog der Konvent in die Räume des früheren bischöflichen Schule um. Schwester Marie kümmerte sich fürsorglich und liebevoll um jede einzelne Schülerin und war wegen des Friedens, den sie ausstrahlte, überaus beliebt. In ihren persönlichen Notizen gibt sie bestimmte Aspekte ihres spirituellen Lebens preis: „O mein Gott, mein Schöpfer und mein Heiland, ich bringe mich Dir voll und ganz und so vollständig, wie ich nur kann, zum Opfer dar ... Ich bitte dich nicht, mir Kreuze und harte Prüfungen aufzuerlegen, weil ich so schwach bin, dass ich nicht weiß, ob ich sie so tragen könnte, wie man das muss, wenn man darum gebeten hat ... Verzicht und Vertrauen, das ist alles für mich.« Ihr Leitspruch lautete „Gott allein!«

Im Laufe des Jahres 1840 taten sich im Konvent große Probleme auf: Schlechte Vorbilder führten zu einem Nachlassen der Disziplin. Mutter Marie überstürzte nichts, sondern betete. Dass die Ausbildung des Nachwuchses nicht nur gute Früchte trug, war auf Organisationsmängel zurückzuführen. So beschloss Mutter Marie, die Novizinnen von den Nonnen mit Profess zu trennen, und nahm die Abfassung einer Konstitution in Angriff, die Ende 1841 vom Erzbischof von Albi anerkannt wurde. Die Generaloberin sollte danach für drei Jahre gewählt werden, doch die Schwestern setzten durch, dass die Stifterin dieses Amt lebenslang behielt. Ihre lenkendes Wirken war von Feingefühl und diskreter Wachsamkeit geprägt. Sie erkannte jede Unsicherheit, jede Unruhe, jedes Leiden der Schwestern auf Anhieb und fand stets das richtige Wort, um sie aufzurichten. Sorgfältig achtete sie darauf, sich in keinem Punkt der gemeinsamen Regel zu entziehen – etwa dem Putzdienst.

Im April 1841 kaufte Mutter Marie ein Grundstück, um ein Mutterhaus für die Kongregation zu bauen. Doch die brennende Flamme der Gottesliebe drängte sie zugleich auch in die Ferne, zur Mission: „Der Wunsch, die Liebe zu Jesus Christus zu wecken und Ihm in seinen Gliedern zu dienen, macht nicht an den Grenzen Frankreichs Halt. Die Kongregation verfolgt ja auch das Ziel, sich dem guten Werk der Mission zu widmen, vor allem der Missionierung der Schwarzen sowie allgemein der am meisten missachteten und vernachlässigten Völker. Wo immer die Stimme der Armen und Waisen nach den Schwestern ruft, sie werden ohne Zögern dorthin eilen.«

Ohne Hoffnung, weil ohne Gott

Am 11. Mai 2008 erinnerte Papst Benedikt XVI.  daran, wie dringend wir Christus brauchen: „Christus ist unsere Zukunft ... Die Menschheit hat ohne Christus keine Hoffnung und ist ohne Gott in der Welt (Eph 2,12) – hoffnungslos, weil sie ohne Gott ist (vgl. Enzyklika Spe salvi, 3). In der Tat gilt, ‚dass, wer Gott nicht kennt, zwar vielerlei Hoffnungen haben kann, aber im letzten ohne Hoffnung, ohne die große, das ganze Leben tragende Hoffnung ist' (ebd., 27) ... Es ist also für alle eine zwingende Pflicht, Christus und seine Heilsbotschaft zu verkünden. Weh mir, schrieb der hl. Paulus, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! (1 Kor 9,16)« (Botschaft zum Weltmissionstag). Ein Jahr später fügte der Papst hinzu: „Ziel der Mission der Kirche ist es in der Tat, alle Völker auf ihrem Weg zu Gott durch die Geschichte mit dem Licht des Evangeliums zu erleuchten, damit sie in Ihm ihre Verwirklichung und ihre Erfüllung finden. Wir sollen das Verlangen und die Leidenschaft spüren, alle Völker mit dem Licht Christi zu erleuchten, das auf dem Antlitz der Kirche erstrahlt ... Die Kirche handelt nicht, um ihre Macht auszudehnen oder ihre Vorherrschaft durchzusetzen, sondern um allen Menschen Christus, das Heil der Welt, zu bringen ... Es steht das ewige Heil der Menschen auf dem Spiel, das Ziel und die Erfüllung der Menschheitsgeschichte und des Universums selbst« (29. Juni 2009).

1842 nahm Marie de Villeneuve Briefkontakt zu Pater Libermann auf, dem Gründer der Missionare vom heiligsten Herzen Mariens, und es wurde ein Kooperationsprojekt zwischen den Schwestern aus Castres und den Missionsvätern vereinbart. Anfang Juni 1843 reiste Mutter Marie nach Paris und versuchte – vergeblich – von der Regierung eine zivilrechtliche Anerkennung zu erhalten, um kommunale Schulen eröffnen zu können. Es kam dabei zu einer persönlichen Begegnung mit Pater Libermann. „Gespräche mit ihm sind mir lieber als Briefe«, berichtete sie. „Unsere Ansichten stimmen in wirklich außergewöhnlicher Weise überein. Er ist ein vom wahren Geist Gottes beseelter, überaus umsichtiger Mann, und ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir so viel Vertrauen eingeflößt hat.« Nach Castres zurückgekehrt, stellte die Gründerin fest, dass die für den Bau erforderlichen Ausgaben ihre Mittel überstiegen. Um den notwendigen Betrag zu erhalten, schlugen die Schwestern eine 40-tägige Buße vor. Mutter Marie war einverstanden und rief zunächst zu einer inneren Umkehr auf. Am 30. April 1844 konnte der Konvent schließlich in das fertiggestellte Kloster einziehen.

Im Juli 1846 gründete Mutter Marie ein Asyl für Frauen, die aus Not der Prostitution verfallen waren. „Die Schwestern, die sich gehorsam diesem wichtigen Werk widmen werden, müssen von heiligem Eifer und wahrem Glaubensgeist beseelt sein«, schrieb sie. „Sie sollen weniger den schändlichen Zustand dieser armen Geschöpfe sehen, in den sie durch die Sünde geraten sind, als vielmehr das göttliche Blut, mit dem sie losgekauft wurden, und unseren Herrn, dessen Glieder sie sind und den sie lieben und bis in alle Ewigkeit verherrlichen sollen - vielleicht noch mehr als die Schwestern selbst ... Es ist wichtig, dass die Schwestern selbst keine Fehler zeigen, die sie den Pönitentinnen vorzuwerfen hätten, keine Ungeduld, keine Abscheu vor dem Zusammensein mit ihnen, keine persönliche Verachtung. Sie sollen sie vielmehr stets mit heiliger Milde und Zuneigung behandeln.«

Mutter Marie hatte indes die Mission nicht vergessen. Die ersten vier Nonnen brachen am 22. November 1847 nach Afrika auf; 1849 und 1850 folgten weitere nach. Pater Libermann gab den Schwestern weise Ratschläge mit: „Man versucht gedankenlos, die Einheimischen dazu zu bringen, europäischen Ton und europäische Sitten anzunehmen ... Man muss genau andersherum den Einheimischen ihre natürlichen Sitten und Gewohnheiten belassen und sie dann bessern, indem man sie durch die Grundlagen des Glaubens und der christlichen Tugenden motiviert und das Fehlerhafte korrigiert.« Vor allen Dingen ermahnte Pater Libermann die Schwestern, in jeder Prüfung Geduld zu bewahren.

Die Quelle

Das Herz Jesu, in das Mutter Marie ihr ganzes  Vertrauen setzte, ist die Quelle, aus der „man Aufmerksamkeit, Zuneigung, Mitleid, Annahme, Bereitschaft und Interesse an den Problemen der Menschen schöpfen (kann), und auch jene anderen Tugenden, die notwendig sind, damit die Boten des Evangeliums alles lassen und sich ganz und bedingungslos der Verbreitung des Duftes der Liebe Christi widmen können« (Benedikt XVI, 11. Mai 2008).

Im November 1847 reiste Mutter de Villeneuve nach Amiens, um dort endlich ein Lieblingsprojekt Pater Libermanns zu verwirklichen: die Einrichtung eines Noviziats für die Mission in dem Dorf Saint-Pierre, wo eine junge Frau und eine ehemalige Nonne einen Dritten Orden gründen wollten. Das Noviziat sollte mit dem künftigen Dritten Orden zusammengelegt werden. Doch die praktischen Hürden waren so groß, dass Mutter Marie im Mai 1851 gezwungen war, den Plan aufzugeben. Durch vielfältige Probleme sowohl in der Mission als auch in Castres belastet, machte die Oberin eine überaus anstrengende Phase durch und litt sowohl unter Schlaflosigkeit als auch unter Appetitlosigkeit. Wenn sie allein war oder sich allein glaubte, ließ sie ihren Tränen erschöpft freien Lauf. Glücklicherweise hörte dieser Zustand bald auf, und Mutter Marie fand ihre gewohnte Gelassenheit, ihre Ruhe und ihren Mut wieder. Sie beschloss, zunächst ein Pensionat in Paris zu gründen und auf das Projekt in Saint-Pierre zu verzichten, und kehrte Ende Juni 1853 nach Castres zurück.

In ihrem schlichten spirituellen Leben wollte Mutter de Villeneuve vor allem den Willen Gottes erfüllen. „Wenn man zum Wohl einer Seele, für eine wichtige Sache spricht, handelt oder schreibt«, sagte sie zu ihren Töchtern, „darf man nicht so das Wohl dieser Seele, den Erfolg in dieser Sache vor Augen haben als vielmehr den Willen Gottes; unser Streben soll sich nur nach dem Willen Gottes richten, der sich oft von unserem eigenen Willen unterscheidet.« Mutter Marie maß dem Gebet große Bedeutung bei: Man müsse sich angewöhnen, „bei allen Beschäftigungen mit Jesus zu sprechen, beim Kommen und Gehen im Haus im Herzen zu beten.« Sie selbst schätzte Augenblicke des Alleinseins mit Gott. Ihr eigenes spirituelles Leben spielte sich oft auf der Ebene des reinen Glaubens ab, und sie sprach aus Erfahrung, als sie an eine ihrer Töchter schrieb: „Sorgen Sie sich nicht um Ihren inneren Zustand, der, wie Sie mir sagen, etwas trübe ist. Gott ist überall, selbst in der Trübsal und vielleicht sogar darüber hinaus.« Einer anderen Schwester riet sie: „Sie müssen sich immer ein bisschen vor der Illusion in Acht nehmen und sich lieber vom nackten, kargen Glauben leiten lassen ... Misstrauen Sie Ihrem hohen Streben nach Vollkommenheit; begnügen Sie sich damit, den Willen Gottes ausführen zu wollen. Für Sie und die Anderen fürchte ich den Weg der Tröstungen und ziehe ihm den Glauben, die Trübsal, sogar die Kreuze vor.«

Eine einzigartige Demut

Zwei Monate nach ihrer Rückkehr nach Castres ver- setzte Mutter de Villeneuve ihre Töchter in große Aufregung, indem sie als Generaloberin zurücktrat. Sie nannte folgende Gründe dafür: ihren brennenden Wunsch, auch im Kleinen Gehorsam zu üben; den Vorteil für die Kongregation, die früher oder später sowieso ohne sie auskommen musste; die Befürchtung, dass die Schwestern ihr mehr aus Vertrauen und Zuneigung folgten denn aus Glauben und aus reiner Gottesliebe. Vor allen Dingen betrachtete sich Mutter Marie nicht als unersetzlich. Das Generalkapitel vom September 1853 nahm ihren Rücktritt an. Da sie jedoch bereit war, die neue Oberin zu unterstützen, wurde sie zur Generalassistentin sowie zur Novizenmeisterin gewählt; sie versah beide Ämter diskret und effektiv und gab durch ihre Demut und ihre Selbstlosigkeit ein fruchtbares Vorbild für die ganze Kongregation.

Um die Mitte des Jahres 1854 breitete sich die Cholera in Südfrankreich aus und erreichte bald auch Castres. Gleichzeitig brach ein ansteckendes Schweißfieber aus. Mutter de Villeneuve rief zu einem wahren Gebetskreuzzug auf und warb für Vertrauen. Die Cholera drang nicht bis in das Kloster der Schwestern vor, doch die Gründerin steckte sich mit dem Schweißfieber an und musste ab dem 7. September das Bett hüten. Anfang Oktober verschlechterte sich ihr Zustand, und sie empfing die Letzte Ölung. Bald danach gab sie, vom Gesang der Schwestern begleitet, ihre Seele an Gott zurück.

Die Kongregation der Blauen Schwestern von Castres zählt heute über 600 Mitglieder in 123 Konventen. Sie ist in Europa, Afrika, Südamerika und Asien vertreten.

In einer Predigt für neugeweihte Bischöfe sagte Kardinal Hummes, der Präfekt der Kongregation für den Klerus: „Die Kirche weiß um die Dringlichkeit, mit der die ganze Welt der Mission bedarf, nicht allein der Mission „ad gentes« (bei den Heiden), sondern auch der Mission in jenen Ländern, die sich in der christlichen Welt befinden ... Alle unsere Heimatländer sind zu Missionsländern im eigentlichen Sinne geworden ... Es ist dringend notwendig, dass wir uns aufmachen und uns vor allem auf die Suche nach den zahllosen Getauften begeben, die sich von der Teilnahme am Leben unserer Gemeinden entfernt haben, sowie dann auch auf die Suche nach all denjenigen, die wenig oder nichts von Jesus Christus wissen.« Am 6. Januar 2008 erinnerte Papst Benedikt XVI. ebenso daran, dass „jeder Christ aufgerufen ist, die Schritte seiner Brüder und Schwestern durch das Wort und durch das Zeugnis seines Lebens zu erleuchten ... Mit dem Licht, das er in sich trägt, kann und muss er seinem Nächsten helfen, der vielleicht Mühe hat, den Weg zu Christus zu finden.«

Möge die selige Émilie de Villeneuve die Gnade für uns erwirken, dass wir zu wahren Glaubensboten werden, die das Reich Gottes voller Begeisterung überall verbreiten.

Dom Antoine Marie osb

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