Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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3. Dezember 2009
Hl. Franz Xavier


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Auf seiner Angolareise griff Papst Benedikt XVI. einen gegen die  Missionare des Evangeliums oft vorgebrachten Einwand auf: „Warum  lassen wir sie nicht in Frieden? Sie haben ihre Wahrheit, wir haben unsere. Lasst uns in Frieden miteinander leben, und lassen wir einen jeden so sein wie er ist, damit er die eigene Identität so gut wie möglich verwirklichen kann.« Der Papst erwiderte darauf: „Aber wenn wir überzeugt sind und die Erfahrung gemacht haben, dass das Leben ohne Christus unvollständig ist, dass eine Wirklichkeit – und zwar die grundlegende Wirklichkeit – fehlt, dann müssen wir auch davon überzeugt sein, dass wir niemandem Unrecht tun, wenn wir ihm Christus bringen und ihm die Möglichkeit anbieten, auf diese Weise auch seine wahre Identität zu finden, die Freude, das Leben gefunden zu haben. Ja, wir müssen es sogar tun; es ist unsere Pflicht, allen diese Möglichkeit anzubieten, das ewige Leben zu erlangen« (Predigt in der Kirche São Paolo in Luanda, 21. März 2009). Unter den Predigern, die die Aufgabe der Heilsverkündigung an alle ernst genommen haben, ragt der heilige Leonhard von Porto Maurizio besonders hervor.

Am 20. Dezember 1676 kam in Porto Maurizio an der ligurischen Küste in Norditalien ein kleiner Junge auf die Welt, der auf den Namen Paolo-Girolamo getauft und somit dem Schutz des hl. Paulus und des hl. Hieronymus anvertraut wurde. Wie er später selbst berichtete, hatte er sehr gute Eltern. Seine Jugend war vorbildlich: Er konnte seine Freunde mühelos für das Beten und für karitative Werke begeistern. Zu seinen Lieblingsautoren zählte der hl. Franz von Sales, dessen Anleitung zum frommen Leben er stets bei sich trug. Moralischen und geistlichen Beistand fand er in den von Jesuiten und Oratorianern betreuten Jugendkonventen, die seine Begeisterung für ein tugendhaftes Leben sowie seine Bußfertigkeit anfachten.

Worte, die zu Herzen gehen

Paolo-Girolamo fühlte sich zum Ordensstand berufen.  Sein Beichtvater riet ihm, seine Gebete und Bußübungen zu intensivieren, so werde er mit Hilfe der Gnade den Willen Gottes erkennen. Als Paolo-Girolamo eines Tages zwei arm gekleideten, bescheiden auftretenden Mönchen aus dem Reformzweig des Franziska–nerordens begegnete, verspürte er sogleich den Wunsch, sich ihnen anzuschließen. Er betrat die Klosterkirche in dem Augenblick, in dem die Brüder gerade die Komplet anstimmten: „Herr, unser Gott, bekehre uns!« Die Worte gingen ihm so zu Herzen, dass er beschloss, um Aufnahme in den Konvent zu bitten. Er wurde Novize und empfing am 2. Oktober 1697 die Ordenstracht sowie den Namen „Bruder Leonhard«. Ein Jahr später legte er seine Gelübde ab. Der junge Mönch diente allen zur Erbauung, vor allem, weil er selbst die unbedeutendsten Regeln getreu befolgte. Er pflegte zu sagen: „Wenn wir, solange wir jung sind, die kleinen Dingen geringachten und bewusst gegen sie verstoßen, dann werden wir uns, wenn wir älter sind und über mehr Freiheit verfügen, auch Verstöße gegen die wichtigsten Punkte erlauben.«

Nach seiner Priesterweihe wurde Leonhard zum Philosophielehrer ernannt. Bald darauf erkrankte er schwer und wurde von seinen Vorgesetzten zur Luftveränderung nach Porto Maurizio in seine Heimat zurückgeschickt. Als sich keine Besserung zeigte, betete der Pater zur Jungfrau Maria, sie möge von ihrem göttlichen Sohn eine robuste Gesundheit für ihn erbitten; er werde sie dazu nutzen, Seelen für den Himmel zu gewinnen. Seine Bitte wurde erhört; die Krankheit verschwand.

1708 hielt Pater Leonhard in der Nähe von Porto Maurizio seine erste „Volksmission«. Darunter versteht man eine Predigtreihe, die über mehrere Tage bzw. Wochen hinweg von einem auswärtigen Geistlichen in einer Pfarrgemeinde gehalten wird. Solche Missionen waren damals überaus beliebt und fruchtbar. Traditionell wurde dabei die Notwendigkeit thematisiert, sich zum Herrn zu bekehren, um ein wahrhaft christliches Leben zu führen und seine Seele zu retten.

Heutzutage spricht man nicht mehr so gern vom Seelenheil. Unser kulturelles Umfeld und die herrschenden Ideologien machen die Menschen zunehmend an der irdischen Wirklichkeit fest: Viele leben nur für diese Welt und denken nicht daran, was nach dem Tode kommt. Für andere gibt es sehr wohl „eine Ewigkeit« nach dem Tode, doch das Heil spielt dabei keine Rolle: Man geht davon aus, dass alle ohne Unterschied ins Paradies kommen. In beiden Fällen ist das Ergebnis gleich: Um sein Seelenheil braucht man sich nicht zu sorgen.

Das wahre Glück

Doch „Gott hat uns ins Dasein gerufen, damit wir ihn  erkennen, ihm dienen, ihn lieben und so ins Paradies gelangen... Die verheißene Seligkeit stellt uns vor wichtige sittliche Entscheidungen. Sie lädt uns ein, unser Herz von bösen Trieben zu läutern und danach zu streben, Gott über alles zu lieben. Sie lehrt uns: Das wahre Glück liegt ... in keinem Geschöpf, sondern einzig in Gott, dem Quell alles Guten und aller Liebe... Der Dekalog, die Bergpredigt und die Lehre der Apostel weisen uns den Weg, der zum Reich des Himmels führt« (Katechismus der Katholischen Kirche, 1721-1724). Unser Herr Jesus ist zu den Menschen gekommen, um ihnen die unendliche Liebe des Vaters zu offenbaren, der will, dass alle gerettet werden und an seinem göttlichen Leben im Himmel teilhaben; doch Jesus betont zugleich, dass die Menschen an ihren Werken gemessen werden und dass denjenigen, die nicht in Frieden mit Gott sterben, kein ewiges Leben zuteil wird. „Jesus spricht öfters von der Gehenna des unauslöschlichen Feuers [Vgl. Mt 5,22. 29; 13, 42. 50; Mk 9,43-48], die für jene bestimmt ist, die bis zum Ende ihres Lebens sich weigern, zu glauben und sich zu bekehren, und wohin zugleich Seele und Leib ins Verderben geraten können [Vgl. Mt 10,28]. Jesus kündigt in ernsten Worten an, dass er seine Engel aussenden wird, die alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und ... in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt« (Mt 13,41-42), und dass er das Verdammungsurteil sprechen wird: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer! (Mt 25,41). Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden, das ewige Feuer. Die schlimmste Pein der Hölle besteht in der ewigen Trennung von Gott, in dem allein der Mensch das Leben und das Glück finden kann, für die er erschaffen worden ist und nach denen er sich sehnt« (Katechismus 1034-1035).

Die Betrachtung der letzten Dinge stand im Mittelpunkt von Pater Leonhards Lehre. Er schrieb: „Bedenkt, wie wichtig es für euch ist, euer letztes Ziel zu erreichen. Es geht dabei um alles: Erreicht ihr es, so seid ihr gerettet, ewig glückselig und im Besitz aller Wohltaten für Leib und Seele. Verfehlt ihr es aber, so seid ihr verloren mit Leib und Seele, ihr verliert Gott und das Paradies, ihr seid auf ewig unglücklich, für immer verdammt. Solltet ihr einen Teil eures Vermögens verlieren, bleibt euch immer noch etwas; solltet ihr einen Prozess verlieren, könnt ihr Berufung einlegen; solltet ihr einen zeitlichen Irrtum begehen, er lässt sich korrigieren. Und selbst wenn ihr alles verliert, was soll's? Ob ihr es wollt oder nicht, einmal wird ohnehin der Tag kommen, an dem ihr alles zurücklassen müsst. Wenn ihr aber euer letztes Ziel verfehlt, dann verliert ihr alles Gute und zieht euch für alle Ewigkeit irreparables Leid zu. Denn was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seinem Leben aber Schaden leidet? (Mt 16,26). Unser ewiges Heil! Das ist unsere große, unsere einzige Aufgabe. Wenn es um weltliche Dinge geht und ihr vergesst etwas, mag vielleicht ein anderer für euch daran denken; wenn ihr aber die große Aufgabe eures ewigen Heils vergesst, wer wird für euch daran denken? Wenn ihr euch nicht sorgfältig darum bemüht, wer wird sich für euch bemühen? Wenn ihr euch nicht selbst zu eurer Rettung verhelft, wer soll euch retten? Gott, der euch ohne euer Zutun erschaffen hat, will euch nicht ohne euer Zutun retten. Wenn ihr euch aber retten wollt, so müsst ihr daran denken« (Betrachtung über die Bestimmung des Menschen).

Das Hindernis, das beseitigt werden muss

Bevor man ein Werk beginnt, müssen die Hindernisse  beseitigt werden, die seiner Verwirklichung im Wege stehen. Dem ewigen Heil steht die Todsünde im Wege: der bewusste Verstoß gegen Gottes Gesetz in einem schwerwiegenden Punkt. „Die Todsünde ist wie auch die Liebe eine radikale Möglichkeit, die der Mensch in Freiheit wählen kann. Sie zieht den Verlust der göttlichen Tugend der Liebe und der heiligmachenden Gnade, das heißt des Standes der Gnade, nach sich. Wenn sie nicht durch Reue und göttliche Vergebung wieder gutgemacht wird, verursacht sie den Ausschluss aus dem Reiche Christi und den ewigen Tod in der Hölle, da es in der Macht unseres Willens steht, endgültige und unwiderrufliche Entscheidungen zu treffen« (Katechismus 1861).

Pater Leonhard formulierte das so: „Ah! Wie recht hatte doch der heilige Augustinus, als er gegen die seltsame Verblendung, das Gute für böse und das Böse für gut zu erklären, mit einem Wort Jesajas (5,20) protestierte: Wehe jenen, die das Böse als gut, das Gute als böse bezeichnen! Er wusste gar nicht, wie er jene Verblendung nennen sollte, die darin besteht, dass in der Welt kein Übel weniger geächtet wird als die Sünde, obwohl sie doch das abscheulichste Übel der ganzen Welt ist ... Genau das ist der Grund für so viele Sündenfälle und dafür, dass so viele Menschen Fehltritte begehen und sich in einen Abgrund von Unrecht stürzen: Man denkt nicht nach, nein, man überlegt nicht, was man anrichtet, wenn man eine Todsünde begeht« (Predigt über Tücke der Todsünde).

Manche glauben, eine Todsünde werde nur in Ausnahmefällen oder aus willentlicher Missachtung Gottes begangen. Doch Johannes-Paul II. warnt in seiner Enzyklika Veritatis splendor (6. August 1993): „Die einmal empfangene Gnade der Rechtfertigung kann nicht nur durch die Untreue, die den Menschen um seinen Glauben bringt, sondern auch durch jede andere Todsünde verloren gehen ... Jene Sünde ist eine Todsünde, die eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und die dazu mit vollem Bewusstsein und bedachter Zustimmung begangen wird.... Es handelt sich nämlich auch um eine Todsünde, wenn sich der Mensch bewusst und frei aus irgendeinem Grunde für etwas entscheidet, was in schwerwiegender Weise sittlich ungeordnet ist. Tatsächlich ist ja in einer solchen Entscheidung bereits eine Missachtung des göttlichen Gebotes enthalten« (Nr. 68; 70). Der Katechismus (1858) erklärt hierzu: „Was eine schwerwiegende Materie ist, wird durch die zehn Gebote erläutert, entsprechend der Antwort Jesu an den reichen Jüngling: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen ... ehre deinen Vater und deine Mutter (Mk 10,19).« Zu den häufigsten schwerwiegenden Sünden zählen die Sünden gegen das sechste und das neunte Gebot: „Sünden, die entsprechend der jeweiligen Natur des Gegenstandes schwer gegen die Keuschheit verstoßen, sind: Ehebruch, Selbstbe-friedigung, Unzucht, Pornographie, Prosti-tution, Vergewaltigung, homosexuelle Handlungen. Diese Sünden sind Ausdruck des Lasters der Unkeuschheit« (Kompendium des Katechismus, 492), das, ohne selbst zum Schwerwiegendsten zu zählen, eine völlige Verblendung des Geistes bewirkt.

So mahnte Pater Leonhard zu Recht: „Sünder, woran denkst du? Bist du härter als Stein? Hast du jemals die besondere Gnade bedacht, die Gott dir erweist, indem er dir Zeit zur Buße gibt? Was tust du, um dich in Sicherheit zu bringen? Wären ein paar Kasteiungen schon zu viel?... Wäre die Vorbereitung einer guten Generalbeichte zu viel, um dem gewohnten lasterhaften Leben ein Ende zu setzen?« (Einladung zur Buße).

Das Gegenrezept

Doch Pater Leonhard begnügte sich nicht damit, das  Übel zu geißeln, er nannte auch das Gegenrezept: Man soll sich vom Herrn gewinnen lassen, der seine Barmherzigkeit allen anbietet. „Bedenkt, dass die Gerechtigkeit Gottes für die verstockten Sünder ebenso unendlich ist wie seine Barmherzigkeit für die reuigen Sünder. Gott hasst die Sünde unendlich; aber ebenso unendlich liebt Er seine Geschöpfe: Sobald man seine Sünde bereut, findet man die Liebe Gottes wieder; würden sich alle Sünder zerknirschten und demütigen Herzens Gott zuwenden, wären alle gerettet. Seine unendliche Güte will, dass alle Menschen ins Paradies gelangen ... Keine Mutter kann ihrem ins Feuer gefallen Kind so schnell zu Hilfe eilen, wie Gott sich beeilt, den reuigen Sünder in die Arme zu schließen. Je größer eure Sünden sind, umso größer ist auch der Triumph der Güte, der Liebe und der Nachsicht unseres unendlich barmherzigen Gottes« (Betrachtung über die Barm–herzigkeit Gottes).

Jesus fordert die Sünder „zur Bekehrung auf, ohne die man nicht in das Reich eintreten kann. Er zeigt ihnen aber in Wort und Tat das grenzenlose Erbarmen des Vaters [Vgl. Lk 15, 11-32] und die gewaltige Freude, die im Himmel ... herrschen [wird] über einen einzigen Sünder, der umkehrt (Lk 15,7). Der größte Beweis seiner Liebe ist die Hingabe seines Lebens zur Vergebung der Sünden (Mt 26,28)« (Katechismus 545).

Pater Leonhard war ein Meister der Seelenführung und hatte oft die Erfahrung gemacht, dass bestimmte religiöse Übungen einem helfen konnten, sich zu bekehren bzw. im wiedergefundenen Stand der Gnade zu verbleiben. Dazu zählt erstens die Übung der drei Ave Maria. Sie geht auf die heilige Mechtildis († 1258), eine deutsche Benediktinerin, zurück, die Unsere Liebe Frau einmal bat, ein Gebet zu nennen, das ihr gefalle. Da erschien ihr die Gottesmutter mit dem Ave Maria in goldenen Lettern auf der Brust und sprach: „Nichts wird höher gelangen als dieser Gruß, und man kann mich nicht liebevoller grüßen als mit dem respektvollen Sprechen dieser Worte.« Ein andermal fragte die Heilige die himmlische Königin, wie man die Gnade der letzten Standhaftigkeit und eines guten Todes sicher erlangen könne. Wieder erschien ihr die Gottesmutter und sprach: „Wenn du diese große Gnade erlangen willst, musst du jeden Tag drei Ave Maria zu Ehren meiner Privilegien sprechen, und ich werde sie dir gewähren.« Der heilige Leonhard warb nachdrücklich für diese Andacht: „Jeden Morgen beim Aufwachen und jeden Abend vor dem Schlafengehen soll der Verehrer Mariens drei Ave Maria zu Ehren ihrer unbefleckten Reinheit beten, ihr seine Sinne und alle Gaben seiner Seele darbringen, damit sie sie als einen ihr geweihten Besitz behüte, und sie um die Gnade bitten, an diesem Tag (bzw. in dieser Nacht) nicht der Sünde zu verfallen.«

Die Posaune des Jüngsten Gerichts

Daneben empfahl der Heilige das Stoßgebet „Mein  Jesus, Erbarmen!« und zitierte dazu die Worte eines Missionars: „Wenn ich an einen Ort zurückkehre, den ich bereits missioniert habe, passiert mir oft, dass Leute zu mir kommen und ihre Beichte folgendermaßen beginnen: ‚Mein Vater, ich bin jener Unmensch, der vor Jahren zu Ihnen gekommen ist, um sich zu erleichtern, und einen Sack voller Missetaten vor Ihre Füße gekippt hat; ich weiß nicht, ob sie mich wiedererkennen, aber mit Gottes Hilfe habe ich seit damals nichts Unanständiges und keine Todsünde begangen.' – ‚Wie haben Sie das gemacht?' – ‚Ach, Vater, ich habe den Rat, den Sie uns so eingeschärft hatten, befolgt und mich oft durch das fromme Stoßgebet Gott empfohlen. Ich habe das jeden Tag gemacht, morgens und abends, und vor allem bei Versuchungen bat ich häufig um den Beistand Gottes mit den Worten: Mein Jesus, Erbarmen! Was soll ich sagen, Vater? Ich fühlte in meiner Seele neue Kräfte wachsen, und bin nie mehr gestrauchelt.'« Pater Leonhard fuhr fort: „Meine lieben Brüder, hätte ich eine donnernde Stimme oder vielmehr eine jener Posaunen, die am Tag des Jüngsten Gerichts erschallen werden, so würde ich mich, von heiligem Eifer erfüllt, auf den Gipfel der höchsten Berge stellen und von dort aus Leibeskräften rufen: ‚Ihr fehlgeleiteten Völker! Erwachet endlich; wollt ihr euch das ewige Leben sichern, so empfehlt euch Gott und sprecht zu Ihm: ‚Mein Jesus, Erbarmen!' Und ich gebe euch mein Wort darauf, wie Jesus Christus vor mir sein Wort darauf gegeben hat in seinem Evangelium: Bittet, und es wird euch gegeben werden (Mt 7,7), bittet um seinen Beistand, und ihr werdet ihn haben, und mit seinem Beistand werdet ihr nicht mehr sündigen. Ich wiederhole, ich gebe euch mein Wort darauf: Wenn ihr euch oft Gott empfehlt, indem ihr aus tiefstem Herzen sagt: ‚Mein Jesus, Erbarmen!', so werdet ihr nicht mehr sündigen, und ihr werdet gerettet!«

Die Übung des Kreuzweges - das Nachvollziehen des Leidensweges Jesu - existierte bereits damals; sie war jedoch außerhalb des Franziskanerordens kaum bekannt und erfuhr erst durch Pater Leonhard allgemeine Verbreitung. Er nannte den Kreuzweg liebevoll „die Mutter aller religiösen Übungen, da sie ja die älteste ist, die heiligste, frommste, göttlichste, erhabenste und verdienstvollste, die deswegen zu Recht den Vorrang vor allen anderen hat.« Seine Passionsverehrung stützte sich auf eine lange, bereits vom heiligen Bonaventura gepflegte franziskanische Tradition und ließ ihn 572 Kreuzwege errichten.

Der Himmel segnete die Arbeit des Paters, und die Zahl seiner Volksmissionen in Italien und auf Korsika wuchs stetig. 1715 wurde Pater Leonhard zum Guardian des Klosters San Francesco al Monte in Florenz ernannt, wo er für eine strenge Einhaltung der Regel sorgte. Doch die Einsamkeit eines normalen Klosters genügte ihm nicht; er suchte, wie der hl. Franziskus vor ihm, nach einem abgelegenen Ort, an dem er von Zeit zu Zeit mit Gott allein sein konnte. So gründete er auf einem Berg eine Einsiedelei namens Santa Maria dell'Incontro. Man lebte dort in strengster Armut und widmete sich der Handarbeit. Bald baten Franziskaner und sogar Laien von auswärts darum, an geistlichen Exerzitien in der Einsiedelei teilnehmen zu dürfen. Pater Leonhard liebte diesen Ort so sehr, dass nur sein brennender apostolischer Eifer ihn von dort loszureißen vermochte.

Die Sonne des Christentums

Nach dem Heiligen Jahr 1750 brach Pater Leonhard  zu einer neuen Missionsrundreise auf, wurde jedoch bald vom Papst nach Rom zurückgerufen; er machte sich gehorsam auf den Weg. Das Reisen kurz vor Winterbeginn fiel ihm schwer. Er fühlte sich bereits beim Aufbruch aus Tolentino unwohl und hatte noch die Berge vor sich. In Foligno angekommen, wollte er die Messe feiern; als ein Bruder ihn bat, wegen seiner Ermüdung darauf zu verzichten, antwortete er: „Bruder, eine Messe wiegt mehr als alle Schätze der Welt«. In einem Büchlein Pater Leonhards steht: „Die heilige Messe ist nicht weniger als die Sonne des Christentums, die Seele des Glaubens, das Herz der Religion Jesu Christi; alle Riten, alle Zeremonien, alle Sakramente beziehen sich auf sie. Sie vereint mit einem Wort alles Schöne und Gute in der Kirche Gottes in sich... Ohne die heilige Messe befände sich die Welt bereits gewiss in einem Abgrund, hinabgerissen von der schrecklichen Last so vieler Missetaten. Die Messe ist der siegreiche Hebel, der sie hochhält. Da seht ihr also, wie unverzichtbar das heilige Messopfer für uns ist« (Die heilige Messe, der unerkannte Schatz).

Pater Leonhard kam mit dem Te Deum auf den Lippen im November 1751 im Kloster des hl. Bonaventura an und musste mühsam aus der Kutsche gehoben werden: Er war so schwach, dass sein Puls kaum zu fühlen war. Im Krankenzimmer beichtete er und empfing die letzten Sakramente, nachdem er mit erstaunlicher Energie das Glaubensbekenntnis gesprochen hatte. Er nahm etwas von einem angebotenen Getränk zu sich und sagte dann: „Ich kann Gott gar nicht genug für die Gnade danken, dass ich im Kreise meiner Mitbrüder sterben darf.« Am 26. November 1751 entschlief er gleich nach dem Empfang der Letzten Ölung friedlich im Herrn. Er wurde vom seligen Pius IX. heiliggesprochen und später von Pius XI. zum himmlischen Patron der Volksmissionare ernannt.

Heiliger Leonhard, bitte für uns um die Gnade eines eifrigen Einsatzes für das Heil der Seelen!

Dom Antoine Marie osb

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