Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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28. Oktober 2009
Hl. Simon und Judas-Thaddäus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Toulon, 6. Januar 1932 : Ein Dampfer wird zum Ablegen klargemacht. Auf der Brücke schließen Herr und Frau Bazin de Jessey traurig ihre 26-jährige Tochter Solange ein letztes Mal in die Arme; sie werden sie nie wiedersehen. Auf den Ruf Jesu hin verlässt Solange alles, um sich in Papua-Neuguinea einer Kongregation eingeborener Schwestern anzuschließen.

Yves und Elisabeth Bazin de Jessey wohnten auf einem schönen Gut namens „Montmarin« in der Nähe von Saint-Malo in der Bretagne. Als sie nach zwei Jahren Ehe immer noch kinderlos waren, griff Yves eines Morgens zu Rucksack und Stock und machte eine Wallfahrt nach Sainte-Anne d'Auray. Einige Monate später kündigte sich der ersehnte Nachwuchs an: ein Sohn, dem sechs Töchter folgen sollten. Solange erblickte als vierte Tochter am 12. April 1906 das Licht der Welt. Der Erste Weltkrieg brachte das bis dahin geregelte Leben der Familie aus dem Gleis. Obwohl Yves als Vater von sechs Kindern vom Militärdienst befreit war, meldete er sich aus Pflichtgefühl als Freiwilliger. Er kam unversehrt aus dem Krieg zurück, doch in seiner Abwesenheit musste Elisabeth die schwere Last der Kindererziehung allein tragen; sie hielt sich dabei an den Rat des hl. Paulus: Überwinde mit dem Guten das Böse, und setzte lieber auf Belohnung denn auf Strafe. Einige Jahre später schrieb Solange folgende bezeichnenden Sätze: Erziehung „bedeutet, dass das Kind in dem Ambiente, in dem es sich befindet, die unbeabsichtigte, unbewusste Sprache seiner Eltern und seiner Umgebung in sich aufnimmt - nicht deren offiziellen Ratschläge und regelmäßigen Belehrungen, sondern die Worte, die die Erwachsenen achtlos vor ihnen fallen lassen. Denn die innere Einstellung der Eltern teilt sich dem Kind durch diese unbewussten Ausdrücke mit. Das ist Erziehung.«

„Meine einzige Stütze«

In der Schule war Solange oft Klassenbeste. Sie war so  eifrig, dass sie über jede schlechtere Note traurig war. Ein menschlicher Wunsch, dem ebenso hohe spirituelle Ansprüche entsprachen: So pflegte sie ihre jährlichen Exerzitien zu einer Bilanz der vergangenen Monate sowie zu neuen Vorsätzen zu nutzen. „Ich möchte diese Tage mit gereinigter Seele beenden, begierig, Gutes zu tun; ich will mich gerne kasteien und Gott als meine einzige Stütze lieben« (25. März 1919). Obwohl sie oft verträumt, zerstreut und bisweilen auch ungenau war, musizierte sie gern: Nach Klavier und Gesang lernte sie Geige und spielte sie bald mit leidenschaftlicher Begeisterung. Zu Hause war sie bei den Älteren geachtet, bei den Jüngeren bewundert und musste mitunter kleine familiäre Streitigkeiten schlichten. Einmal kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Eltern und den älteren Kindern über die Freiheiten, die diese beanspruchten. Solange hörte schweigend zu und war traurig, als der Ton etwas lauter wurde. Einige Stunden später fand ihre ältere Schwester einen Zettel mit einer so feinfühligen und so treffenden Belehrung in ihrem Zimmer vor, dass sie sich ihr gern beugte. – Im Sommer waren Freunde auf Gut Montmarin stets willkommen. 1911 kam ein Cousin Yves de Jesseys zu Besuch: Mgr. Alain de Boismenu, ein in Neuguinea lebender Herz-Jesu-Missionar von Issoudun, der 1900 zum Bischof ernannt worden war. Als „Bischof mit dem Löwenherzen« brachte er durch seine intensive apostolische Tätigkeit die Hochburg des Heidentums, Papua, ins Wanken. Auf Montmarin war der Onkel von der neugierigen, lebhaften Persönlichkeit und dem klaren Blick der kleinen Solange so hingerissen, dass er sie seine „Kleine Quelle« nannte. Nach dem nächsten Besuch des Missionars 1920 notierte Solange: „Dieses Jahr war für mich durch den Besuch unseres heiligen Onkels in Montmarin geprägt. Ich will von jetzt an immer nur nach Höherem streben.« Als sie entdeckte, dass die Welt nicht so war wie die behütete Umgebung, in der sie bislang gelebt hatte, notierte sie: „Heute, da ich ein bisschen an den Vergnügungen der Welt genascht habe, sehe ich, wie berauschend, attraktiv und gefährlich sie sind. Ich liebe sie, ob ich will oder nicht, und habe Spaß daran.«

Streben nach Höherem

Um ihr Englisch zu verbessern, verbrachten Solange  und eine ihrer Schwestern nach dem Abitur ein Jahr bei den Benediktinerinnen von Saint-Cécile aus Solesmes, die damals in Ryde auf der Isle of Wight im Exil lebten. Die zwei Schwestern waren so glücklich an diesem Ort, wo die Schönheit dem Lobpreis Gottes diente und die benediktinische Freude einen Vorgeschmack auf den Himmel vermittelte, dass die Eltern sich fragten, ob sie ihre Töchter zurückbekommen würden. Sie kamen zurück; Solange hatte jedoch zum ersten Mal an eine Berufung gedacht. Nach ihrer Rückkehr nahm sie zwar wieder am weltlichen Treiben teil, doch die Welt konnte sie nicht zufriedenstellen. Sie bereitete sich auf die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule in Paris vor. Doch die hochbegabte Schülerin, die sich so gern von ihren technischen Mängeln befreien wollte, um ihrer Geige immer reinere Harmonien zu entlocken, ließ dem Lehrer gegenüber durchblicken, dass die Musik für sie kein Selbstzweck sei und dass sie in ihrem Herzen nach Höherem strebe. Sie schrieb später: „Gott richtete es so ein, dass die Musik zu einem der Wege wurde, die mich zu Ihm geführt haben. Er ließ mich in allem die Harmonie lieben. Und aufs Vollkommenste fand ich die Harmonie in der Liebe verwirklicht.«

Am 19. Juli 2008 richtete Papst Benedikt XVI. in Sydney folgende Worte an die Jugendlichen: „Lasst Euren Glauben reifen in Studium, Arbeit, Sport, Musik und Kunst. Lasst ihn Unterstützung finden durch das Gebet und Nahrung durch die Sakramente und so Quelle der Inspiration und Hilfe für die Menschen in Eurer Umgebung sein. Und schließlich, das Leben dreht sich nicht um das Anhäufen von Gütern. Es ist weit mehr als Erfolg. Wirklich leben bedeutet, von innen her verwandelt zu werden, offen zu sein für die Energie der Liebe Gottes. Wenn Ihr die Kraft des Heiligen Geistes annehmt, könnt auch Ihr Eure Familien Gemeinschaften und Nationen verwandeln.«

1926 gab Pius XI. durch seine Enzyklika Rerum Ecclesiæ der weltweiten Missionstätigkeit einen kräftigen Anstoß. Sich der Mission zu weihen und die Völker zu Christus zu führen, erschien Solange sehr verlockend. Vielleicht würde ihr Onkel, der für den Herbst 1930 erwartet wurde, ihr dabei helfen können, herauszufinden, was Gott mit ihr vorhatte. Bischof Boismenu wurde umso herzlicher empfangen, als man wusste, dass er über den Tod von Marie-Thérèse Noblet (1899-1930), der „Mutter der Papuaner« sowie der Oberin der von ihm gegründeten Kongregation der „Dienerinnen unseres Herrn«, der sogenannten „Ancillen«, sehr betrübt war. Solange fragte ihn, ob sie das Werk Mutter Marie-Thérèses fortsetzen könne. „Wir werden sehen«, antwortete er. Doch von diesem Augenblick an wusste er, dass Gott seine Gebete erhört hatte. Er riet seiner Nichte zum Abwarten, Beten und Nachdenken. Am 11. Februar 1931 hörte Solange eine Predigt des Bischofs Boismenu, und dieser Vortrag schenkte ihr endlich Licht. „Die Gnade der Berufung mit ihrer großen inneren Erleuchtung kam so zwingend über mich«, schrieb sie an die Äbtissin von Ryde, „dass ich physisch und moralisch völlig erschüttert war.« Sie meinte zwar, die Aufgabe übersteige ihre Kräfte, war aber dennoch sehr zuversichtlich, „da unser Herr mir die große Gnade erwiesen hat, mir über meine Berufung absolute Gewissheit zu schenken.« Als Yves und Elisabeth von ihrer Berufung erfuhren, betrachteten sie diese – trotz des harten und völlig unerwarteten Schlages – ausschließlich vom Standpunkt des Glaubens und der Vernunft aus. Wurde Solange gefragt, warum sie so weit weg wolle, wo in Frankreich doch auch viel zu tun sei, antwortete sie: „Ich gehe nicht ins Kloster, um Frankreich zu dienen, sondern um Gott zu dienen, und zwar da, wo Er mich haben will.« Sie hatte daran gedacht, Karmelitin zu werden, um die Missionierung Papua-Neuguineas durch ihr Gebet zu unterstützen; „aber Gott hat mir eine so große Liebe zu seiner liebenden Fürsorge eingepflanzt, dass es mir sehr viel ausmachen würde, wenn ich mich nicht mit aller Kraft, mit all meinen apostolischen Fähigkeiten dafür einsetzte, dass Er geliebt wird, indem ich seine ärmsten Kinder so liebe, wie Er uns geliebt hat. Die Gnade Gottes hat mich wohl verändert, denn ich war früher nicht so.«

Solanges Vorbild ermutigt die Jugendlichen von heute, dem Aufruf Papst Benedikts XVI. beim Weltjungendtag 2008 in Sydney zu folgen: „Die Kirche braucht besonders die Gaben der jungen Menschen, aller jungen Menschen ... Fürchtet Euch nicht, Jesus „ja« zu sagen, Eure Freude in der Erfüllung seines Willens zu finden, indem Ihr Euch ganz dem Streben nach Heiligkeit hingebt und alle Eure Talente für den Dienst für die anderen einsetzt!«

Mit angepassten Regeln

Solange verbrachte zunächst mehrere Monate im  Mutterhaus der Franziskaner-Missionarinnen Mariens, wo sie sich auf das Klosterleben vorbereitete und die Prüfung zur Krankenschwester ablegte. Nach einer sechswöchigen Reise traf sie anschließend Bischof Boismenu in Sydney in Australien wieder. Sie kamen gemeinsam am 3. März 1932 in Port Moresby, der Hauptstadt Papuasiens am südöstlichen Zipfel Neuguineas an, und wurden zu ihrer Überraschung von vier papuanischen Schwestern am Anlegesteg empfangen; sie hatten eine lange Reise durch den Dschungel unternommen, um ihre neue Mutter zu begrüßen. Solange wurde von ihnen auf der Stelle als Oberin angenommen. Für die Missionare Papua-Neuguineas waren die ersten Berufungen von Eingeborenen zum gottgeweihten Leben ein Zeichen der Hoffnung in der Bekehrungsarbeit gewesen. Bischof Boismenu hatte allerdings eine Kongregation mit angepassten Regeln gründen müssen: Diese standen dem Leben, das diese Mädchen bis dahin geführt hatten, immer noch sehr fern, waren jedoch mit ihrem Temperament vereinbar. Das Kloster lag rund hundert Kilometer nördlich von Port Moresby, im Kubuna-Tal, einst mitten im – inzwischen von den Missionaren gerodeten - Urwald und diente als Zwischenstation auf dem Weg in die Berge. Vorbild der „Ancillen« war die Jungfrau Maria als erste und vollkommenste Dienerin Jesu. Sie trugen ein graues Arbeitsgewand, einen leichten Schleier und liefen barfuß. „Seid immer anmutig in eurer Haltung und eurem Gesichtsausdruck«, riet ihnen der Bischof, „und dient stets freundlich dem, dem ihr in allem dienen wollt: dem göttlichen Meister der Sanftmut und der Liebe.« Unter der Leitung von Mutter Marie-Thérèse Noblet hatte sich das Werk zehn Jahre lang überraschend gut entwickelt: Es gab zahlreiche Berufungen, vielfältige Hilfe beim Missionsdienst, eine neugegründete Krippe in Kubuna und ein authentisches Ordensleben. Da starb sie völlig unerwartet am 15. Januar 1930, kurz nachdem sie ihr Leben als Opfer für ihre Töchter dargeboten hatte.

Eine große wilde Insel

Solange entdeckte die Schönheit Papuasiens, die  große wilde Insel mit ihren an Bergflanken wuchernden Urwäldern: zugleich auch eine unwirtliche Gegend, in der das Fieber wütete und die Menschen ihren Lebensraum mit wilden Tiere teilen mussten. Sie mochte die Gesichter der Papuaner, ihre Begrüßung, ihre merkwürdigen, mit Federn geschmückten Frisuren, ihr unbändiges Lachen beim Anblick weißer Menschen. Alles gefiel ihr, mit Ausnahme der Mücken! Angetan war sie auch vom unkomplizierten Umgang der Menschen miteinander: Er kam ihr viel direkter vor als in Europa.

Solange nahm am 22. März 1932 den Schleier und legte am 4. April ihre zeitlichen Gelübde ab. Bischof Boismenu erinnerte in seiner Predigt an die beiden Schlüsselworte der Ancillen: Ecce und Scio. Ecce ancilla Domini (Siehe, ich bin die Magd des Herrn): Auf diesen Vers gehe der Name „Ancillen« zurück. „Durch diese Antwort an den Engel hat die Jungfrau Maria im Namen der gesamten Menschheit der Fleischwerdung zugestimmt«, erklärte der Bischof. „Sie war der Ausgangs-punkt des ganzen Erlösungs- und Bekehrungswerks, das durch das fleischgewordene Wort die Welt zu Gott zurückführt. Unser kleines Ecce bedeutet jene grundsätzliche Zustimmung zum Willen Gottes, die jeder Heiligkeit innewohnt.« Das gilt auch für das Scio des Vertrauens: Scio cui credidi (Ich weiß, wem ich vertraut habe; 2 Tim 1,12). Für alle, die bei schwierigen Unternehmungen, auf undankbaren und gefährlichen Posten als Vorhut eingesetzt werden, „steckt eine unglaubliche Kraft in unserem Ecce und unserem Scio.« Solange legte mit Erlaubnis ihres Beichtvaters in ihrem Herzen zugleich auch die ewigen Gelübde ab. Eine junge Französin, die eine Zeitlang das Leben der Ancillen geteilt hatte, sagte über sie: „Ihre Liebe zu unserem Herrn war so persönlich, ihr Vertrauen zu Ihm so absolut, dass sie sich Ihm voll und ganz hingeben musste. Was riskiert man schon mit Gott?, dachte sie.«

Solange musste gewissermaßen ihre Hautfarbe wechseln, um Oberin von 23 braunhäutigen Schwestern zu werden, von denen mehrere noch Kannibalen zu Eltern hatten und aus dem finstersten, primitivsten Heidentum kamen. Da sie zudem für 25 Krippenkinder verantwortlich war, kam sie nur selten zur Ruhe. Bereits am frühen Morgen stürmten die Sorgen des kommenden Tages auf sie ein: „Kreuze gibt es immer. Sie führen die Seelen, die Jesus ruft, zum Loslassen ... Die gut angenommene und für einen guten Zweck geopferte Last wird heute Abend eine gute Erinnerung zurücklassen.« Solanges Hauptsorge galt der Ausbildung ihrer Töchter, deren Stärken und Schwächen sie jeweils genau kannte. Als Mutter versuchte sie ihre Liebe zu unserem Herrn mit einfachsten Worten an sie weiterzugeben: „Alles mit Ihm zusammen machen, sich anstrengen zur rechten Zeit. Gott die Planung eines jeden Tages überlassen, mit dem Ecce zu allem, einem immer liebevolleren Ecce.« Bischof Boismenu schrieb: „Gott bedient sich der charmanten Persönlichkeit der Mutter, um Berufungen zu wecken und ihr Kloster zu füllen.« Das beliebteste Unterrichtsfach neben Englisch und Französisch war bei allen der Gesang. Die Lieder hatten viel mehr Schwung, seit Mutter Solange sie auf der Geige begleitete. Die Ancillen sangen sogar gregorianische Gesänge - Solange nannte sie „Gebete über die Schönheit«.

„Erneut ist offensichtlich geworden«, sagte Papst Benedikt XVI. am 12. Februar 2009, „wie Musik und Gesang dank ihrer geschickten Verknüpfung mit dem Glauben im religiösen Bereich hohen pädagogischen Wert haben. Musik kann als Kunst eine besonders großartige Art und Weise sein, Christus zu verkünden, denn der Musik gelingt es, mit der ihr eigenen Ausdruckskraft sein Mysterium wahrnehmbar werden zu lassen.«

Jeder kann sich ändern

Die Schwestern von Kubuna nahmen sich der  Bedürftigen an, der Armen und Verletzten, aber auch der Neugeborenen, die von notleidenden oder aus ihren Dörfern verjagten Müttern bei ihnen abgegeben wurden. Als examinierte Krankenschwester konnte Mutter Solange die Ancillen in der Krankenpflege unterweisen. Für die Papuaner boten diese Schwestern durch ihr christliches Leben ein lebendiges Beispiel dafür, dass jedes menschliche Geschöpf sich mit Gottes Hilfe ändern kann. Zwischen 1930 und 1940 wurden zahlreiche Missionierungs- und Schulstationen gegründet. Mutter Solange bildete Katechisten aus, die in den Dorfschulen die Grundlagen des Lesens und Schreibens vermitteln sollten. Im Jahr 1935 erlebte die Mission ihren größten Aufschwung mit 23 000 Katholiken auf 46 000 Papuaner. Die Anzahl der Missionsstationen war von ursprünglich 3 im Jahre 1900 auf 82 angewachsen.

1939 versiegte infolge des Zweiten Weltkriegs jede finanzielle und materielle Unterstützung. Mutter Solange schrieb: „Ja, das Leben hier ist hart, aber wir sind nicht so verängstigt; es ist tröstlicher zuzusehen, wie ehemals Wilde im Lichte der Gnade menschlicher werden, als wenn man zusehen muss, wie ehemals zivilisierte Menschen trotz aller Annehmlichkeiten des modernen Lebens der schlimmsten Barbarei frönen. Fortschritt ohne Gott – welche Anmaßung; wie tief lässt Gott die Hochmütigen fallen, die meinen, ohne Ihn eine bessere Welt schaffen zu können!«

Am 20. Juli 2008 sagte Benedikt XVI.: „In so vielen unserer Gesellschaften breitet sich neben dem materiellen Wohlstand eine geistliche Wüste aus: eine innere Leere, eine namenlose Furcht und ein heimliches Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Wie viele unserer Zeitgenossen haben in ihrer verzweifelten Suche nach Sinn – nach dem letzten Sinn, den nur die Liebe schenken kann – rissige und leere Zisternen gegraben. Darin liegt die große und befreiende Gabe des Evangeliums: Es offenbart unsere Würde als Männer und Frauen, die als Abbild Gottes und ihm ähnlich geschaffen wurden. Es offenbart die erhabene Berufung der Menschheit, die darin besteht, die Erfüllung in der Liebe zu finden. Es erschließt uns die Wahrheit über den Menschen und die Wahrheit über das Leben.«

„Siehe, ich bin die Magd des Herrn«

Im Oktober 1940 legte ein Buschfeuer die Hälfte der  Missionsstation in Schutt und Asche und machte 20 Jahre Arbeit zunichte. Mutter Solange war erschöpft, litt unter Malariaanfällen und hinkte infolge einer Fußverletzung. Der Krieg im Pazifik griff auf Papua-Neuguinea über; die Ancillen sollten wegen der Bedrohung durch die Japaner nach Australien fliehen. Sie beschlossen jedoch dazubleiben, um die medizinische Notversorgung der Papuaner sicherzustellen. Solange pflegte und tröstete alle. Sie wachte Tag und Nacht am Bett einer ihrer Töchter, die an einer schlimmen Grippe erkrankt war; die Schwester starb trotz aller Pflege. Solange hatte sich ebenfalls angesteckt. Sie war erst 35 Jahre alt, aber von zehn Jahren zermürbender Arbeit geschwächt und von jeder medizinischen Hilfe abgeschnitten; ihre Abwehrkräfte schwanden rasch. Bischof de Boismenu wurde benachrichtigt und eilte zu seiner Nichte, die ihre Gelübde noch einmal bekräftige und ihr Leben zum Opfer darbot: „Für meine Kleinen, für meinen Bischof, für die Mission, für meine Familie, für meine Heimat, für das Reich des lieben Gottes und für den Frieden.« Ihre letzten Worte waren: „Ich bin ein Kind Marias. Scio cui credidi« (Ich weiß, wem ich vertraut habe). Mutter Solange starb einige Stunden später am 26. Februar 1942. Der Bischof beugte sich über sie und murmelte: «Ecce ancilla Domini.« Er schrieb an seinen Cousin: „Wenn du wüsstest, wie sehr ich den Kummer deines armen Vaterherzens teile. Ich brauche nur meinen Kummer zu fühlen, um deinen zu verstehen. Gott möge dir beistehen und dich trösten! Er wird es tun, denn nichts rührt Ihn mehr als das Opfer, das ihr, deine liebe Elisabeth und du, Ihm gebracht habt mit eurem Liebling, und als die von ihr vollbrachte heroische Hingabe ihres Selbst, ihres Lebens und ihrer Eltern ... Ihr radikales und endgültiges Opfer hat sie an jedem einzelnen Tag seit ihrer Ankunft hier auf die große Art der Heiligen dargebracht: rückhaltlos, ohne Berechnung und bis zum Schluss.« Dass die Zurückgebliebenen anschließend unerwartet verschont blieben, führte der Bischof auf die Opfergabe ihres Lebens zurück. Denn als die benachbarten, von den Japanern besetzten Missionsstationen zerstört wurden und ihr Personal immer mehr schrumpfte, war er auf das gleiche Schicksal gefasst. Doch als die feindlichen Truppen immer näher rückten und sie von allen Seiten umzingelten, machten sie plötzlich in einiger Entfernung von der Mission halt: Es kam nie heraus, warum.

„Was würde aus der Welt, wenn es die Ordensleute nicht gäbe?« Nach diesem von der hl. Theresia von Avila übernommenen Wort fuhr Papst Johannes-Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Vita consecrata (25. März 1996; Nr. 105) folgendermaßen fort: „Jenseits der oberflächlichen Zweckeinschätzungen ist das geweihte Leben gerade in seinem Übermaß an Unentgeltlichkeit und Liebe von Bedeutung, und das um so mehr in einer Welt, die Gefahr läuft, im Strudel des Vergänglichen zu ersticken ... Das Leben der Kirche und der Gesellschaft hat Menschen nötig, die fähig sind, sich ganz Gott und aus Liebe zu Gott den anderen zu widmen. Ohne dieses konkrete Zeichen würde die Liebe, die die ganze Kirche beseelt, Gefahr laufen zu erkalten, das Paradoxon heilwirkender Kraft des Evangeliums sich abschwächen, das 'Salz' des Glaubens in einer Welt zunehmender Säkularisierung schal werden.«

Damit die Liebe der Kirche nicht erkaltet, wollen wir durch die Fürsprache von Mutter Solange um die Gnade bitten, dass wir uns aus freien Stücken Gott und unserem Nächsten hingeben und Tag für Tag das Ecce der Aufopferung und das Scio des Vertrauens sprechen können.

Dom Antoine Marie osb

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