Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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16. Juli 2009
Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Zwei sudanesische Mädchen voll überschäumender Lebensfreude, sieben und zwölf Jahre alt, laufen spielend  über die Felder. Sie stehen im Frühling ihres Lebens: Die Natur, die Zukunft, alles scheint ihnen zuzulächeln. Nichts deutet auf ein tragisches Ereignis hin. Sie bleiben stehen, um Kräuter zum Kochen zu sammeln, und sehen plötzlich zwei Männer auf sich zukommen. Einer von ihnen wendet sich an das ältere Mädchen und bittet es, das jüngere Kind mit ihnen in den Wald gehen zu lassen, um ein vergessenes Päckchen zu suchen. Das kleine Mädchen tut in seiner Unschuld, worum es gebeten wird, und geht mit den beiden Männern zum Wald. Dort angekommen, merkt es, dass es gar kein Päckchen gibt. Die beiden Männer rücken dem Kind näher und bedrohen es, der eine mit einem Messer, der andere mit einem Revolver: „Wenn du schreist, bist du tot! Komm mit.« Voller Angst versucht die Kleine zu schreien, bringt aber keinen Ton heraus. Etwas weiter fragen die Entführer sie nach ihrem Namen; starr vor Angst, ist sie unfähig zu antworten. „Gut«, sagen die Männer, „dann nennen wir dich Bakhita (das heißt ‚die Glückliche'), denn du hast wirklich Glück.« Die beiden meinen es ironisch, wenn sie „Glück« nennen, was in Wirklichkeit ein Unglück ist. In den Augen Gottes jedoch, der alle Ereignisse zum Wohle seiner Erwählten lenkt, handelt es sich tatsächlich um ein unerhörtes Glück für Bakhita.

Bakhita wurde um 1869 im Sudan geboren; ihre Familie gehörte dem nubischen Stamm der Dagiu an und hatte insgesamt acht Kinder; ihre ersten Lebensjahre verbrachte Bakhita in Olgossa, einem kleinen Dorf in Darfur, in der Nähe des Berges Agilerei. Als sie noch ganz klein war, wurde ihre ältere Schwester bereits von mohammedanischen Sklavenhändlern entführt und kehrte niemals zurück. Und nun kam Bakhita selbst an die Reihe: Sie wurde mit anderen Menschen, die wie sie als Sklaven verkauft werden sollten, tagelang im Eilmarsch über unwegsames Gelände getrieben. Sie wurde fünfmal als Sklavin gekauft und auf den Märkten von El-Obeid und Khartoum wieder verkauft; sie musste rund zwölf Jahre lang unter unsäglichen Qualen verschiedenen Herrn dienen. Einer von ihnen war besonders grausam und schlug Bakhita jeden Tag bis aufs Blut; ein anderer ließ sie in der für Sklaven vorgesehenen Weise tätowieren. Dabei wurden mit einer Rasierklinge Muster auf Brust und Bauch geritzt und anschließend die offenen Wunden mit Salz eingerieben, damit sie nicht vernarben konnten. Von all den Misshandlungen behielt Bakhita lebenslang 144 Narben bei.

In mir

Trotz der schlechten Behandlung verhielt sich Bakhita ihren Herrn gegenüber stets loyal. Nie nahm sie sich etwas auf deren Kosten, selbst wenn sie Hunger hatte. Sie gab sich Mühe, alle Aufträge getreu auszuführen, mochten sie auch noch so hart und unerfreulich sein. Auf die Frage, ob sie das aus Gehorsam Gott gegenüber getan habe, antwortete sie später: „Damals kannte ich Gott noch nicht. Ich handelte so, weil ich in mir das Gefühl hatte, dass man das so machen sollte.« Bakhita gehorchte ihrem Gewissen, das von dem in das Herz jedes Menschen eingepflanzten natürlichen Gesetz erleuchtet war: „Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt«, erklärt das II. Vatikanische Konzil, „sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist« (Gaudium et spes, Nr. 16).

Einige Monate nach der Tätowierung musste Bakhitas Herr, ein Offizier der türkischen Armee, in seine Heimat zurückkehren. Da er keine Sklaven mitnehmen durfte, beschloss er, diese zu verkaufen. Die göttliche Vorsehung wollte, dass Bakhita 1883 vom italienischen Konsul in Khartoum, Callisto Legnani, gekauft wurde. Sie berichtete später: „Der neue Herr war recht gut, und er mochte mich gerne ... Ich wurde nicht mehr getadelt, bekam keine Schläge und Strafen mehr; trotz alledem wagte ich immer noch kaum, an so viel Frieden und Ruhe zu glauben.« Zum ersten Mal seit dem Tag ihrer Entführung fürchtete sich Bakhita nicht vor der Peitsche; sie wurde vielmehr freundlich und liebenswürdig behandelt. Im Hause des Konsuls durfte sie Heiterkeit, Zuneigung und Momente der Freude erfahren, wenn auch stets getrübt von der Sehnsucht nach ihrer für immer verlorenen Familie.

Politische Ereignisse zwangen den Konsul 1885 zur Rückkehr nach Italien; da Bakhita weiterhin für ihn arbeiten wollte, durfte sie ihm nach Italien folgen. Kurz nach seiner Ankunft in Genua erfuhr der Diplomat von einem Freund, dass dessen schwangere Frau sich zur Unterstützung eine Dienerin wünsche. Der Konsul erfüllte ihr den Wunsch, und so trat Bakhita in den Dienst einer neuen Familie namens Michieli. Nach der Geburt des Kindes, einer kleinen Tochter, wurde Bakhita mit dessen Erziehung beauftragt; später wurden beide Mädchen den Töchtern der christlichen Liebe, den sogenannten Canossa-Schwestern, am Institut der Katechumenen in Venedig anvertraut. Zu diesem Anlass bekam Bakhita von einem Freund ein silbernes Kruzifix geschenkt. Als er ihr das Kruzifix überreichte, küsste er es respektvoll und erklärte ihr, dass Jesus Christus der für uns gestorbene Sohn Gottes sei. Bakhita verstand diese Worte noch nicht in ihrer ganzen Tragweite; doch bei den Schwestern lernte sie endlich den Gott kennen, den sie bereits seit ihrer Kindheit in ihrem Herzen gespürt hatte. Sie schrieb eines Tages: „Wenn ich die Sonne, den Mond und die Sterne sah, sagte ich in mir: ‚Wer ist denn der Herr dieser schönen Dinge?' Und ich hatte großes Verlangen danach, Ihn zu sehen, Ihn zu kennen und Ihm zu huldigen.«

Ein ganz anderer „Paron«

In seiner Enzyklika Spe salvi vom 30. November 2007 über die christliche Hoffnung schildert Papst Benedikt XVI. den spirituellen Werdegang Bakhitas: In Venedig „lernte Bakhita schließlich nach so schrecklichen ‚Patronen', denen sie bisher unterstanden war, einen ganz anderen ‚Patron' kennen – ‚Paron' nannte sie in dem venezianischen Dialekt, den sie nun lernte, den lebendigen Gott, den Gott Jesu Christi. Bisher hatte sie nur Patrone gekannt, die sie verachteten und misshandelten oder bestenfalls als nützliche Sklavin betrachteten. Aber nun hörte sie, dass es einen ‚Paron' über allen Patronen gibt, den Herrn aller Herren und dass dieser Herr gut ist, die Güte selbst. Sie erfuhr, dass dieser Herr auch sie kennt, auch sie geschaffen hat – ja, dass er sie liebt. Auch sie war geliebt, und zwar von dem obersten Patron, vor dem alle anderen Patrone auch nur selber armselige Diener sind. Sie war gekannt und geliebt und wurde erwartet. Ja, dieser Patron hatte selbst das Schicksal des Geschlagenwerdens auf sich genommen und wartete nun ‚zur Rechten des Vaters' auf sie. Nun hatte sie ‚Hoffnung' – nicht mehr bloß die kleine Hoffnung, weniger grausame Herren zu finden, sondern die große Hoffnung: Ich bin definitiv geliebt, und was immer mir geschieht – ich werde von dieser Liebe erwartet. Und so ist mein Leben gut. Durch diese Hoffnungserkenntnis war sie ‚erlöst', nun keine Sklavin mehr, sondern freies Kind Gottes« (Nr. 3).

Bakhita begann die Stufen des Katechumenats zu durchlaufen. Ausgerechnet da verfiel Frau Michieli, die ihren Mann zu einem Einsatz nach Afrika begleiten wollte, auf den Gedanken, ihre Dienerin wiederzuholen. Auf Grund der Freiheit, die ihr das italienische Gesetz garantierte, erklärte Bakhita, sie weigere sich, in ihre Heimat zurückzukehren: Sie wolle bei den Canossa-Schwestern bleiben, um dort ihre christliche Ausbildung abzuschließen. „Ich kann nicht nach Afrika zurückkehren«, sagte sie, „denn wenn ich das täte, würde ich meinen Glauben an Gott aufgeben. Ich liebe meine Herrin und ihr Kind, aber ich kann Gott nicht verlieren. So habe ich beschlossen zu bleiben.« Am 9. Januar 1890 empfing sie aus der Hand des Patriarchen von Venedig zusammen mit dem christlichen Namen Giuseppina (Josephine) die ersten christlichen Sakramente: Taufe, Firmung und Eucharistie. Nach Aussage eines Zeugen, der an dem danach folgenden Festessen teilnahm, wirkte Bakhita ganz verklärt: „Sie sprach ganz wenig, aber all ihre Gesten, all ihre Worten strahlten Glückseligkeit aus.« Oft sah man sie fortan das Taufbecken mit den Worten küssen: „Hier bin ich Gottes Tochter geworden.« Von Tag zu Tag wuchs ihre tiefe Dankbarkeit Gott gegenüber, denn Gott hatte nie aufgehört, sie an der Hand zu sich zu führen. Die Wahrheit des Pauluswortes „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles mitwirkt zum Guten« (Röm 8,28) hatte sie am eigenen Leib erfahren. Eine oberflächliche Betrachtung der Ereignisse kann das Schicksal Bakhitas nicht erklären: Erst der Glaube verleiht ihm einen Sinn. Wie sagt doch Benedikt XVI.: „Nicht die Elemente des Kosmos, die Gesetze der Materie, herrschen letztlich über die Welt und über den Menschen, sondern ein persönlicher Gott herrscht über die Sterne, das heißt über das All; nicht die Gesetze der Materie und der Evolution sind die letzte Instanz, sondern Verstand, Wille, Liebe – eine Person ... Das Leben ist nicht bloßes Produkt der Gesetze und des Zufalls der Materie, sondern in allem und zugleich über allem steht ein persönlicher Wille, steht Geist, der sich in Jesus als Liebe gezeigt hat« (Spe salvi, Nr. 5).

Alles für Gott

Nach ihrer Taufe bildete sich Bakhita im Glauben weiter. Bald vernahm sie die Stimme des Herrn, der sie aufforderte, sich mit Leib und Seele Ihm zu weihen. Am 7. Dezember 1893 wurde sie in das Noviziat der Canossa-Schwestern aufgenommen, und am 8. Dezember 1896 legte sie unter dem Namen Schwester Giuseppina ihre ersten Ordensgelübde ab: Sie weihte sich ihrem „Meister«, wie sie ihn vertraulich nannte. Um sicherzustellen, dass sie sich aus freien Stücken verpflichten wollte, wurde sie, bevor man sie zur Profess zuließ, wie üblich, von Kardinal Sarto, dem Patriarchen von Venedig und späteren heiligen Papst Pius X., befragt. Nach der Anhörung sagte der Kardinal mit einem freundlichen Lächeln zu ihr: „Legen Sie ihre Gelübde unbesorgt ab. Jesus liebt sie. Lieben Sie Ihn, dienen Sie Ihm immer weiter so, wie Sie es bisher getan haben.«

Ein paar Jahre später wurde Bakhita von einer italienischen Schülerin gefragt, was sie täte, wenn sie zufällig ihren Entführern begegnen würde. Sie antwortete, ohne zu zögern: „Wenn ich den Sklavenhändlern begegnen würde, die mich entführt haben, und selbst denen, die mich gefoltert haben, würde ich auf die Knie fallen und ihnen die Hände küssen. Wenn alles, was mir widerfahren ist, nicht passiert wäre, wie hätte ich dann Christin und Ordensschwester werden können?« Bakhita hegte also nicht nur keine Hassgefühle gegen ihre Verfolger, sie versuchte sie sogar zu entschuldigen. Wie unser Herr Christus am Kreuz, betete sie für sie, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk 23,34). Als eines Tages wieder einmal von ihren Entführern die Rede war, sagte sie: „Ich habe Mitleid mit ihnen. Sie wussten sicher nicht, welche Angst sie mir eingejagt haben. Sie waren die Herren, und ich war die Sklavin. Wie es für uns natürlich ist, Gutes zu tun, war es für sie ebenso natürlich, so zu verfahren, wie sie es mit mir getan haben. Sie haben es aus Gewohnheit, nicht aus Bosheit getan.«

Die erstaunliche Haltung dieser Frau bezeugt die liebende Gegenwart Gottes in einer nur zu oft ungerechten Welt. Als Papst Johannes-Paul II. am 22. Februar 1992 die Insel Gorée vor der senegalesischen Haupt–stadt Dakar besuchte, erinnerte er an die unzähligen verschleppten Afrikanern, die in Amerika verkauft wurden: „Während einer langen Periode in der Geschichte des afrikanischen Kontinents wurden schwarze Männer, Frauen und Kinder auf diesem engen Raum zusammengepfercht – gewaltsam aus ihrer Heimat gerissen, von ihren Angehörigen getrennt, um wie Waren weiterverkauft zu werden ... Sie wurden Opfer eines schändlichen Handels, an dem auch getaufte Menschen beteiligt waren, die sich vom Glauben abgewandt hatten. Wie könnte man das unermessliche Leid vergessen, das unter Missachtung der elementarsten Menschenrechte den verschleppten Bewohnern des afrikanischen Kontinents zugefügt wurde? Wie könnte man die von der Sklaverei zerstörten Menschenleben vergessen? Diese Sünde des Menschen gegen den Menschen, diese Sünde des Menschen gegen Gott, muss in aller Wahrhaftigkeit und Demut bekannt werden. Welch langen Weg muss die menschliche Familie noch zurücklegen, bevor ihre Mitglieder es lernen, sich gegenseitig als Abbilder Gottes zu betrachten und zu respektieren, um als Söhne und Töchter des einen himmlischen Vaters einander zu lieben!«

Heute noch

Doch solche Verbrechen gehören nicht nur der Vergangenheit an. Auch heute noch stellt die Sklaverei in ihren verschiedenen Formen eine gesellschaftliche Wunde dar. Das II. Vatikanische Konzil stellt ausdrücklich fest: „Was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, wie Verstümmelung, körperliche oder seelische Folter und der Versuch, psychischen Zwang auszuüben; was immer die menschliche Würde angreift, wie unmenschliche Lebensbedingungen, willkürliche Verhaftung, Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird: all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers« (Gaudium et spes, Nr. 27).

Schwester Giuseppina wurde 1902 nach Schio in Norditalien versetzt und übernahm dort verschiedene Aufgaben: Sie war Köchin, Näherin, Stickerin und Pförtnerin. Als Köchin war sie sehr fürsorglich zu allen, vor allem zu den Kranken, für die sie besonders köstliche Gerichte zubereitete: Sie sehnte sich danach, aus Liebe zu Christus andere zu lieben und ihnen zu dienen. An der Pforte kümmerte sie sich besonders um die Kinder; sie pflegte sie liebevoll zu segnen, indem sie ihnen die Hand aufs Haupt legte. Mit ihrer freundlichen Stimme war die „Kleine schwarze Mutter«, wie man sie nannte, selbst wie ein Kind: liebevoll zu den Armen und Leidenden und freundlich zu allen, die an die Klosterpforte klopften. Getreu suchte sie in den bescheidenen Arbeiten des Alltags nach Gott und hatte dabei doch das Herz eines Apostels. Aus Anlass ihrer Profess hatte sie folgendes Gebet verfasst: „Geliebter Herr, wie gut Du bist! Könnte ich doch nach Afrika fliegen und meinem ganzen Volk laut Deine Güte zu mir verkünden. Wie viele Menschen würden meine Stimme hören und sich Dir zuwenden! Mach, Herr, dass auch sie Dich kennen und lieben lernen!« Dieser missionarische Geist wurde von Papst Benedikt XVI. besonders unterstrichen: Giuseppina hat „vor allem in verschiedenen Reisen in Italien zur Mission zu ermutigen versucht: Die Befreiung, die sie selbst durch die Begegnung mit dem Gott Jesu Christi empfangen hatte, die musste sie weitergeben, die musste auch anderen, möglichst vielen, geschenkt werden. Die Hoffnung, die ihr geworden war und sie ‚erlöst' hatte, durfte sie nicht für sich behalten; sie sollte zu vielen, zu allen kommen« (Spe salvi, Nr. 3).

Die wirklich Armen

1935 wurde Giuseppina von ihrer Oberin gebeten, verschiedene Klöster der Kongregation aufzusuchen und vor den Mitschwestern die Wunder zu bezeugen, die Gott an ihr getan hatte. Von Natur aus schüchtern und zutiefst demütig, konnte sie sich für diesen Plan nicht begeistern, stimmte ihm jedoch aus Gehorsam zu. Er sollte ihr reichlich Gnade bescheren. Giuseppinas Botschaft bestand darin, die Schwestern zur Heiligkeit und zur Dankbarkeit für die vielen empfangenen Wohltaten zu ermutigen und für alle Seelen zu beten, die noch nicht das Glück hatten, Jesus Christus zu kennen. Ihrem Lebensbericht zufolge drückten ihr die Schwestern mitunter ihre Anteilnahme aus. Sie selbst sagte dazu: „Oft sagen die Leute zu mir ‚Meine Arme! Meine Arme!' Ich bin aber nicht arm, denn ich gehöre dem Herrn und ich lebe in seinem Haus. ‚Arm' sind die, die Ihm nicht ganz gehören.« Von 1936 bis 1938 arbeitete Mutter Giuseppina als Pförtnerin im Mailänder Noviziat, wo sie oft Gelegenheit hatte, die Novizinnen und deren Familien zu erbauen. Für diejenigen, die sich nur schwer damit abfinden konnten, dass ihre Töchter in ein fernes Land reisen sollten, fand sie Worte des Trostes: „Wie viele Afrikaner würden den Glauben annehmen, wenn es dort Missionare gäbe, die ihnen den Namen Jesu Christi, seine Liebe zu uns und sein Erlösungsopfer für die Seelen verkündigten?«

1943 feierten der Konvent und die ganze Bevölkerung von Schio das 50-jährige Professjubiläum von Mutter Giuseppina. Bald danach bekam sie gesundheitliche Probleme und war bald an den Rollstuhl gefesselt. Eines Tages wurde sie von einem Geistlichen gefragt, was sie so täte in ihrem Rollstuhl; sie erwiderte: „Was ich tue? Genau dasselbe wie Sie: den Willen Gottes.« Ein anderes Mal zitierte der Arzt eine Passage aus dem Hoheslied (1,4) für sie: „Nigra sum, sed formosa«; und er erklärte ihr den Sinn: „Meine Haut kann sehr wohl schwarz sein, meine Seele aber ist schön und strahlend.« Mutter Giuseppina antwortete: „Oh, wenn unser Herr das dächte, wenn ich Ihm begegne!« Sie sehnte sich sehr nach dieser Begegnung: „Wenn man eine Person intensiv liebt, so wünscht man sich sehr, mit ihr zusammen zu sein. Warum sollte man sich also vor dem Tod fürchten? Er führt uns doch zu Gott.« Und denen, die ihr vorhielten, dass das Letzte Gericht dennoch etwas sei, wovor man sich fürchten sollte, erwiderte sie: „Dann tun Sie doch jetzt, was sie dann gern getan haben möchten. Wir bereiten doch unseren Urteilsspruch selber vor.«

Dieses unerschütterliche Vertrauen half ihr, die Leiden ihrer letzten Lebenstage zu ertragen. Während ihrer Agonie erlebte sie die schrecklichen Jahre der Sklaverei noch einmal; sie flehte die Krankenschwester, die bei ihr war, mehrmals an: „Lockern Sie bitte die Ketten ein wenig ... sie tun mir so weh!« Zum Schluss kam jedoch die die Gottesmutter, um sie endgültig von ihrem Leid zu erlösen. Die letzten Worte der Sterbenden lauteten: „Unsere Liebe Frau! Unsere Liebe Frau!« Und auch ihr letztes Lächeln zeigte, dass sie endlich der Gottesmutter begegnet war. Sie starb am 8. Februar 1947 im Kloster von Schio. Der Konvent umgab sie mit seinem Gebet; viele Menschen kamen, um die „kleine schwarze Mutter« noch einmal zu sehen und sie zu bitten, sie vom Himmel aus zu beschützen.

Etwas Wesentliches

Mutter Giuseppina Bakhita wurde am 1. Oktober 2000 von Papst Johannes-Paul II. heiliggesprochen und 2007 von Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe salvi als Vorbild der Hoffnung vorgeschlagen. Diese Enzyklika enthält im übrigen eine Bemerkung, die besondere Aufmerksamkeit verdient: „Noch eine für die Dinge des Alltags nicht ganz unerhebliche kleine Bemerkung möchte ich anfügen. Zu einer heute vielleicht weniger praktizierten, aber vor nicht allzu langer Zeit noch sehr verbreiteten Weise der Frömmigkeit gehörte der Gedanke, man könne die kleinen Mühen des Alltags, die uns immer wieder einmal wie mehr oder weniger empfindliche Nadelstiche treffen, ‚aufopfern' und ihnen dadurch Sinn verleihen. In dieser Frömmigkeit gab es gewiss Übertriebenes und auch Ungesundes, aber es ist zu fragen, ob da nicht doch irgendwie etwas Wesentliches und Helfendes enthalten war. Was kann das heißen: ‚aufopfern'? Diese Menschen waren überzeugt, dass sie ihre kleinen Mühen in das große Mitleiden Christi hineinlegen konnten, so dass sie irgendwie zu dem Schatz des Mitleids gehörten, dessen die Menschheit bedarf. So könnten auch die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltags Sinn gewinnen und zum Haushalt des Guten, der Liebe in der Menschheit beitragen. Vielleicht sollten wir doch fragen, ob solches nicht auch für uns wieder zu einer sinnvollen Möglichkeit werden kann« (Nr. 40).

Im Lichte dieser vorsichtigen Anregung des Heiligen Vaters können wir - geleitet von Maria, dem Stern der Hoffnung - getrost auf dem Weg des Lebens weitergehen.

Dom Antoine Marie osb

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