Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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6. Mai 2009
Marienmonat


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Anlässlich des 350. Gründungstages der Société des Missions Étrangères de Paris (Gesellschaft des Pariser †Missionsseminars) schrieb Papst Benedikt XVI. am 11. Mai 2008 Folgendes an deren Generaloberen, P. Etcharren: „Es gab zahlreiche Missionare, die keine Mühe gescheut haben, um die Liebe Gottes unter den Völkern Asiens – auf manchmal heroische Art und Weise - zu bezeugen.« Das trifft in besonderer Weise auf François Pallu, der sein Leben inmitten ständiger Schwierigkeiten der Missionierung des Fernen Ostens geweiht hat.

François wurde am 31. August 1626 in Tours geboren. Sein Vater Étienne war Rechtsberater und Anwalt am Berufungsge?richt von Tours, der Stadt, deren Bürgermeister er zugleich war. Von seiner Mutter Marguerite hieß es, sie sei „eine starke Frau, die ihr Brot nicht in Müßiggang verzehrt«. Sie brachte insgesamt achtzehn Kinder zur Welt, von denen mehrere in jungem Alter starben; unter den übrigen gab es vier Priester und drei Ordensschwestern. François fiel bereits sehr früh durch seinen Hang zum Guten auf, denn er war von sanftem, bescheidenem und frommem Wesen; so entschied er sich für den geistlichen Stand und wurde als Kanoniker in der Saint-Martin-Basilika aufgenommen. Erst studierte er in Tours, dann in Paris. In der Hauptstadt Frankreichs freundete er sich mit einer Gruppe frommer junger Leute aus Klerikern und Laien an, die eine Vereinigung unter dem Schutz der Jungfrau Maria gründeten. Er wurde im Sommer 1650 zum Priester geweiht.

François' Eltern wünschten sich, dass er als Kanoniker in der Stadt Tours bleibt. Er jedoch zögerte: Sollte er still und ruhig im Stall des heiligen Martin verbleiben wie zwei seiner Onkel väterlicherseits? Oder sollte er einem Orden beitreten, vielleicht sogar Jesuit werden, wie zwei seiner Brüder? Er ging in sich und suchte immer wieder bei Exerzitien und durch intensives Beten nach Antwort. Die Kanoniker von Saint-Martin brachten ihm ungewollt die ersehnte Lösung. Da sie wussten, dass François überaus umsichtig war, betrauten sie ihn mit einer rechtshängigen Sache in der Hauptstadt. In Paris traf er seine Freunde von der Marienkongregation wieder, die nunmehr vom Jesuitenpater Jean Bagot geleitet wurde. Dieser machte François im Januar 1653 mit seinem Ordensbruder Alexandre de Rhodes bekannt, der die Kirchen von Tonking und Cochinchina so vorzüglich organisiert hatte. Man sagte, er habe über hunderttausend Heiden getauft. Da wiederholt mit einer Vertreibung der Europäer gedroht worden war, war er zu Papst Innozenz†X. gereist und hatte ihn um die Entsendung von Bischöfen gebeten, die einen einheimischen Klerus heranbilden könnten. Der Bischof der in portugiesischem Besitz befindlichen Provinz Macao stand nämlich allein vor der Aufgabe, die größte Diözese der Welt zu verwalten: China mit seinen vierhundert Millionen Seelen!

„Die Entscheidung liegt nicht bei uns!«

Pater de Rhodes sollte nun im Auftrag des Papstes nach drei Priestern Ausschau halten, die vor der erdrückenden Aufgabe, die Kirchen in Asien zu organisieren, nicht zurückschrecken würden. Er war von den geistigen Söhnen Pater Bagots so angetan, dass er zu diesem sagte: „Ah, Pater, jetzt habe ich die Kandidaten gefunden, die Gott für unsere Mission bestimmt hat!« Als die jungen Männer von ihrem Mentor gefragt wurden, antwortete François für alle: „Die Entscheidung liegt nicht bei uns. Befehlen Sie, und Sie können sicher sein, dass Ihr Wort befolgt wird; wir vertrauen uns voll und ganz Ihrer Umsicht an.« François versicherte seinem Vater, der mit dem Plan seines Sohnes nicht recht einverstanden war, er sei von Gott in die Mission berufen worden; diesem Ruf könne er sich nicht entziehen, „ohne gegen sein eigenes Gewissen zu verstoßen und sein Heil aufs Spiel zu setzen.« Am Grab des Apostels von Paris, des hl. Denis, gelobte François, sein Leben „für das Heil der Seelen und die Bekehrung der Ungläubigen einzusetzen.«

Dieses großherzige Opfer ist ein Vorbild, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Denn „die missionarische Verkündigung der Kirche wird heute (...) durch relativistische Theorien gefährdet«, bemerkt die Kongregation für die Glaubenslehre in einer Schrift vom 14. Dezember 2007. Es „ist eine Situation entstanden, in der vielen Gläubigen das eigentliche Ziel der Evangelisierung nicht klar ist. Es wird sogar behauptet, dass der Anspruch, die Fülle der Offenbarung Gottes als Geschenk empfangen zu haben, eine Haltung der Intoleranz und eine Gefahr für den Frieden in sich berge« (Nr. 10). Kürzlich erklärte Papst Benedikt XVI. in einer Ansprache: „In der Tat haben die Christen der werdenden Kirche ihre missionarische Verkündigung nicht als Propaganda aufgefasst, die dazu dienen sollte, ihre eigene Gruppe zu vergrößern, sondern als eine innere Notwendigkeit, die aus dem Wesen ihres Glaubens folgte: Der Gott, dem sie glaubten, war der Gott aller, der eine, wirkliche Gott, der sich in der Geschichte Israels und schließlich in seinem Sohn gezeigt und damit die Antwort gegeben hatte, die alle betraf und auf die alle Menschen im Innersten warten. Die Universalität Gottes und die Universalität der auf ihn hin offenen Vernunft ist für sie der Grund der Verkündigung und zugleich die Verpflichtung dazu. Für sie gehörte ihr Glaube nicht der kulturellen Gewohnheit zu, die je nach Völkern verschieden ist, sondern dem Bereich der Wahrheit, die alle gleichermaßen angeht« (Ansprache im Collège des Bernardins in Paris, 12. September 2008).

Das Gefühl der Katholizität

Um die Evangelisierung Asiens voranzutreiben, fiel die Wahl der Kongregation „De Propaganda Fide« im Jahre 1658 auf François Pallu (32 Jahre), Pierre Lambert de la Motte (34 Jahre) und Ignace Cotolendi (28 Jahre). Papst Alexander VII. bestätigte die Entscheidung; so wurde François am 17. November in Rom zum Bischof geweiht und anschließend zum Apostolischen Vikar von Tonking (Nordteil des heutigen Vietnams) sowie zum Administrator für die chinesischen Provinzen sowie für Laos ernannt. Die Ernennung verlieh den neuen Bischöfen das Recht und erlegte ihnen die Pflicht auf, in den Fernen Osten zu reisen; sie sorgte allerdings nicht für die Reisekosten. Nach Paris zurück?gekehrt bat Bischof Pallu den König sowie einige Familien um Unterstützung, die ihm auch gewährt wurde; so rief er all diejenigen zu sich, die sich im Rahmen der neugegründeten Gesellschaft der Mission weihen wollten. Die angehenden Missionare ließen sich in Paris nieder, wo sie sich in aller Stille geistig und geistlich vorbereiten konnten. Bischof Pallu machte sie mit den Weisungen der Heiligen Stuhls vertraut: Sie sollten sich den jeweiligen Landessitten und -bräuchen anpassen und einen einheimischen Klerus heranbilden, der baldmöglichst seine eigenen Bischöfe hervorbringen solle. Vor allem sei dafür zu sorgen, dass das Gefühl der Katholizität und die Liebe zum Heiligen Stuhl sowie zur Einheit um den Papst bei den Einheimischen fest verankert werde. Die Apostolischen Vikare erhielten einen besonderen Auftrag: „Achten Sie vor allem darauf, dass während Ihrer Reise niemand Ziel und Zweck Ihrer Sendung erfährt. Aus diesem Grunde sollten Sie Ihren Namen und Ihr Benehmen ändern und in erster Linie Ihre Bischofswürde verheimlichen.« Diese 1659 von den römischen Behörden an die Gründer des Pariser Missionsseminars erteilten Weisungen zeigen deutlich, wie gefährlich deren Aufgabe war. Zu den Besch?wernissen der Reise und zur Unkenntnis der Gegenden, durch die der Weg der Missionare führte, kam noch die Feindseligkeit der beiden großen Kolonialmächte jener Zeit hinzu, Spaniens und Portugals, deren Herrscher die Missionstätigkeit in Amerika und Asien kontrollierten. Die Gründung der Missions Étrangères diente ja auch dem Zweck, die Evangelisierung der Völker von politischen Interessen zu trennen.

Brückenschlag zwischen Europa und Asien

Die drei frischgebackenen Apostolischen Vikare reisten getrennt, jeder in Gesellschaft einiger Priester und Laien. Lambert schiffte sich im November 1660 als Erster ein. Achtzehn Monate später landete er in Mergui in Siam, dem heutigen Thailand. Cotolendi kam nur bis Indien, wo er im August 1662 an Erschöpfung starb. Nachdem Bischof Pallu das Missionsseminar der Gesellschaft in der Nähe von Paris etabliert hatte, bestieg er mit seinen Gefährten am 2. Januar 1662 ein Schiff in Marseille. Sie beschlossen, sich ab Aleppo in Syrien als „Türken« zu verkleiden. Um bestimmten Christen, die den Erfolg der Unternehmung zu vereiteln suchten, aus dem Wege zu gehen, mussten sie sich nämlich in die Hand muslimischer Führer begeben. Auf der über zwei Jahre währenden Reise wurde die Missionarsgruppe von manch einem Schicksalsschlag getroffen. Mehrere Begleiter Bischof Pallus starben. „Ich hoffe«, schrieb er, „dass das auf Sie die gleiche Wirkung hat wie auf uns, denn durch die Barmherzigkeit des Herrn erfüllt uns die Schar unserer toten Brüder nicht mit Schrecken und entmutigt nicht unser Herz (obwohl ihr Tod uns sehr nahegeht), sondern wir fühlen unseren Mut und unsere Kraft wachsen, um das Werk fortzusetzen, das die Güte Gottes gnädig in unsere Hände gelegt hat.« Der Bischof schrieb an eine große Wohltäterin der Mission: „Der Brückenschlag hat begonnen; wir sind überglücklich, dass wir – aber auch unsere lieben Söhne - mit unserem Leib und unseren Knochen als Pfeiler dienen konnten, um die Brücke zu befestigen und einen freien Weg für die mutigen Missionare zu bahnen und zu ebnen, die dereinst kommen werden, um auf diesen so fruchtbaren Feldern eine reiche Ernte zu einzufahren.«

Anfang September 1663 schiffte sich Bischof Pallu in Masulipatam an der Ostküste Indiens nach Tenasserim ein, einem Hafen an der langgestreckten Malaiischen Halbinsel. Die Überfahrt dauerte wegen schwerer Stürme länger als geplant; es fehlte an Nahrungs?mitteln. Schließlich landeten der Bischof und seine Gefährten am 27. Januar 1664 in Ayutthaya (nördlich von Bangkok), der Hauptstadt des Königreichs Siam, wo ausländische Priester absolut sicher an Land gehen konnten, da die christliche Religion völlige Freiheit genoss. Siam wurde zum ausländischen Zentrum der Missionierung Vietnams, wo damals eine Verfolgungs?welle wütete. Bischof Pallu hielt zusammen mit dem Apostolischen Vikar von Cochinchina (Südteil Vietnams), Lambert de la Motte, und seinen Priestern eine Synode in Siam ab, um die Lage zu studieren; sie erarbeiteten gemeinsam die „Instruktionen zur getreuen Erfüllung des apostolischen Amtes«. Im Text ging es um drei Themen: die Heiligung des Missionars durch das Heil der Christen, die Bekehrung der Ungläubigen und die Organisation der Kirchen. Die Versammlung beschloss auch die Gründung eines Seminars zur Ausbildung eines einheimischen Klerus. Schon bald waren die Missionare von der außergewöhnlichen intellektuellen Wendigkeit der jungen Vietnamesen beeindruckt. Sie lernten rasch in lateinischen Buchstaben lesen und schreiben; die Älteren konnten bald das Evangelium kommentieren, die Jüngeren sehr kompetent Katechismusunterricht erteilen.

Auf Anregung Lambert de la Mottes hin gedachte Bischof Pallu eine religiöse Kongregation zu gründen; er entwarf die großen Linien dieser Einrichtung, die er von Rom genehmigen lassen wollte. Doch dabei ergab sich ein ziemlich heikles Problem in Bezug auf das Verhältnis zwischen den Missionaren, die verschiedenen religiösen Orden angehörten, und den Missions?bischöfen: Welche Autorität konnten die von Rom ernannten Bischöfe über diese Ordensleute für sich beanspruchen? Manche von ihnen unterstützten ja die Politik ihres Heimatlandes und widersetzten sich den von der Propagandakongregation entsandten französischen Missionaren. Zudem waren neue Freiwillige für die Mission in Asien zu rekrutieren. Diese Fragen und manche andere konnten nicht durch einfache Briefe gelöst werden.

Geduldig die Stunde Gottes abwarten

Im Januar 1665 erwies es sich als unumgänglich, dass einer der beiden Bischöfe wieder nach Europa zurückkehrt. Sollte sich Bischof Pallu nach zwei Jahren Anreise und nur einem Jahr Aufenthalt im Fernen Osten tatsächlich auf die Rückreise begeben? Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. „Die Bande der Pflicht, der Zuneigung und des Mitleids zu diesen verwaisten Seelen«, schrieb er, „empfand ich als sehr mächtig; und der Gedanke an eine Trennung von ihnen war für mein Herz überaus schmerzlich.« Die Schwierig?keiten der Reise kannte er zu gut, um sich ihnen aus purer Abenteuerlust erneut aussetzen zu wollen. Nichtsdestoweniger überwand er seinen Widerwillen und fasste einen heroischen Entschluss: Er musste sich auf die Reise machen, um die Mission, die ihnen anvertraut worden war, auf eine solide Grundlage zu stellen. Nach einer zwei Jahre und drei Monate währenden Reise kam Bischof Pallu gesund und wohlbehalten ausgerechnet in dem Augenblick in Rom an, als Papst Alexander VII. starb. Er musste noch mal zwei Jahre warten, bis er von Papst Clemens IX. die erhofften Antworten erhielt. Am 4. Juli 1669 wurde Siam zum Apostolischen Vikariat erhoben. Die „Instruktionen« wurden gänzlich genehmigt: Der Heilige Stuhl erklärte sie für „von apostolischem Geist erfüllt«, und die Propa??ganda?kongregation ließ sie auf ihre Kosten drucken. Das mehrfach nachgedruckte Werk diente den Priestern der Missions Étrangères dreihundert Jahre lang als Vademekum. Die geplante religiöse Kongregation hingegen wurde abgelehnt, da man sie für zu streng und berufungshemmend hielt. Bischof Pallu fand sich damit ab und schrieb an seinen Kollegen Lambert: „Ich möchte lieber sterben als die vorgegebenen Grenzen auch nur um ein Jota zu überschreiten, geschehe es auch nur, um dem Heiligen Stuhl gegenüber den Respekt und den Gehorsam zu erweisen, den ich ihm schulde und den ich mein ganzes Leben lang bewahren will.«

Im Frühjahr 1670 ging Bischof Pallu in Nantes mit einer Gruppe frisch rekrutierter Missionare an Bord eines Schiffes der Französischen Ostindienkompanie, das an der Westküste Afrikas entlang segelte. Im Oktober wurde die Situation tragisch: Von den insgesamt hundert Männern der Mannschaft waren über siebzig dem Skorbut zum Opfer gefallen und auf See bestattet worden. Die Missionare mussten aushelfen. Anfang November landeten sie am Kap der Guten Hoffnung. Anschließend brauchten sie 42 Tage bis Madagaskar, da sie in Sturm gerieten und der Mast dabei brach. Dort fiel ein Missionar dem äußerst mörderischen Klima zum Opfer; zwei weitere standen an der Schwelle des Todes, konnten jedoch gerettet werden. Aus Siam kamen indes gute Nachrichten: Bischof Lambert de la Motte hatte die ersten vietnamesischen Priester geweiht, und es gab zahlreiche Bekehrungen. Bischof Pallu musste sechs Monate auf Madagaskar ausharren. Das Warten wurde sein wichtigstes Opfer: Sobald er einer dringenden Notwendigkeit gewahr wurde, breitete sich stets ein Meer von Hindernissen vor ihm aus, und er machte die Erfahrung, dass man geduldig die Stunde Gottes abwarten musste. Er legte sich daher, ohne zu hadern, einen klösterlichen Lebens?rhythmus zu, betete, arbeitete und versuchte sich als Seelsorger nützlich zu machen, bis schließlich die Tür langsam aufging; doch hinter der ersten Tür folgte stets eine zweite und dann eine dritte. Bischof Pallu hatte es nie eilig; er hatte sich stets in der Hand und legte eine unerschöpfliche Geduld an den Tag. Schließlich war er es, der die widrigen Kräfte und Elemente besiegte; da er seinen Weg gegen alle Widrigkeiten und Widerstände fortsetzte und dabei weder Zeit noch Mühe scheute, konnte er ihn auch tatsächlich zu Ende gehen.

Umgehend erhört

Die Missionare kamen schließlich im Mai 1673 in ihrem Haus in Ayutthaya an: nach einer über drei Jahre langen Reise! Für Bischof Pallu lautete das Ziel jedoch nicht Siam, sondern Tonking – ein für Missionare noch feindliches Land. Er hoffte, in das Land einreisen und sich dort mit zwei Priestern zusammentun zu können. 1674 bestieg er ein französisches Schiff: Es geriet bald in einen Tornado und entging nur knapp dem Untergang. „Oh! Wie gut und heilsam ist es, mitunter in Situationen zu geraten«, schrieb er, „in denen man am eigenen Leib erfährt, wie nah Gott all denen steht, die Er in Seiner Gnade so schult; denn in einer solchen Notlage kann man sich nur noch an Ihn allein wenden. Danach bleiben in der Seele eine nie zuvor gekannte Kraft, Ruhe und Zufriedenheit zurück; das veranlasste den heiligen Franz-Xaver inmitten aller Gefahren, denen er ausgesetzt war, zu der Aussage, er bitte Gott nur um Befreiung, um danach aus Liebe zu Ihm noch größeren Gefahren zu begegnen.« Bischof Pallu wurde umgehend erhört. Nach dem Tornado war das Schiff praktisch unbrauchbar; durch ein Leck floss das Wasser schneller hinein als die Pumpe bewältigen konnte. In diesem Zustand konnte es unmöglich die weit entfernte Küste Tonkings erreichen. Es musste die Philippinen ansteuern. Auf spanischem Gebiet Zuflucht zu suchen, hieß aber, sich in den Rachen des Löwen zu stürzen.

Ohne am Boden zerstört zu werden

Der Apostolische Vikar von Tonking wurde von den zivilen und kirchlichen Behörden zunächst sechs Monate lang in Manila festgehalten; dann beschlossen sie, die ganze Sache an den in Madrid ansässigen Hohen Rat für Indien zurückzuverweisen, wo Bischof Pallu seine Sache selbst vertreten sollte. Dafür hatte er also diese weite Reise auf sich genommen! Für den Bischof bedeutete das fünf oder sechs weitere Jahre Reisen und Diskutieren in einem Verfahrenslabyrinth. Für die Mission kam das nicht nur ungelegen, es war eine Katastrophe. Der Bischof wurde dringend in Tonking erwartet, denn die Missionare hatten fünfundzwanzig Priesteramtskandidaten rekrutiert, und die ersten sollten gleich nach seiner Ankunft geweiht werden. Andere wären entweder in blinde Wut verfallen oder hätten völlig den Mut verloren; Bischof Pallu konnte auf Grund seiner Seelenkraft diese erneute Enttäuschung hinnehmen, ohne davon am Boden zerstört zu werden. Die Reise führte diesmal in Richtung Osten über Mexiko. Gleich nach Ankunft des Apostolischen Vikars in Spanien baten die Regierung Ludwigs XIV. und Papst Innozenz XI. den Madrider Hof um seine rasche Freilassung, die auch bald gewährt wurde. 1677 reiste Bischof Pallu von Madrid nach Rom, um seine Mission gegen das portugiesische Patronat zu verteidigen, und erwirkte die notwendigen Verfügungen für die Organisation der Kirche im Fernen Osten.

1680 wurde Bischof Pallu von seiner Verantwortung für die Mission von Tonking entbunden und zum obersten Administrator der Mission in China sowie zum Apostolischen Vikar von Fo-Kien ernannt. Nach einem Aufenthalt in Paris reiste er mit neuen Missionaren und weiteren Hilfsgeldern nach Siam. Im Juni 1683 brach er von dort in Begleitung eines Priesters auf dem Seeweg nach China auf; doch ihre Dschunke wurde gekapert und zur Insel Formosa umgelenkt. Als der Bischof nach monatelanger Gefangenschaft schließlich freigelassen wurde, setzte er seine Reise fort und erreichte im Januar 1684 China, das Land seiner Träume, wie er sagte. Doch bereits in den ersten Monaten seines Aufenthalts zeigten sich die ersten Anzeichen der Krankheit, an der er schließlich starb. Als Bischof Pallu sein Ende nahen fühlte, empfahl er die Mission Papst Innozenz XI. und Ludwig XIV. Den Apostolischen Vikaren sowie den Leitern des Pariser Seminars ließ er Ratschläge zum reibungslosen Funktionieren der Gesellschaft überbringen und legte ihnen besonders die Einigkeit untereinander ans Herz: „Solange die Liebe in der Missionsarbeit regiert, wird alles gut gehen, und das wird das Hauptanliegen meiner Gebete und meiner Bitten sein, sobald ich vor unseren Herrn trete.«

Bischof Pallu starb am 29. Oktober 1684 an einer Entzündung der Atemwege in Mo-Yang in der Provinz Fo-Kien. Er wurde in der Nähe des Dorfes am Fuße des „Heiligen Berges« beerdigt; seine sterblichen Überreste blieben vorerst dort, bis sie 1912 in das Exerzitienhaus der Missions Étrangères de Paris nach Hong-Kong überführt wurden. Es ist und bleibt erstaunlich, dass ein Missionsbischof sein ganzes Leben auf Reisen zubrachte, ohne auf seinem eigenen Arbeitsfeld tätig werden zu können. Doch der Auftrag des Herrn an Bischof Pallu bestand darin, stabile Gründungen ins Leben zu rufen, damit Andere dort nach einem von ihm entworfenen Plan Großartiges vollbringen können. Die Pariser Missionsgesellschaft hat seit ihrer Gründung 4273 Priester in die Mission entsandt. 177 starben eines gewaltsamen Todes; von diesen wurden 23 heilig- und 2 seliggesprochen.

Papst Benedikt XVI. sprach in seiner Predigt vom 14. September 2008 in Lourdes folgenden Wunsch aus: „Im Gefolge der großen Glaubensboten Eures Landes möge der missionarische Geist, der im Lauf der Jahrhunderte so viele Männer und Frauen Frankreichs erfüllt hat, weiterhin Euer Stolz und Eure Aufgabe sein!«

Dom Antoine Marie osb

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