Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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1. April 2009
Passionszeit


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Die Kirche ist das Werk Christi, das Werk, in dem Er weiterlebt, in dem Er sich widerspiegelt und durch das Er †in der Welt immer gegenwärtig ist. Sie ist Seine Braut, der Er sich voll und ganz hingegeben hat ... Wenn Gott die Kirche so sehr liebte, dass er Sein Leben für sie opferte, dann bedeutet das, dass sie auch unsere Liebe verdient« (Johannes-Paul II., 3. März 1983). Am 24. April 1988 sprach Papst Johannes-Paul II. Francisco Palau selig, einen Karmelitermönch, der der Kirche mit einer einzigartigen Liebe zugetan war.

Francisco Palau kam am 29. Dezember 1811 als siebtes von neun Kindern in einer katalanischen Bauernfamilie aus Aitona (Lérida, Spanien) zur Welt. Die fest im Christentum verankerte Familie Palau führte trotz aller Härten der französischen Besetzung des Landes unter Napoleon ihr bäuerliches Leben - so gut es ging - weiter. Francisco wollte Priester werden und wurde 1828 in das Seminar von Lérida aufgenommen. Vier Jahre später beschloss er, den Karmelitern beizutreten. Sein Noviziat begann am 23. Oktober 1832, und er legte bald danach unter dem Namen „Francisco de Jesus-Maria-Jose« die Ordenstracht an. Ungeachtet der strengen Observanz stand im Kloster nicht alles zum Besten. Einige der Brüder waren ganz in den Bann der damals modischen revolutionären Ideen geraten. Zudem drohten die revolutionären Kräfte damit, die religiösen Orden aufzulösen. Gleichwohl legte Francisco ohne zu zögern am 15. November 1833 seine Ordensprofess ab.

Am 25. Juli 1835 wurde das Kloster, in dem Francisco lebte, im Zuge von geschickt gegen die Ordensleute gelenkten Ausschreitungen verwüstet. Francisco konnte durch ein Fenster entkommen und fand bei einer Witwe Zuflucht, die ihn in einem Schrank einsperrte; doch das Haus wurde ebenfalls von den Aufrührern heimgesucht. Als einer von ihnen den Schrank öffnen wollte, brach er den Schlüssel im Schloss ab und musste unverrichteter Dinge abziehen. Im März 1836 wurden die religiösen Orden von der Regierung verboten; das war der Auftakt zu unzähligen gewalttätigen Übergriffen in ganz Spanien. Die Gefängnisse bevölkerten sich mit Bischöfen und Priestern, und immer mehr Kirchenbesitz geriet unter den Hammer. Im Juli 1843 schließlich gelangte wieder die gemäßigte Partei an die Regierung und versuchte, den Kontakt zu Rom wieder aufleben zu lassen.

Francisco wurde er am 2. April 1836 zum Priester geweiht und übte sein Amt zunächst in der Pfarrge?meinde San Antolín in Aitona aus. Bald begann für ihn in seiner Eigenschaft als Priester eine lange Reihe von Prüfungen und Rückschlägen. Im Juni 1837 wurde ihm die Berechtigung zum Abnehmen der Beichte sowie zum Predigen entzogen; ab März 1838 durfte er zwar wieder die Beichte hören, aber nicht predigen. Offenbar eckte er mit seiner zu energischen und undiplomatischen Sprache öfter an. Er lernte nach und nach, diesen Charakterzug zu korrigieren, doch es sollte ihm nie ganz gelingen.

Gott lässt es geschehen

Im August 1838 wurde er vom Zivilgouverneur von Lérida in Aitona unter Hausarrest gestellt, denn er wurde beschuldigt, im Beichtstuhl Propaganda gegen den Thron gemacht zu haben. Er zog sich daraufhin in eine Höhle zurück. Das bußfertige und kontemplative Leben, das er dort führte, ging vielen Leuten zu Herzen, einigen aber auch gegen den Strich: Eines Nachts drangen drei Personen bei ihm ein, um ihn zu töten. Dem Pater gelang es mit wenigen Worten, sie davon abzubringen. Sie beichteten alle bei ihm, bevor sie gingen. Der erzwungenen Untätigkeit überdrüssig, fuhr Pater Palau zusammen mit seinem Bruder sowie einem Seminaristen nach Tortosa, von wo aus er bei Gemeindemissionen in Katalonien als Prediger wirkte. Als er dann erkannte, dass sich die politische Situation von Neuem zuspitzen würde, beschloss er, nach Frankreich zu emigrieren, und ging am 21. Juli 1840 über die Grenze. Um sowohl von der französischen Regierung als auch von seinen ebenfalls im Exil lebenden Landsleuten unabhängig zu bleiben, entschied er sich, als Eremit zu leben. Er sann über die Situation der Kirche in Spanien nach: über die getöteten Priester und Ordensleute, die gebrandschatzten Kirchen, Klöster und Bibliotheken, die verbrannten Handschriften, die beschädigten Kunstwerke, die gemeinsten Verleum?dungen, um die Kirche beim Volk in Verruf zu bringen. „Wie soll man begreifen, dass Gott das zulässt?«, fragte er sich. „Der Glaube lehrt uns, dass es Jesus Christus weder an Macht noch an gutem Willen fehlt ... Wieso stillt Er nicht den Sturm, wenn Er es doch nur zu befehlen bräuchte? Über dieses Geheimnis grübele ich unaufhörlich nach ...« Und er schloss: „Nur das Beten kann die spanische Kirche vor dem Schiffbruch retten.«

Doch die Kämpfe zwischen den rivalisierenden Gruppen, von denen Spanien zerrissen wurde, griffen bald auch auf Frankreich über; um ihnen zu entgehen, machte Pater Palau eine Rundreise durch die Bergregionen der Départements Aude und Tarn. Anfang 1843 ließ er sich zusammen mit seinem Bruder und einigen jungen Spaniern in einer Höhle inmitten eines dichten Waldes nieder, der einer befreundeten Familie in der Diözese Montauban gehörte. Auf Anhieb gewann er das Vertrauen des Generalvikars, der ihm erlaubte, Beichten zu hören. Er durchstreifte die Gegend mit dem Kruzifix in der Hand, und viele Leute kamen zu ihm – die einen aus materiellen, die anderen aus spirituellen Bedürfnissen heraus, aber alle auf der Suche nach Trost.

Als eine ehemalige Klarissin und ein junges Mädchen Pater Palau zu ihrem geistlichen Mentor nahmen, gründete er eine kleine kontemplative Frauengemeinschaft. Bald gesellten sich zwei weitere junge Mädchen dazu. Im Frühjahr 1846 überquerte Pater Palau erneut die Pyrenäen und fuhr nach Aitona. Ein Jahr später kehrte er jedoch wieder nach Frankreich zurück, wo er sich neuen Widernissen ausgesetzt sah, die auf das Verhalten einiger seiner spanischen Gefährten zurückzuführen waren, die während seines Spanienaufenthaltes in Frankreich geblieben waren. Pater Palau zog sich daraufhin an einen noch abgelegeneren Ort zurück und lebte wieder als Einsiedler. Er wurde vor dem Bischof von Montauban verleumdet und verteidigte sich nur um der Ehre seines Priesteramtes willen. Gleichwohl unterwarf er sich den Anordnungen des Bischofs, indem er etwa darauf verzichtete, die Messe zu lesen. Da der Konflikt nicht auf gütlichem Wege gelöst werden konnte, kehrte er im April 1851 nach Spanien zurück.

Die „Schule der Tugend«

Der Pater begab sich nach Lérida, doch man wollte ihn dort nicht haben. Daraufhin lenkte er seine Schritte nach Barcelona, wo er vom Bischof väterlich aufgenommen wurde. Bis zum März 1852 betreute er die jungen Mädchen, deren geistlicher Mentor er war und die er „Tertiarierinnen vom Karmel« nannte; dann wurden die beiden kleinen Gemeinschaften in Lérida und Aitona auf Befehl des Zivilgouverneurs aufgelöst. Mit seinem Bruder Juan und einigen Gefährten zog sich der Pater wieder einmal in eine Höhle zurück: Sie führten dort ein Leben der Buße. Bald rief ihn jedoch der Bischof von Barcelona anlässlich einer neuen Evangelisierungsmission zu Hilfe und vertraute ihm die geistliche Betreuung seiner Seminaristen an. Der Pater organisierte eine Art Dauermission, einen Gesprächskreis, der sich jeden Sonntag systematisch mit dem katholischen Glauben beschäftigte. Diese Katechese wurde später „Schule der Tugend« genannt. Ihr Ziel bestand darin, das Volk mit der Kirche, die Wissenschaft mit dem Glauben, die Politik mit der Religion zu versöhnen und den Geist des Christentums in die Institutionen überfließen zu lassen.

Der erste Teil des Programms griff in der Form eines Katechismus die Abhandlung des hl. Thomas von Aquin über die Tugenden auf. Der zweite Teil behandelte die Soziallehre der Kirche: Hier wurden die Rechte der Person, der Familie und der Verbände erarbeitet. Der Pater ermahnte die Menschen, ihre zeitlichen Pflichten nach Maßgabe des Evangeliums zu erfüllen, und erklärte angesichts des Vorwurfs der Aufklärungs?feindlichkeit an die Adresse der Kirche, dass diese den intellektuellen und materiellen Fortschritt den Christen sogar zur Pflicht mache. „Sache der Laien ist es, kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen«, mahnt das II. Vatikanum. „Ihre Aufgabe ist es also in besonderer Weise, alle zeitlichen Dinge mit denen sie eng verbunden sind, so zu durchleuchten und zu ordnen, dass sie immer Christus entsprechend geschehen und sich entwickeln und zum Lob des Schöpfers und Erlösers gereichen« (Lumen gentium, 31).

Der Friede Christi

In der Großstadt Barcelona, in der die „Schule der Tugend« ihren Anfang nahm, waren Reichtum und Erfolg der einen mit dem Leid und dem Elend der anderen erkauft. Nach Ansicht von Pater Palau war es aber für den Frieden und das zeitliche wie das geistliche Wohl der Völker absolut notwendig, dass die sozialen Rechte anerkannt, bejaht, respektiert und geschützt werden. „Das christliche Leben schlägt sich nicht nur in persönlichen, sondern auch in sozialen und politischen Tugenden nieder«, sagte Papst Benedikt XVI. am 13. Mai 2007. Ohne dass das Liebesgebot Christi von Herzen befolgt wird, meinte Pater Palau zurecht, kann es hier auf Erden keinen Frieden, keine wahre und dauer?hafte Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Freiheit geben. Und er hatte eine beeindruckende Resonanz: Es strömten bis zu zweitausend Leute in die Kirche, in der sonntagnachmittags über Liebe und Gerechtigkeit den Arbeitern und den Arbeitgebern gegenüber gesprochen wurde, wo man dem Schüler wie dem Lehrer die Wahrheit verkündete, wo sowohl der Arzt als auch der Anwalt sich von der Harmonie zwischen Wissenschaft und Offenbarung überzeugen konnten. Viele verunsicherte Menschen fanden dabei ihren Frieden wieder.

Leider glaubten manche Angehörige der herrschenden Schicht, dass in der „Schule der Tugend« sozialistische Ideen verbreitet würden. 1854 kam es in Barcelona zu Arbeiterstreiks. Die Militärbehörde sprach ein Verbot gegen die „Schule der Tugend« aus, da sie beschuldigt wurde, bei diesen Streiks eine tragende Rolle gespielt zu haben. Obwohl die Arbeiter sowie die Verantwortlichen der Weberinnung daraufhin als Fürsprecher der Schule auftraten, verfügte der Gouverneur am 6. April die sofortige Verbannung Pater Palaus auf die Baleareninsel Ibiza. Der Pater erlaubte sich die Bemerkung: „Wenn die Politik die Religion nicht angetastet hätte, wie wir ja auch darauf verzichtet hatten, uns in die Politik einzumischen, hätte die Schule der Tugend friedlich ihren Weg weiter verfolgen können.« Papst Benedikt XVI. schrieb viel später: „Die Kirche ist Anwältin der Gerechtigkeit und der Armen, eben weil sie sich weder mit den Politikern noch mit Parteiinteressen identifiziert. Nur wenn sie unabhängig ist, kann sie die großen Grundsätze und unabdingbaren Werte lehren, den Gewissen Orientierung geben und eine Lebensoption anbieten, die über den politischen Bereich hinausgeht. Die Gewissen zu bilden, Anwältin der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu sein, zu den individuellen und politischen Tugenden zu erziehen – das ist die grundlegende Berufung der Kirche in diesem Bereich« (13. Mai 2007).

„Wie ein sinkendes Boot«

Auf Ibiza litt Pater Palau zutiefst unter seiner erzwungenen Untätigkeit. So verwandelte er das Brachland, das ihm überlassen worden war, mit zwei treuen Gefährten in einen Obst- und Gemüsegarten. Daneben betreute er die Bewohner der Insel als Seelsorger. Während der Verbannung gewann sein spirituelles Leben an Tiefe. Er verstand nun viel besser, was die Gottesliebe und die Nächstenliebe miteinander verbindet: „Wenn die Liebe einzig und allein nach Gott sucht, da sie glaubt, dass Gott auch unabhängig vom Nächsten genügt, so bleibt sie stecken und tritt auf der Stelle; ginge sie nicht weiter, um sich auch auf den Nächsten auszudehnen, so würde sie vom spirituellen Egoismus aufgezehrt und zugrunde gerichtet.«

Erst am 30. August 1860 wurde in einer katholischen Zeitung den Bewohnern Barcelonas mitgeteilt, dass „die Regierung die berechtigten Anträge des weisen und tugendhaften Priesters (Pater Palau), der seit so langem unter einer ungerechten Verfolgung gelitten hatte, positiv beschieden hat; die hohen Volksgerichte haben seiner Unschuld volle Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

1860 wurde Francisco Palau eine mystische Vision zuteil: Ihm erschien die Kirche in der Gestalt eines jungen Mädchens. Die Kirche wandelt hier auf Erden als reine Jungfrau und fruchtbare Mutter zugleich; in ihren fehlbaren Mitgliedern erscheint sie zudem auch als Sünderin. In ihr wächst das Unkraut der Sünde bis zum Ende der Zeiten inmitten der guten Saat des Evangeliums (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 827). Im Bewusstsein dieser Wahrheit sprach Kardinal Ratzinger am 25. März 2005 folgendes Karfreitags?gebet: „Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist. Und auf deinem Ackerfeld sehen wir mehr Unkraut als Weizen. Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen. Wir selber verraten dich immer wieder nach allen großen Worten und Gebärden. Erbarme dich deiner Kirche: Auch mitten in ihr fällt Adam immer wieder. Wir ziehen dich mit unserem Fall zu Boden, und Satan lacht, weil er hofft, dass du von diesem Fall nicht wieder aufstehen kannst, dass du in den Fall deiner Kirche hineingezogen selber als Besiegter am Boden bleibst. Und doch wirst du aufstehen. Du bist aufgestanden – auferstanden und du kannst auch uns wieder aufrichten. Heile und heilige deine Kirche. Heile und heilige uns« (Kreuzweg, Neunte Station).

Ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Kirche

Doch trotz aller Schwächen ihrer Glieder ist die Kirche an sich heilig: „Die Kirche ist heilig, weil der heilige Gott ihr Urheber ist. Christus hat sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen und heiligend zu machen. Der Heilige Geist belebt sie mit der Liebe. In ihr ist die Fülle der Heilsmittel vorhanden. Die Heiligkeit ist die Berufung aller ihrer Glieder und das Ziel aller ihrer Tätigkeiten. In der Mitte der Kirche befinden sich die Jungfrau Maria und viele Heilige als Vorbilder und Fürsprecher. Die Heiligkeit der Kirche ist die Quelle der Heiligung ihrer Kinder, die sich hier auf Erden alle als Sünder bekennen und ständig der Umkehr und der Läuterung bedürfen« (Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium, 165). Bei der Verteidigung der Kirche tat sich Pater Palau als leidenschaftlicher Kämpfer hervor: Er fühlte sich von der Liebe dazu gedrängt, von seinem Wunsch, dieser aus lebendigen Steinen, seinen Brüdern, erbauten Kirche zu dienen. Er sagte später, all sein Beten, sein ganzes apostolisches und kontemplatives Handeln hätten einem einzigen Ziel gedient: ihn in Glauben, Liebe und Hoffnung mit der Kirche zu vereinen. Für ihn war die Kirche Christus: „betrachtet und geliebt nicht als ein einzelnes Individuum, sondern als das Haupt eines Leibes, eines Ganzen«, ein Mysterium, das eher als eine Glaubenswahrheit gelebt werden sollte, der einzige Weg zum Heil. Die Einheit mit der Kirche ist das intimste Mittel der Vereinigung mit Christus, der in einzigartiger Weise in der Eucharistie gegenwärtig ist.

„Ich muss von einem Ende Spaniens bis zum anderen laufen und mich überall dort, wo sich mir ein Weg auftut, mit aller Kraft für das Heil der Seelen einsetzen«, schrieb Pater Palau. Von diesem Zeitpunkt an gestaltete sich sein Apostolat vielseitiger, intensiver, ohne dass er deshalb das stille Gebet und die Buße vernachlässigte. Bei einer nüchternen Analyse der Situation in Barcelona stellte er fest, dass die Ansiedlung von Industrien Tausende von Menschen mit riesengroßen materiellen und spirituellen Bedürfnissen anzog. Er gründete überall Gruppen aktiver Christen, die zusammen mit den dazugehörigen Pfarrern die sonntäglichen Treffen für die Jugendlichen durchführen konnten, um sie vor Müßiggang und gefährlichen Zerstreuungen zu schützen. Er kämpfte gegen die Unwissenheit, den Aberglauben und den Verlust religiösen Gefühls an. Gleichwohl verlor er die von ihm gegründete Kongregation, die Tertiarier und Tertiarierinnen vom Karmel, nicht aus den Augen. Der männliche Zweig wurde 1860 auf Mallorca gegründet; bald danach ließen sich die Schwestern 1861 auf Menorca nieder. Ohne den kontemplativen Aspekt zu vernachlässigen, übernahm die Kongregation Schulen und widmete sich der häuslichen und stationären Krankenpflege.

Die Missionen auf Ibiza und in der Diözese Barcelona nahmen Pater Palau im Jahre 1865 völlig in Beschlag. Im Dezember 1866 reiste er nach Rom, um die offizielle Anerkennung der Kongregation der Tertiarier und Tertiarierinnen vom Karmel zu beantragen. Bereits am 8. Januar 1867 wurde ihm das Recht eingeräumt, nach vorheriger Zustimmung des örtlichen Bischofs die Ordensgelübde seiner geistigen Söhne und Töchter entgegenzunehmen. Noch im gleichen Jahr legte er die Statuten für seine „Brüder vom Dritten Orden der Jungfrau vom Karmel« schriftlich nieder. Die Brüder – damals sechsundzwanzig an der Zahl – waren auf sechs Häuser verteilt. Dieser männliche Zweig, der dem Pater sehr am Herzen lag, bestand bis zum Bürgerkrieg von 1936 fort, als alle seine Mitglieder, die auf der spanischen Halbinsel arbeiteten, mit einer einzigen Ausnahme bereits bei den ersten Unruhen ermordet wurden. Die aus der ursprünglichen Gründung hervorgegangenen Schwestern bildeten schließlich zwei Frauenkongregationen, die auf vier Kontinenten tätig wurden: die Missionsschwestern vom theresianischen Karmel und die Karmeliter-Missionarinnen.

1868 brachte der Pater die Wochenzeitschrift „El Ermitaño« („der Einsiedler«) heraus, in der er ein echtes Talent zum Polemiker bewies, vor allem, wenn es um die Verteidigung der Kirche ging, denn dann flossen ihm treffsichere Bemerkungen ganz wie von selbst aus der Feder. Sein Sinn für Humor ließ ihn über seine eigenen Abenteuer lachen und schenkte seinen Lesern, die über die Wendung der Ereignisse irritiert waren, wieder neuen Mut. Als Folge der Revolution von 1868 fegte eine weitere Verfolgungswelle über Spanien. Pater Palau wurde zusammen mit mehreren Brüdern und Schwestern Ende Oktober 1870 festgenommen. Nach zwei Monaten Präventionshaft wurde er freigelassen, doch es brauchte noch ein Jahr, bis seine Unschuld richterlich bestätigt wurde.

„Teresa, es ist soweit!«

Aus Angst, sein Lebenswerk unvollendet zu hinterlassen, unternahm der Pater am Ende seines Lebens viele Reisen; es waren mehrere Gründungen in Vorbereitung, doch es fehlte an finanziellen Mitteln und an Personal. Zudem hatten ihn einige Weggefährten verlassen und versuchten nun durch kritische Äußerungen Zwietracht zu säen. Pater Palau ließ sich in einem zentral gelegenen Haus in Tarragona nieder, von wo aus er das ganze Werk leiten wollte. Am 14. Februar 1872 brachte er ein Büchlein mit den Regeln und den Konstitutionen des Dritten Ordens der unbeschuhten Karmeliter heraus. Etwa zur gleichen Zeit begleitete er drei seiner Ordensschwestern nach Calasanz in Aragon, wo eine tödliche Seuche wütete. Ihre aufopfernde Hinwendung zu den Kranken war manchmal geradezu heroisch. Von diesem karitativen Einsatz kehrte der Pater völlig erschöpft nach Tarragona zurück. Er legte seiner Umgebung ein letztes Mal die Kirche ans Herz: „Betet für den Triumph der Kirche, vereint euer Flehen mit den Gebeten des heiligen Josef, denn wir machen ihn so zu unserem Mittler ... Ich habe mich nie auch nur im Geringsten von der Kirche entfernt; in meinen Ansichten habe ich mein Urteil ihr stets unterworfen, denn mir ging es nie um etwas anderes als um die Ehre Gottes.« Die ganze Gemeinschaft versammelte sich in seinem Zimmer. Sein letztes Wort richtete er an die heilige Teresa von Avila: „Teresa, es ist Zeit!« Und mit zum Segen erhobener Hand tat er seinen letzten Atemzug.

Pater Palau war der Jungfrau Maria stets mit kindlicher Verehrung begegnet. 1864 hatte sich ihm die Gottesmutter als die vollkommenste Gestalt der Kirche offenbart. Und als solche stellte er sie auch den Gläubigen dar. „Während aber die Kirche in der seligsten Jungfrau Maria schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzel ist, bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde völlig zu besiegen und so in der Heiligkeit zu wachsen; und daher erheben sie ihre Augen zu Maria« (Katechismus, Nr. 829). Bitten wir Unsere Liebe Frau, sie möge eine unerschütterliche Liebe zur Kirche für uns erwirken.

Dom Antoine Marie osb

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