Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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12. November 2008
Hl. Josaphat, Märtyrer


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Ein Geistlicher der Militärseelsorge von Arras wandte sich eines Tages im Jahre 1886 an Abbé Georges Bellanger und bat ihn um Hilfe bei der Spendung des Bußsakramentes. Der junge Priester sagte zu, ging hin und hatte schon bald seine Berufung entdeckt: den Dienst für die Soldaten. Er bedankte sich bei dem einladenden Amtsbruder: « Ich verdanke Ihnen meine Berufung, denn ich hätte nie gedacht, dass ich mich für den Dienst als Militärpfarrer eigne.» 1998 erklärte Papst Johannes-Paul II. Georges Bellanger auf Grund der Heldenhaftigkeit seiner Tugenden für verehrungswürdig.

Georges wurde am 24. Mai 1861. im Bourbourg in Nordfrankreich geboren. Seine Mutter trug ihn, sobald es ging, in die alte Kirche Notre-Dame des Miracles in Saint-Omer und weihte ihn der Seligsten Jungfrau. Georges Vater starb am 24. Februar 1865 bei einem Unfall und hinterließ sechs Waisen. Die junge Witwe war zunächst stundenlang wie betäubt. Als sie dann allein mit ihrem kleinen Georges am Totenbett stand, sagte sie zu ihm: «Mein Kind, jetzt bist du Waise. Vergiss nicht, dass nunmehr der heilige Josef der Vater in unserem Haus ist!» Im Vertrauen auf diesen mächtigen Schutzpatron nahm Frau Bellanger den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie selbst in die Hand. Sie stand frühmorgens als erste auf und begann den Tag mit einem langen Gebet. Anschließend verteilte sie die Aufgaben an die Landarbeiter und ging dann, wenn irgend möglich, zur Messe in die Kirche. Jeden Tag wurden der Angelus, der Rosenkranz sowie das Abendgebet gemeinsam gebetet.

Ein schwieriges Kind

Um eine Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder zu haben, nahm Frau Bellanger die Taufpatin von Georges, eine Lehrerin, bei sich auf. Diese sagte, ihr Patenkind hätte «viel mehr Probleme gemacht als alle anderen». Georges war in der Tat sehr jähzornig und neigte zum Lügen. Bei der geringsten Widrigkeit wurde er abwechselnd blass und rot, wälzte sich auf dem Boden und schrie. Als Frau Bellanger einsah, dass Strafen kaum eine Wirkung auf den wechselhaften Gesamtcharakter ihres Sohnes hatten, wandte sie sich an Gott um Hilfe und versuchte, Georges durch Glaubenswahrheiten zu formen und gleichzeitig an sein gutes Herz zu appellieren. Als das Kind sieben oder acht Jahre alt war, ließ es sich einmal zu einer schweren Lüge hinreißen. Da nahm ihn seine Mutter auf den Schoß und bat ihn, nie wieder zu lügen. «Weißt du», sagte sie, «ich sähe dich lieber tot!» Dieses Wort hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck im Herzen des Jungen.

Zu den Lieblingsbeschäftigungen von Georges gehörte es, die Messfeier nachzuspielen. Er pflegte «seine Messe» immer zu einer bestimmten Stunde zu zelebrieren, und alle, die im Hause anwesend waren, mussten allen Ernstes daran teilnehmen. Frau Bellanger machte sich diese Neigung ihres Sohnes zunutze, um ihn zum Nachdenken zu bringen, als er wieder einmal in Wut geriet: «Pfui», sagte sie. «Was ist das für ein Bösewicht, der sich zuerst ärgert und dann hinterher die Messe lesen will!...» Die Bemühungen der Mutter fielen auf fruchtbaren Boden; Georges Wutausbrüche wurden immer seltener; und stets folgte echte Reue danach. Von dieser Zeit an interessierte sich der Junge sehr für die Erzählungen des Evangeliums und vor allem für die Rolle der Jungfrau Maria in ihnen.

Im September 1871 kam Georges an das kirchliche Saint-Bertin-Kolleg nach Saint-Omer. Die Trennung von seiner Familie fiel ihm sehr schwer, doch er gewöhnte sich rasch an das Internatsleben; am meisten Freude machte es ihm, wenn er in der Kapelle beten konnte. Im Unterricht war er gutwillig und sehr ernsthaft, doch es fehlte ihm an Phantasie und noch mehr an Gedächtnis. Am 1. Juni 1873 empfing er die Erstkommunion, am 18. Juli dann das Sakrament der Firmung. In den darauf folgenden Ferien bemerkte eine seiner Cousinen, dass sich sein Charakter völlig geändert hatte: Er war nun vernünftig, folgsam, bescheiden und zuvorkommend. 1876 war Georges fünfzehn Jahre alt und äußerlich völlig gesund. In seinem Inneren hatte er jedoch einige Probleme. Jede Gewissenserforschung wurde ihm zur Qual, obwohl sie wegen des geregelten Tagesablaufs im Internat eher leicht hätte ausfallen müssen. Seine Beichten waren ängstlich. Glücklicherweise konnte er mit Hilfe seines Beichtvaters diesen schwierigen Zustand bald überwinden.

Nun warteten andere Leiden auf ihn. Bei der Rückkehr von einem Spaziergang zog er plötzlich ein Bein nach. Bald bereitete ihm das Bein heftigste Schmerzen. Der Arzt diagnostizierte eine Coxalgie, eine Tuberkulose des Hüftknochens. Mit der Zeit bildete sich ein für diese Krankheit typischer Abszess. Die Punktionen zur Entleerung des Abszesses waren überaus schmerzhaft. Georges fürchtete sich jedes Mal davor, dass man seine Lage veränderte; sobald er jedoch seinen Rosenkranz in der Hand hielt, fühlte er sich gleich besser. Am 30. Mai 1876 teilten zwei Ärzte Frau Bellanger mit, dass das Ende ihres Sohnes nah bevorstehe. In einer leidenschaftlichen Aufwallung des Glaubens rief sie daraufhin: « Heilige Jungfrau, heile unseren kleinen Georges nur, wenn er ein heiliger Priester wird!» Bereits am 31. fühlte sich Georges völlig geheilt. Er behielt allerdings sein ganzes Leben lang ein Hinken bei.

Zu ernst

Im Oktober 1876 kehrte Georges auf das Saint-Bertin-Kolleg zurück. Sein Blick spiegelte eine gewisse Traurigkeit wider, doch das Leiden hatte ihn reifen lassen. Im Herbst 1879 wechselte er auf das große Seminar nach Arras. Dort machte ihn sein Beichtvater auf seine stets zu ernste Miene aufmerksam und sagte: «Wie verstehen Sie eigentlich den Rat des heiligen Paulus, der ja so ernsthaft war, wie man es sich nur wünschen konnte: Freut euch allezeit im Herrn; nochmals sage ich, freut euch! Euer Edelsinn werde kund allen Menschen? (vgl. Phil 4,4-5).» Georges verstand die Lektion und schrieb in sein Tagebuch: «Ich darf mir nicht einbilden, dass man, um von einer wahren Inbrunst beseelt zu sein, immer von den Dingen Gottes reden muss. Oft muss man sich auch nur fröhlich an Alltagsgesprächen beteiligen, andere Male schweigen und den günstigen Moment abwarten, um ein paar erbauliche Worte zu sprechen.»

Trotz seiner Versuche, geselliger zu wirken, behielt Georges auch hinfort einen Hauch von Traurigkeit bei. Er litt oft unter starken Migräneanfällen, doch er ließ sich davon nicht entmutigen und suchte Kraft in der eucharistischen Anbetung und in der Nähe zu Maria. Am 12. Juli 1885 empfing Georges Bellanger voller Inbrunst die Priesterweihe. Als der junge Priester dann zur Mitarbeit bei der Soldatenbetreuung von Arras eingeladen wurde, gewann er rasch die Sympathie und das Vertrauen der Leute. Viele junge Soldaten kamen aus entfernten Gegenden; sie fühlten sich einsam und verlassen; unzüchtige Zeitvertreibe waren immer eine Versuchung für sie. Mit dem Abbé kamen sie sich wie in einer Familie vor, und die gemeinsamen Abende waren ein Trost für sie. Das Apostolat des jungen Priesters ließ sich in zwei Begriffe fassen: ein Herz für die Soldaten, vor allem für die verlassensten unter ihnen, und die Marienverehrung. Er setzte in erster Linie auf geistliche Mittel, denn er war überzeugt, dass die Soldaten nichts so sehr brauchten wie Gott. Doch auch gesunde Zerstreuungen ließ er zu ihrem Recht kommen und machte dabei auch persönlich mit, indem er z.B. Klavier spielte. Er ließ von Anfang an den Rosenkranz beten und räumte Maria einen Ehrenplatz ein. Im Vestibül des Soldatenheims hängte er ein Bild Unserer Lieben Frau vom guten Rat auf und stellte einen Betstuhl sowie kleines Schildchen dazu, das den Besucher aufforderte, die «Herrin des Hauses» mit einem Gegrüßet seist du, Maria zu begrüßen. Er selbst wurde Mitglied des Dritten Ordens U.L.F. vom Berge Karmel.

Die Männer, die er betreute, waren allerdings nicht immer folgsam. Sie bereiteten ihm manche bittere Stunde, doch er hielt allen Widerständen zum Trotz durch. «Wir versuchen zunächst, die Soldaten zu Maria hinzuführen», schrieb Georges. «Wir drücken ihnen einen Rosenkranz in die Hand, sie beten, und Maria führt sie daraufhin eilends zu ihrem göttlichen Sohn in der Eucharistie.» An anderer Stelle berichtete er: «Bei uns, in unserem Werk, haben wir fast jeden Abend brave Soldaten da, die ihren Rosenkranz auf Knien beten. Ich habe gesehen, die ihn mit gekreuzten Armen beteten ... Was aber fast alle tun, ist, dass sie sich während der langen Stunden, in denen sie tagsüber oder nachts Wache schieben, sozusagen mit Maria unterhalten.» Der Abbé richtete im Soldatenheim eine Kapelle ein und versuchte in den Soldaten die Liebe zur eucharistischen Anbetung und zur heiligen Messe zu wecken: «Wir wollen getreu an der Messe teilnehmen. Das ist der bei weitem wichtigste Akt der ganzen Woche.» Und er berichtete schwer betroffen von folgender Bemerkung eines jungen Offiziers: «Was mich betrübt, was für mich ein Rätsel darstellt, ist, wenn ich sehe wie leichtherzig christliche Soldaten auf die heilige Sonntagsmesse verzichten.»

«Sine dominico non possumus»

Die Haltung der ersten Christen war noch ganz anders gewesen: Im Jahre 304 wurde ihnen von Kaiser Diokletian unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich sonntags zur Eucharistiefeier zu versammeln. In Abitene, einer kleinen Ortschaft im heutigen Tunesien, wurden eines Sonntags neunundvierzig Christen beim Feiern der Eucharistie überrascht. Einer von ihnen namens Emeritus erwiderte auf die Frage des Prokonsuls, warum sie den Befehl des Kaisers missachtet hätten: «Sine dominico non possumus»; das bedeutet: Ohne die Versammlung am Sonntag, bei der wir die Eucharistie feiern, können wir nicht leben. Wegen ihrer Treue zur sonntäglichen Messe wurden diese Christen zum Tode verurteilt. «Das ist eine Erfahrung, an die auch wir Christen des 21. Jahrhunderts denken müssen», sagte Papst Benedikt XVI. am 25. Mai 2005. «Wir brauchen dieses Brot (die Eucharistie), um den Mühen und Anstrengungen der Reise die Stirn zu bieten. Am Sonntag, dem Tag des Herrn, ist die günstige Gelegenheit da, um in Ihm, der der Herr des Lebens ist, Kraft zu schöpfen. Das Gebot zu diesem Fest ist keine von außen auferlegte Pflicht. An der sonntäglichen Messfeier teilzunehmen und sich am eucharistischen Brot zu laben, ist ein Bedürfnis des Christen, der so die notwendige Kraft für den vor ihm liegenden Weg finden kann.»

Das Verhältnis des Menschen zu Gott braucht feste Zeiten zum Beten. Der Sonntag, der der Auferstehung des Herrn gedenkt, ist der Tag des Gebets schlechthin. An diesem Tag feiern wir das Messopfer, das uns das Ostergeheimnis gegenwärtig macht. Dieses Geheimnis wiederum offenbart das Geheimnis der Schöpfung, es ist die Vorwegnahme des ewigen Lebens. Christus vereint sein Opfer mit dem Opfer der Kirche. In der Eucharistie wird das Opfer Christi auch zum Opfer der Glieder seines Leibes: Das Leben der Gläubigen, ihre Lobpreisung, ihr Leiden, ihr Gebet und ihre Arbeit vereinigen sich mit dem vollkommenen Opfer Christi und gewinnen dadurch einen neuen Wert.

Dafür, dass die Gegenwart des Auferstandenen unter den Seinen so verkündet und gelebt wird, wie es sich gehört, reicht das individuelle Gebet der Jünger Christi nicht aus ... Denn diejenigen, die die Gnade der Taufe empfangen haben, sind ja nicht nur als Individuen errettet worden, sondern auch als Glieder des mystischen Leibes Christi. Es ist daher wichtig, dass sie sich versammeln, um die Identität der Kirche voll und ganz zum Ausdruck zu bringen.

Eine regelrechte Pflicht

Zum Gedenken an den Ruhetag Gottes nach der Schöpfung («Gott ... ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er vollbracht hatte» - Gen 2,2) begehen Christen den Sonntag als Ruhetag; sie verzichten auf Arbeiten und Geschäfte, die mit der Heiligung des Tages des Herrn, mit der diesem Tag eigenen Freude und mit der notwendigen Entspannung unvereinbar sind. Der Sonntag gibt den Gläubigen auch Gelegenheit, ihre Zeit Werken der Barmherzigkeit, der Liebe und des Apostolats zu widmen.

In seinem Brief Dies Domini (Der Tag des Herrn) vom 31. Mai 1998 unterstrich Papst Johannes-Paul II. den spirituellen und pastoralen Reichtum des Sonntags: «Er ist in gewissem Maße eine Zusammenfassung des christlichen Lebens und Voraussetzung, es richtig zu leben. Man versteht also, warum der Kirche die Einhaltung des Tages des Herrn am Herzen liegt und diese im Rahmen der kirchlichen Disziplin eine regelrechte Pflicht bleibt. Sie darf jedoch nicht nur als Gebot angesehen werden, sondern sie muss als ein Bedürfnis empfunden werden, das zutiefst in die christliche Existenz eingeschrieben ist. Es ist tatsächlich von grundlegender Bedeutung, dass sich jeder Glaubende davon überzeugt, weder seinen Glauben leben noch am Leben der Gemeinschaft teilnehmen zu können, wenn er sich nicht vor allem durch die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier vom Wort Gottes und vom eucharistischen Brot nährt.»

Abbé Bellangers seelsorgerlicher Eifer zeigte sich auch beim Spenden des Bußsakraments. Eines Tages wurde er von einem jungen Militärpfarrer gefragt: «Wie bringt man die Soldaten zum Beichten?» – «Nun, Sie kennen doch die Geschichte von der Begegnung unseres Herrn mit der Samariterin aus dem Evangelium: Jesus wendet sich dieser Frau zu, spricht mit ihr über ihr Leben und über das, was sie gemacht hat; und genau das ist es, was sie berührt und ihr Herz öffnet ... Machen Sie es doch mit Ihren Soldaten wie der Herr. Sprechen Sie mit ihnen über ihre Familie, über ihre persönlichen Angelegenheiten, und dann sind Sie ganz schnell bei ihrer – wahrscheinlich kranken – Seele. Sie werden bald den Schlüssel zu ihrem Herzen gefunden haben.» Der Abbé schrieb: «Der Priester soll immer daran denken, dass er ohne die Allerseligste Jungfrau nichts vermag ... Er soll also die Gottesmutter immer ‚dabeihaben': durch die wundertätige Medaille oder das Skapulier, die er dem Pönitenten vor der Beichte überreicht, oder durch das Ave Maria, das er unmittelbar vor dem Sündenbekenntnis mit ihm spricht.» Immer wenn er konnte, besuchte der Geistliche die kranken Soldaten im Krankenhaus von Arras. Er erwies ihnen vielerlei Dienste, vor allem aber nahm er sich ihrer Seele an und verhalf manchem von ihnen zu einem guten Tod.

Am 8. März 1891 konnte Abbé Bellanger eine neue und viel größere, auf privatem Grund errichtete Kapelle einweihen. Doch die französische Regierung begann gerade in dieser Zeit systematisch gegen katholische Hilfswerke vorzugehen. Am 23. April wurde der örtlichen Militärbehörde von Paris aus befohlen, die Kapelle zu schließen. Das war ein harter Schlag für den Priester. Er blieb jedoch gefasst und führte seine Soldaten nunmehr nach Arras in die Kirche. Ein Freund stellte ihm den Salon seines Hauses zur Verfügung, damit er dort Gebetsnächte abhalten konnte. Zudem konnte er ein kleines Oratorium in der Nähe seines Büros einrichten. Die Soldaten kamen gerne zum Beten dort vorbei.

Ein anstrengendes Noviziat

Abbé Bellanger liebäugelte mit dem Gedanken, in einen Orden einzutreten. Am liebsten hätte er eine Gruppe von Priestern gesehen, die unter dem Patronat der Gottesmutter Betrachtung und Aktion miteinander verbanden und sich insbesondere um Jugendliche, Soldaten, Arme und Verlassene kümmerten. Er suchte nach einem Werk, das seinem Ideal nahekam, und stieß auf die Kongregation der Brüder des heiligen Vinzenz von Paul, die 1845 von Jean-Léon Le Prévost († 1874) gegründet worden war. Die Brüder übernahmen Patenschaften für junge Arbeiter und arme Kinder, sie übten verschiedene karitative Tätigkeiten zur Rechristianisierung der Gesellschaft aus und versuchten eine christliche Antwort auf die schweren sozialen Probleme zu geben. Februar 1894 stellte sich Abbé Bellanger dem Generaloberen vor. Dank unzähliger Gebete, erhielt er zwei Jahre später schließlich die Erlaubnis von seinem Bischof, sich den Brüdern des heiligen Vinzenz von Paul anzuschließen, aber nur unter der Bedingung, dass er sein Apostolat in Arras fortsetzen würde. Am 4. Mai trat Abbé Bellanger also in Paris in das Noviziat der Brüder ein. Als runder und unabhängiger Charakter war er es gewohnt, sein Leben selbständig zu organisieren; nun musste er sich der ständigen Kontrolle des Novizenmeisters unterwerfen. Trotz allen guten Willens zeichneten sich mitunter die Anstrengung und der Kampf deutlich in seinen Gesichtszügen ab.

Am 2. Juli 1898 legte Abbé Bellanger voller Freude und Frieden seine ersten Ordensgelübde ab. Danach setzte er sein Apostolat in Arras fort und begann mit einem dringenden Appell an sämtliche Klöster Frankreichs, an alle Kinder, an die Seminaristen aller Länder und an alle Priester, für die Soldaten zu beten, wobei er die Priester auch um Messen für sie bat. Im Jahre 1899 schrieb er: «Unsere Soldaten werden dieses Jahr noch Tausende von Messen und Hunderttausende von Rosenkränzen in allen Seminaren bzw. religiösen Bildungsanstalten in Frankreich bekommen ... Wie gütig doch Unsere Liebe Frau vom guten Rat ist, dass sie mir ein Mittel gegeben hat, ganz Frankreich beten zu lassen, ohne dass ich meinen Stuhl dafür verlassen muss!» Angesichts seines apostolischen Eifers bekam er trotz seiner Gebrechen die Erlaubnis seiner Vorgesetzten, Predigten, Exerzitien und Novenen zu halten.

Seine große Verehrung für U.L.F. vom guten Rat zeigte sich darin, dass er ein Kunstwerk in Auftrag gab, um das Bild Marias in der Kapelle der Militärseelsorge besser zur Geltung zu bringen. Es stellte die Madonna als Königin, Behüterin und Mutter dar. Die Freude des Geistlichen war riesig, als Rom den Brüdern des heiligen Vinzenz von Paul erlaubte, den 26. April, das Fest U.L.F. vom guten Rat, mit einer Festmesse zu begehen. Denn er hatte sich ganz und gar der Allerseligsten Jungfrau geweiht, damit durch sie die Huldigung seines ganzen Seins und all seiner Handlungen bei Jesus gute Aufnahme findet. Er zählte auf ihre Hilfe, um den Triumph Jesu in den Seelen der Menschen zu sichern. Seine Gnade lag darin, Maria zu predigen, um Seelen für Jesus zu gewinnen.

Ein großer Teil des Jahres 1899 bestand für Pater Bellanger aus Krankheit und Leiden. Er musste sein Apostolat unterbrechen, um sich zu erholen, und der Arzt empfahl seine Ablösung als Militärseelsorger. Am 25. März 1900 wurde er zum Novizenmeister in Paris ernannt. Diese Ernennung wurde von ihm als sehr schmerzhaft empfunden, denn er wäre lieber zu seinen Soldaten zurückgekehrt; er nahm sie trotzdem an. Er begann damit, dass er sein Amt in die Hände der Gottesmutter legte. Seine Methode bestand vor allem darin, mit gutem Beispiel voranzugehen. Er verriet den Novizen, worauf er sein Leben gründete: auf die Herrlichkeit Gottes. Gott «hat uns in erster Linie dazu erschaffen, dass wir ihn erkennen und ihm dienen», erklärte er ihnen. «Unser Heil darf nicht nur eine Folge von Gottes Reich und Herrlichkeit sein. Im Buch des Lebens steht unser Glück nur auf der Rückseite; auf der Titelseite steht die Herrlichkeit Gottes.»

Ein langer Blick voller Liebe

1901 wurde von der kirchenfeindlichen Regierung Frankreichs ein neues Gesetz über die Kongregationen verabschiedet. Die Brüder des heiligen Vinzenz von Paul beschlossen, lieber ins Exil zu gehen als – wie von diesem Gesetz verlangt - einen Antrag auf Genehmigung zu stellen, der wahrscheinlich abgelehnt worden wäre. Pater Bellanger und seine Novizen fanden Anfang Oktober in Tournai in Belgien Zuflucht. Der Pater machte eine Zeit tiefer spiritueller Anfechtungen durch: Seine Seele wurde von einer schrecklichen Dürre erfasst. Außerdem verschlechterte sich sein Gesundheitszustand erneut. Er erkrankte an Schwindsucht (Lungentuberkulose). Am 12. April 1902 empfahl der Arzt dringend, ihn zur Erholung nach Hause zu seiner Familie zu bringen. Georges Bellanger begriff, dass der Abschied diesmal endgültig war und litt seelisch sehr darunter. Er ließ an einen Freund schreiben: «Ich lasse alles freudlos und traurig über mich ergehen. Meine arme Seele verdient nichts anderes.» In der letzten Juliwoche verschlimmerte sich die Krankheit weiter. Er war nun unbeweglich ans Bett gefesselt: in einer Hand das Kruzifix, in der anderen ein kleines Bild U.L.F. vom guten Rat, auf das er von Zeit zu Zeit einen langen Blick voller Hilflosigkeit, Hingabe und Liebe richtete. Am 16. August gab er während des abendlichen Angelusläutens seine Seele an Gott zurück. «Ich habe nur eine Bitte an meine Novizen», hatte er zu seiner Schwester gesagt: «Sie sollen ihren Rosenkranz nicht vergessen!... Auf meinem kleinen Holzkreuz sollen nur die Worte ‚Ave Maria' stehen.»

Möge Unsere Liebe Frau vom guten Rat uns die Gnade erwirken, dass wir dem Vorbild des verehrungswürdigen Georges Bellanger in seinem eifrigen Einsatz für den Ruhm Gottes und das Heil der Seelen folgen können!

Dom Antoine Marie osb

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