Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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31. Juli 2008
Hl. Ignatius von Loyola


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

August 1943. Im Militärgefängnis von Berlin-Tegel kritzelt ein zum Tode Verurteilter mit ungelenker Hand folgende Zeilen: «Wenn ich ... auch mit gefesselten Händen schreibe, so ist es immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt wäre. Offensichtlich zeigt Gott manchmal seine Kraft, die er den Menschen zu geben vermag, die ihn lieben und nicht das Irdische dem Ewigen vorziehen. Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod sind imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen, ihm seinen Glauben und den freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar.» Dieser «Märtyrer des Gewissens» wurde am 26. Oktober 2007 im Beisein seiner 94-jährigen Frau von der Kirche seliggesprochen.

Franz Jägerstätter wurde am 20. Mai 1907 als uneheliches Kind von Rosalia Huber in St. Radegund, einem nahe der deutschen Grenze gelegenen Dorf in Oberösterreich, geboren und bereits am folgenden Tag getauft. Er wuchs in armen Verhältnissen bei der Großmutter auf. 1917 heiratete die Mutter den Bauern Heinrich Jägerstätter; Franz wurde legitimiert und sollte den Hof seines Stiefvaters erben. Er war ein aufgeweckter Junge, der gerne las, Zither spielen lernte und bei den damals jährlich von Zehntausenden besuchten St. Radegunder Passionsspielen mitwirkte. Franz war nicht fehlerlos und ging keinem Streit aus dem Weg. Mit 20 Jahren arbeitete er in der steirischen Stadt Eisenerz im Erzabbau. Zum ersten mal lebte der junge Mann in einem materialistischen und kirchenfeindlichen Milieu; das führte bei ihm zu einer Glaubenskrise. Eine Zeitlang ging er nicht mehr zur Messe, doch schon bald besuchte er wieder regelmäßig die Kirche; wahrscheinlich nicht intensiv genug, denn er lud sich eine schwere Schuld auf: Im August 1933 wurde Franz Vater einer unehelichen Tochter, um die er sich bis zu seinem Tode kümmerte. Bald darauf beschloss er, ein seriöses Leben zu führen.

Der Wendepunkt

Franz war wegen seiner Hilfsbereitschaft im ganzen Dorf geschätzt und beliebt. Am 9. April 1936 heiratete er Franziska Schwaninger, die als Magd in einem Gasthof arbeitete. Franziska war eine eifrige Christin, die oft zur Kommunion ging und die Herz-Jesu-Freitage feierte, daneben aber auch eine reizende, humorvolle junge Frau. Franz hatte eine kostbare Perle gefunden. Er schrieb später an seine Frau: «Ich hätte nie gedacht, dass die Ehe etwas so Schönes sein könnte.» Dem Beispiel Franziskas folgend, begann auch er öfter zur Kommunion zu gehen; das war der Wendepunkt in seinem geistlichen Leben.

1933 kam es in Deutschland zur Machtergreifung Hitlers, die sofort zu Spannungen in den Beziehungen zu Österreich führte. Der Linzer Bischof Gföllner, zu dessen Diözese St. Radegund gehörte, stellte bereits 1933 die Unvereinbarkeit der katholischen und der nationalsozialistischen Lehre fest. Franz hielt sich an die Richtschnur: kein Kompromiss mit dem Neuheidentum. Am 10. April 1938 stimmte er bei der von den Nazis organisierten Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an Deutschland mit «Nein». Er war der Einzige in seinem Dorf, der das gewagt hatte. Am 17. Juni 1940 wurde Jägerstätter zum aktiven Wehrdienst nach Braunau, dem Geburtsort Hitlers, eingezogen. Auf Antrag seiner Heimatgemeinde wurde er jedoch bald als «unabkömmlich» eingestuft, da er drei kleine Töchter hatte – die Jüngste war gerade geboren. Im Oktober wurde er erneut einberufen, diesmal in die Alpenjägerkaserne nach Enns. Im April 1941 durfte Franz wiederum auf Antrag seiner Heimatgemeinde nach Hause zurückkehren, wo er zwei relativ friedliche Jahre verbringen konnte, wenn auch sowohl seine Frau als auch er die ganze Zeit in Erwartung des gefürchteten Einberufungsbescheides der Wehrmacht lebten.

Franz war kein grundsätzlicher Wehrdienstverweigerer, sondern vertrat die Lehre der Kirche, die heute im Katechismus der Katholischen Kirche folgendermaßen formuliert wird: «Die staatlichen Behörden haben in diesem Fall (wenn die Bedingungen für einen ‚gerechten Krieg' erfüllt sind) das Recht und die Pflicht, den Bürgern die zur nationalen Verteidigung notwendigen Verpflichtungen aufzuerlegen. Diejenigen, die sich als Militärangehörige in den Dienst ihres Vaterlandes stellen, verteidigen die Sicherheit und Freiheit der Völker. Wenn sie ihre Aufgabe richtig erfüllen, tragen sie zum Gemeinwohl der Nation und zur Erhaltung des Friedens bei» (Nr. 2310). Allerdings hatte Franz schon im April 1941 beschlossen, keinem weiteren Einberufungsbefehl des Dritten Reiches zu folgen. Er war nach langer und reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt, dass er sich dann durch die direkte Beteiligung an einem ungerechten Krieg versündigen würde.

In St. Radegund riet man Franz zu einer versöhnlichen Haltung. Doch er verweigerte jede Zusammenarbeit mit dem Regime. Auf der anderen Seite bezahlte er gern seine Kirchensteuern zum Unterhalt der ausgezehrten Kirche und verteilte heimlich Lebensmittel an notleidende Menschen, um nicht den Weg über die offiziellen Wohlfahrtsorganisationen nehmen zu müssen. Franz ging nun täglich zur Messe. Er war bereits seit 1940 Mesner und nahm sein Amt sehr ernst; er riet dem Pfarrer diskret, öfter von den Strafen des Fegefeuers zu sprechen, um die Gemeindeglieder zum Streben nach Vollkommenheit und zur Buße anzuhalten. Sein Rat wurde befolgt. Franz selbst tat Buße, fastete und betete noch mehr. Kraft schöpfte er vor allem aus der heiligen Kommunion. Auf die Frage, «Lässt sich noch etwas machen?», antwortete Franz: «Man kann heute gar häufig hören, da kann man nichts mehr machen, würde einer was sagen, es würde einem nur Kerker und Tod bringen, freilich kann an dem ganzen Weltgeschehen nicht mehr viel geändert werden ... Aber sich selbst zu retten, und vielleicht noch einige Seelen für Christus zu erobern, glaub ich, ist es für uns Menschen nie zu spät, solange wir auf dieser Welt leben.»

Eine umstrittene Entscheidung

Die Entscheidung Franz Jägerstätters, keiner weiteren Einberufung mehr Folge zu leisten, war in seinem Umkreis sehr umstritten. Seine Mutter wies ihn auf die tragischen Konsequenzen hin, die für ihn und seine Familie zu befürchten waren. Pfarrer Josef Karobath versuchte, ihn mit der Behauptung zu besänftigen, man könne am Krieg teilnehmen, ohne zu sündigen, weil es keinen anderen möglichen Weg gebe. «Doch Franz hat mich immer wieder geschlagen mit der Schrift: Wir dürfen nicht das Böse tun, damit das Gute komme (Röm 3,8).» Jägerstätter schrieb im Mai 1942: «Ist denn das heutzutage schon egal, ob man einen gerechten oder ungerechten Krieg führt? Gibt es denn noch viel Schlechteres, als wenn ich Menschen morden und berauben muss, die ihr Vaterland verteidigen, nur um einer antireligiösen Macht zum Siege zu verhelfen, damit sie ein ... gottloses Weltreich gründen kann?» Franz glaubte nicht an den «Kreuzzug gegen den Bolschewismus» (wie die Propaganda den Angriff auf Russland vom Juni 1941 rechtfertigte). Er wusste zwar, dass «der Kommunismus durch und durch pervers» war, wie Pius XI. 1937 gelehrt hatte (Enzyklika Divini Redemptoris), aber er wusste ebenso, dass selbst ein guter Zweck keine unmoralischen Mittel rechtfertigen kann. Die von Hitler in Russland eingesetzten Mittel verstießen nun einmal gegen das Prinzip der Menschlichkeit und der Schonung der Zivilbevölkerung.

Angesichts der großen Anzahl von Soldaten, die an der russischen Front gefallen waren, bemerkte Franz zudem, dass Fahnenflucht nicht weniger gefährlich sei als ein Einsatz an der Ostfront. «Ich glaube, der Herrgott macht es uns jetzt doch ohnehin nicht so schwer, das Leben für unsern Glauben einzusetzen, wenn man bedenkt, dass in diesen schweren Kriegszeiten schon Tausende von jungen Menschen aufgefordert wurden, ihr Leben für den Nationalsozialismus einzusetzen.»

Gott mehr gehorchen

Heute stellt sich die Frage der Verweigerung aus Gewissensgründen vor allem solchen Personen, die Abtreibungs- bzw. Euthanasiegesetze zur Tötung von Menschen anwenden sollen. In seiner Enzyklika Evangelium vitæ vom 25. März 1995 erklärte Papst Johannes-Paul II. zu diesem Thema: «Abtreibung und Euthanasie sind also Verbrechen, die für rechtmäßig zu erklären sich kein menschliches Gesetz anmaßen kann. Gesetze dieser Art rufen nicht nur keine Verpflichtung für das Gewissen hervor, sondern erheben vielmehr die schwere und klare Verpflichtung, sich ihnen mit Hilfe des Einspruchs aus Gewissensgründen zu widersetzen. Seit den Anfangszeiten der Kirche hat die Verkündigung der Apostel den Christen die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber den rechtmäßig eingesetzten staatlichen Autoritäten eingeschärft (vgl. Röm 13,1-7; 1 Petr 2,13-14), sie aber gleichzeitig entschlossen ermahnt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen (Apg 5,29)» (Nr. 73).

Im Februar 1943 verkündete Goebbels den «totalen Krieg»; von da an wurden auch Reservisten einberufen. Jägerstätter erhielt ebenfalls die gefürchtete Einberufung. Während seine Mutter ihn anflehte, er solle nachgeben, verzichtete seine Frau auf jeden Versuch, ihn umzustimmen. Nach Erhalt der Einberufung für den 25. Februar in die Ennser Kaserne schrieb Franz an den damals im Exil lebenden Pfarrer Karobath: «Muss Ihnen mitteilen, dass Sie vielleicht bald wieder eines Ihrer Pfarrkinder verlieren werden ... Da mir eben niemand Dispens geben kann über das, was ich mir bei diesem Verein am Seelenheile Gefahr zuziehen würde, so kann ich halt meinen Entschluss, wie Sie ja wissen, nicht ändern.» Der Priester hatte Verständnis für die Position seines Freundes und stimmte ihm zu.

Franz begab sich zunächst nicht sofort in die Kaserne; er hatte die Idee, sich im Wald zu verstecken. Erst als er sich dann überlegte, dass seine Flucht Repressalien gegen seine Familie provozieren könnte, meldete er sich am 1. März in Enns. Bereits am 2. März sprach er dem Einberufungsoffizier gegenüber die Kriegsdienstverweigerung aus, da er die Grundsätze des Nationalsozialismus ablehne. Am selben Tag schrieb er einen liebevollen Brief an seine Frau, in dem er die Gründe für seinen Entschluss darlegte; der Brief endet mit den Worten: «Ich bete zu Gott, er möge Dir alles gewähren, was Du Dir wünschst, sofern sie zum ewigen Heil dienlich sind ... Wenn Gott es nicht gestattet, dass ich euch hier auf Erden wiedersehe, so hoffe ich, dass wir bald alle im Himmel vereint sein werden.» Er bat Franziska, ihm ein Heftchen über die Erscheinungen der Jungfrau Maria in Fatima zu schicken.

Franz wurde in das Militärgefängnis von Linz überstellt. Dort wurde er von einem Pfarrer Baldinger aufgesucht, der ihm mit dem Argument zum Wehrdienst riet, das Tragen von Waffen sei nicht gleichbedeutend mit der Unterstützung des Naziregimes, sondern sei ein Akt zivilen Gehorsams, der das Gewissen unberührt lasse. Doch Franz hielt an seinem tausendmal vor Gott abgewogenen Entschluss fest: Er konnte Hitler keinen bedingungslosen Gehorsam schwören, wie von jedem Soldaten verlangt. Pfarrer Baldinger bezeugte nach dem Krieg, dass Jägerstätter geistig völlig gesund und von friedlicher Gesinnung gewesen sei: Er habe nichts Fanatisches an sich gehabt. Franz sagte ja oft: «Ich vertraue mich Gott an; will Er, dass ich anders handle, so wird Er es mich wissen lassen.»

Im Herzen des Menschen

Jägerstätter folgte der Stimme seines Gewissens, um Gott zu gehorchen und seine Seele zu retten. «Im Innern seines Gewissens», lehrt das II. Vatikanische Konzil, «entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird» (Gaudium et spes, Nr. 16).

Doch «das Gewissen ist keine autonome und ausschließliche Instanz, um zu entscheiden, was gut und was böse ist»; im Gegenteil, «die Würde dieser Vernunftinstanz und die Autorität ihrer Stimme und ihrer Urteile stammen aus der Wahrheit über sittlich Gut und Böse, die zu hören und auszudrücken sie gerufen ist. Auf diese Wahrheit wird vom ‚göttlichen Gesetz', der universalen und objektiven Norm der Sittlichkeit, hingewiesen» (Johannes-Paul II., Enzyklika Veritatis splendor, 1995, Nr. 60).

Das II. Vatikanische Konzil lehrt: «Bei ihrer Gewissensbildung müssen jedoch die Christgläubigen die heilige und sichere Lehre der Kirche sorgfältig vor Augen haben. Denn nach dem Willen Christi ist die katholische Kirche die Lehrerin der Wahrheit; ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit, die Christus ist, zu verkündigen und authentisch zu lehren, zugleich auch die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem Wesen des Menschen selbst hervorgehen, autoritativ zu erklären und zu bestätigen» (Dignitatis humanæ, Nr. 14).

Er war nicht der Einzige

Anfang Mai wurde Franz in das Militärgefängnis von Berlin-Tegel verlegt. Dort merkte er, dass er nicht der einzige Wehrdienstverweigerer war und dass auch viele andere Gefangene heldenhafte Akte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus vollbracht hatten. Er verhalf mehreren von ihnen zu einer Bekehrung und zur Annahme ihres bevorstehenden Todes. Zu seiner Freude erfuhr er, dass sogar etliche Angehörige der SS sich vor ihrem Tod noch bekehrt hatten. Der Gefangenenseelsorger Heinrich Kreutzberg, der bereits 200 zum Tode verurteilte Katholiken betreut hatte, begegnete Franz mit Achtung und Zuneigung. Dieser, der stets ein gewissenhafter und kompetenter Landwirt gewesen war, brachte auch im Gefängnis seine Liebe zur Familie und seine Sorge um den eigenen landwirtschaftlichen Betrieb zum Ausdruck. Am 12. März 1943 schrieb er an seine Frau: «Es ist bald Zeit, den Hafer zu säen. Wenn Du Fragen in Bezug auf den Hof hast, schreib mir, damit ich Dir raten kann. Gott weiß, dass ich Dir lieber persönlich helfen würde.» Taktvoll fügte er eine kleine Bitte an seinen Schwiegervater an: «Lassen Sie die Meinen nicht zu hart arbeiten, damit ihnen doch ein wenig Zeit zur Besinnung und zum Beten bleibt.»

Jägerstätter hatte durchaus Zeiten der Anfechtung zu überstehen, da er befürchtete, seine Familie könnte seinetwegen verfolgt werden. Seine Frau Franziska tat ihm die Freude, die harte Prüfung, die sie durchmachte, christlich anzunehmen. Sie schrieb ihm am 7. März: «Herzallerliebster Gatte! ... Gottes Wille geschehe, tut es noch so wehe! Deine drei Mädl fragen immer nach Dir ... und bringen Fastenopfer, dass unser Vati bald heimkommen darf.» Am 9. April verfasste Franz einen Brief zum siebten Hochzeitstag an seine Frau: «Wenn ich so Rückschau halte und all dies Glück und die vielen Gnaden, die mir während dieser sieben Jahre zuteil geworden sind, die manchmal sogar an Wunder grenzen, betrachte ... weshalb sollte uns vor der Zukunft so bange sein? Denn der uns bis jetzt erhalten, beglückt hat, wird uns auch weiterhin nicht verlassen. Wir dürfen nur auf das Danken nicht vergessen und im Streben nach dem Himmel nicht erlahmen, dann wird unser Glück fortdauern in alle Ewigkeit ... sollte ich aus dem Leben scheiden – auch über das Grab hinaus. Denn Du weißt es ja, dass ich nicht als Verbrecher hier sitze.»

Die Aufzeichnungen Jägerstätters aus den letzten Tagen lassen innere Kraft und Freiheit erkennen: «Immer wieder möchte man einem das Gewissen erschweren betreffs Gattin und Kinder. Sollte die Tat, die man begeht, dadurch vielleicht besser sein, weil man verheiratet ist und Kinder hat? Oder ist die Tat deswegen besser oder schlechter, weil es Tausende anderer Katholiken auch tun? ... Aus welchem Grund bitten wir denn dann Gott um die sieben Gaben des Heiligen Geistes, wenn wir ohnedies blinden Gehorsam zu leisten haben? Zu was hat dann Gott alle Menschen mit einem Verstande und freiem Willen ausgestattet, wenn es uns, wie so manche sagen, gar nicht zusteht, zu entscheiden, ob dieser Krieg, den Deutschland führt, gerecht oder ungerecht ist?»

Franzens Verteidiger Dr. Feldmann, der alles tun wollte, um seinen Klienten zu retten, konnte vor dem Prozess erreichen, dass der Angeklagte seinen Richtern allein gegenübertreten durfte. Diese redeten ihm zu, «sie nicht zur Fällung des Todesurteiles zu zwingen»; er solle den Dienst in einer Sanitätseinheit akzeptieren. Doch Franz lehnte das Angebot ab, da er bedingungslosen Gehorsam hätte geloben müssen – und das wollte er um keinen Preis tun. Das Urteil des Berliner Militärgerichts vom 6. Juli 1943 stellte fest, die Kriegsdienstverweigerung sei den Reichsgesetzen zufolge eine strafbare Handlung, die angeführten Gewissensgründe seien unzulässig und der Angeklagte sei nicht geisteskrank. Franz wurde folglich zum Tode verurteilt.

«Ich wollte, ich könnte»

Am 12. Juli durfte Franziska ihren Mann besuchen; der Besuch im Beisein des stellvertretenden Pfarrers von St. Radegund, Fürthauer, dauerte zwanzig Minuten. Der etwas kleinmütige Priester versuchte vergeblich, den Verurteilten zum Einlenken zu bewegen, um sein Leben zu retten. Am 8. August 1943 wurde Franz in das Gefängnis von Brandenburg überstellt. Man teilte ihm mit, er sei zum Tode verurteilt worden und das Urteil werde am folgenden Tag vollstreckt. Am gleichen Tag schrieb Franz an seine Familie: «Ich wollte, ich könnte Euch all dieses Leid, das Ihr jetzt um meinetwillen zu ertragen habt, ersparen. Aber Ihr wisst doch, was Christus gesagt hat: Wer Vater, Mutter, Gattin und Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert (s. Mt 10,37).» In seinem Abschiedsbrief, den er einige Stunden vor der Hinrichtung schrieb, fügte er hinzu: «Ich danke auch unserem lieben Jesus, dass ich für ihn so viel leiden durfte und auch für ihn sterben darf. ... Möge Gott mein Leben hinnehmen als Sühnopfer nicht bloß für meine Sünden, sondern auch der anderen.» Und er riet, keine Zorn- und Rachegedanken zu hegen: «Solange ein Mensch am Leben ist, ist es unsere Pflicht, ihm durch die Liebe den Weg in den Himmel zu erleichtern.»

Franz Jägerstätter wurde am 9. August um 16 Uhr enthauptet. Noch am selben Abend sagte Gefängnispfarrer Jochmann zu den österreichischen Schulschwestern aus Vöcklabruck, die eine Klinik in Brandenburg betrieben: «Ich kann Euch nur gratulieren zu diesem Euren Landsmann, der als Heiliger gelebt hat und als Heiliger gestorben ist. Ich habe die Gewissheit, dass dieser einfache Mensch der einzige Heilige ist, der mir in meinem Leben begegnet ist.» Jägerstätters Leichnam wurde auf Anordnung der Behörden eingeäschert. Seine Urne wurde nach dem Krieg auf dem Friedhof von St. Radegund beigesetzt.

Pfarrer Kreutzberg, der Franz in den letzten Tagen seines Lebens begleitet hatte, fragte sich später, woher die Charakterstärke dieses einfachen Mannes komme: «Dieser Mann (lebte) ganz aus den großen Wahrheiten seines katholischen Glaubens heraus ... Wie ihm Gott, Sünde, Tod, Gericht, Ewigkeit, Himmel und Hölle lebendige Wirklichkeiten sind, ja wie er so ganz aus den einfachen Wahrheiten der Sonntagspredigt lebte, wie er sie in seiner kleinen Heimatkirche aufgenommen hatte. Besonders der Gedanke an die Ewigkeit und an die Freuden des Himmels sind ihm eine große Hilfe und ein reicher Trost in all dem schmerzvollen Leid um den Abschied von den Seinen.»

Am 1. November 2007 erklärte der Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn: «Was mich von Anfang an ihm (Jägerstätter) fasziniert hat, war seine Klarsicht und Weisheit. Dieser Mann, der nur Volksschulbildung hatte, hat klarer gesehen als viele Studierte, dass der Nationalsozialismus radikal und zutiefst unvereinbar ist mit dem christlichen Glauben ... Immer wieder wird bis heute die Frage gestellt: Sind dann alle die, die den Militärdienst geleistet haben, von der Kirche verurteilt durch die Seligsprechung dessen, der den Kriegsdienst für Hitler verweigert hat?» Das wäre «ein tiefes Missverständnis, denn Franz Jägerstätter hat selber die klare Antwort gegeben: ‚Mir', sagt er, ‚ist die Gnade gegeben, das zu erkennen, deshalb muss ich meinem Gewissen folgen'.»

Seliger Franz Jägerstätter, bitte für uns, damit wir, geleitet von unserer Mutter, der Heiligen Kirche, der Stimme unseres Gewissens folgen und uns von keiner menschlichen Rücksicht aufhalten lassen.

Dom Antoine Marie osb

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