Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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24. Juni 2008
Geburt des hl. Johannes des Täufers


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Papst Benedikt XVI. sagte am 20. April 2005, einen Tag, nachdem er auf den Stuhl Petri gewählt worden war: «Zu Beginn seines Amtes in der Kirche von Rom, die Petrus mit seinem Blut getränkt hat, übernimmt sein jetziger Nachfolger ganz bewusst als vorrangige Verpflichtung die Aufgabe, mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten. Das ist sein Bestreben, das ist seine dringende Pflicht.»

Die Einheit der Christen ist ein göttliches, übernatürliches Werk, das nur durch Gebet erreicht werden kann. «Für die Einheit zu beten, ist jedoch nicht denen vorbehalten, die in einem Umfeld der Spaltung unter den Christen leben», schrieb Papst Johannes-Paul II. in seiner Enzyklika Ut unum sint vom 25. Mai 1995. «Um dieses Erfordernis neuerlich zu bekräftigen, habe ich den Gläubigen der katholischen Kirche ein für mich beispielhaftes Vorbild vor Augen gestellt, nämlich das der Trappistin Maria Gabriella von der Einheit, die ich am 25. Januar 1983 seliggesprochen habe. Auf Grund ihrer Berufung zu einem Leben in Abgeschiedenheit von der Welt hat Schwester Maria Gabriella ihr Dasein der Meditation und dem Gebet mit dem Schwerpunkt auf dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums gewidmet und es für die Einheit der Christen dargebracht. Genau das ist der Ansatz und Kern jedes Gebetes: die totale und vorbehaltlose Hingabe des eigenen Lebens an den Vater durch den Sohn im Heiligen Geist ... Das Gebet Christi zum Vater ist Modell für alle, immer und an jedem Ort» (Nr. 27).

«Ich konnte nichts hinnehmen!»

Maria Sagheddu wurde am 17. März 1914 als das fünfte von acht Kindern einer Familie in Dorgali, einem Dorf an der Ostküste Sardiniens, geboren. Ihr Vater war Hirte. Ihre Mutter Catarina sorgte für alles; mit sanfter und zugleich fester Hand lenkte sie ihre kleine Welt auf dem Wege liebender Gottesfurcht. Maria war ein fröhliches Kind mit einem flotten Mundwerk, sowohl wenn sie etwas verlangte, was ihr gefiel, als auch wenn sie über etwas schimpfte, was ihr nicht passte. Sie war von klein auf widerborstig und ungeduldig. Sie sagte später selbst von sich: «Als Kind konnte ich nichts hinnehmen, selbst den Kieselsteinen auf dem Weg war ich böse!»

1919 verlor Maria ihren Vater. Die Erstkommunion brachte keine spürbare Änderung in ihrem Benehmen. Trotz ihrer erstaunlichen Lebhaftigkeit vertiefte sie sich gern in Bücher, die sie, ebenso wie das Kartenspiel, viel interessanter fand als Fragen der Frömmigkeit. Aufgeweckt und intelligent, zählte Maria in der Schule zu den Besten. Nach der Grundschule musste sie aber die Schule verlassen, um zu Hause mitzuhelfen. Dabei erwies sie sich als zuverlässig und überaus pflichtbewusst. Die Armut der Familie spornte sie an, sich im Haushalt, beim Wäschewaschen im Fluss, beim nächtlichen Brotbacken und bei der Feldarbeit voll einzusetzen. Sie mochte es allerdings nicht, wenn man sie ermahnte, und gehorchte nur murrend. Ihrer Fehler bewusst, lehnte sie es mit ungefähr 14 Jahren ab, in die Katholische Aktion, eine Vereinigung der Gemeindejugend, einzutreten, da sie sich den Anforderungen eines solchen Engagements nicht gewachsen fühlte.

Maria war knapp 17 Jahre alt, als ihre um ein Jahr jüngere Schwester Giovanna Antonia 1932 starb. Maria hatte sehr an dieser zarten, kränklichen Schwester gehangen, die sie stets liebevoll umsorgt hatte. Sie überlegte sich nun, welchen Sinn sie ihrem eigenen Dasein geben sollte. Und von da an wandelte sich ihr Leben tiefgreifend. In dieser Zeit wurde ihr bewusst, dass Religion vor allem Begegnung mit jemandem bedeutet: mit Christus, der uns zum Vater führt. In seiner Enzyklika Deus Caritas est schreibt Papst Benedikt XVI.: «Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt» (Einleitung). Maria hatte zwar das Mysterium dieser Begegnung nie enthüllt, doch ihre Folgen waren recht offenkundig. Sie vergaß ihren angeborenen Stolz, schloss sich der Katholischen Aktion an, meldete sich als Freiwillige für die Unterweisung kleiner Mädchen im Katechismus, verbrachte viel Zeit mit Beten und wurde auf einmal sanft und rücksichtsvoll.

«Wohin Sie wollen!»

Maria las in der Anleitung zum frommen Leben des hl. Franz von Sales, dass manches junge Mädchen der Welt entsagt und ins Kloster geht. «Warum nicht auch ich?», sagte sie sich. Sie nahm sich zwei Jahre Bedenkzeit und lehnte alle Heiratsanträge ab, die ihr gemacht wurden. Schließlich vertraute sie ihren Plan, ins Kloster zu gehen, dem örtlichen Vikar Don Meloni an, der sie nicht voreilig darin bestärken wollte. Nachdem er in eine andere Gemeinde als Pfarrer berufen worden war, fragte er Maria vor seiner Abreise, in welches Kloster sie denn gehen wolle. «Schicken Sie mich, wohin Sie wollen», antwortete sie. Sie wollte nur dem Herrn gehören, der Ort war ihr gleichgültig. Der Priester empfahl ihr das Trappistinnenkloster von Grottaferrata bei Rom. Als Frau Sagheddu das erfuhr, war sie einverstanden, doch sie nahm es ihrer Tochter übel, nicht früher davon gesprochen zu haben.

Maria trat am 30. September 1935 in das Kloster Grottaferrata ein, obwohl einer ihrer Brüder dagegen war, da er meinte, sie bringe Schande über die Familie. Dort traf sie auf eine neue Welt, die sie stark beeindruckte. «Als im Sprechzimmer das Gitter aufging und ich neue Dinge sah und ungewohnte Worte hörte», schrieb sie an ihre Mutter, «schien sich das Paradies für mich zu öffnen ... Wenn du die Schwestern singen hören könntest, würdest du es für Engelsgesang halten.» Sie erhielt den Namen Maria Gabriella. Ihre Eingewöhnung verlief schrittweise. «Am Anfang ihres Ordenslebens», schrieb eine Schwester später, «war sie noch sehr ungeduldig, das war ihr Hauptfehler. Eines Tages wurde sie auffahrend zur Mutter Novizenmeisterin, weil ihr ein Messer zu klein und zum Schälen ungeeignet schien.» Als die stellvertretende Novizenmeisterin sie im Refektorium darauf aufmerksam machte, dass sie nicht genug Brot aß, kam ihre Antwort postwendend: «Diese Bemerkung können Sie sich sparen; ich esse, was ich will!» Doch solche Ausbrüche konnten die großen Vorzüge ihrer Grundveranlagung nicht vergessen machen: ihre absolute Redlichkeit, ihre bedingungslose Hingabe, die große Bereitschaft, sich zu demütigen und ihre Meinung zu ändern, sobald sie erkannte, dass die Anderen recht hatten. Sie war bereit, überall hinzugehen, wo sie sich nützlich machen konnte.

Schwester Maria Gabriella fürchtete sich einzig und allein davor, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden: «Wenn man mich fortschickt», sagte sie einmal, «so werde ich die Abenddämmerung nutzen, wenn der Zaun unbewacht ist, um die Mauer hochzuklettern und wieder ins Kloster zurückzukehren.» Doch es gelang ihr, sich bei den Schwestern beliebt zu machen, und so stimmten diese dafür, dass sie zur feierlichen Einkleidung zugelassen wurde. Diese fand am 13. April 1936, einem Ostermontag, statt. Sie schrieb an ihre Mutter: «Obwohl ich ein elendes und unwürdiges Geschöpf bin, das Jesus immerfort beleidigt hatte, hat Er mich nicht abgewiesen, sondern in sein Herz aufgenommen. Er, mein Schöpfer, war so gnädig, mich zu seiner Braut zu berufen ... Er wollte mir seine Barmherzigkeit schenken. Wenn ich daran denke, bin ich verwirrt, denn ich sehe die große Liebe Jesu und meine Undankbarkeit: Ich bin nicht so, wie er es möchte ...» Schwester Maria Gabriella hatte den großen Wunsch, sich einfach und ohne Aufsehen durch die Befolgung der Regel zu heiligen. Mehrere ihrer Mitschwestern bezeugten später, dass ihr Leben ganz gewöhnlich verlief. Das galt auch für den spirituellen Bereich: Ihr Gebet war ganz schlicht und hielt keinen besonderen Trost für sie bereit. Als sie das eines Tages der Mutter Äbtissin gegenüber erwähnte, fragte diese: «Möchten Sie besondere Gaben?» – «Nein! Besondere Gaben, nein; sie sind nicht nötig, wenn ich ohne sie ebenso zurechtkommen kann ... Ich werde mein Leben lieben, mag es auch noch so eintönig werden.» Schwester Maria Gabriella bemühte sich um eine intensive innere Einkehr, und ihre Miene wurde extrem ernsthaft. Die Mutter Äbtissin machte sie darauf aufmerksam, dass es angenehmer wäre, wenn sie von Zeit zu Zeit lächeln könnte. Bald danach entspannte sich ihr Gesicht, und die Spannung wich erst einem sanften und gelassenen Gesichtsausdruck, dann einem Lächeln, das sie praktisch nie mehr verließ.

Die Einheit, wie Gott sie will

Am 31. Oktober 1937, dem Christkönigsfest, legte Schwester Maria Gabriella ihre ersten Ordensgelübde auf drei Jahre ab. Sie schrieb an ihre Mutter: «Jetzt bin ich mir sicher, dass ich für immer im Hause des Herrn wohnen kann, und meine Freude darüber ist grenzenlos.» Im Januar des gleichen Jahres hatte das Büchlein von Abbé Paul Couturier, einem französischen Priester und großem Apostel der Einheit, über die «Gebetswoche für die Einheit der Christen» zum ersten Mal seinen Weg in das Kloster von Grottaferrata gefunden. Mit Nachdruck bat der Abbé um das Gebet von Nonnen, damit «die Einheit der Christen, wie Gott sie will, durch die Mittel, die Er wählen wird», Wirklichkeit werde. Eine ältere Nonne hatte dafür ihr Leben als Opfer dargeboten und war einen Monat später verstorben.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts war auf Initiative von L.T. Wattson, einem anglikanischen Geistlichen, eine Gebetswoche ins Leben gerufen worden, um von Gott die Rückkehr aller von Rom abgetrennten Kirchen zur katholischen Einheit zu erbitten. Eine solche Gebetsoktave fand zum ersten Mal zwischen dem 18. und dem 25. Januar 1908 statt, dem damals auf den 18. fallenden Fest der Kathedra Petri in Rom und dem Fest der Bekehrung des hl. Paulus am 25. Januar. 1909 wurde diese Initiative, die rasch großen Anklang fand, vom hl. Papst Pius X. gesegnet. Im folgenden Jahr konvertierte Wattson zum Katholizismus. 1916 weitete Papst Benedikt XV. die Praxis der Gebetswoche auf die gesamte Universalkirche aus. Um die Teilnahme von Protestanten zu erleichtern, nahm das Gebet später die Form einer Bitte um die Vereinigung der Christen an; seit dieser Zeit schlossen sich viele Menschen dieser «Gebetswoche» an und baten Gott um die Einheit, die Christus für seine Jünger wünscht.

Ohne Kompromisse

«Die fehlende Einheit unter den Christen ist gewiss eine Wunde für die Kirche; doch nicht in dem Sinn, dass ihre Einheit nicht da wäre, sondern insofern es sie hindert, ihre Universalität in der Geschichte voll zu verwirklichen» (Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Jesus, 6. August 2000, Nr. 17). Wenn die katholische Kirche die Notwendigkeit einer weiteren Vereinigung der Christen betont, so zieht sie damit die Einheit, die Christus ihr von Anfang an geschenkt hatte und die «unverlierbar» in ihr besteht, nicht in Zweifel (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 820). Ebenso wenig will sie den Inhalt der Offenbarung abschwächen, die ihr von unserem Herrn Jesus Christus anvertraut worden ist: «Es geht in diesem Zusammenhang nicht darum, das Glaubensgut zu modifizieren, die Bedeutung der Dogmen zu ändern, wesentliche Worte aus ihnen zu streichen, die Wahrheit an den Zeitgeschmack anzupassen, bestimmte Artikel aus dem Credo zu streichen mit der falschen Vorgabe, sie würden heute nicht mehr verstanden. Die von Gott gewollte Einheit kann nur in der gemeinsamen Zustimmung zur Unversehrtheit des Inhalts des geoffenbarten Glaubens Wirklichkeit werden. Was den Glauben betrifft, steht der Kompromiss im Widerspruch zu Gott, der die Wahrheit ist. Wer könnte im Leib Christi, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14, 6), eine Versöhnung für rechtmäßig halten, die um den Preis der Wahrheit erreicht würde?» (Ut unum sint, Nr. 18).

Im Januar 1938 flatterte ein weiteres Büchlein zur Einheitswoche ins Kloster von Grottaferrata. Darin war von Menschen die Rede, die ihr Leben als Opfer für die Einheit der Christen dargeboten hatten. Zutiefst gerührt warf sich Schwester Maria Gabriella demütig vor ihrer Äbtissin auf die Knie, um ihre Bitte vorzubringen: «Erlauben Sie mir bitte, mein Leben als Opfer darzubieten ...» Die Äbtissin bat überrascht um Bedenkzeit. Nach einiger Zeit wiederholte die Schwester noch einmal ihr Anliegen: «Mir scheint, der Herr will es so: Ich fühle mich dazu gedrängt, selbst wenn ich nicht daran denken will.» Die Äbtissin riet ihr, zuerst mit dem Geistlichen darüber zu reden, der schließlich dem Opfer zustimmte. Die junge Nonne hielt es nicht für nötig, ein Schriftstück zu verfassen, und bot sich nur im Grunde ihres Herzens als Opfer dar. Schwester Maria Gabriella liebte Jesus Christus leidenschaftlich: Wenn Er sein Leben freiwillig als Opfer dargebracht hatte, um die zerstreuten Kinder Gottes zur Einheit zusammenzuführen (Joh 11,52), so fühlte sie sich nun berufen, ihn aus Liebe auf seinem Opfergang zu begleiten.

Bald nach ihrem Opferakt bekam Schwester Maria Gabriella Schmerzen an der Schulter; ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich, und nach Ostern brachte man sie nach Rom zur ärztlichen Untersuchung; es wurde eine Tuberkulose festgestellt. Sie litt sehr unter der Aussicht, im Krankenhaus bleiben zu müssen: «Ich habe so viel geweint, dass mir die Tränen ausgegangen sind», schrieb sie an ihre Äbtissin ... «Manchmal frage ich mich, ob der Herr mich nicht im Stich gelassen hat. Dann denke ich, dass er ja alle, die er liebt, auf die Probe stellt ... Ich schließe immer mit dem Gedanken, dass ich mich dem Willen Gottes anvertraue.» Einige Tage später fügte sie hinzu: «Ich habe mich ganz und gar meinem Jesus dargebracht und möchte gewiss nicht wortbrüchig werden. Ich bin zwar schwach, aber der Herr, der meine Hinfälligkeit und den Grund für meinen Schmerz kennt, wird mir vergeben, davon bin ich überzeugt.» Anfang Mai befand sie sich bereits «auf dem Kreuz» und besaß keinen anderen Trost mehr als das Bewusstsein, dass sie für die Erfüllung des göttlichen Willens litt.

Ein unteilbarer Schatz

Zwei Wochen nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus wurde Schwester Maria Gabriella in ein Sanatorium verlegt, wo die Lebensbedingungen nicht so belastend waren. Sie war sich ihrer Schwächen weiterhin bewusst: «Ich hatte schon vor langer Zeit gemerkt, dass ich auf spirituellem Gebiet nur ein Zwerg war, denn ich falle beim kleinsten Windhauch um ... Ich möchte stark sein, stark wie Stahl, und bin doch nur ein Strohhalm.» Die Krankheit schritt indessen voran, und da sie nicht aufgehalten werden konnte, bekam die Nonne die Erlaubnis, zum Sterben ins Kloster zurückzukehren. Einerseits befürchtete Schwester Maria Gabriella zwar, dass ihre Anwesenheit in der Gemeinschaft die Schwestern einer Ansteckungsgefahr aussetzte, doch andererseits wollte sie nicht fern von ihrem Kloster sterben. Am 29. Mai kehrte sie schließlich nach Grottaferrata zurück und ergriff alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen, um die Anderen nicht mit ihrer Krankheit anzustecken. Dabei behielt sie übrigens ihren Sinn für Humor und sagte eines Tages zu der Krankenschwester, die ihr etwas zu nahe kam: «Der Herr hat mir den Schatz meiner Krankheit geschenkt, ich will ihn mit niemandem teilen, nicht einmal mit Ihnen!» Die Mutter Äbtissin schlug ihr vor, sie solle sich einen Leitspruch suchen, der ihr in den schwersten Momenten helfen würde. Sie entschied sich für: «Ecce ancilla Domini – Siehe, ich bin die Magd des Herrn!» Sie lebte immer mehr in dem Gefühl, sich ganz dem Herrn ergeben zu haben. Sie wollte weder leben noch sterben, sondern nur annehmen, was Gott ihr schicken würde: «Als ich im Krankenhaus war», sagte sie, «konnte ich mich nicht mit der Trennung von den Anderen abfinden; wenn ich jetzt zum Wohle der Gemeinschaft noch einmal weg müsste, täte ich es, ohne zu zögern.» Manche Stunden waren leichter, und Schwester Maria Gabriella nahm sie einfach so hin. Doch sie erwartete keine mystischen Gnadenerweise: «Gott hat mir keine geschenkt», sagte sie, «weil ich für eitlen Ruhm und Hochmut eine offene Tür bin. Ich möchte keinen Trost, er ist nicht nötig, die Gnade reicht für alles.» Nachhaltigen geistlichen Beistand fand sie im Evangelium des hl. Johannes. Durch das intensive Lesen der Kapitel 12 bis 20 des vierten Evangeliums, und besonders des Kapitels 17 mit dem Gebet Jesu für die Einheit der Jünger, waren die entsprechenden Blätter der von ihr benutzten Bibel ganz vergilbt.

Das Siegel der Glaubwürdigkeit

Eines Tages, als Schwester Maria Gabriella von Schmerzen gequält auf ihrem Bett lag, sagte sie zu Jesus: «Herr Jesus, ich liebe Dich und möchte Dich sehr lieben, Dich für die ganze Welt lieben.» Die Einheit der Christen, für die sich die Trappistin als Opfer dargeboten hat, ist nicht ohne Bezug zur Evangelisierung. «Seit ihren Anfängen war die ökumenische Bewegung eng mit der Evangelisierung verbunden. Die Einheit ist nämlich das Siegel der Glaubwürdigkeit der Mission, und das Zweite Vatikanische Konzil hat mit Bedauern zum Ausdruck gebracht, dass der Skandal der Trennung ‚ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung' ist. Jesus selbst hat am Abend vor seinem Tod gebetet: Alle sollen eins sein..., damit die Welt glaubt (Joh 17,21)» (Kongregation für die Glaubenslehre, 3. Dezember 2007).

Die letzte Nacht von Schwester Maria Gabriella war ein ständiger Wechsel von ruhigen Momenten und heftigen Schmerzen. Einmal stöhnte sie auf: «Ich kann nicht mehr!» Die Mutter Äbtissin fragte: «Wollen Sie das, was Ihnen an Leben bleibt, für die Einheit opfern?» –«Ja!», erwiderte sie vernehmbar. Nach der Vesper am Sonntag des Guten Hirten, dem 23. April 1939, tat sie schließlich lächelnd ihren letzten Atemzug. Irrtümlicherweise ertönte danach statt der Totenglocke eine Festglocke, der sofort sämtliche Glocken der Pfarrkirche mit einem Jubelkonzert antworteten.

Das Vorbild von Schwester Maria Gabriella erinnert uns daran, dass alle Gläubigen für die Einheit der Christen tätig werden können, und zwar zunächst durch die Umkehr des Herzens: «Obgleich nämlich die katholische Kirche mit dem ganzen Reichtum der von Gott geoffenbarten Wahrheit und der Gnadenmittel beschenkt ist, ist es doch Tatsache, dass ihre Glieder nicht mit der entsprechenden Glut daraus leben, so dass das Antlitz der Kirche den von uns getrennten Brüdern und der ganzen Welt nicht recht aufleuchtet und das Wachstum des Reiches Gottes verzögert wird. Deshalb müssen alle Katholiken zur christlichen Vollkommenheit streben und, ihrer jeweiligen Stellung entsprechend, bemüht sein, dass die Kirche, die die Niedrigkeit und das Todesleiden Christi an ihrem Leibe trägt, von Tag zu Tag geläutert und erneuert werde, bis Christus sie sich dereinst glorreich darstellt, ohne Makel und Runzeln» (II. Vatikanum, Unitatis redintegratio, Nr. 4).

Am 19. August 2005 schloss Papst Benedikt XVI. eine ökumenische Begegnung in Köln mit den Worten: «Ich sehe einen tröstlichen Grund zu Optimismus in der Tatsache, dass sich gegenwärtig eine Art geistliches ‚Netzwerk' bildet zwischen Katholiken und Christen der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften: Jeder einzelne setzt sich ein durch Gebet, Überprüfung des eigenen Lebens, Reinigung des Gedächtnisses und Öffnung in der Nächstenliebe. Der Vater des geistlichen Ökumenismus, Paul Couturier, hat in diesem Zusammenhang von einem unsichtbaren Kloster gesprochen, das in seinen Mauern diese für Christus und seine Kirche begeisterten Menschen versammelt. Ich bin überzeugt: Wenn sich eine wachsende Anzahl von Menschen von innen her zutiefst dem Gebet des Herrn, dass alle eins seien (Joh 17,21), anschließt, dann wird ein solches Gebet in Jesu Namen nicht ins Leere gehen.»

Bitten wir die Seligste Jungfrau Maria, die Mittlerin aller Gnaden, diese Einheit der Christen in einer einzigen Herde und unter einem einzigen Hirten (vgl. Joh 10,16) zu erlangen, damit sich der Wille ihres göttlichen Sohnes erfülle.

Dom Antoine Marie osb

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