Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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16. April 2008
Osterzeit


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Auch heute gibt es den Drachen der Offenbarung (s. Offb. 12) « in der Form der materialistischen Ideologien, die uns sagen: Es ist absurd, an Gott zu denken; es ist absurd, die Gebote Gottes zu beachten « Was zählt, ist nur der Konsum, der Egoismus, das Vergnügen. Das ist das Leben. So müssen wir leben « Auch jetzt scheint dieser Drache unbesiegbar zu sein, aber auch jetzt bleibt es weiterhin wahr, dass Gott stärker ist als der Drache, dass die Liebe und nicht der Egoismus siegt!» Diese Worte Papst Benedikts XVI. vom 15. August 2007 werden in der Geschichte Henri Ghéons greifbar, die uns den wundersamen Weg der Gnade in einer aufrechten Seele vor Augen führt.

Henri Ghéon stammte aus einer Familie, wie es sie im Frankreich des 19. Jh. zuhauf gab: Vater Atheist, Mutter gläubige Christin. Ghéon selbst sagte später dazu: «Wie viele Haushalte finden sich damit ab, in zwei entgegengesetzten Welten zu leben: mal in der des Himmelsfürsten, mal in der des Weltenfürsten.» Der 1875 in Bray-sur-Seine, einer Kleinstadt in der Region Île-de-France, geborene Junge wurde, wie es der Brauch war, christlich erzogen. Er pflegte zwischen seiner Mutter und seiner Schwester auf Knien zu beten und ging mit tiefer Inbrunst zur Erstkommunion. Zwei Jahre danach kam mit einem Schlag die dramatische Wende. «Meine Mutter zog sich im oberen Zimmer für die Messe um», berichtete er. «Ich war unten und las. Sie rief mich, ich antwortete jedoch nicht. ‚Komm, mach dich fertig, Henri, wir sind schon zu spät!' Als ich schließlich nach oben ging, sagte sie: ‚Los, du versäumst noch die Messe' « Ich hörte mich antworten: ‚Ich gehe nicht zur Messe « Was willst du, Mama, ich glaube nicht mehr!'» Der Fünfzehnjährige hatte sich entschieden, obwohl er insgeheim nach wie vor seine Mutter am innigsten liebte. Der Sinneswandel des Jungen hatte sicherlich mehrere Ursachen: das Erwachen der Leidenschaften, das schlechte Beispiel des Familienoberhaupts usw. Ghéon selbst nannte später insbesondere die Langeweile, die er in den Religionsstunden des gutmütigen Pfarrers empfand; jener vermittelte eine zu abstrakte Vorstellung vom Glauben und konnte mit dem fesselnden Reiz des geistes- bzw. naturwissenschaftlichen Unterrichts nicht mithalten. Der Glaube blieb dabei auf der Strecke.

Eine ergreifende Kunst

Erwachsen geworden, ließ sich Ghéon als Arzt in seiner Geburtsstadt nieder: «Ich hatte diesen Beruf erlernt, um mir meine Unabhängigkeit zu bewahren, und übte ihn acht Jahre lang ohne Begeisterung, aber getreu aus.» Daneben blieb ihm genug Freiraum zum Schreiben. Für ihn und seine Freunde ging die Kunst über alles und übernahm, wie er sagte, «das herrenlos gewordene Zepter Gottes». Die Schönheit in all ihren Formen – Literatur, Musik, Malerei – war die Herrin, der der Künstler zu dienen hatte. Henri war insbesondere mit André Gide befreundet, einem Schriftsteller ohne Glauben und mit skandalösen Sitten. Und gerade dieser sollte unbeabsichtigt das Heidentum Ghéons ins Wanken bringen, indem er ihn zu einer gemeinsamen Reise nach Florenz einlud. Dort entdeckte Henri Giotto und den seligen Fra Angelico, in deren Kunst er nicht nur Schönheit, sondern auch einen Glauben entdeckte, der aus den ausgezehrten Gesichtern, den züchtig verhüllten Körpern, deren Gesten und Blicken sprach. Empfindsam, wie er war musste er sich zwangsläufig aus der Bahn geworfen fühlen: «In San Marco, wo Christus am Kreuz starb und wo die Heilige Jungfrau in einem kahlen und stillen Flur auf den Engel wartete «, hatten selbst unsere Sinne eine Seele», schrieb er. «Die Kunst hat mich schon früher hingerissen, aber noch niemals so weit nach oben.»

Nach Bray zurückgekehrt, lebte Ghéon mit seiner Mutter – sein Vater war bereits seit mehreren Jahren tot –, seiner jung verwitweten Schwester und seinen beiden Nichten zusammen. Er besaß also eine Familie, ohne sich je die Mühe gemacht zu haben, eine zu gründen, wie er sagte. «Ich hatte die Liebe durch Vergnügen ohne Zukunft ersetzt, um mir die Last einer zu engen Abhängigkeit zu ersparen.» Fra Angelicos Kunst hatte ihn bewegt; nun sollte er dem Leid begegnen. «Zwei Monate nach meiner Rückkehr aus Italien kam meine Mutter, die mich mehr als alles andere auf der Welt liebte und mich seit jeher begleitet hatte, vor meinen Augen bei einem Unfall ums Leben « Ich hielt ihren entstellten Körper in den Armen. Aus kindlicher Pietät begrub ich sie mit eigenen Händen «» Bei der kirchlichen Begräbnisfeier «heftete ich meine Augen auf die vom Priester erhobene Eucharistie, und dachte: ‚Du existierst nicht! Nein! Du kannst nicht existieren; du hättest mir niemals das Liebste genommen «'»

August 1914: Der Weltkrieg brach aus. Henri Ghéon wurde wegen seiner schwachen Gesundheit für dienstuntauglich erklärt. Da er trotzdem die Gefahren mit seinen Altersgenossen teilen wollte, verpflichtete er sich als Arzt beim Roten Kreuz. André Gide empfahl ihm: «Da du an die belgische Front kommst, versuche doch nach Dupouey Ausschau zu halten «» Der Marineoffizier Pierre Dupouey stammte aus einer katholischen Familie, doch er hatte sich von der kirchlichen Lehre losgesagt, «die das Denken und die Moral mit einer unerträglichen Last beschwerte» (der Ausdruck stammt von Gide). 1911 heiratete Dupouey eine junge Christin namens Mireille: Ihr Vorbild bewirkte mehr als alle Bücher und führte ihn zu Gott zurück. Das Leben des Paares spielte sich fortan zwischen der Lektüre christlicher Autoren, dem Empfang der Sakramente und wohltätigen Werken ab. Dupouey hatte den Briefwechsel mit Gide nie abgebrochen, da er hoffte, ihn doch noch für Jesus Christus gewinnen zu können.

Auf wen vertrauen?

Am 25. Januar 1915 konnte Ghéon einen Brief an Dupouey überbringen lassen, als sie beide bei Nieuport in der ersten Frontlinie lagen. Am 28., als man gerade zu einem Angriff rüstete, kam Dupouey selbst. «Entschuldigen Sie, sagte er, ich führe Sie recht weit nach hinten, aber ich muss zu meinen Soldaten, die dort als Reserve liegen « Finden Sie diese Vorbereitung der Artillerie schön?» Sie wurden jedoch schon bald getrennt. Am 31. Januar kam es zu einer zweiten Begegnung, einem sprunghaften Gespräch über den misslungenen Angriff vom Vortag. Militärarzt Ghéon hatte notiert: «Noch nie habe ich so viel an den Tod gedacht – und nicht an meinen.» Dupouey hingegen war nicht enttäuscht: Für den physischen Tod hatte er nur Verachtung übrig; er sprach über Kunst « «Diese Freiheit verblüffte mich», schrieb Ghéon. Am 24. Februar besuchte Dupouey Ghéon überraschend an seinem neuen Posten. Sie erzählten sich gegenseitig aus ihrem Leben. Nichts Vertrauliches, nur Kriegsgeschichten. Das sollte ihre letzte Begegnung sein « Ghéon schrieb: «Ohne es zu ahnen, übernimmt Dupouey die Sorge für meine Seele. Doch es wird zwischen uns keine entscheidende Handlung, keine große Aussprache geben «» Der Anblick des Todes machte ihm zu schaffen; angesichts der vielen Kameraden, die von Granaten zerfetzt worden waren, rief er: «Herr! Das waren Menschen, was hast du aus ihnen gemacht? Was wirst du noch aus ihnen machen? – Wenn ich beten würde, wäre es für die Anderen « Nach der Kriegsbegeisterung nehme ich nun den ganzen Schrecken des Krieges wahr. Und auf wen sollte man in dieser Hölle vertrauen?»

Bei der Ostermesse kursierte die Nachricht, ein Marineoffizier sei gefallen. Henri erfuhr zwei Wochen später: «Kapitän Dupouey ist tot; es muss am Karsamstag passiert sein «» Ghéon holte Erkundigungen ein. Dupouey machte am 3. April gegen 10 Uhr abends seinen Rundgang an der ersten Frontlinie. Während er den Schützengraben besichtigte, wurde er von einer verirrten Kugel mitten in die Stirn getroffen und fiel hin. Er starb sang- und klanglos bei der Erfüllung seiner Pflicht « «Ich kann sagen, dass ich in seinen letzten Lebensmonaten seine Verklärung mitverfolgt habe», sagte der Militärpfarrer. «Er stieg jeden Tag eine Stufe höher. Je näher er dem Tod begegnete, desto weniger schien er ihn zu fürchten. Er hatte jenen vollkommenen Zustand des Gleichmuts erreicht, in dem Leben und Sterben eine Einheit bilden. Mit einem Wort: Er war bereit. Er dachte nur noch an das Osterfest, an die Auferstehung! Gott konnte sich die Freude nicht versagen, ihm diese ganz zu schenken. Lesen Sie doch, was mir seine Frau dieser Tage geschrieben hat «» Ghéon verschlang den Brief: «Dieses Opfer haben wir beide zusammen gebracht. Unser Kleiner hat nun keinen Vater mehr, er hat nichts mehr, ich vertraue ihn dem Vater an «» Seine ersten Gedanken dazu: «Selig die Herzen, für die der Tod das Gegenteil von Nichts bedeutet und deren Liebe über das Grab hinausreicht « Weint man um einen Heiligen?» Er grübelte unaufhörlich über diesen Tod, über diesen Brief nach. Das war die Bresche, durch die die Gnade zu ihm vordringen konnte « Der verstorbene Dupouey konnte nicht ganz tot sein. Wenn er aber weiterlebte, dann musste es Gott geben! Gewiss war in Ghéon der alte Adam der falschen Götter noch durchaus lebendig « Doch Pierre Dupouey hatte seine Frau auf Erden zurückgelassen. Diese dankte Ghéon als Erstes für die Freundschaft mit ihrem Mann. Betroffen antwortete er mit vollkommenem Vertrauen; er schilderte seine Seelenqual und seine überwältigende Dankbarkeit dem gegenüber, der ihm die Tür zum Glauben wieder geöffnet hatte. Mireille schrieb ihm zurück: «Pierre hat sich Gott hingegeben « er betet für Sie. Dort, wo wir, koste es, was es wolle, hinkommen müssen, ruft das Herz Gottes durch die Stimme Ihrer inneren Qual ganz laut nach Ihnen «»

Ein Herz auf dem Wege

Im September 1915 dachte Henri Ghéon am Vorabend einer großen Schlacht an die vielen Menschen, deren Leben geopfert würde, und ertappte sich dabei, wie er nach 25 Jahren Pause zum ersten Mal das Vaterunser betete. Die Schlacht endete in einer Katastrophe; doch der innere Frieden, den er dabei empfand, übertraf jeden anderen Frieden. «Mein Herz ist auf dem Wege, denn es betet und schämt sich dabei nicht « Ich sage: ‚Erlöse uns von dem Bösen'. Ich erkenne also die Sünde an. Ich habe aber nicht vor, meine Sitten zu bessern. ‚Doch wer die Augen und Ohren verschließt aus Angst zu sehen und zu hören, wer dem Wort dessen nicht folgen will, der in seinem Herzen spricht, der wird vom allmächtigen Gott verdammt.' So spricht Angela von Foligno, die ich aus den von Dupouey hinterlassenen ‚Meditationen' kenne « Ich stehe an einem vielleicht entscheidenden Wendepunkt. Am 31. Oktober lud ein bärtiger junger Priester die Soldaten zur Kommunion an Allerseelen ein. Kommunion? Diesen Schritt will ich nicht tun « Wenn mich einer fragt, ob ich glaube, werde ich antworten: ‚Ich glaube, aber ich suche mir aus, was. In der gemeinsamen Kirche habe ich mir eine eigene Kapelle gebaut: Darin gibt es keine Beichte und keine Kommunion, auch kein verpflichtendes Sakrament «' Anders gesagt, wie es mir gefällt « Den Gedanken, mich einem Priester zu nähern, mich vor ihm niederzuknien, weise ich von vornherein von mir wie einen Graus. Ich habe schließlich einen heiligen Freund im Himmel (Dupouey), und er vertritt meine Sache vor Gott!»

Ein von Gott erwählter Dolmetscher

Eines Morgens im November 1915 erhielt Ghéon aus Paris ein Neues Testament, das er bestellt hatte. «Mein Bote ist Protestant, noch dazu ein überzeugter. So hat er mir eine protestantische Ausgabe besorgt « Die Texte bleiben gleich, wer sollte es wagen, sie zu ändern? Wenn Menschen, die sich am meisten über meine Bekehrung wundern, bekennen, dass sie bei mir einen wohl durchdachten Übertritt zum liberalsten Protestantismus noch verstanden hätten, dann rufen sie mir empört zu: ‚Sind Sie etwa kein freier Geist mehr?' - Nein, meine Freunde, ich bin nicht mehr frei von mir selbst, und im Grunde meiner Seele freue ich mich darüber. Gott hat mir einen Dolmetscher seiner Wahl geschenkt; ich werde Gott mit den Augen eines Anderen lesen, so wie ihn die Kirche liest und wie ihn Dupouey las.» Ghéon sah das ganz richtig: «Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen» (II. Vatikanum, Dei Verbum 12). «Ich nahm mir das Evangelium am Tag der stärksten Bombardierung unseres Schützengrabens vor « Als es ruhig wurde, begann ich mit dem Matthäusevangelium: ‚Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.' Von seinen Sünden! « Schmerzerfüllt bekenne ich, dass das Antlitz unseres Herrn mir bis dahin unbekannt war. Ich hatte die Tiefe seiner Liebe, seiner Armut, seiner Reinheit und vor allem seiner Leiden nie ermessen. Der Gott, den ich liebte, war ein Gott des Ruhmes und des Triumphs, kein Gott des Elends und der Demut. Was hatte er gelitten! Das Hundertfache dessen, was ich meine Brüder um mich leiden sehe: Dieser von Sandsäcken erdrückt, jener von Granaten zerfetzt, wer wird sterben oder verstümmelt bleiben « Ein Gott hat all das erlitten!» Ein bisschen später: «Madame Dupouey hat mir die Meditationen über das Evangelium von Bossuet vorgeschlagen « Ich antwortete postwendend. Mein Glaube wird gierig « und kann sich doch nicht dazu durchringen, klein beizugeben. Warum etwas ändern, Herr? Bin ich dir etwa nicht ganz nah? Habe ich mich etwa nicht löblich bemüht? Was willst du noch?» Während eines Fronturlaubs Anfang Dezember in Paris schilderte er seiner erfreuten Schwester den geistlichen Weg, den er zurückgelegt hatte.

An die Front zurückgekehrt, begab sich Ghéon am Sonntag vor Weihnachten in die Kirche. Der Priester pries in seiner Predigt schon im Voraus das Geheimnis des kommenden göttlichen Kindes; er forderte alle Soldaten auf, den Herrn zu loben und an den Tisch des Herrn zu gehen. Diesmal «gab es keine Diskussion, keine Regung des Aufbegehrens. Es stand fest: Ich werde an Weihnachten zur Kommunion gehen. Es war das Werk einer Sekunde. Keine Angst, keine Scheu, kein Stolz und keine Vorurteile mehr». Zwei Tage danach erzählte er dem Priester seine ganze Geschichte: «‚Wenn ich Sie recht verstehe', sagte der Geistliche, ‚sind Sie als Künstler zu Gott gekommen.' – ‚Genau.' – ‚Mein liebes Kind, Gott ist die Vernunft', und er bewies mir, dass der katholische Glaube auf dem Gebiet der Logik unschlagbar ist. ‚Lassen wir uns nicht vom Gefühl irreführen! Selbstverständlich ist das Gefühl eine respektable Angelegenheit und zu seiner Zeit nützlich, aber « Man muss mit dem Verstand glauben.' Was sagte er da? Und ich war aus Liebe gekommen! Nein, nein! Ich brauchte seine Beweise nicht « Es gibt für mich nichts zu beweisen: Ich glaube!» Eine eiskalte Dusche « Ghéon hatte Eile wegzukommen. Im Grunde war er wütend « Dann überlegte er: «Welch wunderbare Weisheit von Gott! Er will klar denkende Diener. Er ist auf der Hut vor falschem Lob.» Der Glaube ist kein Gefühl; er ist, wie Johannes-Paul II. sagt, eine «gehorsame Antwort an Gott « Durch den Glauben gibt der Mensch seine Zustimmung zu diesem göttlichen Zeugnis. Das heißt, er anerkennt voll und ganz die Wahrheit dessen, was geoffenbart wurde, weil Gott selbst sich zu ihrem Garanten macht. Diese Wahrheit « drängt die Vernunft, sich der Wahrheit zu öffnen und ihren tiefen Sinn anzunehmen». Der Gehorsam des Glaubens setzt demnach den Einsatz von «Verstand und Willen» voraus (Enzyklika Fides et ratio 13).

Um zwanzig Jahre jünger

«Von da an hatte ich nur eines im Sinn: die Vorbereitung meiner Generalbeichte. Ich musste in die Kloake hinabsteigen, sie durchwühlen, leeren und bis zum Grund auskratzen. Ein Horror! Ich finde alles in mir. Es gibt vielleicht kein einziges Gebot Gottes oder der Kirche, gegen welches ich in meiner regellosen Existenz nicht mehr oder minder verstoßen habe « Zum verabredeten Termin erscheine ich zitternd wie ein Verdammter - nicht bei dem Gedanken daran, was ich tun werde, sondern daran, was ich gestern noch getan habe: ‚Bleiben Sie bei Ihrer Absicht?' – ‚Ja, mein Vater.'» Zunächst einigten sie sich bescheiden auf den 24. und nicht den 25. Dezember als Tag der Kommunion in einer kleinen einsamen Kirche. «Mein liebes Kind, glauben Sie bloß nicht, dass Sie in eine Art Seligkeit verfallen, wenn Sie unseren Herrn empfangen! Meistens ist die Kraft der Eucharistie nicht spürbar. Sie ist kein Leckerbissen, sondern unser tägliches Brot.» Henri fiel auf die Knie. Beim Beichten seiner Sünden spürte er, wie ein dicker, bitterer Bodensatz sich klumpenweise aus seinem Herzen löste: «Wie unbeschreiblich ist die Wonne eines Herzens, das sich öffnet und sich selbst entsagt! Einem Menschen habe ich alles anvertraut, und ich wurde von Gott erhört: ‚Gehe in Frieden!'» Als Ghéon sich erhob, war er um zwanzig Jahre jünger, um zwanzig Jahre voller Sünden. Er fühlte sich von einem nie gespürten Jubel mitgerissen « Am nächsten Tag in aller Frühe kam die Enttäuschung: Die ausgewählte Kirche war voll von Geistlichen und Soldaten. Der Jubel wich der Ernüchterung: «In diesem Gemurmel gelang es mir nicht, meinen zerstreuten Geist zu konzentrieren.» Er war vom Pater gewarnt worden, doch er hatte nicht gehört. «Welche Folter, wenn man sich sagt: ‚Gott ist in mein Herz herabgestiegen', und nichts zu spüren als Wehmut! Man muss beten, beten. Gott ist da, aber Er schläft «» So verbrachte er den ganzen Tag. Am Abend jedoch kam ein wunderbarer Friede über ihn, und «um Mitternacht feierte Gott sein Fest in mir und sprach zu mir». Pierre Dupouey war im selben Jahr 1915 am Vorabend des Osterfestes gestorben: Die zu Ostern ausgebrachte Saat wurde an Weihnachten geerntet.

Die Kirche braucht die Kunst

Nach dem Krieg kehrte Ghéon nach Paris zurück. Um der Wahrheit zu dienen und am ewigen Heil der Seelen mitzuwirken, brachte er ein Buch heraus, in dem er seine Bekehrung schilderte: L'homme né de la guerre (Der aus dem Krieg geborene Mensch). Der bekehrte Ästhet nahm daraufhin die Schaffung einer in der Tradition der mittelalterlichen «Mysterienspiele» stehenden volkstümlichen Kunst in Angriff. Er gründete den Verein «Compagnons de Notre-Dame», eine Art Laienschauspieltruppe mit deutlich apostolischer Ausrichtung. «Wenn man fähig ist, in den vielfältigen Ausdrucksformen des Schönen einen Strahl der höchsten Schönheit wahrzunehmen, dann wird die Kunst ein Weg zu Gott», sagte Johannes-Paul II. am 18. Februar 2000 vor den Künstlern, die aus Anlass des Jubiläums nach Rom gekommen waren. Er hatte bereits in seinem Brief an die Künstler geschrieben: «Um die Botschaft weiterzugeben, die ihr von Christus anvertraut wurde, braucht die Kirche die Kunst « Christus selbst hat der Entscheidung entsprechend, in der Menschwerdung selbst zur Ikone des unsichtbaren Gottes zu werden, in seiner Verkündigung umfassend von Bildern Gebrauch gemacht» (4. April 1999). Vor und nach jeder Vorstellung standen bei den Compagnons de Notre-Dame Messe, Kommunion und Gebet auf dem Programm; mehrere Schauspieler wechselten von der Bühne in das geweihte Leben über. Ghéon, der je nach Bedarf als Schauspieler, Kostümbildner oder Bühnenarbeiter fungierte, war in erster Linie Stückeschreiber und Regisseur. Er legte dem Publikum einen «Bilderbogen aus dem Evangelium und dem Leben der Heiligen» vor. Über 60 Stücke wurden inszeniert und Frankreich im Ausland sowie gespielt: Der Arme unter der Treppe (Hl. Alexius), Der Komödiant und die Gnade (Hl. Genesius), Das Mysterienspiel Ludwigs des Heiligen usw. Er verfasste auch Gedichte, Romane und Biographien « Ghéon war ein geistvoller Mann von unerschöpflichem Schwung, aber dennoch schlicht, herzlich und freundlich zu jedem.

Er starb krank und einsam im Juni 1944 in einer Pariser Klinik, nachdem ihm von einem Dominikanerpater die letzten Sakramente gespendet worden waren. Er wurde in seinem weißen Ordensgewand beerdigt, denn er gehörte dem Dritten Orden der Dominikaner an und trug als Ordensnamen die beiden Vornamen seines größten Freundes: Pierre-Dominique. Ghéons Beispiel bestärkte die Katholiken: Ihr Glaube war weder «Opium» noch alter Plunder, sondern die entscheidende und allerletzte Wirklichkeit.

In Ghéons Geistlichem Notizbuch steht folgender Eintrag vom April 1917: «Sollte der Glaube die Zuflucht der Schwachen, Kranken und Alten sein? Nein! Extreme Ermüdung und äußerstes Leiden bringen den Menschen nicht zum Glauben, sondern eher zum Aufgeben. Gott als Notnagel enttäuschter Herzen? Eine abscheuliche Gotteslästerung! Gott ist Kraft, Gesundheit und Freude. Der Glaubensakt erfordert Anstrengung; der ungläubige Mensch, dem die Tränen ausgehen, sorgt sich nicht um das Leben und um die Ewigkeit, er will Frieden; nicht den Frieden, von dem das Evangelium spricht, sondern den einer erloschenen Seele, eines entkräfteten Leibes. Die erhabene Kraft der Hoffnung wird dem Menschen nur aus dem Glauben und mit dem Beistand Gottes zuteil!» Wir beten für alle zu Derjenigen, die niemals gezweifelt hat: zur Jungfrau Maria, der Mutter der heiligen Hoffnung.

Dom Antoine Marie osb

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