Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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20. September 2007
Hl. Märtyrer von Korea


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Eines Tages im Herbst 1885 empfing Papst Leo XIII. den Botschafter Merry del Val zu einer Audienz; dieser war nach Rom gekommen, um seinen Sohn Rafael am Schottischen Kolleg vorzustellen. Der Papst, der dem Sohn zum ersten Mal begegnete, erkundigte sich nach dessen Bildungsweg und fragte ihn: «Warum wollen Sie auf das Schottische Kolleg?» Als er die Antwort gehört hatte, sagte er in gebieterischem Ton: «Nein. Nicht auf das Schottische Kolleg, sondern auf die Accademia dei Nobili Ecclesiastici»(die Diplomatenschule des Vatikans). Diese Empfehlung des Stellvertreters Christi sollte die Zukunft des jungen Mannes entscheidend bestimmen.

Rafael Merry del Val wurde am 10. Oktober 1865 in London geboren, wo sein Vater, ein spanischer Diplomat irischer Abstammung, als Botschaftssekretär arbeitete. Rafael legte frühzeitig eine Intelligenz und eine Charakterfestigkeit an den Tag, die seinem Alter weit voraus waren, und zeigte einen natürlichen Hang zur Frömmigkeit. Am Vorbereitungskolleg von Bayliss House in Slough galt er als brillanter Schüler. Der Knabe war ein begeisterter Sportler: Neben Tennis, Kricket, Reiten und Fechten spielte er gerne Schach. Doch in seinem Herzen brannte ein anderer, viel stärkerer Wunsch: Er wollte Priester werden und für das Heil der Seelen sowie die Bekehrung Englands arbeiten. Um ihn auf die Probe zu stellen, fragte ihn sein Vater eines Tages: «Wie willst du zurechtkommen, Rafael, wenn du Priester wirst, wo du doch den Sport, das Spiel und das Reiten so liebst?» Der junge Mann antwortete ohne zu zögern: «Für Gott kann und muss ich alles opfern!» Mit 18 Jahren, als ihm gerade die Jugend mit ihren Versprechungen und ihrem Zauber zulächelte, trat der Sohn des Botschafters in das Große Universitätskolleg von Ushaw ein und begann mit dem Ziel Priesteramt zu studieren.

Nach seinem Philosophiestudium reiste Merry del Val zur Fortsetzung seiner Ausbildung nach Rom. Als junger Kleriker inmitten von Priestern, die sich auf eine diplomatische Laufbahn in der Kirche vorbereiteten, erlegte sich Rafael eine strenge Lebensregel auf: Er teilte seinen Tag zwischen Arbeit und Gebet auf und verzichtete auf die kleinen Freiheiten, die den Schülern eingeräumt wurden. In den Ferien bei seiner Familie kam er mit höchsten Adelskreisen in Berührung. Er hielt sich jedoch soweit wie möglich von Besuchen und Empfängen fern und führte ein zurückgezogenes Leben; durch seine Frömmigkeit erbaute er alle, die sich ihm näherten.

Seine solide Erziehung, die perfekte Beherrschung der wichtigsten europäischen Sprachen und die diplomatische Tradition, die er von seiner Familie geerbt hatte, zogen die Aufmerksamkeit Leos XIII. auf ihn; er wurde mit mehreren wichtigen Missionen betraut. Obwohl er noch kein Priester war, erhielt er den Titel «Monsignore». Ohne sich von den frühen Ehren verführen zu lassen, strebte er selbst nach wie vor an den Altar, da er hoffte, sich dann endlich der Seelsorge widmen zu können. Er wurde am 30. Dezember 1888 zum Priester geweiht; getreu seinem Wahlspruch, Da mihi animas, coetera tolle (Gib mir Seelen, nimm den Rest), verwandte er seine Freizeit für die Kinderseelsorge im bevölkerungsreichen Viertel Trastevere.

Ein durchkreuzter Plan

Am 31. Dezember 1891 wurde der junge Priester von Leo XIII. zum «Päpstlichen Geheimkämmerer» des Vatikans berufen, wodurch er Mitglied der Päpstlichen Familie wurde. Er machte sich nun mit großem Bedauern klar, dass er seinen Plan, Seelsorger zu werden, nicht würde verwirklichen können. Er gehorchte doch dem Willen Gottes und notierte später: «Wenn Gott uns beruft, etwas für Ihn zu tun, so schenkt er uns damit einen Vertrauensbeweis; wir müssen dem getreu Folge leisten und dürfen das Vertrauen Jesu nicht verraten « Man muss auf der Stelle und in vollkommenem Gehorsam der Stimme der Vorsehung folgen und in allem den Willen Gottes sehen. Er weiß besser als wir, was gut für uns ist, und Er wird das, worauf wir scheinbar verzichten, in eine umso größere Gnade wenden.» Einmal erteilte er folgenden Rat: «Es ist völlig unwichtig, ob Ihnen etwas gefällt oder nicht. Wichtig ist nur, dass man erkennt, was der Wille Gottes ist, und sich entsprechend entscheidet « Lassen Sie sich vom lieben Gott von Tag zu Tag führen, in vollkommenem Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit und auf Seine Liebe zu Ihnen «»

Leo XIII. legte Wert darauf, dass Rafael Merry del Val an seiner Seite blieb, um die religiöse Situation in den anglophonen Ländern, insbesondere in England, einschätzen zu können. Der junge Prälat spielte eine wichtige Rolle bei der Abfassung der 1895 vom Papst publizierten Enzyklika, die den englischen Christen die Einheit des Glaubens ans Herz legte. Er fungierte auch als Sekretär der zur Prüfung der anglikanischen Bischofsweihen eingesetzten Kommission. Ergebnis dieser Untersuchung war das apostolische Schreiben Apostolicæ curæ vom 13. September 1896, in welchem Leo XIII. diese Bischofsweihen für ungültig erklärte. Im Oktober 1899 wurde Mgr. Merry del Val zum Präsidenten der Accademia dei Nobili Ecclesiastici, der päpstlichen Diplomatenschule, ernannt und im April 1900 mit 34 Jahren zum Bischof geweiht.

«Seien Sie mutig, der Herr wird Ihnen beistehen!»

Leo XIII. starb am 20. Juli 1903. Die in Rom versammelten Kardinäle wählten Rafael Merry del Val zum Sekretär des Konklaves. Entgegen allen Vorhersagen neigte die Wahl der Kardinäle dem Patriarchen von Venedig, Giuseppe Sarto, zu. Dieser fühlte sich unfähig, das Amt des Kirchenoberhauptes zu übernehmen, und lehnte ab. Mehrere Kardinäle intervenierten bei ihm und baten ihn, die Wahl anzunehmen; schließlich beauftragte der Kardinalsdekan Bischof Merry del Val, den Patriarch zu fragen, ob er bei seinem Nein bleibe und ob er in diesem Fall dem Konklave erlaube, eine öffentliche Erklärung dazu abzugeben. Merry del Val berichtete: «Es war um die Mittagszeit, als ich die stille und dunkle paulinische Kapelle betrat « Ich erblickte einen Kardinal auf dem Marmorboden am Altar kniend, ins Gebet vertieft, den Kopf zwischen den Händen und die Ellenbogen auf ein Bänkchen gestützt. Es war Kardinal Sarto. Ich kniete neben ihm nieder und übermittelte ihm leise die mir aufgetragene Botschaft. Seine Eminenz hob gleich nach meinen Worten die Augen und wandte mir langsam den Kopf zu; sein Gesicht war von Tränen überströmt « ‚Ja, ja, sagen Sie dem Kardinalsdekan bitte, er möge mir diesen Gefallen tun «', erwiderte er sanft. Ich hatte nur noch die Kraft, folgende Worte zu sprechen, die mir spontan über die Lippen kamen: ‚Eminenz, seien Sie mutig, der Herr wird Ihnen beistehen!'» Beim folgenden Wahlgang am nächsten Tag erhielt Kardinal Sarto die erforderliche Anzahl von Stimmen und nahm die Wahl zum Papst an «wie ein Kreuz, um dem Willen Gottes zu gehorchen». Der neue Papst wählte den Namen «Pius X.».

Noch am gleichen Abend suchte Rafael Merry del Val den neugewählten Papst auf, um die an die Staatsoberhäupter gerichteten Briefe mit der offiziellen Bekanntgabe seiner Wahl unterzeichnen zu lassen. Da damit sein Amt beendet war, wollte er sich verabschieden. «Aber Monsignore!», rief Pius X. «Sie wollen mich verlassen? Nein, nein, bleiben Sie, bleiben Sie bei mir. Tun Sie mir den Gefallen.» Angesichts der zurückhaltenden Reaktion seines Gegenübers fügte der Papst hinzu: «Ich bitte Sie, im Amt zu bleiben, bis ich eine Entscheidung gefällt habe. Tun Sie mir den Gefallen. Das ist der Wille Gottes, wir werden gemeinsam arbeiten und gemeinsam leiden für die Liebe und die Ehre der Kirche.» Zwei Monate später wurde Merry del Val von Pius X. zum Staatssekretär und Kardinal ernannt.

Ein bescheidener und heiliger Mann

Die Ernennung eines 38-jährigen Prälaten, der noch dazu kein Italiener war, zum Staatssekretär, erregte großes Aufsehen. In den Reaktionen klang Widerstand, Kritik, ja sogar Verleumdung an. Pius X. begründete seine Wahl wie folgt: «Ich habe ihn ausgewählt, weil er polyglott ist.In England geboren, in Belgien erzogen, spanischer Herkunft, lange in Italien lebend, Sohn eines Diplomaten und selbst Diplomat, kennt er die Probleme aller Länder. Er ist ein bescheidener und heiliger Mann. Er kommt jeden Morgen hierher und informiert mich über alle Fragen der Welt. Ich hatte nie etwas daran auszusetzen. Und dann ist er ohne Fehl und Tadel.» Ohne sich über den mühevollen Weg, der ihm bevorstand, Illusionen zu machen, ging Kardinal Merry del Val die harte Aufgabe an, mit der er vom Heiligen Vater betraut worden war. Von da an gehörte er nicht mehr sich selbst. Sein Name und sein Werk verbanden sich in inniger Übereinstimmung des Denkens und Trachtens mit dem Namen und dem Werk des hl. Pius X. Die folgenden Zeilen lassen die Geisteshaltung erkennen, in der er sein Amt antrat: «Ich habe Gott in seiner Gnade versprochen, niemals etwas zu unternehmen, ohne mir bewusst zu machen, dass Er mein Zeuge ist, dass wir zusammenarbeiten und dass Er mir die Mittel zum Handeln schenkt; niemals etwas ohne denselben Gedanken, den ich Gott wie etwas Ihm Gehörendes darbringe, zu Ende zu führen; und wenn ich mich mitten im Handeln an diesen Gedanken erinnere, halte ich einen Augenblick ein und versichere Ihm erneut, dass ich Ihm gefallen will.»

Elf Jahre lang widmete sich Pius X. unermüdlich wichtigen Reformen: zur Kirchenmusik, zum Brevier sowie dem römischen Kalender, zur Kodifizierung des kanonischen Rechts sowie zur Katechese. Es kamen politische Schwierigkeiten hinzu: In Italien wurde 1870 der Kirchenstaat zu Unrecht besetzt, so dass der Papst gewissenmaßen Gefangener im Vatikan wurde; in Frankreich schickte sich die kirchenfeindliche Regierung an, die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan abzubrechen, religiöse Orden zu verbieten und allen kirchlichen Besitz einzuziehen; in Spanien und Portugal wurden Kirche und Papst von liberalen Regierungen angefeindet. Die Freimaurerei ließ keine Gelegenheit aus, die Kirche zu verunglimpfen. Diese befand sich in einer solchen Situation, dass ein Freidenker jener Zeit schreiben konnte: «Keine Kraft wird den Trend umkehren können; der Katholizismus ist endgültig besiegt, der Glaube ist tot, und das siegreiche Freidenkertum breitet sich wie ein Ölfleck über ganz Europa aus.»

«In der Kirche bleiben,um den Glauben zu verändern»

Eine noch schwerere Sorge für das neue Pontifikat: Im Inneren der Kirche selbst wütete ein Sturm. Es ging um eine gegen Ende des 19. Jh. aufgekommene Denkrichtung: Eine Gruppe von Intellektuellen versuchte unter dem Vorwand der Anpassung an die moderne Mentalität (daher der Name «Modernisten»), die Kirche durch eine radikale Veränderung ihrer Dogmen- und Sittenlehre zu erneuern. Entschlossen, innerhalb der Kirche zu bleiben, um sie nachhaltiger zu verändern, waren sie so geschickt, am katholischen Vokabular festzuhalten, ihm aber eine neue, ihren Vorstellungen entsprechende Bedeutung unterzuschieben. Nach mehreren liebevollen Appellen an die Fehlgeleiteten und angesichts ihrer verstockten Haltung veröffentlichte Pius X. am 3. Juli 1907 das Dekret Lamentabili, in welchem die Irrtümer der Modernisten aufgezählt wurden; zwei Monate später legte die Enzyklika Pascendi lehramtlich die Gründe fest, aus denen dieses System in Widerspruch zur gesunden Philosophie und zum katholischen Glauben stand.

Das modernistische System behauptet, dass die menschliche Vernunft im Bereich des Anscheines (der «Phänomene») gefangen und somit unfähig sei, die Existenz von Gott gewiss zu erkennen. Die Kirche hingegen lehrt in völliger Übereinstimmung mit der Erfahrung aller Zeiten: «Ausgehend von der Schöpfung, das heißt von der Welt und von der menschlichen Person, kann der Mensch mit der bloßen Vernunft Gott gewiss als Ursprung und Ziel aller Dinge und als höchstes Gut, als Wahrheit und als unendliche Schönheit erkennen» (Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 3). Die Prinzipien des Modernismus führen dazu, dass die Existenz einer objektiven Wahrheit geleugnet wird und damit auch die Gewissheit, ja sogar die Möglichkeit einer göttlichen Offenbarung. Die Religion sieht sich auf Symbole reduziert. Gott selbst ist nicht mehr der transzendente (d.h. präexistente und über dem All stehende) Schöpfer, sondern nur eine immanente Kraft, «die allumfassende Weltseele»; das mündet direkt in den Pantheismus (die Identifikation der Welt mit Gott); Jesus Christus ist, nach den Modernisten, nur ein ungewöhnlicher, durch den Glauben verklärter Mensch. Daher die modernistische Unterscheidung zwischen dem «historischen Christus», der nur ein in Palästina am Kreuz gestorbener Mann ist, und dem «Christus des Glaubens», den sich die Jünger als «Auferstandenen» vorstellen und den sie in ihrem Herzen «vergöttlichen». Diese Gesamtheit von Irrlehren führte den hl. Pius X. dazu, den Modernismus folgendermaßen zu definieren: «Die Synthese und das Zusammentreffen sämtlicher Häresien, die die Grundlagen des Glaubens zerstören und das Christentum auslöschen wollen.» Die vom heiligen Papst und seinen Mitarbeitern ergriffenen Maßnahmen brachten in wenigen Jahren dieses Übel zum Verschwinden, das beinahe «bis in die inneren Organe und in die Adern der Kirche» vorgedrungen wäre.

Die Diktatur des Relativismus

Hundert Jahre nach der Enzyklika Pascendi müssen wir allerdings feststellen, dass die modernistische Hydra ihr Haupt wieder erhoben hat. Bereits 1965 war die Krise des Glaubens so groß, dass Kardinal Charles Journet in einem Brief an einen Mönch folgendes schreiben konnte: «Was Sie mir über die große Verunsicherung der Menschen berichten, kenne ich sehr wohl und ich leide im Grunde meines Herzens darunter « Möge Gott dieses Leiden segnen! Ohne die Offenbarung zu verraten, kann man die Dogmen des Credo nicht in Frage stellen, Gott-Jesus nicht durch den ‚Gott Jesu' ersetzen, und die Definitionen des Konzils von Trient über die katholische Lehre darf man nicht so interpretieren, dass man sie ihrer realen Bedeutung beraubt. Der ganze Sinn der biblischen Offenbarung ist real « Die gegenwärtige Krise wiegt gewiss schwerer als die des Modernismus. Eines Tages werden die Gläubigen erwachen und merken, dass sie vom Geist des Weltlichen vergiftet worden sind.» Am Vorabend seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt 2005 erklärte Kardinal Ratzinger: «Wie viele Winde der Lehre haben wir in den letzten Jahrzehnten erlebt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen « Das kleine Boot des Gedankens vieler Christen wurde oft von diesen Wellen hin- und hergeschleudert – von einem Extrem zum anderen geworfen: vom Marxismus zum Liberalismus, bis hin zum ‚Libertinismus'; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einer Welle von religiösem Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus usw. Jeden Tag entstehen neue Sekten und jeden Tag bewahrheitet sich, was der heilige Paulus über das Trugspiel der Menschen, über die Hinterlist, die sie in die Irre führt (vgl. Eph 4,14), sagte. Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus betrachtet; während der Relativismus, d.h. sich von jedem Wind der Lehre (ibid.) davontragen zu lassen, als die einzige zeitgemäße Haltung dargestellt wird. Man ist dabei, eine Diktatur des Relativismus auf die Beine zu stellen, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß einzig und allein das eigene Ego und seine Wünsche vorgibt» (Predigt vom 18. April 2005). Solche Übel lassen uns auf die Abhilfe blicken, auf die der hl. Pius X. gesetzt hatte, um den Modernismus zu bezwingen: die Beschäftigung mit der gesunden Philosophie, die Rückkehr zur Tradition, insbesondere zur Lehre des hl. Thomas von Aquin, und die Unterwerfung unter das Lehramt der Kirche.

Im Kampf gegen die Mächte der Hölle wich Kardinal Merry del Val nicht von der Seite des hl. Pius X., teilte dessen Bürde und parierte mutig die mitunter heftigen Angriffe. Er schrieb: «Handeln wir niemals, um der Welt zu gefallen. Haben wir den Mut, die Kritik, die Missbilligung der Welt zu ertragen; wenn Gott zufrieden ist, braucht uns nichts anderes zu kümmern « Wir müssen den Mut haben, die Wahrheit zu bezeugen und keiner Aufgabe auszuweichen. Wir müssen den Mut haben, dem Lächerlichen die Stirn zu bieten, denn oft besteht unsere Aufgabe im Spott der Welt. Tut das aus Liebe zu Unserem Herrn, und um Ihm nachzueifern.»

Am 20. August 1914 entschlief Pius X. im Herrn und mit gebrochenem Herzen über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Kardinal Merry del Val gab folgenden Bericht über ihre letzte Begegnung: «Ich trat in das Zimmer. Sofort wandte er sich mir zu und folgte mir mit seinem eindringlichen Blick « Er ergriff meine Hand und drückte sie mit solcher Kraft, dass ich darüber erstaunt war. Er fixierte mich so intensiv, dass seine Augen mich gleichsam durchbohrten « Er behielt mich bei sich, bald ließ er meine Hand los, bald ergriff er sie wieder. Schließlich ließ er sein Haupt mit geschlossenen Lidern müde in die Kissen sinken «»

Die größte Lehre Jesu Christi

Nach dem Tode des hl. Pius X. amtierte Kardinal Merry del Val als Erzpriester des Petersdomes und arbeitete mit den Römischen Kongregationen zusammen; seine Weisheit und seine Erfahrung brachten ihm den Ruf eines geborenen Lehrmeisters ein. Seine tiefe Nächstenliebe kam besonders in seinem Engagement für die Bekehrung der Anglikaner zur Geltung, aber auch in der Seelsorge. Nachdrücklich betonte er das grenzenlose Vertrauen, welches wir Gott schulden, und empfahl, dort in Frieden auszuharren, wo Gott uns hingestellt hat, um seinen Willen zu erfüllen. Im Vergleich zu seinem früheren Amt als Staatssekretär stand er nicht mehr im Rampenlicht, obwohl er erst fünfzigjährig war, doch das war ihm sehr recht. So konnte er mehr Zeit dem Gebet und dem stillen Studium widmen, so dass er sein Ideal nun in die Praxis umsetzen konnte: «Gott in der prosaischen Heiligkeit der täglichen Pflicht finden. Schweigen und Sammlung. Gebet und Handeln. Opfer und Liebe.» Rafael Merry del Val war in der Tat ein Mann des Gebets. Jeden Tag sprach er nach dem Lesen der Messe die von ihm verfassten «Litaneien der Demut», die erst nach seinem Tod bekannt wurden. In ihnen offenbart sich eine Seele, die Unseren Herrn innig liebt und seine Erniedrigung in der Passion regelmäßig betrachtet hat. Nach Demut und niemals nach äußeren Ehren strebend, wollte er im Dienste Gottes für die Augen der Welt unsichtbar werden. Er schrieb: «Unser Herr hat dreißig Jahre seines Lebens darauf verwandt, die Demut häuslicher Tugenden zu lehren, um deren Bedeutung begreiflich zu machen und die Gnade zu erlangen, dass man ihm nachfolgt. Die erste und größte Lehre Jesu Christi ist die Demut: die Demut des Geistes, des Willens und des Herzens. Wir müssen uns bemühen, die Herzensdemut Jesu, seine Einheit mit dem Vater, seine Hingabe und seine Folgsamkeit dem Willen des Vaters gegenüber nachzuahmen. Überlasst euch wie Er dem Willen des Vaters, in den kleinen wie in den großen Dingen, in den Mühen eines jeden Tages, in den Widrigkeiten und Schwierigkeiten des Lebens. Nehmt die Mühen aus der Hand des Herrn und aus Liebe zu Ihm entgegen und seht in dem Trost, den Er euch spendet, den Beweis seiner barmherzigen Liebe.»

Mit 64 Jahren war Kardinal Merry del Val ein kräftiger, gesunder Mann. Doch am Abend des 24. Februar 1930 verspürte er ein leichtes Unwohlsein. Am folgenden Tag bekam er eine Blinddarmentzündung, deren Schwere zunächst nicht erkannt wurde, und verstarb plötzlich am Nachmittag des 26. Februar. Er hatte geschrieben: «Sterben, das ist die Augen schließen und einschlafen, um dann oben im Himmel aufzuwachen « Im Augenblick des Todes braucht man Ruhe; man muss daran denken, dass man von einem Leben in ein anderes übergeht, als ginge man durch eine Tür, die sich auftut und zu Gott führt.» In seinem Testament steht: «Ich nehme den Tod voller Liebe hin, wann und wie Gott will, als Sühne für meine Sünden und in Ehrfurcht vor seinem Ratschluss.»

Kardinal Merry del Val hat uns nicht nur das leuchtende Vorbild eines ganzen Lebens im Dienste der Kirche, sondern auch kostbare Empfehlungen hinterlassen, wie z.B. folgende: «Unsere Heimat ist nicht von dieser Welt; nach einigen Jahren hienieden müssen wir die Erde verlassen und Unserem Herrn nachfolgen, wenn wir Ihm treu geblieben sind. Welcher Irrtum, welcher Wahnsinn, sein Herz an die Dinge des Diesseits zu hängen, außerhalb des göttlichen Willens, und Gott sogar zu beleidigen, denn dadurch verwandeln wir in ein Hindernis das, was Er uns zur Verfügung gestellt hat, damit wir ins ewige Leben gelangen!»

Dom Antoine Marie osb

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