Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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1. Mai 2007
Der hl. Josef, der Arbeiter


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Wer will uns trennen von der Liebe Christi? Not oder Bedrängnis oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert « Doch in all dem bleiben wir Sieger durch den, der uns liebte. Denn ich bin überzeugt, weder Tod noch Leben « noch sonst etwas Geschaffenes wird uns zu trennen vermögen von der Liebe Gottes in Christus Jesus, unserem Herrn (Röm 8,35-39). Diese Worte des hl. Paulus passen ganz besonders auf das Leben des lettischen Bischofs Sloskans, der nach einem Jahr Episkopat lange für den Glauben leiden musste; er saß in 17 sowjetischen Gefängnissen, wurde nach Sibirien verbannt und lebte über 30 Jahre lang fern der Heimat im Exil. Sein ganzes Leben zeugt von der Gegenwart Jesu Christi in seiner Kirche sowie in jedem seiner Jünger; denn der Heiland schenkt ihnen selbst unter menschlich unerträglichen Bedingungen Kraft und Licht.

Boleslas Sloskans wurde am 31. August 1893 in Tilgale in Lettland geboren. Das baltische Land gehörte damals zum russischen Zarenreich. Die Eltern von Boleslas waren Katholiken und durften zu ihrer Freude sechs Kindern das Leben schenken. Die religiöse Unterweisung der Kinder erfolgte in der Familie. Gegen Ende seiner Grundschulzeit teilte Boleslas seinem Vater mit, er habe die Absicht, Priester zu werden. Der Vater stellte eine einzige Bedingung: Sein Sohn solle versprechen, ein guter Priester zu werden. Nach Abschluss seines Studiums im russischen Sankt Petersburg wurde Boleslas am 21. Januar 1917 zum Priester geweiht. Im folgenden Herbst brach die bolschewistische Revolution aus; die Kommunisten rissen die Macht an sich. Nach und nach wurde der Religionsunterricht abgeschafft, die Kirchen wurden geschlossen, die Bischöfe und Priester ins Gefängnis geworfen « Im November 1918 gewann Lettland die Unabhängigkeit von Russland wieder; da jedoch die Grenzen geschlossen blieben, sah sich Boleslas gezwungen, in Petrograd zu bleiben. Er übernahm dort die Pfarrgemeinde Sankt Katharina und zeichnete sich durch großen seelsorgerlichen Eifer sowie durch die Weisheit seines Urteils aus.

«Ein einfacher, aber heiliger Mann»

Der Heilige Stuhl zeigte sich besorgt wegen der Lage der katholischen Kirche in der Sowjetunion. Um der römischen Kirche eine bessere Überlebenschance zu sichern, sollten neue Bischöfe geweiht werden. Der Vertreter des Vatikans bei den Verhandlungen mit den neuen Herren im Kreml, der Jesuitenpater Michel d'Herbigny, erhielt von Pius XI. den Auftrag, solche Bischofsweihen durchzuführen. 1926 bekam Pater d'Herbigny ein Visum zum Besuch der französischen Gemeinden in Russland. Auf der Reise nach Moskau wurde er in Berlin vom apostolischen Nuntius Pacelli, dem künftigen Papst Pius XII., empfangen, der ihn heimlich zum Bischof weihte. In Moskau weihte Bischof d'Herbigny seinerseits einen französischen Priester namens Neveu zum Bischof. Dieser empfahl ihm dann Boleslas Sloskans, einen «einfachen, aber heiligen Mann», der in der Hoffnung, seine seelsorgerliche Arbeit in Petrograd fortsetzen zu können, die russische Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Boleslas, der sich der Gefahren sehr wohl bewusst war, nahm diese Bürde mutig auf sich. Er wurde am 10. Mai unter größter Geheimhaltung zum Bischof geweiht und zum apostolischen Vikar für die Diözesen Mohilev und Minsk in Weißrussland ernannt. Er war gerade 33 Jahre alt. Im folgenden September gab er seine Ernennung zum Bischof offiziell bekannt, was ihn aber nicht daran hinderte, den sowjetischen Behörden gegenüber kein besonderes Entgegenkommen zu zeigen.

In Mohilev merkte er, dass er von Agenten der Sicherheitspolizei GPU bespitzelt wurde. In der Folge wägte er jedes öffentlich geäußerte Wort sorgfältig ab. Anfang September 1927 unternahm er einen zweiwöchigen Hirtenbesuch durch die ihm rechtlich unterstellten Gebiete. In seiner Abwesenheit wurde sein Haus mehrfach von der GPU durchsucht. Nach seiner Rückkehr am 16. September wurde er nachts von Polizeibeamten herausgeklingelt, die eine weitere Hausdurchsuchung abhielten. Sie fanden Generalstabskarten und militärische Dokumente, die allesamt bei einer früheren Durchsuchung von GPU-Schergen hinter Bildern versteckt worden waren. Bischof Sloskans wurde auf der Stelle verhaftet und zum Schein einem Untersuchungsverfahren unterworfen. Die anstrengenden Verhöre fanden vorzugsweise nachts statt. Nachdem er mehrere Monate lang in verschiedenen Gefängnissen eine unmenschliche Behandlung hatte ertragen müssen, wurde Bischof Sloskans zu einer Verbannungsstrafe sowie zu 3 Jahren Zwangsarbeit im Konzentrationslager von Solovki verurteilt, einem waldbedeckten Archipel im Weißen Meer mit eisigem und feuchtem Klima. Später wurde zugegeben, dass der Spionagevorwurf lediglich ein Vorwand war, um ihn aus seiner Diözese zu entfernen: Hätte man ihn tatsächlich als Spion überführt, wäre die Todesstrafe ausgefallen.

«Was mich so glücklich macht»

Trotz der erlittenen Qualen schrieb Bischof Sloskans an seine Eltern: «Bestimmt habt Ihr aus den Zeitungen erfahren, dass ich verhaftet worden bin. Ich habe das Wort unseres Herrn «Ohne das Wissen eures Vaters wird kein Haar von eurem Haupt fallen» (vgl. Mt 10,30) immer gerne gepredigt. Ich weiß jetzt aus Erfahrung, dass alles, was durch den Willen bzw. mit dem Einverständnis Gottes geschieht, Heilswerk ist. In den letzten 15 Jahren meines Lebens habe ich nie so viele Gnaden empfangen wie in den 5 Monaten meiner Gefangenschaft. Die Gefangenschaft ist das größte und schönste Ereignis meines inneren Lebens, obwohl ich leider keine Messe lesen darf. Liebe Eltern, betet für mich, aber ohne Angst und Traurigkeit...Ich bin so glücklich, weil ich jetzt gelernt habe, alle Menschen ohne Ausnahme zu lieben, selbst die, die diese Liebe nicht zu verdienen scheinen. Sie sind am unglücklichsten. Ich bitte Euch inständig, lasst kein Gefühl der Rachsucht oder der Bitterkeit in Euer Herz dringen. Wenn wir uns so etwas erlaubten, so wären wir keine Christen, sondern Fanatiker. Ich bin zu drei Jahren verurteilt. Ich bitte Euch nochmals: Betet! »

Der tiefe Glaube von Bischof Sloskans an das Wirken der göttlichen Vorsehung stützte sich auf Wahrheiten, an die auch der Katechismus der Katholischen Kirche erinnert: «Das Zeugnis der Schrift lautet einstimmig: Die Fürsorge der Vorsehung ist konkret und unmittelbar; sie kümmert sich um alles, von den geringsten Kleinigkeiten bis zu den großen weitgeschichtlichen Ereignissen « ,Der allmächtige Gott « könnte in seiner unendlichen Güte unmöglich irgend etwas Böses in seinen Werken dulden, wenn er nicht dermaßen allmächtig und gut wäre, dass er auch aus dem Bösen Gutes zu ziehen vermöchte' (Hl. Augustinus) « Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt (Röm 8,28). Das bezeugen die Heiligen immer wieder: Die hl. Katharina von Siena sagt deshalb zu denen, die an dem, was ihnen zustößt, Ärgernis nehmen und sich dagegen auflehnen: ‚Alles geht aus Liebe hervor, alles ist auf das Heil des Menschen hingeordnet. Gott tut nichts außer mit diesem Ziel'» (Nr. 303; 311-313).

Die Haftbedingungen auf dem Archipel Solovki waren äußerst hart: schwere Arbeit, unzureichende Essensrationen, Entbehrungen und unmenschliche Behandlung aller Art. Eine große Anzahl von Gefangenen starb. Bischof Sloskans und die anderen auf dem Archipel inhaftierten Priester taten sich zusammen, um die Messe zu feiern. Sie bekamen einen Raum zur Verfügung gestellt, den sie «Sankt-Germanus-Kapelle» tauften. Sie benutzten ein Glas als Kelch und den Deckel einer Konservendose als Patene. Ihr einziges Messgewand war eine selbstgeschneiderte Stola; die meisten Texte für die Messe kannten sie auswendig. Hostien und Wein verdankten sie dem Wohlwollen eines Gefängniswärters; wenn es aber an Wein fehlte, stellte Bischof Sloskans welchen aus in Wasser eingeweichten Rosinen her. Am 7. September 1928 weihte er unter größter Geheimhaltung Donat Nowicki, einen der Häftlinge, zum Priester.

Der goldene Verbindungsfaden zwischen den Jahrhunderten

Ende Oktober 1928 wurde die St. Germanus-Kapelle von der Lagerleitung zugemacht. Daraufhin beschlossen die Priester, die Messe heimlich und nachts in einem Speicherraum über ihrer Zelle zu feiern. Morgens verteilte dann Bischof Sloskans in der Häftlingskolonne auf dem Wege zur Arbeit die geweihten Hostien unauffällig an die Katholiken, die das wünschten, und versteckte die restlichen Hostien in ein Stück purpurroten Stoffes gewickelt unter den Wurzeln eines Baumes, damit auch die, die am Morgen nicht kommuniziert hatten, das im Laufe des Tages nachholen konnten. Diese kleine Geschichte illustriert folgende Behauptung aus dem Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche (2005 erschienen): «Die Eucharistie ist der goldene Faden, der seit dem Letzten Abendmahl alle Jahrhunderte der Kirchengeschichte bis in unsere Zeit miteinander verknüpft. Die Wandlungsworte – ‚Das ist mein Leib « Das ist mein Blut' – wurden immer und überall gesprochen, auch in den Gulags, in den Konzentrationslagern und in den tausend Gefängnissen, die es noch heute gibt. Auf diesem eucharistischen Horizont gründet das Leben, die Gemeinschaft und die Sendung der Kirche» (Einleitung des 2. Teils).

Doch im Januar 1929 wurden die Priester in andere Häftlingsgruppen oder in Einzelzellen verlegt. Bischof Sloskans kam auf die Insel Anser. Nach Verbüßung seiner dreijährigen Haftstrafe wurde er Mitte Oktober 1930 freigelassen. Er kehrte nach Mohilev zurück; dort stellte er fest, dass viele der Gläubigen spurlos verschwunden waren, vor allem die, die Pakete an inhaftierte Priester geschickt hatten. Durch die atheistische Erziehung geprägt, waren zahlreiche Kinder bereit, ihre Eltern bei der Polizei zu denunzieren, sobald diese gegen die kommunistische Propaganda gerichtete Überzeugungen äußerten. Acht Tage nach seiner Rückkehr wurde Bischof Sloskans erneut festgenommen: Er war in Abwesenheit ohne Prozess zu einer weiteren Verbannungsstrafe verurteilt worden.

Auf der langen und erschöpfenden Reise nach Sibirien im Dezember 1930 war er von der festen Überzeugung beseelt: «Ich bin nicht allein.» Er besann sich auf die Psalmworte: Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln « Auch wenn ich wandern muss in finsterer Schlucht, ich fürchte doch kein Unheil; denn du bist bei mir. Dein Hirtenstab und Stock, sie sind mein Trost (Psalm 22 [23]). Am Jenissei stieg er aus dem Zug; als dieser wieder anfuhr, warf ihm jemand ein schlecht verschnürtes Päckchen zu. Darin fand er ein schmales Büchlein mit dem Titel «Geschichte einer Seele»; es war die Autobiographie der hl. Therese von Kinde Jesu. Im Juni des folgenden Jahres musste er weiter nach Norden in Richtung Turuchansk reisen. Dort gab es eine kleine Siedlung von 13 Familien, die sich in der eisigen Einöde niedergelassen hatten. Die Behausungen waren Holzbaracken mit einem einzigen Raum, in dem die ganze Familie lebte. Bischof Sloskans wurde von einer der Familien aufgenommen, die ihm eine Ecke ihrer Baracke abtrat. Er durfte sich zwar frei bewegen, doch das Dorf war von riesigen Schneefeldern umgeben, und die nächste Stadt lag 1400 km entfernt. In einem der wenigen Wäldchen am Ort, fand er einen aus dem Boden hochragenden Felsen. Dort, inmitten der Bäume und angesichts der unermesslichen Schöpfung Gottes konnte er endlich die heilige Messe feiern: das Geheimnis des Glaubens, den Sieg des Lebens über den Tod und die Auferstehung nach dem Leiden.

Ein Strahl der Herrlichkeit durchdringt die Wolken

Die übernatürliche Kraft, die er brauchte, um in der Verbannung zu überleben, schöpfte Bischof Sloskans aus der Eucharistie. «Die Eucharistie ist wahrhaftig ein Aufbrechen des Himmels, der sich über der Erde öffnet» schrieb Papst Johannes-Paul II. «Sie ist ein Strahl der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalems, der die Wolken unserer Geschichte durchdringt und unseren Weg mit seinem Licht bescheint» (Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, 17. April 2003, Nr. 19). «Die Kirche hat die Eucharistie von Christus, ihrem Herrn, nicht als irgendeine Gabe erhalten, kostbar unter vielen anderen, sondern als die Gabe schlechthin, da es die Gabe seiner selbst ist, seiner Person in seiner heiligen Menschheit, und auch seines Erlösungswerkes « Wenn die Kirche die heilige Eucharistie, das Gedenken des Todes und der Auferstehung ihres Herrn, feiert, wird dieses zentrale Geheimnis des Heils wirklich gegenwärtig gesetzt und es vollzieht sich das Werk unserer Erlösung. Dieses Opfer ist für die Erlösung des Menschengeschlechtes so entscheidend, dass Jesus Christus es erfüllt hat und erst dann zum Vater zurückgekehrt ist, nachdem er uns das Mittel hinterlassen hat, daran teilzunehmen, als ob wir dabei anwesend gewesen wären» (Ibid., Nr. 11). In der Kommunion empfing der Bischof im Exil einen Vorgeschmack auf den Himmel: «Wer sich von Christus in der Eucharistie nährt, muss nicht das Jenseits erwarten, um das ewige Leben zu erlangen: er besitzt es schon auf Erden» (Ibid., Nr. 18).

Für seinen Lebensunterhalt knüpfte Bischof Sloskans Fischernetze und verbrachte selbst viel Zeit mit Angeln. Während er auf bessere Tage wartete, vertraute er sich voll und ganz der Vorsehung an und führte ein Leben des Gebets und des Verzichts. Im November 1932 wurde er nach Krasnojarsk verlegt; er kam dort nach einer 35-tägigen Schlittenfahrt am Abend vor Weihnachten an; man sperrte ihn in einen eisigen Kerker, in dem er zwei Tage allein und ohne Nahrung verbrachte. Er schrieb später: «Das war das härteste Weihnachtsfest meines Lebens!» Bald wurde er jedoch aus diesem Kerker geholt und nach Moskau gebracht. Dort wies man ihm eine relativ komfortable Zelle zu, in der er vom Botschafter der Republik Lettland aufgesucht wurde; dieser kündigte ihm seine Freilassung für den folgenden Tag im Rahmen eines Gefangenenaustauschs gegen einen in Lettland festgenommenen sowjetischen Spion an.

Der gute Hirte

Der größte Wunsch von Bischof Sloskans bestand nicht darin, in die Heimat zurückzukehren, sondern zu seinen Schäfchen nach Mohilev zu fahren: «Der gute Hirte lässt seine Herde nicht im Stich!», rief er. Nur ein Befehl des Papstes könne ihn dazu bewegen, die UdSSR zu verlassen. Einer einflussreichen Persönlichkeit gelang es schließlich, ihn davon zu überzeugen, dass der Papst genau das wünsche; Bischof Sloskans willigte gehorsam ein und kam am 22. Januar 1933 in Riga, der Hauptstadt Lettlands, an. Bald danach reiste er nach Rom, wo er wie ein «Glaubenszeuge» empfangen wurde. Papst Pius XI. lud ihn ein, an seiner Seite im Petersdom die Öffnung der Heiligen Pforte anlässlich des Jubeljahres 1933 zum 1900. Jahrestag des Todes Christi zu feiern. Der Heilige Vater schlug ihm zudem vor, ein Jahr lang in Rom zu bleiben, um sich gesundheitlich zu erholen. Eines Tages, als er mit dem Papst über die Umstände seiner Freilassung sprach, erfuhr er, dass im Gegensatz dazu, was man ihm erzählt hatte, dieser niemals verlangt hatte, er solle seine Diözese verlassen. Diese Erkenntnis schmerzte ihn sehr, und er hütete sie bis zu seinem Tod als bitteres Geheimnis in seinem Herzen und sprach nur mit wenigen engen Freunden darüber.

Nach seiner Rückkehr nach Riga hielt Bischof Sloskans Vorlesungen in Moraltheologie an der theologischen Fakultät, machte Vortragsreisen durch das Land und leitete Exerzitien. Am 17. Juni 1940 wurde Lettland von der sowjetischen Armee besetzt und von Stalin annektiert. Sogleich setzte die Verfolgung der Gläubigen ein. Bischof Sloskans konnte den Beamten der politischen Polizei, die nach ihm suchten, entwischen. Als im Juni 1941 Lettland von Deutschland erobert wurde, gab es wieder freien Zugang zu kirchlichen Gebäuden. 1944 wurden die Deutschen durch russische Truppen vertrieben. Da die Gläubigen befürchteten, ihr Bischof könnte erneut verhaftet und nach Sibirien verbannt werden, organisierten sie für ihn die Flucht nach Deutschland.

Im Frühjahr 1947 reiste Bischof Sloskans nach Belgien, wo ihm die Betreuung der dorthin geflüchteten lettischen Seminaristen anvertraut wurde. Die jungen Leute kamen 1948 an die Universität von Leuven zum Studieren, und der lettische Bischof schloss sich ihnen an. 1951 wurde er vom Abt des Klosters Mont-César eingeladen, sich ganz in der Abtei niederzulassen. Von da an teilte er das Leben der Mönche, war jedoch nicht ganz von der Welt abgeschnitten, denn Papst Pius XII. betraute ihn immer wieder mit verschiedenen Aufgaben. Zum anderen übte er bei zahlreichen Gelegenheiten sein Bischofsamt weiter aus, so z.B. bei Firmungen und Priesterweihen. Jedes Jahr machte er mit der belgischen Bauernliga eine Pilgerreise nach Lourdes. Vor allem aber führte er ein intensives Gebetsleben, bot sein Exil als Opfer für die ihm anvertrauten Gläubigen dar und betete für seine ehemaligen Henker, gegen die er keinerlei Groll hegte. Er blieb manchmal stundenlang vor dem Allerheiligsten Sakrament knien oder sitzen.

Eine wahre Zwiesprache der Liebe

Das Vorbild von Bischof Sloskans ermuntert uns zum Beten. In seinem apostolischen Brief Novo millennio ineunte schrieb Papst Johannes-Paul II.: Wir brauchen «ein Christentum, das sich vor allem durch die Kunst des Gebets auszeichnet « Aber wir wissen sehr wohl, dass auch das Gebet nicht automatisch vorausgesetzt werden kann. Beten muss man lernen, indem man diese Kunst immer aufs neue gleichsam von den Lippen des göttlichen Meisters selbst abliest. So haben es die ersten Jünger getan: Herr, lehre uns beten! (Lk 11,1)« Die große mystische Tradition der Kirche im Osten wie im Westen hat diesbezüglich viel zu sagen. Sie zeigt, wie das Gebet Fortschritte machen kann. Als wahrer und eigentlicher Dialog der Liebe kann er die menschliche Person ganz zum Besitz des göttlichen Geliebten machen, auf den Anstoß des Heiligen Geistes hin bewegt und als Kind Gottes dem Herzen des Vaters überlassen. Dann macht man die lebendige Erfahrung der Verheißung Christi: Wer mich liebt, wird von meinem himmlischen Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren (Joh 14,21)« Unsere christlichen Gemeinden müssen echte ‚Schulen' des Gebets werden, wo die Begegnung mit Christus nicht nur im Flehen um Hilfe Ausdruck findet, sondern auch in Danksagung, Lob, Anbetung, Betrachtung, Zuhören, Leidenschaft der Gefühle bis hin zu einer richtigen ‚Liebschaft' des Herzens « Aber man ginge fehl, würde man annehmen, die gewöhnlichen Christen könnten sich mit einem oberflächlichen Gebet zufriedengeben, das ihr Leben nicht zu erfüllen vermag. Besonders angesichts der zahlreichen Prüfungen, vor die die heutige Welt den Glauben stellt, wären sie nicht nur mittelmäßige Christen, sondern ‚gefährdete Christen'» (Nr. 32-34).

Die letzten 18 Monate seines Lebens verbrachte Bischof Sloskans in einem von den Schwestern des Klosters von Bethlehem geführten Altersheim in Duffel. Er fiel dort besonders durch seine schlichte Freundlichkeit und sein ständiges Beten auf: Er trug stets einen Rosenkranz in der Hand. Am 18. April 1981 verlor er das Bewusstsein. Sogleich begannen alle Anwesenden laut für ihn zu beten. Als sie das Salve Regina anstimmten, verklärte sich sein Gesicht auf einmal, seine Miene leuchtete auf; er erhob die Augen zum Himmel und gab seine Seele genau in dem Augenblick in die Hand Gottes zurück, als die Worte «post hoc exilium (nach diesem Elend) « O clemens Virgo Maria (O milde Jungfrau Maria)» gesungen wurden. Am 10. Oktober 1993 wurde die sterbliche Hülle von Bischof Sloskans an das unabhängig gewordene Lettland zurückgegeben. Sie wurde in der Krypta des Nationalheiligtums Unserer Lieben Frau von Aglona beigesetzt, wo sie nun der Auferstehung harrt. In Rom ist bereits ein Seligsprechungsprozess für Bischof Sloskans eingeleitet worden.

Das Leben von Bischof Sloskans, der über ein halbes Jahrhundert lang im Exil gelebt hat, mag vielen Menschen wie eine Reihe von Misserfolgen vorkommen. Doch Gott urteilt anders: Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und lügnerisch alles Böse gegen euch sagen um meinetwillen. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist groß im Himmel. Ebenso nämlich haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren (Mt 5, 10-12). Mögen auch wir nach dem Vorbild von Bischof Sloskans die Kreuze unseres Lebens auf uns nehmen und sie, vereint mit dem Kreuz Christi, als Opfer für das Heil der Seelen darbringen!

Dom Antoine Marie osb

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