Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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17. Januar 2007
Hl.Antonius d. Große


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Juli 1941. Das Dritte Reich steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Hitler hat gerade einen Angriff gegen Sowjetrussland gestartet, und nichts scheint die Wehrmacht aufhalten zu können. Da beschließt ein deutscher Bischof, gegen die vor Kurzem in Berlin beschlossene massive Euthanasie geistig Kranker zu protestieren. 60 000 Personen, die stillschweigend eliminiert werden sollen, sind bereits in Vernichtungslagern versammelt worden. Bischof Clemens August von Galen macht sich keine Illusionen: Wenn er spricht, riskiert er, als «Volksfeind» verhaftet und hingerichtet zu werden. Dennoch erhebt er bereits am nächsten Sonntag seine Stimme auf der Kanzel seines Domes. Dieser mutige Hirte, den man später den «Löwen von Münster» nannte, wurde am 9. Oktober 2005 seliggesprochen.

Adel verpflichtet

Clemens August wurde am 16. März 1878 auf Burg Dinklage in der Diözese Münster in Westfalen geboren. Er war das elfte der dreizehn Kinder von Graf Ferdinand Heribert von Galen und seiner Frau Elisabeth. Das Leben auf Dinklage war hart; doch die äußerlich strenge Erziehung war von einem innigen Glauben beseelt. Die Kinder gingen täglich zur Messe und wurden von der Gräfin persönlich im Katechismus unterwiesen; von ihr lernten sie, Jesus Christus nachzufolgen und das irdische Leben als Vorbereitung auf das ewige Leben zu begreifen. In diesem seit dem 13. Jh. in Westfalen ansässigen Adelgeschlecht war die Beteiligung am öffentlichen Leben eine Tradition; Ferdinand von Galen war im Parlament des Kaiserreichs 30 Jahre lang Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei. Für ihn war das kein Vorrecht, sondern eine Pflicht: «Adel verpflichtet».

Einen Großteil seiner Schulbildung erhielt Clemens August bei den Jesuiten in Feldkirch. Im Oktober 1897 nahm er an Exerzitien in der Abtei Maria Laach teil und empfing dabei die Berufung zum Priestertum. Nach seinem Theologiestudium in Innsbruck wurde er am 28. Mai 1904 vom Bischof von Münster zum Priester geweiht. 1906 wurde er nach Berlin entsandt, in eine Diözese, die unter Priestermangel litt; er war dort in verschiedenen Pfarreien tätig. Während der Wirtschaftskrise von 1923, die Millionen deutscher Familien ruinierte, setzte sich Pfarrer von Galen aufopferungsvoll für seine in Schwierigkeiten geratenen Gemeindeglieder ein und gründete einen Hilfsverein. Oft half er den Bedürftigsten von seinem persönlichen Vermögen: «Es wäre wirklich unnütz, wenn nach meinem Tode noch Besitztümer übrigblieben», sagte er. Sein höchstes Ziel in allem war jedoch das Heil der Seelen. Der Gedanke an das ewige Leben, das ihn ständig beschäftigte, wurde zum unerschütterlichen Rückhalt in den Kämpfen, die er führen musste.

Anfang 1929 wurde Clemens August nach Münster zurückberufen, wo er die Leitung der Pfarrei St. Lamberti übernahm. Da er eine gewisse allgemeine Laschheit konstatierte, veröffentlichte er 1932 eine Broschüre mit dem Titel «Die Pest des Laizismus und ihre Erscheinungsformen». Mit Nachdruck ermahnte er darin die Laien, gegen die Säkularisierung und die Entchristlichung der Gesellschaft anzukämpfen. Dann geriet Deutschland in eine tiefe Krise. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Clemens August setzte keinerlei Vertrauen in den Führer der NSDAP, dessen Lehre und gewaltsames Vorgehen von den deutschen Bischöfen verurteilt worden waren. Doch da Hitler die Christen brauchte, kam er ihnen scheinbar entgegen. Am 20. Juli 1933 wurde ein Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland unterzeichnet. Papst Pius XI. machte sich keine Illusionen über die Aufrichtigkeit Hitlers, doch er wollte durch die Unterzeichnung dieses Vertrags der katholischen Kirche einen gewissen Freiraum sichern. Von Galen war mit dieser Strategie voll und ganz einverstanden; im Einführungsgottesdienst zur Eröffnungssitzung der Münsteraner Stadtverordnetenversammlung erinnerte er indessen auch vor zahlreichen nationalsozialistischen Ratsherren an die Grundpfeiler christlichen Gemeinschaftslebens: Gerechtigkeit und Nächstenliebe.

Der Bischofsstuhl von Münster war seit Januar 1933 vakant. Am 18. Juli wurde Pfarrer von Galen vom Generalkapitel einstimmig zum Bischof gewählt, nachdem zwei Kandidaten vor ihm das Amt abgelehnt hatten. In seinem ersten Hirtenbrief an seine 1,8 Millionen Diözesanen kommentierte der neugewählte Bischof seinen Wahlspruch Nec laudibus, nec timore folgendermaßen: «Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht soll mich jemals hindern, die offenbarte Wahrheit weiterzugeben, zwischen Recht und Unrecht, zwischen guten und bösen Taten zu unterscheiden und jedes Mal, wenn es notwendig ist, Rat und Warnung zu erteilen.»

Der hochgewachsene, im Privatleben einfache und warmherzige Bischof von Galen wirkte geradezu majestätisch, wenn er das Pontifikalamt zelebrierte. Er liebte Prozessionen, bei denen die Kirche durch die Entfaltung religiöser Pracht der neuheidnischen Mystik von Naziaufmärschen Paroli bot. Bereits 1934 verurteilte der Bischof das Hauptwerk Alfred Rosenbergs mit dem Titel «Der Mythus des 20. Jahrhunderts». Der offizielle Chefideologe der NSDAP verherrlichte das deutsche Blut als Quelle einer überlegenen, durch Lebenskraft erschaffenen Menschheit. In seinem Osterhirtenbrief 1934 bezeichnete der Bischof von Münster diese Lehre als eine «Täuschung der Hölle» und erinnerte daran, dass nur das von Jesus Christus am Kreuze vergossene kostbare Blut uns erretten könne, da es das Blut des menschgewordenen Gottes sei. Diese Stellungnahme wurde von der katholischen Bevölkerung Westfalens begeistert aufgenommen. Der Bischof wiederholte ein Jahr später noch einmal: «Wir können nicht umhin zu bekennen, dass es etwas Höheres gibt als Rasse, Volk und Nation: den allmächtigen und ewigen Schöpfer und Herrn der Völker und Nationen, dem alle Völker Nachfolge, Anbetung und Dienst schulden, denjenigen, der das letzte Ziel aller Dinge ist».

Die Wurzeln des Christentums

Die Haltung des Münsteraner Bischofs angesichts der Judenverfolgung war eindeutig. Bereits 1934 beklagte er die Verherrlichung der «arischen Rasse» den anderen Rassen gegenüber und sprach dem Antisemitismus jede Berechtigung ab; als Bischof ließ er keine Gelegenheit aus zu unterstreichen, dass das Christentum in der Religion Israels wurzele. Er erinnerte daran, dass die Pflicht zur Nächstenliebe für alle Menschen gleich welcher Rasse und Religion gelte. Nach dem Pogrom der Reichskristallnacht am 9. November 1938, als die Münsteraner Synagoge von der Polizei in Brand gesteckt worden war, bot Bischof von Galen der Frau des inhaftierten Rabbiners der Stadt seine Unterstützung an. Nach dessen Freilassung einige Tage später verzichtete er auf weitere Maßnahmen, um die Lage der Juden nicht zu erschweren.

Das Hitlerregime wollte sich ein Erziehungsmonopol sichern, indem es den bis dahin an allen Schulen verbindlichen Religionsunterricht verbot. Der Bischof von Münster wehrte sich unter Berufung auf Artikel 21 des Konkordats von 1933 erfolgreich gegen dieses Verbot. Im November 1936 erließ der oldenburgische Schulminister eine Anordnung, nach der aus allen öffentlichen Gebäuden und Schulen Kruzifixe und sämtliche religiösen Zeichen zu entfernen waren. Diese Maßnahme rief auf Initiative Bischof von Galens einen wahrhaften «Kreuzzug» aus Predigten, Gebeten und Petitionen zugunsten der Beibehaltung der Kruzifixe ins Leben. Der Oldenburger Gauleiter sah sich schließlich genötigt, die Maßnahme zurückzunehmen, um größere Unruhen zu vermeiden.

Zwischen 1933 und 1937 protestierte der Heilige Stuhl etwa vierzigmal gegen Verletzungen des Konkordats. Angesichts der Vergeblichkeit dieser Maßnahmen rief Kardinalstaatssekretär Pacelli, der spätere Papst Pius XII., fünf deutsche Bischöfe, darunter auch Bischof von Galen, zu Konsultationen nach Rom. Am 14. März 1937 veröffentlichte Papst Pius XI. eine in Deutsch abgefasste Enzyklika unter dem Titel Mit brennender Sorge, in der er die Verherrlichung des Volkes und der Rasse verurteilte. Die Enzyklika wurde vom Münsteraner Bischof sofort veröffentlicht; unter größter Geheimhaltung ließ er 120 000 Exemplare davon drucken, das entsprach 40% der von der Kirche in Deutschland vertriebenen Auflage. Auf Anordnung des Bischofs wurde dieser Text am folgenden Sonntag während des Hochamtes von allen Kanzeln Westfalens verlesen. Die von dieser Geschwindigkeit überrumpelte Gestapo rächte sich durch Vergeltungsmaßnahmen. Inzwischen war die Enzyklika in protestantischen Kreisen auf ein positives Echo gestoßen; Bischof von Galen plante daraufhin eine gemeinsame Front aller Christen gegen das Neuheidentum, das auf breiterer Basis bekämpft werden sollte, nämlich durch die Verteidigung der Naturrechte des Menschen: des Rechts auf Leben, auf Unversehrtheit, auf Religionsfreiheit, auf Gewissensfreiheit sowie des Erziehungsrechts der Eltern.

Gegen die heidnische Schule

Anfang 1939 hielt das Naziregime den Zeitpunkt für gekommen, sämtliche konfessionelle Schulen und jeden Religionsunterricht an Schulen zu verbieten. Am 26. Februar forderte der Bischof von Münster im vollen Dom seine Diözesane auf, durch die Unterzeichnung einer Petition entschieden gegen die «heidnische Schule» zu protestieren. Sein Aufruf wurde von mehreren zehntausend Menschen befolgt, die durch ihre Unterschrift ihre Sicherheit, ihr Hab und Gut, ja sogar ihr Leben riskierten. Am 1. September 1939 marschierte Deutschland in Polen ein, was die Kriegserklärung Frankreichs und Englands zur Folge hatte. Bischof von Galen machte sich die kriegslüsterne Propagandasprache nicht zueigen, sondern verordnete seinen Schäfchen Gebete für die Heimat und für den Frieden, die mit der Bitte endeten, dass «allen Völkern die Sicherheit des Friedens in Gerechtigkeit und Freiheit gewährt werden möge».

Ab der zweiten Hälfte des Jahres 1940 gab es eine Reihe von Verfolgungsmaßnahmen gegen die Kirche: Kirchengebäude durften wegen der Gefahr von Luftangriffen erst ab 10 Uhr morgens geöffnet werden, zahlreiche Priester wurden verhaftet und deportiert, mehrere Klöster besetzt und die Bewohner vertrieben. Bischof von Galen fühlte sich verpflichtet, seine Stimme zu erheben. Nach einem kurzen inneren Kampf hielt er am 13. Juli 1941 die erste von drei großen Predigten, die um die ganze Welt gingen. Er verurteilte die Vertreibung von Ordensleuten, protestierte gegen die Willkür- und Schreckensherrschaft und forderte Gerechtigkeit. Am folgenden Sonntag ermahnte er sein Volk, der Verfolgung standzuhalten: «Wir sind Amboss und nicht Hammer! Wie heftig der Hammer auch zuschlägt, der Amboss steht in ruhiger Festigkeit da. Was jetzt geschmiedet wird, das sind die zu Unrecht Eingekerkerten, die schuldlos Ausgewiesenen und Verbannten. Gott wird ihnen beistehen, dass sie Form und Haltung christlicher Festigkeit nicht verlieren, wenn der Hammer der Verfolgung sie bitter trifft und ihnen ungerechte Wunden schlägt.»

Die Verteidigung «unproduktiver» Menschen

Bald danach folgte die Predigt vom 3. August, in der Bischof von Galen die Ermordung von Geisteskranken leidenschaftlich anprangerte: «Hier handelt es sich um Menschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen. Aber haben sie damit das Recht auf Leben verwirkt? - Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven' Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! - Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher. Irgendeine Kommission kann ihn auf die Liste der ‚Unproduktiven' setzen, die nach ihrem Urteil lebensunwert geworden sind. Und keine Polizei wird ihn schützen und kein Gericht seine Ermordung ahnden und den Mörder der verdienten Strafe übergeben. Wer kann dann noch Vertrauen haben zu einem Arzt? Vielleicht meldet er den Kranken als ‚unproduktiv' und erhält die Anweisung, ihn zu töten? Es ist nicht auszudenken, welche Verwilderung der Sitten, welch allgemeines gegenseitiges Misstrauen bis in die Familien hineingetragen wird, wenn diese furchtbare Lehre geduldet, angenommen und befolgt wird. Wehe den Menschen, wehe unserem deutschen Volk, wenn das heilige Gottesgebot: ‚Du sollst nicht töten!', das der Herr auf Sinai verkündet hat, das Gott unser Schöpfer von Anfang an in das Gewissen der Menschen geschrieben hat, nicht nur übertreten wird, sondern wenn diese Übertretung sogar geduldet und ungestraft ausgeübt wird!»

Leider ist die Euthanasie nicht zusammen mit dem Nationalsozialismus verschwunden. Sie wird auch heute noch in vielen Ländern praktiziert. Man fordert ihre Legalisierung unter Berufung auf das «Recht auf einen würdigen Tod». Papst Johannes-Paul II. hat die Euthanasie folgendermaßen beurteilt: «Wir stehen hier vor einem der alarmierendsten Symptome der ‚Kultur des Todes', die vor allem in den Wohlstandsgesellschaften um sich greift, die von einem Leistungsdenken gekennzeichnet sind, das die wachsende Zahl alter und geschwächter Menschen als zu belastend und unerträglich erscheinen lässt. Sie werden sehr oft von der Familie und von der Gesellschaft isoliert, deren Organisation fast ausschließlich auf Kriterien der Produktion und Leistungsfähigkeit beruht, wonach ein hoffnungslos arbeitsunfähiges Leben keinen Wert mehr hat « [Ich] bestätige, dass die Euthanasie eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes ist, insofern es sich um eine vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person handelt, was sittlich nicht zu akzeptieren ist. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet» (Enzyklika Evangelium Vitæ vom 25. März 1995, Nr. 65).

Tötung ungeborenen Lebens

Darüber hinaus werden heute viele menschliche Wesen unter dem Vorwand, sie trügen – medizinischen Untersuchungen zufolge – die Anlage zu schweren Behinderungen in sich, noch vor ihrer Geburt getötet. Die Verfahren vorgeburtlicher Diagnostik werden «häufig in den Dienst einer Eugenetik-Mentalität gestellt», sagt Johannes-Paul II., «die die selektive Abtreibung in Kauf nimmt, um die Geburt von Kindern zu verhindern, die von Missbildungen und Krankheiten verschiedener Art betroffen sind. Eine solche Denkart ist niederträchtig und höchst verwerflich, weil sie sich anmaßt, den Wert eines menschlichen Lebens einzig und allein nach Maßstäben wie ‚Normalität' und physisches Wohlbefinden zu beurteilen und auf diese Weise auch der Legitimation der Kindestötung und der Euthanasie den Weg bahnt» (Evangelium Vitæ, Nr. 63). Die Eltern stehen oft unter dem Druck von Ärzten, die sie zur Abtreibung nötigen wollen, um die Geburt eines (vermutlich) behinderten Kindes zu vermeiden. Den Ärzten selbst wird mit strafrechtlicher Verfolgung gedroht, wenn sie ein «anormales» Kind auf die Welt kommen lassen. Das zeigt, in welchem Ausmaß unsere Gesellschaft von einer Eugenetik-Mentalität beherrscht ist, die mit der der Nazis einiges gemeinsam hat. Eltern und Ärzte dürfen sich nicht beeindrucken lassen, sondern ihr Vertrauen auf Gott setzen und bedenken, dass jede menschliche Person insofern eine unantastbare und heilige Würde besitzt, als sie nach dem Bilde Gottes erschaffen und zum ewigen Leben in Gott berufen ist.

Die Predigt von Galens gegen die Euthanasie fand sowohl in Deutschland wie im Ausland große Verbreitung. Sie brachte dem Bischof eine Zurechtweisung von Göring ein, der ihn beschuldigte, «mitten im Krieg durch « Hetzreden und Hetzschriften die Widerstandskraft des deutschen Volkes» zu sabotieren. Hitler erwog sogar die Hinrichtung des widerspenstigen Bischofs. Doch Goebbels riet ihm, damit bis zum Endsieg zu warten, um in Westfalen keine Unruhen heraufzubeschwören. Nichtsdestoweniger wurden rund 40 Priester der Diözese Münster verhaftet; 10 von ihnen starben in der Deportation. 1944 wurde sogar der Bruder des Bischofs, Franz von Galen, ins Lager Oranienburg verschleppt.

1942 nahm der Krieg eine Wende zum Schlechteren für Deutschland, und das Land wurde immer häufiger von den Alliierten bombardiert. Der Bischof bemühte sich nun, die Schrecken des Krieges für die Zivilbevölkerung abzumildern. Er ermahnte sie, sich die Hass- und Vergeltungsrufe der offiziellen Propaganda nicht zueigen zu machen; am 4. Juli 1943 erklärte er anlässlich einer Marienwallfahrt nach Telgte: «Ich habe die heilige Pflicht, das Gebot Christi zu verkünden, auf Hass und Rache zu verzichten « Ist es wirklich ein Trost für eine Mutter, deren Kind einem Bombenangriff zum Opfer fiel, wenn man ihr versichert: ‚Demnächst werden wir auch einer englischen Mutter ihr Kind töten?' Nein, solche Ankündigung von Rache und Vergeltung ist wahrlich kein Trost! Sie ist unchristlich, sie ist überdies undeutsch.»

«Verschließ deine Ohren nicht!»

Am 29. Juni 1943 beklagte Bischof von Galen in einer Predigt, dass der deutsche Staat «die Friedensbemühungen des Papstes und der Bischöfe ignoriert und konterkariert». Pius XII. hatte allen Kriegsparteien eine Zusammenkunft in Rom vorgeschlagen, doch Deutschland hatte das abgelehnt. Am 1. Februar 1944 betonte der Bischof von Münster in seinem Fastenhirtenbrief, der Grund für die aktuellen Katastrophen liege in der Ablehnung der Autorität Gottes durch den modernen Menschen. Helfen könne da nur das Hören auf Jesus Christus. Er schloss mit der Beschwörung: «Deutsches Volk, verschließ deine Ohren nicht! Höre auf die Stimme Gottes!» Von Oktober 1943 bis Oktober 1944 wurde die Stadt Münster einschließlich des Doms durch eine Serie von Luftangriffen zerstört; die durch Tod und Flucht dezimierte Bevölkerung schrumpfte von 150 000 auf 25 000 Einwohner; die anderen größeren Städte der Diözese ereilte das gleiche Geschick. Bischof von Galen, der in seinem Bischofspalast während eines Bombenangriffs nur knapp dem Tod entronnen war, musste aufs Land flüchten; den Einmarsch der siegreichen alliierten Truppen erlebte er am 31. März 1945 in Sendenhorst. In der Folgezeit kümmerte er sich fürsorglich um die unzähligen Armen und Unglücklichen ohne Wohnung und ohne Arbeit. Er nahm sie in Schutz vor den alliierten Besatzungstruppen, die unter dem Vorwand einer «Kollektivschuld» des deutschen Volkes die Bevölkerung bewusst unter Plünderungen und Hunger leiden ließen.

Am 23. Dezember 1945 wurde öffentlich bekannt, dass Pius XII. 32 Prälaten, darunter auch Clemens August von Galen, die Kardinalswürde verleihen werde. Der Papst wollte damit die mutigste Stimme des deutschen Episkopats unter der Naziherrschaft ehren; mit der Beförderung von insgesamt drei Deutschen bekundete der Heilige Vater zudem – wie er öffentlich sagte -, dass das deutsche Volk keine Kollektivschuld an den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs treffe. Nach einer mühsamen siebentägigen Zugfahrt nahm der Bischof von Münster am 21. Februar 1946 in Rom bei einer großartigen Feier den roten Kardinalshut entgegen.

Am 16. März zog Kardinal von Galen in das zerstörte Münster ein, begrüßt von einer begeisterten Menge von 50 000 Personen, die in ihm einen Hoffnungsträger für die Zukunft sahen. In seiner Ansprache drückte er sein Bedauern darüber aus, dass er des Märtyrertods für unwürdig befunden worden war; die Tatsache, dass die Gestapo ihn nicht verhaftet hatte, führte er auf die Liebe und Treue seine Diözesane zurück: «Dass Ihr hinter mir standet, und dass die damaligen Machthaber wussten, dass Volk und Bischof in der Diözese Münster eine unzertrennliche Einheit waren und dass, wenn sie den Bischof schlugen, das ganze Volk sich geschlagen gefühlt hätte, das hat mich innerlich gestärkt und mir Sicherheit verliehen.» Das war die letzte öffentliche Handlung des «Löwen von Münster». Bereits am nächsten Tag erlitt er einen Blinddarmdurchbruch, an dem er am 22. März 1946 verstarb.

Am 9. Oktober 2005 erklärte Papst Benedikt XVI. in seinem Grußwort am Ende der Seligsprechungsfeier: «Darin liegt die immer aktuelle Botschaft des seligen von Galen: Der Glaube ist nicht nur ein privates Gefühl, das man sogar verbergen muss, wenn es stört, sondern er bedeutet auch Zusammenhalt und öffentliches Zeugnis zugunsten des Menschen, der Gerechtigkeit und der Wahrheit.»

Bitten wir Gott für uns und für alle Hirten der Kirche durch die Fürsprache des seligen Clemens August um den Mut, uns beim Bezeugen unseres christlichen Lebens «weder von Menschenlob noch von Menschenfurcht» beeindrucken zu lassen. So werden wir wirkungsvoll für den Ruhm Gottes und für das Heil der Seelen arbeiten können.

Dom Antoine Marie osb

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