Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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21. Juni 2006
Hl. Aloisius Gonzaga


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Für arme Christen, wie wir im Grunde genommen alle sind, sind Märtyrer eine Ermutigung, das Evangelium mit Ernst und in seiner Gesamtheit zu leben, indem wir die kleinen und großen Opfer mutig angehen, die das in Treue zum Wort und zum Vorbild Jesu gelebte christliche Leben normalerweise mit sich bringt. Die Märtyrer sind die wahrhaftigsten Nachahmer Jesu in seinem Leiden und in seinem Tod», sagte Kardinal Saraiva Martins (29. Oktober 2003). Die selige Schwester Zdenka Schelling ist eine Märtyrerin, die uns Papst Johannes-Paul II. als «leuchtendes Vorbild der Treue in Zeiten harter und erbarmungsloser religiöser Verfolgung» hingestellt hat (14. September 2003).

Cäcilia Schelling wurde am Weihnachtstag 1916 als zehntes Kind einer Bauernfamilie in Krivá in der Slowakei geboren, die damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Ihr Geburtsdorf lag in einer herrlichen Gebirgsgegend, deren Bevölkerung tief katholisch war. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Slowakei mit Böhmen und Mähren vereinigt und war nun ein Teil der Tschechoslowakei. 1929 ließen sich auf Bitten des örtlichen Pfarrers die Schwestern vom Heiligen Kreuz aus Ingenbohl (Schweiz) im Dorf Krivá nieder, um dort die Kinder zu erziehen. Das Niveau des von den Schwestern erteilten Unterrichts war beachtlich. Sie nahmen sich auch der Krankenfürsorge an und führten neue landwirtschaftliche Methoden ein. Dank ihres selbstlosen Engagements herrschte wohltuende Harmonie im Dorf.

Cäcilia war von zarter und empfindlicher Konstitution, besaß jedoch ein kämpferisches Temperament. Intelligent und lebhaft, verführte sie ihre Kameraden zu manch einem Streich. Cäcilia lernte leicht. Bei Schularbeiten half sie insgeheim ihren Banknachbarn. Sie war allerdings von dem geregelten Leben der Nonnen, von denen sie erzogen wurde, so fasziniert, dass sie schon im Alter von 15 Jahren um Aufnahme in die Kongregation bat. Die Schwestern vom Heiligen Kreuz widmeten sich allen Arten von Wohltätigkeit; sie betrieben Heime, Schulen, Krankenhäuser, Sanatorien, Altenpflege sowie Fürsorge für Randgruppen. Sie hatten ihre eigenen Ausbildungseinrichtungen. Nach vierjähriger Lehre erhielt Cäcilia am 30. Januar 1937 ihr Krankenschwesterdiplom und legte ihre ersten Gelübde ab. Man gab ihr den typisch slawischen Namen «Schwester Zdenka», den man mit «Sidonie» übersetzen könnte.

1939 wurde der tschechische Teil des Landes vom Deutschen Reich annektiert, und die Slowakei wurde ein eigenständiger Satellitenstaat Deutschlands. Bis 1942 arbeitete Schwester Zdenka in einem Krankenhaus mitten in der Ostslowakei. Dann wurde sie an ein öffentliches Krankenhaus nach Bratislava berufen. Gewissenhaft, mit angeborenem Ordnungs- und Sauberkeitssinn begabt sowie von großer Einfühlsamkeit, die sie die Kranken verstehen ließ, war sie bei Ärzten wie Patienten gleichermaßen geschätzt und beliebt. Ihr Leben war vom Gebet beseelt: «In meinem Krankenhausdienst gehe ich vom Altar Gottes zum Altar meiner Arbeit « Ich fürchte nichts und gebe mir Mühe, alles mit Freude anzupacken. Ich verkünde das Evangelium mehr durch mein Beispiel als durch Worte, wie auch Christus sich durch das Zeugnis seines Lebens offenbart hat.»

Fluchtversuche in den Westen

1945 wurde die Tschechoslowakei wiederhergestellt, doch Ende Februar 1948 wurde dem Land von der Sowjetunion der Kommunismus aufgezwungen. Industrie und Privateigentum wurden verstaatlicht, die Kirche durch eine Agrarreform enteignet, die meisten Zeitungen verboten. Im April 1949 wurde eine Kommission zur systematischen Unterdrückung der katholischen Kirche eingesetzt. 1950 wurden unter dem trügerischen Vorwand, sie seien Widerstandsnester gegen die Volksrepublik, die Klöster geschlossen. In Krankenhäusern beschäftigte Ordensschwestern durften wegen des Mangels an qualifiziertem weltlichem Personal einstweilen ihre Stelle behalten. Viele Priester, Seminaristen und Ordensleute versuchten, in den Westen zu fliehen, denn es gab keine legale Möglichkeit, das Land zu verlassen. Eine wie auch immer geartete Hilfe für einen Flüchtling wurde als Landesverrat gewertet und mit den härtesten Strafen belegt.

Ein inhaftierter Priester namens Sandtner, der vergeblich versucht hatte zu fliehen, landete schwerkrank im Krankenhaus von Bratislava. Schwester Zdenka kümmerte sich besonders um ihn. Obwohl es strikt verboten war, zelebrierte er in ihrem Beisein die heilige Messe in einer kleinen Kammer. Als sich sein Zustand besserte, sollte er wieder ins Gefängnis zurückkehren, doch die Schwester konnte seinen Krankenhausaufenthalt immer wieder verlängern lassen. Die Haltung Schwester Zdenkas führte zu immer heftigeren Konfrontationen mit den Behörden. Im Jahre 1951 wurde ein sehr aktiver Priester, Stefan Kostial, wegen Fluchtversuchs verhaftet und gefoltert. Er wurde völlig entkräftet ins Krankenhaus von Bratislava eingeliefert, wo ihn Schwester Zdenka unter ihre Fittiche nahm. Als er wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, sollte er am 20. Februar 1952 vor Gericht erscheinen, um abgeurteilt zu werden. Schwester Zdenka nahm daraufhin Kontakt zu Personen auf, die ihm zur Flucht verhelfen konnten. Am Abend des 19. Februar kochte sie einen Tee für die diensthabende Wache und tat ein Schlafmittel hinein. Stefan Kostial konnte entkommen, doch einige Tage später scheiterte ein Fluchtversuch anderer Priester.

Jetzt bin ich dran!

Am 29. Februar fand eine Polizeirazzia im Krankenhaus statt. Ein Zeuge berichtete: «Das Krankenhaus war von Polizisten umstellt. Vor unseren Augen wurde eine Nonne festgenommen. Als Schwester Zdenka diese Szene sah, rief sie: ‚Jetzt bin ich dran!' Sie ließ mich zu sich kommen und bat mich, einige Dokumente aus ihrem Besitz mitzunehmen und anderswo zu verstecken « Kaum hatte ich den Raum verlassen, wurde ich von den Polizisten gefragt, wo Schwester Zdenka sei. Sie suchte schnell noch ein paar Toilettenartikel zusammen, bevor man sie entdeckte « Dann wurde sie gefunden und mit den anderen Schwestern ins Gefängnis gebracht.» Später kam heraus, dass der Lastwagenfahrer, der bei der Flucht der Priester mitgewirkt hatte, ein vom Staat bezahlter Spion war, der insbesondere die Frauen überwachen und denunzieren sollte.

Schwester Zdenka hatte geschrieben: «Fürchten wir uns nicht vor dem Leiden. Gott schenkt uns stets die notwendige Kraft und den notwendigen Mut dazu. Ich werde immer an seine Gnade glauben. Nichts wird mich erschüttern, weder der Sturm, noch die drohenden Wolken. Wenn es so kommt, wird es nicht lange dauern. Mein Vertrauen und meine Gewissheit werden dadurch nur bestärkt.» Bei ihrer Seligsprechung sagte Papst Johannes-Paul II. im gleichen Sinne: «Das in die Erde gepflanzte Kreuz scheint ihre Wurzeln beinahe in die menschliche Bosheit zu tauchen, doch es weist nach oben, wie ein zum Himmel zeigender Zeigefinger, ein Zeigefinger, der auf die Güte Gottes verweist. Durch das Kreuz Christi wird das Böse vernichtet, der Tod besiegt, uns das Leben wiedergeschenkt, die Hoffnung neu belebt, Licht gespendet.» Schwester Zdenka wurde mit der herben Erfahrung des Leidens konfrontiert. Die Staatspolizei wollte von ihr Details über die Fluchtversuche erpressen, vor allem Namen von Komplizen, doch sie verriet nichts. Sie behauptete später: «Man wollte mich zwingen, erlogene und gefälschte Angaben zu machen.» Angesichts ihrer absoluten Weigerung zu lügen, wurde sie mehrmals dadurch gefoltert, dass man sie beinahe erstickte. «Diese Qual nahm erst ein Ende, als ich völlig erschöpft und nahezu ohnmächtig war», sagte sie später. «Man setzte mir eine schwarze Brille auf und führte mich durch die Gefängnisflure bis in einen finsteren Kerker « Als ich wieder zu mir kam, suchte ich um mich herum nach einem Gegenstand, den ich unter meinen schmerzenden Kopf hätte schieben können. Da ich nichts fand, zog ich meine Schuhe aus und benutzte sie als Kissen. Sie waren allemal weicher als der Betonboden.»

Wahrheitsliebe und Verschwiegenheit

Da sie wegen ihrer Barmherzigkeit für die Priester inhaftiert war, hätte Schwester Zdenka wahrscheinlich vielen Schmerzen aus dem Weg gehen können, wäre sie bereit gewesen, zu lügen oder andere Personen zu denunzieren, was sie stets abgelehnt hatte. Das Alte Testament bezeugt, dass Gott die Quelle aller Wahrheit ist. Sein Wort ist Wahrheit (vgl. Spr 8,7; 2 Sam 7,28). Die Wahrheit Gottes hat sich voll und ganz in Jesus Christus offenbart. Er ist die Wahrheit (Joh 14,6). Jesus wiederum lehrt seine Jünger die Liebe zur Wahrheit: Es sei euer Jawort ein Ja, euer Nein ein Nein (Mt 5,37). Folglich mahnt das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche: «Jeder Mensch ist in seinen Taten und Worten zur Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit berufen. Jeder hat die Pflicht, die Wahrheit zu suchen, an der Wahrheit festzuhalten und sein ganzes Leben an den Forderungen der Wahrheit auszurichten. In Jesus Christus hat sich die Wahrheit Gottes voll und ganz gezeigt: Er ist die Wahrheit. Wer ihm nachfolgt, lebt im Geist der Wahrheit und hütet sich vor Doppelzüngigkeit, Falschheit und Heuchelei» (Nr. 521). Der Katechismus der Katholischen Kirche präzisiert: «Das Recht auf Mitteilung der Wahrheit ist nicht bedingungslos... Die Nächstenliebe verlangt, dass man in der konkreten Situation abschätzt, ob es angemessen ist oder nicht, die Wahrheit dem zu sagen, der sie wissen will ... Das Wohl und die Sicherheit anderer, die Achtung des Privatlebens oder die Rücksicht auf das Gemeinwohl sind hinreichende Gründe, etwas, das nicht bekannt werden soll, zu verschweigen oder sich einer diskreten Sprache zu bedienen. Die Pflicht, Ärgernis zu vermeiden, fordert oft strenge Diskretion. Niemand ist verpflichtet, die Wahrheit Personen zu enthüllen, die kein Recht auf deren Kenntnis haben» (Nr. 2488-2489).

Wegen ihrer Wahrheitstreue wurde Schwester Zdenka weiteren Folterungen ausgesetzt, so z.B. am ganzen Körper geschlagen. Nur die Überzeugung, dass Gott sie beschützt, gab ihr die Kraft, die Qualen zu ertragen. «Wenn es sich bei Märtyrern um arme und bescheidene Menschen handelt, die ihr Leben für Werke der Nächstenliebe hingegeben haben und die während ihres Leidens und Sterbens ihren Henkern vergeben, so liegt eine Wirklichkeit vor, die das menschliche Niveau übersteigt und uns zu der Einsicht nötigt, dass Gott allein die Gnade und die Kraft zum Märtyrertod gewähren kann. Demnach ist das christliche Martyrium ein beredteres Zeichen denn je für das aktive Eingreifen Gottes in die menschliche Geschichte» (Kardinal Martins). Während der ganzen Beweisaufnahme für den Prozess saß Schwester Zdenka vor Kälte zitternd allein in einer fensterlosen Zelle. «Ich wusste nicht mehr, ob Tag war oder Nacht, und ich erinnere mich nicht, wie lange diese Isolation dauerte. Nach einer Zeit, die mir unendlich lang vorkam, wurde ich überraschend in eine andere Zelle verlegt. Dort gab man mir zu essen und zu trinken: Vor Gericht musste ich ja besser aussehen!»

Am 17. Juni 1952 wurde sie in Bratislava wegen Mitwirkung am Fluchtversuch von sechs römisch-katholischen Priestern vor Gericht gestellt. Auf der Anklagebank erschien Schwester Zdenka um mehrere Jahre gealtert. Leid und Angst standen ihr ins Gesicht geschrieben. Das Urteil lautete auf zwölf Jahre Gefängnis wegen Hochverrats. Sie war auch angeklagt, «Feind Nr. 1» der Volksdemokratie zu sein. Unter den Augen eines Mitglieds der Staatssicherheit unterzeichnete sie folgende Erklärung: «Ich nehme die Anklagen und den Prozessausgang zur Kenntnis. Ich fühle mich nicht schuldig. Ich gebe die mir vorgeworfenen Taten zu, weise aber die Anklage des Hochverrats zurück. Der Wärter hatte das Gerücht verbreitet, die fünf inhaftierten Priester würden nach Sibirien verschleppt und dort getötet. Ich war bestürzt und wollte sie retten. Aus reinem Mitleid fasste ich den Entschluss, ihnen bei der Flucht zu helfen. Ich war zu naiv, als ich den Worten des Wärters Glauben schenkte. Aber deswegen bin ich noch keine Feindin der Volksdemokratie.»

Tiefes Missverständnis

Schwester Zdenka war im Gefängnis Rimavská Sobota inhaftiert, wo streng darauf geachtet wurde, dass sich unter den Gefangenen keine Freundschaften entwickelten. Der Zustand der Gebäude war erbärmlich: Die Wände waren grau und feucht, die Gitter rostig, die Flure rochen modrig. Schwester Zdenka verglich die Wärter und das Personal mit Robotern. Sie fühlte sich wirklich alleingelassen und umso mehr missverstanden, als mehrere ihrer Mitschwestern ihre mitleidige Hilfe für die Flüchtlinge offenbar als Ungehorsam gegen die Kirchenoberen interpretierten: Diese hätten strikte Anweisung gegeben, das Regime nicht zu provozieren, um sich nicht noch zusätzlich Hass und Probleme einzubrocken. Als Schwester Zdenka von dieser Kritik erfuhr, war sie zutiefst gekränkt.

Eine junge Frau, Apolonia Galis, die später selbst Schwester von Heiligen Kreuz wurde und die am 21. Juni 2003 im Alter von 78 Jahren starb, besuchte die Gefangene im Gefängnis und brachte ihr heimlich Kuchen mit, dem sie Vitamine beigemischt hatte. Sie berichtete: «Schwester Zdenka saß blass und abgemagert hinter einem großen Tisch. Die Wärterin passte im Hintergrund auf und beobachtete aufmerksam unsere Handlungen und Gesten.» In einem herausgeschmuggelten Brief bat Schwester Zdenka voller Verzweiflung um Hilfe, damit sich ihre Lebensbedingungen besserten und sie sich außerhalb des Gefängnisses in ärztliche Behandlung begeben konnte. Die Mutter und der jüngere Bruder Schwester Zdenkas beschlossen voller Sorge, sie zu besuchen. Die Gefängnisleitung gewährte ihnen Einlass, allerdings unter der eindeutigen Auflage, dass sie keinerlei Gefühle und Emotionen äußern durften, sonst würde die Begegnung abgebrochen.

Nach anderthalb Jahren Haft wurde Schwester Zdenka in das Prager Gefängniskrankenhaus verlegt, wo ihr eine Brustkrebsgeschwulst entfernt wurde. Nach dem chirurgischen Eingriff erklärte sich Helena Korda, eine politische Gefangene, die kurz zuvor wegen eines Leistenbruchs auf Grund der schweren Zwangsarbeit im Konzentrationslager operiert worden war, bereit, sich um Schwester Zdenka zu kümmern. Lange betrachtete sie die noch schlafende Schwester und spürte einen unbeschreiblichen Frieden, der von der Kranken ausging. Plötzlich schlug die Schwester die Augen auf. Helena hatte noch nie so schöne, so klare und leuchtende Augen gesehen, die aber zugleich voller Traurigkeit und Leid waren. Zwischen den beiden Frauen entstand sofort eine unerklärliche Vertrautheit; allerdings konnte Schwester Zdenka nicht lange reden, da ihre Schmerzen dann unerträglich wurden.

Ein Gebinde aus weißen Rosen

Die Zelle Schwester Zdenkas war nicht geheizt, ihre Ernährung sehr unzureichend. Nach der Operation erhielt sie keine weitere Therapie und auch keinerlei Schmerzmittel. Doch sie klammerte sich an das Leben. Eines Morgens hörte Helena sie sagen: «Jedes Mal, wenn ich die Sonne hinter den Gittern meines Fensters sehen kann, freue ich mich.» Sie sprach oft über ihre Kindheit und wollte gern einmal in ihr Geburtsdorf zurückkehren, um ihre Familie und vor allem ihre Mutter wiederzusehen. Nach drei Wochen wurde von der Wärterin wie aus heiterem Himmel eine amtliche Anordnung verkündet: «Sie kommen nach Brünn!» Widerstand war zwecklos. Mit von Schmerz zerrissenem Herzen fielen sich die beiden Freundinnen in die Arme; Schwester Zdenka fasste sich als Erste: «Wir dürfen nicht weinen « Du wirst freigelassen, während es mit mir zu Ende geht. Wenn meine Vorahnung stimmt, wirst du eines Tages zu meinem Grab kommen und ein Gebinde aus weißen Rosen dort niederlegen. Ich liebe sie so sehr!» Sie sahen sich nie wieder. Helena wurde 1960 freigelassen und brachte einen großen Strauß weißer Rosen zum Grab ihrer Freundin.

In Brünn, wohin Schwester Zdenka verlegt wurde, unterhielten sich die Gefangenen mit Hilfe des Morse-Alphabets. Der Gefängnisdirektor wollte Schwester Zdenka als Spionin einsetzen: Er verlangte von ihr, sie solle die Botschaften abfangen und an ihn weitergeben. Als sie sich weigerte, wurde sie in ein viel schrecklicheres Gefängnis nach Pardubice in Böhmen gebracht. Dort kam sie in eine Isolationszelle ohne Bett und wurde nur soweit ernährt, dass sie nicht verhungerte. Apolonia Galis konnte sie einmal an diesem Ort besuchen: «Alles war so düster», berichtete sie. «Zwischen diesen Mauern bekam selbst ich Angst, und auf dem Rückweg weinte ich heiße Tränen. Ich hatte gehofft, einige Worte mit Schwester Zdenka wechseln zu können, doch das war unmöglich « Ich sah nur das aschfahle Gesicht meiner Freundin. Sie war sehr krank, das war offenkundig. Ihre Augen flehten mich an, das Notwendige zu veranlassen, damit sie befreit würde, doch das wäre mir sehr teuer zu stehen gekommen; weder ich noch ihre Familie hatten die Möglichkeit dazu. Sie musste noch elf Monate lang ausharren.»

Der Staat wollte nicht, dass Häftlinge in der Gefangenschaft starben und damit als Märtyrer galten. Da Schwester Zdenka nun unheilbar krank war, wurde sie am 15. April 1955 freigelassen. Eine Nonne, die wie sie ursprünglich im Gefängnis gesessen hatte und dann freigekommen war, nahm sie auf, doch sie gab ihr bald zu verstehen, dass sie nicht zusammenbleiben konnten. Um das Leben dieser Nonne nicht zu gefährden, fuhr Schwester Zdenka nach Bratislava und wandte sich an die Oberin des Klosters im öffentlichen Krankenhaus; da diese befürchtete, die Anwesenheit Schwester Zdenkas könnte Probleme machen, musste diese wieder abreisen. Sie verstand die Argumente der Oberin; diese Zurückweisung hatte sie dennoch zutiefst verletzt. Als sie völlig erschöpft in Begleitung von Apolonia Galis in Trnava eintraf, folgte eine weitere Enttäuschung: Auch bei den Schwestern war sie nicht willkommen.

So nahm Apolonia Schwester Zdenka bei sich auf. Allerdings musste diese schon eine Woche später ins Krankenhaus gehen. Sie hatte Metastasen in beiden Lungenflügeln. Apolonia besuchte sie oft und bewunderte die Gelassenheit sowie die heroische Geduld, mit der sie ihre Atembeschwerden ertrug. Eines Tages fand sie sie in Tränen vor: Sie hätte so gerne erfahren, was aus dem Priester geworden war, dem sie zur Flucht verholfen hatte. Doch bald hatte sie die riesige Freude, ihre Mutter wiederzusehen, die aus Krivá anreiste. Als Schwester Zdenka den Tod nahen fühlte, betete sie: «Mein Gott, ich komme zu Dir mit demütigem und reuigem Herzen. Meine kalten und steifen Füße mahnen mich daran, dass meine Pilgerschaft auf Erden zu Ende geht. Wenn meine Seele von trügerischen Gespenstern belästigt, vom Todeskampf geängstigt und durch die Erinnerung an alles getrübt wird, was ich versäumt oder schlecht erledigt habe, wenn ich gegen den Engel der Finsternis kämpfen muss, der Deine Güte verdeckt und meine Seele mit Entsetzen füllt, dann hab Erbarmen mit mir, und wenn ich weine, nimm meine Tränen als Zeichen der Versöhnung hin. Und auch wenn schließlich meine Seele vor Dir steht, hab Erbarmen mit mir.»

Am frühen Morgen des 31. Juli 1955 gab Schwester Zdenka ihre Seele an Gott zurück, nachdem sie die heilige Kommunion empfangen hatte. Ihr Leichnam ruht heute auf dem Friedhof von Podunajské-Biskupice, in der Gruft der Schwestern vom Heiligen Kreuz. 15 Jahre nach ihrem Tod wurde Schwester Zdenka vom obersten Gericht der sozialistischen Republik Slowakei rehabilitiert: «Die Verurteilung wegen Hochverrats ist ungerechtfertigt», steht im Verhandlungsprotokoll vom 6. April 1970. «Die begangenen Taten stellten keinerlei Gefahr für die Gesellschaft dar und erforderten keine strafrechtliche Verfolgung. Zudem hätten die Beamten der Sicherheitspolizei diese Fluchtfälle verhindern können, statt sie zu provozieren.» Der Senatspräsident, der seinerzeit das Urteil gegen Schwester Zdenka unterzeichnet hatte, bekehrte sich schließlich und empfand bittere Reue über die unbarmherzigen Urteile, die er gebilligt hatte, vor allem die Verurteilung der Schwester.

Der Sieg der Wahrheit

Schwester Zdenka wurde bei ihrer Seligsprechung ein noch glanzvollerer Triumph zuteil. Die Kirche stellte nämlich dadurch fest, dass ihr Leiden und ihr Tod ein Sieg waren. «Der hl. Augustinus sagte: Non vincit nisi veritas (Nur die Wahrheit siegt). Nicht der Mensch siegt also über den Menschen, nicht der Verfolger über die Opfer, obwohl es so aussieht. Im Falle der christlichen Märtyrer siegt am Ende die Wahrheit über den Irrtum; denn wie der heilige Kirchenvater aus Hippo Regis schloss: Victoria veritatis est caritas, d.h. der Sieg der Wahrheit ist die Liebe « Der christliche Märtyrer verkündet eindeutig, dass Gott, die Person Jesu Christi, der Glaube an Ihn und die Treue zum Evangelium die höchsten Werte des menschlichen Lebens sind, und zwar so sehr, dass man für diese sogar sein eigenes Leben opfern muss» (Kardinal Martins).

Möge das Kreuz, dem wir in unserer alltäglichen Realität begegnen, für uns der Weg sein, der zum Leben führt, eine Quelle der Kraft und der Hoffnung!

Dom Antoine Marie osb

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