Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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12. April 2006
Karmittwoch


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

"Im Zentrum der Kultur der Liebe steht die Wertschätzung der menschlichen Person, genauer, aller menschlichen Personen « Die christliche Sicht des Menschen als Abbild Gottes bedeutet nämlich, dass alle persönlichen Rechte ihrem Wesen nach von der Gesellschaft respektiert werden müssen, die sie ja nicht erschafft, sondern lediglich anerkennt « Das Christentum leistet einen eigenen Beitrag zur Errichtung einer menschenwürdigen Gesellschaft, indem es ihr eine Seele gibt und die Anforderungen des göttlichen Gesetzes verkündet, in welchem alle Organisationen und Gesetze der Gesellschaft fest verankert sein müssen, wenn sie die Förderung der Menschen, die Befreiung von jeder Knechtschaft und echten Fortschritt wollen" (Johannes-Paul II., 15. Dezember 2000). Diese Wahrheiten werden durch das Leben der seligen Anne-Marie Javouhey großartig beleuchtet.

Am 10. November 1779 kam in Jallenge in Burgund ein kleines Mädchen namens Anne-Marie als fünftes von zehn Kindern einer Familie auf die Welt. Anne-Marie, die immer nur Nanette gerufen wurde, war ein verspieltes, strahlendes und lebenssprühendes Kind, das nie um Einfälle und schlagfertige Antworten verlegen war. Mit 10 Jahren empfing sie trotz der Bedenken ihres Vaters, der sie für zu vorlaut hielt, die Erstkommunion. "Von diesem Tage an", bekannte sie später, "betrachtete ich mich als Gott und seinen Werken geweiht."

1791, während der Französischen Revolution, wollte der örtliche Pfarrer Rapin lieber ins Exil gehen, als den vom Klerus verlangten schismatischen Eid zu leisten, und wurde durch einen auf die neue Verfassung vereidigten Priester ersetzt. Nanette besuchte manchmal ohne Wissen ihrer Eltern die Messe. "Ich hielt mich für klüger als die Anderen", sagte sie später. Eines Abends klopfte ein Priester, der den Eid nicht geschworen hatte, an die Tür. "Man hat mich zu einem Kranken gerufen, und ich kenne den Weg nicht." Unerschrocken bot Nanette an, ihn zu begleiten. Unterwegs erklärte ihr der Priester, wie notwendig es sei, der römisch-katholischen Kirche treu zu bleiben. Von da an organisierte sie mit ihrer Familie heimlich Gottesdienste und versteckte Priester, die von den Aufständischen verfolgt wurden. Sobald sich die Unruhen gelegt hatten, lief Nanette von einem Dorf zum anderen und trommelte die Jugend zusammen, um sie den Katechismus zu lehren. "Ich habe meinen Eltern nie Schmerz bereiten oder ungehorsam sein wollen", sagte sie, "aber ich konnte Gott nicht widerstehen, der mir eine so starke Neigung dafür eingepflanzt hatte, junge Mädchen und unwissende Erwachsene mit Ihm bekannt zu machen." Eines Tages erhielt sie einen recht präzisen Auftrag von Gott: "Der Herr ließ mich auf eine ungewöhnliche, aber sichere Art wissen, dass er mich in den Stand berief, den ich schon angesteuert hatte, um Arme zu unterrichten und Waisen großzuziehen!", behauptete sie später.

Die Kinder, die Gott dir schenkt

Die Einstellung Nanettes, die mehr an das Beten und Bekehren dachte als an die Arbeit auf dem Hof, erstaunte und erzürnte ihren Vater. Doch das junge Mädchen konnte ihn für seine Sache gewinnen und durfte sich am 11. November 1798 während der Messe und in Gegenwart ihrer Familie offiziell Gott weihen. 1800 begab sich Nanette nach Besançon, wo Jeanne-Antide Thouret eine kleine Gemeinschaft von Frauen gegründet hatte, die sich der Wohltätigkeit und der Kindererziehung widmeten. Doch bald überkamen sie Zweifel. "Herr, was willst du von mir?", rief sie eines Abends laut. Eine gut vernehmliche innere Stimme antwortete ihr, Gott habe Großes mit ihr vor. Einige Tage später glaubte sie beim Aufwachen von vielen schwarzen Gestalten umgeben zu sein, wobei die Einen ganz schwarz, die Anderen mehr oder weniger dunkelhäutig waren. Gleichzeitig meinte sie folgende Worte zu hören: "Das sind die Kinder, die Gott dir schenkt. Ich bin die heilige Therese. Ich werde die Schutzheilige deines Ordens sein." Sie kehrte daraufhin zu ihren Eltern heim.

Bald trat sie in ein Trappistinnenkloster in der Schweiz ein. Doch im Grunde ihres Herzens ertönte eines Tages eine Stimme: "Du bist nicht zur Trappistin berufen, sondern dazu, eine Kongregation für die Schwarzen zu gründen." Die im Kloster verbrachten Monate hatten ihr immerhin zu einer soliden Grundbildung im Ordensleben verholfen. Nach zwei weiteren Versuchen an Schulen im Jura kehrte Anne-Marie zu ihrem Vater zurück, um dort ihr Erziehungswerk einzurichten. Im April 1805 machte Papst Pius VII. auf der Heimreise von der Salbung Napoleons in Chalon-sur-Saône Station. Anne-Marie und ihren Schwestern wurde eine Privataudienz gewährt. Das junge Mädchen legte seine Pläne dem Heiligen Vater vor: "Nur Mut, mein Kind", erwiderte der Stellvertreter Jesu Christi, "Gott wird durch Sie viele Dinge zu seinem Ruhm bewirken."

Auf Anraten ihres Bischofs ließ sich Anne-Marie in Chalon-sur-Saône nieder. Pädagogisch sehr begabt, begriff sie, dass die praktischen Fähigkeiten von Kindern besonders gefördert werden mussten. Sie brachte ihren Schülerinnen das Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch das Nähen, Stricken, Bügeln und Spinnen bei. Anne-Marie gedachte die Kapelle ihrer Schule unter den Schutz des hl. Bernhard oder der hl. Therese zu stellen. Doch der Pfarrer, der selbst Joseph hieß, schlug ihr vor, lieber den Braütigam der Jungfrau Maria um seinen Schutz zu bitten. Man entschied sich für den Namen des hl. Josef, und er ging von der Kapelle auch auf die kleine Gemeinschaft der von Anne-Marie ausgebildeten Erzieherinnen über. Am 12. Mai 1807 zogen sich Anne-Marie, ihre drei Schwestern sowie fünf weitere junge Mädchen eine Ordenstracht über und legten ihre Gelübde vor dem Bischof von Autun ab. Letzterer riet der Oberin dazu, in die Bischofsstadt umzuziehen. Mutter Anne-Marie bekam sogar einen Teil des ehemaligen Priesterseminars zur Verfügung gestellt. Ende 1810 kamen während des Krieges mit Spanien ganze Konvois mit Kranken und Verletzten nach Autun. Die Schwestern wurden Krankenpflegerinnen. Eines Tages im Januar 1812 stieß Mutter Anne-Marie auf eine Kleinanzeige zum Verkauf des ehemaligen Klosters Récollets in Cluny. Sie wandte sich an ihren Vater, der sich zum Kauf des Anwesens überreden ließ. Die Schwestern ließen sich dort als "Kongregation des Hl. Josef von Cluny" nieder.

Die Ordensmutter stutzte!

Mit einigen Schwierigkeiten gelang es Mutter Anne-Marie, eine Schule in Paris zu eröffnen, wo sie vom Verwalter der Insel Bourbon (heute Insel Réunion) aufgesucht und um einige Schwestern für seine Insel gebeten wurde, die von "Weißen, Mulatten und Schwarzen" bevölkert sei. Bei diesen Worten stutzte die Mutter und erinnerte sich an die Prophetie von Besançon. Bald danach bat sie der Innenminister um Schwestern für die überseeischen Besitzungen Frankreichs. In der Aussicht auf Missionsarbeit nahm sie alles an. Am 10. Januar 1817 machten sich vier Schwestern auf die Reise zur Insel Bourbon. Anfang 1819 schifften sich sieben Nonnen nach Senegal ein. Doch dort war das Krankenhaus, das sie übernehmen sollten, in einem beklagenswerten Zustand, die Stadt hatte keine Kirche und die Evangelisierung hatte kaum begonnen « Bald verloren die Schwestern allen Mut.

Mutter Anne-Marie reiste 1822 selbst nach Senegal. Einige Wochen nach ihrer Ankunft schrieb sie: "Die Schwierigkeiten sind unkalkulierbar; wir können nur aus purer Liebe zu Gott ausharren, ohne uns entmutigen zu lassen « Heute, da ich mich von allen Überraschungen erholt habe und die Dinge genauer sehe, scheint mir, dass man in Afrika viel Gutes bewirken kann." Überzeugt, dass die Schwarzen von Natur aus zur Religion neigten, behauptete sie: "Es steht nur der Religion zu, diesem Volk Prinzipien sowie solide und ungefährliche Kenntnisse zu vermitteln, denn ihre Gesetze und Dogmen korrigieren nicht nur grobe und äußere Laster, sondern verändern das Herz « Gebt der Religion äußere Pracht, damit der Pomp des Kultes diese Menschen anzieht, damit der Respekt sie festhält, und bald habt ihr das Gesicht des Landes verändert." Auf der anderen Seite stellte sie fest, dass die Bestimmung Afrikas in der Landwirtschaft liegt. Ende April 1823 richtete sie eine Schulfarm in Dagana ein. Mutter Anne-Maries Ruf verbreitete sich, und bald rief man sie erst nach Gambia, dann nach Sierra Leone, wo sie Krankenhäuser übernahm. Bald kamen jedoch Briefe aus Frankreich, die sie um ihre Rückkehr baten. Im Februar 1824 kehrte sie nach Paris zurück, nachdem sie den Grundstein für ein langfristig angelegtes Werk zur Zivilisierung und Christianisierung Afrikas gelegt hatte. Ihr erstes Ziel war die Heranbildung eines afrikanischen Klerus, eine Notwendigkeit für die Missionsarbeit. So gründete sie in Bailleul ein Haus zur Ausbildung junger Afrikaner.

Die Hilfe des guten Beispiels

1827 wandte sich der Marineminister an Mutter Anne-Marie mit der Bitte um Hilfe in Guyana (einer französischen Besitzung in Zentralamerika), wo die französischen Siedler zahlreiche Rückschläge erlebt hatten. Sie nahm das Angebot an, doch sie stellte eigene Bedingungen in Bezug auf das christliche Leben der Siedler sowie der Eingeborenen. Im August 1828 ging sie mit knapp hundert Personen in Guyana an Land und ließ sich in Mana nieder. Vier Monate später schrieb sie: "Alles läuft zügig in die richtige Richtung: Die Arbeiten kommen voran, die Saat wächst zusehends, die Religion festigt sich im Herzen derjenigen, die nur eine oberflächliche Vorstellung davon hatten, und das alles nur durch das gute Vorbild « Wir haben 15 gut ausgewählte Arbeiter für die nützlichsten Berufe mitgebracht « Mit den Schwestern jäte ich, pflanze Bohnen und Maniok, säe Reis, Mais usw. Wir singen dabei Kirchenlieder, erzählen uns Geschichten und bedauern, dass unsere armen Schwestern in Frankreich unser Glück nicht teilen können." Doch die durch den harten Einsatz der Ordensmutter erzielten Erfolge erregten den Neid einiger Siedler in Cayenne.

Nach der Revolution vom Juli 1830 wurde die finanzielle Unterstützung der Regierung für die Hilfswerke von Mutter Anne-Marie gekürzt. Doch die Ordensfrau setzte ihre Arbeit fort, und ihre Einrichtungen gediehen gut. 1833 errichtete sie in der Nähe von Mana eine Leprastation. Dann kehrte sie nach Frankreich zurück und besuchte ihre Häuser. Sie war sich der Schwächen ihrer Kongregation bewusst: "Unsere Kongregation ist noch jung und bedarf doch schon einer großen Reform. Wir müssen uns eine innere Spiritualität und eine Gebetshaltung erarbeiten. Mit dieser doppelten Spiritualität sind wir gegen jede Gefahr gewappnet." Seit 1829 wurde die Diözese Autun von Bischof d'Héricourt geleitet, einem eifrigen Kirchenmann, der sich die Arbeit der Schwestern zunutze machen wollte. Zu diesem Zweck wollte er die Oberhand über die Kongregation gewinnen und revidierte die von seinem Vorgänger 1827 genehmigten Statuten.

Ende April 1835 setzte Bischof d'Héricourt Mutter Anne-Marie neue Statuten vor, die die alten über den Haufen warfen und ihn zum Generaloberen über die Schwestern machten. Als die Gründerin sich weigerte, setzte sie der Bischof unter Druck und befahl ihr schließlich zuzustimmen. Mutter Anne-Marie, die weder die Schwestern um Rat fragen konnte, noch über die notwendige Zeit zum Abwägen verfügte, unterzeichnete schließlich die neuen Statuten. Doch schon beim Weggehen überkamen sie heftige Gewissensbisse: Sie hatte übereilt unterschrieben, ohne Zustimmung des Generalkapitels und der anderen Bischöfe, die von diesen Veränderungen betroffen waren. Sie holte sich bei maßgeblichen Leuten Rat und erkannte, dass die erpresste Unterschrift nicht freiwillig erfolgt und somit wertlos war. Sie schrieb daher dem Bischof, sie werde an den Statuten von 1827 festhalten.

Die Befreiung der Sklaven vorbereiten

Gleichzeitig wurde in Regierungskreisen die Befreiung der Sklaven diskutiert. Diese Maßnahme erforderte eine angemessene Vorbereitung. Im Bericht einer interministeriellen Kommission stand zu lesen: "Frau Javouhey hat bei der Leitung dieser Anstalt in Mana großen Ordnungssinn und unerschütterliche Beharrlichkeit bewiesen. Wir sollten die Schwestern des hl. Josef von Cluny beauftragen, die Freilassung der Sklaven durchzuführen." Damit waren allerdings nicht alle einverstanden; der von neidischen Siedlern dominierte Rat von Guyane widersetzte sich vehement diesem Plan. Nichtsdestoweniger erging der Auftrag am 18. September 1835 durch einen ministeriellen Beschluss an Mutter Anne-Marie.

Angesichts der modernen Formen der Sklaverei (Frauen- und Kinderhandel, Arbeitsbedingungen, die die Arbeiter zu bloßen Werkzeugen für den Profit reduzieren, Prostitution, Drogen usw.) mahnt die Kirche heute an die Würde der menschlichen Person: "Das siebte Gebot verbietet Handlungen oder Unternehmungen, die aus irgendeinem Grund – aus Egoismus, wegen einer Ideologie, aus Profitsucht oder in totalitärer Gesinnung – dazu führen, dass Menschen geknechtet, ihrer persönlichen Würde beraubt oder wie Waren gekauft, verkauft oder ausgetauscht werden. Es ist eine Sünde gegen ihre Menschenwürde und ihre Grundrechte, sie gewaltsam zur bloßen Gebrauchsware oder zur Quelle des Profits zu machen" (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2414).

Nach ihrer Ankunft in Guyana im Februar 1836 wurden Mutter Anne-Marie etwa 500 bei Sklavenhändlern beschlagnahmte schwarze Sklaven anvertraut. In ihrer pädagogischen Arbeit wollte die Ordensfrau keinerlei Zwang anwenden, sondern durch Milde, Geduld und Überzeugung erziehen. "Ich nahm eine Position ein", schrieb sie, "wie eine Mutter inmitten ihrer vielköpfigen Familie." Diese Konzeption war umso gewagter, als unter den von ihr aufgenommenen Schwarzen durchaus auch furchterregende Gestalten waren. Doch ihr Glaube gründete auf der spezifischen Tugend des Christentums, die auf zivilisatorischem Gebiet Großes bewirken kann. Darüber hinaus konnte die Ordensmutter auf ihr persönliches Ansehen zählen; ihre bloße Gegenwart reichte aus, um Konflikte zu schlichten. Nur selten musste sie energisch durchgreifen. Sie pflegte die christliche Erziehung und kümmerte sich besonders um die Ehen, denn sie wollte ein Bildungswerk zum Thema Familie gründen. Jeder Haushalt hatte eine eigene, saubere und gut ausgestattete Hütte. Diese bildeten ein hübsches Dorf mit einer Kirche. All das hatte reichlich Mühen, Enttäuschungen und schmerzliche Zwischenfälle gekostet. Doch trotz alledem herrschte nach zwei Jahren ein gewisser Ordnungs- und Wirtschaftssinn in Mana. Am 21. Mai 1838 leitete Mutter Javouhey die Freisprechungsfeier für 185 ehemalige Sklaven.

Die glücklichste Zeit!

Doch die Feindseligkeit des Bischofs von Autun verfolgte sie bis nach Guyana. Am 16. April 1842 schrieb die Ordensstifterin: Der Bischof von Autun "hat dem Apostolischen Präfekten untersagt, mich zum Empfang der Sakramente zuzulassen, sofern ich ihn nicht als Generaloberen der Kongregation anerkenne « Aus Liebe zu Gott vergebe ich ihm von ganzem Herzen." Diese äußerst schmerzliche Situation dauerte zwei Jahre lang. Sie wurde durch das Kursieren diffamierender Schmähschriften gegen die Mutter erschwert. Wenn ihre Schwestern zum Tisch des Herrn gingen, was ihr selbst verwehrt war, vergoss sie viele Tränen. Eines Tages begab sie sich in den holländischen Teil Guyanas, da sie hoffte, dort zur Kommunion gehen zu können. Doch der Apostolische Präfekt dieser Region war ebenfalls so informiert, dass "diese Frau entweder nie den Glauben besessen oder ihn völlig verloren hatte", und daher wurde ihr auch hier die Kommunion verweigert. "Diese Zeit der Prüfungen war die glücklichste meines Lebens", sagte sie später. "Ich sah mich sozusagen exkommuniziert, denn es war jedem Priester verboten, mir die Absolution zu erteilen; so ging ich alleine in den großen jungfräulichen Wäldern spazieren und sagte zu Gott: ‚Ich habe nur noch dich, o Herr, so werfe ich mich in deine Arme und bitte dich, dein Kind nicht zu verlassen «' Ich spürte so viel geistlichen Trost, dass ich oft ausrufen musste: ‚O mein Gott, hab Erbarmen mit meiner Schwäche, überhäufe mich nicht so mit deiner Gnade, denn deine arme Dienerin hat nicht die Kraft, sie zu tragen.' Wie viele Male habe ich erfahren, wie gut Gott zu denen ist, die sich nur ihm anvertrauen, und dass man niemals unglücklich ist, wenn man Gott bei sich hat, welche Prüfungen auch immer auf einen zukommen."

Da Mutter Anne-Marie um ihren persönlichen Einfluss auf den reibungslosen Ablauf in Mana wusste, sorgte sie sich wegen der Zukunft, in der sie nicht mehr da sein würde. Sie hatte vor, alle schwarzen Kinder von Guyana im Alter von 5 bis 15 Jahren in einer speziellen Anstalt zu versammeln, um sie christlich zu erziehen. Sie würden sich dann als freie Erwachsene über das ganze Land verstreuen und eine gesunde Einstellung propagieren. Sie bat die Regierung um eine Subvention für dieses Projekt, doch diese verweigerte ihr jede Unterstützung. Am 18. Mai 1843 schiffte sich die Ordensmutter nach Frankreich ein. Ihr Fortgang war ein harter Einschnitt für alle. Gleich nach ihrer Ankunft in Frankreich erhielt sie von den Bischöfen, denen sie gut bekannt war, die Erlaubnis zum Empfang der Sakramente. Dann besuchte sie ihre Töchter, von denen sie überall feierlich empfangen wurde. Sie ermahnte sie zur inneren Stille und zum Seelenfrieden, denn nur so könne man den Plan Gottes für sich entdecken; sie lehrte sie, jede übertriebene Eile zu meiden: Hüten wir uns davor, sagte sie, "schneller zu sein als die Vorsehung, die unterstützt und nicht überholt werden will « Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass sich das Werk Gottes langsam vollzieht."

Indessen verfolgte der Bischof von Autun sein Vorhaben weiter. Um als Generaloberer der Kongregation anerkannt zu werden, versuchte er auf die Novizinnen von Cluny einzuwirken. Er ernannte einen Geistlichen für sie, der sie ihren angeblich gegen den Bischof "revoltierenden" Vorgesetzten abspenstig machen sollte. Am 28. August 1845 reiste Mutter Javouhey nach Cluny, sprach sehr gefasst zu ihren Töchter und schloss mit den Worten: "Meine Kinder, man hat euch gesagt, es sei eine Sünde, mir zu folgen; ich sage euch, es ist keine Sünde, dem Herrn Bischof von Autun zu folgen. Ihr seid frei, ihr werdet euch entscheiden. Die Lage ist euch bekannt; es gibt viele Bischöfe, die eine andere Meinung über uns haben als der Bischof von Autun und die euch gerne aufnehmen werden. Alle, die in der Kongregation bleiben möchten, mögen mir nach Paris folgen." Von den 80 jungen Frauen verweigerten ihr nur 7 die Gefolgschaft. Der Bischof von Beauvais, ein großer Bewunderer der Ordensmutter, nahm sich daraufhin energisch der ganzen Sache an. Nach und nach wurde Bischof d'Héricourt in seiner gegen die Schwestern gerichteten Position isoliert. Am Ende sah er ein, dass er Mutter Javouhey falsch beurteilt hatte. In seinem Geist hatte sich ein Abgrund an Unverständnis aufgetan. Am 15. Januar 1846 wurde schließlich eine Einigung zwischen den beiden herbeigeführt.

"Lasst sie passieren!"

Während dieser schmerzlichen Affäre hatte Mutter Anne-Marie ihre apostolische Tätigkeit durch zahlreiche Gründungen in Frankreich, Ozeanien, Madagaskar, Indien und auf den englischen Antillen fortgesetzt. Als die Revolution von 1848 ausbrach, befand sie sich in der Nähe von Paris. In großer Eile erreichte sie die in vollem Aufruhr befindliche Stadt und musste dort die Barrikaden überwinden. Als die revoltierenden Arbeiter, deren Nöte sie in den "Nationalen Werkstätten" gelindert hatte, sie kommen sahen, riefen sie: "Das ist Mutter Javouhey! Das ist die Generaloberin Javouhey! Lasst sie passieren!" Die neue Regierung beschloss unverzüglich die völlige Freilassung der Schwarzen. Das Werk zur methodischen und vorsichtigen Vorbereitung auf den Gebrauch der Freiheit war nun überholt, doch Mutter Javouhey arrangierte sich mit der Situation, damit sie die Bildungs- und Evangelisierungsarbeit bei den ehemaligen Sklaven fortsetzen konnte. In Mana wurde die Nachricht von der Abschaffung der Sklaverei mit einer friedlichen Freude aufgenommen, die in scharfem Gegensatz zu den gewalttätigen Szenen anderswo stand. Die schwarze Bevölkerung blieb hier arbeitsam, sesshaft und dem Glauben eng verbunden, wie sie es von der Ordensmutter gelernt hatten.

Anfang 1851 ließ die Gesundheit Mutter Anne-Maries immer mehr zu wünschen übrig; im Mai musste sie sich bei einem Besuch des Hauses in Senlis krank zu Bett legen. Am 8. Juli erfuhr sie, dass der Bischof von Autun gestorben war. Einige Tage später, am 15., sagte sie über ihn: "Wir müssen den Herrn Bischof als einen unserer Wohltäter betrachten. Gott hat sich seiner bedient, um uns auf die Probe zu stellen, als wir um uns herum im Allgemeinen nur Lob zu hören bekamen. Das war notwendig, denn auf die Erfolge, die unsere Kongregation hatte, hätten wir uns etwas einbilden können, wenn wir diese Schmerzen und diese Widersprüche nicht gehabt hätten." Bald nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, gab sie ihre Seele an Gott zurück. Ihre Kongregation zählte damals rund 1200 Ordensschwestern, die sich allesamt darum bemühten, in der Lehre, in der Krankenhaus- und Missionsarbeit den Willen Gottes zu suchen.

Bitten wir die von Papst Pius XII. am 15. Oktober 1950 seliggesprochene Anne-Marie Javouhey, für uns die Befreiung von Sklaverei der Sünde zu erwirken: Denn Jesus ist gekommen, "um die Menschen aus der schlimmsten Sklaverei, der Sünde, zu befreien. Diese hindert sie an ihrer Berufung zu Kindern Gottes und bringt sie in vielerlei Abhängigkeiten" (Katechismus 549). Möge sie uns an ihrem Geist der Hingabe, der Liebe und der Einfachheit teilhaben lassen, damit wir zur wahren Freiheit der Kinder Gottes gelangen können.

Dom Antoine Marie osb

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