Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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8. März 2006
Monat des hl. Josef


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

"Wenn es in einem Volk an Heiligen mangelt, wird es Nacht im Geiste der Menschen, und die Leute sehen nicht den Weg, dem sie folgen müssen", behauptete der selige Bronislaw Markiewicz. Der hl. Paulus sagt uns: Denn das ist der Wille Gottes: eure Heiligung (1 Thess 4,3). Es wäre widersinnig, "sich mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden zu geben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt wird, wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist « Die Wege der Heiligkeit sind vielfältig und der Berufung eines jeden angepasst" (Johannes-Paul II., Novo millennio ineunte, 6. Januar 2001, 30-31).

Bronislaw Markiewicz wurde am 13. Juli 1842 im damals zum russischen Reich gehörenden Ostpolen als Kind einer bescheidenen Familie geboren, die insgesamt 11 Kinder hatte. Mit 18 Jahren verlor er seinen Glauben. "Ich wollte mich den Ansichten meiner Lehrer anpassen", schrieb er später. "Mit dem Glauben an Gott verlor ich auch meinen Seelenfrieden und das Gefühl der inneren Harmonie. Ich war von Traurigkeit überwältigt". In seiner Verzweiflung nahm Bronislaw bei den großen polnischen Schriftstellern Zuflucht. Von einem dieser Autoren angerührt, fiel er plötzlich auf die Knie und rief: "Mein Gott, wenn du existierst, mach, dass ich dich erkenne! Dass ich die Wahrheit sehe, und ich werde es dir mein ganzes Leben lang danken! Für diesen Preis nehme ich bereitwillig alle Demütigungen auf mich". Die Antwort des Himmels ließ nicht auf sich warten. "Gott erhörte mich!", schrieb er. "Im Nu wurde meine Seele in Licht getaucht. Ich glaubte alles, was die Heilige Kirche lehrt. Sogleich legte ich eine Generalbeichte ab". Die Bekehrung hatte allerdings einen harten Kampf auf moralischer Ebene zur Folge: "Ich strauchelte noch mal, und sogar mehrmals, aber Du, Herr Jesus, hast mich nicht verlassen!"

Am meisten zu beklagen

Als am 3. Mai 1863 ein 16-jähriger Junge in einer Art religiöser Verzückung öffentlich prophezeite, dass ein polnischer Priester ein apostolisches Leben führen werde, fragte sich Bronislaw, ob nicht er selbst damit gemeint sei. Bereits im kommenden Herbst trat er ins Priesterseminar ein. Bald brach jedoch ein Sturm von Zweifeln über ihn herein: War er auf dem richtigen Weg? Unter Tränen wandte er sich an Maria. Am Fest der Unbefleckten Empfängnis legten sich seine Zweifel, und er blieb fortan von seiner Berufung zum Priesteramt überzeugt. Er wurde am 15. September 1867 zum Priester geweiht und anfänglich als Vikar in einer Pfarrei eingesetzt, in der er lange Stunden in Anbetung vor dem Tabernakel verbrachte. Drei Jahre später wurde er zum Vikar an der Kathedrale von Przemysl ernannt, wo insbesondere sein Eifer für das Spenden des Bußsakraments zur Entfaltung kam. Bronislaw ging zu all denen, die nicht zu ihm kommen konnten, in erster Linie zu den Gefangenen. "Die Häftlinge in unseren Gefängnissen sind am meisten zu beklagen", schrieb er. "Die meisten von ihnen kennen weder Christus noch seine Gebote « Als Freund und Vertrauter dieser Unglücklichen wurde ich oft Zeuge herzzerreißender Szenen; kaum waren sie über die Grundwahrheiten unseres Glaubens belehrt, begannen sie heiße Tränen zu weinen und fragten: ‚Warum hat uns niemand etwas davon gesagt?'"

Unseren Herrn Jesus Christus durch die Glaubenslehre bekannt zu machen, ist eine der Missionen der Kirche. Zu diesem Zweck veröffentlichte Papst Benedikt XVI. eine Kurzfassung (Kompendium) des Katechismus der Katholischen Kirche. "Wie nötig ist doch", sagte der Papst, "dass die gesamte christliche Gemeinschaft zu Beginn dieses dritten Jahrtausends die Wahrheiten des Glaubens, der Lehre und der katholischen Moral einmütig und vollständig verkündet, lehrt und bezeugt! Zur erhofften Erneuerung der Katechese und Evangelisierung möge auch das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche beitragen, damit alle Christen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Familien wie Gemeinden –, fügsam gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes in allen Lebensbereichen zu Katecheten und Kündern des Evangeliums werden und dadurch anderen helfen, Christus zu begegnen" (Ansprache zum Angelusgebet am 3. Juli 2005).

Auf der Kanzel drückte sich Bronislaw sehr schlicht aus. "Groß und Klein vernachlässigen mit der gleichen Leichtigkeit das, was über ihr Heil entscheidet!", sagte er immer wieder. "Man muss sie fortwährend an folgende Worte des Erlösers erinnern: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert?" Er schrieb: "Ich habe in Przemysl recht erfolgreich gearbeitet; jedermann kannte mich; selbst die Juden begegneten mir mit Respekt. Ich habe alle Gefängnisse, alle Krankenhäuser, alle Kasernen und alle Privathäuser besucht. Ich war im Umkreis von etwa 20 Dörfern ständig unterwegs". Nach drei Dienstjahren kehrte Bronislaw für zwei Jahre Studium an die Universität zurück und übte anschließend nacheinander in zwei Pfarrgemeinden das Amt des Pfarrers aus. Um die Trunksucht auszumerzen, gründete er eine Bruderschaft der Abstinenten, in der nach einigen Monaten all seine Schäfchen vereint waren. Seine Fürsorge erstreckte sich auch auf das materielle Wohl der Familien. Um die landwirtschaftliche Produktion zu verbessern, ließ er sich Fachzeitschriften kommen, in denen man Antworten auf die praktischen Fragen der Landwirte finden konnte.

Die Dynamik der Geistlichen Übungen

Nach acht Jahren Pfarramt wurde Bronislaw von seinem Bischof zum Professor für Pastoraltheologie am Priesterseminar von Przemysl ernannt. In seiner Freizeit nahm er die Seminaristen auf apostolische Rundreisen mit, die diesen Gelegenheit zu direkten Kontakten mit dem Volk boten. In dieser Zeit vertraute er seine Seele einem Jesuitenpater an und machte jedes Jahr die Geistlichen Übungen des hl. Ignatius mit, die von den Päpsten immer wieder empfohlen wurden. "Dem Christen wird in der starken Dynamik der Übungen dazu verholfen, den Bereich der Gedanken und Pläne Gottes zu betreten, um sich Ihm, der Wahrheit und der Liebe, anzuvertrauen, indem er Entscheidungen fällt, die ihn in die Nachfolge Christi verpflichten, klar seine Begabungen und seine eigene Verantwortung abwägt", sagte Johannes-Paul II. (16. November 1978). Bronislaw trug von den Übungen eine tiefe Vertrautheit mit dem Heiligsten Herzen Jesu davon sowie den brennenden Wunsch, Ihm auf dem Wege der Armut und Demütigungen nachzufolgen, um sich Ihm noch vollkommener anzugleichen.

Diese in einem regelmäßigeren Rhythmus verbrachten Jahre ließen seinen alten Wunsch, in einen Orden einzutreten, wieder aufleben. Im Herbst 1885 reiste Bronislaw nach Italien. Nach seiner Ankunft in Turin begegnete er Don Bosco, der ihn mit offenen Armen aufnahm, bei sich behielt und ihn mit der Regel der Salesianer vertraut machte, deren Mission die Erziehung armer und verlassener Jugendlicher war. Pfarrer Markiewicz trat den Salesianern bei und verpflichtete sich am Tage seiner Profess auf Bitten des heiligen Gründers durch ein zusätzliches Gelübde, der Regel treu zu bleiben. Am 31. Januar 1888 gab Don Bosco seine Seele in die Hand Gottes zurück. Bronislaw wurde als Seelsorger in Turin eingesetzt, doch er erkrankte bald an Tuberkulose; man wollte ihn schon aufgeben, als die Krankheit sich plötzlich zurückentwickelte. Im März 1892 wurde er, um seine Genesung zu erleichtern, von seinen Oberen nach Polen zurückgeschickt, wo er eine seit langem vakante Pfarrstelle im Tatrasgebirge übernahm.

In salesianischem Geiste ausgebildet, nahm Bronislaw bald einen armen Jungen in sein Pfarrhaus auf, zu dem bald weitere hinzukamen. Die Dorfbewohner fassten bald Zuneigung zu diesen Kindern aus ihrer Pfarrei, die so aßen und arbeiteten wie sie. Um aus den höchst unterschiedlichen Jungen eine einheitliche Gruppe zu machen, setzte Pfarrer Markiewicz hauptsächlich auf die Sakramente der Buße und der Eucharistie. Abends pflegten sich die Bewohner des Pfarrhauses zur Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes zu versammeln. "Ihr seid nicht alle dazu berufen, Priester zu werden, aber ihr alle müsst Heilige werden, denn Gott will es so", sagte der Pfarrer. Eine seiner Grundideen war die Heiligung durch Arbeit: "Indem er mit seinen Händen arbeitete, gab Jesus uns ein Beispiel", mahnte er. Indem sie gruben, ackerten, Ziegelsteine aufschichteten oder mit der Maurerkelle hantierten, heiligten sich diese Kinder durch Liebe, Gehorsam, Demut sowie die Schnelligkeit, mit der sie ihre Arbeit verrichteten. Ihre Erziehung verlief jedoch nicht ohne zahlreiche Schwierigkeiten: "Sie sagen", erwiderte der Pfarrer einem seiner Jünger, "es sei nicht bequem so zu leben, von morgens bis abends in der Gesellschaft armer, schlecht erzogener und manchmal rüpelhafter Kinder, ihre Launen zu ertragen, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, ohne einen Pfennig in der Kasse, allein durch Verzicht. Ich gebe Ihnen Recht. Man braucht viel Mut, ja sogar Heldenmut, um dieser Berufung zu folgen". Dann ermutigte er ihn, in den Kleinen Kinder Gottes zu sehen und sie dementsprechend zu behandeln. Er selbst behandelte sie überaus gütig.

Ein wohltuender Dienst

Da die Zahl der Kinder immer weiter zunahm, wurde bald eine ständige Hilfe notwendig. Junge Mädchen, die sich Gott weihen wollten, klopften an die Tür des alten Pfarrhauses. Sie nahmen die Haushaltsführung sowie die Erziehung der kleinen Mädchen in die Hand. Den Blick fest auf die gerichtet, die für immer die "Magd des Herrn" sein wollte, verkörperten sie für die Kinder Wohltat, Sanftmut und Geduld zugleich.

Nach dem Fortgang von Pfarrer Markiewicz im Jahre 1892, veränderte sich das Institut der Salesianer in Turin. Es öffnete seine Pforten für Pensionsschüler aus allen sozialen Schichten und richtete sich strukturell darauf ein. Aus der Ferne konnte Pfarrer Markiewicz diese Veränderungen nicht verfolgen und hielt sich weiter an die ursprüngliche, 1874 von Rom genehmigte Regel des hl. Johannes Bosco. 1897 entsandte der Generalobere der Salesianer, Don Rua, einen Priester, der das Werk von Pfarrer Markiewicz visitieren sollte. In abgrundtiefem Unverständnis für die polnische Situation bemühte sich der Besucher, die in Turin gebräuchliche Regel durchzusetzen. Angesichts der ihm aufgezwungenen Bedingungen beschloss Pfarrer Markiewicz in seiner Seele und seinem Gewissen, das Institut der Salesianer zu verlassen. Um seinem Werk eine solide rechtliche Grundlage zu geben, während er auf eine Genehmigung der Kirche wartete, gründete er einen zivilen Verein namens Mäßigung und Arbeit, dessen Ziel die Rettung verwaister Jugendlicher war. "Die Kraft unserer Einrichtungen liegt in der christlichen Entsagung, d.h. in der Mäßigung im weitesten Sinne des Wortes, sowie in der völlig uneigennützigen Arbeit im Dienste der verlassenen Kinder", erklärte er. Am 14. April 1898 wurden die Statuten von der Regierung genehmigt. Ein Jahr danach spendete Papst Leo XIII.dem Verein als einer Person öffentlichen Rechts seinen Segen.

Die gute Nachricht von einer Anstalt, die vernachlässigte Kinder umsonst aufnahm, verbreitete sich, und die kleinen Kandidaten strömten von überall herbei. Pfarrer Markiewicz wies niemanden ab. Für den Unterhalt seines Werks ließ er seine Söhne bei reichen Leuten Spenden sammeln. "Almosen sind eine Quelle von Segen, sagte er ihnen. Zögert also nicht, die Hand aufzuhalten. Betet für die, die euch liebevoll empfangen, viel mehr aber noch für die, die euch vor die Tür setzen, denn auch sie sind eure Wohltäter". Er warnte die Wohlhabenden persönlich: "Nur die ‚Dauerrevolution' der Liebe und der Gerechtigkeit kann soziale Revolutionen verhindern: Was ihr nicht bereitwillig hergibt, wird euch gewaltsam genommen!"

Gute Nerven haben

Eines Tages indessen waren die Schulden auf eine beträchtliche Höhe geklettert, und es war keine Hilfe in Sicht. Es wurde umso intensiver gebetet. Da suchte eine Dame von großer Schönheit Pfarrer Markiewicz auf und überreichte ihm lächelnd ein Bündel Banknoten. Ganz verwirrt überschlug er sich fast vor Dankbarkeit und bot der Besucherin eine Tasse Tee an. Er lief in die Küche, doch als er zurückkam, war die Dame verschwunden, ohne von jemandem gesehen zu werden. Der zurückgelassene Betrag entsprach der geschuldeten Summe. Normalerweise bediente sich die Vorsehung alltäglicherer Mittel, um für den Bedarf des Werkes aufzukommen, wenn auch mitunter etwas verzögert. Die Verantwortlichen verbrachten daher schlaflose Nächte angesichts der Wechsel, die bezahlt werden mussten, der Gläubiger, die gerichtlich vorzugehen drohten, sowie der Wohltäter, deren Geld nicht rechtzeitig zurückgezahlt werden konnte. "Ich habe gut reden", schrieb Pfarrer Markiewicz, "denn seit 19 Jahren hat uns die Vorsehung noch nie im Stich gelassen, doch ich habe Angst um Pfarrer J., der mit den Nerven am Ende ist. Man muss schon gute Nerven haben, um sich in unserer Situation zu behaupten!"

Pfarrer Markiewicz wollte die mütterliche Gegenwart Marias sichtbarer machen und bestellte bei einem Bildhauer in Krakau eine Statue. "Um das auszuführen, was ich bei Ihnen bestelle", sagte er mit der Hellsicht des Glaubens, "reichen Ihre Kunst und Ihre Handfertigkeit nicht aus! Ich möchte, dass alle, die an dieser Skulptur arbeiten, das im Zustand der Gnade tun! Denn die Mutter Gottes wird für uns Wunder bewirken «"

Angesichts des Aufschwungs seines karitativen Werkes wollte Pfarrer Markiewicz Priester ausbilden lassen. Im Jahre 1900 schickte er vier seiner geistlichen Kinder nach Rom auf die Universität Gregoriana. 1901 beantragte er bei seinem Bischof, Dr. Pelczar, einem ehemaligen Seminaristenkollegen, die Aufnahme mehrerer Kandidaten auf das Diözesanseminar. Diese wurde ihm allerdings verweigert, da die jungen Leute kein Abitur besaßen. Der Bischof, der kurz zuvor dem seligen Don Rua begegnet war, machte ihm bald danach deutlich, was er dachte: Pfarrer Markiewicz sollte sich schlicht und einfach wieder den Salesianern zuwenden, die ihm wohlgesonnen waren. Als dieser das ablehnte, befahl ihm der Bischof, all seinen Klerikern die Soutane wegzunehmen und ihnen den Eintritt in eine andere Ordenseinrichtung nahezulegen. Der gute Wille des Bischofs war über jeden Zweifel erhaben, doch seine Ansichten unterschieden sich erheblich von denen von Pfarrer Markiewicz. Gott lässt seine Freunde sich manchmal gegenseitig auf die Probe stellen, obwohl beide echte Heilige sind. Bischof Pelczar wurde am 18. Mai 2003 von Johannes-Paul II. heiliggesprochen.

Gehorsam oder Auflösung

Zu seinen Söhnen zurückgekehrt, sprach Pfarrer Markiewicz zu ihnen: "Nach menschlichen Maßstäben bringe ich euch schlechte Nachrichten. Man hat von uns verlangt, dass wir uns wieder den Salesianern anschließen. Als ich das kategorisch ablehnte, sollte ich dafür sorgen, dass ihr die Soutane ablegt, und ihr sollt kein Recht mehr haben, euch als Kleriker zu betrachten. Ebenso wurde mir nahegelegt, dass ich euch den Rat erteilen sollte, anderen Kongregationen, wie den Jesuiten, den Redemptoristen usw., beizutreten. Es steht euch frei zu tun, was ihr wollt; ich werde euch gegebenenfalls gute Zeugnisse ausstellen". Das war ein harter Schlag für die Jugendlichen, doch schon am folgenden Tag waren alle Soutanen verschwunden. Pfarrer Markiewicz schickte seine Schüler auf die theologische Fakultät nach Krakau, wo sie durch ihre moralische Stärke und ihre Erfolge auf sich aufmerksam machten. Obwohl er innerlich sehr litt, blieb er gefasst: "Seine Heiligkeit äußerte sich ganz eklatant", schrieb einer seiner Jünger, "als man uns unsere geistliche Kleidung genommen hatte. Als wäre seine Seele bei dieser Bewährungsprobe von vielfältiger Gnade überflutet worden".

Durch den Gehorsam von Pfarrer Markiewicz einigermaßen entwaffnet, ließ ihm Bischof Pelczar finanzielle Unterstützung zukommen. Ende 1902 startete der Pfarrer einen neuen Versuch, vom Bischof die Genehmigung seines Instituts zu bekommen, das er unter den Schutz des hl. Erzengels Michael stellte. Nach einer erneuten Prüfung lehnte der Bischof den weiblichen Zweig des Instituts kategorisch ab; dieser bestand aus jungen Mädchen, die sich im Wesentlichen dem Haushalt widmeten. Die "Schwestern" verließen das Werk; sie kehrten jedoch bald zurück, nicht mehr als Nonnen, sondern als Mägde. Ohne ihre tägliche aufopfernde Arbeit hätten die Einrichtungen von Mäßigung und Arbeit nicht überleben können. Denn auch in den schwärzesten Stunden mussten Mahlzeiten serviert und der Haushalt erledigt werden, das Räderwerk niedriger Arbeiten kam nie zum Stehen.

Um den männlichen Zweig des Instituts zu kontrollieren, stellte der Bischof Pfarrer Markiewicz, der Rektor blieb, einen Vizerektor an die Seite. Dieser verfügte über Gewohnheiten, die nicht zum Leben des Werkes passten; zudem erklärte er sich für berechtigt, alle zu entlassen, die sich den neuen Vorschriften nicht unterwarfen, die er ihnen vorsetzte. Die Jünger von Pfarrer Markiewicz wankten unter dem Schock dieser Heimsuchung. Er ermahnte sie zum Gehorsam und zum Ausharren: "Ohne Gehorsam keine Heiligkeit". Um die Priesterweihe empfangen zu können, gingen mehrere ins Ausland: Nach einigen Jahren arbeiteten über zwanzig von ihnen in den Vereinigten Staaten im Dienste polnischer Emigranten. Doch einige Schüler der ersten Stunde verzichteten vorübergehend auf geistliche Studien und blieben bei ihrem Vater, um als Laien das reibungslose Funktionieren des Werkes zu sichern.

Von Abstürzen profitieren

Pfarrer Markiewicz betrachtete diese Demütigungen als Quellen der Hoffnung: "Die Kirche wächst nur mit Hilfe von Demütigungen. Ihr bewirkt weit mehr, wenn ihr euch demütigt, als wenn ihr predigt « Je weiter wir uns hinabbegeben, umso ähnlicher werden wir unserem Herrn Jesus". In der Schule unseres göttlichen Meisters kann alles, was geschieht, das Feuer unserer Liebe zu Gott anfachen, selbst die Fehler: "Gott lässt selbst bei den größten Heiligen bestimmte Unvollkommenheiten bis zum Ende ihres Lebens zu, um sie demütig zu halten", schrieb Pfarrer Markiewicz an einen seiner Söhne. "Versucht sogar von euren Abstürzen zu profitieren, indem ihr mit König David sagt: Es war gut für mich, dass ich gebeugt wurde (Ps 118,71)". Er setzte hinzu: "Seien wir zunächst geduldig mit uns selbst!"

1905 wurde das russische Reich von starken Wirren erschüttert; die Kirche wurde davon heftig in Mitleidenschaft gezogen. Das Werk von Pfarrer Markiewicz ließ man jedoch in Frieden. Ein Sozialistenführer sagte darüber: "Man kann doch eine Einrichtung nicht hassen, die eine solche Liebe zu den Armen verkündet, befiehlt und praktiziert, obwohl man nicht umhin kann, denjenigen weiterhin zu grollen, die sich Christen nennen und nicht nach ihrem Glauben leben". Doch die sozialen Unruhen verschärften die Armut: "Die Kinder sind brav", schrieb der Pfarrer, "obwohl sie wochenlang kein Brot sehen. Wir geben ihnen Kartoffeln, Karotten und Kohl zu essen. Viele gehen barfuß, denn wir haben kein Geld, um ihnen Schuhe zu kaufen".

Nichtsdestoweniger trafen von überall her Nachfragen nach Neugründungen ein. Aus den meisten wurde aus Mangel an Priestern nichts. Im Oktober 1911 konnte Pfarrer Markiewicz verkünden, dass "in seinen Anstalten über 2000 junge Leute erzogen worden waren und dass sie diese mit einem Beruf in der Hand verlassen hatten". Noch wichtiger war ihm das hohe moralische Niveau der Schüler, um die man sich regelrecht "riss", da sie einen so guten Ruf in Bezug auf ihre Ehrlichkeit und professionelles Geschick genossen. Er hatte keinerlei Ressentiments gegen die Salesianer: "Ich schätze und liebe die Salesianer « Ich schicke ihnen oft Knaben von reichen Eltern, die eine gute Pension bezahlen können, und behalte nur die, die nichts bezahlen können « Unsere Werke ergänzen sich".

Am 11. Dezember 1911 erlitt Pfarrer Markiewicz einen Gehirnschlag, konnte aber von einem Arzt gerettet werden. Da er wegen eines Prostataleidens starke Beschwerden hatte, wurde ein chirurgischer Eingriff beschlossen; sein Herz war allerdings so schwach, dass man ihm keine betäubenden Mittel verabreichen konnte. Die Geduld, mit der er die Schmerzen ertrug, war heldenhaft. Trotz der Operation gab er seine Seele am 29. Januar in die Hand Gottes zurück. Ungeachtet der eisigen Kälte und der Schneewehen strömten unzählige Menschen zusammen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Bronislaw Markiewicz wurde am 19. Juni 2005 seliggesprochen.

"Nach meinem Dahinscheiden wird alles in Ordnung kommen", hatte er seinen Söhnen versichert. "Ich werde euch helfen! Habt keine Angst «" Die Hilfe von oben zeigte sich durch Kardinal Sapieha, den neuen Bischof von Krakau, wo seit 1902 eine Gründung der Michaeliten beheimatet war. Als großer Bewunderer des Werkes von Pfarrer Markiewicz, leitete der Bischof die notwendigen Schritte zur Anerkennung der Michaeliten ein. Ihre kirchenrechtliche Errichtung fand nach dem Ersten Weltkrieg am 29. September 1921, dem Festtag des hl. Erzengels Michael, statt. Heute hat der Michaelitenorden über 330 Mitglieder in 28 Häusern. Die 1928 anerkannten Schwestern zählen heute rund 270 Mitglieder in 37 Ordensinstituten.

Bitten wir den seligen Bronislaw Markiewicz, er möge für uns die Gnade des Ausharrens im Dienste Gottes erwirken, wie groß die Zahl und die Last der Demütigungen und der Kreuze auch ist, die wir zu tragen haben.

Dom Antoine Marie osb

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