Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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2. Februar 2006
Darstellung des Herrn


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und lügnerisch alles Böse gegen euch sagen um meinetwillen. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist groß im Himmel (Mt 5,11-12). Diese letzte Seligpreisung, die von unserem Herrn Jesus Christus mit besonderem Nachdruck angeboten wird, bleibt zu jedem Zeitpunkt der Geschichte aktuell. So konnte der heilige Papst Pius X. im Jahre 1911 sagen: "Die Kirche ist eine verfolgte Kirche. Wäre die Kirche kein Opfer von Verfolgung, so hörte sie auf, die Kirche Jesu Christi zu sein und verlöre einen Beweis ihrer Authentizität." Diese Worte an eine Synode der armenisch-katholischen Kirche in Rom erwiesen sich als prophetisch: Einige Jahre später wütete ein wahrhaftiger Völkermord über die armenische Kirche hinweg. Unter den Opfern befand sich auch Bischof Ignatius Maloyan, der an der besagten Synode teilgenommen hatte. Bei seinem Martyrium erklärte er seinen Verfolgern: "Gott gefällt es nicht, wenn ich Jesus, meinen Erlöser, verleugne. Es ist der innigste Wunsch meines Herzens, mein Blut für den Glauben zu vergießen!"

Shoukr Allah Maloyan wurde als viertes von acht Kindern im April 1869 in Mardin in Armenien, im Südosten der Türkei geboren. Das von den heiligen Aposteln Judas und Bartholomäus evangelisierte Armenien war 305 zu einem christlichen Volk geworden, als der hl. Gregor der Erleuchter, der erste Patriarch Armeniens, König Tiridates taufte. Im 11. Jh. fiel das Land den Türken in die Hände; in den folgenden neun Jahrhunderten blieb das Volk jedoch standhaft und bewahrte seine Sprache sowie seinen christlichen Glauben. Die Armenier sind in zwei Konfessionen gespalten: die "Apostolische Kirche", die von der völligen Gemeinschaft der kath. Kirche getrennt ist, und die Armenisch-katholische Kirche, der auch die Familie Maloyan angehörte. Im 19. Jh. kam es, gespeist aus der Quelle des christlichen Glaubens, zu einer Renaissance der armenischen Kultur, die sich insbesondere in den Familien manifestierte.

Bereits früh zeigten sich bei Shoukr Allah Anzeichen einer religiösen Berufung. Im Alter von 14 Jahren wurde er von seinem Pfarrer auf ein Institut zur Ausbildung von Priestern nach armenischem Ritus nach Bzommar in den Libanon geschickt. Obwohl er wegen diverser Gesundheitsprobleme sein Studium 3 Jahre lang unterbrechen musste, wurde er am 6. August 1896 zum Priester geweiht und hieß fortan Pater Ignatius.

1897 als Missionar erst nach Alexandrien, dann nach Kairo entsandt, erwarb er sich dort den Ruf eines vorbildlichen Priesters. Er selbst schrieb in dieser Zeit: "Von morgens bis abends besuche ich Kranke, Arme und Bedürftige. Wenn ich mich am Abend hinlege, bin ich völlig erschöpft. Niemand kümmert sich um diese Unglücklichen, denn alle verfolgen ihre eigenen Interessen und jagen nach persönlichem Gewinn. Ich hingegen bin von Freude erfüllt, da ich weiß, dass ich den Willen Gottes erfülle." Der Ruf von Pater Ignatius als Prediger bei Exerzitien und als Redner führte dazu, dass er oft zum Predigen eingeladen wurde, auch auf Arabisch und Türkisch. Als eifriger Streiter für die Einheit der Christen, knüpfte er Kontakte zu den koptischen Christen in Ägypten, einer von Rom getrennten Kirche, und versuchte deren Fragen zur katholischen Kirche entgegenkommend zu beantworten. In seiner Freizeit widmete er sich dem Studium der Heiligen Schrift sowie der Sprachen. Als der in Konstantinopel (Istanbul) residierende Patriarch der armenischen Katholiken seine außergewöhnlichen Gaben bemerkte, berief er ihn 1904 zu seinem Sekretär. Doch bald danach sah sich Pater Ignatius aus Gesundheitsgründen gezwungen, nach Ägypten zurückzukehren, wo er bis 1910 blieb.

Schwierigkeiten ausgesetzt

Indessen geriet die Diözese von Mardin in eine schwierige Situation; der hochbetagte Ortsbischof war außerstande, die schweren Probleme zu lösen, die sich stellten: Mangel an gut ausgebildeten Priestern sowie eine schwierige wirtschaftliche Lage. Erschöpft trat er zurück; der Patriarch vertraute die Verwaltung der Diözese Pater Ignatius an. Zunächst begeistert in seiner Geburtsstadt empfangen, sah dieser sich bald denselben Schwierigkeiten ausgesetzt. "Es tut mir so leid um diese Diözese", schrieb er. "Das Leben hier ist eine Qual; doch dafür sind wir Priester geworden." Am 21. Oktober 1911 wurde Pater Ignatius auf der Synode der armenischen Bischöfe in Rom zum Erzbischof von Mardine gewählt und geweiht. Gleich nach seiner Rückkehr eröffnete er Schulen, an denen die armenischen Traditionen und Literatur in den Vordergrund rückten, und nahm sich der Probleme seiner Schäfchen an; besonders wollte er diejenigen unterstützen, die wegen ihres Glaubens an Christus verfolgt wurden. Denn seit dem Ende des 19. Jh. versuchte Sultan Abdul-Hamid, das Wiedererwachen eines armenischen Nationalbewusstseins, das er als Bedrohung für die Einheit des osmanischen Reiches betrachtete, im Keime zu ersticken. 1895 wurden Hunderte von christlichen Kirchen und Klöstern zerstört und Hunderttausende von Gläubigen ermordet; andere verließen in großer Zahl ihre Heimat. Als Bischof Maloyan sich auf dem Bischofssitz von Mardin niederließ, war die Verfolgung noch nicht gänzlich erloschen.

Trotz seiner schwachen Gesundheit legte der Bischof großen Mut an den Tag. Seine erste Sorge galt der Unterstützung der Priester sowie der Ausbildung von Seminaristen. Diese Sorge sollte jedem Gläubigen je nach seinem Stand am Herzen liegen: "Es ist dringender denn je, besonders heute, dass sich die Überzeugung verbreitet und verankert, dass sämtliche Glieder der Kirche ohne jede Ausnahme die Gnade und die Verantwortung der Sorge um die Berufungen haben « Eine ganz besondere Verantwortung obliegt der christlichen Familie, die kraft des Sakramentes der Ehe in spezieller und origineller Weise am erzieherischen Auftrag der Kirche als Lehrerin und Mutter teilhat" (Johannes-Paul II., Pastores dabo vobis, 25. März 1992).

"Gott sorgt sich um die Leidenden"

Bald nach seiner Ernennung zum Erzbischof schrieb Bischof Maloyan in einem Bericht an den Heiligen Stuhl: "Das Volk wird von Naturkatastrophen heimgesucht: Ist es nicht die Dürre, so sind es die Heuschrecken; und ständig lauert der Geiz unserer herzlosen Regierung." Bei den Zivilbehörden beantragte er die Erlaubnis, nach Europa oder nach Amerika zu reisen, um Spenden zu sammeln, doch vergebens. Angesichts dieser Situation bat er um Ablösung von seinem Amt. "Überall Armut. Ständig schikaniert die Regierung mich und mein Volk in heimtückischer Weise. Wir tun niemandem leid, niemand versucht, diese verzweifelte Situation zu korrigieren. Was kann ich allein, von allen verlassen schon tun?" Doch der Patriarch nahm seinen Rücktritt nicht an. Gott ließ ihn indessen nicht im Stich, sondern schenkte ihm die Gnade, treu an seinem Posten ausharren zu können, und ließ ihn die Wahrheit der folgenden Worte des heiligen Apostels Paulus am eigenen Leibe erfahren: Gepriesen sei ... der Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Drangsal, damit auch wir fähig seien, alle, die in irgendwelcher Bedrängnis sind, zu trösten mit dem Trost, durch den wir selbst getröstet werden von Gott (2 Kor 1,3-4). Bischof Maloyan schrieb dem Hauptpfarrer von Bzommar: "Seien Sie stark, Pater. Seien Sie versichert, dass Gott Ihnen alle Gnade schenken wird, die Sie benötigen. Fürchten Sie sich nicht! Gott kümmert sich um die Leidenden; Sie werden feststellen, dass sein väterlicher Trost in all Ihren Kämpfen beruhigend wirkt. Beachten Sie die Undankbarkeit und den Egoismus der Anderen gar nicht. Wie Sie wissen, habe ich diesen bitteren Kelch schon gekostet. Dieser Kelch kann recht süß sein, vor allem, wenn wir ihn mit dem Kelch Christi selbst vermischen."

Am Abend des 3. August 1914 erfuhren die Teilnehmer an einer Einkehrveranstaltung für Priester in der Kapuzinerkirche von Mardin, dass sich die Türkei mit Deutschland und Österreich gegen Russland, Frankreich und England verbündet hatte. Viele wussten gar nicht, wer gegen wen Krieg führte und warum. Im Oktober befahl der türkische Gouverneur den religiösen Führern der Armenier, die Zubereitung von Mahlzeiten für die Soldaten zu übernehmen. Bischof Maloyan sowie sein Bischofskollege, Mgr. Tappouni, willigten ein. Unter dem Vorwand, nach christlichen Deserteuren zu suchen, begann die Polizei, um die Kirchen Wachen zu postieren, in Wohnungen und Klöster einzudringen, Frauen zu misshandeln und Wertgegenstände zu beschlagnahmen. Die Verfolgung der Armenier lebte wieder auf. Um seine wahren Absichten zu verschleiern, drängte der türkische Gouverneur Bischof Maloyan einen kaiserlichen Orden auf. Doch dieser machte sich keine Illusionen. Der Gouverneur von Diarbakir weihte bereits militante Muslime in seine Pläne ein: "Es ist Zeit, die Türkei von seinen inneren Feinden zu befreien, ich meine damit die Christen." Abgesandte der Regierung verbreiteten die Parole: "Schont nicht das Leben auch nur eines Christen!" Von seinen Bischofskollegen hörte Mgr. Maloyan weitere beunruhigende Nachrichten: Häuser von Christen und Kirchen wurden geplündert; in den Ausweisen armenischer Soldaten durfte der Vermerk "Christ" nicht fehlen; Verbrechen gegen Christen wurden nicht geahndet usw. Im Januar 1915 wurden alle christlichen Polizisten und Soldaten entwaffnet; Christen wurden aus dem Staatsdienst entfernt; es wurde eine bewaffnete Miliz zur Verhaftung und Tötung von Christen gegründet; armenische Frauen wurden in die Sklaverei verkauft.

"Mein innigster Wunsch"

Am 24. April 1915 kündigte der türkische Innenminister Talaat Bacha unter dem Vorwand einer Verschwörung gegen die Türkei die Ausrottung der Armenier an. Am 30. April wurden die armenische Kirche und der Sitz des Erzbischofs in Mardin von türkischen Soldaten umzingelt, da die Kirche angeblich Waffenlager verbarg. Als sie keine Waffen fanden, zerstörten sie blindwütig Akten und Archive. Anfang Mai rief Bischof Maloyan seine Priester zusammen und informierte sie über die gegen die Armenier geschürten Bedrohungen: "Ich ermutige euch nachdrücklich, euren Glauben zu stärken. Setzt all eure Hoffnung auf das Heilige Kreuz, das auf dem Felsen Petrus gegründet ist. Unser Herr Jesus Christus hat seine Kirche auf diesem Felsen und auf dem Blut der Märtyrer erbaut. Möge das Blut von uns, armen Sündern, sich mit dem Blut der reinen und heiligen Märtyrer vermischen « Wir wünschen, dass ihr eure Hoffnung auf den Heiligen Geist setzt « Ich habe dem Oberhaupt der Kirche Gottes, dem heiligen Pontifex in Rom, stets unverbrüchliche Treue entgegengebracht. Mein innigster Wunsch besteht darin, dass mein Klerus und meine Herde diesem Beispiel folgen und dem Heiligen Stuhl gegenüber immer gehorsam bleiben « Und nun, meine geliebten Söhne, vertraue ich euch Gott an. Bittet den Herrn, mir die Kraft und den Mut zu schenken, in dieser vergänglichen Welt mit seiner Gnade und in seiner Liebe zu wandeln, und, wenn es sein muss, mein Blut für ihn zu vergießen." Mit diesen Worten drückte der Kirchenmann seine Dankbarkeit über das kostbare Geschenk des Glaubens sowie den Wunsch aus, seinen Glauben bis zum Schluss zu bezeugen. Der Katechismus der Katholischen Kirche erteilt uns zu diesem Thema eine sehr erhellende Lehre: "An Jesus Christus und an Den zu glauben, der ihn um unseres Heiles willen gesandt hat, ist notwendig, um zum Heil zu gelangen. Weil es ohne Glauben unmöglich ist, Gott zu gefallen (Hebr 11,6) und zur Gemeinschaft seiner Söhne zu gelangen, so wurde niemandem jemals ohne ihn Rechtfertigung zuteil, und keiner wird das ewige Leben erlangen, wenn er nicht in ihm ausgeharrt hat bis ans Ende. Der Glaube ist ein Gnadengeschenk, das Gott dem Menschen gibt. Wir können dieses unschätzbare Geschenk verlieren. Der hl. Paulus macht Timotheus darauf aufmerksam: Kämpfe den guten Kampf, gläubig und mit reinem Gewissen. Schon manche haben die Stimme ihres Gewissens missachtet und haben im Glauben Schiffbruch erlitten (1 Tim 1,18-19). Um im Glauben zu leben, zu wachsen und bis ans Ende zu verharren, müssen wir ihn durch das Wort Gottes nähren und den Herrn anflehen, ihn zu mehren. Er muss in der Liebe wirksam, von der Hoffnung getragen und im Glauben der Kirche verwurzelt sein" (Katechismus 161-162).

Die Ereignisse überschlugen sich: Am 15. Mai wurden mehrere Armenier verhaftet und inhaftiert; am 26. wurde eine armenische Familie in Diarbakir ermordet. Als Bischof Maloyan eine Fluchtmöglichkeit geboten wurde, erklärte er: "Wir haben unsere Berufung zum Hirten einer Herde angenommen, wo auch immer sie sei. Wir sind entschlossen, unsere Pflicht dem Herrn sowie der Herde gegenüber zu erfüllen, selbst bis in den Tod." Am 3. Juni, dem Fronleichnamsfest, kommentierte Bischof Maloyan in seiner Predigt folgende Jesus-Worte: Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden (Mt 16,25). Noch am selben Abend wurde er verhaftet und zusammen mit rund 50 Gemeindemitgliedern in ein Gefängnis überführt.

"Nie werde ich meinen Glauben verleugnen!"

Bischof Maloyan wurde vor ein Gericht zitiert und mit Fragen über Waffen, die er angeblich versteckt hatte, bedrängt; er antwortete aufrecht, das sei pure Erfindung. Auf den Vorwurf einer Verschwörung gegen die Regierung erwiderte er: "Ihre Anklage ist aus der Luft gegriffen. Ich habe mich nie der Regierung widersetzt. Im Gegenteil, ich habe ihre Rechte sowohl privat als auch öffentlich verteidigt und tue mein Bestes, um ihre Interessen zu wahren, denn ich bin ein Staatsbürger, der eine kaiserliche Auszeichnung und einen türkischen Titel erhalten hat." Daraufhin krempelte der Polizeikommissar seine Ärmel hoch und schlug mit seinem Gürtel auf den Bischof ein. Als dieser sich beschwerte, rief er: "Heute ersetzt das Schwert die Regierung." Als der Bischof aufgefordert wurde, zum Islam überzutreten, legte er folgendes Glaubensbekenntnis ab: "Sie werden mich schlagen, mit Messern und Schwertern durchbohren, mit Gewehren durchsieben und in kleine Stücke schneiden müssen, denn ich werde nie meinen Glauben verleugnen. Das steht endgültig fest." Als er wiederum geschlagen wurde, seufzte er: "Ich erleide mit meinem Körper den Schmerz der Schläge, aber in meiner Seele bin ich voller Freude." Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: "Alle müssen bereit sein, Christus vor den Menschen zu bekennen und ihm in den Verfolgungen, die der Kirche nie fehlen, auf dem Weg des Kreuzes zu folgen. Der Dienst und das Zeugnis für den Glauben sind heilsnotwendig: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Pater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Pater im Himmel verleugnen (Mt 10,32-33)" (Katechismus 1816).

Bei Anbruch der Nacht wurde der Bischof an den Füßen gefesselt und anschließend mit einem Stock geprügelt. Er rief: "Wenn einer mich hört, möge er mir die letzte Absolution erteilen!" Ein ebenfalls gefangener Priester sprach daraufhin die Worte der Vergebung. Dann wurden dem mutigen Bischof die Zehennägel herausgerissen, und man spuckte ihm ins Gesicht. Nachdem er wieder in seine Zelle gebracht worden war, erhob er seine Arme und Augen zum Himmel und verbrachte seine Zeit mit Beten: "Mein Gott, Du hast zugelassen, das mir das geschieht. Alles hängt von dir ab. Lass deine Kraft erkennbar werden, denn wir brauchen sie. Hilf uns in diesen schweren Zeiten, denn wir sind schwach und mutlos. Schenk uns die Gnade, weiterhin unseren Glauben bezeugen und im Kampf für seine Rechte bestehen zu können."

"Ich setze meine Ehre auf das Kreuz"

In den ersten Junitagen wurden etwa 1600 Christen aus Mardin verschleppt. Man zwang sie, durch Seile aneinandergebunden und mit zusammengeketteten Armen zu marschieren; nach sechs Stunden Marsch erreichten sie ein kurdisches Dorf, wo zunächst ein kaiserliches Dekret verlesen wurde, das sie wegen Verrats zum Tode verurteilte. Wer allerdings zum Islam übertrete, dürfe unversehrt in sein Heimatdorf zurückkehren. Bischof Maloyan antwortete im Namen aller: "Wir sind in euren Händen, aber wir sterben für Jesus Christus." Dann forderte er alle Christen auf, bei den Priestern, die sich unter ihnen befanden, zu beichten, und ließ ihnen die heilige Kommunion spenden. Nach Zeugenberichten waren die Gefangenen die ganze Zeit über in eine leuchtende Wolke gehüllt. Danach wurden einige in die sogenannten Grotten von Sheikhan, andere nach Kalaa Zarzawan geführt und brutal niedergemetzelt; die Leichen wurden in Brunnen geworfen. Wir kennen diese Fakten aus Zeugnissen von aufrechten Mohammedanern, die das Massaker ablehnten. Am folgenden Tag wurden weitere Christen, denen man die Kleider vom Leibe gerissen hatte, gezwungen, nüchtern und barfuß über steinige Wege und dornige Felder zu marschieren. Am 11. Juni, dem Herz-Jesu-Fest, wurden sie nach vier Stunden Marsch von Diarbakir entfernt ermordet. Bischof Maloyan war eine andere Qual vorbehalten: Nachdem er seine Schäfchen sterben gesehen hatte, musste er allein sterben. Der Polizeikommissar fragte ihn ein letztes Mal, wo er die Waffen versteckt halte und ob er sich nicht doch noch zum Islam bekennen wolle. Der Bischof erwiderte: "Ich habe Ihnen schon mehrfach gesagt, dass ich für meinen Glauben, den wahren Glauben, lebe und sterbe, und dass ich meine Ehre auf das Kreuz meines süßen Erlösers setze." Daraufhin jagte ihm der Kommissar eine Kugel in den Hals. Bischof Maloyan murmelte seine letzten Worte: "Mein Gott, erbarme dich meiner. In deine Hände lege ich meinen Geist."

"Ihn suche ich!"

"Die Kirche schreitet auf ihrer Pilgerschaft dahin zwischen Verfolgungen der Welt und Tröstungen Gottes", schrieb der hl. Augustinus in seiner De civitate Dei. Auch wenn der Glaube von einer Welt, die sich nur zu oft als Feind Gottes entpuppt, auf die Probe gestellt werden kann, haben wir doch den Trost zu wissen, dass wir unserem Erlöser nachfolgen: Wenn die Welt euch hasst, so wisst, sie hat mich vor euch gehasst. Wäret ihr von der Welt, würde die Welt das Ihrige lieben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch auserwählt habe aus der Welt, darum hasst euch die Welt (Joh 15,18-19). Die Märtyrer, die Jesus bis in den Tod nachgefolgt sind, sollen uns daran erinnern. "Nichts wird mir nützen von den Reizen der Welt und den Reichen dieses Jahrhunderts", schrieb der hl. Ignatius von Antiochien. "Besser ist es für mich, zu sterben auf Christus hin, als König zu sein über die Enden der Erde. Jenen suche ich, der für uns starb; jenen will ich, der unsertwegen auferstand."

Die christliche Bevölkerung des türkischen Armeniens wurde größtenteils während dieser Verfolgung von 1915 ermordet, der den Geschichtswissenschaftlern zufolge zwischen einer und anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen. Doch heute leben viele Anhänger der armenisch-katholischen Kirche in der Republik Armenien und überall in der Welt verstreut. Im 20. Jh. wurden für die Armenier Patriarchalvikariate in Jerusalem, Damaskus und Griechenland sowie drei Exarchate in Nordamerika, Lateinamerika und Frankreich errichtet. Einmal mehr sind aus dem Blut von Märtyrern Christen erwachsen.

Am 7. Oktober 2001 wurde der heilige Bischof von Papst Johannes-Paul II. seliggesprochen und mit folgenden Worten gerühmt: "Bischof Maloyan, der im Alter von 46 Jahren als Märtyrer starb, mahnt uns an den geistigen Kampf eines jeden Christen, dessen Glaube den Angriffen des Bösen ausgesetzt ist. Tag für Tag schöpfte er aus der Eucharistie die notwendige Kraft, sein Priesteramt großherzig und leidenschaftlich zu versehen." Rufen wir uns, durch das Vorbild des Seligen erleuchtet, die Empfehlungen desselben Papstes vom 7. Oktober 2004 zu Beginn des Jahres der Eucharistie wieder ins Gedächtnis: "Die heilige Messe muss in die Mitte des christlichen Lebens gestellt werden « Die Gegenwart Jesu im Tabernakel muss ein Anziehungspunkt für eine immer größere Anzahl von Seelen sein, die von Liebe zu ihm erfüllt sind und fähig sind, lange da zu bleiben, um seine Stimme zu hören und gleichsam seinen Herzschlag zu spüren. Kostet und seht, wie gütig der Herr ist (Psalm 33,9) « Verweilen wir lange auf den Knien vor dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn, indem wir mit unserem Glauben und unserer Liebe die Nachlässigkeit, die Vergessenheit und sogar die Beleidigungen wiedergutmachen, die unser Erlöser in vielen Teilen der Erde erleiden muss. Vertiefen wir in der eucharistischen Anbetung unsere persönliche und gemeinschaftliche Betrachtung" (Mane nobiscum, Domine, 17-18).

Möge das Zeugnis des seligen Ignatius sowie aller armenischen Märtyrer heute nicht nur diejenigen erleuchten, die deren kirchliche Tradition erben und fortführen, sondern alle, die zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen wahre Zeugen des Evangeliums werden möchten!

Dom Antoine Marie osb

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