Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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23. November 2005
Hl. Kolumban


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

"Die Verkündigung der Gottesherrschaft ist die Verkündigung eines gegenwärtigen Gottes, eines Gottes, der uns kennt und der uns anhört; eines Gottes, der in die Geschichte eingreift, um Gerechtigkeit schaffen. Sie ist folglich auch die Verkündigung des Gerichts, die Verkündigung unserer Verantwortung. Der Mensch hat nicht das Recht, nach Gutdünken zu tun, was ihm beliebt. Es wird über ihn gerichtet. Er muss sich dessen bewusst sein. Diese Gewissheit gilt für die Mächtigen wie für die einfachen Leute. Wird sie beachtet, so sind die Grenzen jeder Macht in dieser Welt aufgezeigt" (Vortrag von Kardinal Ratzinger, 10. Dezember 2000). Der hl. Benedikt erinnert in seiner Regel oft an die künftige Realität des Gottesgerichts. Das ist ein heilsamer Gedanke, der unsere Herzen erleuchten und unserem Leben Richtung geben kann. Der belgische König Baudouin I. hat an diese Grundwahrheit geglaubt. Nachdem er sich geweigert hatte, das vom Parlament verabschiedete Abtreibungsgesetz zu unterzeichnen, schrieb er in sein persönliches Tagebuch: "Ich habe mich mit meinem Gewissen und Gott allein auf den Weg gemacht."

Baudouin wurde am 7. September 1930 als zweites Kind von Léopold, der 1934 belgischer König werden sollte, und seiner Gattin, Astrid von Schweden, geboren. Am 29. August 1935 starb Königin Astrid bei einem Autounfall. Baudouin war von diesem Verlust tief geprägt: Er hatte immer das Bild seiner Mutter auf dem Nachttisch stehen. Léopold III. vertraute die Erziehung seiner drei Kinder (der 1927 geborenen Joséphine-Charlotte, Baudouins, und des 1934 geborenen Alberts) einer jungen Holländerin an, der Baudouin sehr zugetan war. In seiner Schulzeit war er ein Kind wie jedes andere.

Im Herzen eingraviert

Bei Ausbruch des Krieges 1940 floh die königliche Familie außer König Léopold nach Frankreich, doch nach der Kapitulation der belgischen Armee kehrte sie nach Belgien zurück, wo sie von den Deutschen gefangengehalten wurde. 1944 wurde sie erst nach Deutschland, dann nach Österreich verschleppt. Nach dem Ende des Weltkrieges gestattete das politische Klima Léopold zunächst noch nicht die Wiederaufnahme seines Amtes; so ließ er sich im September 1945 in der Schweiz nieder und blieb mit seinen Kindern bis 1950 dort. Nach der Rückkehr in seine Heimat stimmte bei einer Volksabstimmung eine breite Mehrheit dafür, dass er sein Amt wieder aufnimmt. Angesichts zahlreicher gegen ihn gerichteter blutiger Proteste dankte er jedoch lieber großherzig zugunsten seines Sohnes ab, als schwere Auseinandersetzungen um seine Person unter den Belgiern zu riskieren. Dieses bewundernswerte Beispiel der Selbstaufopferung eines Königs für sein Volk blieb tief im Herzen Baudouins eingraviert. Am 16. Juli 1951 wurde Baudouin gekrönt; er nahm sein Amt aus Pflichtgefühl an. Er war schüchtern, ohne jede Erfahrung, bewahrte unter allen Umständen einen unerschütterlichen Ernst und es widerstrebte ihm, sich die Unabhängigkeit zu nehmen, deren er bedurft hätte. Die Anfangsfehler seiner Herrschaft waren nicht auf einen Mangel an Charakter zurückzuführen; Baudouin hatte durchaus Temperament und zögerte nicht, seine Überzeugungen zu äußern. Doch er musste sein "Handwerk" als König erst lernen.

Seine erste Reise in die damalige belgische Kolonie Kongo im Mai-Juni 1955 war richtungsweisend. Als er von einer riesigen und vor Begeisterung jubelnden Menge empfangen wurde, gab er seine gewohnte Zurückhaltung auf und setzte sich mit seiner ganzen Person ein. Bei seiner Rückkehr nach Belgien hatte er mehr Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten und trat nunmehr mit einem Lächeln auf, das seine Landsleute für ihn einnahm.

Eines Tages im Februar 1960 ging Baudouin mit Prälat Suenens, dem späteren Erzbischof von Mechelen und Kardinal, im königlichen Schlosspark von Laeken bei Brüssel spazieren. Während des Spaziergangs kam die Rede zufällig auf die Stadt Lourdes. Der Kirchenmann schlug dem König vor, einmal inkognito hinzufahren und sich unter die Masse der Pilger zu mischen. "Aber ich komme doch gerade von dort", erwiderte der König. "Ich habe die Nacht in Gebet vor der Grotte verbracht und Unserer Lieben Frau von Lourdes die Sorge um das Problem meiner Verheiratung anvertraut." Im Gegenzug erzählte ihm der Kardinal im Vertrauen, was Lourdes für ihn infolge einer Begegnung mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit, Veronica O'Brien, bedeutete. Die unmittelbare Reaktion des Königs war: "Kann ich sie treffen?" Miss O'Brien, eine Irin, leitete die Legion Mariæ. Der König ließ ihr eine protokollarische Einladung für den 18. März 1960 zukommen. Die Audienz dauerte fünf Stunden. Danach richtete Veronica O'Brien einen englischen Brief an den König: "23. März 1960. Lieber König, ... Darf ich Ihnen zum schönen Fest von Mariæ Verkündigung diese kostbaren Büchlein schenken, von denen wir gesprochen haben? ("das Geheimnis von Maria" vom hl. Ludwig-Maria Grignion de Montfort). Sie werden vollgepackt mit Gnade bei Ihnen ankommen, denn ich habe seit dem Fest des hl. Josef jeden Tag getreu für Sie gebetet ... Maria ist an Ihrer Zukunft unermesslich mehr interessiert als Sie selbst."

Das Wesentliche teilen

Bei einer zweiten Begegnung gestand der König Veronica, dass er eine Frau heiraten möchte, die seine tiefen religiösen Überzeugungen teilte. Er meinte, eine solche Frau könnte in Spanien gefunden werden, wo die Religion noch im Gewissen vieler Menschen verankert war. In der folgenden Nacht vernahm Veronica eine "innere Stimme", einen Ruf des Herrn: "Bieten Sie dem König an, nach Spanien zu reisen, um für ihn das Terrain zu sondieren." Überrascht und gerührt, erteilte ihr der König unter größter Geheimhaltung eine Vollmacht. Veronica warf all ihre Pläne um und wandte sich unverzüglich dieser absolut speziellen Mission zu. Dem König schrieb sie: "Die eigentliche Arbeit werden Sie verrichten, indem Sie bei jedem Atemzug hundertprozentig heilig sind. Das heißt, Sie müssen jedes Kind Ihrer großen Familie lieben. Und ‚lieben' heißt, Sie müssen auf sie zugehen, mit ihnen sprechen und ihnen Anteil an sich selbst gewähren."

Veronica setzte sich mit dem päpstlichen Nuntius in Madrid in Verbindung, der ihr einen Empfehlungsbrief gab; sie begann mit der Erkundung des apostolischen Engagements im Kreise des spanischen Adels. Bald stieß sie auf eine 32-jährige junge Frau, Fabiola de Mora y Aragón, die geradezu vor Leben, Intelligenz, Temperament, Redlichkeit und Reinheit sprühte. Freundlich und großherzig kümmerte sie sich um Kranke und Arme. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte Veronica das Gefühl, die gesuchte Person gefunden zu haben. "Wie kommt es, dass Sie noch nicht verheiratet sind?", fragte sie. "Was wollen Sie, ich habe mich bis jetzt noch nie verliebt. Ich habe mein Leben in die Hände Gottes gelegt, ich verlasse mich auf Ihn, vielleicht hat Er etwas mit mir vor." Fabiola lud Veronica in ihre Wohnung ein; diese war ganz außer sich, als sie an der Wand ein Bild hängen sah, das sie in der Nacht zuvor im Traum gesehen hatte.

Mit Einverständnis des Königs verriet Veronica Fabiola den Grund für ihren Spanienaufenthalt und übermittelte ihr den Wunsch des Königs, sie offiziell kennenzulernen. Die junge Frau glaubte zunächst, das Objekt einer unwahrscheinlichen Täuschung zu sein; es bedurfte einer persönlichen Intervention des Nuntius, um sie zur Annahme des Antrags zu bewegen. Die offizielle Verlobung König Baudouins mit Fabiola fand am 8. Juli 1960 in Lourdes statt. "Am meisten gefallen mir an ihr ihre Demut, ihr Vertrauen auf die Allerseligste Jungfrau Maria und ihre Durchschaubarkeit", sagte der König. "Ich weiß, dass sie mich stets dazu anspornen wird, Gott immer mehr zu lieben." Die Hochzeit wurde am 15. Dezember 1960 gefeiert. Mehrere Jahre lang hegte das königliche Paar die innige Hoffnung im Herzen, Kinder zu bekommen. Doch mit der Zeit begriffen sie, das sie kinderlos bleiben würden. "Wir haben uns gefragt, was der Sinn dieses Leidens ist", gestand der König eines Tages. "Nach und nach verstanden wir, dass unser Herz so freier war, um alle Kinder zu lieben, absolut alle Kinder."

Am 25. Jahrestag seiner Thronbesteigung 1976 rief der König die "König-Baudouin-Stiftung" ins Leben, deren Ziel darin bestand, "sämtliche Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung zu ergreifen..." Er beauftragte die Stiftung, sich um solche Themen zu kümmern wie den Mädchenhandel, die Gefängnisproblematik, den Zugang zur Justiz, die sexuelle Misshandlung von Kindern usw.

Verblüfft

1979 lud das Königspaar 700 Kinder nach Laeken ein. In einer Ecke befand sich eine Gruppe behinderter Kinder, darunter mehrere mit Down-Syndrom. "Ich reichte einem kleinen Mädchen, das seine Hand kaum kontrollieren konnte, einen Teller voller Karamellbonbons", berichtete der König. "Unter größten Schwierigkeiten gelang es der Kleinen, ein Bonbon zu nehmen, doch zu meinem Erstaunen schenkte sie es einem anderen Kind. Ohne auch nur ein einziges Mal eines für sich zu behalten, verteilte sie eine ganze Weile lang diese Bonbons an gesunde Kinder, die sie ganz verblüfft anstarrten. Welches Geheimnis der Liebe bergen diese physisch missgestalteten Wesen in sich!"

Zum Abschluss des Empfangs hielt der Herrscher eine kleine Ansprache an seine jungen Gäste: "Die Welt braucht Liebe und Freude. Ihr könnt beides schenken. Das ist schnell gesagt, aber es ist nicht so leicht. Man muss sich darin üben und jeden Tag neu beginnen. Tut ihr das, so werdet ihr sehen, dass sich die Dinge um euch verändern; helft ihr euren Eltern zum Beispiel oder zeigt ihr ihnen eure Zuneigung, so macht ihr sie glücklicher, sie werden dadurch Lust bekommen, unter sich und anderen Leuten gegenüber ebenso zu handeln. Und so werden die Beziehungen zwischen den Menschen schrittweise besser. Versucht zu lieben und haltet den Versuch durch, durch Taten zu lieben. Lasst euch nie entmutigen. Wenn ihr so handelt, ich wiederhole es, so werdet ihr sogar die Gesichter der Leute um euch sich verändern sehen, und ihr werdet jeden Abend eine sehr große Freude in eurem Herzen haben. Werdet zu Baumeistern der Liebe."

Das Gebet nahm im Zeitplan des Königs den wichtigsten Platz ein. Gewöhnlich betete er zu Tagesbeginn. Auch er blieb von spiritueller Dürre nicht verschont: "Es war fast immer schwer", schrieb er, "bei der Betrachtung Gottes reglos zu bleiben, wenn der Glaube schwieg und unfruchtbar war." Die tägliche Messe war der Höhepunkt seines Tagesablaufs. An allen Orten der Welt, an die ihn sein Amt führte, bat er um einen Priester, der die Messe lesen sollte. Er lebte im Rhythmus der Liturgie und pflegte Gedanken aus den Texten der Messe in seinen Kalender zu notieren. Er empfing regelmäßig das Sakrament der Buße und nahm zusammen mit der Königin oft an Einkehrtagen teil.

Ich existiere für Dich

Die Audienz mit dem Herrn, die sein Gebet darstellte, half ihm, Personen auf seinem Weg aufmerksam zu begegnen. Er schrieb: "Heute werde ich versuchen, besonders aufmerksam allen gegenüber zu sein, die der Herr auf meinen Weg führt. Gott verlangt nicht von uns, dass wir auf den verschiedensten Gebieten, von der Musik bis zur Politik, Fachexperten sind, aber wir sollen, von seinem Geist geleitet, die Menschen mit seiner Liebe lieben, mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören und mit seinen Worten zu ihnen sprechen. Herr, das wünschen wir uns, Fabiola und ich, von ganzem Herzen." Das war sein Ansatz zum Amt des Königs. Um in seinen Alltagsgeschäften den Willen Gottes zu erkennen, rief er den Heiligen Geist an: "Wie soll ich mich dazu verhalten? Heiliger Geist, bitte weiche nicht von meiner Seite. Sei Du meine Kraft, meine Weisheit, meine Klugheit, mein Humor, mein Mut und meine Dialektik. Ich fühle mich von der Sprache so bloßgestellt! Andererseits weiß ich, dass Du meine Schwäche brauchst, um Deine Herrlichkeit zu offenbaren ... Ich denke zu oft an die Mission, die Du mir anvertraut hast und für die ich geboren bin. Ich vergesse zu oft, dass ich vor allen Dingen für Dich existiere, um Dich anzubeten, Dich zu betrachten und all diejenigen zu lieben, die Du auf meinen Weg führst."

Das spirituelle Leben war für den König Stütze und Ansporn in seinem Regierungsamt, und er verfolgte das politische Geschehen in seinem Land sehr aufmerksam. Der Grenzen wohl bewusst, die die Verfassung seiner Macht setzte, beeinflusste er das politische Leben eher durch Ratschläge und Warnungen als durch Entscheidungen. Die Ratschläge, die er anschließend seinen Mitarbeitern gab, waren überaus geschätzt: "Er besitzt mehr Informationen als wir", gestand einer von ihnen. "So versteht es sich von selbst, dass wir auf ihn hören und seine Ratschläge oft befolgen." Baudouin vervollständigte seine Informationen durch zahlreiche Besuche im Lande, bei denen er das breitmöglichste Spektrum an Personen kennenlernte. Jede seiner Reisen in Belgien bzw. ins Ausland, jede Rede war sorgfältig vorbereitet. Er las die Werke, die ihm von seinen Mitarbeitern empfohlen wurden, studierte ausführlich die ihm vorgelegten Akten und überließ nichts dem Zufall. Zwar besaß er die Gabe, das Wesentliche vom Beiläufigen zu unterscheiden, verlor jedoch deshalb nie die Details aus dem Auge.

Am Morgen des 4. April 1990 brachte das Radio eine unerhörte Nachricht: Belgien hatte keinen König mehr! Da Baudouin sich geweigert hatte, das Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung zu unterzeichnen, sprach ihm die Regierung die Fähigkeit, sein Amt auszuüben, ab. Das Parlament hatte am 29. März ein Gesetz zur Liberalisierung der Abtreibung verabschiedet, welches am 6. November des vorhergehenden Jahres bereits vom Senat angenommen worden war. Nach der belgischen Verfassung durfte ein durch beide Kammern so verabschiedetes Gesetz nicht ohne die Unterschrift des Königs verkündet werden.

Manchmal schmerzliche Entscheidungen

In unseren Gesellschaften scheint eine Mehrheitsentscheidung unumstrittene Geltung zu haben; sie genügt, um ein Gesetz zu legitimieren. In seiner am 25. März 1995 veröffentlichten Enzyklika Evangelium vitæ mahnt jedoch Papst Johannes-Paul II. daran, dass die demokratische Abstimmung kein absoluter Wert ist: "Auf jeden Fall ist in der demokratischen Kultur unserer Zeit die Meinung weit verbreitet, wonach sich die Rechtsordnung einer Gesellschaft darauf beschränken sollte, die Überzeugungen der Mehrheit zu verzeichnen und anzunehmen ... Tatsächlich darf die Demokratie nicht zum Mythos erhoben werden ... Ihr ‚sittlicher' Charakter ist nicht automatisch gegeben, sondern hängt von der Übereinstimmung mit dem Sittengesetz ab, dem sie, wie jedes andere menschliche Handeln, unterstehen muss" (Nr. 69-70). König Baudouin befand sich in der Situation, die von Papst Johannes-Paul II. später in derselben Enzyklika folgendermaßen geschildert wurde: "Die Einführung ungerechter Gesetzgebungen stellt moralisch korrekte Menschen oft vor schwierige Gewissensprobleme, was die Mitwirkung im Verhältnis zur gebührenden Geltendmachung des eigenen Rechtes betrifft, nicht zur Teilnahme an sittlich schlechten Handlungen gezwungen zu sein. Manchmal sind die Entscheidungen, die nötig erscheinen, schmerzlich und können sogar das Opfer einer renommierten beruflichen Stellung erfordern" (Nr. 74). Baudouin wusste, dass er durch die Verweigerung seiner Unterschrift von vielen seiner Mitbürger mit einem geschwächten moralischen Empfinden missverstanden werden kann und er sich sogar zur Abdankung gezwungen sehen könnte.

Das vom belgischen Parlament verabschiedete Abtreibungsgesetz stand im Widerspruch zum im Gesetz Gottes ausgedrückten Guten. "Unter allen Verbrechen, die der Mensch gegen das Leben begehen kann, weist die Vornahme der Abtreibung Merkmale auf, die sie besonders schwerwiegend und verwerflich machen. Das II. Vatikanische Konzil bezeichnet sie und die Tötung des Kindes als ‚verabscheuungswürdiges Verbrechen' (Gaudium et spes 51). Doch heute hat sich im Gewissen vieler die Wahrnehmung der Schwere des Vergehens nach und nach verdunkelt. Die Billigung der Abtreibung in Gesinnung, Gewohnheit und selbst im Gesetz ist ein beredtes Zeichen für eine sehr gefährliche Krise des sittlichen Bewusstseins, das immer weniger imstande ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, selbst dann, wenn das Grundrecht auf Leben auf dem Spiel steht ... Die direkte, d.h. als Ziel oder Mittel gewollte Abtreibung stellt immer ein schweres sittliches Verbrechen dar, nämlich die vorsätzliche Tötung eines unschuldigen Menschen ... Kein Umstand, kein Zweck, kein Gesetz wird jemals eine Handlung für die Welt statthaft machen können, die in sich unerlaubt ist, weil sie dem Gesetz Gottes widerspricht, das jedem Menschen ins Herz geschrieben, mit Hilfe der Vernunft selbst erkennbar und von der Kirche verkündet worden ist" (Evangelium vitæ, Nr. 58; 62).

Der Respekt vor dem Leben des werdenden Kindes ist ein heiliges und universelles Prinzip: "Das Kind", hatte Baudouin einige Monate zuvor erklärt, "bedarf wegen seiner körperlichen und intellektuellen Unreife eines besonderen Schutzes und einer besonderen Fürsorge, insbesondere eines geeigneten juristischen Schutzes vor wie nach der Geburt." Im Bewusstsein der Tatsache, dass er über seine Entscheidungen vor Gott Rechenschaft wird ablegen müssen, schrieb Baudouin an seinen Premierminister: "Dieses Gesetzesvorhaben bringt mich in große Gewissensnöte ... Unterzeichne ich es, so übernehme ich meiner Meinung nach zwangsläufig eine gewisse Mitverantwortung dafür. Das kann ich nicht tun."

Die Wahrheit suchen

Diese heilige Weigerung war die Frucht und Krönung eines langen, oft schmerzlichen Aufstiegs auf dem Wege der Heiligkeit. Die Treue zu seinen Standespflichten in seinem alltäglichen Handeln hatte den König auf diesen beispielhaften Akt vorbereitet, der von einem aufrechten, der Stimme Gottes perfekt gehorchenden Gewissen zeugte. "Das Gewissen – schreibt der hl. Bonaventura – ist gleichsam der Herold Gottes und der Bote, und was es sagt, befiehlt es nicht von sich aus, sondern als Botschaft, die von Gott stammt, wie ein Herold, wenn er den Erlass des Königs verkündet" (Vgl. Enzyklika Veritatis splendor, 6. August 1993, Nr. 58). "Gewiss, der Mensch muss, um ein gutes Gewissen zu haben, nach der Wahrheit suchen und gemäß der Wahrheit urteilen ... Die Kirche stellt sich immer nur in den Dienst des Gewissens, indem sie ihm hilft, nicht hin- und hergetrieben zu werden von jedem Windstoß der Lehrmeinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert (vgl. Eph 4,14), und nicht von der Wahrheit über das Gute des Menschen abzukommen, sondern, besonders in den schwierigeren Fragen, mit Sicherheit die Wahrheit zu erlangen und in ihr zu bleiben" (Ibid., Nr. 62; 64).

Als Antwort auf den Brief des Königs, und um aus der Sackgasse herauszukommen, in der sich die Regierung befand, berief sich der Premierminister auf einen Artikel der belgischen Verfassung, nach dem es dem König in Extremfällen unmöglich werden kann zu herrschen. Am 3. April befand der Ministerrat, dass in der gegenwärtigen Situation dieser Fall tatsächlich vorliege, verfuhr im Folgenden so, als gäbe es keinen König mehr, und verabschiedete das von Baudouin abgelehnte Gesetz. Damit der König jedoch wieder in sein Amt eingesetzt werden konnte, war eine Abstimmung im Parlament notwendig. Am 5. April stimmte das Parlament dafür, dass Baudouin seinen Platz als Staatsoberhaupt wieder einnehmen konnte.

Der König nahm also sein Amt im Dienste des Landes wieder auf; doch seine Gesundheit war bereits seit zehn Jahren immer schlechter geworden, und er fühlte den Tod nahen. 1991 und 1992 unterzog er sich zwei chirurgischen Eingriffen, einem davon am offenen Herzen. Am 21. Juli 1993, dem Nationalfeiertag, hielt er eine Ansprache an seine Mitbürger; bald danach verließ er Belgien und begab sich zur Erholung nach Spanien. Am Abend des 31. Juli saß er auf der Terrasse seines Anwesens. Gegen 21 Uhr rief ihn die Königin zum Abendessen. Als sie keine Antwort erhielt, ging sie zu ihm und fand ihn nach einem Herzanfall tot in seinem Sessel zusammengesunken. Bei seiner Beerdigung kam eine riesige Menschenmenge zusammen, um ihre Verbundenheit mit seiner Person zu zeigen, und die Ärmsten der Armen bezeugten, wie nah das brüderliche Herz des Königs den größten menschlichen Nöten gegenüber gewesen war.

König Baudouin hatte ein "Geheimnis: seinen Gott, den er über alle Maßen liebte und von dem er so geliebt wurde. Unter dem Blattwerk seiner öffentlichen und politischen Tätigkeit sprudelte eine ruhige und verborgene Quelle: sein Leben in Gott ... Während der König den Menschen diente, hörte er nicht auf, an Gott zu denken. In jedem menschlichen Gesicht, das ihm begegnete, entdeckte er das Antlitz Christi" (Kardinal Danneels, Ansprache bei der Beerdigung des Königs am 7. August 1993). Papst Johannes-Paul II. bezeichnete ihn als "vorbildlichen König" und "eifrigen Christen". Sein Vorbild ermutigt uns, in unserem täglichen Handeln für die Ehre Gottes zu arbeiten. "O mein Gott, um Dich auf Erden zu lieben, habe ich nur den heutigen Tag", sagte die hl. Therese von Lisieux in einem glänzenden Satz (Poesie 5).

Cf. König Baudouin - Das Geheimnis seines Lebens.

Dom Antoine Marie osb

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