Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


[Cette lettre en français]
[This letter in English]
[Deze brief in het Nederlands]
[Esta carta en español]
[Aquesta carta en català]
[Questa lettera in italiano]
14. September 2005
Kreuzerhöhung


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Das Verlangen und die Sehnsucht nach Gott sind zutiefst im Herzen des Menschen verwurzelt. Am Anfang seiner Bekenntnisse bezeugt der hl. Augustinus den zwingenden Charakter dieses Verlangens: "Du hast uns auf Dich hin geschaffen, Herr, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in Dir" (Bekenntnisse 1,1,1). Wir werden sehen, wie diese "Ruhelosigkeit" den Weg einer Seele zur Wahrheit bahnt.

Alessandra di Rudini wurde am 5. Oktober 1876 in einer Familie des sizilianischen Hochadels in Rom geboren. Ihr Vater, der Marchese di Rudini, der bereits mit 25 Jahren Bürgermeister von Palermo gewesen war, wurde mehrfach zum Minister ernannt. Er teilte die Kirchenfeindlichkeit von König Victor-Emmanuel II. Maria de Barral, Alessandras Mutter, litt unter den revolutionären Ideen ihres Mannes; wegen ihrer schwachen Gesundheit konnte sie ihrer Tochter nicht alle Fürsorge schenken, mit der ihre Mutterliebe sie eigentlich umgeben wollte. Alessandra besaß einen älteren Bruder namens Carlo.

Ein ständig brodelnder Vulkan

"Sandra" hatte von Kindesbeinen an einen eigensinnigen und unbezähmbaren Charakter. Sie liebte Pferde und entwickelte sich rasch zu einer hervorragenden Reiterin. Mit zehn Jahren kam sie in das Pensionat des Herz-Jesu-Klosters an der Trinità dei Monti in Rom. Ihre Mutter hoffte, dass sie mit Hilfe der Nonnen ihr unbändiges Temperament zügeln würde; doch Sandra war aufsässig, heckte tausend Streiche im Internat aus und lenkte ihre Mitschülerinnen von der Arbeit ab. Sie wurde am Ende des Schuljahres fortgeschickt. Ihr Vater meldete sie daraufhin im Verkündigungskloster von Poggio Imperiale an; in diesem liberal geführten Kolleg räumte ihr die Direktorin jede Freiheit ein, ihrem unersättlichen Hang zum Lesen zu folgen. In kurzer Zeit wurde Sandra eine hervorragende Schülerin; doch schon mit 13 Jahren bekam sie unter dem Einfluss eines ungläubigen Lehrers Glaubenszweifel. "Ihr Verstand war wie ein ständig brodelnder Vulkan", sagte eine ihrer Schulkameradinnen. Ansonsten besaß sie ein goldenes Herz und kam oft mit leerer Geldbörse im Pensionat an, da sie alles den Armen geschenkt hatte.

Als Sandra mit 16 Jahren nach Hause zurückkehrte, fand sie ihre Mutter nicht mehr dort vor, denn sie hatte sich krank in ein Sanatorium zurückziehen müssen. Sandra kam nun ihrem Vater näher, der stolz auf sie war: Großgewachsen und ebenso schön wie intelligent, war Sandra eine auffallende Erscheinung. Sie übernahm die Rolle der Hausherrin und ließ sich von ihrem Vater, der mehrmals Ministerpräsident wurde, mit der großen Politik vertraut machen. Indessen wurde ihre Seele jedoch von einer tiefen spirituellen Krise getrübt. "Mir schien", schrieb sie später, "als würde alles um mich herum einstürzen, und ich suchte verzweifelt nach einem festen Halt außerhalb meiner selbst. Ich erinnere mich an Nächte voller Angst und unbeschreiblicher Pein. Es gibt keinen schlimmeren Schmerz als den des Geistes, der nach der Wahrheit sucht und sie nicht erreichen kann." Papst Johannes-Paul II. wusste, wie schwer es Wahrheitssuchende hatten, und schrieb dazu: "Die dringend notwendige Vorbereitung auf die Verkündigung der Botschaft, die das Evangelium enthält, besteht heute darin, die Menschen zur Entdeckung ihrer Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis und ihrer Sehnsucht nach einem letzten, endgültigen Sinn des Daseins zu führen" (Enzyklika Fides et ratio, September 1998, Nr. 102).

Die Lektüre des Lebens Jesu von Renan, eines Werks, das das Übernatürliche leugnet und in Jesus lediglich einen "außergewöhnlichen Menschen" sieht, war verhängnisvoll für den wackeligen Glauben Alessandras. Über diesen Tag sagte sie später, er sei einer der traurigsten ihres Lebens gewesen: "In diesem Augenblick fühlte ich, wie das Leben für mich seine einzige Daseinsberechtigung verlor." Das junge Mädchen betrat einen langen Weg durch die Finsternis. Auf der Suche nach Ablenkung verkehrte sie nun in der erlesensten Gesellschaft: So machte sie eine Kreuzfahrt auf der Privatyacht des deutschen Kaisers Wilhelm II. und unterhielt enge Beziehungen zu Königin Margarete von Italien. Mit 18 Jahren überraschte Sandra ihre Umgebung durch eine Heirat mit dem zehn Jahre älteren Marcello Carlotti da Garda, dem Marchese von Riparbella. Die Jungvermählten ließen sich auf dem prächtigen Besitz der Carlotti in Garda nieder. In den folgenden Jahren gebar Alessandra zwei Söhne, Antonio und Andrea.

Doch schon bald entwickelte Marcello Symptome einer Tuberkulose. Zu Beginn des Jahres 1900 wusste er, dass er verloren war, und versuchte dem Tod als Verfechter materialistischer Theorien zu begegnen. Seine Frau schrieb in dieser Zeit: "Marcello gibt sich alle Mühe, sich gefasst, ich würde fast sagen gleichgültig, zu zeigen. Nichtsdestoweniger bin ich mir fast sicher, dass das alles nur gespielt ist, und dass der Unglückliche doppelt leidet, da er nicht zugeben will, dass er leidet." Sandra besann sich in diesem Moment ein wenig auf ihren Glauben und wollte dafür sorgen, dass ihr Mann nicht ohne den Beistand der Religion die Welt verließ. Sie wandte sich an einen Priester aus Verona, Prälat Serenelli; doch dieser konnte nichts weiter tun, als der schwer geprüften Familie sein Mitgefühl zu bezeugen, denn der Marchese lehnte jeden religiösen Beistand ab. Er verschied am 29. April 1900, ohne das geringste Anzeichen einer Öffnung für die ewigen Wahrheiten. Alessandra blieb im Alter von 24 Jahren als Witwe mit zwei Kindern zurück, sowie dem Gefühl, ihre spirituelle Mission im Hinblick auf ihren Gatten nur ungenügend erfüllt zu haben.

Eine Leere, die sich durch nichts füllen lässt

Im November 1901 schrieb die Marchesa an Prälat Serenelli: "Ich leide zutiefst unter dem Fehlen eines Ideals; in meinem Leben herrscht eine Leere, die sich durch nichts füllen lässt, durch keine Zerstreuung, keine Verrücktheit, keine Beschäftigung. Was nützt es mir, gesund und wohlhabend zu sein und einen Namen zu haben, wenn ich mir selbst verhasst bin? Sie haben Ihr Leben doch der Linderung von vielerlei Elend geweiht, glauben Sie mir: Mein Elend ist zwar geheim und wird mit unbewegter Miene ertragen, doch es gehört nicht zu den leichtesten." Im Laufe des Winters 1900-1901 ließ Alessandra ihre Kinder in der Obhut einer Gouvernante zurück und brach als Begleiterin einer englischen Lady zu einer gefährlichen Entdeckungsreise durch Marokko auf. Alessandra fiel die Religiosität der moslemischen Führer auf, die sich fünfmal am Tag vor dem Allmächtigen verbeugten. Beeindruckt fragte sie sich, ob nicht alle Religionen gleichwertig seien: "Lange war ich der Ansicht, dass alle Religionen beinahe gleichwertig seien und folglich alle vom Standpunkt ihres sozialen Nutzens aus beurteilt werden müssten" (Brief vom 14. Januar 1902).

Diese Einstellung ist heute weit verbreitet. Die Kirche erwidert darauf: "Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, ist das vollkommene, unübertreffbare, eingeborene Wort des Vaters. In ihm sagt der Vater alles, und es wird kein anderes Wort geben als dieses" (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 65). Es "muss vor allem der endgültige und vollständige Charakter der Offenbarung Jesu Christi bekräftigt werden. Es ist nämlich fest zu glauben, dass im Mysterium Jesu Christi, des fleischgewordenen Sohnes Gottes, der der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6) ist, die Fülle der göttlichen Wahrheit geoffenbart ist" (Erklärung Dominus Jesus der Kongregation für die Glaubenslehre, 6. August 2000, Nr. 5). Die Kirche wurde deshalb gegründet, um mit Gewissheit eine solche Lehre zu erteilen, weil Jesus Christus durch seine Werke bewiesen hat, dass Er Gott ist. Er konnte zu denen, die ihm nach dem Leben trachteten, sagen: Tue ich nicht die Werke meines Vaters, dann glaubt mir nicht, tue ich sie aber, so glaubt, wenn ihr mir nicht glaubt, den Werken, damit ihr zur Erkenntnis kommt und einseht, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin (Joh 10,37-38). Das größte Wunder Jesu Christi ist das historische und zugleich transzendente Ereignis seiner eigenen Auferstehung. Er selbst hat es öffentlich vorher angekündigt, und die Apostel haben es unter Gefahr für ihr eigenes Leben bezeugt.

Voller Zweifel wandte sich Sandra an Gott: "Ich betete manchmal", schrieb sie später, "und bat Gott flehentlich um einen Lichtstrahl der Gnade und vor allem um das Geschenk des Glaubens. Ich wiederholte mehrmals und über einen reichlich großen Zeitraum hinweg das Versprechen, mein Leben in der vollkommensten und vollständigsten Art, die für mich überhaupt vorstellbar ist, dem Herrn zu weihen, wenn er so gnädig ist, mir diese Gnade zu erweisen."

Eine ehrliche aber fruchtlose Arbeit

Nach Italien zurückgekehrt, tauchte Alessandra erneut in die Welt ein; sie gestand indes einigen Personen ihre Verwirrung und ihre spirituelle Suche. Zu ihrem Unglück stürtzte sie fieberhaft auf die Lektüre philosophie- bzw. bibelkritischer Werke rationalistischer Prägung. Ihrem eigenen Eingeständnis zufolge war sie hinterher zutiefst verunsichert. Sie bildete sich ein, ihre intellektuelle Krise durch ehrliche und beharrliche Arbeit überwinden zu können. Doch den Glauben aus eigener Kraft erzwingen zu wollen, heißt: Vergessen, dass er ein Geschenk Gottes ist: Denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun, sagt Jesus (Joh 15,5). Sandra hatte geglaubt, unterschiedslos alles lesen zu können, und wurde pausenlos mit einer ganzen Flut von Zweifeln bombardiert. Prälat Serenelli merkte das und empfahl ihr in einem Brief, bei ihrer Suche nach der Wahrheit demütiger zu sein: "Der reine und leuchtende Glaube ist nicht die Frucht menschlicher Schlussfolgerungen, sondern ein Geschenk Gottes; bitten wir also den Herrn um das Geschenk dieses Glaubens." Auf den Rat des Kirchenmannes hin ging sie im Februar 1902 zur Beichte und zur hl.Kommunion. Doch dieser Schritt entbehrte jeder Tiefe und führte lediglich zu einem unregelmäßigen, in Verwirrung und Unsicherheit praktizierten Empfang der Sakramente: Ihren Glauben hatte sie nicht wirklich wiedergefunden. Da zeichnete sich eine noch schwerere Krise ab.

Am 26. Mai 1903 wurde Alessandra in der Mailänder Scala Gabriele d'Annunzio, einem Freund ihres Bruders, vorgestellt. Der damals sehr berühmte Mann, der als der größte italienische Dichter seiner Zeit galt, missfiel der jungen Frau zunächst, da sie seinen Ruf als Frauenheld kannte. Er hingegen fühlte sich gleich leidenschaftlich zu der ebenso schönen wie intelligenten Frau hingezogen. Er ließ sich von ihrer Kälte nicht abschrecken, denn er wusste, dass er durch die unvergleichliche Brillanz seiner Worte unwiderstehlich wirken konnte. Ihrem eigenen Eingeständnis zufolge verliebte sich Alessandra November 1903 "aus heiterem Himmel" in ihn; sie traf danach d'Annunzio mehrmals wieder und verfiel dem Zauber des Verführers. Sie versuchte sich ihm zu entziehen und erwog sogar, sich vorübergehend in ein von Prälat Serenelli empfohlenes Kloster zurückzuziehen; doch dazu kam es nicht. Bald schnappte die Falle zu. Trotz aller Vorwürfe ihrer Familie schloss sie sich d'Annunzio in dessen Villa "Capponcina" in der Nähe von Pisa an, gab ihre Ehre preis und ließ ihre beiden Söhne im Stich. Der Rausch der beiden Verliebten währte ein Jahr.

Im Frühjahr 1905 wurde Sandra schwer krank und kam in eine Klinik, wo sie drei chirurgische Eingriffe zu überstehen hatte. Sie fürchtete zwar, ohne die Sakramente zu sterben, besaß jedoch nicht den Mut, mit d'Annunzio zu brechen. Als sie geheilt die Klinik verließ, war ihre Schönheit zum Teil verwelkt, und sie merkte bald, dass der Dichter zu ihr nicht mehr derselbe war; der Unbeständige hatte bereits eine neue Eroberung im Auge. Ende 1906 gab er ihr zu verstehen, dass sie in der "Capponcina" eine zuviel war. Das folgende Jahr wurde schrecklich schmerzhaft für Alessandra. Das beklagenswerte Abenteuer verhalf ihr allerdings zu der Erkenntnis, dass sie für die Liebe gemacht war, aber nicht zu einem Geschöpf, sondern zum Schöpfer. Die Seligkeit, zu der Gott den Menschen beruft, "lädt uns ein, unser Herz von bösen Trieben zu läutern und danach zu streben, Gott über alles zu lieben. Sie lehrt uns: Das wahre Glück liegt nicht in Reichtum und Wohlstand, nicht in Ruhm und Macht, ... sondern einzig in Gott, dem Quell alles Guten und aller Liebe" (Katechismus 1723).

"Ich kann an nichts anderes denken"

Nach ihrer Rückkehr in ihre Villa in Garda, ließ Alessandra Ende 1907 den Kontakt zu Prälat Serenelli wieder aufleben; sie schrieb ihm: "Ich weiß, dass mein Gebet zu unwürdig ist, um bis Gott hinaufzudringen. Dennoch wage ich es, mit König David zu sagen: Erbarme dich meiner, Herr; heile meine Seele, denn ich habe gegen dich gesündigt. Helfen Sie mir, den Weg wiederzufinden, der mich zu Gott führt, denn es schmerzt mich sehr, von Ihm fern zu sein, und ich kann an nichts anderes denken." Der Priester weigerte sich nicht, das verlorene Kind wieder aufzunehmen, und nahm ihm bald die Beichte ab; im Frühjahr 1908 machte Sandra die Exerzitien des hl. Ignatius mit. Diese Exerzitien haben durch die Jahrhunderte reichlich Früchte an Heiligkeit getragen. Papst Johannes-Paul II. empfahl sie ebenso wie seine Vorgänger für alle, insbesondere aber für Jugendliche: "Sie sind eine beinahe notwendige Erfahrung, besonders in bestimmten heiklen Augenblicken des Wachstums, wenn wir wollen, dass die Jugendlichen Christen bleiben" (17. November 1989).

Als Erzieher und Hauslehrer für ihre beiden Kinder engagierte Alessandra einen französischen Priester, Pfarrer Gorel, dem sie ihre letzten Einwände gegen den Glauben offenbarte. In der Überzeugung, dass die katholische Lehre der Vernunft widerspreche, hatte sie zum Beispiel Schwierigkeiten damit, die Möglichkeit von Wundern zuzugeben. Sie hatte noch nicht begriffen, dass auch "wenn der Glaube über der Vernunft steht, ... es dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glauben und Vernunft geben [kann]; denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingießt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt: Gott aber kann sich nicht selbst verleugnen, noch [kann] jemals Wahres Wahrem widersprechen" (I. Vatikanisches Konzil, Dei Filius, IV). Wunder sind möglich, weil Gott, der die Naturgesetze erschaffen hat, ebenso die Macht besitzt, über sie hinwegzugehen. Jesus Christus hat Wunder vollbracht, um seine Mission und seine göttliche Natur zu beweisen, und gibt diese Macht an manche seiner Heiligen zum Wohle der Seelen weiter.

Pfarrer Gorel riet Sandra zu einer Reise nach Lourdes. Sie willigte nicht ohne einen gewissen Skeptizismus ein; am 5. August 1910 hatte sie die Vorsehung im Büro für medizinische Befunde der bemerkenswertesten Wunderheilung jenes Jahres beiwohnen lassen, der Heilung eines an unheilbarer Rückenmarkentzündung leidenden Gelähmten. Von nun an war sie von der Möglichkeit von Wundern überzeugt. In großer innerer Sammlung beichtete sie bei Pfarrer Gorel; dieser sagte nach ihrem Tode: "Alle Zweifel, alle Ausflüchte, alle Widerstände waren ein für alle Mal beiseite geräumt." Alessandra erklärte später: "Ich habe viel über den Schritt nachgedacht, den ich in Lourdes getan habe, und ich bin glücklich zu sehen, dass ich nicht durch ein Moment religiöser Rührung dazu getrieben worden bin, sondern dass ich einen absichtlichen und überlegten, durch Jahre des Studierens und Meditierens vorbereiteten Akt vollzogen habe."

Hier kommst du zur Ruhe

Der Gedanke, in ein Kloster zu gehen, ließ ihr keine Ruhe. Sie bot sich Gott erneut zum Opfer dar und bat ihn um Erleuchtung. Sie, die einst nach einem Besuch bei einer Nonne geschrieben hatte: "Ich könnte Armut ertragen, aber ich könnte nicht auf meine Unabhängigkeit verzichten und meinen Willen jemand Anderem unterordnen", wollte nun gehorchen. Sie fühlte sich zu den Karmelitinnen hingezogen, größtenteils, "weil es ein Bußorden ist. Ich habe ein absolutes Bedürfnis nach einem eher harten Leben, das ist einer der Hauptgründe dafür, dass ich mich für den Karmel entschieden habe." Bereits im Juli 1911 machte sich die Marchesa auf den Weg nach Paray-le-Monial, einer für die dortigen Erscheinungen des Heiligsten Herzens Jesu berühmten Stadt, deren Karmelitinnenkloster ihr von Pfarrer Gorel empfohlen worden ist. Frankreich war ihr lieber als Italien, wo sie zu bekannt war. Gleich nach ihrer Ankunft vernahm sie eine innere Stimme: "Hier kommst du zur Ruhe." Die Priorin nahm sie auf, und ihr Eintritt ins Kloster wurde auf den nächsten Herbst festgesetzt. Bevor sie Garda endgültig verließ, ging sie in die Pfarrei und bat um Vergebung für die Skandale, die sie verursacht hatte. Am 28. Oktober 1911 schloss sich die Pforte des Karmels von Paray hinter ihr.

Alessandras Noviziat, das sie unter dem Namen Schwester Maria von Jesus absolvierte, war eine anstrengende Zeit: Trotz ihres Großmuts hatte sie Schwierigkeiten, sich an das Leben in Armut und Abhängigkeit zu gewöhnen. Sie war 35 Jahre alt und in keinster Weise auf die Askese des Lebens als Karmelitin und auf den beschränkten Rahmen der klösterlichen Klausur vorbereitet. Vor allem machte ihr bereits Anfang 1912 die geistige Dürre dort zu schaffen: "Unmöglich zu beten, zu denken, zu lesen. Ich sehe kein Ende dieser Heimsuchung. Ich weiß nicht, ob sie von Gott kommt oder ob ich in einen bodenlosen Abgrund gestürzt bin", schrieb sie in ihr Tagebuch. Einzig ihr so mühsam errungener Glaube und die Gewissheit ihrer Berufung blieben unversehrt. Doch schon 1914 folgten Trost und mystische Gnadengaben diesem Zustand innerer Verlassenheit.

Der Teufel, dem diese Novizin ein großes Ärgernis war, plagte sie auf tausenderlei Arten, darunter auch durch physische Quälereien, die auch von den anderen Karmelitinnen wahrgenommen wurden: unheimliches Gepolter, Schrittgeräusche, die Schwester Maria von Jesus folgten usw. Doch diese ließ sich nicht einschüchtern. Sie hatte einen sehr ausgeprägten Hang zum Leiden als Wiedergutmachung und zur Buße und musste von der Priorin sogar gebremst werden. Sie wurde zur Krankenschwester ernannt und hatte sich um eine tuberkulosekranke Mitschwester zu kümmern. Als sie dieser einmal eine Spritze gab, kratzte sie sich durch eine falsche Bewegung mit der Nadel und steckte sich mit dem Erreger an. Einige Tage später begann sich die Krankheit auch bei ihr zu manifestieren: Fieberanfälle und riesige Abszesse kehrten vier Jahre lang in kurzen Abständen immer wieder. Doch sie starb nicht; der Herr brauchte sie noch. Am 26. April 1913 legte Schwester Maria von Jesus während einer Krankheitspause ihre Gelübde ab. Ein Jahr später wurde sie bereits von der Priorin zur Novizenmeisterin ernannt.

1916 verlor sie ihre beiden Söhne, die ebenfalls an Tuberkulose starben. 1917 folgte der Tod der Priorin von Paray. Schwester Maria von Jesus wurde zu ihrer Nachfolgerin gewählt. Sie prägte ihr Kloster durch eine anspruchsvolle Spiritualität und betonte die Rolle der kontemplativen Orden, die von Gott und der Kirche den Auftrag hatten, durch Gebet und Opfer die Gnade der Bekehrung zu erwirken, deren die Welt so bedurfte. Sie dachte an die vielen Seelen, die, wie sie selber einst, nach dem Licht suchten.

Da es einen regen Zustrom von Neuberufenen in den Karmel von Paray gab, konnte Mutter Marie de Jésus drei Niederlassungen gründen: 1924 den Karmel von Valenciennes und 1928 den von Montmartre, zwei Schritte von der Herz-Jesu Basilika in Paris entfernt. Diese zweite Gründung erfolgte inmitten vieler materieller und politischer Schwierigkeiten. Schließlich wurde ebenfalls 1928 das in der Einsamkeit von Savoyen gelegene ehemalige Karthäuserkloster Le Reposoir übernommen. Mutter Maria von Jesus hatte schon immer den Wunsch verspürt, einen "Karmel auf einem Berg" zur Verherrlichung Jesu Christi im Mysterium seiner Verklärung zu errichten. Das sehr heruntergekommene Anwesen musste geduldig renoviert werden; Mutter Maria von Jesus verbrachte jeden Sommer dort. Die Einrichtung der Klausur war für 1931 geplant.

Leicht und gut

Doch im März 1930 erkrankte Mutter Marie de Jésus an einem Leber- und Nierenleiden; trotzdem fuhr sie nach Le Reposoir, um dort die letzten Arbeiten zu überwachen. Ihre Krankheit verschlimmerte sich im November. Auf Anordnung ihrer Ärzte wurde sie in eine Genfer Klinik verlegt, wo sie vier vergebliche chirurgische Eingriffe über sich ergehen lassen musste. Nach dem Empfang der Sterbesakramente verschied sie am 2. Januar 1931 mit den letzten Worten Jesu am Kreuze auf den Lippen: In deine Hände, Herr, befehle ich meinen Geist. Obwohl früher ihre Reaktion angesichts des Todes gewöhnlich in Angst und Schrecken bestanden hatte, sagte sie einige Tage vor ihrem Tod: "Beim Herannahen des Todes spürte ich etwas, was ich noch nie empfunden hatte: die Anziehungskraft Gottes, den Hunger nach Gott; und ich begriff, wie leicht und gut es war, auf Ihn zuzugehen. Obwohl ich die fürchterlichsten körperlichen Qualen litt, befand sich meine Seele durch Seine Gegenwart, die alles erfüllt, in einem unbeschreiblichen Frieden und einem unbeschreiblichen Glück."

Bitten wir, ermutigt durch das Beispiel von Alessandras Bekehrung, den Heiligen Geist, er möge auch uns gemäß der Verheißung Jesu zur vollen Wahrheit führen (vgl. Joh 16,13), in welcher das Glück und der Frieden zu finden sind, für die wir erschaffen wurden.

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  - Home Page

Webmaster © 1996-2017 Traditions Monastiques