Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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10. August 2005
Hl. Laurentius


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Christus kann man unmöglich von der Geschichte des Menschen trennen ... Lässt er sich von der europäischen Geschichte trennen? Faktisch können alle Nationen und die ganze Menschheit nur durch Ihn Zugang zur Hoffnung bekommen» (Johannes-Paul II., Gedenken und Identität, März 2005). Jeder Heilige aktualisiert die Gegenwart Christi in Geschichte. Die von der Entchristlichung der Arbeiterinnen gerührte hl. Françoise de Sales Aviat hat sich dem Ziel geweiht, diese Frauen in ihrem Leben und ihrer Arbeit zu Christus zurückzuführen. Sie wurde am 25. November 2001 heiliggesprochen.

Léonie Aviat kam am 16. September 1844 in Sézanne (Champagne) auf die Welt und wurde bereits am folgenden Tag getauft. Ihr Vater besaß ein Lebensmittel-und- Haushaltswarengeschäft. Eine treue Kundschaft verhalf der Familie zu einem gewissen Wohlstand. Léonie war elf Jahre alt, als ihre Eltern sie in das Pensionat der Heimsuchung Mariae nach Troyes brachten und sie der Oberin Mutter Marie de Sales Chappuis anvertrauten, die von aller Welt nur «Gute Mutter» genannt wurde und von der ein Pater schrieb: «Sie leitet das Kloster von Troyes mit bewundernswerter Umsicht und dem reichsten Segen des Himmels.»

Sofort nach ihrer Ankunft begann Léonie mit der Vorbereitung auf ihre Erstkommunion. Man bot ihr unverzüglich das Sakrament der Buße an. Sie machte eine gründliche Gewissenserforschung, doch als sie dann den Beichtstuhl betrat, wurde sie von solcher Aufregung überwältigt, dass sie in Tränen ausbrach. Pfarrer Brisson, der sie seit einem Kurzbesuch bei ihrer Familie in Sézanne bereits kannte, sagte zu ihr: «Wie! Das kleine Mädchen, dem ich früher einmal Bonbons geschenkt habe, hat auf einmal Angst vor mir?» Mehr brauchte es gar nicht, um sie zu trösten. Von da an war Pfarrer Brisson ihr Mentor. Ihre Erstkommunion, der sogleich die Firmung folgte, fand am 2. Juli 1856 statt.

Intelligent und lebhaft, beschloss Léonie, ihr stolzes Temperament nach den Ratschlägen des hl. Franz von Sales zu ändern. Mutter Chappuis, eine wahre Lehrmeisterin der Seele, unterwies die jungen Mädchen in den Tugenden, die sie später in der Welt benötigen würden. Sie wusste, welche Wirkung in der Gesellschaft und in der Kirche eine wahrhaft christliche junge Frau entfalten kann, die sich ihrer Verantwortung als Gattin und Mutter voll bewusst ist. Léonie war sensibel für die soziale Lage der Fabrikarbeiterinnen in ihrer Region und schrieb: «Ich habe mehr Freude daran, den von Schmerz Niedergedrückten zu helfen und dafür eine kleine Wendeltreppe hinaufzusteigen als zu diesen großartigen Festen zugunsten der Armen zu gehen.» 1860 war sie mit der Schule fertig. Bevor sie das Pensionat verließ, vertraute sie Mutter Chappuis ihren Wunsch an, Nonne zu werden; diese riet ihr zum Abwarten.

Ein befreiender Rückschlag

Léonies Heimkehr war eine große Freude für ihre Eltern: Sie war kultiviert, in den geselligen Künsten, dem Klavierspiel und der Malerei, bewandert und scheute auch vor handfesten Aufgaben nicht zurück, bei denen ihre praktische Begabung zum Zuge kam. Herr Aviat schlug seiner Tochter eine vorteilhafte Heirat vor. Als er sich jedoch durch einen finanziellen Rückschlag ruiniert sah, machte sich der Bewerber aus dem Staub. Léonie war frei und beschloss, in das Kloster der Heimsuchung Mariae einzutreten. «Warten Sie noch ein bisschen: Was der liebe Gott für Sie vorgesehen hat, ist noch nicht ganz so weit», versicherte ihr Mutter Chappuis.

In dieser Zeit betrat Léonie zum ersten Mal ein bisschen ängstlich die große Brillenwerkstatt von Sézanne, wo viele junge Arbeiterinnen beschäftigt waren. Sie wurde von einem unbeschreiblichen Gefühl überwältigt: Einen Moment lang stellte sie sich vor, als ältere Schwester, die berät, ermutigt, aufrichtet und tröstet, als Arbeiterin unter Arbeiterinnen, als Zeugin der Liebe mitten unter diesen Mädchen zu stehen. Bald danach hielt Pfarrer Brisson den Augenblick für gekommen, ihr zu sagen, was er von ihr erwartete. Troyes war eine Industriestadt. Etwa 30 000 Arbeiterinnen waren in den Werkstätten, Spinnereien und Fabriken beschäftigt. Die meisten von ihnen hatten sich vom Glauben abgewandt und hatten keinen Respekt vor der Religion: Wurden Priester auf der Straße angepöbelt, kam es immer von Arbeiterinnen. In mehreren Fürsorgeeinrichtungen versuchte Pfarrer Brisson den jungen Christinnen, insbesondere solchen, die die Welt der Arbeit vorzeitig vereinnahmt hatte, die Mittel nahezubringen, mit deren Hilfe sie der Gefahr eines Lebens ohne Gott entkommen konnten.

Zu unserer Zeit, in manchen Industrieländern ist die Situation ähnlich: Für Christus bleibt in der Gesellschaft kein Platz. Man erkennt den kollektiven Hochmut der Menschheit wieder, die sich einen Turm von Babel errichtet und vorgibt, ohne Gott auskommen zu können. Der heutige Mensch ist «versucht, sein Leben hier auf Erden so zu organisieren, als gäbe es Gott nicht. Als gäbe es Gott in seiner ganzen transzendenten Wirklichkeit nicht. Als gäbe es seine Liebe zum Menschengeschlecht nicht» (Johannes-Paul II. in Tschenstochau am 15. August 1991). Im gleichen Sinne stellte das II. Vatikanische Konzil fest: «Nun scheinen viele unserer Zeitgenossen zu befürchten, dass durch eine engere Verbindung des menschlichen Schaffens mit der Religion die Autonomie des Menschen, der Gesellschaften und der Wissenschaften bedroht werde ... Wird aber mit den Worten ‚Autonomie der zeitlichen Dinge' gemeint, dass die geschaffenen Dinge nicht von Gott abhängen und der Mensch sie ohne Bezug auf den Schöpfer gebrauchen könne, so spürt jeder, der Gott anerkennt, wie falsch eine solche Auffassung ist. Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts. Überdies wird das Geschöpf selbst durch das Vergessen Gottes unverständlich» (Gaudium et spes 36).

«Mit wem Sie wollen, nur nicht mit ihr!»

Pfarrer Brisson hatte in der Terrassenstraße ein Hilfswerk geschaffen, das jungen Arbeiterinnen sowohl Schutz als auch eine Heimstatt bot. Für die Betreuung dieser Mädchen musste er Vollzeitkräfte finden, und die Aufgabe war nicht einfach; er brauchte gottergebene Helfer. Als Léonie innerlich erleuchtet mit ihm die Einrichtung besuchte, wusste sie gleich, dass ihr Platz da war, unter diesen jungen Leuten, von denen einige noch wie richtige Kinder aussahen. Sie vertraute ihrem Beichtvater diesen geheimnisvollen Ruf an; er war darüber entzückt. Endlich hatte er die Person gefunden, die als Grundstein für das Institut dienen konnte, das er aufbauen wollte. Doch Léonie hatte noch zwei Prüfungen zu bestehen. Zunächst musste sie ihre Familie verlassen und den Widerstand ihres Vaters überwinden. Dann wurde ihr von Pfarrer Brisson eine Gefährtin an die Seite gestellt, Lucie Canuet, die neben etlichen wirklichen Vorzügen einen so kleinlichen, argwöhnischen und rechthaberischen Charakter besaß, dass sie für ihre Umgebung sehr anstrengend war. Léonie wehrte sich: «Mit wem Sie auch immer wollen, Herr Pfarrer, nur nicht mit ihr!» Nach einer Aussprache fand sie sich jedoch mit dieser Gefährtin ab.

Nach acht Einkehrtagen unter der Leitung von Mutter Chappuis zogen die beiden Gründerinnen der neuen Kongregation am 18. April 1866 in das «kleine Haus der Galerie» in der Rue des Terrasses ein, in welchem sich das Werk von Pfarrer Brisson befand. Die jüngsten Arbeiterinnen waren rasch von den beiden vornehmen und dennoch einfachen Mädchen eingenommen, die sich wie ältere Schwestern benahmen. Die Älteren waren zunächst zurückhaltend und ließen sich erst gewinnen, als sie sahen, dass die beiden Leiterinnen ihre Armut und die niedrigsten Arbeiten bereitwillig mit ihnen teilten. Pfarrer Brisson vertraute die allgemeine Organisation der Fürsorgeeinrichtung und der ihr angeschlossenen vier Heime Léonie an.

Mutter Marie de Sales Chappuis empfing die beiden Vorkämpferinnen häufig im Sprechzimmer ihres Klosters und formte sie für das Ordensleben zurecht. «Ihr seid im Augenblick nicht dazu berufen, das Stundengebet zu singen», sagte sie zu ihnen. «Eure Hauptaufgabe ist die Arbeit; ihr sollt ihr euch möglichst willig widmen; eure Arbeit ist für euch ein fortwährendes inneres Gebet.» Ist einem der Blick des Glaubens auf Gott zur Gewohnheit geworden, sieht man damit Gott am Wirken in der Welt. «Der Mensch ist sich dann ständig bewusst, dass Gott in allem am Werke ist, was geschieht. Denkt der Mensch im Tagesablauf pausenlos an dieses stille, lebendige, köstliche und gleichzeitig mächtige Geheimnis oder spürt er plötzlich dessen Gegenwart, so betet er ein echtes Gebet, und es liegt allein in seiner Hand, ob er dieses Gebet verlängert bzw. auf alles ausdehnt. Er hat es nicht nötig, zum Beten sein Leben und seine täglichen Aktivitäten hinter sich zu lassen, das Gebet wird vielmehr mit ihnen verschmelzen. In jedem Ereignis sieht er ein Geschenk Gottes und er richtet sein Leben so aus, dass es sich mit dem Wirken Gottes vereint... So wird das Leben selbst zum Gebet» (R. Guardini, Einführung in das Beten).

Für mich? Warum?

Schwester Léonie bemühte sich also, selbst an den geschäftigsten Tagen in der Gegenwart des Herrn zu verharren, und das war gar nicht so einfach. Sie griff immer häufiger auf Stoßgebete zurück, um damit die Flamme der Liebe in ihrem Herzen kurz anzufachen. Eines Tages, als sie dem Laufjungen einer Fabrik Pakete mit ausgebesserten Strickwaren aushändigte, entschlüpfte ihr plötzlich ein Gebet; sie hielt dem braven Mann, der überhaupt nichts verstand, ein Paket hin und rief: «Mein Gott, das ist für Dich!» – «Für mich soll das sein? Warum denn?» Wenn Schwester Léonie später an diese Anekdote dachte, musste sie jedesmal herzlich lachen!

Am 30. Oktober 1868 legten die beiden ersten Schwestern der «Kongregation der Oblatinnen des hl. Franz von Sales» die Ordenstracht an; Léonie wurde Schwester Françoise (Franziska) de Sales, Lucie Schwester Jeanne-Marie. Diese Anfangszeit wurde durch den Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Preußen am 19. Juli 1870 getrübt. Die Fabriken stellten ihren Betrieb ein, die Arbeiterinnen wurden ohne Rente entlassen. Schwester Françoise de Sales bemühte sich, Beschäftigung für sie zu finden. Sie war vor Überarbeitung erschöpft und hatte eine schwierige Zeit durchzustehen. Sie vertraute sich dem hl. Franz von Sales, ihrem Schutzpatron an, bei dem sie Trost fand. Die Exerzitien zur Vorbereitung auf ihre Profess verliefen sehr friedlich. Ihr Spruch lautete: «Mich ganz vergessen.» Am 11. Oktober legte sie zusammen mit Schwester Jeanne-Marie ihre Gelübde vor Monsignore de Ségur ab; der blinde Prälat sagte zu ihnen: «Meine Kinder, eure Beziehung zu Gott muss von großem Zartgefühl geprägt sein, eure Liebe zu Ihm muss zartfühlender, edler und zärtlicher sein als in jedem anderen religiösen Orden.» Danach wurden vier Postulantinnen eingekleidet. Pfarrer Brisson strahlte: Die Zukunft der Kongregation war auf gutem Wege.

Am 20. September 1872 wurde Schwester Françoise de Sales zur Generaloberin gewählt. Kurz zuvor waren 14 Schwestern der hl. Maria von Loreto in die entstehende Kongregation aufgenommen worden; ihr Seelsorger hatte vor seinem Tode den Wunsch nach dieser Vereinigung geäußert, um seinen Töchtern aus einer schwierigen Situation herauszuhelfen. Pfarrer Brisson stimmte der Fusion trotz der Risiken zu, die sich aus dem plötzlichen, bedeutenden Zuwachs an bereits ausgebildeten Nonnen und deren Anstalten ergaben. Die neue Generaloberin stand nun einer Schar von 34 Ordensschwestern und zwei zusätzlichen Häusern in Paris und Morangis vor.

Eine geheimnisvolle Salbung

Für den 29. Januar 1873, dem Fest des hl. Franz von Sales, war eine Einkleidungs- und Professzeremonie vorgesehen. Eine der Postulantinnen jedoch erkrankte an einem Knochenbrand der Ferse, der ihr grausame Schmerzen bereitete und sie an der Einkleidung hinderte. Es wurde eine Novene zum hl. Franz von Sales begonnen. Am Abend des 9. Februar legte Mutter Françoise de Sales eine Reliquie des Heiligen auf den kranken Fuß. Schließlich ließ der Schmerz nach, und die junge Schwester schief ein. Im Traum sah sie einen ehrwürdigen Geistlichen, der ihren Fuß mit Öl salbte. Sie wachte ganz beeindruckt auf: Sie war wirklich geheilt.

Es kamen so viele Neuberufene, dass man Neugründungen ins Auge fassen musste. Nachdem sie sich zunächst der Arbeiterjugend gewidmet hatten, wollten die Oblatinnen die gleiche salesianisch inspirierte Erziehung auch in Pensionaten für wohlhabendere junge Mädchen anbieten. Pfarrer Brisson hatte mittlerweile die ebenfalls der Erziehungsarbeit geweihte Männerkongregation der Oblaten des hl. Franz von Sales gegründet und wurde hinfort «Pater» genannt. Es gab immer mehr von den Oblatenpatres betriebene Häuser, die eine Anwesenheit von Schwestern erforderlich machten. 1875 erhielt Pater Brisson die endgültige Bestätigung der Oblaten des hl. Franz von Sales aus Rom. Im selben Jahr prophezeite ihm Mutter Marie de Sales Chappuis kurz vor ihrem Tode, dass er viel unter dem Unverständnis des neuen Bischofs zu leiden haben würde, den die Stadt Troyes bald bekäme.

Am 8. Oktober 1879 erlosch das Mandat der Gründerin, und die ehemalige Oberin der Schwestern von Loreto wurde zur Generaloberin gewählt. Schwester Françoise de Sales war ganz glücklich, ihren Platz zu räumen. Die neue Oberin ließ es jedoch ohne böse Absicht an Rücksicht gegen ihre Vorgängerin mangeln. Die Gefährtinnen von Schwester Françoise de Sales bemerkten das wohl, doch da sie selbst stets nur den letzten Platz für sich beansprucht hatte, klagte sie nicht und bot alles stillschweigend zum Opfer dar. Angesichts des Umfangs der Aufgabe trat die Oberin allerdings schon 1881 zurück. Zu ihrer Nachfolgerin wurde Schwester Louise-Eugénie gewählt; sie entsandte Schwester Françoise de Sales nach Paris, um im Pensionat in der Rue de Vaugirard die Sitten der Oblatinnen einzuführen und die Anstalt aus einer prekären finanziellen Situation herauszuführen. Der Abschied von der Betreuung der Arbeiterinnen, der sie 15 Jahre ihres Lebens geweiht hatte, fiel Schwester Françoise schwer; doch sie gehorchte großherzig aus Liebe zu Gott.

Der Empfang in Paris war eher kühl. Was wird die Reformerin tun? Die Sanierung der Finanzen machte Einschränkungen notwendig, die tausend Einwände hervorriefen. Selbst die Schülerinnen nahmen eine Abwehrhaltung ein. Da nahm Schwester Françoise de Sales ihre Lieblingswaffen zur Hand: das Gebet, die Gelassenheit und die Güte. Bald beruhigten sich die Gemüter; die neue Leiterin erwies sich als außergewöhnliche Erzieherin. Ihr Einfluss machte sich zunächst unter den Schwestern bemerkbar, denn sie war überzeugt, dass die Fruchtbarkeit des Apostolats von der in der Gemeinschaft herrschenden Harmonie abhing. In Bezug auf die Kinder riet Schwester Françoise de Sales: «Ihr sollt durch Geduld, durch sanfte Bestimmtheit und durch das Gebet wirken. Habt ihr ein Kind vom Herzen her gewonnen, so könnt ihr alles, was man nur will, von ihm verlangen, es wird gehorchen. Und ihr sollt selbst aus wichtigen und ernsten Dingen keine Staatsaffäre machen.» Zur vordergründigsten Aufgabe bestimmte sie jedoch die Erweckung des Glaubens und die Vorbereitung auf die Erstkommunion.

Indessen hatten sich die Beziehungen Pater Brissons zum Bischof von Troyes verschlechtert. Letzterer wollte die beiden Kongregationen auf die Grenzen der Diözese beschränken; er erlegte den Schwestern Befragungen auf, durch die manch eine Berufung erschüttert wurde. Der Pater reiste nach Rom, um sein Anliegen zu vertreten. Erst ab 1888 stellte sich zwischen Bischof und Gründer wieder gutes Einvernehmen her.

Mein Mittelchen

Am 15. September 1884 wurde Schwester Jeanne-Marie, die erste Gefährtin von Schwester Françoise de Sales, zur Generaloberin gewählt und benahm sich ihrer Vorgängerin gegenüber sehr unangenehm. Schwester Françoise de Sales kämpfte gegen die Versuchung an und betete zur verstorbenen Mutter Marie de Sales Chappuis: «Erwirke für mich die Gnade, dass ich das Problem überwinden kann, das ich damit habe, mich unserer Mutter Jeanne-Marie anzuvertrauen.» Eines Tages traf Schwester Françoise eine junge Mitschwester in Nöten an und sagte zu ihr: «Ich lasse Sie von meiner kleinen Erfahrung profitieren. Gott hat es zugelassen, dass meine Schwester Jeanne-Marie und ich die gegensätzlichsten Charaktere haben, die man sich vorstellen kann. Dennoch leben wir seit etlichen Jahren in guter Eintracht, nicht wahr? Nun: Ich konnte nur deshalb so weit kommen, weil ich mir angewöhnt habe, mich niemals jemandem zu nähern, ohne vorher einen Blick auf unseren Herrn geworfen zu haben. Probieren Sie mein Mittelchen, ich versichere Ihnen, es wirkt.»

Zum Ende des Schuljahres 1889 wurde Schwester Françoise de Sales an der Spitze des Pariser Pensionats abgelöst. Der Wechsel fiel ihr schwer, da man sie zur raschen Abreise drängte, und sie litt sehr darunter. Nach Troyes zurückgekehrt, übernahm sie wieder die Leitung der Fürsorgeeinrichtungen: Viele waren dort gegen sie voreingenommen, so dass sie viele Scherereien hatte, über die sie sich jedoch niemandem gegenüber beklagte. «Oh! Wenn Sie wüssten», sagte sie im Nachhinein, «wie beglückend es für die Seele ist, nur zwischen Gott und sich selbst zu leiden!»

Als Schwester Françoise de Sales an einem Septemberabend im Jahre 1893 zum Generalkapitel ihrer Kongregation nach Paris fuhr, hörte sie auf einmal eine deutliche Stimme, die ihr ins Ohr murmelte: «Du wirst Oberin, denn Ich will alles regieren!» Sie schaute sich verwundert um: Sie war allein im Raum. Am folgenden Tag wurde sie von den Schwestern zur Generaloberin gewählt. Sie verstand nun: Jesus wollte durch sie regieren. In der Kongregation kam überschäumende Freude auf. Die älteren Schwestern hörten gar nicht mehr auf, die Gründerin zu loben, die in ihren Augen durch die Jahre stiller Aufopferung noch an Größe gewonnen hatte. Diejenigen Schwestern, die der Mutter Kummer bereitet hatten, wurden von ihr so zuvorkommend behandelt, dass eine von ihnen rief: «Liebe Mutter, man braucht Sie wirklich nur zu verletzen, um dann zum Objekt Ihrer Zuneigung und Ihrer besonderen Aufmerksamkeit zu werden!»

«Gewinnt sie für euch!»

In den folgenden Jahren begab sich Mutter Françoise de Sales oft auf Reisen, um sich ein Bild von der Zweckmäßigkeit von Gründungen zu machen, um die sie so gut wie überall in Europa gebeten wurde. Sprachen ihre Töchter von Schwierigkeiten mit den Kindern, erwiderte sie: «Gewinnt sie für euch!» Das hieß: Liebt sie, ertragt sie und betet für sie. «Vertrauen zieht Vertrauen an, aber Vertrauen lässt sich nicht befehlen», erklärte sie. «Man braucht große Vorsicht, viel Nächstenliebe und Fingerspitzengefühl. Die Kinder müssen spüren, dass ihre kleinen Geheimnisse respektiert werden.» Doch die Oberin war vor allem Mutter. Ihr empfindsames Herz konnte sich nicht verhärten. Sie erriet Gedanken, sie hatte Mitgefühl, sie litt mit den Leidenden und freute sich auch über den geringsten Sieg, vor allem, wenn er auf Selbstüberwindung oder dem Eingestehen eines Unrechts beruhte.

Indessen war in Frankreich ein starker Gegenwind für die Kirche aufgekommen; die Kongregationen wurden verboten. Zwischen 1901 und 1904 wurden alle Häuser der Oblatinnen geschlossen. Mutter Françoise de Sales beschloss, das Mutterhaus nach Perugia in Italien zu verlagern. Am 11. April 1904 ging sie selbst ins Exil. In Perugia war alles ärmlich und eng. Die Oberin konnte kein Italienisch und pflegte einen ausgedehnten Briefwechsel, um den Kontakt zu Pater Brisson aufrechtzuerhalten und den Schwestern beizustehen. Sie suchte nach Mitteln, um die Häuser in Frankreich von Freunden aufkaufen und in der Hoffnung auf bessere Zeiten bewahren zu lassen. Sie nutzte ihren Italienaufenthalt dazu, die für die endgültige Anerkennung ihres Instituts notwendigen Schritte beim heiligen Papst Pius X. einzuleiten. Dem Antrag wurde im April 1911 entsprochen. Indessen starb Pater Brisson am 2. Februar 1908. Mutter Françoise de Sales wurde rechtzeitig benachrichtigt und konnte sich an sein Sterbelager begeben. Nach Perugia zurückgekehrt, sagte sie eines Tages zur einer Schwester: «Ach! Wie gern würde ich eine Heilige werden, ich wünsche es mir so sehnlich! Ich will heute damit beginnen!» Am 26. Dezember 1913 bekam sie Fieber und musste sich ins Bett legen. Ihr Zustand verschlimmerte sich; am 9. Januar empfing sie die Letzte Ölung sowie die heilige Kommunion. Am 10. verschied sie sanft im Kreise ihrer Töchter.

Heute erfüllen die Oblatinnen des hl. Franz von Sales ihre wohltätige Mission in ihren Schulen und Heimen, aber auch durch verschiedene Dienste je nach dem Bedarf der Diözesen bzw. der Pfarreien, durch Alten- und Krankenpflege, Gefangenenfürsorge, die Abhaltung von Exerzitien ... Sie besitzen 25 Häuser in Europa, 15 in Afrika, 3 in den Vereinigten Staaten und 11 in Südamerika.

Bei der Heiligsprechung von Mutter Françoise de Sales sagte Papst Johannes-Paul II.: «Der Entschluss der heiligen Françoise de Sales, der sie so gut charakterisiert, ‚Mich ganz vergessen', ist auch ein Appell an uns, gegen den Egoismus und leichte Freuden anzukämpfen und uns den sozialen und spirituellen Notwendigkeiten unserer Zeit zu öffnen.» Um diese Gnade für uns alle beten wir zum heiligen Josef.

Dom Antoine Marie osb

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