Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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6. Juli 2005
Hl. Maria Goretti


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Frankreich, 17. Februar 1903. Der Feldzug gegen Kirche und Religion erreicht seinen Höhepunkt. Georges Clemenceau, genannt «der Tiger», empfängt Jean-Baptiste Chautard, den Abt von Notre-Dame de Sept-Fons, in seiner Bibliothek. Dieser will gleich nach der Verabschiedung der Gesetze über die Verbannung religiöser Kongregationen beim sehr antiklerikal eingestellten Präsidenten der dafür zuständigen Senatskommission ein gutes Wort für seinen Orden einlegen. Nachdem er die übliche Persiflage des «Tigers» zur Verhöhnung der Mönche über sich ergehen lassen musste, ergreift der offenbar inspirierte Pater Abt das Wort: «Das zentrale Dogma unserer Religion ist die Eucharistie; sie muss Mönche haben, die sich der Anbetung weihen. Christus lebt und ist in der Eucharistie gegenwärtig. Braucht dieser unter uns lebende göttliche König etwa keinen Hofstaat, der ihn anbetet? Wir singen mit unserem ganzen Sein, wir beten mit ganzem Herzen, denn unser Gesang richtet sich an denjenigen, den wir lieben. Die Messe ist das größte Ereignis, das sich auf Erden vollziehen kann. Und dann gibt es noch das Geheimnis der Kommunion: Gott, die unendliche Liebe, kommt und flößt mir sein eigenes Leben ein. Da wir von den Gnadengaben der Kommunion leben, wollen wir deren Wohltaten durch ein freudig entsagungsvolles Leben zusammen mit dem gekreuzigten Gott über die ganze Menschheit ausgießen.» Sichtlich ergriffen antwortet der «Tiger»: «Ich verstehe nun, dass man stolz sein kann, Mönch zu sein, wenn man es aus tiefstem Herzen ist. Betrachten Sie mich als Ihren Freund!» Die Trappisten wurden nicht vertrieben. Abt Chautard erfuhr nie, dass er in jenem Augenblick durch die Gebete eines jungen Trappisten aus dem Kloster Sainte-Marie du Désert, Pater Marie-Joseph Cassant, unterstützt worden war.

Eine Neigung zum Beten

Pierre-Joseph Cassant kam am 7. März 1878 in Casseneuil-sur-Lot bei Agen im Südwesten Frankreichs auf die Welt. Seine Eltern waren arbeitsame und tief katholische Bauern. Er hatte einen neun Jahre älteren Bruder, Émile. Joseph war ein zartes Kind. Schon sehr früh zeigte er eine ganz ungewöhnliche Neigung zum Beten. Seine Mutter sagte später, er hätte schon «als ganz kleiner Junge daran gedacht, Priester zu werden,» und «wünschte daher nichts sehnlicher als das».

Joseph war sechs Jahre alt, als er bei den Brüdern der christlichen Schulen eingeschult wurde; er blieb neun Jahre dort. Er war ein großartiger Kamerad, liebenswert, zuverlässig, ohne Dünkel, freundlich und schlicht. Das Gewimmel in den Pausen, das Ungestüm der Jungen und ihre Handgemenge stießen ihn jedoch ab und weckten seine Sehnsucht nach dem Frieden auf dem Lande. Im Unterricht hatte er es nicht einfach: Eine große geistige Trägheit machte ihm das Lernen schwer. Seine Phantasie war armselig, sein Gedächtnis unzuverlässig, sein Verstand nicht gerade scharf. Dank seines Fleißes erreichte er trotzdem zufriedenstellende Noten und erfuhr die Richtigkeit des klassischen Spruches «Labor improbus omnia vincit – Fleißige Arbeit überwindet alles» am eigenen Leibe. Im Oktober 1889 wurde Joseph in die Kongregation der Seligsten Jungfrau aufgenommen, eine Vereinigung von Schülern, die sich zur Marien-Verehrung verpflichteten. Einige Monate danach erhielt er das Skapulier Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel und beging am 15. Juni 1890 seine Erstkommunion. Zum Abschluss einer Gemeindemissionierung empfing er 1892 das Sakrament der Firmung.

Im Frühjahr 1893 wusste sich Josephs Gemeindepfarrer keinen Rat mehr: Weder er, noch sein Vikar und auch nicht der Direktor der Schule zweifelten an der Berufung des jungen Mannes, aber umso mehr misstrauten sie seinen Fähigkeiten und waren überzeugt, dass er nie die Aufnahme in das Kleine Seminar schaffen würde. Als Ausweg beschlossen sie, Joseph im Pfarrhaus einzuquartieren, damit er dort unter der Aufsicht des Vikars lernen konnte. Der Junge war fleißig und selig, dass er so nah bei der Kirche leben und häufig beten durfte, obwohl er dem Sakristan gegenüber mitunter auch vorwitzig war. Er hatte allerdings nach wie vor Probleme mit dem Lernen, so dass der Pfarrer zu dem Schluss kam, er werde nie das für einen Gemeindepfarrer erforderliche Niveau erreichen. Er riet Joseph zum Klosterleben, das seinen Fähigkeiten sowie seiner spirituellen Neigung zum Gebet und zum Schweigen eher entspräche; so stünde ihm der Zugang zum Priesteramt unter besser zu seinem Temperament passenden Bedingungen offen. Dieser Weg zur Verwirklichung seiner Berufung gefiel Joseph. Im Herbst 1894 begab er sich mit seinem Pfarrer in das 30 km von Toulouse entfernte Trappistenkloster Sainte-Marie du Désert (d.h. St. Maria von der Wüste). Der damalige Novizenmeister, Pater André Malet, schrieb nach seiner ersten Begegnung mit Joseph: «Ich gewann den Eindruck einer sehr sanften, sehr tiefgründigen Seele auf der Suche nach Gott. Ich machte das Zeichen des Kreuzes auf seine Stirn und sagte: ‚Haben Sie Vertrauen, ich werde Ihnen helfen, Jesus zu lieben.' Ihm traten Tränen in die Augen.»

Josephs Abreise nach dem Kloster am 30. November 1894 ging nicht ohne schmerzliche Gefühle vonstatten. Die Trennung von seinen Eltern war ein Riss, der ihm die Stärke der Bande zu den Seinen bewusst machte. Doch schon bald ging er völlig in seinem neuen Leben auf: «Hier wird es nie langweilig, denn jede Stunde hat ihre Beschäftigung», schrieb er an seine Eltern. «Unsere Hauptbeschäftigungen sind das Studium und die Handarbeit; ein großer Teil der Zeit wird auch für die Stundengebete in der Kirche verwendet.» Einige Tage später schrieb er: «Ich finde mich sehr gut in diesem neuen Leben zurecht, das, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, so sanft ist.» Dieses Leben ist durchaus auch entsagungsreich: um zwei Uhr aufstehen, ausschließlich vegetarische Ernährung, sechs Monate Fastenzeit pro Jahr, keine Freizeit ... Am Dreikönigstag des Jahres 1895 durfte Joseph die Ordenstracht anlegen und erhielt den Namen Bruder Marie-Joseph.

«Von Jesus erfüllt»

Für den Novizenmeister Pater André war das Ordensleben ein Prozess der Vervollkommnung, eine Entfaltung des christlichen Lebens, des Lebens der Einheit mit Jesus Christus. Sprach er vom zisterziensischen Ideal, das durch zwei Begriffe definiert ist, die Buße und die Betrachtung, so pflegte er die Unterordnung des ersten unter den zweiten zu betonen. «Durch die Buße löst sich der Mönch vom Einfluss der Sinne; durch die Betrachtung lebt er ein übernatürliches Leben, er lebt von Gott.» Die Regel des hl. Benedikts betrachtete er als Schule der Liebe zu Jesus. «Reicht es aber, um Jesus zu entdecken, dass man den Text der heiligen Regel vor Augen bzw. auf den Lippen hat? Nein; wir müssen ,von Jesus erfüllt' sein. Denn Jesus wird nur durch die Liebe gefunden und geschätzt, und die Liebe verlangt eine Einheit mit dem Geliebten.» Das so verstandene übernatürliche Leben ist ein Einswerden mit dem fleischgewordenen Wort durch das Mittel einer intensiven Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, des Horts der Barmherzigkeit und des Symbols der Liebe Gottes zu uns. In dem Maße, wie wir uns selbst unter grausamsten Schmerzen dem göttlichen Willen fügen, breiten sich Friede und alle himmlischen Wohltaten in unserer Seele aus. Der Weg zur Vollkommenheit ist eine in erster Linie innere, durch Gehorsam verwirklichte Entäußerungsarbeit.

Während seines Noviziats las und studierte Bruder Marie-Joseph viel; zwar nicht mühelos, aber mit unermüdlicher Ausdauer. Sein instinktiver Wunsch nach Unterstützung durch einen äußeren Rahmen, nach einem Aufgehen in einem organisierten Ganzen machte ihm das Gemeinschaftsleben und den Gehorsam leicht. Er handelte in der Überzeugung, den Willen Gottes zu tun, indem er sich allen unterordnete, wie es der hl. Benedikt wünschte, und gab sich mit dem Gewöhnlichsten und Bescheidensten zufrieden. Doch sein Leben verlief nicht ohne Kämpfe. Die Eigenliebe und der bisweilen heftige Neid auf die intellektuelle Überlegenheit oder auf die Tugendhaftigkeit der Anderen versetzten ihm heimlich Stiche. Er war so empfindsam, dass er durch die kleinsten Vorkommnisse aus der Bahn geriet: ein zufälliges Ereignis, ein unfreundliches Wort oder ein persönlicher Schnitzer lösten große Verwirrung bei ihm aus. Auch von unreinen Gedanken blieb er nicht verschont. Er schrieb: «Wenn ein schlechter Gedanke mir durch den Kopf geht und gegen meinen Willen sich dort festsetzt, so bin ich dafür nicht verantwortlich ... Um eine Sünde handelt es sich nur, wenn ich absichtlich dabei verweile, und sie muss dann gebeichtet werden.» Und weiter: «An die Stelle der schlechten Gedanken muss man die Liebe zu Jesus setzen.» Oft wiederholte er das Stoßgebet: «Alles für Jesus!»

Eine Beschwichtigungsarbeit

Das tiefe gegenseitige Vertrauensverhältnis zwischen Bruder Marie-Joseph und seinem Novizenmeister unterstützte die Ausgeglichenheit des jungen Mönches, der leicht zu Zweifeln neigte. Das Verständnis, die Entschlossenheit und die Geduld Pater Andrés konnten seine Ängste besänftigen. Doch manchmal musste die Beschwichtigungsarbeit an mehreren Tagen hintereinander immer wieder neu begonnen werden, denn der Bruder sorgte sich über die Ungewissheit der Sündenvergebung und der Richtigkeit seiner Beichte ebenso wie wegen seiner Angst, Gott durch unvollkommene Handlungen zu beleidigen, der Gnade nicht zu entsprechen, dereinst keinen guten Tod zu haben usw. Trotz dieser immer wiederkehrenden Besorgnisse zeigte sich Bruder Marie-Joseph den weisen Ratschlägen seines Betreuers gegenüber sehr folgsam. Von Jahr zu Jahr fühlte er sich seinem geistlichen Vater immer enger verbunden; doch selbst diese Zuneigung machte ihm Sorgen. Pater André versicherte ihm: «Gott verbietet es nicht, dass man an denen, die man liebt, hängt. Ganz im Gegenteil: Er hat unser Herz so geformt, dass es ihm geradezu eine Notwendigkeit ist, an dem, was es liebt, zu hängen. Ist unsere Liebe legitim und heilig, so wird auch unsere Verbundenheit legitim und heilig sein. Sie muss nur geregelt sein, das ist alles. Was zu tun ist, um sie zu regeln? Man muss sie wie übrigens unser ganzes Dasein und all unsere Handlungen in die Abhängigkeit von Gott stellen.» Die entschiedene Führung Pater Andrés griff oft auf das Sakrament der Buße zurück, um den jungen Bruder in der Einheit mit dem Heiligsten Herzen Jesu weiterkommen zu lassen. «Es wäre illusorisch, nach Heiligkeit zu streben, ohne sich häufig und andächtig dem Sakrament der Umkehr und Heiligung zu nähern», versicherte Papst Johannes-Paul II. «Wir werden nie so heilig sein, dass wir dieser sakramentellen Reinigung nicht bedürften: Eine demütige, liebevolle Beichte wird zu einer immer makelloseren Reinheit im Dienste Gottes und in der Motivation dafür führen ... Von Beichte zu Beichte wird der Gläubige die Erfahrung einer sich stetig vertiefenden Einheit mit dem barmherzigen Herrn machen, bis zur völligen Identifikation mit ihm, die man in jenem vollkommenen ‚Leben in Christus' findet, in welchem die wahre Heiligkeit liegt» (Ansprache an das päpstliche Bußgericht, 27. März 2004).

Bruder Marie-Joseph legte die zeitlichen Ordensgelübde am 17. Januar 1897 ab. Nach diesem Freudentag kehrte der Alltag mit seiner Eintönigkeit wieder. Das Stundengebet hielt ihn etwa sieben Stunden pro Tag in der Kirche fest. Das bereitete ihm Freude, aber auch viel Leid. Denn mehr als einmal wurde er dafür getadelt, dass er sich nicht tief genug verbeugt hätte; erst später stellte sich heraus, dass eine Erkrankung des Brustkorbes ihm beim Verbeugen große Schmerzen verursachte. Wegen seiner dünnen und falschen Stimme durfte er nicht mit Hingabe singen. Die Aufgaben, die er zu erfüllen hatte, lasteten wegen seiner Ängstlichkeit und der Überzeugung von seiner eigenen Unfähigkeit immer schwerer auf ihm.

Das Buch als Mittel des inneren Gebets

Beim Beten bat er um viel, und das mit großer Ausdauer. Beim gemeinsamen inneren Gebet pflegte er normalerweise zu lesen. «Wenn ich kein Buch habe», erklärte er, «werde ich zerstreut, sofern ich die Augen offenhalte, und schlafe ein, sobald ich sie schieße.» Er lebte in der Tat in einem Zustand ständiger Erschöpfung. Pater André sagte später: «Das innere Gebet von Bruder Marie-Joseph hatte nichts Außergewöhnliches an sich. Widmete er sich ihm ohne Buch, so beschäftigte er sich am liebsten mit den Geheimnissen der Passion unseres Herrn. So oft es ging, griff er aber auf die Methode des meditierten Lesens zurück, denn er hatte kein gutes Gedächtnis und war von seiner Unfähigkeit, selbst richtige und heilige Betrachtungen anzustellen, so überzeugt, dass er sich lieber der Betrachtungen bediente, die er in frommen Büchern fand.» Das innere Gebet verfolgt keinen anderen Zweck, als uns mit Gott zu vereinen. Für manche lässt sich dieser vertraute, freundschaftliche Umgang, den das innere Gebet darstellt, leicht herstellen. Den meisten jedoch fällt das eher schwer. Die hl. Teresa von Avila litt selber sehr unter dieser Schwierigkeit und schlug ein bei ihr sehr erfolgreiches Mittel dagegen vor: «Diese Menschen sollten sich viel dem Lesen widmen, da sie selbst keine guten Schlüsse ziehen können» (Vita, Kap. 4). So notwendig es auch ist, Gottes Führung zu folgen, wenn Er uns auf eine höhere Stufe des inneren Gebets heben will, auf der jedes Lesen unnütz und sogar kontraindiziert wäre, ebenso schädlich wäre es, unser Denken im Vagen zu lassen, allen Zerstreuungen und einer Dürre ausgeliefert, die nichts Übernatürliches und Ergiebiges an sich hätte. Nichtsdestoweniger bleibt das Buch ein Mittel. Man benützt es, um einen Kontakt zu Gott herzustellen, der sich entweder nicht von selbst ergibt oder abgerissen ist. Es geht also nicht darum, das innere Gebet durch Lesen zu ersetzen oder mit Lesen die «Zeit totzuschlagen». Sobald sich ein Gespräch mit Gott abzeichnet, muss man mit dem Lesen aufhören, mag es auch noch so spannend sein, um sich innerlich mit Gott auszutauschen. Als Buch kann man die Heilige Schrift, etwas aus der Feder eines Heiligen oder ein anderes frommes Buch wählen, je nach innerer Neigung bzw. seelischem Bedürfnis. Um zum inneren Gebet zu kommen, kann man sich auch eines geliebten Gebets bedienen, aber auch ein Bild, das Kruzifix, das Tabernakel oder die Schöpfung betrachten. Bruder Marie-Joseph nahm beim Beten oft fromme Gegenstände zu Hilfe, insbesondere Bilder. Er hatte eine besondere Vorliebe für Stoßgebete: «Ich will immer daran denken, dass ein kurzes und von Herzen kommendes Gebet besser ist, wenn man nicht mehr tun kann, und dass ein solches Gebet Gott am angenehmsten ist.»

Bruder Marie-Joseph sorgte sich sehr um die Seelen im Fegefeuer; für sie bot er mit einer Formel, die von seinem Beichtvater zu Beginn seines Ordenslebens gutgeheißen worden war, all sein Leid zum Opfer dar: «Mein Gott, ich verzichte von ganzem Herzen gern zugunsten der Seelen im Fegefeuer auf den Sühneanteil all der guten Werke, die ich in Zukunft begehen werde, auf die Ablässe, die ich verdiene, sowie auf alle Fürbitten, die nach meinem Tode für mich gesprochen werden, und lege das Ganze in die Hände der Unbefleckten Gottesmutter.»

Eine Erfahrung, die man machen muss

Bruder Marie-Joseph wollte von Kindesbeinen an Priester werden und eiferte diesem Ziel nach, obwohl er sich mit der Möglichkeit abfand, dass seine Fähigkeiten dafür nicht reichen könnten. Die Eucharistie war kein banaler Andachtsvorgang für ihn. «Ich möchte leben, um jeden Tag die Kommunion empfangen zu können, wenn ich nicht Priester werden kann und Jesus es so will», schrieb er. In der Eucharistie sah Bruder Marie-Joseph Jesus, der alle, die sich ihm anvertrauen, um von ihren spirituellen Krankheiten geheilt zu werden, zärtlich empfängt: «O mein Jesus, wie gut du bist, dass du dich mir armseligem und sündenbeladenem Menschen schenkst. Du willst, dass ich dich in meinem Herzen aufnehme, so arm es auch ist, denn du weißt, dass man das Leben empfängt, wenn man dich empfängt, und du willst mich leben lassen.» In seiner Enzyklika über die Eucharistie schrieb Papst Johannes-Paul II.: «Es ist schön, bei ihm zu verweilen und wie der Lieblingsjünger, der sich an seine Brust lehnte, von der unendlichen Liebe seines Herzens berührt zu werden. Wenn sich das Christentum in unserer Zeit vor allem durch die ‚Kunst des Gebetes' auszeichnen soll, wie könnte man dann nicht ein erneuertes Verlangen spüren, lange im geistlichen Zwiegespräch, in stiller Anbetung, in einer Haltung der Liebe bei Christus zu verweilen, der im Allerheiligsten gegenwärtig ist? Wie oft, meine lieben Brüder und Schwestern, habe ich diese Erfahrung gemacht, und daraus Kraft, Trost und Stärkung geschöpft!» (Ecclesia de Eucharistia, 17. April 2003, Nr. 25). Bruder Marie-Joseph trennte nicht zwischen Kommunion und Messopfer, aus dem er die Kraft zum Tragen seines Kreuzes schöpfte. Er erinnerte an die zahllosen Messen, die in der ganzen Welt gefeiert werden, und schrieb: «Das Opfer vom Kalvarienberg zieht jeden Tag durch die ganze Welt, um sich ohne Unterlass für die Ehre seines Vaters und für die Rettung der Welt zu opfern; der Schwache, der Kranke, der Beladene, all die armen Seelen können zu jeder Tages- und Nachtzeit in jenen langen Stunden, die durch das Leiden und die Schlaflosigkeit so quälend werden, sagen: Zu dieser Stunde steigt irgendwo ein Priester zum Altar hinauf und bringt das Opfer der Versöhnung und der Sühne dar.»

Priester und Hostie

Am 24. Juni 1900 legte Bruder Marie-Joseph die ewigen Gelübde ab. Auf dem Wege zum Priesteramt jedoch stellten seine Lernschwierigkeiten ein umso schrecklicheres Hindernis dar, als sein Theologieprofessor ihm die Arbeit in keiner Hinsicht erleichterte, sondern ihn vielmehr als unfähig behandelte und ihn für der Priesterweihe unwürdig hielt. Es kamen weitere Sorgen hinzu: Er wurde von heftigen Kopf- und Magenschmerzen daran gehindert, sich so anzustrengen, wie er es gerne getan hätte. Nur der Trost vom Pater Abt und von Pater André, die beide der Ansicht waren, dass er seine Studien beenden und ordiniert werden könne, verschaffte ihm Erleichterung. Am 12. Oktober 1902 empfing er tatsächlich die Priesterweihe. Am folgenden Tag feierte Pater Marie-Joseph vor der Klostergemeinschaft seine erste Messe. Er war für immer und ewig Priester! Er strengte sich nunmehr für die Verwirklichung des von Papst Paul VI. folgendermaßen skizzierte Ideals an: «Viele Heilige wollten Priesteramt und Gelübde zum Ordensleben miteinander verbinden, denn sie sahen eine Harmonie zwischen der speziellen Weihe des Priesters und der Weihe des Mönches. Tatsächlich bereiten die echte Einsamkeit, in der man sich nur mit Gott beschäftigt, der völlige Verzicht auf weltliche Güter und auf einen eigenen Willen, in denen sich alle, die ins Kloster gehen, üben, die Seele des Priesters in ganz besonderer Weise darauf vor, das eucharistische Opfer heilig darzubringen, das Quelle und Gipfel jedes christlichen Lebens ist. Wenn zum Priesteramt jene völlige Selbsthingabe hinzukommt, durch welche der Mönch sich Gott weiht, so ähnelt dieser in besonderer Weise Christus, der Priester und Hostie zugleich war» (Paul VI., Brief an die Kartäuser, 18. April 1971).

«In meinem eigenen Leib»

Die Gesundheit des neuen Priesters war noch nie sonderlich gut gewesen, seit langem litt er unter beunruhigenden Beschwerden wie großer Müdigkeit und Brustschmerzen. Ängstlich und zurückhaltend, sprach er darüber so gut wie gar nicht, denn er wollte weder auffallen, noch seinen Vorgesetzten Umstände machen. Anfang 1902 wurde es jedoch unübersehbar: Der junge Mönch war sterbenskrank. Der Arzt stellte nur eine allgemeine Übermüdung fest, doch in Wirklichkeit handelte es sich um Tuberkulose. So reiste Pater Joseph noch am Tage seiner ersten Messe auf Befehl seiner Oberen zu seinen Eltern, um sich einige Zeit zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen. Trotz dieser zweimonatigen Erholungspause ging es mit seiner Gesundheit rapide bergab. Nach seiner Rückkehr in sein geliebtes Kloster begann er sich mit völliger Klarsicht auf das Sterben vorzubereiten. Die tägliche Feier des heiligen Messopfers half ihm, sein Leiden mit dem des Heilandes zu vereinen, ganz nach dem Vorbild des hl. Paulus, der sagte: Ich will das, was an Christi Drangsalen noch aussteht, ergänzen an meinem Fleisch zum Besten seines Leibes, das ist die Kirche (Kol 1,24). «Wenn ich die hl. Messe nicht mehr lesen kann», sagte Pater Marie-Joseph zu seinem Beichtvater, «kann mich das Herz Jesu aus dieser Welt entfernen, denn ich werde nichts mehr haben, was mich an die Erde bindet.»

In den letzten Wochen seines Lebens litt der junge Priester viel. Legte er sich hin, bekam er keine Luft; setzte er sich hin, musste er den Schmerz tiefer innerer Wunden ertragen. Pater André verbrachte viel Zeit mit ihm und ermutigte ihn, auf das Heiligste Herz Jesu zu vertrauen. An einem Mittwoch, dem 17. Juni 1903, während sein Beichtvater die Messe der Allerseligsten Jungfrau für ihn zelebrierte, starb Pater Marie-Joseph in seinem Sessel im Krankenzimmer.

Bei seiner Seligsprechung am 3. Oktober 2004 stellte Papst Johannes-Paul II. ihn mit folgenden Worten als Vorbild hin: «Er hat stets auf Gott vertraut, sowohl bei der Betrachtung des Mysteriums der Passion als auch in der Vereinigung mit dem in der Eucharistie gegenwärtigen Christus. Er ließ sich von der Liebe Gottes durchdringen, indem er sich ihr, ‚dem einzigen Glück auf Erden', anheimgab und den Gütern dieser Welt in der Stille vom Trappistenkloster entsagte. Inmitten der Heimsuchungen richtete er seine Augen auf Christus und bot sein Leiden für den Herrn und für die Kirche zum Opfer dar. Mögen insbesondere die Nachdenklichen und Kranken unter unseren Zeitgenossen nach seinem Vorbild das Mysterium des Gebets entdecken, das die Welt zu Gott erhebt und in Heimsuchungen Kraft spendet.»

Dom Antoine Marie osb

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