Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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1. Juni 2005
Herz-Jesu-Monat


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Eines Abends erzählte Faustine Tornay im Schein des Kaminfeuers ihren beiden jüngsten Kindern, Maurice und Anna, das Leben der heiligen und jungfräulichen Märtyrerin Agnes. Auf die Fragen der Kinder hin erklärte sie: "Jungfräulich seid ihr wohl alle beide, meine lieben Kleinen; Märtyrer werden ist schwieriger. Dafür muss man den lieben Gott über alles lieben und bereit sein, sein Leben hinzugeben, sein Blut lieber bis zum letzten Tropfen für Ihn zu vergießen als Ihn zu verletzen." Maurice reagierte blitzschnell: "Du wirst schon sehen, Anna, ich werde Märtyrer ..." Ein prophetisches Wort: Er wurde am 16. Mai 1992 von Papst Johannes-Paul II. als Märtyrer seliggesprochen.

Maurice Tornay wurde am 31. August 1910 als das siebte von acht Kindern im Dörfchen La Rosière geboren, das sich in einer Höhe von 1200 m an eine steile Bergflanke im schweizerischen Kanton Wallis schmiegte. Bereits im ersten Schuljahr zeigten sich nicht nur seine außergewöhnlichen Gaben, sondern auch seine Fehler und Schwächen. Er war höflich, strebsam und von schnellem Verstand, aber auch herrschsüchtig, halsstarrig und manchmal sogar aggressiv. Nach der Schule halfen die Tornay-Kinder den Eltern im Stall, auf der Weide und im Garten; das Leben in den Bergen war hart. Schon früh versuchte Maurice, seine Fehler zu bessern; zum Teil gelang ihm das auch. Anna führte diesen Erfolg auf die Eucharistie zurück: "Mit seiner Erstkommunion wurde Maurice nett." Der Junge hatte ein gutes Vorbild; sein Namenspatron, der hl. Mauritius, hatte seine Treue zu Christus teuer bezahlt: Er war mit einer ganzen Legion römischer Soldaten in Agaunum in der Nähe von La Rosière als Märtyrer gestorben. Mit 15 Jahren kam Maurice auf das Kollegium der über dem Grab des Märtyrers errichteten Abtei St. Maurice und verbrachte 6 Jahre im Internat. Schon bald fiel er durch seinen Lerneifer und seine ungekünstelte Frömmigkeit auf. Er lachte gern und übte auf hohem Niveau die Tugend der "Eutrapelie", der Kunst, die menschlichen Beziehungen mit Humor und gesundem Witz zu würzen. In seiner Freizeit lockte er seine Kameraden bisweilen in die Kapelle zu einer kurzen Andacht: Er las ihnen dabei Passagen aus Schriften des hl. Franz von Sales oder aus der Geschichte einer Seele der hl. Therese vom Kinde Jesu vor.

Werden wir so verrückt sein,dass wir ihn davonjagen?

Als Maurice eines Tages über die Gegenwart Christi in der Eucharistie sprach, sagte er: "Er hat unsere Seele zu einem Hostiengefäß gemacht und bleibt ewig darin, es sei denn, wir werden so verrückt, dass wir ihn durch die Todsünde davonjagen." Diese Bemerkung offenbarte einen klaren Blick auf das größte Übel, das dem Menschen widerfahren kann: die Sünde. "Wer sündigt, verletzt die Ehre und Liebe Gottes, seine eigene Würde als Mensch, der berufen ist, Kind Gottes zu sein, und das geistliche Wohl der Kirche, deren lebendiger Baustein jeder Christ sein soll", erinnert der Katechismus der Katholischen Kirche. "Im Licht des Glaubens gibt es nichts Schlimmeres als die Sünde; nichts hat so arge Folgen für die Sünder selbst, für die Kirche und für die ganze Welt" (Katechismus 1487-88). Sünde ist jede Handlung, jedes Wort bzw. jedes Verlangen gegen das Gesetz Gottes. Man unterscheidet zwischen lässlicher und schwerer Sünde (Todsünde). Die lässliche Sünde lässt die Liebe zu Gott in unseren Herzen erkalten, nimmt uns jedoch nicht das Leben der Gnade. Die Todsünde zerstört die Liebe im Herzen des Menschen durch einen schweren Verstoß gegen das Gesetz Gottes. In ihr wendet sich der Mensch von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut vor. Damit es sich um eine Todsünde handelt, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: schwerwiegende Materie, volles Bewusstsein und bedachte Zustimmung (vgl. Katechismus 1855-57).

Heute gibt es eine weit verbreitete Tendenz, die Wirklichkeit der Todsünde zu leugnen oder herabzusetzen. Angeblich können einzelne Handlungen, selbst wenn sie schwer gegen das Gesetz Gottes verstoßen, den Menschen nicht von Gott trennen, sofern der Handelnde die Gesamtabsicht (die sogenannte Grundoption) hat, sein Leben nach Gott auszurichten. Gegen diese Ansicht schrieb Papst Johannes-Paul II. in seiner Enzyklika Veritatis splendor vom 6. August 1993: Man muss "vermeiden, die Todsünde zu beschränken auf den Akt einer Grundentscheidung oder Grundoption gegen Gott, wie man heute zu sagen pflegt, unter der man dann eine ausdrückliche und formale Beleidigung Gottes oder des Nächsten oder eine mitinbegriffene und unüberlegte Zurückweisung der Liebe versteht. Es handelt sich nämlich auch um eine Todsünde, wenn sich der Mensch bewusst und frei aus irgendeinem Grunde für etwas entscheidet, was in schwerwiegender Weise sittlich ungeordnet ist. Tatsächlich ist ja in einer solchen Entscheidung bereits eine Missachtung des göttlichen Gebotes enthalten, eine Zurückweisung der Liebe Gottes zur Menschheit und zur ganzen Schöpfung: Der Mensch entfernt sich so von Gott und verliert die Liebe. Die Grundorientierung kann also durch konkrete Einzelhandlungen völlig umgeworfen werden" (Nr. 70). Dies ist der Fall z.B. bei Gotteslästerung, Götzendienst, Gottlosigkeit, Häresie, Schisma, Meineid, Abtreibung, Empfängnisverhütung, Ehebruch, Unzucht, Homosexualität, Masturbation, Diebstahl, Lüge usw.

"Etwas Großartigeres"

Der tief im Herzen von Maurice verankerte Abscheu vor der Sünde gehörte zu den Früchten einer ganz vom Geiste des Glaubens geprägten Erziehung. Am Ende der höheren Schule angekommen, bewarb er sich um Aufnahme bei der Regularkanonikern vom Grand-Saint-Bernard. Er beschrieb sein Ziel dem Propst der Kongregation gegenüber folgendermaßen: "Ich will meiner Berufung folgen: der Welt den Rücken kehren und mich ganz dem Dienst der Seelen weihen, um sie zu Gott zu führen und mich selbst zu retten." Die Mission der Kanoniker ließ sich in den an der Frontseite des Grand-Saint-Bernard-Hospizes eingemeisselten Worten zusammenfassen: "Hic Christus adoratur et pascitur - Hier wird Christus angebetet und genährt". Neben den Messfeiern und dem Stundengebet arbeiteten sie als Seelsorger und Beistand für die Pilger, die die Alpen überwinden mussten, oder dienten der Kirche in anderen Ämtern, die ihnen von den Bischöfen angetragen worden waren. Als Maurice seine Familie verlassen wollte, schlug ihm seine ältere Schwester vor, bei den Seinen zu bleiben; er antwortete: "Es gibt etwas Großartigeres als alle Schönheiten der Erde." Er wurde am 25. August 1931 ins Noviziat des in 2472 m Höhe gelegenen Hospizes vom Grand-Saint-Bernard aufgenommen. Im Winter fiel das Thermometer auf -20° C.

Weniger als zwei Monate nach Beginn seines Noviziats berichtete Maurice an seine Familie: "Noch nie war ich so frei. Ich mache, was ich will, ich kann alles machen, was ich will, denn der Wille Gottes teilt sich mir in jedem Augenblick mit, und ich will nur diesen einen Willen tun." Seiner Schwester Anna schrieb er: "Wir müssen uns sputen, nicht wahr, Anna? Wir müssen uns beeilen; in unserem Alter waren Andere schon Heilige. Denn wenn die Blüte zu lange dauert, kann die Frucht vor Einbruch der Kälte und des Todes nicht mehr heranreifen. Und es gibt so viele Leute, die nach uns rufen, so viele Sünder und so viele Heiden, die nach uns verlangen; wir wollen ihnen doch antworten, nicht wahr? Unsere Gesundheit und unser Leib sind doch für sie bestimmt, nicht wahr? Ich sage dir nochmals, wir müssen uns beeilen. Je länger ich lebe, desto mehr bin ich überzeugt, dass nur das Opfer und die Selbsthingabe unserer Gegenwart Sinn verleihen können." Maurice litt geradezu unter dem Gedanken, dass es Menschen gibt, die auf uns angewiesen sind, um gerettet zu werden, und hatte den brennenden Wunsch, ihnen das Evangelium zu bringen und in ferne Länder zu reisen, um die Menschen dort für Christus zu gewinnen. Einige Jahrzehnte danach wies Papst Johannes-Paul II. auf diesen Umstand hin: "Die Zahl jener, die Christus nicht kennen und nicht zur Kirche gehören, ist ständig im Wachsen; seit dem Ende des (II. Vatikanischen) Konzils hat sie sich sogar beinahe verdoppelt. Diese ungeheure Zahl von Menschen wird vom Vater, der für sie seinen Sohn gesandt hat, geliebt; die Dringlichkeit der Mission für sie liegt klar auf der Hand" (Enzyklika Redemptoris missio, 7. Dezember 1990, Nr. 3). "Der Grund dieser missionarischen Tätigkeit ergibt sich aus dem Plan Gottes, der will, dass alle Menschen heil werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Denn es ist nur ein Gott und nur ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben hat (1 Tim 2,4-6), und in keinem andern ist Heil (Apg 4,12). So ist es nötig, dass sich alle zu ihm, der durch die Verkündigung der Kirche erkannt wird, bekehren sowie ihm und seinem Leib, der Kirche, durch die Taufe eingegliedert werden. Christus selbst hat nämlich mit ausdrücklichen Worten die Notwendigkeit des Glaubens und der Taufe betont (vgl. Mk 16,16; Joh 3,5) und damit zugleich die Notwendigkeit der Kirche, in die die Menschen durch die Taufe wie durch eine Tür eintreten, bekräftigt" (II. Vatikanisches Konzil, Dekret Ad Gentes, Nr. 7).

Das Verdienst eines Tages voller Leiden

Die Vorsehung wollte, dass die Kongregation vom Grand-Saint-Bernard von den Missions Étrangères in Paris gebeten wurde, einige an das Gebirgsleben gewöhnte Priester in den Himalaja zu entsenden. Nach Prüfung der Anfrage beschloss der Vorsteher der Kongregation, Mgr. Bourgeois, der Bitte zu entsprechen; eine erste Gruppe von Mönchen brach im Januar 1933 nach Weisi in Yunnan (im Südwesten Chinas) auf, allerdings ohne Maurice Tornay. Im Januar 1934 wurde bei diesem dann ein Zwölffingerdarmgeschwür festgestellt, das operiert werden musste. Es dauerte lange, bis er sich davon erholte. Infolge dieser Leidenserfahrung ermunterte er seine Eltern und Geschwister, den weithin unerkannten Schatz des im Verein mit dem leidenden Christus ertragenen Leidens besser zu nutzen. "Weißt du", schrieb er an seine Schwester Josephine, "dass du einen Heiden bekehren kannst, wenn du frierst und du dieses Frieren dem lieben Gott als Opfer darbietest? Und dass die willig ertragenen Leiden dir eines Tages mehr Verdienst einbringen, als wenn du den ganzen Tag gebetet hättest? Wie leicht kannst du mir Gutes tun, kannst du allen Gutes tun ... All unsere kleinen Leiden haben einen unendlichen Wert, wenn wir sie mit dem Leiden Christi vereinen."

Am 8. September 1935 legte der junge Kanoniker seine feierlichen Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab. Bald danach beschloss die Leitung der Kongregation, die Vorhut in Yunnan zu verstärken; der wiedergenesene Kanoniker Tornay sollte sich zusammen mit seinen Mitbrüdern Lattion und Rouiller auf den Weg machen. Alle drei bereiteten sich mehrere Monate lang durch Praktika bei einem Arzt und einem Zahnarzt darauf vor, menschliches Elend zu lindern. Vor dem für die Abreise festgelegten Tag vertraute Maurice seinem Bruder Louis an: "Ich hatte ganz deutlich folgende innere Eingebung: Damit mein Dienst fruchtbar wird, muss ich mit dem ganzen Eifer meiner Seele und aus reinster Liebe zu Gott arbeiten, ohne auch nur den geringsten Wunsch nach Anerkennung meiner Arbeit. Ich will mich im Dienste Gottes verausgaben. Ich komme nicht wieder."

Nach einer anderthalb Monate langen Reise kamen die drei Kanoniker in der chinesischen Mission von Weisi (2350 m) im tibetischen Grenzgebiet an. Maurice Tornay schrieb: "Nun bin ich fast um die ganze Welt gereist: Ich habe gesehen und gefühlt, dass die Leute überall unglücklich sind, dass das wahre Unglück darin besteht, Gott zu vergessen, und dass nichts außer dem Dienst für Gott zählt." Unverzüglich machte er sich ans Lernen: einerseits Theologie und andererseits die chinesische Sprache. Ihm lag viel daran, die Heiden in ihrer eigenen Sprache und mit Respekt vor ihrer Kultur zu evangelisieren; er machte rasche Fortschritte im Chinesischen. Doch mochte sein Lernprogramm auch noch so voll sein, er widmete sich ebenso fleißig den Übungen der Frömmigkeit: der Anbetung, dem inneren Gebet, der Messe und dem Stundengebet. In ihnen fand seine Seele die Kraft, das Kreuz des Missionars zu tragen. Aus dieser Zeit stammen folgende Zeilen an seine Eltern: "Was ihr euch heute erschließt, wird euch eines Tages verlassen; was ihr liebt, wird eines Tages an Andere übergehen. Gewiss muss man die Erde lieben; man darf sie aber nur insofern lieben, als sie uns zu Gott führt, als sie uns zeigt, wie schön und barmherzig Gott ist. Alles andere zählt nicht, denn es vergeht. Meine Liebe zu euch aber vergeht nicht, denn wir werden uns auch im Himmel lieben."

Keine ungeteilte Freude

Nachdem er seine Theologieprüfungen glänzend bestanden hatte, konnte der Kanoniker Tornay zum Priester geweiht werden. Der nächste Prälat, Bischof Chaize, wohnte in Hanoi; der junge Diakon unternahm eine zwanzigtägige Reise, um ihn aufzusuchen. Noch am Abend seiner Priesterweihe, dem 24. April 1938, schrieb er an seine Eltern: "Euer Sohn ist Priester! Ehre sei Gott! Diese Nachricht wird Euch keine ungeteilte Freude bereiten, weil ich nicht in Eurer Mitte bin. Aber Ihr seid Christen, und Ihr versteht mich. Es gibt einen Gott, dem man mit aller Kraft dienen muss. Deshalb bin ich fort, deshalb habt Ihr meinen Weggang so gut verkraftet."

Im September 1939 brach der 2. Weltkrieg aus. China wurde von Japan überfallen und das tibetische Grenzland militärisch besetzt, was eine Hungersnot, einen Volksaufstand und Plünderungen zur Folge hatte. Pater Tornay stand vor dem Problem, wie er die Teilnehmer am "Probejahr" ernähren sollte; das war eine Art Vorbereitungskurs auf die bischöfliche Schule in der Verantwortung der Kanoniker, dessen Leitung Pater Tornay anvertraut war. Er ging soweit, dass er bettelte, um seine Jungen zu ernähren, und hatte selbst manchmal tagelang nur Farnwurzeln zu essen. "Das Kreuz tragen", schrieb er in dieser Zeit, "ich habe ein bisschen verstanden, was das heißt." Doch das allgemeine Elend entmutigte ihn keineswegs, sondern stachelte ihn an, um sich herum Gutes zu tun: "Je schwerer die Zeiten sind, desto dringender ist es, sich um die Seelen zu kümmern." Der Krieg war noch nicht zu Ende, als Pater Tornay im März 1945 zum Pfarrer von Jerkalo (in 2650 m Höhe) im Südwesten Tibets ernannt wurde. Diesen Posten annehmen, bedeutete, einen Weg einschlagen, der aller Wahrscheinlichkeit nach ins Martyrium münden würde. Bereits mehrere Priester waren dort wegen der religiösen Intoleranz der örtlichen Behörden zu Tode gekommen. Als der Missionar die Nachricht seiner Ernennung bekam, suchte er Zuflucht im Gebet. Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst (Mt 26,39).

Zwei gegeneinander kämpfende Armeen

In dem Gebiet, in welchem Pater Tornay seine apostolische Tätigkeit ausübte, war der oberste Lama Gun-Akhio sowohl auf religiösem wie auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet geradezu allmächtig. Er empfand einen unversöhnlichen Hass auf die Missionare. Schon der hl. Paulus hatte seinen geliebten Schüler Timotheus vor den Prüfungen gewarnt, an denen es den Verkündern des Evangeliums niemals mangelt: Ja, alle, die willens sind, fromm zu leben in Christus Jesus, werden verfolgt werden (2 Tim 3,12). Ein großer Bischof und Missionar in Papua-Neuguinea vom Anfang des 20. Jh., Alain de Boismenu, schrieb: "Es gibt zwei Reiche, die die Welt unter sich aufteilen und einander die Seelen streitig machen; zwei sich ständig und heftig bekämpfende Armeen: die Armee Jesu Christi, die Kirche, die darauf brennt, Seelen zu retten, und die Armee Satans, die wütend darüber ist, Seelen zu verlieren. Ein pausenloser und erbarmungsloser Krieg. Viele sehen ihn nicht, andere halten ihn für eine Erfindung. Er ist dennoch wirklich. Er bildet das unsichtbare Gerüst der Weltgeschichte bis zum Ende der Zeiten. Eine fürchterliche Wirklichkeit; wir müssen vor allem fest daran glauben."

"Ich war noch gar nicht in Jerkalo angekommen", schrieb Pater Tornay in sein Tagebuch, "da munkelte man schon überall, der Missionar müsse vor die Tür gesetzt werden. Beim Tanz der Lamas von Karmda wurde vor Himmel und Erde verkündet, der Missionar müsse bald fortgehen, sonst drohten ihm die schlimmsten Folter, die ein Mensch sich denken kann, die Christen müssten ihrem Glauben abschwören und all ihre Kinder in die lamaistische Toga hüllen; denn 'im Lande der tausend Götter dürfe es nur eine Religion geben'." Trotz aller Gefahr und der Schwierigkeiten für sein Apostolat wollte Pater Tornay an Ort und Stelle bleiben. Wie der heilige Pfarrer von Ars, der gesagt hatte: "Lasst eine Pfarrgemeinde zwanzig Jahre ohne Priester sein, und man wird dort Tiere anbeten", war er sich darüber im Klaren, dass das Volk Missionare brauchte, um das Gesetz Gottes kennenzulernen und ihm dank der kirchlichen Sakramente treu zu bleiben. Die Drohungen Gun-Akhios lenkten ihn nicht von seiner Pflicht ab. "Ich bin von meinem Bischof nach Jerkalo geschickt worden und werde dort bleiben, so lange er mich dort haben will", schrieb Pater Tornay an einen Mitbruder. Wenn man mich loswerden will, gibt es für die Lamas nur eins: mich auf dem Rücken eines Maultiers festbinden und das Tier mit einem Hieb losjagen; ich werde nur der Gewalt weichen." Der Befehl, nur der Gewalt zu weichen, war ihm von seinem Bischof erteilt worden. Selbst als die Lamas ihm offen zuriefen: "Du wirst gehen! Du wirst gehen! Wir töten dich! Wir werfen dich in den Mekong!", zauderte er nicht.

Am 26. Januar 1946 drangen etwa vierzig Lamas in das Haus des Missionars ein, plünderten und verwüsteten es und führten den Pater mit 12 vorgehaltenen Gewehren nach Pame im chinesischen Yunnan ins Exil. Das kommende Jahr war das härteste seines ganzen Missionarslebens. Das Dorf zählte nur eine einzige christliche Familie; der alte Tibetaner, bei dem er wohnte, war ein Trunkenbold; die Lamas drohten ihm weiterhin mit dem Tod, sollte er den Briefwechsel mit seinen Pfarrkindern in Jerkalo nicht abbrechen. Er betete viel, besuchte die Einwohner und pflegte die Kranken.

Anfang Mai 1946 erhielt Pater Tornay einen Brief vom Gouverneur von Chamdo, dem höchsten weltlichen Amtsträger Osttibets. Dieser sagte ihm seinen Schutz zu und lud ihn ein, nach Jerkalo zurückzukehren. Am 6. Mai machte sich der Pater auf den Weg, doch an der Ortsgrenze von Jerkalo wurde er von Gun-Akhio aufgehalten: "Halt! Keinen Schritt weiter!" Den Tod vor Augen, machte er mitten in der Nacht kehrt. Ohne sich entmutigen zu lassen, fasste er daraufhin den Plan, nach Lhassa, in die 43 Tage Fußmarsch entfernte Hauptstadt Tibets, zu gehen, um beim Dalai Lama, dem höchsten religiösen und politischen Führer des Landes, die Religionsfreiheit für die Christen von Jerkalo einzufordern. Er wurde in diesem Plan von den Vertretern des Heiligen Stuhls und der schweizer sowie der französischen Regierung bestärkt.

Die Ankunft in der wahren Heimat

Am 10. Juli 1949 schloss sich Pater Tornay einer Handelskarawane an und machte sich auf die lange, auf zwei Monate angesetzte Reise nach Lhassa. Obwohl er sich den Bart abrasiert hatte und ein tibetisches Gewand trug, wurde er bei einem Halt erkannt und denunziert. Man zwang ihn, die Karawane zu verlassen und umzukehren, doch es gelang ihm, erneut zur Karawane zu stoßen. "Wir brauchen keine Angst zu haben", sagte er zu seinen Begleitern. "Wenn wir getötet werden, kommen wir geradewegs ins Paradies. Wir werden für die Christen sterben." Die Karawane machte, an einem Ort namens Tothong nahe der Grenze auf dem Gebiet der Provinz Yunnan Halt. Es war ein düsterer Ort, wie geschaffen für einen Hinterhalt. Plötzlich griffen vier bewaffnete Lamas aus dem Unterholz an. Der Pater rief: "Schießt nicht, wir können verhandeln!" Doch im selben Augenblick fielen zwei Gewehrschüsse. Der Pater stürzte zu seinem treuen Gefährten Doci, der getroffen worden war. Weitere Gewehrschüsse: Pater Maurice Tornay sackte im Kugelhagel in sich zusammen. Das geschah am 11. August 1949 im Wald von Tothong, unterhalb des Choula-Passes (3000 m), kurz vor Mittag. Nachträglich wurde der Lamagemeinschaft von Karmda von den chinesischen Behörden ein hohes Bußgeld für dieses Verbrechen auferlegt. Somit war offiziell festgestellt, wer für den Mord verantwortlich war. Das Motiv: "Der Pater propagierte die katholische Religion in Jerkalo." Heute ist der katholische Glaube dort noch immer lebendig.

Maurice Tornay hatte noch in seiner Kollegiatszeit geschrieben: "Der Tod ist der glücklichste Tag in unserem Leben. Wir müssen uns mehr darauf freuen als auf alles andere, denn er markiert die Ankunft in unserer wahren Heimat." Er hatte auf den Spuren des Guten Hirten gewandelt, der sein Leben für seine Schäfchen hingab, und ging dann als Seliger ins ewige Leben ein. Möge er uns an seiner leidenschaftlichen Liebe zu Christus teilhaben und den Anforderungen der Liebe Christi an uns vollauf genügen lassen!

Dom Antoine Marie osb

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