Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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27. April 2005
Hl. Petrus Kanisius


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Mit den Händen muss man an der Arbeit und mit dem Herzen bei Gott sein», lautete der Wahlspruch von Mutter Maria Theresia Scherer. Bei der Seligsprechung der Schweizer Nonne am 29. Oktober 1995 sagte Papst Johannes-Paul II.: «Je reicher ihr inneres Leben wurde, desto aufmerksamer wurde sie für die weltlichen Nöte ihrer Zeit.»

Als viertes von sieben Kindern wurde Katharina Scherer am 31. Oktober 1825 in Meggen am Vierwaldstätter See (Schweiz) inmitten einer großartigen Berglandschaft geboren. Von klein auf wurde ihr beigebracht, kleine häusliche Arbeiten zu erledigen, bei der Garten- und Feldarbeit mitzuhelfen sowie genügsam und einfach zu leben. Am 15. Februar 1833 wurde ihr Vater von einer tödlichen Lungenentzündung dahingerafft. Katharina kam zu Verwandten - zwei unverheirateten Brüdern, von denen einer ihr Patenonkel war -, und musste sich von ihrer Mutter und ihren Geschwistern trennen; sie blieben allerdings alle im selben Dorf Meggen wohnen.

Katharina war kein vorbildhaft braves Kind: «Ich war geschwätzig, fahrig und leichtsinnig», bekannte sie später freimütig. «Ich war reizbar und geriet leicht in Wut. Ich liebte schöne Kleider und hatte es gern, wenn man mich lobte. Oft war ich der Magd gegenüber frech und ungehorsam.» Sie war jedoch auch intelligent und gewissenhaft, besaß ein hervorragendes Gedächtnis und lernte sehr leicht. «Ich hörte gerne Predigten», schrieb sie, «und empfing die Sakramente, sooft es ging.»

Im Alter von 16 Jahren kam sie nach Luzern. «Unser Pfarrer, meine Mutter und meine älteren Geschwister, die meine Lebhaftigkeit, meine Eitelkeit und meine Liebe zur Musik kannten, beschlossen, mich nicht länger bei meinem Patenonkel zu lassen, sondern vertrauten mich den Barmherzigen Schwestern von Besançon in Luzern an; ich begab mich nur widerwillig dorthin», schrieb sie. Die erste Zeit im Hospital fiel ihr sehr schwer. Als Krankenpflegehelferin war sie ständig mit Leid und Tod konfrontiert. Ihr brannten tausend Fragen auf der Seele. Sie fühlte sich von der unerbittlichen Monotonie eines streng geregelten Tagesablaufs erdrückt. Ihr Widerwille und die Überforderung führten zu einer Krise. Doch dank einer Fügung der göttlichen Gnade kehrte eines Tages wieder Licht in ihre Seele ein: «Ich begann mehr zu beten und empfing öfter die Sakramente.» Sie wandelte sich radikal: Sie überwand ihren Widerwillen und fand Gefallen an der Selbsthingabe im Dienste der Kranken, aus Liebe zu Gott.

Nach drei Jahren im Krankenhaus war das junge Mädchen reifer geworden. Im Juli 1844 pilgerte sie zur Benediktinerabtei Einsiedeln und dachte dort ernsthaft über ihre Berufung nach; bald danach beschloss sie, in einen aktiven religiösen Orden einzutreten. Ein Kapuziner aus dem Kloster Altdorf namens Pater Theodosius, ein glühender Apostel, war gerade dabei, eine weibliche Kommunität auf die Beine zu stellen, die den Wünschen Katharinas entsprach. «Bereits vor 1839 hatte ich den Plan», schrieb er, «die antireligiöse Erziehung durch einen christlich-katholischen Unterricht zu ersetzen und den Armen, Bedürftigen und Inhaftierten durch religiöse Kongregationen, die den Bedürfnissen des Landes angepasst waren, einen Beistand nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens und der christlichen Liebe zukommen zu lassen.» Dieser Plan des Paters sollte die Antwort auf den virulenten Laizismus darstellen, der sich in den Führungsgremien der Schweizer Eidgenossenschaft breitgemacht hatte und der katholische Schulen und Ordensgemeinschaften erbarmungslos unterdrückte.

«Hier irren diejenigen, die meinen, ...»

Die Kirche hat stets eine gesunde Laizität der bürgerlichen Gesellschaft befürwortet, d.h. die Unterscheidung zwischen der weltlichen und der geistlichen Macht, deren jede ihren eigenen Einflussbereich hat. Doch der Laizismus, der weder Gott noch die Religion außerhalb des privaten Lebensrahmens berücksichtigen will, ist ein schwerer Irrtum und widerspricht der Wahrheit und dem Wohl des Menschen wie dem der Gesellschaft. «Hier irren diejenigen, die meinen, dass der öffentliche Verweis auf den Glauben ein Angriff auf die rechte Autonomie des Staates und der öffentlichen Einrichtungen sei oder dass dieser sogar zu einer Haltung der Intoleranz ermutigen könne», schreibt Papst Johannes-Paul II. (Mane nobiscum Domine, 7. Oktober 2004).

Bereits am 20. Oktober 1939 hatte Papst Pius XII. geschrieben: «Verehrte Brüder, kann es eine größere und dringendere Aufgabe geben, als den Menschen unserer Zeit die Botschaft zu bringen vom unergründlichen Reichtum Christi (Eph 3,8)? Am Anfang des Weges, der zur spirituellen und moralischen Verarmung unserer gegenwärtigen Zeit führt, stehen die unseligen Versuche einer großen Anzahl von Menschen, Christus zu entthronen, sowie die Preisgabe des Gesetzes der Wahrheit, die Er verkündet hat, und des Gesetzes der Liebe, das der Lebensatem seines Reiches ist. Die Anerkennung der königlichen Rechte Christi und die Rückkehr des Einzelnen und der Gesellschaft zum Gesetz seiner Wahrheit und seiner Liebe sind der einzige Weg zum Heil» ...

«Vor allem ist gewiss, dass die tiefe und letzte Wurzel allen Übels, welches wir in der modernen Gesellschaft beklagen, in der Verleugnung und Ablehnung eines universellen Moralgesetzes sowohl im individuellen als auch im gesellschaftlichen Leben sowie in den internationalen Beziehungen liegt: d.h. in der heute so verbreiteten Verkennung und Missachtung des Naturgesetzes selbst, das ihre Grundlage in Gott, dem allmächtigen Schöpfer und Vater aller, hat, dem höchsten und absoluten Gesetzgeber, dem allwissenden und gerechten Richter über das menschliche Handeln. Wird Gott verleugnet, wird dadurch gleichzeitig auch jede Grundlage der Moralität erschüttert»...

«Die sittlichen Werte, nach denen man zu anderen Zeiten private und öffentliche Handlungen bemessen hatte, sind folglich gleichsam außer Gebrauch gekommen; und die so sehr gelobte Verweltlichung der Gesellschaft, die immer schneller um sich griff und dabei den Menschen, die Familie und den Staat dem wohltuenden und heilsamen Einfluss der Gottesidee und der Kirchenlehre entzog, ließ selbst in den Regionen, wo viele Jahrhunderte lang der Glanz der christlichen Kultur gestrahlt hatte, immer klarere, immer deutlichere, immer beängstigendere Zeichen eines verdorbenen und verderblichen Heidentums auftauchen» (Pius XII., Summi Pontificatus). Gegen dieses bereits im 19. Jh. aktive Heidentum wollte Pater Theodosius ankämpfen.

Eine mitreißende Entschlossenheit

Katharina begegnete Pater Theodosius am 5. Oktober 1844 und beschloss, im folgenden Frühjahr in seine neuen Kongregation einzutreten. Ihre Familie hielt die Entscheidung für voreilig, doch angesichts ihrer Entschlossenheit ließ sie sie schließlich ziehen. Katharina brach am 27. Juni 1845 mit einer Begleiterin ins Noviziat nach Menzingen auf, wo Pater Theodosius mit drei jungen Mädchen eine Schule eröffnet hatte; das war der Beginn seiner religiösen Familie, der «Schwestern vom Heiligen Kreuz», im Geiste des Dritten Ordens des hl. Franziskus und unter der Leitung einer Oberin, Mutter Maria Bernharda. Katharina nahm den Namen «Schwester Maria Theresia» an. Ihr Noviziat machte ihr ihre Fehler bewusst: «Meine Hauptfehler in dieser Zeit waren: Reizbarkeit, Stolz und Eitelkeit.» Sie lernte Gott gründlicher kennen und lebte fortan in seiner Gegenwart. Ende Oktober 1845 legten die fünf Ordensschwestern ihre ersten Gelübde ab. Bald danach wurde Schwester Maria Theresia zusammen mit einer anderen Schwester nach Galgenen entsandt, um dort eine Schule einzurichten. Als geborene Pädagogin entwickelte sich Schwester Maria Theresia zu einer begabten und erfolgreichen Lehrerin. Angesichts ihrer Unterrichts- und Haushaltspflichten sowie ihrer zur persönlichen Fortbildung genutzten Freizeit war ihre körperliche Kraft jedoch rasch erschöpft. «Ich bekam Skrupel», sagte sie, «war von inneren Nöten geplagt und konnte mich gar nicht genug kasteien, da ich mich für verloren hielt.» Sie wurde krank und musste nach Menzingen zurückkehren. Dort fand sie etwas inneren Frieden und legte erfolgreich das Staatsexamen für den Schulunterricht ab. In den folgenden Jahren wurde sie in verschiedene Häuser berufen; sie war wegen ihrer Kraft, ihrer gewissenhaften Arbeit und ihrer guten Laune überall beliebt.

Ein denkwürdiger Handschlag

Am 1. März 1852 wurde Schwester Maria Theresia auf den Ruf von Pater Theodosius hin nach Chur entsandt, um dort ein kleines, vom Pater gegründetes Krankenhaus zu übernehmen. Das Haus, in welchem das Krankenhaus untergebracht war, war völlig ungeeignet: Es musste ein neues Gebäude errichtet werden, doch es waren weder ein Grundstück noch Geld vorhanden. «Pater Theodosius erklärte sich bereit, mit Gottes Hilfe dieses Werk in Angriff zu nehmen, wenn ich ihm Beistand, Vertrauen und Treue gelobte», schrieb Mutter Maria Theresia. «Ich gab ihm die Hand darauf, und er zog glücklich los. Zwei Tage später war ein Grundstück gekauft, und man konnte sofort mit der Errichtung des Krankenhauses vom Kreuz beginnen.» Dieser Handschlag ließ Schwester Maria Theresia, die fortan «Mutter» gerufen wurde, einen neuen Weg der Nächstenliebe in der Krankenpflege einschlagen.

Mit außerordentlicher Energie und großem Organisationstalent kümmerte sich die Mutter trotz vielfältiger Behinderungen und schmerzlicher Demütigungen um die Errichtung des neuen Gebäudes. Für ihre zur Krankenpflege berufenen Schwestern verfasste sie ein Gebet; hier ein Auszug daraus: «Herr, mögen sie in den Armen und Kranken Deine Brüder und Schwestern sehen! Mögen sie sie aus ganzem Herzen lieben, ihnen unermüdlich und freudig beistehen, ihre Fehler und Klagen mit Geduld ertragen, Böses mit Gutem vergelten, mögen sie trotz aller Schwierigkeiten demütig, schlicht, gehorsam und rein bleiben und ihre Mühen aus Liebe zu Dir, mein Gott, und um ihres Seelenheiles willen ertragen.» Im neuen Krankenhaus herrschte große Armut, und die Nonnen stellten die Bedürfnisse der Kranken über alles; an manchen Tagen mussten die Schwestern sogar hungern.

Dank einer erfreulichen Zunahme der Berufungen stürzte sich die Gemeinschaft in alle möglichen sozialen Aktivitäten. Neben dem Krankenhaus entstanden ein Waisenhaus, ein Altersheim, eine Schule für handwerkliche Berufe sowie ein Mädchenpensionat. Danach folgten zahlreiche Gründungen in anderen Städten. Um die enormen Kosten aufzubringen, schickte Mutter Maria Theresia Schwestern zum Spendensammeln überall in die Schweiz, dann auch in fremde Länder aus.

Bald musste Pater Theodosius zur Kenntnis nehmen, dass die in Menzingen verbliebenen Schwestern unter der Leitung von Mutter Maria Bernharda beschlossen hatten, sich von ihm und von den in anderen karitativen Einrichtungen engagierten Schwestern zu trennen; sie wollten sich ausschließlich dem Unterricht widmen. In der Kongregation machte sich große Unruhe breit. Schließlich wurde die Trennung beschlossen, und jede Schwester durfte frei zwischen den beiden Instituten wählen. «Die Spaltung in zwei Institute», schrieb eine Schwester später, «hat nie zu Feindseligkeiten geführt. Die Oberinnen beider Häuser und Pater Theodosius halfen und unterstützten sich gegenseitig, wann immer es erforderlich war. Darin erkennt man wohl den Geist unseres Paters wieder, der so gerne sagte: 'Ist es nicht egal, durch wen das Gute in der Kirche getan wird, wenn es nur getan wird? Danket Gott dafür.'»

Gute Laune bewahren

1855 beschloss Pater Theodosius, den Hügel über dem Dorf Ingenbohl in der Zentralschweiz zu erwerben und dort das Mutterhaus der Schwestern zu errichten. Am 13. Oktober 1857 wurde Mutter Maria Theresia zur Generaloberin der «Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz von Ingenbohl» gewählt. Es folgten Jahre emsiger Betriebsamkeit, in denen ein Haus nach dem anderen gegründet wurde. Um das Apostolat der Schwestern zu unterstützen, führte Pater Theodosius in Ingenbohl die ewige Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes ein. Mutter Maria Theresia bezog aus der Eucharistie ein ganz schlichtes spirituelles Leben. Worauf es in ihren Augen ankam, war die Liebe, die die Handlung lenkt, die Treue zu den Standespflichten sowie die Nächstenliebe. «Man muss inbrünstig beten und sich unter allen Lebensumständen ein intensives inneres Leben angewöhnen, ohne deshalb je eine Hungerleidermiene aufzusetzen», sagte sie. Als eine Schwester sie um Rat über das Fasten und die Buße fragte, antwortete sie: «Die Schwestern dürfen nicht so fasten, dass sie ihrer Gesundheit schaden; sie brauchen ihre Kraft für ihren Dienst am Nächsten. Ich halte nicht so viel vom Büßerhemd. Weit mehr schätze ich die Selbstbeherrschung, die Nächstenliebe beim Reden und den Kampf gegen die Eigenliebe ... Unsere wahre Kasteiung besteht darin, uns damit zufrieden zu geben, was uns zuteil wird, dorthin zu gehen, wohin man uns schickt, und gute Laune zu bewahren.»

Mutter Maria Theresia war von großer Herzensgüte. Sie wusste wohl, dass ein Unglücklicher der Rücksicht, mit der er empfangen wird, mehr Bedeutung beimisst als den materiellen Gütern, die man ihm gibt. Einmal hatten sich die Schwestern kurz nach ihrer Ankunft in einem Hospiz gerade um sie versammelt, als ein Bettler vorstellig wurde. Die Oberin des Hospizes eilte sofort zu ihm und hörte ihn geduldig an. Die Schwestern wurden etwas verlegen und entschuldigten sich, doch Mutter Maria Theresia sagte: «So stelle ich mir eine Schwester der Armen vor; ihre Liebe zu ihnen muss so groß sein, dass sie sich ihnen zuerst zuwendet und sich nicht scheut, die Generaloberin warten zu lassen. Mehr noch, sie wird, wenn es sein muss, sogar das Gebet unterbrechen, um einem Armen beizustehen. Sie wird ihn nicht nur als ihresgleichen behandeln, sondern wird sich ihm gegenüber wie eine Mutter ihrem unglücklichsten Kind gegenüber benehmen.»

Heroische Treue

Pater Theodosius war voller Sorge um die soziale und spirituelle Situation der Arbeiter, Männer, Frauen und Kinder, für die von den Schwestern Betreuungsstellen gegründet worden waren. 1860 erwarb er eine bankrotte Tuchfabrik in Oberleutensdorf in Böhmen mit mehreren hundert Beschäftigten. Mutter Maria Theresia meinte, diese Arbeit sei für die Schwestern unpassend. Nach längerer Überlegung entsandte sie nichtsdestoweniger fünf Schwestern in diese Fabrik. Mit der Zeit bestätigte sich, dass die Befürchtungen von Mutter Maria Theresia nicht unbegründet waren. Die Schwestern waren für diese Arbeit ungeeignet; selbst ihr unbezwingbarer Mut konnte den Zusammenbruch nicht verhindern. Pater Theodosius reiste kreuz und quer durch Europa, um Hilfe aufzutreiben. Seine Gesundheit war dem nicht gewachsen, und er gab am 15. Februar 1865 seine Seele an Gott zurück. Das war eine tragische Stunde für Mutter Maria Theresia. Sie wappnete sich mit Beten und Gottvertrauen und ließ dann mit erstaunlicher Selbstbeherrschung eine genaue Bilanz der Forderungen erstellen, die extrem ungünstig ausfiel. Am 15. September fasste sie aus Treue zum Gründer und um den zahlreichen Gläubigern die Folgen unbezahlter Schulden zu ersparen, nach monatelangen inneren moralischen Kämpfen den Entschluss, das negative Erbe des Paters anzutreten. Unter Mithilfe eines sehr aktiven Hilfskomitees verwandte Mutter Maria Theresia bis 1870 ihre ganze Kraft mit scheinbar unerschütterlicher Ruhe darauf, die Gläubiger auszuzahlen. In der ganzen Kongregation nahmen die Schwestern bereitwillig heroische Opfer auf sich. «Der liebe Gott wird uns helfen, wenn wir unter uns einig sind und kein anderes Ziel verfolgen als seinen Ruhm und das Wohl der Menschen», sagte sie zu ihnen. «Aber auch wir müssen viel tun.» Schließlich wurde die unermüdliche Geduld und das unbesiegbare Vertrauen der Mutter mit dem Abtragen der Schulden fertig, und die von dieser Last befreite Kongregation nahm beträchtlichen Aufschwung.

Kaum waren jedoch die Schulden fertiggetilgt, kam auf die Oberin eine andere Prüfung zu. Ein von Ehrgeiz und Habgier verblendeter Neffe von Pater Theodosius erhob Anspruch auf das Erbe seines Onkels. Pater Theodosius hatte diesem Neffen, der ihm wertvolle Dienste erwiesen hatte, mehr Vertrauen entgegengebracht, als dieser verdiente. Nun folgte ein kostspieliger, drei Jahre währender Prozess, unter dem Mutter Maria Theresia grausam litt. Ende 1872 wurde die Sache durch ein Urteil zugunsten der Schwestern entschieden. In Anbetracht seiner Pater Theodosius erwiesenen Dienste schenkte die Oberin dem Neffen einen angemessenen Betrag.

Es folgten weitere Schicksalsschläge. Nach dem plötzlich verstorbenen Nachfolger von Pater Theodosius wurde im August 1872 ein Kapuziner namens Pater Paul zum Superior in Ingenbohl ernannt. Schon bald fasste dieser Pater den Plan, die Kongregation umzuformen, um sie kontemplativer zu machen; er versuchte, den Bischof, seine eigenen Vorgesetzten unter den Kapuzinern, die Schwestern und die Novizinnen für seine Ansichten zu gewinnen. Er besuchte mehrere Häuser der Schwestern und säte überall Verwirrung in die Seelen. Da die Generaloberin oft auf Reisen war, wurde sie sich erst allmählich der Situation bewusst. So schonend wie möglich machte sie dem Pater ihre ablehnende Haltung zu den von ihm ergriffenen Maßnahmen deutlich. Als dieser auf seiner Meinung beharrte, verfasste Mutter Maria Theresia einen Rücktrittsbrief von ihrem Amt als Oberin an den Bischof. Der Bischof nahm die Abdankung an. «Denken wir an unseren Heiland und an die vielfache Schmach, die er jeden Tag erduldet», schrieb die Mutter an eine ihrer Töchter. «Mich behandelt man nicht besser, wie ihr wohl wisst. Was soll's, man kann es nicht jedermann recht machen. Hauptsache, Gott ist mit uns zufrieden!» Indessen wurden nicht nur von den Nonnen, sondern auch von Priestern und sehr vielen bedeutenden Persönlichkeiten Petitionen beim Bischof eingereicht, die das Festhalten an Mutter Maria Theresia forderten. Im Juli 1873 wurde ein kirchlicher Rat einberufen, um die Sache zu prüfen; sein Bericht schloss mit den Worten: «Die Vorstellungen von Pater Paul sind aus kanonischer Sicht unrealisierbar und aus praktischer Sicht eher schädlich.» Der Bischof hatte ein Einsehen, setzte Mutter Maria Theresia als Generaloberin wieder ein und ließ Pater Paul versetzen.

Das Wichtigste

1880 folgte ein weiterer Schlag dieser Art. Für das Ingenbohler Mutterhaus wurde ein neuer, junger Geistlicher ernannt, der das Ordensleben nur aus Büchern kannte und die Oberin des Verstoßes gegen die Ordensregeln beschuldigte. Sie fühlte sich durch diese bösartige Anschuldigung zutiefst verletzt. Doch sie schwieg dazu und äußerte sich nur ihrer Assistentin gegenüber offen über diese schmerzhafte Angelegenheit: «Ich mache mir Sorgen, und es fällt mir schwer, ins Mutterhaus zurückzukehren», schrieb sie ihr. «Gebe Gott, dass das Alles zu unserem Heil ausschlägt. Das Wichtigste ist, dass wir uns einig sind und uns gegenseitig lieben, dass wir Kreuz und Leid gemeinsam tragen.» Als Antwort auf eine förmliche Anfrage des Bischofs legte sie im Januar 1884 eine Rechtfertigungsschrift vor und bekam recht. In der Folge sah der Geistliche seinen Irrtum ein und wurde ein nachsichtiger und wohlwollender Priester.

Ihr ganzes Leben lang musste sich Mutter Maria Theresia mit Gesundheitsproblemen herumschlagen: mit akutem Rheumatismus, Krampfadern, Leberkrankheiten usw. 1887 wurde schließlich von einem Arzt Magenkrebs diagnostiziert. Am 1. Mai 1888 empfing sie die Sterbesakramente. Ihre letzten Tage waren überaus qualvoll. Am 16. Juni setzte schließlich die Agonie ein; Mutter Maria Theresia murmelte noch einmal «Himmel ... Himmel!» und tat dann friedlich ihren letzten Atemzug.

Beim Tode der Gründerin zählte die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz 1658 Ordensschwestern, die in mehreren Ländern und 434 Einrichtungen tätig waren.

«Maria Theresia bleibt ein Vorbild für uns», sagte Papst Johannes-Paul II. bei ihrer Seligsprechung. «Ihre innere Kraft kam aus ihrem spirituellen Leben; sie verbrachte viele Stunden vor dem Allerheiligsten Sakrament.» In seiner Enzyklika Ecclesia de Eucharistia schrieb der Heilige Vater: «Jedes Bemühen um Heiligkeit ... muss die notwendige Kraft aus dem eucharistischen Mysterium beziehen ... In der Eucharistie haben wir Jesus, haben wir sein Erlösungsopfer, haben wir seine Auferstehung, haben wir die Gabe des Heiligen Geistes, haben wir die Anbetung, den Gehorsam und die Liebe zum Vater ... Im demütigen Zeichen von Brot und Wein, die in seinen Leib und in sein Blut wesensverwandt werden, geht Christus mit uns; er ist unsere Kraft und unsere Wegzehrung, er macht uns für alle zu Zeugen der Hoffnung» (17. April 2003).

In diesem Jahr der Eucharistie wollen wir Zeit für die Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes aufbringen und uns von jenem Feuer anstecken lassen, das Jesus auf die Welt geworfen hat (vgl. Lk 12,49), um soviele Menschen wie möglich ins Himmelreich zu führen!

Dom Antoine Marie osb

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