Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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16. Februar 2005
Fastenzeit


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Wieviel Zeit sollte man Ihrer Meinung nach täglich dem inneren Gebet widmen?», fragte eine junge Frau Pater Marie-Eugène vom Kinde Jesu. «Anfangs eine Stunde pro Tag», erwiderte der Pater. Die junge Frau fiel aus allen Wolken: «Jeden Tag eine Stunde für das Beten! Aber das ist unmöglich! Undenkbar! Wo soll man diese Stunde Beten in einem Leben unterbringen, das bereits wie ein Ei prall gefüllt ist?» Das Gesicht des Paters wurde von einem gütigen Lächeln erleuchtet: «Wenn Sie sich nicht bereit fühlen, Madame, jeden Tag eine Stunde dem inneren Gebet zu widmen, so ist das für mich der sichere Beweis dafür, dass Sie sich in der Tür geirrt haben, als Sie bei mir anklopften.» Wer war dieser Priester, der so erstaunliche Forderungen stellte?

Henri Grialou, der künftige Pater Marie-Eugène, wurde am 2. Dezember 1894 im südfranzösischen Marktflecken Le Gua in einer Bauernfamilie geboren. Er war keine zehn Jahre alt, als sein Vater nach kurzer Krankheit starb und die junge Mutter mit fünf Kindern zum Großziehen zurückließ. Henri wuchs zu einem kräftigen Jungen heran, war unternehmungslustig, eigensinnig und kämpferisch. Später sprach er von seiner «rauen Schale». Unter dem Einfluss seiner Familie und der christlichen Schulbrüder hatte er schon früh den Wunsch, Priester zu werden. Doch seine Mutter hielt es für unmöglich, die Kosten dafür tragen zu können, und gab ihn bei einem Schlosser in die Lehre. Henri gab sich große Mühe bei der Arbeit, obwohl er sich völlig fehl am Platze fühlte. Seine Mutter war so einfühlsam, dass sie das merkte, und nahm schwere Opfer auf sich, um seine Pension in einer bischöflichen Schule zu bezahlen. Nach Beendigung der höheren Schule wechselte der junge Mann am 2. Oktober 1911 auf das Priesterseminar von Rodez über. In diesen Jahren entdeckte Henri die Schriften von Schwester Therese vom Kinde Jesu, für die er sich begeisterte. «Bete bitte für mich», schrieb er 1913 an einen seiner Freunde, «damit ich wie Schwester Therese werde, das kleine Ding des lieben Gottes, damit Er mit mir machen kann, was Er will, damit Er mein Leben nach und nach, hier oder woanders, verbrauchen oder es mir auf eine andere Art nehmen mag, ganz wie Er will. Bitte für mich um vollkommene Willfährigkeit Ihm gegenüber.» Die künftige Heilige hatte selbst geschrieben: «Vollkommenheit besteht darin, den Willen [Gottes] zu tun, das zu sein, was Er von uns möchte» (Ms A, Bd. 2, 20). Diese geistige Übereinstimmung mit Therese wuchs immer weiter, bis Mutter Agnès von Jesus, die ältere Schwester der Heiligen, sagen konnte: «Ich habe nie einen Menschen gesehen, der meiner kleinen Schwester seelisch so ähnlich war, wie Pater Marie-Eugène.»

«Er spricht mit leiser Stimme zu uns»

Der Erste Weltkrieg brach aus; Henri kam an die Front. Im August 1919 nahm er das Studium am Seminar wieder auf, doch auf Grund seiner Lektüren von Heiligen aus dem Karmel (Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Therese vom Kinde Jesu) war bereits der Wunsch in ihm gekeimt, selbst Karmeliter zu werden. Er schrieb an seine jüngste Schwester: «Der Liebe Gott spricht nur unter seltenen Umständen direkt und eindeutig zu uns; normalerweise macht er sich in unserer Seele durch Eingebungen sowie durch Umstände, die er herbeiführt, verständlich. Er spricht durch die Blume zu uns, mit leiser Stimme, und zeigt uns, was wir ihm zu Gefallen tun können.» Nach seiner Priesterweihe am 4. Februar 1922 ging er am 24. in das Karmeliterkloster von Avon bei Paris. Nach einem strengen Noviziat, in welchem er den Vorrang des inneren Gebets gelernt hatte, legte er am 11. März 1923 sein erstes Ordensgelübde unter dem Namen Pater Marie-Eugène vom Kinde Jesu ab. «Das innere Gebet ist gewissermaßen die Sonne und der Mittelpunkt aller Tagesbeschäftigungen», schrieb er an einen Freund. «Jeden Abend hat man den Eindruck, man hätte sonst nichts Wichtiges getan. Das Gebet ist ein großer Trost hier und lässt mich alles Andere vergessen.» Was ist nun das innere Gebet? Die hl. Teresa von Avila antwortet: «Meiner Ansicht nach ist das innere Gebet nichts Anderes als ein freundschaftlicher Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt».

Die Jahre 1923-25 waren von der Selig- und Heiligsprechung von Schwester Therese von Lisieux geprägt; Pater Marie-Eugène freute sich sehr darüber. Am 29. April 1923, dem Tag der Seligsprechung, schrieb er an einen Seminaristenfreund: «Ich habe den Eindruck, dass das einer der schönsten Tage meines Lebens ist. Sehr alte und tiefe Wünsche gehen heute in Erfüllung. Die Verherrlichung der kleinen Schwester ist die Form, unter der ich mir die Verherrlichung Jesu am besten vorstellen kann. Die Mission der kleinen Seligen ist ein Überströmen der göttlichen Liebe in die Seelen, und zwar in der vom lieben Gott für unsere Zeit gewünschten Form.» Aus Anlass dieser beiden wichtigen Ereignisse sowie der Proklamation des hl. Johannes vom Kreuz zum Kirchenlehrer 1926 wurde Pater Marie-Eugène häufig zu Vorträgen und Predigten über die Spiritualität der bedeutendsten Vertreter des Karmels eingeladen. Als guter Kenner ihrer spirituellen Lehre veröffentlichte er 1949 und 1951 zwei Übersichtswerke hierzu: Je suis fille de l'Église (Ich bin Tochter der Kirche) und Je veux voir Dieu (Ich will Gott schauen).

Ein Gegenmittel gegen den Atheismus

Schon seit langem war Pater Marie-Eugène überzeugt, dass die Lehre der Heiligen vom Karmel allen zugänglich sei, wenn man sie nur in einer unserer Zeit angemessenen Form präsentierte. Er war gerade Leiter des Karmeliter-Juvenats von Tarascon, als er am Pfingstmontag 1929 von drei Lehrerinnen, darunter auch Marie Pila, aufgesucht wurde, die die Lehre des Karmels kennenlernen und das innere Gebet erlernen wollten. Er wurde sich bald darüber klar, dass Gott ihn dazu ausersehen hatte, ein Institut für sie zu gründen, doch er wusste ebenso gut, dass man «die Demut haben muss, den richtigen Moment, die richtige Art und Stunde sowie die Gnade des lieben Gottes abzuwarten, statt sich in Unternehmungen zu stürzen, die wegen ihres persönlichen Charakters zwangsläufig hochmütig würden.» Aus diesem Grunde wartete er bis Mai 1931, um eine Vortragsreihe über das Beten zu «Unserer Lieben Frau von Frankreich» in Aix-en-Provence zu beginnen. Er fand ein Publikum junger Frauen vor, die alle in das kontemplative Leben eingeführt werden wollten, ohne deshalb ihren Beruf aufzugeben. So entstand ein Säkularinstitut, das er auf dem Gut von Notre-Dame de Vie in Venasque (Diözese Avignon) unterbrachte und dessen Zweck das vom Propheten Elias verwirklichte Urideal des Karmels war: «Das kontemplative und apostolische Leben inmitten der Welt eng miteinander verknüpfen und jedes Apostolat mit innerem Gebet füllen, um den lebendigen Gott durch Wort und Tat zu bezeugen.» Jede dieser Frauen begann mit einem einjährigen Aufenthalt in der Einsamkeit von Notre-Dame de Vie; danach konnte sie den Geist der Kontemplation in ihr gesellschaftliches Milieu hinaustragen und sich dabei bemühen, ein Vorbild an beruflicher Kompetenz zu sein.

Pater Marie-Eugène ließ seine Schülerinnen im inneren Glaubensgebet Wurzeln schlagen, jenem einfachen Blick auf Gott, der seine barmherzige Liebe enthüllt. Er war ergriffen von folgendem Satz der hl. Therese vom Kinde Jesu: «Ich flehe Dich an, senke Deinen göttlichen Blick auf eine große Zahl kleiner Seelen herab, ich flehe Dich an, erwähle eine Legion kleiner Opfer, die Deiner Liebe würdig sind» (Ms B, Bd. 5, 42). So erklärte er: «Ich möchte, dass ihr dort hingeht, wo wir (Ordensleute) nicht hingehen können, auf die Straßen, ans Meer, in alle Kreise.» Das Institut wollte ein Gegenmittel gegen den praktischen Atheismus der Neuzeit werden: «In einer Welt, die den Sinn für Gott verloren hat und vielleicht immer weiter verliert, hat das Institut seinen Platz und seine desto dringendere Mission, je mehr Opfer der Atheismus dort macht: Der Atheismus schlägt uns nicht in die Flucht, im Gegenteil, er ruft uns auf den Plan, weil er nach einem Zeugnis ruft, welches die Existenz Gottes und seiner Rechte bekräftigt.» Denn je mehr Gott in der Welt in Vergessenheit gerät, desto mehr müssen wir Gott bezeugen. Die Menschen hungern nach Gott, ohne es zu wissen, und suchen blindlings nach ihm. «Sorgen wir dafür, dass sie zu Gott geführt werden!», pflegte der Pater zu sagen. Doch die Bedingungen für dieses Apostolat sind wie ein «Kampf zwischen zwei Triebkräften, zwischen zwei Reichen, dem Reich Gottes und dem Reich Satans. Damit die Kraft Gottes obsiegt, muss sie beim Apostel am stärksten und unbesiegbarsten sein. Diese eroberungslustige Kraft muss nicht nur fähig sein, den Kampf zu führen, sondern auch, sich zu regenerieren, um den Kampf fortzusetzen. Andernfalls wäre die Kontaktaufnahme anmaßend und würde zu einem Rückschlag für das Reich Gottes und vielleicht zum Verlust des Apostels führen.»

An Gott geklammert

Das innere Gebet ist also unverzichtbar: «Eine gewisse Gotteserfahrung ist nötig, um unseren Glauben zu stärken und an ihm inmitten all der Wogen, ja selbst inmitten all der inneren und äußeren Stürme, denen wir alle ausgesetzt sind, festzuhalten. Es ist unverzichtbar, dass wir Gott begegnen, mit ihm Kontakt aufnehmen, in enger Verbundenheit mit ihm leben und uns an Gott klammern, um nicht von der uns alle bedrohenden Flut mitgerissen zu werden. Dieses Festhalten an Gott durch den Glauben setzt voraus, dass man jeden Tag Gott Zeit widmet.» In der Tat betet man nicht, «wenn man Zeit hat, sondern man nimmt sich die Zeit, für den Herrn da zu sein», erklärt uns der Katechismus der Katholischen Kirche. «Man tut dies mit dem festen Entschluss, ihm diese Zeit nicht wieder wegzunehmen, auch wenn die Begegnung mühevoll und trocken sein mag» (Katechismus 2710). Gott Zeit weihen kann man nur, wenn man seinen Alltag so organisiert, dass Platz dafür freigehalten wird. Wie viel Zeit muss man dafür vorsehen? «Wenn man möchte, dass das innere Gebet einen gewissen Einfluss auf das Leben nimmt, so muss man anscheinend eine halbe Stunde rechnen. Wie man das organisiert? Man kann diese Zeit ja durch zwei, drei oder vier teilen, je nach Möglichkeit, und das Problem auf die Art lösen. Ich habe selbst viele Leute gesehen, die sehr beschäftigt waren, Familienmütter, Heimleiterinnen, Ordensleute, die aufreibende Tätigkeiten ausübten, Regierungsgeschäfte mit einer schweren entsprechenden Belastung führten, und die doch ihre zwei oder drei Stunden inneres Gebet in ihren Tagesablauf einfügen konnten.» Wie ist das möglich? Der hl. Franz von Sales erklärt, dass die Menschen, die das innere Gebet pflegen, leistungsfähiger sind, da die mit Gott verbrachte Zeit eine geistige Entspannung herbeiführt, die die Fähigkeiten verfeinert und vervollkommnet, selbst vom menschlichen Standpunkt aus. Hinzukommt, dass der Mensch, der sein Augenmerk oft auf ewige Wahrheiten richtet, in seinem Leben besser Prioritäten setzt und Unnützes ausmerzt. Er erwirbt zudem die Fähigkeit, sein Gebet auch während anderer Beschäftigungen fortzusetzen: «Selbst auf dem Marktplatz oder auf einem einsamen Spaziergang ist es möglich, oft und eifrig zu beten. Auch dann, wenn ihr in eurem Geschäft sitzt, oder gerade kauft oder verkauft, ja selbst wenn ihr kocht» (Hl. Johannes Chrysostomus). All das gewinnt noch an Profil, wenn man berücksichtigt, dass das Gebet lebensnotwendig ist; der Mensch, der sich nicht vom Heiligen Geist führen lässt, verfällt leicht der Knechtschaft der Sünde. «Wer betet, wird sicherlich gerettet; wer nicht betet, verdammt sich sicherlich» (Hl. Alphons v. Liguori; vgl. Katechismus 2743-2744).

Eine angemessene Askese

Das Anlaufen des neuen Werkes befreite Pater Marie-Eugène nicht von der schweren Verantwortung für die ihm vom Karmeliterorden übertragenen Aufgaben. Nachdem er in mehreren Klöstern das Amt des Priors innegehabt hatte, wurde er 1937 zum Generaldefinitor des Karmeliterordens in Rom gewählt. Da er nun häufig abwesend war, vertraute er die Leitung seines Instituts Marie Pila an, einer starken, sehr ausgeglichenen Persönlichkeit von großem intellektuellen Format, die sich mit vollem Einsatz der Gründung widmete. Der Aufenthalt von Pater Marie-Eugène am Generalat in Rom wurde durch den Kriegsausbruch 1939 abgebrochen, da er nach Frankreich zurückgerufen wurde. Nach seiner Demobilisierung Ende 1940 blieb er, da er nicht nach Rom zurückkehren konnte, in Tarascon und widmete sich bis Kriegsende der Verwaltung der französischen Ordensprovinz. In dieser Zeit schloss sich eine Gruppe junger Mädchen dem Institut Notre-Dame de Vie an; sie wurde zu dessen erstem Kern. Der Pater entwarf für diese Mädchen, die in der Welt die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams halten wollten, die Grundzüge eines Ausbildungsplans. Als überaus realistischer Pädagoge sah er für die Zeit der Ausbildung neben Handarbeit auch Spaziergänge und Erholungspausen vor; das sorgte für eine für das spirituelle Wachsen so notwendige schwesterliche Atmosphäre, selbst wenn es Krisen gab: «Heiligkeit beweist man nicht, indem man keine Versuchungen hat oder keinen Überdruss verspürt, sondern indem man immer weiter vorwärts schreitet, reagiert und auf Gott zugeht.» Er erzog sie ebenso zu einer dem Temperament einer Jeden sowie den Problemen unserer Zeit angemessenen Askese. Er spornte sie nie zu irgendwelchen spektakulären Bußübungen an, sondern schlug ihnen eine «Askese im Kleinen» vor, die man als das «Ertragen der Mühen unseres Standes» umschreiben könnte: «Wenn Sie die von Gott in jeden Tag und jede Stunde des Lebens eingefügten Prüfungen, Sorgen, Leiden und Mühen auf sich nehmen können, werden Sie genug Gelegenheit zur Askese bekommen, Sie müssen gar nicht erst nach anderen suchen.»

Ein uneingeschränktes Christentum

Nach Kriegsende reiste der Pater sofort nach Rom. Die von Papst Pius XII. verkündete Apostolische Konstitution Provida Mater Ecclesia, die eine offizielle Anerkennung der Säkularinstitute beinhaltete, ermöglichte die kanonische Gründung von Notre-Dame de Vie am 15. August 1948. «Die Säkularinstitute sind heute die große Armee, die die Kirche auf das Schlachtfeld der Welt entsendet», sagte Papst Paul VI. später. «Die Mitglieder tauchen in die so heterogene, so verworrene und so ungeordnete menschliche Wirklichkeit ein, um sie von innen her zu heiligen und Gott gemäß zu gestalten.» Es dauerte noch bis zum 24. April 1962, bis das dann um einen männlichen und einen priesterlichen Zweig erweiterte Institut nach päpstlichem Recht anerkannt wurde. Am 23. Februar 1948 wurde Pater Marie-Eugène zum Apostolischen Visitator für die Unbeschuhten Karmelitinnen in Frankreich ernannt. In sechs Jahren besuchte er 150 Klöster. 1954 wurde er Generalvikar seines Ordens. In dieser Eigenschaft reiste er in den folgenden Jahren nach Kairo, auf die Philippinen, nach Vietnam, Indien und Palästina. Auf diesen Reisen bemühte er sich darum, Menschen anderer Kulturen von Grund auf kennenzulernen. «Man muss ihnen ein uneingeschränktes Christentum schenken, ihre Kultur christianisieren, dabei aber die menschlichen Werte dieser hochstehenden Kulturen respektieren und sogar hervorheben, wie die Kirche das bei der griechischen und lateinischen Kultur gemacht hat», sagte er. «Ziel dieser Anpassung ist die Übersetzung einer zu allen Zeiten guten und notwendigen Lehre in eine für das Publikum klare Sprache und in eine seinen Bedürfnissen angepasste Form. Diese Aufgabe ist gigantisch. Sie setzt eine vollkommene Beherrschung der Lehre voraus, und zwar nicht nur auf verbaler Ebene, sondern über die Begriffe und selbst die Definitionen hinaus so, dass sie die gemeinte Wirklichkeit erfasst.» Der Pater warnte gleichzeitig den heutigen Apostel vor der Versuchung, die katholische Lehre dem Tagesgeschmack anzupassen, um sie annehmbarer zu machen: «Die größte Sünde besteht gerade darin, die Botschaft nicht vollständig weiterzugeben. Die christliche Botschaft zu verstümmeln, ist nicht nur ein Verbrechen gegen Gott, sondern auch gegen die Seelen. Christus hat seine Botschaft nicht versüßt, um sie akzeptabel zu machen.»

«Ich schaue Ihn an, und Er schaut mich an»

Da Pater Marie-Eugène sich auch für die intellektuelle Bildung aller Mitglieder des Karmeliterordens interessierte, verfolgte er die Errichtung eines internationalen Kollegiums in Rom, des Teresianums, mit Aufmerksamkeit. Die allgemeine kulturelle Entwicklung machte eine gründliche theoretische Ausbildung der jungen Karmeliter notwendig, meinte der Pater, doch gleichzeitig betonte er, dass diese mit einem Leben des Gebets und der Kontemplation einhergehen müsse, um zu einem besseren Erkennen des Herrn zu führen. «Die 'Beschauung' [Kontemplation] ist gläubiges Hinschauen auf Jesus. 'Ich schaue ihn an, und er schaut mich an', sagte ein Bauer von Ars, der vor dem Tabernakel betete, zu seinem heiligen Pfarrer. Dieses aufmerksame Schauen auf Jesus ist Verzicht auf das 'Ich', denn der Blick Jesu reinigt das Herz. Das Licht seines Antlitzes erleuchtet die Augen unseres Herzens und lässt uns alles im Licht seiner Wahrheit und seines Mitleids mit allen Menschen sehen. Die Kontemplation sieht auf die Mysterien des Lebens Christi und lernt auf diese Weise 'die innere Erkenntnis des Herrn', um ihn mehr zu lieben und ihm besser nachzufolgen (Vgl. Hl.Ignatius, Geistliche Übungen Nr. 104)» (Katechismus 2715).

Nach seiner Ablösung in Rom durfte Pater Marie-Eugène nach Frankreich zurückkehren und erhielt 1961 die Erlaubnis, sich in Notre-Dame de Vie niederzulassen. Nach so vielen Mühen machte sich große Müdigkeit bei ihm bemerkbar. «Man braucht dieses Gefühl der Schwäche, der Armut, der körperlichen Ohnmacht», sagte er. «Es tut gut, unsere Schwäche zu fühlen, damit wir um Barmherzigkeit bitten! Merkt euch das. Der liebe Gott hat mich hier bei euch untergebracht, damit ich euch zeige, wie man die Schwäche nutzt. Auf diesen Weg kehrt man freudig, mit erfüllter Seele zurück.» In diesem Sinne hatte sich auch die hl. Therese vom Kinde Jesu geäußert: «O du Leuchtturm der Liebe, ich weiß, wie man zu dir kommt, ich habe herausgefunden, wie ich mir deine Flamme aneignen kann. Ich bin nur ein Kind, hilflos und schwach, doch gerade meine Schwäche gibt mir den Mut, mich deiner Liebe als Opfer darzubieten, o Jesus!» (Ms B, Bd. 3, 36).

«Unser Ziel ist die Heilige Dreifaltigkeit!»

Die Kräfte von Pater Marie-Eugène ließen nach. Nach einem Kreislaufzusammenbruch im Februar 1962 erholte er sich so weit, dass er 1963 das Amt des Provinzials übernehmen und verschiedene Länder besuchen konnte, in die sich das Institut ausdehnte. Im Februar 1965 geriet er wegen erneuter Gesundheitsprobleme in Todesgefahr. Aus diesem Anlass schrieb er an seine geistigen Kinder: «Mein Vermächtnis an euch lautet: Möge die Gnade des Heiligen Geistes auf euch herabsteigen, damit ihr alle sobald wie möglich sagen könnt, der Heilige Geist sei euer Freund, der Heilige Geist sei euer Licht, der Heilige Geist sei euer Lehrer.» Da sich sein Gesundheitszustand besserte, konnte der Pater erneut seine Arbeit aufnehmen; das Jahr 1966 verging mit Reisen und der Leitung von Exerzitien. Ende Dezember zwang ihn seine Erschöpfung zum Aufhören. Am Gründonnerstag 1967 wurde ihm die heilige Kommunion ans Bett gebracht. Am Karfreitag empfing er das Krankensakrament und murmelte: «Mein Gott, ich liebe dich! Jesus, ich liebe dich! Mir scheint, ich liebe euch vollkommen und bin euch ähnlich! Jede Minute, die vergeht, liebe ich euch noch mehr. Er hat mir alles geschenkt, der liebe Gott. Die Tiefe Gottes ist die Liebe.» Am Abend des Ostersonntags seufzte er auf: «In deine Hände, Herr, befehle ich meinen Geist.» Am Ostermontag, dem 27. März 1967 verschied Pater Marie-Eugène, um, wie er selbst zu sagen pflegte, «in die Umarmung des Heiligen Geistes» einzugehen. In Rom wird zur Zeit ein Seligsprechungsprozess für ihn geführt.

«Für viele Leute, selbst Christen, gilt Gott nicht mehr als Ziel unserer Existenz», stellte Pater Marie-Eugène traurig fest. «Doch der Mensch hat eine übernatürliche Berufung. Unser Ziel ist die Heilige Dreifaltigkeit!» Gerade das Gebet lenkt uns auf dieses letzte Ziel zu, indem es uns bereits hier auf Erden in eine lebendige Beziehung zu Gott bringt. Dadurch, dass wir ihm jeden Tag Zeit widmen, bekennen wir uns zu dem, von dem wir alles haben und zu dem wir in der Stunde unseres Todes zurückkehren müssen. Unsere Taufe wird dann nicht nur für uns Früchte tragen, sondern auch für das Heil vieler Seelen. Denn «eine vom lieben Gott erfüllte Seele kann nicht anders, als Ihn weiterzugeben», sagte Pater Marie-Eugène immer wieder gern. Wenn wir nicht beten können, so rufen wir die Allerseligste Jungfrau, die Königin des Karmels, an. Denn «überall, wo Gott der Vater ist, ist Maria die Mutter. Überall, wo der Heilige Geist Liebe verbreitet, arbeitet sie in ihrer Mutterrolle an seinem Werk mit.» Wenden wir uns auch an den hl. Josef, der von der hl. Teresa von Avila allen als Lehrmeister des inneren Gebets empfohlen wurde. In einer den vergänglichen Zerstreuungen des Materialismus verfallenen Welt mögen Unsere Liebe Frau und der hl. Josef unsere Herzen für das Licht des Heiligen Geistes öffnen!

Dom Antoine Marie osb

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