Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


[Cette lettre en français]
[This letter in English]
[Deze brief in het Nederlands]
[Esta carta en español]
[Questa lettera in italiano]
4. November 2004
Hl. Karl Borromäus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

1928 wurden von den in den hohen Norden Russlands verbannten katholischen und orthodoxen Priestern überaus wertvolle und herzliche Konferenzen abgehalten. Bei dieser Gelegenheit erläuterte ein katholischer Priester, Pater Fedorow, an Hand von Büchern, die er sich von orthodoxen Mönchen geliehen hatte, die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes. Nach einer langen Diskussion stellte Erzbischof Hilarion, ein Mitarbeiter des Moskauer Patriarchen, fest: „So verstanden sehe ich keinen Grund mehr für die orthodoxe Welt, dieses Dogma abzulehnen.« Leonid Fedorow wurde am 27. Juni 2001 vom Papst seliggesprochen.

Leonid Fedorow wurde am 4. November 1879 in einer orthodoxen Familie geboren. Sein Vater starb früh, so dass die Mutter das Restaurant der Familie in Sankt Petersburg allein weiterführen musste. Leonid war ein sanfter, empfindlicher Junge. Seine Mutter bemühte sich sehr, ihn mit der christlichen Frömmigkeit vertraut zu machen. Von unabhängigem und idealistischem Temperament, las der junge Mann jedoch begierig die Werke französischer, italienischer und deutscher Schriftsteller. Nachdem er sich mit hinduistischer Philosophie beschäftigt hatte, dachte er: „Wozu ist dieses wertlose Leben gut? Wozu die Aktivität, die Betriebsamkeit, die Begeisterung und das Streben? Ist die ewige Ruhe der Nirwana nicht besser, wo alles Bemühen erlischt und wo der ewige Friede der Auflösung im Nichts herrscht?« Doch diese Gemütszustände gingen vorbei. Unter dem Einfluss eines orthodoxen Priesters, der Tugend, Wissen und ein großes pädagogisches Talent in sich vereinte, kam die Seele des jungen Mannes zur Ruhe; nach dem glänzenden Abschluss der weiterführenden Schule wechselte Leonid Fedorow auf die kirchliche Akademie, eine theologische Hochschule, über.

Der Wunsch nach Versöhnung

Frau Fedorows Restaurant war ein Treffpunkt für Intellektuelle. Unter ihnen befand sich ein brillanter junger Philosophieprofessor, Wladimir Solowjew, der die Verantwortung der Christenheit betonte und vehement für die Rückkehr zu einem einheitlichen Christentum sowie für die Versöhnung Russlands mit dem Papsttum eintrat. Leonid fühlte sich von ihm geradezu erleuchtet. „Ich war bereits zwanzig Jahre alt, als ich durch die Lektüre der Kirchenväter und der Historiker endlich die wahre universelle Kirche entdeckte«, schrieb er später. Doch die russische Gesetzgebung machte den Übertritt eines Orthodoxen zum Katholizismus praktisch unmöglich.

Die russisch-orthodoxe Nationalkirche war in der Tat sehr eng mit der weltlichen Macht verwoben. Sich von ihr loszusagen, kam einer Trennung von der russischen Volksgemeinschaft gleich. Faktisch waren die russischen Katholiken so gut wie alle ausländischer, größtenteils polnischer Herkunft; die Sprache der Katholiken war polnisch, ihr Ritus lateinisch. Für die Russisch-Orthodoxen wurde der lateinische Ritus von denen gepflegt, die den Primat des Papstes anerkannten, während der byzantinisch-russische Ritus gewissermaßen zum unveräußerlichen Familienerbe gehörte.

Bei seiner Suche nach der Wahrheit kam Leonid mit dem Rektor der katholischen Hauptkirche in Sankt Petersburg ins Gespräch und beschloss dann, zum Katholizismus überzutreten und zu diesem Zweck ins Ausland zu gehen. Am 19. Juni 1902 brach er nach Italien auf. In Lemberg in Galizien besuchte er den katholischen Metropoliten nach östlichem Ritus, Andrej Scheptitzky, der ihm ein Empfehlungsschreiben an Papst Leo XIII. mitgab. Leonid traf im Laufe des Juli 1902 in Rom ein und legte am 31., dem Fest des hl. Ignatius von Loyola, in der Gesù-Kirche sein katholisches Glaubensbekenntnis ab. Bald danach empfing ihn der Heilige Vater in Privataudienz, segnete ihn und gewährte ihm ein Stipendium für sein Priesterstudium.

Leonid kam in das 50 km südlich von Rom gelegene und von Jesuiten geführte Seminar von Anagni. Mitunter war er durch den südländischen Überschwang seiner Gefährten irritiert, doch er bemühte sich, nicht darüber zu schimpfen und sich den für ihn völlig neuen Regeln zu unterwerfen. „In Rom kennt man Russland so wenig«, pflegte er zu sagen. „Russland steht Rom faktisch viel näher als die protestantischen Länder, doch jede Ungeschicklichkeit Russland gegenüber kann der Sache der Einheit ernsthaft schaden.« Nach drei Jahren Studium promovierte er zum Doktor der Philosophie und wandte sich dem Theologiestudium zu. „Meine Studienjahre waren eine regelrechte Offenbarung für mich«, schrieb er später. „Das asketische Leben, die Regelmäßigkeit, die tiefe geistige Arbeit, die mir dabei abverlangt wurden, meine fröhlichen und begeisterungsfähigen Gefährten, die durch die atheistische Literatur der Zeit noch nicht verdorben waren, und das ebenfalls so lebendige, kluge und von wahrer christlicher Kultur geprägte italienische Volk brachten mich wirklich wieder auf die Beine und schenkten mir neue Kraft.« Er setzte aber hinzu: „Mir gingen die Augen in Bezug auf die in der katholischen Kirche herrschende Ungleichheit zwischen den verschiedenen Riten auf, und meine Seele empörte sich über die Ungerechtigkeit der Lateiner gegen die Orientalen, über ihre allgemeine Unkenntnis der östlichen spirituellen Kultur.« Für viele katholische Priester der damaligen Zeit galt der lateinische Ritus in der Tat als der katholische Ritus schlechthin; andere Riten waren lediglich geduldet. Leonid war anderer Ansicht: „Als ich über die Belehrungen des Metropoliten Scheptitzky nachdachte, merkte ich, dass meine wahre Aufgabe als Katholik in der unerschütterlichen Treue zum russischen Ritus und zu den russischen religiösen Traditionen bestand. Das war eindeutig der Wunsch des Kirchenführers.« Leonid wurde deswegen nicht engstirnig: Er begeisterte sich für sämtliche Initiativen der westlichen Kirche.

Russland stand indessen kurz vor der Revolution. Ende Oktober 1905 wurden dem Zaren Konzessionen abgerungen, insbesondere die Anerkennung der Gewissensfreiheit. Als jedoch eine überaus mutige Person, Fräulein Uschakow, in Sankt Petersburg eine katholische Kapelle nach östlichem Ritus einrichtete, wollte die Regierung ihre Initiative nicht genehmigen. „In Russland durfte man Moscheen, buddhistische Pagoden, protestantische Kirchen jeder Art, eine ganze Reihe von Freimaurerlogen und sogar katholische Kirchen nach lateinischem Ritus bauen, aber eine katholische Kirche nach russischem Ritus niemals! Sie hätte zu viel Zulauf bekommen können!«, schrieb ein Zeitzeuge.

Sofortiger Umzug

1907 erhielt Leonid durch ein päpstliches Dekret die offizielle Anerkennung seiner Zugehörigkeit zum byzantinischen Ritus. Dieses Dekret des hl. Papstes Pius X. markierte eine Wende im apostolischen Wirken der katholischen Kirche in Russland, denn russische Katholiken konnten fortan offiziell von Rom anerkannt werden und dabei an ihrem eigenen, byzantisch-russischen Ritus festhalten. Als Leonid im Frühjahr 1907 die Verlängerung seines Reisepasses beantragte, erhielt er von der russischen Regierung die Antwort: „Wenn Leonid Fedorow nicht auf der Stelle die von den Jesuiten geführte Anstalt verlässt, wird ihm die Rückkehr nach Russland für immer untersagt!« Leonid verließ Anagni und zog in ein Kollegium nach Rom. Er befand sich nun in einem internationalen Milieu, das ihn die Universalität der katholischen Kirche hautnah spüren ließ.

Im Sommer 1907 reiste Leonid zum ersten Kongress von Velehrad nach Mähren, zu dem Spezialisten für östliche Fragen zusammenkamen, um „den Weg zu Frieden und Eintracht zwischen Orient und Abendland zu bahnen, kontroverse Fragen zu beleuchten, Vorurteile zu korrigieren, Feindseligkeiten abzubauen und volle Freundschaft herzustellen«. Er wurde mit einer dringenden Mission zu Gunsten der griechisch-katholischen Auswanderer in den Vereinigten Staaten betraut; da diese von den dortigen Landesbischöfen nicht richtig verstanden wurden, wandten sie sich in großer Zahl der orthodoxen Kirche zu. Leonid intervenierte für sie beim Heiligen Stuhl, der ihnen im Mai 1913 einen ihren Bedürfnissen entsprechenden juristischen Status zugestand.

Am Ende des Schuljahres 1907-1908 musste Leonid nach erneutem Drängen der russischen Regierung Rom verlassen; er begab sich inkognito in die Schweiz nach Fribourg, um dort sein Studium abzuschließen. Im Sommer 1909 kehrte er nach Sankt Petersburg zurück, wo er tiefbewegt seine Mutter wiedersah, die sich mittlerweile ebenfalls zum katholischen Glauben bekannt hatte. Zur gleichen Zeit bat Metropolit Scheptitzky Papst Pius X. um die Gerichtshoheit über die griechisch-katholischen Russen. Sie wurde ihm gewährt, so dass Letztere nun nicht mehr polnischen Bischöfen unterstanden, die sich zum lateinischen Ritus bekannten.

Ein Teufelswerk verschwinden lassen

Am 26. März 1911 wurde Leonid zum Priester geweiht. Am 27. Juli nahm er am Kongress von Velehrad teil, wo ihm das Fehlen orthodoxer Würdenträger Kummer bereitete; er schrieb an sie: „Wir möchten uns der wissenschaftlichen Forschung bedienen, um den Weg für eine gegenseitige Annäherung freizumachen. Die Velehrader Kongresse stellen keine rein konfessionelle (d.h. nur für Katholiken vorbehaltene) Veranstaltung dar, sondern vielmehr eine Zusammenkunft von Wissenschaftlern, die von religiösem Geist beseelt und davon überzeugt sind, dass die Uneinheit ein Teufelswerk ist, das man verschwinden lassen muss.«

Unterdessen fühlte sich Leonid Fedorow seit mehreren Jahren zum Klosterleben hingezogen. Im Mai 1912 wurde er in ein Kloster aufgenommen, in dem sich das Leben zwischen Gottesdienstfeiern nach byzantinischem Ritus und Feldarbeit abspielte. Dank seiner robusten Gesundheit und seines verträglichen Charakters passte er sich fast mühelos dem asketischen Lebensrahmen an. Er fand Gefallen an der Abgeschiedenheit von der Welt und der inneren Sammlung, wenngleich er das Theologiestudium sowie Informationen über die politische Lage vermisste. Er entdeckte in sich eine gewisse Härte gegenüber seinem Nächsten, die man ihm auch unverzüglich vorhielt und gegen die er erfolgreich ankämpfte. „Er redete sehr sanft«, konnte einer seiner Mitbrüder von ihm sagen. „Er war immer völlig ausgeglichen.«

Im Sommer 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Pater Leonid kehrte schnellstmöglich nach Sankt Petersburg, nunmehr Petrograd, zurück. Dort wartete eine schmerzhafte Überraschung auf ihn: Die Regierung verbannte ihn wegen seiner „Verbindungen zu Feinden Russlands« nach Tobolsk in Sibirien. Pater Leonid mietete sich dort ein Zimmer und fand eine Anstellung bei der örtlichen Verwaltung. So vergingen die Jahre 1915 und 1916, wobei er wegen eines heftigen Anfalls von Gelenkrheuma lange ans Bett gefesselt war. Doch der Krieg hatte die nationale Wirtschaft zerrüttet; das Volk litt unter einer Lebensmittelknappheit. Im Februar 1917 brach die Revolution aus. Zar Nikolaus II. dankte am 2. März ab. Eine provisorische Regierung verkündete eine Generalamnestie für Vergehen religiöser Art und schaffte sämtliche Einschränkungen der Kultusfreiheit ab. Auch Metropolit Scheptitzky kam frei und widmete sich der Reorganisation der russischen Katholiken. Zu seinem Exarchen, d.h. zum Vertreter seiner religiösen Hoheit für das Gebiet Russlands, bestimmte er Pater Leonid. Dieser kehrte nach seiner Freilassung nach Petrograd zurück. Der Metropolit wollte ihm die Bischofsweihe antragen, doch Pater Leonid lehnte ab.

Ein russischer Katholiknach byzantinischem Ritus

Der neue Exarch nahm seine pastorale Arbeit in der Sorge um die Rückkehr der Orthodoxen zur katholischen Einheit auf. Für ihn musste die wahre Lösung in einer Versöhnung mittels der Hierarchien gesucht werden. Seine kleine Gemeinde bewies praktisch, dass man Katholik sein, zugleich Russe bleiben und am orientalischen Ritus festhalten konnte. Am 25. Oktober stürzten jedoch die Bolschewiken die Regierung und setzten einen radikalen Umbau der gesellschaftlichen Ordnung ins Werk. Es folgten fünf Jahre Entbehrungen, Kämpfe und Ängste. Anfang 1919 schrieb Pater Leonid an einen Freund: „Dass ich noch am Leben bin und unsere Kirche noch existiert, führe ich auf ein Wunder von Gottes Güte zurück. Eine große Anzahl unserer russischen Katholiken ist an Unterernährung gestorben. Andere sind in alle Winde zerstreut, um der Kälte und dem Hunger zu entgehen.« 1918 verlor er zunächst seine Mutter, dann Fräulein Uschakow. Er lernte allerdings eine hochgebildete Universitätsprofessorin kennen, Fräulein Danzas, die ihn nach ihrer Bekehrung zum Katholizismus mit bemerkenswerter Hingabe unterstützte.

Sein Apostolat konzentrierte sich auf drei Zentren: Petrograd, Moskau und Saratow, wo insgesamt etwa 200 Gläubige wohnten; zu diesen kamen weitere 200 hinzu, die auf dem riesigen russischen Territorium verstreut lebten; die Zahl derer, die aus Russland geflohen oder verstorben waren, schätzte er auf 2000. Fräulein Danzas schrieb über Pater Leonid: „Die Gottesliebe und der inbrünstige Glaube des Exarchen zeigten sich bereits in seiner Art, die heilige Liturgie zu feiern. Vor allem dadurch gewann er die Menschen. Als Prediger war er seinen Zuhörern nicht immer gewachsen; er war vor allem Theologe und hatte manchmal Schwierigkeiten, sich auf das Niveau eines aus einfachen Leuten bestehenden Publikums zu begeben. Als Beichtvater war er großartig; alle, die Gelegenheit hatten, ihm ihre Gewissensnöte zu offenbaren, erinnerten sich gerührt an die Art und Weise, wie er in diesem Dienst aufging.«

Der Sommer 1921 war außergewöhnlich trocken; zusammen mit der Agrarpolitik der Regierung führte das zu einer entsetzlichen Hungersnot und hatte um die 5 Millionen Hungertote zur Folge. Der Heilige Stuhl beauftragte den Jesuitenpater Walsh mit der Organisation von Hilfssendungen über die Adresse einer amerikanischen Vereinigung. In wenigen Wochen wurden dank großzügiger Spenden von Katholiken aus aller Welt Tausende von Russen gerettet. Pater Leonid traf den Jesuiten persönlich; es entstand eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden. Auf Anregung des Exarchen schickte Pater Walsh Lebensmittel auch an orthodoxe Geistliche in Gebieten, in denen diese Hunger litten.

Die Verwirrung und die Verfolgung der Christen in Russland machten die Vorteile einer Einheit mit der übrigen christlichen Welt und insbesondere dem Papst nachhaltig deutlich. Es wurden von orthodoxen und katholischen Würdenträgern gemeinsam unterzeichnete Protestschreiben an die Regierung gerichtet, um die gemeinsamen Interessen zu verteidigen, was in der Geschichte Russlands noch nie vorgekommen war. Man plante gemeinsame apologetische Konferenzen, um gegen die atheistische Propaganda vorzugehen. Pater Fedorow verfasste ein kurzes Gebet, das sowohl von Katholiken als auch von Orthodoxen bedenkenlos gebetet werden konnte.

Doch die Regierung intensivierte die Verfolgung. Den Priestern wurde untersagt, Religionsunterricht zu erteilen. In den Schulen wurde offiziell der Atheismus vertreten. Unter dem Vorwand, für die Hungernden Nahrungsmittel zu kaufen, wurden die Kirchen durch die staatliche Obrigkeit ihrer geweihten Gefäße und kostbaren Gegenstände beraubt. Anfang 1923 erhielt Pater Fedorow den Befehl, zusammen mit anderen Petrograder Kirchenleuten nach Moskau zu fahren, um dort vor dem höchsten Revolutionsgericht zu erscheinen. Man beschuldigte ihn, das Dekret zur Beschlagnahme der heiligen Gefäße unterlaufen, kriminelle Beziehungen zum Ausland unterhalten, Minderjährigen Religionsunterricht erteilt und schließlich konterrevolutionäre Propaganda betrieben zu haben.

Was das Gesetz dazu auch sagt ...

Der Prozess begann am 21. März und dauerte fünf Tage. Der Ankläger konnte seinen Hass kaum zügeln: „Ich spucke auf eure Religion wie ich auf alle Religionen spucke.« An den Exarchen gewandt, fragte er: „Gehorchen Sie der sowjetischen Regierung oder nicht?« - „Wenn die sowjetische Regierung mir befiehlt, gegen mein Gewissen zu handeln, gehorche ich nicht. In Bezug auf die Unterweisung im Katechismus sagt die Lehre der katholischen Kirche, dass die Kinder Religionsunterricht erhalten müssen, was das Gesetz dazu auch sagt.« Gegen Ende des Prozesses erklärte der Staatsanwalt: „Fedorow hat die Zusammenkünfte mit dem orthodoxen Klerus angeregt. Er muss nicht nur dafür verurteilt werden, was er getan hat, sondern auch dafür, was er noch tun könnte.« Er beantragte die Todesstrafe. Der Exarch Fedorow verteidigte sich selbst. Er legte geschickt dar, dass dieser Prozess eine im Voraus abgekartete Farce war, doch er tat es ohne Bitterkeit, wie jemand, dessen Position so gesichert ist, dass er sich gar nicht verteidigen muss. Zum Schluss bemerkte er: „Ich wünsche mir von Herzen, unsere Heimat möge endlich begreifen, dass der christliche Glaube und die katholische Kirche keine politische Organisation darstellen, sondern eine Gemeinschaft der Liebe.« Sein Urteil lautete: zehn Jahre Haft.

Pater Leonid nutzte seine Gefängniszeit zum Verfassen zweier Katechismen auf Russisch. „Ich kann bezeugen«, schrieb Fräulein Danzas nach einem Besuch bei ihm, „dass seine Haltung noch ruhiger und freudiger war als sonst. Er sagte mir, er hätte sich noch nie so glücklich gefühlt.« Vom Gefängnis aus unterhielt der Pater eine kontinuierliche Korrespondenz mit den Gläubigen. Er pflegte auch seine Verbindungen zu den Orthodoxen: „Hier gibt es zwei orthodoxe Bischöfe und rund zwanzig Priester. Unsere Beziehungen sind ausgezeichnet.« Mitte September 1923 wurde Pater Leonid in ein anderes, weitaus strenger überwachtes Gefängnis verlegt. Er wurde in Isolationshaft gehalten. Im April 1926 konnte eine selbslose und energische Dame vom Roten Kreuz die Freilassung des Gefangenen erreichen. Doch schon im Juni wurde er erneut verhaftet und zu drei Jahren Verbannung auf die Solowki-Inseln im Weißen Meer (im äußersten Norden des europäischen Teils Russlands) verurteilt.

Die klimatisch sehr kalten und niederschlagsreichen Inseln des Archipels Solowki waren mit Wäldern bedeckt. Die Sowjets hatten das seit dem 15. Jh. dort bestehende orthodoxe Kloster in ein riesiges Gefängnis umgewandelt. Pater Fedorow kam Mitte Oktober 1926 dorthin. Die Gefangenen wurden jeden Morgen in den Wald geführt, wo sie als Holzfäller arbeiteten. Die Katholiken nach byzantinischem Ritus durften eine 30 Minuten Fußmarsch von den Unterkünften entfernte ehemalige Kapelle zum Beten benutzen. Vom Sommer 1927 an wurde dort sonntags die heilige Messe abwechselnd einmal nach lateinischem, einmal nach byzantinischem Ritus gefeiert.

Ein Priester schrieb später über den Exarchen Leonid: „Wenn wir ein bisschen Pause während der Zwangsarbeit einlegen konnten, scharten wir uns gerne um ihn; er zog uns an. Er zeichnete sich durch außerordentliche Höflichkeit und Schichtheit aus. Wenn er merkte, dass der Eine oder Andere von uns eine Zeit der Depression durchmachte, richtete er ihn auf, indem er in ihm die Hoffnung auf bessere Zeiten wachrief. Wenn er von außen materielle Hilfe bekam, pflegte er immer mit den Anderen zu teilen.«

Auf russischem Boden für Russland

Doch die Kapelle wurde Anfang November 1928 geschlossen und alles für den Gottesdienst Brauchbare beschlagnahmt. „Ich fragte damals den Exarchen, ob man das Heilige Messopfer auch unter der Androhung schwerer Strafen feiern sollte«, berichtete ein Priester. „Er antwortete mit folgenden denkwürdigen Worten: 'Vergessen Sie nicht, dass die heiligen Liturgien, die wir auf Solowki feiern, vielleicht die einzigen sind, die von katholischen Priestern auf russischem Boden für Russland nach russischem Ritus zelebriert werden. Wir müssen alles versuchen, um mindestens eine Messe pro Tag zu lesen'.« Im Frühjahr 1929 verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Exarchen Fedorow bedenklich; er wurde ins Lagerhospital aufgenommen. Zum Ausklang des Sommers ging seine dreijährige Lagerhaft zu Ende; er hatte allerdings noch drei Jahre Verbannung vor sich. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er bei Bauern im hohen Norden. Im Januar 1934 zog er in eine 400 km weiter südlich gelegene Stadt zu einem Bahnangestellten. Anfang Februar 1935 war er völlig erschöpft und hustete ununterbrochen; am 7. März gab er schließlich seine Seele an Gott zurück.

Mögen wir in der Nachfolge des seligen Leonid Fedorow die Einheit der Christen im einen Schafstall des Herrn zu unserem Herzensanliegen machen. „Alle Christgläubigen sollen sich bewusst sein, dass sie die Einheit der Christen umso besser fördern, ja sogar einüben, je mehr sie nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium streben. Je inniger die Gemeinschaft ist, die sie mit dem Vater, dem Wort und dem Geist vereint, umso inniger und leichter werden sie imstande sein, die gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen. Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist [...] in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden« (II. Vatikanum, Unitatis redintegratio, 7-8).

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  - Home Page

Webmaster © 1996-2017 Traditions Monastiques