Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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19. November 2003
Hl.Elisabeth von Thüringen


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Eines Tages im Jahre 1890 wurde im Refektorium eines Jesuitenklosters in der Ukraine ein Artikel über Leprakranke vorgelesen. Ein Novize stieß seinen Teller mit den Worten zurück: «Ich wundere mich, wie man so widerwärtige Sachen beim Essen vorlesen kann.» Sein Nachbar, der in völlig anderem Geiste zugehört hatte, war von der Schilderung der Leiden ergriffen. Einige Jahre später erzählte er seinem Beichtvater, Pater Beyzym, davon. Dieser wiederum war so erschüttert, dass er die Gelegenheit beim Schopfe packte und sogleich darum bat, bei Leprakranken in der Ferne dienen zu dürfen. «Ich weiß sehr wohl», schrieb er an den Ordensgeneral der Jesuiten, «worin die Lepra besteht und worauf ich gefasst sein muss; doch das schreckt mich nicht ab, im Gegenteil, es zieht mich an.»

Jan Beyzym wurde am 15. Mai 1850 im heute in der Republik Ukraine gelegenen Beyzymy Wielkie geboren. Loyal und fleißig bei der Arbeit, wurde er in seiner Jugend von großer Schüchternheit geplagt. Von zartester Jugend an teilte er die ganz besondere Marienverehrung seiner Familie. Jan gedachte in einer bescheidenen Landgemeinde Pfarrer zu werden, doch sein Vater lenkte ihn lieber zu den Jesuiten hin. Nach einem langen inneren Kampf trat er am 10. Dezember 1872 sein Noviziat in der Gesellschaft Jesu an. Während des zwei Jahre dauernden Noviziats machte sich Jan mit dem Ordensleben vertraut und befasste sich sowohl mit geistlichen Übungen als auch mit handwerklicher Arbeit und wohltätigen Werken. An ein hartes Leben gewöhnt, litt er nicht allzu stark unter der Disziplin, der er sich zu beugen hatte, doch in seinen mitmenschlichen Beziehungen blieb er etwas harsch. Nach Beendigung seines Noviziats studierte er bis zu seiner Priesterweihe am 26. Juli 1881 Philosophie und Theologie in Krakau, heute in Polen. Sein Glaubenseifer offenbarte sich in den Worten: «Wir arbeiten für Gott, für den Himmel, und wir dürfen uns in unserer Anstrengung und unseren Opfern nicht von denen übertreffen lassen, die für materielle Güter arbeiten bzw. nur für die Erde leben.»

«Lichten wir den Anker und los!»

Pater Beyzym wurde am Jesuitenkolleg in Tarnopol und später in Chyrow als Präfekt für die Schüler eingesetzt. Nachdem er zunächst Französisch und Russisch unterrichtet hatte, wurde er zum Leiter der Krankenabteilung ernannt, was ihm eine schwere Verantwortung und eine beinahe mütterliche Wachsamkeit über die zehn Krankenzimmer auferlegte, in denen die kranken Schüler untergebracht waren. Er ging von einem Bett zum andern und versuchte, Kranke und Rekonvaleszente durch Geschichten und Spiele zu zerstreuen, wodurch er die Moral der Kinder wie der Krankenpfleger stärkte. Sein entsagungsvolles Leben wurde durch Einfallsreichtum und Humor gemildert. Eines Tages begann ein stark fiebernder Schüler zu delirieren: Er wollte sich anziehen und sagte, er müsse unbedingt das Schiff nach Amerika erreichen. Der diensthabende Pfleger versuchte vergeblich ihn zur Besinnung zu bringen. Da trat Pater Beyzym hinzu: «Wo willst du denn so hin?» - «Zum Schiff.» - «Sehr gut; ich bin nämlich der Kapitän des Schiffes. Wir gehen zusammen.» Er nahm den Kranken auf den Arm und brachte ihn in einem anderen Zimmer zu Bett: «Wir sind jetzt glücklich an Bord angekommen, jetzt lichten wir den Anker und los!» Das völlig verstörte Kind beruhigte sich auf der Stelle.

In der Seele Pater Beyzyms kamen Energie und Sanftmut zusammen. Er gab sich Mühe, seine Verehrung für Maria an die Kinder weiterzugeben; eine seiner Ansprachen an sie begann folgendermaßen: «Die sicherste und notwendigste Hilfe für unsere Umkehr, für unsere Heiligung und für unser Heil ist die Verehrung der Allerseligsten Jungfrau Maria.»

Obwohl er ganz im Dienste der Kinder aufging, fühlte Pater Beyzym das Bedürfnis in sich wachsen, noch mehr zu lieben und sich mehr für die Unglücklichen aufzuopfern. Da bat er darum, sich dem Dienst an Leprakranken weihen zu dürfen. Sein Gesuch wurde bewilligt, und er wurde einer Mission in Madagaskar zugewiesen; am 17. Oktober 1898 verließ er sein Heimatland und kam am 30. Dezember in Tananarive an. Man übertrug ihm die Verantwortung für die Leprastation Ambahivoraka, 10 km nördlich der Stadt. Die 150 Leprakranken, die dort lebten, führten eine erbärmliche Existenz. Aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen, von Schmerzen geplagt, Hunger und Durst leidend, vegetierten sie in zerfallenen, fenster- und bodenlosen Baracken dahin und mussten die allernotwendigsten Dinge entbehren. In der Regenzeit lebten sie inmitten von Pfützen und Feuchtigkeit. Angesichts solcher Leiden betete Pater Beyzym zu Gott, er möge diesen Unglücklichen Linderung verschaffen, und wenn niemand ihn sah, vergoss er heiße Tränen, denn er konnte dieses menschliche Leid nicht ohne Rührung mit ansehen. Zu Beginn wohnte er in Tananarive und suchte die Leprastation nur drei- bis viermal pro Woche für Beerdigungen sowie für die Sonntagsmesse auf. Doch bald erhielt er die Erlaubnis, ständig unter den Leprakranken wohnen zu dürfen.

«Er hat keine Angst,die Wunden zu berühren!»

Um dringend notwendige Hilfe zu erhalten, schrieb Pater Beyzym zahlreiche Briefe an seine europäischen Mitbrüder und an seine Freunde. Darin stand: «Es gibt niemanden bei den Leprakranken, weder einen Arzt, noch einen Priester, auch keine Krankenschwester, absolut niemanden. Ich schlüpfe in alle Rollen hier: bin Geistlicher, Briefträger, Sakristan, Gärtner, Arzt. Was die Kleidung angeht: Jeder bedeckt sich, so gut er kann, mit einem alten Sack aus einer Ecke oder etwas Ähnlichem. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Reis, die Ration beträgt ein Kilo pro Person, das reicht gerade, um nicht zu verhungern. Das ist alles, was sie haben; es gibt weder Medizin noch Verbandmaterial, um die Verletzungen und Wunden zu verbinden. Nichts ... Es ist hier schwer, die Kranken zu pflegen, denn abgesehen von der Lepra haben sie auch Syphilis und Krätze und sind voller Flöhe. Das wundert mich allerdings nicht. Wie sollten diese Unglücklichen sich waschen und kämmen, wo sie doch keine Finger haben, weil sie wegen der Lepra abgefallen sind?... Wenn jemand über Bauchschmerzen klagt, so darf man ihn nicht fragen: 'Was hast du gegessen?' Sondern vielmehr: 'Hast du was gegessen? Und wann?...' Ich fühle mich unwohl, wenn ich an die große Zahl von Leuten denke, die aus einer Laune heraus so viel Geld für unbegreifliche Vergnügungen ausgeben, während es hier an allem mangelt.»

Pater Beyzym blutete noch wegen einer weiteren Sorge das Herz: «Was mich jedoch noch viel mehr bekümmert, ist ihr moralisches Elend, eine Folge ihres materiellen Zustands. Sie sind tausend Gelegenheiten zur Sünde ausgesetzt ... Ich sehe diese kleinen Kinder, die nicht nur nicht lernen, Gott zu lieben, sondern noch nicht einmal wissen, dass es einen Gott gibt, während die Großen ihnen schon beibringen, wie man ihn beleidigt!... Ich bete unausgesetzt zur Jungfrau Maria, sie möge sich erbarmen und helfen, diese Unglücklichen so schnell wie möglich zu retten ... Sobald die Liebe und das Vertrauen zur Allerseligsten Jungfrau in diesen armen Herzen verankert sind, werden wir gut gerüstet sein, und ich werde ihretwegen ruhig sein können.»

P. Beyzym ging auf die Kranken zu, verband ihre Wunden und rief damit bei Zeugen Bewunderung hervor: «Als ich zum ersten Mal ein Stück Leinen bekam und mich daran machte, die Wunde von einem von ihnen zu verbinden», schrieb er, «standen alle um mich herum, als gäbe es etwas Außergewöhnliches zu sehen, und die Einen sagten zu den Anderen: 'Sieh mal! Sieh doch! Er hat keine Angst, die Wunden zu berühren.'» Dieser Dienst erforderte allerdings eine heroische Selbstüberwindung: «Man muss stets mit Gott vereint bleiben und immerzu beten können ... Man muss sich ein bisschen an den üblen Geruch gewöhnen, denn hier riecht es nicht nach Blütenduft, sondern nach dem Gestank der Lepra ... Auch der Anblick der Wunden ist nicht sonderlich attraktiv. Wenn ich nach drei oder vier Stunden der Krankenversorgung an der frischen Luft vor den Baracken wieder nach Hause komme, spüre ich trotz gründlichen Waschens und gründlicher Desinfektion mit Phenol, dass alles, was ich an mir habe, immer noch einen üblen Geruch verströmt ... Anfänglich konnte ich die Verletzungen nicht anschauen, und mitunter passierte es mir, dass ich ohnmächtig wurde, wenn ich eine besonders widerwärtige Wunde gesehen hatte. Heute schaue ich mir die Wunden meiner unglücklichen Kranken an und berühre sie, wenn ich sie pflege oder die Krankensalbung mit dem heiligen Öl spende, ohne dass es mir was ausmacht. Um die Wahrheit zu sagen, empfinde ich durchaus etwas in meinem Herzen, wenn ich die Wunden versorge, aber nur, weil ich sie lieber selbst hätte, als dass ich sie an diesen unglücklichen Armen sehen müsste.»

Eine Manifestation von Freiheit

In der Nachfolge Christi, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, machte sich Pater Beyzym zum Diener. «Während in der heutigen Kultur derjenige, der dient, als unterlegen wahrgenommen wird, ist in der Heiligen Schrift der Diener derjenige, der von Gott dazu berufen ist, ein einzigartiges Werk des Heils und der Erlösung zu vollbringen, der weiß, dass er alles empfangen hat, was er hat und was er ist, und der sich daher berufen fühlt, das Empfangene in den Dienst der Anderen zu stellen», schreibt Papst Johannes-Paul II.; «dienen ist allen durch scheinbar kleine, aber in Wirklichkeit große Gesten möglich, wenn sie von einer aufrichtigen Liebe beseelt sind. Der wahre Diener ist demütig, er weiß, dass er unnütz ist (vgl. Lk 17,10), er sucht nicht nach seinen egoistischen Interessen, sondern verausgabt sich für die Anderen und erfährt dabei durch seine Selbsthingabe die Freude uneigennützigen Handelns» (Botschaft für den Tag der Berufungen am 11. Mai 2003).

So viel Nächstenliebe von Seiten Pater Beyzyms weckte volles Vertrauen in seine Worte, wenn er von Gott, dem ewigen Leben und der Lehre Jesu Christi sprach. So hatte nach einigen Monaten eine Vielzahl von Leprakranken um die Taufe nachgesucht und sie empfangen. Die Dankbarkeit des Paters der Seligsten Jungfrau gegenüber war tief: «Ich weiß nicht, ob ich jemals in der Lage sein werde, der Jungfrau Maria für ihren Schutz angemessen zu danken. Ich spreche gar nicht von den tausend anderen Gnaden, die sie mir erwiesen hat, sondern nur von der, mich im Dienste der Leprakranken einzusetzen.»

Seine Fortschritte in der madegassischen Spache erlaubten dem Pater bald die Abhaltung von ersten Exerzitien: «Wir haben gerade drei Einkehrtage nach der Methode des heiligen Ignatius beendet; mit drei Vorträgen pro Tag, Gewissenserforschung, Beichte und Kommunion ...», schieb er. «Unter den Leprakranken herrschten ein Schweigen und eine Sammlung, die unserer gebildetsten Exerzitienteilnehmer würdig wären. Ich danke unserer guten Mutter immerfort, viele meiner Kranken werden als wahre Katholiken leben und sterben.»

Tatsächlich ist in den vierzehn Jahren des Apostolats von Pater Beyzym nicht einer seiner Leprakranken verstorben, ohne die Krankensalbung empfangen zu haben. Die Leiden des Missionars schlugen sich in seiner apostolischen Fruchtbarkeit nieder. Über die täglichen Schwierigkeiten seines Lebens hinaus litt er stark unter «Heimweh»: «Ich sehne mich nach den alten Mitbrüdern in Polen, nach der Heimat; besonders nach unserem Haus und der Krankenstation mit unseren Knirpsen.» Viele Missionare machten solche inneren Leiden durch, die oft nur Gott allein kannte. «In der Heiligen Schrift», schreibt Papst Johannes-Paul II., «gibt es eine enge und augenfällige Verbindung zwischen Dienst und Erlösung, wie zwischen Dienst und Leiden, zwischen Diener und Lamm Gottes. Der Messias ist der leidende Knecht, der die Last der menschlichen Sünde auf seine Schultern nimmt, er ist das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird (Jes 53,7), um den Preis für die von der Menschheit begangenen Missetaten zu bezahlen und der Menschheit dadurch den Dienst zu erweisen, den sie am meisten braucht. Der Diener ist das Lamm: Man misshandelte ihn, und er beugte sich; er tat seinen Mund nicht auf (Jes 53,7); er zeigt dadurch eine außergewöhnliche Kraft: die Kraft, das Böse nicht mit Bösem zu vergelten, sondern mit Gutem. Das ist die sanfte Energie des Dieners, der seine Kraft aus Gott schöpft und der aus diesem Grunde von Ihm zum Licht der Völker und zum Bringer des Heils gemacht wird (vgl. Jes 49,5-6). Auf geheimnisvolle Weise ist die Berufung zum Dienen stets auch eine Berufung zu einer sehr persönlichen, sowohl belastenden als auch schwierigen Beteiligung am Heilswerk» (Ibid.).

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen

Trotz aller Bemühungen Pater Beyzyms blieb die Pflege der Leprakranken sehr unzulänglich. Also plante er die Errichtung eines Krankenhauses. Seine Vorgesetzten stimmten dem unter der Voraussetzung zu, dass er die nötigen Mittel dafür auftreibt. Der Missionar schickte Briefe in alle Welt; manche wurden im polnischen Blatt «Katholische Mission» veröffentlicht. Jahrelang gingen Spenden ein. Nach unzähligen Schwierigkeiten, die dank dem grenzenlosen Vertrauen in die göttliche Vorsehung überwunden wurden, fand der Pater ein passendes Grundstück in Marana bei Fiananrantsoa, einem abgelegenen und gesunden Ort, allerdings 400 km von der Leprastation entfernt, in der er wohnte. So wartete nun eine große Prüfung auf ihn, denn er musste die Leprakranken von Ambahivoraka verlassen. Er konnte zwar einen Platz in einer regierungseigenen Anstalt für sie besorgen, doch er hatte Angst um sie: «Da wurde mir in aller Brutalität die moralische Gefahr bewusst, in der alle, vor allem die Kinder, in dem staatlichen Heim schwebten (700 Leprakranke aus dem Bodensatz der Gesellschaft waren dort zwangsweise eingesperrt und wurden Tag und Nacht von der Polizei bewacht) ... Ich legte alle und jeden einzelnen unserer himmlischen Mutter ans Herz und weinte wie ein Kind. Wenn man bedenkt, dass ich nichts für sie tun konnte!»

Es war ein schmerzlicher Aufbruch. Als der Missionar im Oktober 1902 an seinem Ziel ankam, machte er sich gleich ans Werk und betreute nebenher eine neue Gruppe von Leprakranken. Der Bau schritt allmählich voran. Eines Tages geschah etwas Unerwartetes: Eine leprakranke Frau und zwei Männer baten, von einem langen Marsch erschöpft, darum, Pater Beyzym zu sehen. «Wo kommt ihr her? Wenn ihr hier aufgenommen werden wollt, müsst ihr erst zur Untersuchung zum Arzt nach Fianarantsoa und mit einer Bescheinung wiederkommen.» - «Du sprichst, als würdest du uns nicht kennen», sagte die Frau. - «Aber gewiss, ich kenne euch nicht.» - «Erinnere dich an Ambahivoraka, und du wirst uns wiedererkennen.» - «Als ich das hörte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte meine Vögelchen nicht erkannt, zunächst, weil ich sie seit zwei Jahren nicht gesehen hatte, dann wegen ihres so jämmerlichen Aussehens und schließlich, weil ich ihnen eine so lange Reise niemals zugetraut hätte. Ihr könnt euch mein Herzklopfen und meine Freude über ihr Kommen vorstellen! ... Als nach einigen Tagen meine Reisenden sich ein bisschen erholt hatten, beichtete die mutige Frau und empfing die heilige Kommunion; danach übergab ich ihr alles, was ich konnte, für den Weg, segnete sie und schickte sie los, den Rest meiner herrenlosen Lieben herzuholen.» Einige Wochen später trafen nach und nach die ehemaligen Kranken aus Ambahivoraka ein: «Ich empfange sie, als wären sie meine engsten Verwandten.»

Doch gleichzeitig mit diesen Freuden wurden dem Pater auch Heimsuchungen zuteil, die er Splitter vom Kreuze Jesu nannte. Manche fanden seine Pläne zu gewagt; der örtliche Bischof ließ sich von ihren Einwänden beeindrucken und zögerte, die notwendigen Genehmigungen zu erteilen. Dann war in Regierungskreisen die Rede davon, alle Heime zu verstaatlichen. Doch das Vertrauen Pater Beyzyms in den Schutz Mariä, der Trösterin aller Betrübten, ließ ihn standhaft bleiben. Auch das Gebet des heiligen Ignatius, das er mehrmals pro Tag betete, half ihm sehr: «Nimm, Herr, meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand, meinen Willen, alles, was ich habe, und alles, was ich besitze, hin. Du hast es mir geschenkt, und ich gebe es dir zurück. Alles gehört dir, verfüge nach deinem Gutdünken darüber. Schenke mir deine Liebe und deine Gnade, ich habe daran genug.»

Ein furchterregender Wasserhahn

1911 öffnete das Krankenhaus schließlich seine Pforten. «Das ist kein Menschenwerk», schrieb der Pater. «Die Unbefleckte Jungfrau selbst hat dieses Krankenhaus gegründet und kümmert sich darum.» Die Übernahme ging nicht ganz reibungslos vonstatten: «Am Anfang liefen alle Leprakranken rat- und orientierungslos herum ... Auf einmal hatten sie nun eine Unterkunft mit einem Dach darüber und einem Fußboden, Betten mit Bettlaken, Tische mit Schubläden, ein Bild der Jungfrau Maria und einen numerierten Platz für jeden; und auch Näpfe, Schälchen und Lampen. Sie blickten sich gegenseitig an und konnten sich nicht einkriegen ... Am ersten Tag gab es wegen tausend dummer Kleinigkeiten viel zu lachen, was uns zeigte, wie wenig zivilisiert sie noch waren. Wenn die Glocke zum Abendessen erklang, kamen sie zwar in den Speisesaal, doch sie wussten nicht, was sie dort tun sollten ... Einer von ihnen drehte den Wasserhahn auf, und als das Wasser mit starkem Druck zu fließen begann, bekam mein Neuzivilisierter Angst: Statt den Wasserhahn zuzudrehen, ließ er alles fallen und lief laut um Hilfe rufend davon!...»

Glücklicherweise «wurde nach einigen Tagen die Hausordnung befolgt, und unser Haus sieht eher einem Kloster als einem Krankenhaus ähnlich. Die Trennung zwischen Männern und Frauen wird beachtet, ebenso das Schweigegebot zu bestimmten Stunden; kein Streit, bzw. wenn einmal scharfe Worte gefallen sind, schließt man gleich Frieden miteinander ... Jeder arbeitet, soweit seine Gesundheit es zulässt; Singen und Lachen sind auf der Tagesordnung ... Momentan gehen fast alle täglich zur Kommunion. Mit einem Wort, Gott will bestimmt, dass das von Dauer ist, denn das Krankenhaus ist eine Insel des Glaubens in einer immer weiter steigenden Flut von Sünde, die die Welt darstellt. Und glaubt bloß nicht, das ich das Bild beschönige: Es ist die reine Wahrheit.»

Für die Ärmsten der Armen

Das neue, mit allen notwendigen sanitären Installationen versehene Hospital zählte 150 Betten und wurde unserer Lieben Frau von Tschenstochau geweiht. Es existiert heute noch und strahlt immer noch die Liebe und Hoffnung aus, die es ins Leben gerufen haben. Nach außen schien es so, als wäre der Pater für immer an dieses Feld des Apostolats unter den madegassischen Leprakranken gebunden. Doch im Grunde seines Herzens verblieb eine Angst um das Seelenheil der Menschen, die ihn weiter zu den Ärmsten der Armen drängte. Er dachte an die Zwangsarbeiter auf der Insel Sachalin (im fernen Osten Russlands), die geistlich völlig vernachlässigt waren. Er schrieb an seinen Vorgesetzten: «Seit einigen Tagen werde ich von dem Gedanken an Sachalin verfolgt, und ich habe ihn ständig vor Augen. Weil Sie Augen und Ohren haben, Ewer Hochwürden, wissen Sie, dass viele Unglückliche dort schrecklich leiden ... Man könnte diesen Unseligen sehr wahrscheinlich helfen ...»

Während er auf die Entscheidung für dieses neue Missionsfeld wartete, beschäftigte sich Pater Beyzym intensiv mit dem Katechismus und der Abhaltung von Exerzitien. Da er viel Sinn für die erwiesene Ehre zum allerhöchsten Sakrament hatte, vergoldete er den Altar und das Tabernakel seiner Kapelle. Doch seine Gesundheit war geschwächt. Er litt unter Arteriosklerose, und sein Körper war mit Wunden übersät. Eines Tages musste er sich von heftigen Schmerzen überwältigt ins Bett legen. Ein Ordenspriester, der sich im Dienste der Leprakranken selbst angesteckt hatte und der nur neun Tage später starb, spendete ihm die Sterbesakramente. Am 2. Oktober 1912 gab Pater Beyzym seine Seele in die Hand Gottes zurück. Er starb wahrscheinlich vor Erschöpfung und nicht an Lepra.

«Gott aber, reich an Erbarmen, machte in seiner großen Liebe, mit der er uns liebte, auch uns, die wir tot waren in Sünden, zusammen mit Christus lebendig (Eph 2,4-5) ... Die Kirche möchte unermüdlich diese Botschaft verkünden ... Das Liebeswerk des Seligen Jan Beyzym war in seiner grundlegenden Mission mit enthalten: Das Evangelium zu denen zu bringen, die es nicht kennen. Das ist die größte Gabe der Barmherzigkeit: die Menschen zu Christus führen» (Johannes-Paul II., Predigt zur Seligsprechung am 18. August 2002). Sind auch nur wenige Leute zum Dienst an den Leprakranken berufen, müssen wir doch alle die Barmherzigkeit Gottes konkret bezeugen. Dafür ist «eine 'Phantasie der Nächstenliebe' erforderlich», fährt der Papst fort. «Möge es nicht an Phantasie fehlen dort, wo eine Person in Not ist: Unser tägliches Brot gib uns heute! Dank der Nächstenliebe darf dieses Brot niemals fehlen! Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden (Mt 5,7).»

Beten wir zur Allerseligsten Jungfrau Maria, sie möge uns nach dem Vorbild des seligen Jan Beyzyms zu Missionaren der Barmherzigkeit Gottes in der gegenwärtigen Welt machen.

Dom Antoine Marie osb

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