Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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8. September 2003
Geburt Unserer Lieben Frau


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Eines Tages, als Papst Johannes-Paul II. eine Kopie des Bildes Unserer Lieben Frau von Guadalupe betrachtete, bemerkte er im Vertrauen: «Ich fühle mich von diesem Bild angezogen, denn dieses Antlitz ist voller Zärtlichkeit und Schlichtheit; es ruft mich ...» Später, am 6. Mai 1990, sagte der Heilige Vater anläßlich einer Pilgerreise nach Mexiko: «Die Jungfrau Maria hat den Indianer Juan Diego unter den Demütigsten dazu auserwählt, den lieblichen und anmutigen Anblick der Erscheinung Unserer Lieben Frau von Guadalupe schauen zu dürfen. Ihr mütterliches Antlitz auf dem heiligen Bild, das sie uns als Geschenk hinterlassen hat, ist eine ständige Erinnerung daran.»

Aus Mitleid mit dem Volk der Azteken, das in der Finsternis der Götzenverehrung dahindämmerte und seinen Götzen massenhaft Menschenopfer darbrachte, nahm die Seligste Jungfrau im 16. Jh. in ihrer Gnade die Evangelisierung dieser mittelamerikanischen Indianer, die auch ihre Kinder waren, selbst in die Hand. Ein ursprünglich als für die Fruchtbarkeit zuständig geltender Gott der Azteken hatte sich im Laufe der Zeit in einen blutrünstigen Gott verwandelt. Als Symbol der Sonne stand dieser Gott in ständigem Kampf mit dem Mond und den Sternen und brauchte, so glaubte man, menschliches Blut, um seine Kräfte zu erneuern, denn wenn er in diesem Kampf unterläge, so würde alles Leben erlöschen. Demnach schien es unverzichtbar, ihm ständig weitere Menschenopfer darzubringen.

Das Greuel des Menschenopfers

1369 gründete das Nomadenvolk der Azteken auf einer sumpfigen Insel inmitten des Texcoco-Sees die Stadt Tenochtitlan, das spätere Mexiko. Die Siedlung dehnte sich immer weiter aus und wurde zu einer auf Pfählen errichteten Stadt mit zahlreichen Gärten, in denen Blumen, Früchte und Gemüse im Übermaß gediehen. Die fortschreitende Organisation des Aztekenreiches war hierarchisch und straff gegliedert. Die Kenntnisse der Mathematiker, Astronomen, Philosophen, Architekten, Ärzte, Künstler und Handwerker waren für ihre Zeit hervorragend. Die Gesetze der Physik jedoch blieben weitgehend unbekannt. Die Macht und der Wohlstand Tenochtitlans beruhten vor allem auf Kriegen. Eroberte Städte mussten einen Tribut an verschiedenen Lebensmitteln sowie an Menschen für den Krieg und für die Opferkulte leisten. Die Menschenopfer und der Kannibalismus der Azteken sind im Lauf der Geschichte so gut wie beispiellos.

1474 kam ein Kind auf die Welt, dem man den Namen Cuauhtlatoazin («sprechender Adler») gab. Nach dem Tode seines Vaters kam der Junge in die Obhut seines Onkels. Die Heidenpriester übten einen überaus starken Einfluss auf die Bevölkerung aus, die sie in ständiger Unterdrückung, die bisweilen bis zum Terror ging, beherrschten. Cuauhtlatoazin war dreizehn Jahre alt, als in Tenochtitlan der große Tempel feierlich eingeweiht wurde. In vier Tagen brachten die Priester dem Gott der Sonne 80 000 Menschen zum Opfer dar. Nach seinem Militärdienst heiratete Cuauhtlatoazin ein junges Mädchen seines Standes. Sie führten ein bescheidenes Leben als Bauern zusammen.

1519 landete der Spanier Cortez an der Spitze von 500 Soldaten in Mexiko. Mit dieser geringen Armee eroberte er das Land für Spanien, doch er zeigte auch Interesse an der Evangelisierung der Azteken; 1524 erreichte er, dass zwölf Franziskaner nach Mexiko kamen. Die Missionare integrierten sich rasch in die Bevölkerung; ihre Güte stand in Kontrast zur Härte der aztekischen Priester sowie mancher Conquistadoren. Sie begannen, Kirchen zu bauen. Doch die Indianer zeigten sich der Taufe gegenüber wenig aufgeschlossen, vor allem wegen der Vielweiberei, die sie dafür aufgeben mussten.

Cuauhtlatoazin und seine Frau waren unter den Ersten, die getauft wurden; ihre Namen lauteten nun Juan Diego (d. h. Johannes Jakob) und María Lucía. Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1529 zog sich Juan Diego nach Tolpetlac, 14 km von Mexiko entfernt, zu seinem ebenfalls zum Christentum bekehrten Onkel Juan Bernardino zurück. Am 9. Dezember 1531 ging er, wie er es samstags zu tun pflegte, sehr früh am Morgen aus dem Haus, um bei den Franziskanerpatres in der Nähe von Mexiko-Stadt der Messe zu Ehren der Seligsten Jungfrau beizuwohnen. Sein Weg führte am Fuße des Hügels von Tepeyac vorbei. Plötzlich hörte er eine süße und wohlklingende Melodie, die ihm von einem riesigen Vogelschwarm auszugehen schien. Als er seine Augen zur Spitze des Hügels erhob, erblickte er eine weißschimmernde Wolke. Er schaute um sich und fragte sich, ob er nicht träumte. Plötzlich verstummte der Gesang, und er vernahm den Ruf einer sanften und zarten Frauenstimme: «Juanito, Juan Dieguito!» Er stieg schnell den Hügel hinauf und fand sich in Gegenwart einer wunderschönen jungen Frau wieder, deren Kleider wie die Sonne glänzten.

«Ein Tempel, in dem ich meine Liebe zeigen werde»

Die junge Frau sprach in Nahuatl, seiner Muttersprache, zu ihm: «Mein Sohn, Juanito, wo gehst du hin?» - «Edle Dame, meine Königin, ich gehe zur Messe nach Mexiko, um dort die göttlichen Dinge zu lernen, die uns der Priester lehrt.» - «Ich möchte, dass du mit Sicherheit weißt, mein lieber Sohn, dass ich Maria, die vollkommene und immer jungfräuliche Mutter des wahren Gottes bin, des Ursprungs allen Lebens, des Herrn über alle Dinge und des Schöpfers des Himmels und der Erde. Ich wünsche mir sehnlichst, dass man mir zu Ehren einen Tempel bauen möge, in welchem ich meine Liebe, mein Mitleid und meinen Schutz zeigen kann. Ich bin eure Mutter, voller Mitleid und Liebe für euch und alle, die mich lieben, auf mich vertrauen und bei mir Zuflucht suchen. Ich werde mir ihre Klagen anhören und ihren Kummer und ihr Leid lindern. Gehe nun, damit ich meine ganze Liebe zeigen kann, zum Bischof nach Mexiko und sage ihm, dass ich dich schicke, um ihm meinen großen Wunsch zu offenbaren: Ich möchte hier einen mir geweihten Tempel errichtet bekommen.»

Juan Diego ging schnurstracks zum Bischofspalast. Der erste Bischof von Mexiko, ein Franziskanerpater namens Zumárraga, war ein frommer und eifriger Mann, dessen Herz vor Güte zu den Indianern überfloss; er hörte den armen Mann aufmerksam an, doch er glaubte ihm nicht recht, da er eine Einbildung befürchtete. Am Abend machte sich Juan Diego auf den Heimweg. Am Gipfel des Hügels von Tepeyac war er angenehm überrascht, die Erscheinung wiederzusehen; er berichtete von seiner Mission und bemerkte dann: «Ich flehe Sie an, vertrauen Sie Ihre Botschaft jemand Bekannterem und Angesehenerem an, damit man ihm glaubt. Ich bin bloß ein bescheidener Indianer, und Sie haben mich an eine hohe Stelle als Boten gesandt. Man hat mir denn auch nicht geglaubt, und ich musste Ihnen eine so große Enttäuschung bereiten.» – «Mein überaus lieber Sohn», antwortete die Dame, «du musst verstehen, dass es viele edlere Leute gibt, denen ich meine Botschaft hätte anvertrauen können, und doch wird mein Plan erst durch dich gelingen. Kehre morgen zum Bischof zurück ... Sag ihm, dass ich persönlich, die heilige Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, dich zu ihm schicke.»

Am Sonntagmorgen nach der Messe begab sich Juan Diego erneut zum Bischof. Dieser stellte ihm zahlreiche Fragen und bat dann um ein greifbares Zeichen für die Wirklichkeit der Erscheinung. Als Juan Diego heimging, schickte ihm der Bischof insgeheim zwei Diener nach. Diese verloren ihn jedoch an der Brücke von Tepeyac aus den Augen; er blieb trotz aller Suche auf dem Hügel und in der Umgebung unauffindbar. Wütend erklärten sie daraufhin dem Bischof, Juan Diego sei ein Betrüger, dem man absolut nicht trauen dürfe. Unterdessen berichtete dieser der schönen Dame, die ihn auf dem Hügel erwartete, von seiner erneuten Unterredung mit dem Bischof. «Komm morgen früh wieder und hole das Zeichen, das er verlangt», erwiderte die Erscheinung.

Rosen, mitten im Winter!

Als der Indianer nach Hause kam, fand er seinen Onkel krank vor und musste den folgenden Tag an dessen Krankenlager verbringen, um ihn zu pflegen. Die Krankheit verschlimmerte sich, so dass der Onkel seinen Neffen bat, einen Priester zu holen. Am Dienstag, dem 12. Dezember, machte sich Juan Diego bei Tagesanbruch auf den Weg in die Stadt. Als er sich dem Hügel von Tepeyac näherte, fand er es ratsamer, einen Umweg zu machen, um eine Begegnung mit der Dame zu vermeiden. Doch plötzlich sah er sie sich entgegenkommen. Voller Verwirrung erklärte er die Situation und versprach zurückzukommen, sobald er einen Priester gefunden hätte, der seinem Onkel beistehen würde. «Mein lieber Kleiner», sprach die Erscheinung, «sei nicht traurig über die Krankheit deines Onkels, denn er wird nicht daran sterben. Ich versichere dir, dass er gesund wird ... Geh auf den Gipfel des Hügels, pflücke die Blumen, die du dort siehst, und bringe sie zu mir.» Als er zum Gipfel kam, war Juan Diego überrascht, dort eine große Zahl voll aufgeblühter kastilischer Rosen zu finden, die einen überaus lieblichen Duft verströmten. Zu dieser winterlichen Jahreszeit ließ in der mexikanischen Hochebene die Kälte normalerweise nichts gedeihen, zudem war der Ort zu karg, um dort Blumen anbauen zu können. Juan Diego pflückte die Rosen, hüllte sie in seinen Mantel bzw. seine Tilma und stieg wieder hinab. «Mein lieber Sohn», sagte die Dame, «diese Blumen sind das Zeichen, das du dem Bischof geben sollst ... Das wird ihn dazu bewegen, den Tempel zu bauen, um den ich ihn gebeten habe.»

Juan Diego lief zum Bischofssitz. Nach seiner Ankunft ließen ihn die Bediensteten stundenlang warten. Schließlich wunderten sie sich über seine Geduld und fragten sich, was er wohl in seiner Tilma trug, so dass sie den Bischof benachrichtigten, der, obwohl er sich in der Gesellschaft mehrerer Personen befand, den Indianer sogleich eintreten ließ. Dieser berichtete von seinem Abenteuer, faltete seine Tilma auseinander und streute die noch vom Tau schimmernden Blüten auf den Boden. Bischof Zumárraga fiel mit Tränen in den Augen auf die Knie und bewunderte die Rosen aus seiner Heimat. Plötzlich erblickte er auf der Tilma ein Portrait Unserer Lieben Frau. Das Bild Marias war wie auf den Mantel gedruckt, wunderschön und voller Sanftmut. Die Zweifel des Bischofs machten einem festen Glauben und einer verzückten Hoffnung Platz. Er nahm die Tilma sowie die Rosen und legte sie andächtig in sein privates Oratorium. Am nächsten Tag begab er sich mit Juan Diego zum Hügel der Erscheinungen. Nachdem er den Ort untersucht hatte, ließ er den Indianer zu seinem Onkel zurückkehren. Juan Bernardino war voll und ganz geheilt. Seine Gesundung hatte in derselben Stunde stattgefunden, in der Unsere Liebe Frau seinem Neffen erschienen war. Er erzählte: «Auch ich habe sie gesehen. Sie ist hierher gekommen und hat zu mir gesprochen. Sie will, dass man ihr auf dem Hügel von Tepeyac einen Tempel errichte und dass man ihr Bild «Heilige Maria von Guadalupe» nenne. Aber sie hat mir nicht gesagt, warum.» Der Name Guadalupe war den Spaniern vertraut, denn in ihrem Land gab es eine sehr alte marianische Wallfahrtsstätte, die Guadalupe hieß.

Die Nachricht über das Wunder verbreitete sich schnell; in kurzer Zeit wurde Juan Diego berühmt: «Ich werde deinen Ruf verbreiten», hatte Maria zu ihm gesagt; doch der Indianer blieb nach wie vor gleichermaßen bescheiden. Um die Betrachtung des Bildes zu erleichtern, ließ Bischof Zumárraga die Tilma in seine Kathedrale bringen. Dann wurde auf dem Hügel der Erscheinungen mit der Errichtung einer kleinen Kirche und einer Einsiedelei für Juan Diego begonnen. Am 25. Dezember danach weihte der Bischof seine Kathedrale der Allerseligsten Jungfrau Maria zum Dank für die ganz besondere Gunst, die sie seiner Diözese in so reichem Maße erwies; anschließend wurde das wunderbare Bild in einer prachtvollen Prozession zur gerade fertiggestellten Wallfahrtskirche von Tepeyac getragen. Zum Zeichen ihrer Freude schossen die Indianer Pfeile in die Luft. Einer dieser achtlos verschossenen Pfeile durchbohrte die Kehle eines Zuschauers, der tödlich getroffen zu Boden sank. Eindrucksvolles Schweigen breitete sich aus; flehentliche Bitten drangen zur Mutter Gottes empor. Plötzlich kam der Verletzte, den man am Fuße des wunderbaren Bildes hingelegt hatte, wieder zu sich und stand voller Kraft auf. Die Begeisterung der Menge kannte keine Grenzen.

Millionen von zum Christentum bekehrten Indianern

Juan Diego ließ sich in seiner kleinen Einsiedelei nieder und sorgte für den Unterhalt und die Sauberkeit des Ortes. Sein Leben blieb recht bescheiden: Mit Sorgfalt bebaute er ein ihm in der Nähe der Wallfahrtskirche überlassenes Feld. Er empfing die immer zahlreicher kommenden Pilger und hatte seine Freude daran, von der Seligsten Jungfrau zu erzählen und die Erscheinungen unermüdlich bis in alle Einzelheiten zu schildern. Man wandte sich mit allen möglichen Gebetsanliegen an ihn. Er hörte zu, litt mit und tröstete. Einen guten Teil seiner Freizeit verbrachte er in Betrachtung vor dem Bild seiner Dame und er machte rasche Fortschritte auf dem Wege der Heiligkeit. Tag für Tag erfüllte er seine Mission als Zeuge, bis er am 9. Dezember 1548, siebzehn Jahre nach der ersten Erscheinung, friedlich starb.

Als die Indianer die Nachricht von den Erscheinungen Unserer Lieben Frau hörten, breiteten sich nie gekannte Begeisterung und Freude unter ihnen aus. Viele wandten sich von ihren Götzen, ihrem Aberglauben, ihren Menschenopfern und der Vielweiberei ab und baten um die Taufe. Neun Jahre nach den Erscheinungen hatten sich bereits neun Millionen von ihnen zum christlichen Glauben bekehrt, das waren fast 3000 pro Tag! Die Einzelheiten des Marienbildes sprachen die Indianer zutiefst an: Diese Frau war größer als der Sonnengott, denn sie stand aufrecht vor der Sonne; sie übertraf den Mondgott, denn der Mond lag unter ihren Füßen; sie war nicht von dieser Welt, denn sie war von Wolken umgeben und wurde von einem Engel über der Welt gehalten; ihre gefalteten Hände zeigten sie im Gebet; das bedeutete, dass es noch jemand Größeren als sie gab ...

Heute ist das Geheimnis dieses wunderbaren Bildes immer noch nicht gelüftet. Die Tilma, ein großes, handgewebtes Tuch aus Kaktusfasern, dient als Untergrund für das 1,43 m hohe heilige Bild. Das Antlitz der Gottesmutter ist vollkommen oval und von grauer, ins Rosa übergehender Farbe. Die ausdrucksvollen Augen strahlen vor Reinheit und Milde. Der Mund scheint zu lächeln. Das schöne Gesicht, das dem einer indianischen Mischlingsfrau ähnelt, wird von schwarzem Haupthaar umhüllt, das, aus der Nähe betrachtet, auch seidige Haarsträhnen enthält. Die Gestalt ist mit einer weiten, bis zu den Füßen reichenden Tunika von einem fleischfarbenem Rosa bekleidet, das man nie nachmachen konnte. Ihr blaugrüner Mantel ist mit einem goldenen Band umfasst und mit Sternen übersät. Eine in verschiedenen Farbtönen dargestellte Sonne bildet den großartigen Hintergrund, in dem goldene Strahlen glänzen.

Wie die Tilma von 1531 bis heute unversehrt bleiben konnte, bleibt unerklärlich. Nach über vierhundert Jahren bewahrt dieser eher minderwertige Stoff immer noch die gleiche Frische in der Machart und die gleiche lebhafte Farbgebung wie zu Beginn. Im Vergleich dazu ist eine Kopie des Bildes Unserer Lieben Frau von Guadalupe, das im 18. Jh. mit größter Sorgfalt angefertigt und unter denselben klimatischen Bedingungen aufbewahrt worden ist wie die Tilma Juan Diegos, in wenigen Jahren völlig verblasst und verdorben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einer für Mexiko schmerzhaften Zeit der Revolutionen und Christenverfolgung, wurde von Ungläubigen einmal eine Ladung Dynamit in einer Blumenvase unter dem Bild versteckt. Die Explosion zerstörte die Marmorstufen zum Hauptaltar, die Kandelaber und alle Blumenbehälter; der marmorne Altaraufsatz wurde in Stücke gebrochen, die aus Messing hergestellte Christusfigur des Tabernakels ging entzwei. Die Fenster der meisten Häuser in der Nähe der Basilika gingen kaputt, doch das Schutzglas vor dem Bild hatte noch nicht einmal einen Sprung; das Bild blieb unversehrt.

Die verwirrendste Erfahrung meines Lebens

1936 kam eine Untersuchung zweier Fäden aus der Tilma, eines roten und eines gelben Fadens, zu verblüffenden Ergebnissen: Die Fäden enthielten keinen bekannten Farbstoff. Die Ophtalmologie und die Optik bestätigen die unerklärliche Beschaffenheit des Bildes: Es ähnelt einer auf das Gewebe projizierten Diaaufnahme. Eine gründlichere Untersuchung ergab, dass unter der Farbe keine Spuren einer Zeichnung oder Skizze existieren, wenngleich auf dem Original völlig deutlich erkennbare Retouchen ausgeführt worden sind, die übrigens mit der Zeit verblassen; zudem hat der Trägerstoff keinerlei Grundierung erhalten, was unerklärlich scheint, wenn es sich wirklich um ein Gemälde handelt, denn selbst auf einem feineren Stoff wird zunächst eine Grundierung aufgetragen, und sei es auch nur, um zu verhindern, dass der Stoff die Farbe aufsaugt und dass die Fäden an der Oberfläche durchscheinen. Es lässt sich auch kein einziger Pinselstrich ausmachen. Nach einer am 7. Mai 1979 durchgeführten Untersuchung mit Infrarotstrahlen schrieb ein Professor der NASA: «Es gibt kein Mittel, die Beschaffenheit der für das rosa Kleid, den blauen Schleier, das Gesicht und die Hände verwendeten Farbpigmente zu erklären, ebensowenig wie die Haltbarkeit der Farben und die Leuchtkraft der Pigmente nach mehreren hundert Jahren, in denen sie normalerweise längst hätten verblassen müssen ... Die Untersuchung des Bildes war die verwirrendste Erfahrung meines Lebens.»

Augenärztliche Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass die Augen Marias wie menschliche Augen einschließlich der Netzhaut lebendig zu sein scheinen, denn in ihnen spiegelt sich das Bild eines Mannes mit ausgestreckten Händen wieder: die Gestalt Juan Diegos. Das Bild in den Augen gehorcht bekannten Gesetzen der Optik, insbesondere dem Gesetz, wonach ein gut beleuchteter Gegenstand sich dreimal in einem Auge reflektieren kann (Purkinje-Samson-Gesetz). Kein menschlicher Maler hätte solche Details wiedergeben können.

Im dritten Monat schwanger

Gynäkologische Messungen kamen zu dem Ergebnis, dass die Jungfrau auf dem Bild die körperlichen Maße einer im dritten Monat schwangeren Frau aufweist. Unter dem Gürtel, der das Kleid zusammenhält, zeichnet sich in Höhe des Embryos eine Blume mit vier Blütenblättern ab: die Sonnenblume, die vertrauteste der aztekischen Hieroglyphen, die für die Indianer die Gottheit, den Mittelpunkt der Welt, des Himmels, der Zeit und des Raumes symbolisierte. Am Hals der Jungfrau hängt eine Brosche, deren Mitte von einem kleinen Kreuz geschmückt ist, das an den Kreuzestod Christi für das Heil aller Menschen erinnert. Mehrere weitere Details, die erst dank der modernen Technik festzustellen sind, machen dieses Marienbildnis zu einem für unsere Zeit so außergewöhnlichen Zeugnis. So verhilft uns die Wissenschaft, die so oft als Vorwand zum Unglauben herhalten musste, heute dazu, die Zeichen aufzudecken, die jahrhundertelang unerkannt geblieben waren und die auch für sie unerklärlich sind.

Das Bild Unserer Lieben Frau von Guadalupe trägt eine Evangelisierungsbotschaft: Die Basilika von Mexiko ist ein Zentrum, «von dem ein leuchtender Fluss des Evangeliums Christi ausgeht und sich durch das barmherzige Bild Mariä über die ganze Erde ausbreitet» (Johannes-Paul II., 12. Dezember 1981). Zudem hat die Seligste Jungfrau durch ihre Intervention zugunsten des Volkes der Azteken zur Rettung unzähliger Menschenleben beigetragen, und ihre Schwangerschaft kann als besonderer Appell zugunsten ungeborener Kinder und zum Schutze des menschlichen Lebens gedeutet werden; dieser Appell ist heute von brennender Aktualität, da die Bedrohungen gegen das Leben von Personen und Völkern immer häufiger und schwerwiegender werden, insbesondere wenn dieses Leben schwach und schutzlos ist. Bereits das II. Vatikanische Konzil klagte nachdrücklich über die Verbrechen gegen das menschliche Leben: «Was ferner zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie ... all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers» (Gaudium et spes, 27). Angesichts dieser Geißeln, die sich, begünstigt durch den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, immer weiterentwickeln und vom einem breiten gesellschaftlichen Konsens sowie der rechtlichen Anerkennung profitieren, sollten wir uns mit Vertrauen an Maria wenden. Sie ist ein «unvergleichliches Vorbild für die Aufnahme und Pflege des Lebens ... Indem sie uns auf den Sohn verweist, versichert sie uns, dass in Ihm die Kräfte des Todes bereits besiegt sind» (Johannes-Paul II., Evanglium vitæ, 25. März 1955, Nrn. 102.105). «Tod und Leben stritten sich im Kampfe, wie nie einer war; der Fürst des Lebens erlag dem Tod; zum Leben erstanden, triumphiert er als König» (Sequenz vom Ostersonntag).

Beten wir zum heiligen Juan Diego, der von Papst Johannes-Paul II. am 31. Juli 2002 heiliggesprochen worden ist, er möge uns zu einer wahren Verehrung unserer Mutter im Himmel verhelfen, denn «das Mitleid Mariä erstreckt sich auf alle, die darum bitten, und sei es auch nur durch ein einfaches ,Gegrüßet seist du, Maria ...'» (Hl. Alphons von Liguori). Sie wird für uns die Barmherzigkeit Gottes erwirken, insbesondere, wenn wir uns schwere Verfehlungen haben zuschulden kommen lassen, denn Sie ist die Mutter der Barmherzigkeit.

Dom Antoine Marie osb

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