Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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6. August 2003
Verklärung des Herrn


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Die Sünde des zwanzigsten Jahrhunderts besteht darin, dass es den Sinn für die Sünde verloren hat», erklärte Papst Pius XII. am 26. Oktober 1946. Ein halbes Jahrhundert später zeigt die Krise des von so vielen Katholiken vernachlässigten Sakraments der Buße, dass das Urteil des Papstes nach wie vor große Aktualität besitzt. Denn «im Licht des Glaubens gibt es nichts Schlimmeres als die Sünde; nichts hat so arge Folgen für die Sünder selbst, für die Kirche und für die ganze Welt» (Katechismus der Katholischen Kirche, 1488). Unsere Zeit ist nicht die erste, die eine Krise des Bußsakramentes durchmacht. Die Allerseligste Jungfrau Maria hatte oft als Botin Gottes bei den Menschen gedient; sie sollte diese von der Sünde abbringen und zur Liebe zu ihrem Schöpfer zurückführen. Im Laufe der letzten Jahrhunderte ist sie wiederholt eingeschritten, insbesondere in La Salette, Lourdes und Fatima; doch bereits viel früher hatte einmal sie die Güte, einem armen Mädchen aus den Alpen, Benoîte Rencurel, zu erscheinen.

Benoîte Rencurel kam am 16. September 1647 in der kleinen Gemeinde Saint-Étienne d'Avançon (in den südlichen französischen Alpen) auf die Welt. Ihre Eltern waren gute Katholiken, die bescheiden von der Arbeit ihrer Hände lebten. Der Vater, Guillaume Rencurel, starb, als seine lebhafte und fröhliche Tochter Benoîte sieben Jahre alt war. Für die Witwe und ihre drei Töchter hatte sein Tod materielle Not zur Folge. In Saint-Étienne d'Avançon gab es keine Schule; so lernte Benoîte niemals lesen und schreiben. Ihre Bildung rührte einzig und allein von der Predigt in der Sonntagsmesse her. Benoîte war eine beschauliche Seele und liebte es, lange zu beten.

«Ich heiße 'Dame Maria'»

Eines Tages im Mai 1664 hütete das junge Mädchen, das von den Bauern der Umgebung als Hirtin beschäftigt wurde, ihre Schafe in einem Tal, dessen zerklüftete Hänge grottenähnliche kleine Höhlen von geringer Tiefe aufwiesen. Benoîte betete gerade den Rosenkranz, als sie eine schöne Dame auf einem Felsen bemerkte, die ein Kind von einzigartiger Schönheit an der Hand hielt. «Schöne Dame!», sprach sie. «Was machen Sie dort oben? Möchten Sie mit mir vespern? Ich habe ein Stückchen gutes Brot, das wir in die Quelle tunken könnten!» Die Dame lächelte über ihre Einfalt, sagte jedoch kein Wort. «Schöne Dame! Möchten Sie uns vielleicht dieses Kind geben, das uns große Freude machen würde?» Die Dame lächelte noch einmal, ohne zu antworten. Nachdem sie noch einige Zeit mit Benoîte zugebracht hatte, nahm sie ihr Kind auf den Arm und verschwand in der Felsengrotte, in der sie fortan von der Hirtin mehrfach beim Heraustreten und Verschwinden gesehen wurde.

Vier Monate lang zeigte sich die Dame jeden Tag und unterhielt sich sehr vertraut mit dem jungen Mädchen. Um Benoîte auf ihre künftige Mission vorzubereiten, erzog sie sie, korrigierte ihre lebhafte und schroffe Art, ihre Hartnäckigkeit und ihre enge Bindung an Dinge sowie an Tiere. Die junge Hirtin berichtete ihrer Bäuerin von den Visionen, doch diese glaubte ihr zunächst nicht; sie folgte ihr allerdings eines schönen Morgens insgeheim in das Fours-Tal. Sie konnte dort die Dame zwar nicht sehen, aber sie konnte die Worte hören, die diese an Benoîte richtete. Die Erscheinung bat die Hirtin, die Bäuerin vor der Gefahr zu warnen, in der deren Seele schwebte: «Ihr Gewissen ist in einem schlechten Zustand. Sie soll Buße tun!» Die Bäuerin war gerührt, sie besserte sich, wandte sich den Sakramenten wieder zu und verbrachte den Rest ihrer Tage in sehr christlicher Weise. Am 29. August fragte Benoîte die Besucherin nach ihrem Namen und erhielt die Antwort: «Ich heiße 'Dame Maria'.» Gleichzeitig wurde ihr angekündigt, dass die Erscheinungen für eine unbestimmte Zeit aufhören würden. Benoîte verbrachte in der Tat einen Monat, ohne die Dame zu sehen; sie wurde dadurch eines spürbaren Trostes beraubt, was jedoch zur Läuterung ihrer Seele beitrug.

Eines Morgens gegen Ende September schließlich erblickte die Hirtin, die ihre Schafe und Ziegen am Ufer eines Baches rasten ließ, die Dame Maria auf der gegenüberliegenden Seite, schön wie die glänzende Sonne. Sie wollte schnell zu ihr. Doch die alte Holzbrücke, die über den Bach führte, war zerbrochen. Benoîte überquerte den Wasserlauf auf dem Rücken einer dicken Ziege. Bei der Erscheinung angekommen, fragte sie: «Gute Dame, wie kommt es, dass Sie mich so lange der Ehre beraubt haben, Sie zu sehen?» – «Wenn du mich sehen willst, kannst du das von jetzt an in der Kapelle der Ortschaft Le Laus tun», erwiderte die Dame und wies ihr den Weg, den sie einschlagen musste. Am folgenden Tag begab sich Benoîte in das Dörfchen und kam zu der kleinen Kapelle. Sie ging sofort hinein und sah auf dem Altar die Jungfrau Maria, von der sie dazu beglückwünscht wurde, dass sie so gut und geduldig gesucht hatte. Benoîte war entzückt, unsere Liebe Frau wiederzusehen, aber auch verwirrt, als sie feststellte, wie armselig und schmutzig der Ort war; sie schlug vor, von ihrer Schürze ein Stück abzuschneiden und es unter die Füße der Dame zu legen. Doch diese erwiderte, in kurzer Zeit werde es hier an nichts mehr fehlen: weder an Tüchern, noch an Kerzen, noch an anderem Zierat; sie fügte noch hinzu, sie wolle sich selbst und ihrem geliebten Sohn zu Ehren eine Kirche erbauen lassen; viele Sünder und Sünderinnen würden sich dort bekehren. Im Winter 1664-1665 stieg Benoîte sehr häufig nach Le Laus hinauf; sie sah jeden Tag die Jungfrau Maria, die ihr empfahl, «ohne Unterlass für die Sünder zu beten». Unsere Liebe Frau gibt uns dadurch zu verstehen, dass die Sünder sich in einem erbärmlichen Zustand befinden. Gott ist durch ihre Verfehlungen verletzt, trotzdem will Er ihnen überreichlich Barmherzigkeit widerfahren lassen, die allerdings nur frei entgegengenommen werden kann. Die Nachricht von den Erscheinungen verbreitete sich schnell unter den Dorfbewohnern, die an den Winterabenden zahlreich zu Gebetswachen zusammenfanden. Am Festtag des heiligen Josef am 19. März begann der Zustrom von Pilgern zu Notre-Dame von Laus. Vielen dieser Pilger waren dank ihrer Fürsprache Gnadenakte zuteil geworden; sie kamen nun zum Beichten und wollten den Entschluss fassen, ihr Leben zu ändern.

Der Arzt, der die Wunde untersucht

Das Evangelium ist die Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes für die Sünder durch Jesus Christus. «Gott hat uns erschaffen ohne uns, er wollte uns aber nicht retten ohne uns» (Hl. Augustinus). Wollen wir die göttliche Barmherzigkeit empfangen, so müssen wir zuvor unsere Verfehlungen bekennen. Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er (Gott) treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht (1 Joh 1,8-9). Das Sündenbekenntnis ist ein Akt der Gnade, denn Gott wirft gleich einem Arzt, der die Wunde untersucht, bevor er sie verbindet, ein helles Licht auf die Sünde. «Die eigene Sünde anerkennen, ja ... sich selbst als Sünder bekennen, zur Sünde fähig und zur Sünde neigend, das ist der unerlässliche Anfang einer Rückkehr zu Gott. Das ist auch die beispielhafte Erfahrung des David, der, nachdem er vor den Augen des Herrn Böses getan hatte, vom Propheten Nathan getadelt, ausruft: Ich bekenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. Gegen dich allein habe ich gesündigt; ich habe getan, was dir missfällt» (Johannes-Paul II., Apostolisches Schreiben Reconciliatio et Pænitentia, 2. Dezember 1984, Nr. 13).

Gott hat dem Menschen die Freiheit geschenkt, damit dieser Ihn liebe und Ihm diene. Die Sünde stellt einen Missbrauch dieser Freiheit dar; sie besteht in jedem dem Gesetz Gottes widersprechenden Akt, Wort oder Wunsch. Doch nicht alle Sünden sind gleich schwer. Man unterscheidet die Todsünde (oder schwere Sünde) und die lässliche Sünde. Die lässliche Sünde schwächt die Liebe zu Gott in unseren Herzen, ohne uns das Leben in der Gnade zu entziehen. Die Todsünde als schwerer Verstoß gegen das Gesetz Gottes (zum Beispiel Gotteslästerung, Götzendienst, Unglaube, Häresie, Spaltung, Meineid, Abtreibung, Empfängnisverhütung, Ehebruch oder Unzucht) lässt den Menschen sich von seinem Schöpfer abwenden, denn der Sünder zieht Ihm ein erschaffenes Gut vor. Um eine Tat zur Todsünde werden zu lassen, genügt es nicht, wenn sie eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat, sie muss auch mit vollem Bewusstsein und bedachter Zustimmung begangen werden. «Die Todsünde ist wie auch die Liebe eine radikale Möglichkeit, die der Mensch in Freiheit wählen kann. Sie zieht den Verlust der göttlichen Tugend der Liebe und der heiligmachenden Gnade, das heißt des Standes der Gnade, nach sich. Wenn sie nicht durch Reue und göttliche Vergebung wieder gutgemacht wird, verursacht sie den Ausschluss aus dem Reiche Christi und den ewigen Tod in der Hölle, da es in der Macht unseres Willens steht, endgültige und unwiderrufliche Entscheidungen zu treffen» (Katechismus der katholischen Kirche, 1861). Der heilige Apostel Johannes beschrieb das Schicksal derer, die im Zustand der Todsünde sterben, folgendermaßen: Den Feiglingen aber und den Treulosen, den Unheiligen und Mördern, den Unzüchtigen und Zauberern, den Götzendienern und allen Lügnern wird ihr Anteil sein im See, der von Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod (Offb 21,8). Diese Wahrheit gewinnt umso mehr Gewicht, als für jedes menschliche Wesen der Tod eine Gewissheit ist und nach dem Tode jeder von uns gerichtet wird. Denn alle müssen wir erscheinen vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder das erhalte, wofür er in seinem Leib tätig war, sei es Gutes, sei es Böses (2 Kor 5,10). Nach dem Tode wird es keine Zeit mehr für eine Umkehr geben. Folglich muss man jetzt Buße tun. «Unglück für die, die in Todsünden sterben werden» (Hl. Franziskus von Assisi).

Ein wundertätiges Öl

Im September 1665 wurde vom Generalvikar von Embrun, Antoine Lambert, eine Untersuchung über die Erscheinungen von Le Laus durchgeführt. Nach der Befragung der Seherin las er eine Messe. An jenem Morgen war auch Catherine Vial zugegen, eine von einem Nervenleiden in den Beingelenken stark gezeichnete Frau mit ganz nach hinten gekrümmten Beinen. Ihre Eltern hatten alles versucht, um sie zu heilen, aber alles war vergeblich. Nun hatte man die Kranke nach Le Laus gebracht, um dort eine Novene zu unserer Lieben Frau zu beten. In der Nacht nach dem Abschluss der Novene konnte Catherine auf einmal ihre Beine durchstrecken und fühlte sich geheilt. Am Morgen ließ sie sich in die Kapelle tragen, während der Generalvikar gerade die Messe zu Ende las. Man rief laut: «Ein Wunder!» Nach Beendigung der Messe wurden die Geheilte und ihre Zeugen vom Geistlichen befragt; er erklärte danach: «Das ist die Hand Gottes.» Am 18. September 1665, dem achtzehnten Geburtstag von Benoîte, wurden die Erscheinungen sowie der Wallfahrtsort von den Diözesanbehörden offiziell anerkannt, und bereits im Herbst des gleichen Jahres begann man mit der Errichtung einer Kirche.

Unsere Liebe Frau hat sich in Laus als versöhnende Mittlerin und als Zuflucht der Sünder offenbart. Also gab sie auch Zeichen, um die Sünder von der Notwendigkeit einer Umkehr zu überzeugen. Sie ließ Benoîte wissen, dass das Öl in der vor dem Allerheiligsten brennenden Lampe der Kapelle bei den Kranken Heilungen bewirken werde, die sich damit bestreichen, sofern sie glaubensvoll um ihre Fürsprache bitten. In der Tat wurden zahlreiche Heilungen innerhalb kurzer Zeit registriert: Ein Kind gewann seine Sehkraft auf einem Auge wieder; eine Person wurde von einem Geschwür an der Hand geheilt. Heute noch ereignen sich Wunder bei den Personen, die sich im Vertrauen auf die Fürsprache unserer Lieben Frau andächtig des Öls von Le Laus bedienen.

Eine Rettungsplanke

Benoîte lag der Auftrag, den sie von der Seligsten Jungfrau Maria erhalten hatte, nämlich die Vorbereitung der Sünder auf den Empfang des Sakraments der Buße, sehr am Herzen. Dementsprechend ermunterte sie die beiden Priester, die in der Wallfahrtskirche tätig waren, die Pilger mit Sanftmut, Geduld und Liebe zu empfangen und den größten Sündern mit besonderer Güte zu begegnen, um sie zur Reue zu bewegen. «Christus hat das Bußsakrament für alle sündigen Glieder seiner Kirche eingesetzt, vor allem für jene, die nach der Taufe in schwere Sünde gefallen sind ... Ihnen bietet das Sakrament der Buße eine neue Möglichkeit, sich zu bekehren und die Gnade der Rechtfertigung wiederzuerlangen. Die Kirchenväter stellen dieses Sakrament dar als ,die zweite Rettungsplanke nach dem Schiffbruch des Verlusts der Gnade'... Gott allein kann Sünden vergeben. Weil Jesus der Sohn Gottes ist, sagt er von sich, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Er übt diese göttliche Vollmacht aus: Deine Sünden sind dir vergeben! Mehr noch: kraft seiner göttlichen Autorität gibt er Menschen diese Vollmacht, damit sie diese in seinem Namen ausüben» (Katechismus, 1446; 1441). Beim Bußsakrament muss der Priester, der die Stelle Christi als Richter und Arzt vertritt, über den Zustand des Pönitenten informiert werden. Daher «ist es notwendig, dass der Gläubige über das Bewusstsein um die begangenen Sünden, den Schmerz darüber und den Willen, nicht wieder darin zurückzufallen, hinaus seine Sünden bekennt. In diesem Sinn erklärte das Konzil von Trient, dass es ,nach göttlichem Recht notwendig sei, die Todsünden samt und sonders zu bekennen'» (Johannes-Paul II., Motu proprio Misericordia Dei, 7. April 2002).

«Um das Sakrament der Buße zu empfangen, braucht man dreierlei: den Glauben, der uns im Priester die Gegenwart Gottes enthüllt, die Hoffnung, die uns glauben lässt, dass Gott uns die Gnade der Vergebung schenken wird, und die Liebe, die uns zur Liebe zu Gott drängt und in unseren Herzen Bedauern darüber weckt, dass wir Ihn beleidigt haben.» Benoîte ermutigte die Beichtväter, die Pönitenten dazu anzuhalten, dass sie erst nach einer guten Beichte auf der Grundlage einer Gewissenserforschung im Lichte der zehn Gebote und der Bergpredigt zur Heiligen Kommunion gehen. Denn «wer sich bewusst ist, eine Todsünde begangen zu haben, darf selbst dann, wenn er tiefe Reue empfindet, die heilige Kommunion nicht empfangen, bevor er die sakramentale Absolution erhalten hat» (Katechismus, 1457).

Benoîtes Aufgabe war nicht leicht; die Gottesmutter bat sie, Frauen und Mädchen von anstößigem Lebenswandel, der mitunter bis zur Kindestötung ging, zu ermahnen, aber auch ungerechte oder perverse Adlige und Priester bzw. Mönche, die ihren heiligen Gelöbnissen untreu waren. Doch die Seherin erfüllte ihren Auftrag gut. Sie ermunterte die Bußfertigen, warnte diejenigen, die ihre Sünden nicht zu bekennen wagten, und führte sie zu einem geeigneten Beichtvater. «Wenn der Priester das Bußsakrament spendet, versieht er den Dienst des Guten Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht; den des guten Samariters, der die Wunden verbindet; den des Vaters, der auf den verlorenen Sohn wartet und ihn bei dessen Rückkehr liebevoll aufnimmt; den des gerechten Richters, der ohne Ansehen der Person ein zugleich gerechtes und barmherziges Urteil fällt. Kurz, der Priester ist Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes zum Sünder» (Katechismus, 1465). Benoîte bot sich vor allem als Opfer für die Sünder dar und betete, während sie beichteten. Um ihre Sünden wiedergutzumachen und Gnade für sie zu erwirken, nahm sie ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit strenge Bußübungen auf sich.

Ein für die Versöhnung günstiger Zeitpunkt

Indessen betrachtete nicht jedermann die Ereignisse von Le Laus mit Wohlwollen; manche schrieben die Erscheinungen sogar dem Teufel zu. So wurde eine erneute Diözesanuntersuchung notwendig; diese überzeugte den neuen Generalvikar, Jean Javelly, von der Wirklichkeit der Erscheinungen. Denen, die darüber klagten, dass alle Welt nach Le Laus zöge, hielt er entgegen: «Nicht Benoîte lässt die Frömmigkeit aus unserer Kirche schwinden, sondern unsere Sünden sind schuld daran: Wegen des geringen Eifers und der geringen Sorgfalt, die wir auf die Beibehaltung der Frömmigkeit verwenden, ist diese bis an den äußersten Rand der Diözese gezogen. Weit davon entfernt, sie von dort zurückzuholen, sollten wir uns hüten, dieser guten und heiligen Person, dessen Tugend ich kenne, etwas anzutun, und vielmehr aufpassen, dass die Andacht nicht ganz (aus der Diözese Embrun) fortzieht; wir sollten mit dem Mädchen darum wetteifern, die Frömmigkeit dort zu halten, aus Angst, wir könnten sie sonst ganz und gar verlieren.» Bei ihrem Gebet und ihrem Apostolat wurde Benoîte stets von unserer Lieben Frau beraten: «Mut, meine Tochter! Hab Geduld ... Tue guten Mutes deine Pflicht ... Hege keinen Hass auf die Feinde von Le Laus!» Ebenso wurde sie von ihrem Schutzengel belehrt: «Wenn man fröhlich ist, ist Gott alles, was man tut, angenehm; wenn man sich ärgert, kann man nichts tun, was ihm gefallen könnte.»

Zwischen 1669 und 1679 wurde Benoîte mit fünf Erscheinungen Christi beehrt, wobei Er sich ihr stets in leidendem Zustand zeigte. An einem Freitag im Juli 1673 sagte der blutüberströmte Heiland zu ihr: «Meine Tochter, ich lasse mich in diesem Zustand sehen, damit du an den Schmerzen meiner Passion teilhast.» Unser Herr Jesus will diejenigen an seinem Erlösungsopfer beteiligen, denen es zuallererst zugutekommt. Der heilige Petrus ermahnt uns: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt (1 Petr 2,21). Die Passionszeit erinnert uns daran, dass unsere Sünden zum Kreuzestod unseres Herrn Jesus Christus geführt haben. Denn es kreuzigen «tatsächlich jene, die sich in Sünden und Laster wälzen, soweit es auf sie ankommt, den Sohn Gottes aufs Neue und treiben ihren Spott mit ihm (Hebr 6,6)» (Katechismus, 598). Doch Christus befreit uns durch seinen Tod von der Sünde und durch seine Auferstehung eröffnet er uns den Zugang zu einem neuen Leben.

«Sie ist schuld daran,dass ich so viele Seelen verliere!»

Von 1684 an erlebte der Wallfahrtsort Le Laus einen großen Aufschwung. Die in der Garnison Gap stationierten Truppen strömten massenweise dort. Von der Gnade ergriffen, gingen die Soldaten zur Beichte, änderten ihr Leben und wurden zu Botschaftern von Le Laus in ganz Frankreich, ja selbst im Ausland. Auf diese Zeit des Erfolgs folgte eine Zeit der Prüfungen und der Schatten. Benoîte sah sich starken Versuchungen gegen ihr Gottvertrauen und gegen ihre Keuschheit ausgesetzt; vom Teufel sogar körperlich angegriffen, flüchtete sie sich ins Gebet und gab nicht nach. Der Geist der Hölle verriet eines Tages den Grund für seine Angriffe und rief: «Sie ist schuld daran, dass ich so viele Seelen verliere.» Ende Juli 1692 sahen sich Benoîte und die Priester von Le Laus zur Flucht nach Marseille gezwungen, um vor der Invasion der Truppen des Herzogs von Savoyen zu fliehen, die die Gegend um Gap verwüsteten. Auch als schließlich der bürgerliche Frieden wieder hergestellt war, hatte Benoîte zu ihrer Läuterung noch weitere Prüfungen zu bestehen. Denn der Nachfolger von Pfarrer Javelly, ein Gegner der Wallfahrten nach Le Laus, ernannte zwei neue Verantwortliche für das Heiligtum, die wenig Eifer für die Seelsorge an den Tag legten, und ließ von der Kanzel verkünden, dass Le Laus lediglich ein Irrtum gewesen sei. Von 1700 an war es der Hirtin verboten, zu den Pilgern zu sprechen; ihr Ruf war gefährdet. Doch Benoîte war nicht ohne Trost: Sie wurde oft von der Seligsten Jungfrau und von ihrem Schutzengel besucht, die sie gleichermaßen trösteten. 1711 wurde die Wallfahrtsstätte endlich einer neuen Kommunität, den «Schutzpatres», anvertraut. Diese erwiesen sich als Männer des Gebets, die die Pilger von Laus zur Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu und zur Anrufung Mariä, der Zuflucht der Sünder, anhielten.

Nach zwanzig Jahren des Leidens konnte Benoîte ihre Mission wieder in Frieden erfüllen; es strömten scharenweise Pilger zu ihr. Doch die vielen Kasteiungen und Prüfungen hatten gesundheitliche Spuren hinterlassen. Nachdem sie über einen Monat lang bettlägerig war, wurde ihr am Weihnachtstag 1718 die heilige Wegzehrung gereicht. Drei Tage danach beichtete sie noch einmal und empfing zu ihrem großen Trost die Letzte Ölung. Gegen acht Uhr abends verabschiedete sich Benoîte von den Umstehenden, küsste ein Kruzifix, erhob die Augen zum Himmel und verschied in Frieden, um im Himmel ihrem Bräutigam Jesus und dessen Seligster Mutter Maria zu begegnen. Der 1871 eingeleitete Seligsprechungsprozess für die Dienerin Gottes Benoîte Rencurel wurde kürzlich von der Diözese Gap wieder aufgegriffen. Heute ist die Wallfahrtskirche von Le Laus ein spirituelles Zentrum, das, seiner Mission getreu, Pilger aufnimmt, die sich unter den mütterlichen Schutz Mariä stellen und das Sakrament der Vergebung empfangen wollen.

Bitten wir die Mutter der Barmherzigkeit, sie möge bei den Christen die Hochachtung und den häufigen Empfang dieses Sakramentes von neuem beleben, denn es ist ein vom Erlöser selbst eingesetztes, bevorzugtes Mittel, um die Gnade Gottes und den Frieden der Seele wiederzuerlangen.

Dom Antoine Marie osb

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