Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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29. Mai 2003
Jesu Christi Himmelfahrt


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Zu Beginn des fünfundzwanzigsten Jahres seines Pontifikats am 16. Oktober 2002 proklamierte Papst Johannes-Paul II. ein «Jahr des Rosenkranzes» und unterzeichnete das Apostolische Schreiben Rosarium Virginis Mariæ (RV). «Der Rosenkranz der Jungfrau Maria ... ist ein durch das Lehramt empfohlenes beliebtes Gebet vieler Heiliger. In seiner Schlichtheit und Tiefe bleibt der Rosenkranz auch in dem soeben begonnenen dritten Jahrtausend ein Gebet von großer Bedeutung und ist dazu bestimmt, Früchte der Heiligkeit hervorzubringen ... Es wäre unmöglich, die zahllosen Heiligen zu nennen, die im Rosenkranzgebet einen authentischen Weg der Heiligung entdeckt haben. Es wird genügen, hier an den heiligen Ludwig Maria Grignion de Montfort zu erinnern, den Autor eines kostbaren Werkes über den Rosenkranz» (Johannes-Paul II., RV, Nr. 1; 8).

Ludwig Grignion wurde am 31. Januar 1673 in Montfort-la-Cane in der Bretagne geboren. Bereits am Tag nach seiner Geburt empfing er die Taufe. Am Tage seiner Firmung fügte er später seinem Vornamen den Namen von Maria an. Er lebte als Kind bei seiner Amme, einer Bäuerin aus der Umgebung, und behielt aus dieser Zeit die Liebe zur Natur und zur Einsamkeit bei. Sein Vater, ein Anwalt, war von lebhaftem und mitunter aufbrausendem Charakter. Ludwig Maria war ein mutiger Junge, der mit großem Eifer lernte und hohe Intelligenz an den Tag legte. Schon in ganz jungem Alter wandte er sich, als wäre das nur natürlich, der Seligsten Jungfrau Maria zu. Er nannte sie seine «gute Mutter» und bat sie mit kindlicher Schlichtheit um alles, was er brauchte, ja er brachte auch seine Brüder und Schwestern dazu, sie zu verehren. Als seine jüngere Schwester Louise-Guyonne, die er ganz besonders lieb hatte, zögerte, ihre Spielsachen aus der Hand zu legen, um mit ihm den Rosenkranz zu beten, sagte er in überzeugendem Ton zu ihr: «Schwesterchen, du wirst ganz schön und alle Welt wird dich lieben, wenn du den Lieben Gott richtig liebst.»

Die Kunst, mit Christus gleichförmig zu werden

Ludwig Maria zog die Seinen zu Maria hin, um sie dann besser zu Jesus führen zu können. «Es genügt nicht nur, die Dinge zu lernen, die Er [Christus] gelehrt hat, sondern Ihn selbst zu lernen», ermahnt uns der Papst. «Gibt es darin eine Lehrerin, die uns mehr sagen könnte als Maria?...» Der heilige Ludwig Maria erklärt «die Rolle Mariens auf dem Weg eines jeden von uns zur Gleichgestaltung mit Christus wie folgt ...: ,Unsere ganze Vollkommenheit besteht darin, gleichförmig mit Christus Jesus, geeint und geweiht an ihn zu sein. Da Maria das Geschöpf ist, welches am meisten Christus gleichgestaltet ist, folgt daraus, dass unter den Frömmigkeitsformen jene, die eine Seele besser unserem Herrn gleichgestaltet und ihm weiht, die Marienverehrung ist, und dass umso mehr eine Seele ihr geweiht ist, sie auch mehr Jesus Christus selbst geweiht ist.' Nirgends sonst erscheinen der Weg von Christus und jener von Maria so tief vereinigt zu sein wie im Rosenkranzgebet. Maria lebt ganz in Christus und für Christus!... Wenn sich die Wiederholung des Ave Maria direkt an Maria wendet, dann richtet sich der Akt der Liebe mit ihr und durch sie schließlich an Jesus» (RV, 14; 15; 26).

Mit zwölf Jahren kam Ludwig Maria auf das Jesuitenkolleg in Rennes. Bald war er der Beste seiner Klasse. Er legte ein besonderes Gefallen und Talent für die Malerei an den Tag. Unter der Führung eines frommen Paters pflegte er zusammen mit anderen Schülern Kranke zu besuchen und wandte sich ihnen mit ganzem Herzen zu; er las ihnen jeweils eine Passage aus dem Evangelium vor und kommentierte sie, dann erzählte er ihnen von der heiligen Jungfrau Maria.

Ludwig Maria wollte Priester werden. Manchmal musste er heftige Szenen von Seiten seines Vaters über sich ergehen lassen, der andere Pläne für ihn hatte, doch schließlich setzte sich seine Sanftmut durch, und im Alter von zwanzig Jahren brach er zu Fuß zum Seminar Saint-Sulpice in Paris auf. Unterwegs verschenkte er alles, was er besaß, an Notleidende und legte dann ein Gelübde der Besitzlosigkeit ab. In Paris wurde er zunächst in ein Bildungshaus für arme Seminaristen aufgenommen. Seine Noten waren hervorragend. In den Pausen nahm er an den üblichen Vergnügungen teil und bemühte sich, seine Mitbrüder mit einer fröhlichen und amüsanten Unterhaltung zu erfreuen. Mit Zustimmung seines Oberen versuchte er sich an allen Arten von Bußübungen, doch seine Gesundheit war dem nicht gewachsen; er wurde von einer schweren Krankheit heimgesucht. Nach seiner Gesundung beendete er sein Studium am Seminar Saint-Sulpice.

Unser Heiliger hatte in der Schule der Seligsten Jungfrau das Beten und Betrachten gelernt, insbesondere beim Beten des Rosenkranzes. «Das Rosenkranzgebet ist in der besten und bewährten Tradition der christlichen Betrachtung angesiedelt ...», schreibt Papst Johannes Paul II.; der Rosenkranz ist ein ausgesprochen kontemplatives Gebet. Wenn es diese Dimension entbehrt, würde ein entstelltes Gebet entstehen, wie Paul VI. unterstrichen hat: ,Ohne Betrachtung ist der Rosenkranz ein Leib ohne Seele, und das Gebet läuft Gefahr, zu einer mechanischen Wiederholung von Formeln zu werden ... Seiner Natur nach verlangt das Rosenkranzgebet einen ruhigen Rhythmus und ein besinnliches Verweilen, was dem Betenden die Betrachtung der Geheimnisse im Leben des Herrn erleichtert und diese gleichsam mit dem Herzen derjenigen schauen lässt, die dem Herrn am nächsten stand'» (RV, 5; 12).

Ein Licht für die Welt

Durch die Betrachtung der Geheimnisse des Rosenkranzes erlangte Ludwig Maria Grignion eine ganz einfache Vertrautheit mit Jesus und Maria. «Wie zwei Freunde, die sich öfters besuchen, sich in ihren Gewohnheiten anzugleichen pflegen, so können auch wir, die wir in familiärer Vertrautheit mit Jesus und Maria in der Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse sprechen und gemeinsam ein und dasselbe Leben in der Kommunion vollziehen, ihnen gleich werden, soweit dies unsere Begrenztheit erlaubt: Von diesen höchsten Beispielen können wir das demütige, arme, verborgene, geduldige und vollkommene Leben erlernen» (Seliger Bartolo Longo). Damit der Rosenkranz ein vollständigeres Kennenlernen des Lebens Christi fördert, schlägt der Heilige Vater vor, darin neben den fünfzehn üblichen Geheimnissen noch eine Reihe der Geheimnisse des öffentlichen Lebens Jesu mit einzuschließen, die sogenannten lichtreichen Geheimnisse (Joh 9,5). Diese sind: die Taufe im Jordan, die Hochzeit zu Kana, die Verkündigung des Reiches Gottes mit dem Ruf zur Umkehr, die Verklärung und die Einsetzung der heiligen Eucharistie.

Mit 27 Jahren zum Priester geweiht, feierte Ludwig Maria seine erste Messe am 5. Juni 1700 am Altar der Seligsten Jungfrau. Dann schloss er sich einem Priester aus Nantes an, der einige Mitbrüder um sich geschart hatte, um von Dorf zu Dorf zu ziehen und missionarische Predigten zu halten. Nachdem er eine gewisse Zeit dabei mitgewirkt hatte, stellte sich Ludwig Maria dem Bischof von Poitiers zur Verfügung. Zunächst im städtischen Hospital eingesetzt, wo er sich um die Armen kümmern sollte, erstaunte er die Bedürftigen mit seiner tiefen Frömmigkeit. Als sie sich seiner Nächstenliebe gewahr wurden, baten sie den Bischof, ihn zum Anstaltsgeistlichen zu ernennen.

Ludwig Maria schrieb: «Das Hospital, dem ich zugewiesen worden bin, ist ein unruhiges Haus, in dem kein Friede herrscht, und ein Haus der Armut, in dem es an spirituellen und zeitlichen Gütern mangelt.» In wenigen Monaten aufopferungsvoller Arbeit und trotz des heftigen Widerstandes einflussreicher Leute sowie einiger Armen aus dem Hospital, die keine Reformen wollten, stellte Ludwig Maria wieder geordnete Verhältnisse her. Seine Fürsorge erstreckte sich sowohl auf die materiellen Bedürfnisse seiner Schützlinge, für die er Straßensammlungen in der Stadt organisierte, als auch auf ihr geistliches Wohl: «Seit ich hier bin», schrieb er, «bin ich ununterbrochen in einer Mission tätig; ich nehme fast immer von morgens bis abends Beichten ab und erteile einer Unmenge von Leuten Ratschläge.»

Er führte mehrere gutwillige kranke Frauen zu einer Gruppe zusammen, gab ihnen eine von Demut und Buße geprägte Lebensregel und vertraute Sie dem Sohn Gottes, der ewigen Weisheit, an. Bald danach kam ein junges Mädchen aus einer bürgerlichen Familie, Marie-Louise Trichet, zu ihm zur Beichte. Sie wollte Ordensfrau werden, und Ludwig Maria nahm sie in die kurz zuvor gebildete Gruppe armer Frauen auf. Am 2. Februar 1703 gab er ihr eine Ordenstracht, die sie zur Zielscheibe allgemeinen Gespötts machte. Doch sie trug sie beherzt zehn Jahre lang, bevor sie zur ersten Oberin der Töchter der Weisheit wurde, einer Kongregation, die sich der Pflege von Kranken, Armen und Kindern weihte und die heute fast 2400 Ordensschwestern in über 300 Häusern zählt.

Ein Brief an vierhundert Arme

Kurz vor Ostern 1703 reiste Ludwig Maria nach Paris. Mehrere Monate lang betreute er Kranke im Krankenhaus La Salpetrière. Als er dann von der Krankenhausverwaltung weggeschickt worden war, blieb er in der Hauptstadt und nutzte die Einsamkeit, um seine Einheit mit Gott zu intensivieren; er schüttete sein überfließendes Herz auf leidenschaftlichen Seiten aus, die später unter dem Titel Die Liebe zur ewigen Weisheit herauskamen. 1704 erhielt der Vorsteher des Saint-Sulpice-Seminars in Paris einen merkwürdigen Brief aus Poitiers, der folgendermaßen begann: «Wir, vierhundert Arme, flehen Sie demütigst durch die größte Liebe und Herrlichkeit Gottes an, unseren verehrungswürdigen Pastor zu uns zu schicken, den, der die Armen so liebt, den Herrn Grignion ...» Zwei Briefe des Bischofs von Poitiers an Ludwig Maria riefen ihn ebenfalls und brachten ihn dazu, dorthin zurückzukehren.

Sein Eifer und die Ordnung, die er wieder herstellte, waren jedoch nicht nach jedermanns Geschmack: Ein Jahr nach seiner Rückkehr verließ er erneut das Hospital und machte dem Bischof das Angebot, Poitiers und Umgebung zu evangelisieren. Er arbeitete mit vollem Einsatz, machte Hausbesuche, interessierte sich für die Gesundheit der Leute und segnete die Kinder. Seine Sanftmut, seine Armut und seine Demut öffneten ihm bald die Herzen, so dass er eine Missionierung beginnen konnte. Er richtete eine Scheune als Kapelle her, indem er in ihrer Mitte ein großes Kruzifix aufstellte. Die Wände waren mit fünfzehn Fahnen geschmückt, die die Geheimnisse des Rosenkranzes darstellten. Die Prozessionen, die von ihm selbst komponierten Lieder, das gemeinsame Rosenkranzgebet führten nach und nach zu einem Wandel der Herzen. Als die Missionierung beendet war, vervollständigte Ludwig Maria sein Werk durch die Errichtung eines Kreuzes. In der zur Kapelle Notre Dame des Coeurs gewordenen Scheune stellte er eine Statue der Seligsten Jungfrau Maria auf und bat darum, dass sich jemand verpflichten möge, an Sonn- und Feiertagen vor ihr den Rosenkranz zu beten. Bald bot sich ein Arbeiter aus dem Viertel an, das zu tun; er kam seinem Versprechen vierzig Jahre lang nach.

Eine solche Treue setzt eine große Liebe zur Mutter Gottes voraus, die durch die Wiederholung der Ave Maria des Rosenkranzes zum Ausdruck gebracht wird: «Bei einer oberflächlichen Betrachtung dieser Wiederholungen könnte man versucht sein, das Rosenkranzgebet als eine trockene und langweilige Frömmigkeitsform anzusehen. Zu einer ganz anderen Einschätzung hingegen gelangen wir, wenn wir dieses Gebet als Ausdruck einer Liebe betrachten, die nicht müde wird, sich der geliebten Person zuzuwenden. Obschon ähnlich in der Ausdrucksform, ist dabei das Ausströmen der Liebe wegen der Gefühle, die es durchdringt, stets neu» (RV, 26).

Ein recht weites Feld

Eines Tages, als er in einer Kirche im Beichtstuhl saß, bemerkte Ludwig Maria einen jungen Mann, der lange betete. Einer Eingebung folgend lud er ihn ein, ihm bei seiner apostolischen Arbeit zu helfen. Unter dem Namen Bruder Mathurin widmete dieser junge Mann fortan sein Leben der Aufgabe, Kinder zu katechisieren und auf Missionsveranstaltungen den Massen die Lieder ihres Predigers beizubringen. Da Ludwig Maria von Leuten verleumdet wurde, denen sein Apostolat ein Dorn im Auge war, wurde er in den Augen des Bischofs verdächtig, so dass dieser ihm schließlich seinen Predigerauftrag entzog. Das war ein harter Schlag, doch Pfarrer de Montfort nahm ihn demütig hin und sah darin einen Plan der Vorsehung. Er beschloss daraufhin, nach Rom zu reisen und den Papst selbst um seinen Rat zu bitten. Im Frühjahr 1706 wurde er von Papst Clemens XI. zu einer Audienz empfangen; Ludwig Maria erzählte von seinen Schwierigkeiten und von seiner Sehnsucht nach Missionsarbeit in der Ferne. «Sie haben in Frankreich ein recht weites apostolisches Betätigungsfeld für Ihren Eifer», erwiderte der Papst. «Sie sollen auf Ihren Missionsreisen dem Volk und den Kindern die Lehre nachhaltig einprägen; lassen Sie sie ihre Taufversprechen erneuern.» Dann verlieh ihm der Papst den Titel «Apostolischer Missionar». Ludwig Maria brachte an der Spitze seines Wanderstabes ein vom Papst gesegnetes Kruzifix an.

Gegen Ende 1706 schloss er sich einem Pfarrer namens Leuduger an, der Gemeindemissionierungen in der Bretagne organisierte. Ludwig Maria war hervorragend im Lehren des Katechismus. In seinen Augen war diese Arbeit «die größte der inneren Mission», denn es sei schwerer, «einen vollendeten Katecheten zu finden als einen vollendeten Prediger». Der Katechet «bemüht sich darum, zugleich geliebt und gefürchtet zu werden, jedoch so, dass das Öl der Liebe den Essig der Furcht übertreffe»; er lockerte den Katechismus, da er «an sich eher trocken ist, durch kleine und kurze nette Geschichten auf, um den Kindern dadurch entgegenzukommen und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln». Um die christliche Lehre verständlicher zu machen, brachte Ludwig Maria sie in Versform und ließ sie nach bekannten Melodien singen. Doch der Rosenkranz blieb sein Lieblingsgebet. «Es ist auch schön und fruchtbar, diesem Gebet die Jahre des Wachstums der Kinder anzuvertrauen», schreibt Papst Johannes-Paul II.. «Das Rosenkranzgebet für die Kinder, und noch wichtiger mit den Kindern ... ist eine geistliche Hilfe, die nicht unterschätzt werden darf» (RV, 42).

Zu leicht

In seinen Predigten erläuterte Ludwig Maria die großen Glaubenswahrheiten (Tod, Gericht, Himmel und Hölle), prangerte Laster und Sünden an und mahnte dann zur Reue sowie zum Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit. Er ließ Taufversprechen erneuern und spendete die Sakramente der Buße und der Eucharistie. Die Vorsehung unterstützte ihren Diener durch die Gabe der Wundertätigkeit (Heilungen, Vermehrung von Nahrungsmitteln usw.). Zwei Jahre später ging er auf den Ruf eines befreundeten Priesters und Generalvikars hin nach Nantes. In dieser Diözese predigte er auf vielen Missionsveranstaltungen und nahm sich der Armen an, die er tröstete und ermutigte, fromm und arbeitsam zu leben. Vom Wert des Leidens, aus dem Seelen hervorgehen, überzeugt, sagte er auf einer problemlosen Missionierungsveranstaltung zu einem seiner Mitarbeiter: «Wir haben es hier zu leicht; wir sind sehr schlecht, unsere Mission wird fruchtlos bleiben, weil sie weder auf das Kreuz gegründet ist noch sich darauf stützt; wir werden hier zu sehr geliebt, das macht mir zu schaffen; nirgends ein Kreuz, welcher Schlag für mich!»

Der Glaube Pfarrer de Montforts an das Mysterium des Kreuzes gab ihm den Plan ein, bei Pont-Château einen monumentalen Kalvarienberg zu errichten. Dafür musste ein regelrechter, von einem Graben umgebener Hügel aufgeschichtet werden, auf dem wie auf Golgotha drei Kreuze errichtet sollten. Die Arbeit wurde mit zahlreichen Freiwilligen unverzüglich in Angriff genommen. Ludwig Maria bettelte auf den Bauerhöfen um Nahrung für die kleine Mannschaft. Doch als das Werk fertiggestellt war, wurde die Weihe des Kalvarienberges vom Bischof von Nantes untersagt. Unter dem Vorwand, der neue Hügel könnte in den Händen feindlicher Eindringlinge aus England zu einer gefährlichen Festung werden, erteilte König Ludwig XIV. auf Grund einer Fehlinformation den Befehl, ihn abzutragen. Ludwig Maria seufzte: «Der Herr hat erlaubt, dass ich diesen Kalvarienberg errichten lasse, heute erlaubt er, dass er zerstört wird: Gelobt werde sein heiliger Name!» Nachdem er seinen Seelenfrieden wiedergefunden hatte, setzte er seine apostolische Arbeit fort. Nach seinem Tode wurde der Kalvarienberg wieder aufgebaut.

1711 wurde Pfarrer de Montfort vom Bischof von La Rochelle gerufen, der zahlreiche Missionierungsaktionen in seiner Diözese durchführen ließ. La Rochelle war eine Hochburg der Kalvinisten. Da Ludwig Maria die Protestanten nicht in dem Glauben belassen wollte, sie würden als Einzige die Bibel respektieren, organisierte er eine Prozession, bei der ein Priester unter einem Baldachin das Heilige Buch respektvoll vor sich hertrug. Er ließ sowohl in den Pfarrkirchen als auch in den Familien den Rosenkranz beten. Tatsächlich war seit 1710, der Heiligsprechung von Papst Pius V., der ein großer Förderer dieses Kultes gewesen war, die Verehrung des Rosenkranzes gewachsen. Heute erinnert Johannes-Paul II. daran, dass das Rosenkranzgebet insbesondere für den Frieden und für die Familie nach wie vor überaus wirkungsvoll ist: «Seiner Natur nach ist der Rosenkranz auf den Frieden ausgerichtet. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass dieses Gebet in der Betrachtung Christi des Fürsten des Friedens besteht, der unser Friede ist (Eph 2,14). Kraft seines meditativen Charakters übt das Rosenkranzgebet ferner in der ruhigen Abfolge des Ave Maria auf den Beter selbst einen friedensstiftenden Einfluss aus ...

Als Gebet um den Frieden ist der Rosenkranz auch und schon immer das Gebet der Familie und für die Familie. Früher war dieses Gebet den christlichen Familien besonders teuer und hat sicherlich die Eintracht unter ihren Gliedern gefördert ... Viele Probleme der heutigen Familien, insbesondere in der Konsumgesellschaft, hängen damit zusammen, dass die Kommunikation untereinander immer schwieriger wird. Es gelingt nicht mehr, gemeinsam Zeit zu verbringen, und sogar jene wenigen Augenblicke des Zusammenseins werden von den Bildern des Fernsehens beherrscht. Die Wiederbelebung des Rosenkranzgebetes in der Familie bedeutet, ganz andere Bilder in das alltägliche Leben hineinzulassen, und zwar die der Heilsmysterien: das Bild des Erlösers, das Bild seiner Seligsten Mutter» (RV, 40; 41).

1712 verfasste Ludwig Maria seine Abhandlung über die wahre Verehrung der Seligsten Jungfrau. «Ich habe zur Feder gegriffen, um das, was ich viele Jahre lang fruchtbringend in der Öffentlichkeit und insbesondere in meinen Missionspredigten gelehrt habe, zu Papier zu bringen», schrieb er. Auf diesen Seiten zeigt der Heilige, dass die Gnade der Taufe zu einer vollkommenen Hingabe an Jesus Christus aufruft, die ihrerseit ohne eine totale Hingabe an Maria nicht vollkommen wäre. Seine jansenistischen Gegner verhinderten eine Publikation der Abhandlung; sie wurde erst 1843, über hundert Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht.

«Auf ins Paradies!»

Ludwig Maria sorgte sich um die Kindererziehung und schuf kleine kostenlose Schulen in den Dörfern. 1715 überarbeitete er die Regeln für die Töchter der Weisheit. Bei seiner Missionsarbeit wurde er von vier Brüdern unterstützt, doch kein einziger Priester hatte sich ihm dauerhaft angeschlossen. Eines Tages traf er einen halb gelähmten jungen Priester, René Mulot, blickte ihm fest in die Augen und sagte: «Folgen Sie mir!» Überrascht, aber überzeugt, folgte ihm Pfarrer Mulot. Er wurde nach dem Tode von Grignion de Montfort der erste Generalobere seiner religiösen Familie. Anfang April 1716 begab sich Ludwig Maria als Missionsprediger nach Saint-Laurent-sur-Sèvre. Er ging dabei wie gewohnt mit vollem Einsatz vor, doch seine Kräfte ließen nach, und er war bald erschöpft. Nach einer letzten Predigt, in der er über die Sanftmut Jesu sprach, und zwar in einem Ton, der seine Zuhörerschaft geradezu erschütterte, musste er sich krank ins Bett legen. Man spendete ihm die letzten Sakramente. Da nahm er seine letzte Kraft zusammen und sang: «Auf, meine lieben Freunde, auf ins Paradies! Was man auch hier gewinnen kann, das Paradies vermag viel mehr dann!» Er hielt dabei ein Kruzifix und eine kleine Statue der Mutter Gottes in der Hand. Am 28. April gab er im Alter von dreiundvierzig Jahren seine Seele an Gott zurück.

Wenden wir uns zusammen mit dem heiligen Ludwig Maria vertrauensvoll durch das Rosenkranzgebet an Maria. «Ein Gebet, das so einfach und gleichzeitig so reich ist, verdient es wirklich, von der christlichen Gemeinschaft neu entdeckt zu werden», sagt der Papst. «Auf Euch alle schaue ich, Brüder und Schwestern jeglichen Standes, auf Euch, die christlichen Familien, auf Euch, die Kranken und die betagten Menschen, auf Euch, die Jugendlichen: nehmt aufs Neue den Rosenkranz mit Vertrauen in Eure Hände! Entdeckt den Rosenkranz wieder im Licht der Heiligen Schrift, in Einklang mit der Feier der Liturgie und unter den Umständen des alltäglichen Lebens» (RV, 43).

Wir beten für Sie und für all Ihre Anliegen zur Königin des Heiligen Rosenkranzes und zu ihrem Bräutigam, dem heiligen Josef.

Dom Antoine Marie osb

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