Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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23. April 2003
Hl. Adalbert


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Der heilige Bernhard von Clairvaux bezog den Vers aus den Sprüchen, In ihrer Rechten trägt sie langes Leben, in ihrer Linken Reichtum, Glanz und Ehre (Spr 3,16), auf den Gottessohn und kommentierte ihn folgendermaßen: „All das wurde ihm vom Himmel in ständigem Überfluss zur Verfügung gestellt. Aber die Armut befand sich nicht darunter. Auf der Erde wiederum gedieh diese Ware im Überfluss, ohne dass der Mensch ihren Preis kannte. Weil der Sohn Gottes sie begehrte, ist er herabgestiegen, um sie sich zueigen und uns kostbar zu machen, indem er ihr großen Wert beimaß“ (Predigt für die Weihnachtsvigil). Jesus wollte arm im Stall von Bethlehem geboren werden, damit wir durch seine Armut reich werden (2 Kor 8,9), er wollte uns durch sein göttliches Vorbild von der Anziehungskraft der irdischen Güter befreien und uns zur Praxis der Gottesliebe und der Tugenden anleiten. Die Armut Jesu Christi bringt uns mehr Güter als alle Schätze der Welt, weil sie uns zu den Reichtümern des Himmels verhilft, indem sie uns die Reichtümer der Erde relativieren lässt. Ich betrachte alles als Unrat, um Christus zu gewinnen, sagt der heilige Paulus (Phil 3,8).

Viele Heilige haben uns nach Jesus Christus das Modell eines armes Lebens vorgelebt. Ebenso konnten sie im Antlitz der Armen die Züge des Kindes von Bethlehem wiedererkennen. Am 30. Juli 2002 sprach der Papst in Guatemala Pedro de Betancur aus dem Dritten Orden der Franziskaner und Gründer des Ordens von Bethlehem heilig, der aus Liebe zu Christus sich der Sache der Armen angenommen hat.

Sich klein machen

Pedro de San José de Betancur wurde auf der Insel Teneriffa geboren (spanisches Territorium, das zum Archipel der Kanaren südwestlich von Marokko gehört). Er kam am 21. März 1621 im Dorf Villaflor auf die Welt und wurde noch am gleichen Tag getauft. Seine Eltern waren gläubige Christen, für die der Glaube und die Liebe zu Gott den größten aller Reichtümer darstellten. Die fünf Kinder, unter denen Pedro (Peter) das Älteste war, hatten stets das inbrünstige Beten ihres Vaters und die Entbehrungen ihrer Mutter zugunsten der Armen vor Augen. Pedros Charakter war von bestimmten Zügen geprägt, die ihm wahrscheinlich von einem seiner Vorfahren vererbt worden waren, einem normannischen Edelmann, der im Dienste Heinrichs III. von Kastilien die Kanarischen Inseln erobert hatte: Das waren der Stolz, der Wunsch, immer im Mittelpunkt zu stehen, ein Sieges- und Herrschafts–instinkt, die Neigung, allein zu entscheiden ... Eine strenge, von der Gnade gestützte Askese half ihm später, diese Fehler zu korrigieren und die Tugenden der Demut, der Einfachheit und des Gehorsams zu üben; nach seiner Bekehrng wollte er sich klein machen, sowohl in den Augen Gottes als auch in denen seiner Mitmenschen. Von seiner Mutter erbte er den Geist der Frömmigkeit, die Freude und die Leichtigkeit, mit der er seinen religiösen Eifer spontan und gut gelaunt in die Tat umsetzen konnte.

Der junge Knabe kümmerte sich um die Herde seines Vaters, die er in die Täler und auf die Strände der Insel führte. Der Kontakt mit der Natur entwickelte einen Hang zur Begeisterung und zur heiteren Betrachtung des in seiner Schöpfung gegenwärtigen Gottes in ihm. Nach dem Tode seines Vaters gab Pedro seine Hirtentätigkeit auf, um das kleine Gut der Familie zu bestellen. Eines Tages hörte er einen Verwandten, Bruder Luis de Betancur, über Amerika sprechen, über die Wälder und Reichtümer dort, aber auch über die Indianer und die als Sklaven gehaltenen Schwarzen. In seinem Herzen erwachten tiefes Mitleid mit diesen Unglücklichen sowie der Wunsch, hinzufahren und sie zu evangelisieren.

Eine größere Liebe

Währenddessen schmiedete Frau von Betancur Hochzeitspläne für ihren Sohn. Pedro beteiligte sich nicht daran; er nahm sich Zeit zum Beten und fragte eine nicht weit entfernt wohnende Tante um Rat. Beide prüften die Angelegenheit vor Gott; schließlich wies die Tante ihrem Neffen den Weg zum Meer und sagte: „Du musst wie Petrus über das Wasser Gott entgegengehen.“ Von Freude erfüllt bestieg Pedro ein Schiff zur Überquerung des Atlantiks. Vor der Abreise teilte er seiner Mutter mit, eine größere Liebe und ein Dienst von überragender Bedeutung hätten ihn gedrängt, alles zu verlassen. 1649 ging er in Havanna (auf der Insel Kuba) von Bord. Zwei Jahre danach schiffte er sich in dem Wunsch, auf den Kontinent überzusetzen, erneut ein und heuerte dabei als Schiffsjunge an, um die Reisekosten abzugelten. Seine Arbeit war so eifrig und seine Güte so groß, dass der Kapitän ihn im Zielhafen gar nicht freigeben wollte. Bald danach erkrankte Pedro an so heftigen Fieberanfällen, dass man ihn an einem Strand in Guatemala, einem mittelamerikanischen Land, das damals zu Spanien gehörte, zurücklassen musste. Dort erzählte ihm ein Fischer von der Stadt Santiago de Guatemala: „Ich möchte in diese Stadt gehen“, sagte Pedro, „weil mich eine tiefe Freude und eine höhere Kraft dorthin ziehen!“

Er ging zu Fuss in die Hauptstadt, und bevor er sie betrat, kniete er nieder und küsste den Boden. Das war am 18. Februar 1651 gegen zwei Uhr nachmittags. Ausgerechnet in dieser Stunde wurde die schöne Stadt von einem Erdbeben erschüttert. Ungeachtet der Gefahr beeilte sich Pedro, den Opfern zu helfen. Erst am nächsten Tag begab er sich, von der Reise und zugleich von seinem aufopfernden Einsatz erschöpft, in das Sankt-Johannes-von-Gott-Hospital, das die ärmsten Kranken aufnahm, darunter besonders viele Indianer und Afrikaner. Pedro wurde trotz der Schwere seines Zustandes gesund und nahm eine Stelle als Arbeiter in einer Bäckerei an. Er sah das Leiden der zur Zwangs–arbeit verdammten Sklaven, nahm Anteil an ihrem Schicksal und versuchte unter Einsatz seines eigenen Lohns ihre Lage zu verbessern; er unterrichtete sie gütig und betete mit ihnen den Rosenkranz, um ihre verdorbenen Sitten zu bessern.

Am Fusse des Kreuzes

Eines Tages klopfte er an der Pforte des Franzis–kanerklosters an und wurde von Pater Fernando Espino mit Güte aufgenommen, der den spirituellen Wert des jungen Mannes erkannte und ihn einlud, für das Priesteramt zu studieren. Von Arbeitseifer beseelt, studierte Pedro Tag und Nacht, doch die Ergebnisse entsprachen nicht seinen Bemühungen; so beschloss er, nachdem er zur Seligsten Jungfrau Maria gebetet hatte, den Weg zum Priestertum zu verlassen. Er trat dem Dritten Orden des heiligen Franziskus bei, dessen Tracht er im Januar 1655 anlegte, und zog sich in die El-Calvario-Kirche zurück, wo er das Amt des Sakristans übernahm. Pedro verbrachte Stunden in Anbetung vor einem sehr ausdrucksstarken Kruzifix, das in dieser Kirche verehrt wurde. In seinen freien Stunden widmete er sich Werken der Barmherzigkeit, indem er sich allen Benachteligten zuwandte, Krankenhäuser, Gefängnisse, Arme, Hungernde und arbeitslose Emigranten aufsuchte; er katechisierte die Kinder mit Liedern und Spielen. Seine Güte und sein Ruf als Heiliger zogen nach und nach die Menschen in Massen zum Calvario.

„Die Werke der Barmherzigkeit sind Liebestaten, durch die wir unserem Nächsten in seinen leiblichen und geistigen Bedürfnissen zuhilfe kommen ... Unter seinen vielfältigen Formen - materielle Not, Unrecht und Unterdrückung, leibliche und seelische Krankheiten und schließlich der Tod - ist das menschliche Elend das offenkundige Zeichen für den Zustand der angeborenen Schwäche, in dem sich der Mensch nach der Ursünde befindet, sowie für die Notwendigkeit einer Heilung. Darum hat es das Mitleid Christi, des Erlösers, geweckt, der dieses Elend hat auf sich nehmen und sich mit den geringsten seiner Brüder hat identifizieren wollen. Darum richtet sich auf alle, die davon bedrückt sind, auch eine vorrangige Liebe der Kirche, die seit ihren Anfängen, ungeachtet der Schwächen vieler ihrer Glieder, unaufhörlich dafür gewirkt hat, die Bedrückten zu stützen, zu verteidigen und zu befreien. Das hat sie getan durch zahllose Werke der Wohltätigkeit, die immer und überall unentbehrlich bleiben“ (Katechismus der Katholischen Kirche, 2447-2448).

„Die hl. Rosa antwortete ihrer Mutter, als sie von ihr getadelt wurde, weil sie zu Hause Arme und Kranke beherbergte: ,Wenn wir den Armen und Kranken dienen, dienen wir Jesus. Wir dürfen nicht müde werden, unseren Nächsten zu helfen, denn in ihnen dienen wir Jesus‘“ (Katechismus, 2449).

Vom gleichen Geist der Liebe wie die heilige Rosa getrieben, kaufte Bruder Pedro im Februar 1658 ein sehr ärmliches Haus, das er das „Häuschen unserer Lieben Frau von Bethlehem“ nannte. Er nahm dort obdachlose Kinder auf, Weisse ebenso wie Mestizen, Kreolen und Schwarze. Bald wandten sich auch arme Rekonvaleszenten, die von den Krankenhäusern weggeschickt worden waren, Studenten und Ausländer dorthin. So wurde dieser recht wenig gebildete Mann zum Gründer der ersten kostenlosen Alphabetisierungsschule in Mittelamerika und des ersten Hospitals für Rekonvaleszenten in den spanischsprachigen Ländern Amerikas. Sein Erfolg war so groß, dass er seine Räumlichkeiten bald erweitern musste. Schenkungen verhalfen Pedro dazu, benachbarte Häuser zu kaufen. Da er auf die Vorsehung vertraute, strebte er nicht nach festen Einkünften, sondern setzte auf die Freigebigkeit wohlhabender Familien, die abwechselnd für die tägliche Ernährung der bei ihm lebenden Eingeborenen sorgten. Für den weiteren Bedarf zog er unermüdlich durch die Straßen der Stadt und bat um Unterstützung. Auf seinen Gängen fand sich kein Elend, das er nicht zu lindern versuchte.

Die größte Täuschung

Von der Liebe zu Christus getrieben, war Pedro de Betancur wirklich glücklich, sein Leben durch den Dienst an den Armen Gott darzubringen. Er bot so ein Beispiel, das nach wie vor aktuell ist. Beim Welttag der Jugend in Toronto am 28. Juli 2002 ermahnte Papst Johannes-Paul II. die Jugendlichen mit energischen Worten, Gott und den Nächsten zu dienen: „Der Geist der Welt bietet vielfache Illusionen, zahlreiche Parodien des Glücks. Es gibt zweifellos keine dichtere Finsternis als die, die sich in der Seele von jungen Menschen breitmacht, wenn falsche Propheten in ihnen das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe auslöschen. Die grösste Täuschung und die wichtigste Quelle des Unglücks bestehen in der Illusion, ohne Gott das Glück zu finden und unter Ausschluss der moralischen Wahrheiten und der persönlichen Verantwortung Freiheit zu erlangen ... Die Welt, die Ihr erben werdet, ist eine Welt, die ganz verzweifelt einen erneuerten Sinn der Brüderlichkeit und der menschlichen Solidarität braucht. Sie braucht, von der Schönheit und vom Reichtum der Gottesliebe angerührt zu werden. Sie braucht euch, damit Ihr zum Salz der Erde und zum Licht der Welt werdet.

„Salz wird benutzt, um Nahrung haltbar zu machen und gesund zu erhalten. Als Apostel des dritten Jahrtausends müsst Ihr das Bewusstsein der Gegenwart Jesu Christi, unseres Heilands, bewahren und lebendig halten, insbesondere durch die Feier der Eucharistie zum Gedenken an seinen erlösenden Tod und an seine glorreiche Auferstehung. Ihr müsst die Erinnerung an die Worte des Lebens lebendig erhalten, die Er gesprochen hat. Ihr müsst die Welt pausenlos daran erinnern, dass das Evangelium die rettende Kraft Gottes ist. Salz würzt und verleiht der Nahrung Geschmack. Indem Ihr Jesus nachfolgt, müsst Ihr den ‘Geschmack’ der menschlichen Geschichte verändern und verbessern.“

Kommt Zeit, kommt Rat

Pater Manuel Lobo, ein Jesuit, der fünfzehn Jahre lang der Seelsorger von Bruder Pedro de Betancur war, schrieb: „Es geschah wegen seiner zugegebenermaßen großen Verehrung für das Mysterium der Geburt des Gottessohnes, dass er auf eine Eingebung von oben hin seine Einrichtung ,Unsere Liebe Frau von Bethlehem‘ nannte. Bethlehem bedeutet ,Haus des Brotes‘: Dort haben die einfachen Hirten den fleischgewordenen Sohn Gottes gefunden; ähnlich sollten in diesem neuen Bethlehem die Armen mit dem Brot auch den Herrgott finden und zusammen mit der leiblichen Nahrung auch die geistliche Nahrung für die Speisung ihrer Seelen.“ Pedro hatte allein begonnen. Doch das Beispiel seiner Wohltätigkeit brachte junge Tertiarier des hl. Franziskus dazu, sich ihm anzuschließen und den Unglücklichen beizustehen. Er nahm diese Gefährten gerne auf und organisierte ein ganz schlichtes Gemeinschaftsleben, in dem sich Gebet und Buße mit leiblichen Werken der Barmherzigkeit abwechselten. Sein größter Wunsch bestand darin, ein richtiges Hospital vor allem für Genesende zu bauen, die noch Pflege benötigten und mit ihrer körperlichen Kraft auch ihre seelische Gesundheit (d.h. den Gnadenzustand) wiedererlangen sollten. Er legte seinen Plan dem Bischof des Ortes vor, der ihm aufmerksam zuhörte und ihn dann fragte, mit welchen Mitteln er ein so kostspieliges Bauvorhaben bezahlen wolle: „Das weiß ich nicht“, antwortete Pedro, „aber Gott weiß es und wird dafür sorgen.“ Der Bischof gewährte ihm die erbetene Genehmigung, und man begann unverzüglich mit den Bauarbeiten. Doch es gab reichlich Kritik. War es nicht vermessen, ein solches Werk in Angriff zu nehmen? Eines Tages kam der Superior des Franziskanerklosters in Abwesenheit von Pedro die Baustelle besichtigen und äußerte sich missbilligend über das aufwändige Projekt. Als Pedro bei seiner Rückkehr von den Überlegungen des Ordensgeistlichen erfuhr, sagte er nur: „All das wird nicht auf Rechnung dieses Paters gemacht, auch nicht auf meine Rechnung, sondern auf Rechnung Gottes; kommt Zeit, kommt Rat.“ Und tatsächlich konnte Pedro dank seines Glaubens und seiner Demut nach und nach die nötigen Mittel beschaffen.

Wie man Gott am besten dient

Während der Erbauung des Hospitals fuhr Pedro mit seiner Wohltätigkeitsarbeit fort. Er lieferte Lebensmittel für Krankenhäuser und Gefängnisse, stand Sterbenden bei, stellte in zerstrittenen Haushalten den Frieden wieder her, bekehrte Prostituierte, denen er Mittel verschaffte, damit sie ein ehrbares Leben führen konnten. Mit besonderer Aufmerksamkeit wandte er sich denen zu, die sich in einem Zustand größter Schwäche und somit größter Bedürftigkeit befanden. „Die Option für die Armen (d.h. der Vorzug, der bei den Werken der Nächstenliebe den Ärmsten eingeräumt wird), wohnt der Dynamik der nach dem Vorbild Christi gelebten Liebe inne. Zu dieser sind daher alle Jünger Christi verpflichtet“ (Johannes-Paul II., Apostolisches Schreiben über das geweihte Leben, Vita Consecrata, 25. März 1996, Nr. 82). Pedro sorgte sich ebenso lebhaft um die Seelen im Fegefeuer, für die er Messen lesen ließ. Obwohl sehr aktiv, blieb er doch stets mit Gott vereint und hörte nie auf, zu beten und über die Mysterien des Lebens unseres Herrn nachzudenken. Wenn er erfuhr, dass in einer benachbarten Kirche das Allerheiligste ausgestellt war, unterbrach er seine gewohnte Beschäftigung, um sofort hinzugehen und es lange bewegungslos auf Knien anzubeten. Er war zwar das Kreuz und die Opfer gewohnt, lehnte jedoch Bußübungen auf Kosten der Werke der Nächstenliebe ab: „Man dient Gott viel besser“, sagte er, „wenn man einen Kranken von einem Zimmer ins andere bringt, als wenn man sich übertriebenen Bußübungen unterzieht.“ Einer Dame, die sich beklagte, weil sie wegen ihres gelähmten Gatten nicht in die Kirche gehen konnte, antwortete er: „Neben einem Kranken können Sie so viel beten, wie Sie wollen, und Gott wird sie ebenso gut hören können wie in der Kirche.“

Eine weitere apostolische Handlung des bescheidenen Bruders bestand darin, dass er nachts mit einem Glöckchen in der Hand durch die Straßen der Stadt ging und lauthals folgende Ermahnung verkündete: „Brüder, bedenkt, dass wir eine Seele haben, und wenn wir sie verlieren, werden wir sie nicht wiederfinden können.“ So erinnerte er jeden an die große Idee der Ewigkeit, und das führte zu Bekehrungen. Die bekannteste Bekehrung betraf einen jungen Adligen, Don Rodrigo Arias Maldonado, den Gouverneur von Costa-Rica, der nach Guatemala gekommen war, um vom spanischen König eine Belohnung entgegenzunehmen. Eine der edelsten und reichsten Damen der Stadt, die in Rodrigo verliebt war, kam eines Nachts in sündiger Absicht in seinen Palast: Doch dort brach sie sofort leblos zusammen. Der entsetzte Don Rodrigo wusste nicht, was er tun sollte, da erklang plötzlich das nächtliche Glöckchen Pedros. Wutentbrannt stürzte Rodrigo mit gezücktem Schwert auf die Straße, fest entschlossen, den Ruhestörer zum Schweigen zu bringen. Pedro richtete seinen Blick mit demütiger Sanftmut auf ihn und sagte ihm dann, in seinem Herzen lesend, Punkt für Punkt die eben vorgefallenen Ereignisse auf den Kopf zu. Der Edelmann begriff daraufhin, dass er es mit einem Heiligen zu tun hatte, und bekannte seine Sünden. Pedro hörte ihm mit viel Mitgefühl zu und ging dann hinauf in seine Gemächer, wo die arme Frau blass und eisig kalt darniederlag; er murmelte ein Gebet und machte das Zeichen des Kreuzes über sie. Nach und nach kehrte die Dame ins Leben zurück und stieß zitternd einen Seufzer hervor. Pedro beruhigte sie, half ihr aufzustehen, hüllte sie in seinen Mantel und schickte sie nach Hause.

Rodrigo verbrachte den Rest der Nacht schlaflos, von schrecklichen Gewissensbissen geplagt. Bei Tagesanbruch begab er sich ins Hospital und bat um Aufnahme in die Gemeinschaft Pedros. „Es ist noch nicht der richtige Augenblick“, erwiderte dieser und schickte ihn nach Hause zurück. Dort fand Rodrigo den königlichen Brief vor, auf den er seit seiner Ankunft in Guatemala gewartet hatte: König Philipp IV. verlieh ihm den Titel „Markgraf von Talamanca“, sicherte ihm ein reiches Einkommen zu und kündigte an, dass er bald zum Vizekönig des neuen Spaniens ernannt würde. Drei Tage später suchte Rodrigo nach reiflicher Überlegung erneut das Hospital auf. Diesmal wurde er von Pedro mit einer Umarmung begrüßt: „Bruder Rodrigo, der Friede sei mit dir. Dieses Haus gehört dir. Von heute an heißt du Rodrigo vom Kreuze.“

Am 20. April 1667 erkrankte der von seiner vielen Arbeit geschwächte Pedro an einer Lungenentzündung. Da er seinen Tod kommen sah, bestimmte er Rodrigo vom Kreuze zu seinem Nachfolger und segnete ihn mit folgenden Worten: „Gott möge dich demütig machen!“ Danach nannte er ihm die Leitlinien, an denen beim begonnenen Werk festgehalten werden sollte. Am 25. April gab er seine Seele in freudiger Verzückung in die Hand Gottes zurück. Rodrigo vom Kreuze führte getreu den Willen des Gründers aus und legte die Verfassung des Ordens von Bethlehem schriftlich nieder. Neben den Brüdern ließ er auch Schwestern zu. 1674 wurden die Regeln der einen wie der anderen von Papst Clemens X. genehmigt.

Ein Erbe, das nicht verloren gehen darf

Am 22. Juni 1980 sprach Papst Johannes-Paul II. den einfachen Tertiarier Bruder Pedro de Betancur selig, der als Armer unter Armen in Letzteren die Ähnlichkeit mit dem heiligen Kind von Bethlehem erkennen konnte. In der Tat „ist Christus hier auf Erden arm in der Person seiner Armen ... Als Gott ist er reich, als Mensch ist er arm. Derselbe, bereits reiche Mensch ist wirklich in den Himmel emporgestiegen und sitzt zur Rechten des Vaters. Doch zugleich bleibt er hier unten der Arme, der Hunger hat, der Durst hat und nackt ist“ (Hl. Augustinus). Anlässlich der Heiligsprechung von Bruder Pedro sagte der Heilige Vater folgendes: „Heute noch stellt der neue Heilige eine dringliche Einladung dar, in der heutigen Gesellschaft Barmherzigkeit zu üben, vor allem wenn diejenigen so zahlreich sind, die auf eine ausgestreckte, helfende Hand warten. Wir denken an die Kinder und Jugendlichen ohne Obdach oder ohne Erziehung, an die verlassenen Frauen, die so vielen Notlagen begegnen müssen; an die vielen Ausgestoßenen in den Städten; an die Opfer organisierter Kriminalität, Prostitution oder des Drogenhandels; an die Kranken ohne Beistand oder die allein lebenden alten Leute.

Bruder Pedro ist ein Erbe, das nicht verloren gehen darf; wir müssen ihm stets dankbar sein und uns immer von neuem vornehmen, ihm nachzueifern. Dieses Erbe muss bei den Christen und bei allen Bürgern den Wunsch wachrufen, die menschliche Gemeinschaft in eine große Familie zu verwandeln, in der die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen menschenwürdig gestaltet werden und in der die Würde der Person durch die effektive Anerkennung ihrer unveräußerlichen Rechte gewahrt wird.

„Zum Schluss möchte ich daran erinnern, dass die Verehrung der Allerseligsten Jungfrau stets das fromme und barmherzige Leben Bruder Pedros begleitet hat. Möge die Gottesmutter auch uns leiten, damit wir, erleuchtet vom Beispiel des ,zur Nächstenliebe gewordenen Menschen‘, wie Pedro de Betancur genannt wurde, bis zu ihrem Sohn Jesus gelangen können!“

Um diese Gnade für Sie und all Ihre Lieben beten wir zum heiligen Josef.

Dom Antoine Marie osb

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