Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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11. Februar 2003
Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Ich habe die Lebensläufe mehrerer Missionare gelesen. Unter anderen auch den von Théophane Vénard, der mich mehr interessiert und angerührt hat, als ich überhaupt sagen kann», bekannte die heilige Therese von Lisieux am 19. März 1897. Ein wenig später vertraute sie ihren Mitschwestern den Grund für diese Vorliebe an: «Meine Seele ähnelt der Seinigen. Théophane hat am besten meinen Weg der spirituellen Kindschaft vorgelebt.»

Théophane Vénard wurde am 21. November 1829, dem Fest der Opferung Mariä, in Saint-Loup-sur-Thouet (Diözese Poitiers in Westfrankreich) geboren. Diese Vorname bedeutet soviel wie «Gotteserscheinung». Seine Eltern waren gläubige Katholiken.

Als Théophane Chorknabe geworden war, sah er den Priester, der ihn getauft hatte, insgeheim voller Neid am Altar die Messe feiern; seine Mutter hatte ihm erklärt, was die Messe und das Priesteramt bedeuteten. Doch der Ruf Jesu Christi, «Folge mir!», ertönte noch viel lauter in der Einsamkeit des Weinbergs von Bel-Air, wohin er im Alter von 9 Jahren die Ziege seines Vaters zum Weiden geführt hatte; er las dabei die «Annalen der Verbreitung des Glaubens», eine Zeitschrift über die Taten der Missionare. Eines Tages hatte er gerade die Lebensgeschichte von Pater Cornay zu Ende gelesen, der aus der Diözese Poitiers stammte und 1937 für den Glauben in Tongking (dem Nordteil des heutigen Vietnams) enthauptet worden war, als er plötzlich ausrief: «Ich will auch nach Tongking! Ich will auch als Märtyrer sterben!» Sein Entschluss war gefasst!

Théophane behielt sein Geheimnis für sich und bat seinen Vater, auf die höhere Schule gehen zu dürfen. 1841 wurde er in das 50 km von Saint-Loup entfernte Gymnasium von Doué aufgenommen. Die Trennung von seiner innig geliebten Familie zerriss ihm fast das Herz. Rasch stieg er jedoch zu den Besten seiner Klasse auf. Zu seinen Mitschülern war er manchmal spöttisch, jähzornig und aufbrausend; er ärgerte sich über die geringste Unannehmlichkeit. Wie jeder Junge seines Alters kannte Théophane Höhen und Tiefen, doch zu dieser Zeit erntete er häufiger Tadel als Lob. Von der Gnade Gottes erleuchtet, erkannte er, dass man ohne Mühe und ohne Gebet nichts erreicht. So schrieb er an seine ältere Schwester Mélanie: «Ich habe einen Vorsatz gefasst, den ich dir mitteilen will. Er besteht darin, dass ich jede Woche meinen Rosenkranz bete.» Nach und nach konnte er sich dank der Unterstützung durch dieses Mariengebet, das uns allen zu Gebote steht, wirklich bessern.

Am 28. April 1842, einem für ihn himmlischen Tag, empfing er die Erstkommunion. Die Glaubenswahrheiten stärkten seine Seele und halfen ihm, einen sehr schweren Schicksalsschlag tapfer zu bewältigen: Seine Mutter starb am 11. Januar 1849. Über diesen Schmerz konnte er sich nur hinwegtrösten, indem er sich in die Arme der Seligsten Jungfrau stürzte.

«Nichts soll dich zurückhalten!»

Nach Abschluss seines Philosophiestudiums begann Théophane dann mit dem Großen Seminar von Poitiers; von dort schrieb er an seine Schwester: «Du wirst dich freuen zu hören, dass einer unserer Mitbrüder, ein Diakon, am Donnerstag nach Paris auf das Seminar der Auslandsmission kommt. Gott möge seine Schritte lenken.» So begann Théophane, die Seinen auf seinen eigenen Plan vorzubereiten, in die Mission zu gehen. Er verwandte Zeit, Geschicklichkeit und Takt darauf. Mélanie verstand als Erste. Seinem Vater fiel das Opfer schwerer, doch schließlich gab er mit schönem Glaubenseifer seine volle Zustimmung: «Wenn du siehst, dass Gott dich ruft, und ich zweifle überhaupt nicht daran, so gehorche, ohne zu zögern! Nichts soll dich zurückhalten, nicht einmal der Gedanke daran, dass du einen bekümmerten Vater zurücklässt.» Die Abfahrt war für den 27. Februar 1851, neun Uhr abends, vorgesehen. Nach der letzten Mahlzeit im Familienkreise und dem Beten des Rosenkranzes, las Théophane einige den Umständen angemessene Passagen aus der Nachfolge Christi und sprach dann, mehrfach unterbrochen vom Schluchzen der Familie, das Abendgebet; schließlich bat er seinen Vater um dessen Segen. Dieser sprach mit leichtem Zittern, langsam, Wort für Wort, folgenden Segen: «Mein lieber Sohn, empfange den Segen deines Vaters, der dich dem Herrn opfert; sei für immer gesegnet im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen!»

Als der Augenblick der Abfahrt gekommen war, umarmte der angehende Missionar die Seinen ein letztes Mal in dem Bewusstsein, dass er seine Familie nie wiedersehen wird, verließ das Haus und kletterte auf den Wagen. Die Tiefe seines Leidens schien in einem Brief etwas durch, den er später an einen befreundeten Priester schrieb: «Gott hat mir in den letzten Augenblicken meines Familienlebens beigestanden und er hat sie mir sogar süß und angenehm gemacht. Dennoch ist es gut, dass sie kurz waren: Meine Herz floss vor Rührung über ...»

Im März 1851 begab sich Théophane also nach Paris auf das Seminar der Auslandsmission. Am 26. April 1852 ging ein kurzer Brief an seine Familie: «Eine solche Nachricht duldet keinen Tag Aufschub: Ich werde am Dreifaltigkeitsfest Priester!» Bald danach erkrankte er jedoch an Paratyphus. Die Gefahr war zwar nach einer Novene zur Allerseligsten Jungfrau rasch gebannt, doch sein ganzes Leben blieb fortan von Gesundheitsstörungen gekennzeichnet.

Am 5. Juni 1852 wurde Théophane mit 22 Jahren zum Priester geweiht. Von nun an richteten sich seine heftigsten Sehnsüchte auf Tongking: «Die Mission von Tongking ist die ersehnte Mission, da sie den kürzesten Weg in den Himmel bietet ... Oh! Wenn ich eines Tages auch berufen wäre, mit meinem Blut ein Zeugnis für den Glauben abzulegen!» Im September 1852 machte Théophane sich nach dem Willen seiner Vorgesetzten als Missionar auf den Weg nach China.

«Wir dürfen unsere Zeit nicht vergeuden!»

Nach einer mehrmonatigen Reise tauchte die chinesische Küste am Horizont auf, und am 19. März 1853 gingen die Missionare auf der Insel von Hongkong an Land. Théophane wusste noch nicht, wohin seine Reise letztlich gehen sollte, doch da man ihn nach China entsandt hatte, begann er Chinesisch zu lernen; die mühsame Arbeit, das Klima und die Hitze griffen seine Gesundheit ernstlich an, so dass er sich erholen musste. Der «kleine Pater Vénard», wie man ihn nannte, war immer sehr fröhlich! Er war in seiner Unterkunft, wo man sehr eng zusammen lebte, bei allen beliebt; doch die Hauptsorge dieser Apostel Christi galt der Evangelisation. China lag vor ihnen, direkt gegenüber, und die Menschen warteten auf die Erleuchtung des katholischen Glaubens. Théophane war von derselben apostolischen Flamme für das Heil der Seelen bewegt wie die heilige Therese vom Kinde Jesu, die am 14. Juli 1889 an ihre Schwester Céline schrieb: «Céline, in den kurzen Momenten, die uns bleiben, dürfen wir unsere Zeit nicht vergeuden ... wir müssen Seelen retten, sie verlieren sich wie Schneeflocken, und Jesus weint.»

Théophane drückte seine große Sorge seinem Freund, Pater Dallet, gegenüber so aus: «Mutter China und ihre Töchter Korea, Japan und Indochina müssen ihre Knie vor Christus beugen.» Doch er machte sich keine Illusionen: «Das Amt der Mission erscheint mir schwer, da ich sie jetzt aus der Nähe betrachte ... Ich hoffe, dass in dem Augenblick, in dem ich aufbrechen muss, die Kraft Gottes meiner Schwäche und das Licht seiner Gnade meiner Unerfahrenheit helfen werden.»

Während er sich darauf vorbereitete, nach China zu gehen, erreichte ihn ein Brief aus Paris: «Man gibt Ihnen Tongking.» Für ihn war das eine unbeschreibliche Freude: «Ich habe meinen Marschbefehl nach Tongking erhalten ... Ich komme in den Teil, den man das westliche Tongking nennt. Dort wurde Pater Charles Cornay zum Märtyrer gemacht ... Das liegt im Land der Annamiten, wo die Verfolgung am intensivsten ist und auf den Kopf eines jeden Missionars ein Preis ausgesetzt ist; wenn man einen ergreifen kann, wird er ohne weitere Umstände geköpft.»

Am 26. Mai 1854 verließ Théophane Hongkong und gelangte am 13. Juli nach Vinh-Tri, zur Zentralstelle des Vikariats für das westliche Tongking. Er warf sich in die Arme des Apostolischen Vikars, Bischofs Retords. Ungefähr zweiundzwanzig Monate nachdem er Paris verlassen hatte, begann sein Apostolat als Missionar. Vinh-Tri war ein seit hundert Jahren ganz und gar christliches Dorf. Die Missionare wurden dort mit offenen Armen aufgenommen, was dem Wohlwollen des Vizekönigs Hung zu verdanken war. Seit dieser Gouverneur, der Schwiegervater von Kaiser Tu-Duc, von einem Seminaristen aus Tongking von einem Augenleiden geheilt worden war, schützte er die Christen in seiner Provinz. Es gab dort ein Seminar und verschiedene Institutionen, und sie konnten ohne Beeinträchtigung arbeiten und gedeihen.

«Und dennoch, es lebe die Freude!»

Bischof Retord hatte durch seinen edlen Charakter und seine Tugend die Hochachtung mehrerer niedriger gestellter Mandarine erworben. Er war zu einer Zeit intensiver Christenverfolgung nach Tongking gekommen und hatte monatelang in Verstecken gelebt, ohne seinen sprichwörtlich guten Humor zu verlieren. Als er Bischof geworden war, übertrug sich sein apostolischer Eifer auf die ganze Diözese. Sein offizieller bischöflicher Wahlspruch lautete: «Berauscht mich mit dem Kreuz!» Als Gegengewicht pflegte er im Vertrauen einen anderen Wahlspruch zu benutzen, um in schmerzlichen Momenten die Moral seiner Missionare zu heben: «Und dennoch, es lebe die Freude!» Er hatte eine große Anzahl seiner Priester vor Elend oder unter der Folter sterben sehen, doch er selbst ist nie gefangen genommen worden. «Ich bin traurig, weil ich nicht mit von der Partie bin», schrieb er.

Der Bischof lernte schnell den Wert des «kleinen Pater Vénard» schätzen. Der Schwung des Neuankömmlings, der so gerne lachte und sang, passte gut zu seiner eigenen Mentalität. Théophane, der die Landessprache erst lernen musste, arbeitete mit einer so hartnäckigen Hingabe, dass er bald in Vietnamesisch predigen konnte. In Tongking gefiel ihm alles, was seine Eingewöhnung erleichterte. Lediglich die Nahrung bekam seinem Magen nicht und führte zu allerlei Beschwerden. Doch was kümmerte ihn das! Er lachte als erster darüber. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich allerdings besorgniserregend. Trotz der Pflege, die man ihm angedeihen ließ, wurde er schwächer, und man musste ihm die Letzte Ölung spenden; es wurde eine Novene für seine Heilung begonnen. Von den ersten Fürbitten an war der Kranke plötzlich wieder genesen. Unverzüglich machte er sich ans Werk: Taufen, Predigten, Beichten.

Die relative Ruhe der Mission in Tongking war nicht von Dauer. Die Zentralmacht drängte die Mandarine (Lokalbeamte), wieder Jagd auf Priester zu machen. Die Patres Castex und Vénard versteckten sich im Dorf But-Dong, wo sie von einer kleinen Gemeinschaft vietnamesischer Nonnen, den Liebenden vom Kreuze, aufgenommen wurden, die bis dahin noch niemals behelligt worden waren; dort konnten sie zumindest die Messe lesen und ihre Missionsarbeit durch das Gebet fortsetzen.

Die Nonnen von But-Dong, die keine besondere Tracht trugen, arbeiteten auf den Feldern oder zogen von Dorf zu Dorf und verkauften Medikamente, wodurch sie Zugang zu heidnischen Häusern bekamen. Sie waren sichere Botschafterinnen zwischen den einzelnen Christen, doch ihr Leben war schwierig und gefährlich. Um bei Hausdurchsuchungen der Mandarine unbemerkt zu bleiben, versteckten sich die beiden Priester zwischen zwei Trennwänden und warteten, bis die Gefahr vorüber war. Nach mehreren Tagen verließen sie But-Dong: In wenigen Wochen wechselten sie sechsmal ihr Versteck. Bei diesem Umherziehen wurde Théophane erneut krank; er schleppte sich nur mühsam vorwärts. Seine schrecklichen Asthmaanfälle erschöpften ihn so sehr, dass sein Gefährte Angst bekam, er würde in einem luftlosen Versteck ersticken. Bischof Retord hielt sich in Vinh-Tri auf: Dort könnte Théophane gepflegt werden. Er wurde fast tot auf dem Boden einer Barke ausgestreckt, wo er keuchend nach Luft rang und dennoch sein Lächeln nicht verlor. Er empfing erneut die letzten Sakramente, doch er machte sich keine Illusionen: «Ich hänge nur noch mit einem Haar am Leben. Und dennoch: Es lebe die Freude!» Die Frische des Herbstes belebte ihn allerdings wieder etwas.

Nur das Leiden bringt Seelen hervor

Théophane bot sein Leiden und seine scheinbare Untätigkeit, da Gott es so wollte, als Opfer für das ewige Heil der Seelen dar. «Nur das Leiden kann Seelen für Jesus hervorbringen», schrieb später die heilige Therese an ihre Schwester Céline am 8. Juli 1891. Das erklärt die geheimnisvolle Zuneigung der Heiligen von Lisieux zum Missionar von Tongking.

In den Wintermonaten kehrten die Kräfte Théophanes so weit zurück, dass Bischof Retord beschloss, ihn auf seine Pastoralreise mitzunehmen. Es wurde eine Pfarrgemeinde nach der anderen besucht. Die Missionare predigten, hörten die Beichte, spendeten die Sakramente, versöhnten die Gefallenen mit Gott und ermunterten alle ihre Gläubigen zum Weitermachen. «Nie war er inbrünstiger und beredter als dann, wenn er von der Seligsten Jungfrau Maria sprach, die er offensichtlich mit der kindlichsten Liebe liebte», bezeugte Pater Thinh beim Seligsprechungsprozess.

Die Regenzeit des Jahres 1856 führte zu einer erneuten Erkrankung: Diesmal ließ ihn die Schwindsucht (Tuberkulose) seinem baldigen Tod ins Auge blicken. Der Bischof war untröstlich und wusste nicht, was er tun sollte; schließlich erlaubte er Théophane, dass er sich einer sehr schmerzhaften Prozedur chinesischer Medizin unterzog: Auf verschiedenen, ganz bestimmten Körperteilen des Kranken mussten kleine Heilkräuterkugeln verbrannt werden. Während dieser schmerzhaften Behandlung hielt Théophane sein Kruzifix mit beiden Händen fest und ließ keinen Seufzer hören. Bald ging es ihm besser. Sein inniges Gebet, er möge genügend zu Kräften kommen, um das Evangelium zu verkünden, wurde erhört; er konnte sein Leben als aktiver Missionar wiederaufnehmen und noch drei Jahre lang bis zu seiner Verhaftung weiterführen. Sein Bischof legte folgendes Zeugnis ab: «Ich sagte schon, dass er einen ungeheuren Eifer besaß. Obwohl er unter allen Missionaren des Vikariats gesundheitlich der Schwächste war, arbeitete er ebenso viel wie die anderen und verbrachte halbe, manchmal sogar auch ganze Nächte im Beichtstuhl. Sein Vertrauen auf Gott war grenzenlos und machte ihn kühn in seinen Unternehmungen.»

Ein Jahr voller Gnaden

Nach einer relativ ruhigen Periode wurde 1859 die Christenverfolgung durch Kaiser Tu-Duc mit neuer Kraft vorangetrieben; er war fest entschlossen, «die Religion Jesu» zu vernichten. Es wurde ein neuer Erlass veröffentlicht, der die Todesstrafe für Priester bestätigte, allen Denunzianten eine Belohnung zusicherte und für alle christenfreundlichen Mandarine Strafen vorsah.

Nun war Théophane für die letzten Kämpfe gerüstet. Er floh zu einer Witwe namens Can, doch einer ihrer Vettern zeigte ihn an, so dass er am 30. November 1860 verhaftet wurde. Erst riss man ihm die Kleider vom Leibe, dann wurde er gefesselt abgeführt, während er immer weiterbetete und sich auf den Märtyrertod vorbereitete. In einen engen Holzkäfig gesperrt wurde er in die Zitadelle von Hanoi gebracht. Der Vizekönig kam persönlich dorthin, um ihn zu verhören; dann befahl er, einen geräumigeren Bambuskäfig zu bauen, ihn in ein Moskitonetz zu hüllen, eine Matte auf den Boden zu legen, für den Priester eine möglichst leichte Kette zu schmieden und dafür zu sorgen, dass der Gefangene ausreichend ernährt werde. Während des Verhörs hatte Pater Vénard einen sehr guten Eindruck gemacht, deshalb wurden ihm diese Erleichterungen gewährt.

Der zusammen mit dem Pater verhaftete Katechist Khang wurde nicht von seinem Meister getrennt. Dank der Mithilfe eines Soldaten erhielt er Papier, Tinte und einen Pinsel. Théophane schrieb an seine Mitbrüder und an seine Familie: «Wenn ich die Gnade des Märtyrertods erhalte, werde ich vor allem an euch denken. Auf ein Stelldichein im Himmel! Wir sehen uns dort oben wieder!» Er wusste nicht, dass sein Vater bereits vor fünfzehn Monaten gestorben war.

Der entscheidende Prozess fand in Hanoi statt. Als Théophane den Gerichtssaal betrat, erwies man ihm die Ehre, dass er nicht gegeißelt wurde. In den Verhören versuchten die verschiedenen Richter, die das Religiöse mit dem Politischen vermengten, den Missionar für die Bombardierung der annamitischen Küsten durch ein französisch-spanisches Fluggeschwader oder auch für Revolten gegen die Verfügungen des Kaisers Tu-Duc verantwortlich zu machen. Théophane widerlegte diese Verleumdungen mit Leichtigkeit und führte die Verhandlung auf sein eigentliches Gebiet zurück: Er war nach Tongking gekommen, um die Religion Jesu Christi zu predigen. Man gab ihm ein Kruzifix in die Hand: «Treten Sie das Kreuz mit Füßen», forderte ihn der Vizekönig auf, «und Sie werden nicht getötet!» Daraufhin hob der Missionar das Kruzifix voller Respekt in die Höhe, drückte seine Lippen lange darauf und rief mit lauter Stimme: «Was! Ich habe bis zum heutigen Tag die Religion des Kreuzes gepredigt; wie sollte ich ihm abschwören? Ich schätze das Leben dieser Welt nicht so sehr, als dass ich es um den Preis der Abtrünnigkeit behalten möchte!» Der Vizekönig fällte folgendes Urteil: «Der europäische Priester Vin, mit seinem wahren Namen ,Vena', wird verurteilt wegen der Verblendung seines Herzens und der Verstockung seines Geistes, da jeder andere Grund ausgeschlossen wurde, dazu, dass sein Kopf abgeschlagen, dann drei Tage lang ausgestellt und schließlich in den Fluss geworfen wird.»

Für die Vollstreckung der Strafe war die Unterschrift von Tu-Duc erforderlich: Am 17. Dezember 1860 machte sich ein Bote auf den Weg nach Hue, um eine Kopie des Urteils dorthin zu bringen. Der Verurteilte erfuhr sein Los offiziell allerdings erst wenige Stunden vor der Hinrichtung am 2. Februar. Der neue, zwei Meter lange und einen Meter zwanzig breite Käfig Théophanes war schön und verziert. Doch welche Qual bedeutete es, auf so engem Raum dahinzuvegetieren! Die von der Freundlichkeit des Gefangenen eingenommenen Wachen gestatteten ihm sogar von Zeit zu Zeit, den Käfig zu verlassen. Er hatte auch andere Anteilnahme: Paul Muin, ein Christ von unerschütterlichem Mut, hatte sich in die Polizei eingeschmuggelt und konnte den Pater vier-, fünfmal am Tage sehen.

Ein stiller See

«Zwar begegnen mir die meisten Leute mit Sympathie», schrieb P. Théophane am 2. Januar 1861 in einem Brief an seine Familie, «doch es gibt auch welche, die mich beleidigen und verspotten.» Glücklicherweise machten sich die Besucher rar, und er konnte seinem Bischof schriftlich berichten: «Mein Herz ist wie ein stiller See.» Bis zum Ende betete er das Brevier, das einzige in seinem Besitz verbliebene Buch. Théophane brachte sein Glück zum Ausdruck, indem er seine Sehnsucht nach dem Himmel besang, und hoffte, die Eucharistie zu empfangen. Dem Diakon Men gelang es, durch fromme Christinnen, die unerkannt bleiben konnten, die heilige Kommunion zu ihm bringen zu lassen. Der vom Bischof entsandte Priester Thinh konnte Pater Théophane die Beichte abnehmen.

Am Morgen des 2. Februar erfuhr Pater Vénard, dass er noch am selben Tag hingerichtet werden würde. Er dankte Gott, bat die Seligste Jungfrau, ihm bis zum Schluss beizustehen, und schritt dann, mit seinen Festtagsgewändern angetan, freudig zur Richtstätte und sang dabei das Magnificat. Der Henker, der sich zuvor Mut angetrunken hatte, musste fünfmal ausholen, um den Kopf des Märtyrers mit Säbelhieben abzutrennen. Théophane schien bereits beim dritten Hieb in unendlicher Freude im Himmel angekommen zu sein ... Das war sein ganzer Herzenswunsch: Er ist ihm über alle Maßen erfüllt worden.

Das Beispiel Théophane Vénards, insbesondere seine Art, das Martyrium zu akzeptieren, war eine wertvolle Unterstützung für die heilige Therese vom Kinde Jesu. Die künftige «Kirchenlehrerin» hat daraus Licht und Kraft geschöpft.

Am Tag nach der Heiligsprechung von Théophane Vénard (19. Juni 1988) sagte Papst Johannes-Paul II. vor französischen Pilgern: «Die heilige Therese vom Kinde Jesu hat in enger Vertrautheit mit dem heiligen Théophane Vénard gelebt, dessen Bild sie in der Zeit ihres Todeskampfes nie verließ. Sie hatte ihre eigene spirituelle Erfahrung in einem Abschiedsbrief von Théophane wiedererkannt: ,Ich stütze mich nicht auf meine eigenen Kräfte, sondern auf die Kraft dessen, der die Macht der Hölle und der Welt durch das Kreuz bezwungen hat'.»

Diesen beiden großen Gestalten der jüngeren Kirchengeschichte vertrauen wir Ihre Anliegen an und gedenken dabei auch Ihrer Verstorbenen.

Dom Antoine Marie osb

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