Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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6. Dezember 2002
Hl.Nikolaus


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Die Erziehung übt normalerweise einen entscheidenden Einfluss auf die Ausrichtung des ganzen Lebens aus, wie die Geschichte eines Heiligen aus dem Baskenland zeigt. «Schon im zartesten Alter hatte der heilige Michael Garicoïts den Ruf des Herrn vernommen, ihm im Priesteramt zu folgen. Das Heranreifen seiner Berufung und die Folgsamkeit, die er bewies, lagen mit an der Aufmerksamkeit seiner Eltern, an ihrer Liebe und der sittlichen und religiösen Erziehung, die er insbesondere dank der wachsamen Fürsorge seiner Mutter empfangen hatte. In seinem spirituellen Werdegang nimmt die Familie also einen bedeutenden Platz ein ... Durch sie hat der junge Michael gelernt, sich dem Herrn zuzuwenden, Christus und seiner Kirche treu zu sein. In unserer Zeit, in der die Werte der Ehe und Familie oft verspottet werden, bleibt die Familie Garicoïts ein Vorbild für Paare und Erzieher, die dafür Verantwortung tragen, den Sinn des Lebens weiterzuvermitteln, auf die Größe der menschlichen Liebe aufmerksam zu machen sowie den Wunsch wachzurufen, Christus zu begegnen und nachzufolgen» (Johannes-Paul II., 5. Juli 1997).

Verbrecher oder Heiliger?

Michael kam am 15. April 1797 als das Älteste der sechs Kinder von Arnaud Garicoïts und Gratianne Etchéverry in Ibarra, einem kleinen Dorf in der Diözese Bayonne (im Südwesten Frankreichs), zur Welt. Der Glaube dieser armen Familie war durch die Prüfungen der Revolution gestärkt worden. Mehrere von den Anhängern der Revolution gejagte Priester hatten bei den Garicoïts Zuflucht gefunden, bevor sie von Arnaud nach Spanien geführt wurden. Michael ist nicht als Heiliger geboren worden; die Erbsünde lastet auf uns allen. Er sagte später: «Ohne meine Mutter wäre ich ein Verbrecher geworden.» Von aufbrausendem Temperament und von überdurchschnittlicher Körperkraft, gab er sich gerne kampflustig und gewalttätig. Er war erst vier Jahre alt, als er in das Haus eines Nachbarn ging, mit einem Stein nach einer Frau warf, die er im Verdacht hatte, seiner Mutter wehgetan zu haben, und dann wie der Blitz davonlief. «Ich war erst sieben Jahre alt», berichtete er, «da riss ich meinem zwei Jahre jüngeren Bruder einen schönen Apfel aus der Hand. Ich glaubte gewiss nicht, etwas Böses getan zu haben; doch auf ihre Vorhaltung hin, 'Wärst du zufrieden, wenn man dir das angetan hätte?', biss ich mir auf die Lippen, und der Gedanke, wir dürften nichts tun, was wir nicht selbst von anderen angetan haben wollten, leuchtete mir so sehr ein, dass weder er noch diese ganzen Umstände je in meiner Erinnerung verblasst sind.»

Um das schwierige Temperament ihres Sohnes zu bessern, hielt ihm Gratianne keine langen Predigten, sondern lenkte sein Augenmerk von der sichtbaren auf die unsichtbare Welt weiter. Vor den im Küchenherd bullernden Flammen sagte sie ihm: «Mein Sohn, in ein viel schrecklicheres Feuer wird Gott die Kinder werfen, die eine Todsünde begehen.» Das Kind zitterte an allen Gliedern, doch es zog daraus eine gesunde Lehre über die Letzten Dinge sowie einen lebhaften Abscheu vor der Sünde. Viel öfter als die Hölle kam allerdings in den Bemerkungen seiner Mutter der Himmel vor. Von dem Wunsch beseelt, so bald wie möglich in den Himmel zu kommen, hatte Michael eines Tages den Eindruck, er könne vom Gipfel des Hügels, an dem seine Herde weidete, ganz leicht dorthin gelangen. Nachdem er den steilen Abhang emporgeklettert war, merkte er, dass der Himmel immer noch so hoch hing wie zuvor, doch er schien jetzt an einen anderen, höher gelegenen Gipfel zu stoßen; und schon war er auf dem Wege zu diesem weiter entfernten Hügel. Und so ging er von Hügel zu Hügel, verlief sich und musste die Nacht unter dem Sternenzelt zubringen. Am nächsten Tag fand er den Rückweg, konnte seine Herde wieder zusammentreiben und kehrte heim. Sein Lebenslang blieb die Sehnsucht nach dem Himmel weiter tief in seinem Herzen verankert.

1806 wurde Michael auf die Dorfschule geschickt; sein wacher Verstand und sein sicheres Gedächtnis machten ihn rasch zum Klassenbesten. Doch schon 1809 wurde er von seinem Vater auf einem Bauernhof als Knecht untergebracht, damit er Geld verdiente. Wenn er seine Herde hinaustrieb, pflegte Michael stets ein Buch mitzunehmen, um sich weiterzubilden. So machte er sich mit der Grammatik und dem Katechismus vertraut. Erst zwei Jahre später erhielt er die Erlaubnis, den Leib Jesu Christi zu empfangen. Von nun an dürstete es ihn in seiner Seele immer nach der Eucharistie; als er später Priester geworden war, schrieb er: «Das ist der starke Gott: Ohne Ihn welkt meine Seele dahin, sie leidet Durst ... Das ist der lebendige Gott: Ohne Ihn sterbe ich ... Ich weine Tag und Nacht, wenn ich mich von meinem Gott entfernt sehe... (vgl. Ps 41,4).»

Michael dachte, er könnte berufen sein. Nach und nach begeisterte er sich für die Vorstellung, Priester zu werden. 1813 kehrte er zu seinen Eltern zurück und gestand ihnen seine Absicht. Er stieß damit jedoch auf Ablehnung, da die Armut der Familie eine Beteiligung an den Studienkosten nicht zuließ. Der junge Mann wandte sich daraufhin an seine Großmutter, die zunächst die Eltern überzeugte und dann rund zwanzig Kilometer weit nach Saint-Palais marschierte, wo ein Priester lebte, den sie gut kannte. Sie überredete ihn, Michael bei sich aufzunehmen und am Unterricht des Kollegs teilnehmen zu lassen. Der junge Student führte im Pfarrhaus ein hartes Leben: Er musste neben dem Studium zahlreiche häusliche Pflichten erledigen. Doch dank seines heroischen Eifers, der in seinem Temperament begründet war und der ihn ununterbrochen studieren ließ, ob unterwegs, beim Essen oder auch in einem Teil der Nacht, erzielte er hervorragende Ergebnisse. Nach drei Jahren in Saint-Palais wurde Michael nach Bayonne geschickt, wo er neben seinem intensiven Studium an der Schule von Saint-Léon in den Diensten des Bistums stand. Seine Bemühungen, sein Temperament zu zügeln und sich seinem Nächsten zu widmen, bewirkten einen bemerkenswerten Wandel in ihm. Er berichtet selbst von einer Folge seines Betragens: «Im Hause des Bischofs hatte ich oft unter der schlechten Laune der Köchin zu leiden; ich rächte mich dafür, indem ich die Töpfe und Pfannen fröhlich reinigte; am Ende verwandte sie ihre Freizeit und ihre Sorgfalt darauf, meine Taschentücher zu flicken und meine Wäsche zu waschen.»

Ein langsamer, aber gründlicher Geist

1818 begann Michael in der bischöflichen Schule von Aire-sur-l'Adour zu studieren und wechselte im folgenden Jahr auf das Priesterseminar von Dax über. Seine Lehrer hielten ihn zunächst für geistig langsam; doch schon bald merkten sie, dass er allen Fragen auf den Grund ging und stets treffende Antworten gab. Schließlich wurde er am 20. Dezember 1823 zum Priester geweiht.

Zu Beginn des Jahres 1824 wurde Michael zum Kaplan in Cambo ernannt. Der alte und gelähmte Gemeindepfarrer bürdete dem jungen Vikar die ganze Last der Seelsorge auf. Dieser sagte mit einem Lachen: «Wenn man mich ausgesucht hat, um hier zu sein, so lag das sicher an meinen starken Schultern!» Kaplan Garicoïts gewann in kurzer Zeit die Herzen seiner Pfarrkinder. Seine klaren und für alle verständlichen Predigten, beseelt von der Liebe zu Gott und zu den Menschen, lockten mehr als einen seiner Landsleute in die Kirche, die den Weg dorthin bereits vergessen hatten. Sein Ruf verbreitete sich im ganzen französischen Baskenland, so dass er ganze Tage im Beichtstuhl zubringen und mitunter dafür auch auf seine Mahlzeiten verzichten musste. Er nahm sich persönlich der Unterweisung der Kinder im Katechismus an, überzeugt, dass die Mission des Priesters darin bestehe, die Grundlagen der christlichen Lehre zu vermitteln, und dass ein guter Katechismus für viele Menschen die wichtigste christliche Erinnerung in ihrer Todesstunde bleibt. Seine kräftige Konstitution gestattete ihm zahlreiche Bußübungen; an Festtagen schloss er sich allerdings gern den Vergnügungen der Bevölkerung an und nahm an baskischen Pelotepartien teil. Dann pflegte er sich in die Kirche zurückzuziehen und lange vor dem Allerheiligsten zu beten.

Ende 1825 wurde Michael Garicoïts zum Professor für Philosophie am Priesterseminar von Bétharram ernannt; er wurde dort auch Verwalter. Sowohl der materielle als auch der spirituelle Zustand des Seminars waren überaus bescheiden. Die an einen Hügel angebauten Gebäude waren sehr feucht. Die Disziplin, der spirituelle Eifer und der Verlauf der Studien ließen zu wünschen übrig, da der beinahe achtzigjährige Seminarleiter nicht mehr die Kraft besaß, das Haus zu lenken. Pfarrer Garicoïts war nach Bétharram entsandt worden, um eine dringend notwendig gewordene Erneuerung in die Wege zu leiten. Seine Aufgabe war nicht leicht, doch seine moralische Stärke sicherte ihm eine bedeutende Gefolgschaft unter den Seminaristen und ermöglichte so die allmähliche Durchführung einer heilsamen Reform. 1831 verstarb der Leiter des Seminars, und auf seinen Platz wurde Michael Garicoïts berufen. Noch im selben Jahr beschloss der Bischof jedoch, das Seminar nach Bayonne zu verlegen, und ließ zuerst die Philosophiestudenten dorthin übersiedeln. Bald fand sich der frischgebackene Leiter von Bétharram allein in den großen leeren Gebäuden wieder. Doch die Freude und sein Humor verließen ihn nicht ...

Gutes tun und abwarten

Die Gebäude des Seminars von Bétharram grenzten an eine Wallfahrtsstätte, die seit dem 16. Jahrhundert der seligsten Jungfrau Maria geweiht war und in der sich viele Wunder ereignet hatten (Bétharram ist nur 20 km von Lourdes entfernt). Massenhaft kamen Leute aus der ganzen Gegend, aber auch Pilger aus entfernteren Regionen, um dort die Gottesmutter zu verehren. Pfarrer Garicoïts nutzte seine Verfügbarkeit für ein ausgedehntes und fruchtbares Apostolat mittels der Beichte und der spirituellen Führung. Seine Seelsorge erstreckte sich auch auf die Nonnen des Klosters Igon, das er mehrmals pro Woche aufsuchte. Das vier Kilometer von Bétharram entfernte Kloster beherbergte eine Gemeinschaft der Töchter vom Heiligen Kreuz, die einer kurz zuvor von der heiligen Elisabeth Bichier des Ages gegründeten, dem Volksapostolat geweihten Kongregation angehörte. Den Kontakten von Pfarrer Garicoïts mit den Schwestern war es zu verdanken, dass er die spirituellen Vorzüge und die apostolische Kraft des Ordenslebens zu schätzen lernte. Voller Bewunderung für den heiligen Ignatius von Loyola und dessen Geistlichen Exerzitien, wollte er selbst Jesuit werden. 1832 nahm er in Toulouse an von Jesuitenpatres geleiteten Exerzitien teil. Als diese zu Ende gingen, sagte der ihn betreuende Pater: «Gott will mehr von Ihnen, als dass Sie Jesuit werden ... Sie sollten Ihrer ersten, wie ich glaube, vom Himmel kommenden Eingebung folgen, und Sie werden der Vater einer mit uns verschwisterten religiösen Familie werden. Bis es so weit ist, will Gott, dass Sie in Bétharram bleiben und weiterhin die Ihnen obliegenden Ämter versehen. Tun Sie dort Gutes und warten Sie ab.»

Pfarrer Garicoïts nahm seine gewohnte Arbeit wieder auf, ohne den Gedanken an die Gründung einer Ordensgemeinschaft aufzugeben, die vor allem der Unterweisung, der Erziehung, der religiösen Bildung der arbeitenden und bäuerlichen Bevölkerung, aber auch allen anderen Arten der Missionierung gewidmet sein sollte. Zu diesem Zweck gewann er die Mitarbeit von drei Priestern. Der Bischof gewährte der kleinen Gemeinschaft die Privilegien der Diözesanmissionare, die es bereits in Hasparren, am anderen Ende der Diözese, gab. Nach und nach erweiterte sich die Gemeinschaft um Novizen, die für das Priesteramt kandidierten, sowie um Brüder. In Bétharram richtete Pater Garicoïts eine ständige «Mission» ein, um die Betreuung der Wallfahrtskirche zu sichern, die Pilger zu empfangen, ihnen die Beichte abzunehmen und um Exerzitien abzuhalten. Bei den Exerzitien gab er den Teilnehmern das Buch der «Geistlichen Übungen» des heiligen Ignatius in die Hand. Ausgehend von dem durch den heiligen Ignatius formulierten «Prinzip und Fundament», wonach der Mensch dazu hin geschaffen ist, «Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine seine Seele zu retten», behauptete er: «Gott ewig zu besitzen, ist das höchste Gut des Menschen. Sein schlimmstes Übel ist die ewige Verdammnis. Das sind zwei Ewigkeiten. Das gegenwärtige Leben ist wie ein Weg, den wir in die eine oder in die andere dieser beiden Ewigkeiten münden lassen können, wie wir möchten.»

«Kann man befürchten, zu viel zu tun?»

Der heilige Michael Garicoïts glaubte wie die ganze Kirche an die Existenz der Hölle. «Die Lehre der Kirche sagt», mahnt uns der Katechismus der Katholischen Kirche, «dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden, 'das ewige Feuer'» (Katechismus, 1035). Im Evangelium warnt uns Jesus des Öfteren vor der Hölle. Am Tage des Letzten Gerichts wird er zu denen zu seiner Linken sprechen: Weicht vor mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Engeln ... Und diese werden eingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben (Mt 25,41-46). Diese Worte der Wahrheit selbst können uns nicht täuschen; es wird demnach an jenem Tage Verdammte geben, die aus eigener Schuld für immer verloren sind. Deswegen gab die eifrige Sorge Pater Garicoïts um das Heil der Seelen diesem vor Liebe brennende Worte ein: «Am eigenen Heil und an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten, am Heil und an der Vervollkommnung unseres Nächsten zu arbeiten, das ist unser Element», sagte er zu seinen Patres. «Setzen wir uns ganz und gar dafür ein, so heißt das für uns: Leben; setzen wir uns nachlässig dafür ein, so heißt das: Verkümmern; setzen wir uns gar nicht dafür ein, heißt das: Sterben. Dafür zu arbeiten, der Hölle zu entgehen, in den Himmel zu kommen, die Seelen zu retten, die unseren Herrn so viel gekostet haben, die der Teufel so sehr ins Verderben stürzen will, welche Aufgabe! Erfordert sie nicht unsere ganze Sorgfalt? Kann man befürchten, zu viel zu tun? Werden wir jemals genug tun? Niemals werden wir so viel tun, wie der Teufel und die Welt, um sie zu verderben.»

Doch der «Heilige von Bétharram» vergass keinen Aspekt der offenbarten Wahrheit. Er kannte die unerschöpfliche Größe der göttlichen Barmherzigkeit für die, die sie empfangen wollen. Als er einmal einen zum Tode verurteilten Verbrecher besuchte, sagte er ihm gleich: «Mein Freund, Sie sind in einer schönen Lage; werfen Sie sich mit vollem Vertrauen in den Schoß der göttlichen Barmherzigkeit. Sagen Sie: 'Mein Gott, hab Erbarmen mit mir!' und Sie sind gerettet!» Er fügte hinzu: «Wenn ich eines schönen Tages zwischen Bétharram und Igon in Todesgefahr geriete und ich mich mit Todsünden beladen wüsste, ohne Beistand, ohne Beichtvater, so würde ich mich kopfüber in die Arme der göttlichen Barmherzigkeit stürzen, und ich würde mich gut aufgehoben wähnen.»

Zärtliche Liebe überall

Einer seiner Confratres schrieb über ihn: «Er war ebenso durchdrungen und überzeugt von der Güte Gottes wie vom Elend des Menschen. Er konnte das Gefühl des Misstrauens Gott gegenüber ebensowenig begreifen wie den Hochmut im Herzen des Menschen.» Seine Milde schöpfte Michael Garicoïts in der Betrachtung Jesu: «Was predigt uns unser Herr? Zärtliche Liebe überall: in seiner Fleischwerdung, in seiner heiligen Kindheit, in der Passion, in seinem Heiligen Herzen, in seinem ganzen inneren und äußeren Wesen, in seinen Worten, in seinen Blicken ... Was muss das Hauptmerkmal unseres spirituellen Lebens sein? Die christliche Liebe. Ohne diese Liebe werden wir niemals jenen Geist der Großherzigkeit haben, mit dem wir Gott dienen müssen. Wir brauchen sie ebenso für unser inneres Leben und für unsere Beziehungen zu Gott wie für unser äußeres Leben und unsere Beziehungen zu den Menschen. Welche Gabe des Heiligen Geistes zielt besonders darauf ab, diese Liebe zu vermitteln? Die Gabe der Frömmigkeit.»

Im 19. Jahrhundert setzte sich in der katholischen Welt Frankreichs immer mehr die Einsicht durch, dass für die Rechristianisierung des Landes nach der Revolution zunächst die Schule wieder christlich gestaltet werden müsste. Von dieser Norwendigkeit überzeugt, eröffnete Pater Garicoïts im November 1837 eine Grundschule in Bétharram, ungeachtet des Widerstandes seitens einiger Mitglieder seiner Gemeinschaft, die alle verfügbaren Kräfte der Missionsarbeit vorbehalten wollten. Der Erfolg stellte sich sofort ein: Bald war die Anzahl der Schüler auf zweihundert angewachsen. Für unseren Heiligen bedeutete Erziehung, «den Menschen zu formen und in die Lage zu versetzen, eine in seinem Lebensrahmen nützliche und ehrenwerte Laufbahn zu absolvieren und so durch die Erhöhung des gegenwärtigen Lebens das ewige Leben vorzubereiten ... Die intellektuelle, moralische und religiöse Erziehung ist das höchste menschliche Werk überhaupt; sie ist die Fortsetzung des göttlichen Werks in seiner edelsten und erhabensten Dimension, nämlich der Erschaffung der Seelen ... Die Erziehung prägt Schönheit, Vornehmheit, Höflichkeit und Größe ein. Sie ist ein Weitergeben von Leben, Gnade und Licht.» Ermutigt durch die wunderbare Verwandlung, die er bei den Schülern feststellte, eröffnete bzw. übernahm der Ordensgründer mehrere Schulen in der Region.

Da er sich durch Angriffe von Religionsfeinden verletzt fühlte und den Glauben in Schutz nehmen wollte, bemühte sich Michael Garicoïts, die Seelen durch eine ernsthafte Unterweisung in der Doktrin zu erleuchten; besonders viel Zeit verwandte er auf die Apologetik, die Darlegung der Wahrheiten, auf die sich unser katholische Glaube stützt. «Der Glaube an den einen Gott, der sich offenbart, findet Unterstützung in den Schlussfolgerungen unseres Verstandes. Wenn wir überlegen, stellen wir fest, dass es nicht an Beweisen für die Existenz Gottes mangelt. Diese Beweise sind als streng logisch abgeleitete philosophische Darlegungen ausgearbeitet worden. Doch sie können auch eine einfachere Form annehmen und sind als solche jedem Menschen zugänglich, der verstehen möchte, was die ihn umgebende Welt bedeutet» (Johannes-Paul II., 10. Juli 1985).

1838 bat Pater Garicoïts seinen Bischof, mit seinen Gefährten die Verfassung der Jesuiten übernehmen zu dürfen. Bischof Lacroix stimmte provisorisch zu, gab jedoch dann den Patres, die von da an «Hilfspriester vom Heiligen Herzen Jesu» genannt wurden, eine neue, von ihm selbst für sie ausgearbeitete Regel. Doch deren Text war überaus mangelhaft: Die Gelübde wurden darin nicht in ihrer ganzen Tragweite anerkannt; der Bischof behielt sich Amtsbefugnisse vor, die eigentlich dem Superior zugestanden hätten ... In seiner tiefen Demut und seinem Gehorsam unterwarf sich Pater Garicoïts dennoch ohne jeden Vorbehalt. Manche unzulängliche Bestimmung der neuen Regel führte allerdings innerhalb der Gemeinschaft zu Meinungsverschiedenheiten, unter denen der Gründer bis zum Ende seines Lebens zu leiden hatte. Mehrmals schilderte er seinem Bischof die Verworrenheit der Situation, doch ohne Erfolg. Eines Tages, als er von einer Unterredung mit Bischof Lacroix heimkehrte, sagte er ergriffen: «Wie schmerzhaft die Geburt einer Kongregation ist!» Erst in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts und nach dem Tode des Gründers konnte sich die neue Kongregation gemäß den Ansichten von Pater Garicoïts etablieren.

«Vorwärts! Auf in den Himmel!»

Anlässlich seiner Reisen nach Bayonne, um seinen Bischof zu treffen, besuchte Pater Garicoïts manchmal auch seine alten Eltern. Er kam gegen Abend dort an, aß mit ihnen und verbrachte den größten Teil der Nacht im Gespräch mit seinem Vater, dem er eine sehr lebhafte Zuneigung entgegenbrachte, und dem zuliebe er sogar eine von dessen Pfeifen rauchte. Dann kehrte er zu seiner aufreibenden Tätigkeit und seinem Hin- und Herpendeln zwischen der Kongregation, den Schwestern von Igon, den Schulen, den Missionsstationen und der Seelsorgerarbeit zurück. 1853 begann seine so robuste Gesundheit nachzulassen, und er wurde vorübergehend durch einen Anfall von Lähmung ans Bett gefesselt. 1859 kam es zu einem zweiten Anfall; er konnte sich auch davon wie durch ein Wunder erholen und versicherte den Seinen: «Seid beruhigt, es wird noch weitergehen, solange der liebe Gott es will.» In der Fastenzeit 1863 lässt ein besonders schwerer Anfall auf sein bevorstehendes Ende schließen. Immer noch voller Begeisterung, rief er den Schwestern von Igon zu: «Gehen wir! Vorwärts! Auf in den Himmel! Wir müssen ins Paradies kommen!» Am 14. Mai 1863, dem Himmelfahrtstag, verschied er mit den gemurmelten Worten: «Hab Mitleid mit mir, Herr, in deiner großen Barmherzigkeit.»

«Vater, hier bin ich!» Dieser Ruf entsprang dem Herzen des heiligen Michael Garicoïts. «Gott ist ein Vater», sagte er, «wir müssen uns letzten Endes seiner Liebe ergeben, wir müssen antworten: 'Hier bin ich!'. Und er wird sein Kind augenblicklich aus der Wiege des Elends heben und es überschwänglich in seine Arme schließen.» Um diese Gnade für Sie und für alle, die Ihnen teuer sind, beten wir zum heiligen Josef und zum heiligen Michael Garicoïts.

Dom Antoine Marie osb

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