Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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23. August 2002
Hl. Rosa von Lima


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Arm an allem, außer an einem großen Gottvertrauen»: So fasste Papst Johannes-Paul II. das sittliche Portrait von Bruder André Bessette anlässlich von dessen Seligsprechung am 23. Mai 1982 zusammen. Der Heilige Vater fuhr fort: «Gott hat es gefallen, diesen einfachen Menschen mit einem wunderbaren Zauber und einer wunderbaren Macht auszustatten, ihn, der am eigenen Leibe das Elend kennengelernt hatte, als eines von zehn Geschwistern Waise zu werden, der stets ohne Geld, ohne Bildung und mit einer mäßigen Gesundheit ausgestattet blieb... Es erstaunt nicht, dass er sich dem heiligen Josef ganz nah verbunden fühlte, dem armen und verbannten Handwerker, der dem Heiland so vertraut war... Er pflegte beim heiligen Josef und auch vor dem Allerheiligsten Sakrament Zuflucht zu suchen und übte sich selbst lange und mit Hingabe im Namen der Kranken im Gebet, das er sie lehrte.»

Alfred Bessette wurde am 9. August 1845 in Saint-Grégoire d'Iberville bei Montreal (Kanada) geboren. Als schwächliches Kind überlebte er nur dank der Pflege seiner Mutter. Seine Eltern waren überaus einfache Leute, arm an weltlichen Gütern, jedoch reich an Tugenden. Herr Bessette, ein Zimmermann, war ein fleißiger Arbeiter. Leider verstarb er sehr früh – er wurde beim Holzfällen von einem Baum erschlagen – und hinterließ seine Witwe mit zehn Kindern in einer etwa 7 mal 5 Meter kleinen Holzhütte. Einen Moment lang völlig zusammengebrochen, verlor Frau Bessette trotzdem nicht den Mut; von ihren Brüdern und Schwestern unterstützt, widmete sie sich aufopfernd der Erziehung ihrer Kinder. Alfreds Seele wurde durch die Nähe dieser liebenden und frommen Mutter geprägt, die so sanft und so voller Glauben von Jesus, Maria und Josef zu erzählen pflegte. Doch das Kind war erst zwölf Jahre alt, als seine von vielen Nachtwachen und Mühen erschöpfte und durch Tuberkulose geschwächte Mutter ebenfalls starb. Alfred wurde von seinem Onkel und seiner Tante Nadeau aufgenommen, die ihn bald wie ihren eigenen Sohn behandelten. Seine Dankbarkeit erwies er ihnen durch seine folgsame und ergebene Art. Dem Geistlichen des Ortes, Pfarrer Provençal, fiel Alfreds Gefühlsreinheit und seine ganz ungewöhnliche Nächstenliebe auf; er schloss ihn besonders ins Herz und bereitete ihn sorgfältig auf die Erstkommunion vor, wobei er ihn lehrte, zum heiligen Josef, dem Patron Kanadas, zu beten.

Doch der Haushalt der Nadeaus war arm, sodass Alfred, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, eine Stelle bei einem Schuhmacher antrat. Da er sich dort eine Magenkrankheit zuzog, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte, wechselte er bald in den Dienst eines Landwirtes über. Da begann er ein streng geregeltes spirituelles Leben zu führen. Er stand früh auf, um den Kreuzweg nachzuvollziehen und lange zu beten, sprach mehrere Rosenkränze am Tag und unterhielt sich oft vertrauensvoll mit dem heiligen Josef über seine Arbeit, über sein Freud und Leid. Ebenso widmete er sich der Buße. Später fing Alfred bei einem Schmied eine Lehre an. Trotz seiner schwächlichen Konstitution wurde er sehr tüchtig in diesem Handwerk. Mit zwanzig Jahren ging der junge Mann in die Vereinigten Staaten und fand dort in einer Spinnerei Anstellung. Mit seiner Arbeit beschäftigt und allen gegenüber hilfsbereit, behielt er trotz der verderblichen Atmosphäre der Werkstatt einen einwandfreien moralischen Lebenswandel bei. Allerdings schadete der Industriebetrieb seiner Gesundheit, sodass er die Spinnerei verließ, um auf einer Farm an der frischen Luft zu arbeiten. Sobald er jedoch wieder zu Kräften gekommen war, kehrte er erneut in eine Spinnerei zurück.

«Es ist entschieden!»

Während dieser unsteten Jahre in den Vereinigten Staaten hatte Alfred stets auch Heimweh und blieb mit Pfarrer Provençal in Verbindung. Im Juli 1869 erhielt er einen Brief von ihm, der ihn erschreckte: Der Pfarrer schlug ihm vor, als einfacher Bruder in eine Ordensgemeinschaft einzutreten. Das Ordensleben zog Alfred zwar an, doch würde sein Gesundheitszustand es überhaupt zulassen, dass er aufgenommen wird und dann auch ausharrt? Er hatte nie irgendwo sesshaft werden können! Sechs Monate lang betete er zum heiligen Josef, damit dieser ihn erleuchte. An einem Dezembersonntag schließlich kehrte der junge Mann nach Saint-Césaire zurück und ging geradewegs ins Pfarrhaus, wo er von seinem alten Pfarrer mit offenen Armen empfangen wurde: «Hast du es dir richtig überlegt, Alfred?» - «Ja, Herr Pfarrer, es ist entschieden, ich werde Ordensbruder.» Beide richteten daraufhin ein heißes Dankgebet an den heiligen Josef.

Im Herbst 1870 begab sich Alfred in das Noviziat der Kongregation vom Heiligen Kreuz in Montreal. Diese damals ganz neue Einrichtung verdankte ihre Entstehung einem Priester aus der französischen Diözese Le Mans, Pater Moreau; zu ihren Mitgliedern gehörten Patres und Brüder, Missionare und Lehrer. Alfred wurde vom Pater Superior überaus gütig aufgenommen. Da der junge Mann mit allen Arten von Arbeiten vertraut war, erledigte er die verschiedenen Aufgaben, die ihm übertragen wurden, frohen Herzens im Verein mit Jesus von Nazareth und unter den Augen des heiligen Josef. Am 27. Dezember empfing er die Ordenstracht und nahm in Erinnerung an Pfarrer André Provençal den Namen «Frère André» (Bruder Andreas) an. Der neue Bruder wurde zum Pförtner des Kollegiums ernannt, in dem auch das Noviziat untergebracht war.

Sein Gesundheitszustand schien allerdings bald so kritisch zu sein, dass seine Oberen davon sprachen, ihn nicht zur Profess zuzulassen. Eines Tages, als Bischof Bourget von Montreal das Kollegium besuchte, warf sich Bruder André vor seinen Füßen nieder und flehte ihn um seine Fürsprache an, damit er zum Gelübde zugelassen werde. Mit einfachen Worten offenbarte er seinen Wunsch, Gott und seinen Brüdern in niedrigen Tätigkeitsbereichen zu dienen und bekundete seine besondere Verehrung für den heiligen Josef, zu dessen Ehren er auf dem Gipfel des nahegelegenen Hügels ein Oratorium erbauen wolle. Der Bischof, der insgeheim selbst den Wunsch hegte, dem heiligen Josef eine monumentale Kirche zu errichten, antwortete gütig: «Fürchten Sie nichts, Sie werden zur Profess zugelassen.» So durfte Bruder André zum Erstaunen seiner Mitbrüder, die ihn als Einfaltspinsel betrachteten, am 28. Dezember 1871 seine Gelübde ablegen.

Vor die Tür gesetzt

Nach seiner offiziellen Aufnahme in die Kongregation setzte Bruder André seinen Dienst als Pförtner des Collège Notre-Dame in der Nähe des Mont-Royal fort. Am Ende seines Lebens sagte er mit Humor: «Am Ende des Noviziats haben mich meine Vorgesetzten vor die Tür gesetzt... Ich bin vierzig Jahre lang dort geblieben, ohne fortzugehen.» Er verbrachte den größten Teil seiner Tage in einer engen Pförtnerloge, deren Mobiliar lediglich aus einem Tisch, ein paar Stühlen und einer Bank bestand. Er harrte dort aus und hatte lächelnd und hilfsbereit ein offenes Ohr für die Nöte von jedermann. Seine Aufgabe war dennoch nicht leicht. Es wurde jeden Moment geklingelt: Der Bruder empfing die Besucher, führte sie ins Sprechzimmer und lief dann durch das Haus, um den betreffenden Mönch oder Schüler zu suchen. Manchmal wurde er beschimpft, weil der verlangte Ordensbruder nicht verfügbar war. Es kam auch vor, dass der Besucher ging und die Tür hinter sich zuschlug. Solche Unannehmlichkeiten führten bei Bruder André mitunter zu ungedulden Reaktionen, die er aber dann bitter bereute. Abends, wenn das Kommen und Gehen vorüber war, widmete er sich der immer wieder neu zu beginnenden mühsamen Arbeit, den Boden der Sprechzimmer und Flure zu putzen. Bis zu später Stunde schrubbte, wachste und bohnerte er auf Knien beim Licht einer Kerze. War seine Arbeit beendet, so schlüpfte er in die Kapelle und sank erst vor der Statue des heiligen Josef auf die Knie, wonach er noch lange vor dem Altar betete.

Bruder André versah auch das Amt des Wäschers, des Krankenpflegers und des Friseurs; mit den Schülern pflegte er freundschaftlichen Umgang und unterstützte sie in ihrem geistlichen Leben. Seine Demut bestand darin, dass er bereitwillig dort war, wo Gott ihn hingestellt hatte, und nach dem Vorbild des heiligen Josef seine ganz gewöhnliche Aufgabe erfüllte.

«Der heilige Josef», sagte Papst Paul VI., «begegnet uns unter den unerwartetsten äußeren Bedingungen. Man hätte in ihm eigentlich einen mächtigen Mann oder einen Propheten vermuten können... Im Gegenteil, es geht um das Gewöhnlichste, Bescheidenste, Demütigste, das man sich vorstellen kann... Wir stehen an der Schwelle einer ärmlichen Werkstatt in Nazareth. Wir sehen Josef vor uns, der zwar zur Nachkommenschaft Davids gehört, doch das zieht keinen Titel und keinen Ruhm nach sich... Vielmehr entdecken wir in seiner demütigen und bescheidenen Persönlichkeit eine außergewöhnliche Bereitschaft zum Gehorsam und zum praktischen Handeln. Er hadert nicht, er zögert nicht, er pocht weder auf seine Rechte noch auf seine Ziele... Seine Rolle besteht darin, den Messias zur Arbeit, zu den Erfahrungen des Lebens zu erziehen. Er wird ihn behüten und wird nichts Geringeres als das erhabene Vorrecht besitzen, den Erlöser der Welt lenken, leiten und unterstützen zu dürfen...

«So können die großen Entwürfe Gottes, jene schicksalhaften Unternehmungen, die der Herr zur Bestimmung der Menschen macht, mit den alltäglichsten Lebensbedingungen einhergehen und sich auf diese stützen. Niemand ist von der Möglichkeit ausgeschlossen, den göttlichen Willen auszuführen, und zwar bis zur Vollkommenheit... Kein Leben ist banal, armselig, belanglos und vergessen. Allein dadurch, dass wir atmen und uns in der Welt bewegen, sind wir zu etwas Großem ausersehen: zum Reich Gottes, zur Einladung Gottes, zum Gespräch, zum Leben und zur Erhöhung mit Ihm, bis wir ,teilhaft werden göttlicher Natur' (vgl. 2 Petr 1,4)... Wer seine Standespflichten gut erfüllt, verleiht seinem ganzen Handeln eine unvergleichliche Größe» (19. März 1968).

Gewöhnliches Leben, aber außergewöhnliche Gunst

Auf Erden hatte der heilige Josef ein ganz gewöhnliches Leben. Nun, im Himmel, erwirkt er reiche Gnadengaben zu Gunsten derer, die sich ihm anvertrauen. Nach etwa fünfzehn Jahren arbeitsamen Ordenslebens im Dunklen empfing Bruder André vom Nährvater Jesu die Gnade, Wunder zu wirken. Seiner Schwäche eingedenk, war er weit davon entfernt, auf die empfangene Gabe mit Eitelkeit zu reagieren und wiederholte ohne Unterlass, dass er nur ein Werkzeug des heiligen Josef sei, nichts weiter. «Was ich an Wunderbarem bewirken kann», sagte er, «ist einfach eine Gunst, die Gott gewährt, um der Welt die Augen zu öffnen. Aber ach! Die Welt ist nach wie vor blind!»

Eines Nachts, als Bruder André am Bett eines an Diphterie erkrankten Schülers wachte, hatte er eine Eingebung: Lautlos ging er in die Kapelle hinunter, nahm ein Medaillon des heiligen Josef und kehrte zum Kranken zurück. «Bruder, warum haben Sie mich verlassen? Ich leide so sehr.» - «Du wirst nicht mehr leiden», antwortete der Mönch und begann den Hals des Kindes mit dem Medaillon abzureiben, während er zum heiligen Josef betete. Der Kranke schlief ein. Als er früh am Morgen erwachte, rief er: «Bruder, ich bin geheilt!» Tatsächlich wurde im Laufe des Vormittags festgestellt, dass die Krankheit spurlos verschwunden war. Einige Zeit später besuchte Bruder André den Verwalter des Kollegiums; dieser sagte: «Schon seit einem Monat habe ich eine Verletzung am Bein, die nicht zuheilt. Die Wunde sieht böse aus, und ich sorge mich bei dem Gedanken an die viele Arbeit, die im Büro auf mich wartet.» - «Beten Sie eine Novene zum Nährvater unseres himmlischen Herrn; wir haben noch genau neun Tage bis zu seinem Fest.» - «Erwarten Sie kurz gesagt ein Wunder vom heiligen Josef?» - «Aber gewiss!» Der Festtag des heiligen Josef kam, und an diesem Tag war die Wunde völlig verschwunden; zum Erstaunen aller ging der Verwalter in die Kapelle hinunter.

«Lassen Sie ihn weitermachen!»

Das Gerücht von den ersten Wundern, die durch Bruder André bewirkt worden waren, machte rasch die Runde in der Stadt, und die ersten Kranken wurden in der Hoffnung auf Heilung vorstellig. Bald war der Zustrom so groß, dass der Vorsteher des Klosters darüber erzürnt war und Bruder André ein verlassenes und armseliges Gebäude zuwies, um die Kranken zu empfangen. Da er aber diese «Sprechstunden» unterbinden wollte, suchte er den Bischof von Montreal auf. Dieser fragte: «Wenn Sie Bruder André sagen, er solle keine Kranken mehr empfangen, würde er das tun?» - «Gewiss!» - «Dann lassen Sie ihn weitermachen. Wenn das Werk, das er tut, von Gott kommt, so wird es gedeihen; im gegenteiligen Fall wird es von selbst eingehen.» So setzte sich das Defilee der Kranken fort. Der Bruder heilte zwar ihren Körper, sorgte sich aber vor allem um ihre Seelen. Zu einem Kranken, der ihn aufgesucht hatte, sagte er: «Wenn Sie möchten, dass der heilige Josef Sie heilt, so verlassen Sie die Frau, mit der Sie in Unzucht zusammenleben und kommen Sie dann wieder zu mir.» Einem anderen riet er: «Gehen Sie zur Beichte und beginnen Sie eine Novene zum heiligen Josef.» - «Zur Beichte? Ich habe seit fünfundzwanzig Jahren nicht gebeichtet! Ich verspreche Ihnen, dass ich es tue!» Er war auf der Stelle wieder gesund.

Trotz der außergewöhnlichen Gaben und seines gewohnten guten Humors litt Bruder André unter einem nervösen und aufbrausenden Temperament. Es kam vor, dass er sich Besuchern gegenüber zu säuerlichen Worten oder verletzenden Bemerkungen hinreißen ließ und sie abwies. Eines Abends sagte jemand zu ihm: «Der heilige Josef bleibt für unsere Gebete taub! Sie wenigstens gewähren uns jede Gunst!» - «Wie können Sie so beleidigende Worte für den heiligen Josef von sich geben?», erwiderte er unzufrieden; vor lauter Empörung verließ er den Raum und ging sogleich zu Bett! Da er sich seiner Unvollkommenheit bewusst war, pflegte er seine Freunde zu bitten: «Betet für meine Umkehr!» In der Tat haben auch Heilige stets gegen ihre eigenen Charakterschwächen zu kämpfen, und ausgerechnet dieser unausgesetzte Kampf kennzeichnet ihre Heiligkeit.

Donnerstags führte Bruder André einige Schüler und sogar auch Lehrer auf den Mont-Royal. Nach und nach nahm der Plan Gestalt an, am Hang des Berges ein Oratorium zu errichten. Im Juli 1896 wurde das Grundstück erworben und in einem Felsspalt eine Statue des heiligen Josef aufgestellt. Von da an empfing Bruder André in der schönen Jahreszeit seine Kranken dort. Bald wurde eine Kapelle, das «Oratorium», errichtet. In den Ferien verbrachte Bruder André fast seine ganze Zeit da; er ging in aller Frühe dorthin und blieb bis in die Nacht hinein, zumal seine Vorgesetzten ihm nun mehr Handlungsfreiheit gewährten.

Ein nichtswürdiges Werkzeug

Von 1908 an lebte Bruder André ständig im Oratorium; er hatte sich unter dem Dach der Kapelle ein mit einem Ofen beheiztes Zimmer und Büro eingerichtet. Dort empfing er alle Leute, selbst hohe kirchliche Würdenträger, die ihn um seine Fürbitte baten. «Ich habe keinerlei Macht», sagte der Bruder demütig. «Nichts von dem, was ich in Bezug auf die Heilungen tue, kommt von mir. Alles geht vom heiligen Josef aus, der diese außergewöhnlichen Gnaden von Gott erlangt. Ich bin nur ein nichtswürdiges Werkzeug, dessen sich der Patron der Kirche bedient, um Wunder zu wirken, um Leute zu bekehren und sie zur christlichen Vollkommenheit zu erheben.» Der geistliche Nachhall der Wunder in den Seelen war ihm wichtiger als die Heilungen. Er legte sich jeden Tag auf die Lauer, um die Sünder dem Teufel zu entreißen. Letzterer verzichtete im übrigen keineswegs darauf, den Bruder mit seiner Gegenwart zu belästigen. Mehrere Male störte er ihn mit dem Gepolter zu Bruche gehenden Geschirrs auf; ebenso hörte man mitunter Bruder André allein in seinem Zimmer nachdrücklich mit einer geheimnisvollen Person hadern.

Da manche Pilgerzüge 1912 bereits über zehntausend Teilnehmer hatten, wurde eine Erweiterung der Kapelle beschlossen; bald fasste der Erzbischof von Montreal sogar die Errichtung einer Basilika zu Ehren des heiligen Josef ins Auge. Bruder André war selig vor Freude. Erst wurde eine geräumige Krypta gebaut, daneben ein Kloster für die Patres vom «Heiligen Kreuz», die die heilige Stätte betreuten. Bruder André sah eine breite Bewegung zur Anbetung Gottes und eine Massenbekehrung von Sündern voraus. Doch es mussten noch beträchtliche Geldbeträge für die Errichtung der Basilika aufgetrieben werden. Zu diesem Zweck wurde eine Zeitschrift, «Les Annales de saint Joseph», und später auch eine «Bruderschaft des heiligen Josef» gegründet, der in kurzer Zeit über dreißigtausend Personen beitraten; schließlich fanden und verpflichteten sich eifrige Anhänger, in den Vereinigten Staaten Spenden zu sammeln.

1924 begannen die schweren Pfeiler einer neoklassizistischen Basilika aus dem Boden zu wachsen. Bis etwa 1930 wurden die Bauarbeiten ununterbrochen fortgeführt. Sehr zum Leidwesen von Bruder André wurden sie dann durch den Tod des Architekten sowie durch Geldmangel unterbrochen. Doch der schlichte Bruder verlor nicht die Zuversicht. Jedes Jahr machte er persönlich eine Rundreise in die Vereinigten Staaten, um Spenden zu sammeln. Diese Reisen, auf denen er vor begeisterten Menschenmassen auftreten musste und von Journalisten und Photographen umlagert wurde, fielen ihm überaus schwer. Doch er nahm sie zu Ehren Gottes und für das Heil der Seelen auf sich; die Freigebigkeit der Amerikaner rührte ihn zutiefst. Die Zahl der Heilungen nahm zu. Bruder André verlangte von denen, die sich an ihn wandten, lediglich ein großes Vertrauen auf Gott und eine völlige Unterwerfung unter seinen Willen.

Dieser außergewöhnliche alte Mann von fast achtzig Jahren überraschte durch die Jugendlichkeit seines Herzens. «Wir stellen uns den christlichen Glauben als sehr alt vor», sagte er. «Das stimmt nicht, er ist ganz jung!» Das Gebet und die Andacht von Bruder André waren tief geprägt von dieser Wahrheit. Wie der heilige Ignatius in den Betrachtungen seiner Geistlichen Exerzitien empfiehlt, stellte er sich die Szenen aus dem Leben Jesu so vor, als wäre er wirklich dabeigewesen. Wenn er den Kreuzweg betete, was er häufig tat, folgte er dem Weg Christi, als würde er persönlich der Passion beiwohnen; denn er war überzeugt, dass seine liebevolle Anteilnahme die Leiden des Heilands lindern kann. Wenn er zum heiligen Josef sprach, sah er sich ebenso an dessen Seite in der Werkstatt von Nazareth oder neben der Seligsten Jungfrau arbeiten.

Doch die große Sorge von Bruder André galt nach wie vor der Unterbrechung der Bauarbeiten an der Basilika. Anfang 1936 rief er bei der Versammlung des Rates der Kapelle vom Mont-Royal aus: «Lasst uns unverzüglich die Statue des heiligen Josef in die Apsis der Basilika tragen, unser heiliger Patron wird schon dafür sorgen, dass ein Gewölbe darüber kommt.» Gesagt, getan. Bald danach wurde eine Anleihe aufgelegt, die rasch durch Spenden gedeckt war. Die Arbeiten wurden fortgesetzt. «Die Fortführung der Bauarbeiten ist gesichert», sagte Bruder André. «Ich werde nun nicht mehr gebraucht, es ist Zeit für mich zu gehen.» Als verehrter, von der Arbeit verbrauchter Neunzigjähriger fühlte er seine Kräfte schwinden und emping nur noch zweimal pro Woche Kranke.

Wenn die Leute nur den lieben Gott liebten!

Am Weihnachtsabend sagte er zu einem Freund: «Für mich ist es wohl die letzte Weihnacht.» - «Aber das Oratorium braucht Sie noch!» - «Es ist nicht verboten, sterben zu wollen, wenn man es aus Sehnsucht nach dem Himmel tut... Wenn jemand auf Erden Gutes bewirkt, so ist das nichts verglichen mit dem, was er tun kann, wenn er erst im Himmel angekommen ist.» Bald danach erkrankte er an einer akuten Gastritis und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Seine Gedanken kreisten um die Fertigstellung der Basilika, denn er war sich dessen bewusst, wieviel Gutes der heilige Josef auf dem Mont-Royal bewirkt: «Ihr wisst nicht, was alles der liebe Gott im Oratorium tut», sagte er zu seinem Superior. «Es gibt so viel Unglück in der Welt!... Ich konnte das sehen... Wenn die Leute nur den lieben Gott liebten, so würden sie niemals sündigen: Alles ginge perfekt, wenn sie nur den lieben Gott liebten, wie Er sie liebt.» Am 6. Januar 1937 gab er seine Seele an Gott zurück und ging in das wahre Leben ein. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile in Nordamerika. Von überall her kamen Beileidsbezeugungen. Der einfache Bruder André erlebte einen wahren Triumph, der allerdings nur ein schwacher Abglanz seines Ruhmes im Himmel war, wo er mit dem heiligen Josef zum mächtigen Fürsprecher der Kirche und aller Gläubigen wurde. Der heilige Josef ist nämlich der «Beschützer der heiligen Kirche». «Ist es nicht nur folgerichtig und notwendig», sagte Papst Johannes-Paul II. am 19. März 1993, «dass der, dem der ewige Vater seinen Sohn anvertraut hat, seinen Schutz auch auf den Leib Christi ausdehnt, der die Kirche ist?»

Lernen wir vom heiligen Josef und vom seligen Bruder André die Liebe zum Gebet. «Ist das Vertrauen von Bruder André in die Kraft des Gebets nicht eine der wertvollsten Hinweise für die Männer und Frauen unserer Zeit, die versucht sind, ihre Probleme ohne Gott lösen zu wollen?», fragte der Papst bei der Seligsprechung des Bruders. Möge uns dieser die Gnade erwirken, alle Tage unseres Lebens mit Liebe und Vertrauen zu beten!

Dom Antoine Marie osb

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