Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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9. Mai 2002
Christi Himmelfahrt


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 25. März 1858 verließ Bernadette Soubirous gegen vier Uhr morgens das Cachot, d.h. die armselige Hütte, in der ihre Familie hauste, und begab sich zur Grotte von Massabielle, wo ihr seit dem 11. Februar eine geheimnissvolle Dame zu erscheinen pflegte. Das vierzehnjährige Mädchen schlich leise durch das schlafende Lourdes, begleitet von einigen, von ihrer Tante in das Geheimnis eingeweihten Personen. Kaum hatte sie ein Gesätz des Rosenkranzes vor der Grotte gebetet, da zeigte sich die Dame. Lächelnd winkte sie das Mädchen zu sich. Bernadette trat daraufhin ganz nah an die Besucherin heran und richtete ihr in ihrer dialektgefärbten Sprache die dringende Bitte ihres Pfarrers aus: «Madame, wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer Sie sind?» Die Erscheinung lächelte und antwortete nicht. Das Kind wiederholte seine Frage zweimal. Beim dritten Mal faltete die Dame die Hände, die sie zuvor geöffnet gehalten hatte, vor der Brust und sprach im pyrenäischen Dialekt: «Que soy era Immaculada Councepciou (d.h.: Ich bin die Unbefleckte Empfängnis). Ich möchte eine Kapelle hier.» Daraufhin verschwand sie, nach wie vor lächelnd.

Auf dem Rückweg wiederholte Bernadette aus Angst, sie zu vergessen, pausenlos die für sie unverständlichen Worte: «Que soy era Immaculada Councepciou.» Sie lief zum Herrn Pfarrer und rief ihm, ohne vorher zu grüßen, die Worte entgegen: «Que soy era Immaculada Coucepciou.» – «Was sagst du da, kleiner Naseweis?» – «Die Dame hat diese Worte zu mir gesagt...» – «Deine Dame kann diesen Namen nicht tragen! Du täuschst dich! Weißt du, was das heißt, die Unbefleckte Empfängnis?» – «Ich weiß es nicht; deswegen habe ich die Worte die ganze Zeit bis hierher wiederholt, damit ich sie nicht vergesse.»

Wie hätte sie auch wissen sollen, was «Unbefleckte Empfängnis» bedeutet, sie, die noch nicht einmal lesen konnte und sich erst kurz zuvor zum Katechismus angemeldet hatte? Doch der Priester wusste es wohl: Weniger als vier Jahre zuvor hatte Papst Pius IX. Maria als bei ihrer Empfängnis unbefleckt proklamiert. In der Bulle Ineffabilis vom 8. Dezember 1854 hatte er erklärt: «Wir legen fest, dass die Lehre, wonach die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt wurde, eine von Gott geoffenbarte Doktrin ist und dass sie von allen Gläubigen fest und beständig geglaubt werden muss.» Achtzehnhundert Jahre nach Jesus Christus hat der Papst durch diesen feierlichen Akt ein neues Dogma definiert. Manche Leute fragen sich: Wie ist das möglich? Hat die Kirche eine solche Macht? Ist die Offenbarung mit dem letzten Buch des Neuen Testament nicht vollendet?

Im Brief an die Hebräer steht tatsächlich: Nachdem oftmals und in mancher Gestalt und Weise dereinst Gott zu den Vätern gesprochen hatte in den Propheten, sprach er am Ende dieser Tage zu uns durch seinen Sohn (Hebr 1,1-2). Der heilige Johannes vom Kreuz kommentiert diese Stelle folgendermaßen: «Seitdem er uns seinen Sohn, der sein Wort ist, gegeben hat, hat Gott kein weiteres Wort, das er uns geben kann. Er hat uns in diesem einzigen Wort zugleich und mit einem Mal alles gesagt..., denn alles, was er teilweise den Propheten gesagt hatte, sagte er ganz in seinem Sohn, indem er uns dieses Ganze, das sein Sohn ist, gab.» Das II. Vatikanische Konzil mahnt in gleicher Weise: «Daher ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit» (Dei Verbum, Nr. 4).

Im Verständnis des Glaubens wachsen

«Obwohl die Offenbarung abgeschlossen ist», lehrt uns der Katechismus der Katholischen Kirche, «ist ihr Inhalt nicht vollständig ausgeschöpft; es bleibt Sache des christlichen Glaubens, im Lauf der Jahrhunderte nach und nach ihre ganze Tragweite zu erfassen» (Katechismus, Nr. 66). Die Offenbarung ist von Gott der Kirche anvertraut worden, damit sie sie weitergibt und auslegt. «Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes authentisch auszulegen, ist allein dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird... Das Lehramt der Kirche setzt die von Christus erhaltene Autorität voll ein, wenn es Dogmen definiert, das heißt wenn es in einer das christliche Volk zu einer unwiderruflichen Glaubenszustimmung verpflichtenden Form Wahrheiten vorlegt, die in der göttlichen Offenbarung enthalten sind ... Dank des Beistands des Heiligen Geistes kann das Verständnis der Wirklichkeiten wie auch der Formulierungen des Glaubenserbes im Leben der Kirche wachsen» (Katechismus, Nr. 85.88.94); das ist bei der Definition des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis geschehen.

Dieses Dogma geht in der Heiligen Schrift auf den Gruß des Engels Gabriel an die Jungfrau Maria zurück: Sei gegrüßt, voll der Gnade (Lk 1,27); diese Fülle der Gnade ist nur dann wirklich vollkommen, wenn sie sich zeitlich auch auf den ersten Augenblick des Lebens der Heiligen Jungfrau, nämlich den ihrer Empfängnis, erstreckt. Doch obwohl diese Stelle des Evangeliums einen wertvollen Hinweis liefert, beweist sie - für sich allein - nicht hinreichend die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau; um das darin enthaltene Licht voll und ganz zu erfassen, muss auf das Zeugnis der Überlieferung zurückgegriffen werden. Doch die Kirche schöpft «ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein... Daher sind beide – Schrift und Überlieferung – mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht anzunehmen und zu verehren» (II. Vatikanisches Konzil, Dei Verbum, Nr. 9).

Der Glaube an die Unbefleckte Empfängnis Marias reicht bis in die ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte zurück. Die Kirchenväter, die davon gesprochen haben, sind einmütig in der Erkenntnis, dass die Mutter Jesu Christi die schöne und makellose Braut ist, von der im Hoheslied die Rede ist (4,7). Der heilige Ephrem († 373) schreibt, die Mutter Gottes sei «voll der Gnade, ganz rein, ganz makellos, ganz ohne Fehler, jeder Beschmutzung und jeder Befleckung durch die Sünde völlig fremd» (Oratio ad Deiparam). In der griechischen Kirche existiert das liturgische Fest der Empfängnis Mariä (8. Dezember) mindestens seit dem siebten Jahrhundert. Gleichwohl haben große Theologen des Mittelalters Einwände gegen den Glauben an die Unbefleckte Empfängnis formuliert, der ihnen die Universalität der Erlösung durch Christus zu beeinträchtigen schien. Darauf haben Duns Scotus (1266-1308) und nach ihm die Theologen der franziskanischen Schule erwidert, dass Maria in Vorwegnahme der künftigen Verdienste Jesu Christi als Erlöser des Menschengeschlechts von jeder Befleckung durch die Erbsünde gänzlich bewahrt worden sei; die Mutter Gottes sei demnach sehr wohl durch das Blut Jesu Christi erlöst worden, allerdings in einer sehr erhabenen Art und Weise, nämlich indem sie von der Sünde bewahrt wurde.

Der heilige Francesco Fasani, der von Papst Johannes-Paul II. am 13. April 1986 heiliggesprochen wurde, zählt zu den Franziskanern, die lange vor der Verkündung des Dogmas, die Unbefleckte Empfängnis am meisten rühmten.

Der «Sünder der Unbefleckten»

Antonio Giovanni Fasani wurde am 6. August 1681 in Lucera in Apulien (Südostitalien) geboren. Seine Eltern lebten in bescheidenen Verhältnissen; sein Vater verdiente seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner. In der an materiellen Gütern armen Familie Fasani war man an Glauben umso reicher. Jeden Abend wurde vor einem Bild der Unbefleckten Maria der Rosenkranz gebetet. Bereits mit vierzehn Jahren schloss Antonio sich 1695 den Franziskaner-Konventualen an. Ein Jahr danach legte er unter dem Namen Bruder Francesco-Antonio im Kloster von Monte Sant'Angelo seine Gelübde ab. Der junge Mönch hatte ein lebhaftes, hitziges Temperament, das durch eine demütige Zurückhaltung gezügelt wurde. Er war Mönch geworden, um vollkommen zu werden. Von 1696 bis 1709 studierte Bruder Francesco-Antonio Theologie und schloss sein Studium in Assisi durch die Erlangung des Magistergrades ab, so dass er fortan nur «il Padre Maestro» hieß. In seiner Demut bezeichnete er sich oft als «der Sünder der Unbefleckten», d.h. als armer Sünder, der durch die Fürsprache der unbefleckten Gottesmutter Maria erlöst worden war.

In der Fastenzeit des Jahres 1707 wurde Pater Fasani plötzlich nach Palazzo, nicht weit von Assisi, entsandt, um dort zu predigen. Seine Jugend, die Sicherheit seines theologischen Wissens, die Wärme seiner Stimme, sein asketischer Gesichtsausdruck, in welchem ein tiefes Innenleben durchschien, sowie die ihn beseelende Überzeugung riefen bei seiner Zuhörerschaft Begeisterung und Erbauung hervor. Ein Zeuge berichtete: «Er predigte mit spürbarer Inbrunst, so dass er die Wahrheiten, die er verkündete, der Seele seiner Zuhörer einprägte... Er sprach mit solch hingerissener Verehrung, solcher Zärtlichkeit und einem so liebevollen Gesichtausdruck von der heiligen Muttergottes, dass man den Eindruck gewann, er hätte sich von Angesicht zu Angesicht mit Ihr unterhalten.»

Das schlimmste Übel

Nach seiner Heimkehr nach Lucera, wo er sein ganzes restliches Leben verbrachte, predigte er sowohl dort als auch in ganz Apulien. Seine auf das Wort Gottes gegründeten Predigten räumten den zu jener Zeit in hohen Ehren stehenden rhetorischen Schnörkeln keinen Platz ein. Pater Fasana äußerte unsäglichen Abscheu und Missfallen, wenn er Gott beleidigt sah oder ihm von sündigen Handlungen berichtet wurde. Dieser von allen Heiligen geteilte Abscheu vor der Sünde war in keiner Weise übertrieben. Der heilige Ignatius von Loyola lädt die Teilnehmer an seinen von der Kirche mehrfach empfohlenen Geistlichen Übungen ein, die Heilige Jungfrau um die Gnade zu bitten, ihre Sünden mit innerer Durchdrungenheit zu erkennen und Abscheu davor zu spüren (Nr. 63). Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: «Im Licht des Glaubens gibt es nichts Schlimmeres als die Sünde; nichts hat so arge Folgen für die Sünder selbst, für die Kirche und für die ganze Welt» (Nr. 1488). Denn für den Sünder ist die Folge der Todsünde (d.h. der schweren, mit vollem Bewusstsein und voller Absicht begangenen Sünde) der Verlust der heiligenden Gnade; stirbt er in diesem Zustand, so sogar der Verlust des ewigen Lebens und die Verdamnis. Der heilige Paulus ermahnte die Korinther: Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte am Reich Gottes nicht Anteil bekommen werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige, noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lüstlinge noch Knabenschänder, weder Diebe noch Habsüchtige noch Säufer, noch Lästerer, noch Raffgierige werden am Reich Gottes Anteil bekommen (1 Kor 6,9-10).

Demjenigen, der die Güte Gottes zum Vorwand nimmt, um in der Sünde zu verharren und sich dennoch seines ewigen Schicksals sicher zu fühlen, hält der heilige Paulus entgegen: Oder missachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut und merkst nicht, dass die Güte Gottes dich zur Umkehr lenken will? Bei deiner Verstocktheit aber und deinem unbekehrbaren Herzen häufst du dir Zorn an für den Tag des Zornes und der Offenbarung des Rechtsspruches Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken, und zwar denen, die in Beharrlichkeit des guten Wirkens nach Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit streben, mit ewigem Leben, denen aber, die sich widersetzen und der Wahrheit nicht beugen, sondern der Frevelhaftigkeit sich hingeben, mit strafendem Zorn (Röm 2,4-8).

Auf der Kanzel ereiferte sich der heilige Francesco-Antonio gegen öffentliche Laster und Ärgernisse. Daher regnete es geradezu wuterfüllte Reaktionen und Beleidigungen gegen ihn: Er wurde als Hysteriker und Grobian beschimpft; doch schließlich kamen die Leute trotzdem zu ihm zur Beichte. Jeden Tag verbrachte er mehrere Stunden im Beichtstuhl und empfing alle Arten von Personen mit größter Geduld und einem freudigen Gesicht. Seine Worte sollten ja Reue und den Willen zur Besserung einflößen. Dieser Dienst nahm den Löwenanteil seiner Zeit in Anspruch. Es bereitete ihm große Freude, wenn er Leute mit lockeren oder anstößigen Sitten und verstockte Sünder zur Umkehr bewegen konnte.

Maria

, die Zuflucht der Sünder

In seinem Kampf gegen die Sünde rief der Heilige die unbefleckte Jungfrau Maria zu Hilfe. Er betonte, dass die Gottesmutter deswegen unbefleckt sei, um den Sündern als Zuflucht zu dienen. Ihre Reinheit lösche unsere Flecken aus und mache uns rein; ihre Helle jage unsere Finsternis in die Flucht. Nach dem Sündenfall Adams und Evas sagte Gott zu der Schlange (d.h. dem Teufel): Feindschaft will ich stiften zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst nach ihrer Ferse schnappen (Gen 3,15 nach der Vulgata). Die Kirchenväter haben diese Weissagung als in der Unbefleckten Jungfrau erfüllt betrachtet, in der neuen Eva, die ihren göttlichen Sohn, den neuen Adam, in seinem Kampf gegen das Böse in einzigartiger Weise unterstützt hatte. Den umkehrwilligen Sündern gegenüber wiederholte Pater Fasani unermüdlich, dass Maria, die Feindin der Sünde, gleichzeitig auch die Mutter der Barmherzigkeit und die «Pforte des Himmels» sei, weil sie uns dazu anhalte, zu beten, die Sakramente der Buße und der Eucharistie zu empfangen, auf ihren göttlichen Sohn zu hören und Ihm nachzufolgen. Der heilige Maximilian Kolbe sagte zweihundert Jahre später sogar, die unbefleckte Gottesmutter sei die Personifikation der göttlichen Barmherzigkeit: Sie füge der Barmherzigkeit Gottes, die durch das Heilige Herz Jesu hindurch wirke, nichts hinzu; doch Jesus wolle in Einklang mit dem Wohlgefallen seines Vaters, dass die Barmherzigkeit durch die Hände Marias ausgeteilt werde.

In der Unbefleckten Empfängnis sah der heilige Francesco-Antonio in erster Linie die positive Wirklichkeit, die Erhabenheit der Gnade, die die im Blick auf ihre Mission als Gottesmutter vollkommen geheiligte Person Marias vom ersten Augenblick an auszeichnete. Er hob gleichsam im Gegensatz zur Größe des göttlichen Geschenks die Demut der Jungfrau als Geschöpf hervor; ihre Erhabenheit komme ihr ausschließlich von Gott: Sie sei keine Errungenschaft der menschlichen Natur. Pater Fasani unterstrich ebenso, dass nach diesem glänzenden Beginn das Leben unserer Lieben Frau durch ein beständiges spirituelles Wachsen in freier Übereinstimmung mit den Gnadengaben Gottes gekennzeichnet gewesen sei.

Das Vorbild einer innerlich betenden Seele

Die Marienpredigten von Pater Francesco-Antonio endeten stets mit einer praktischen Lehre: Die Christen könnten und müssten Maria nacheifern, diesem vollkommenen Vorbild an Treue zum Evangelium, um in ihrer Gesellschaft zur innigsten Liebe zu Jesus zu gelangen und sich Ihm ganz hinzugeben. Der Pater betrachtete die Muttergottes als das Vorbild einer innerlich betenden Seele. Das Leben der Unbefleckten Jungfrau sei ein ständiges Zwiegespräch mit Gott gewesen. Wer nach ihrem göttlichen Sohn könnte uns besser als sie das innere Beten lehren? Der Heilige machte auch seine Ordensbrüder darauf aufmerksam: «Man studiert Gott, man predigt Gott, man diskutiert über Gott, aber die Seele bleibt steril, ohne Hingabe: viel Wissen und kein inneres Gebet». Doch was ist inneres Gebet? Auf diese Frage antwortet der Katechismus mit einem Zitat der heiligen Teresa von Avila: «Meiner Ansicht nach ist das innere Gebet nichts anderes als ein freundschaftlicher Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt». Das innere Gebet sucht den, den meine Seele liebt (Hohelied 1,7), Jesus, und in Ihm den Vater. Es ist auch Hören auf das Wort Gottes. Dieses Hören ist keineswegs untätig, es ist ein Gehorchen des Glaubens, ein bedingungsloses Empfangen des Knechtes und liebendes Einwilligen des Kindes (vgl. Katechismus, Nr. 2709-2716).

Die Wahl der Zeit und der Dauer des inneren Gebets beruhen auf einem entschlossenen Wollen, das die Geheimnisse des Herzens offenbart. Man betet nicht, wenn man Zeit hat; man nimmt sich die Zeit, um für den Herrn da zu sein, fest entschlossen, in Seiner Gegenwart zu verharren, mag die Begegnung auch mühevoll und trocken sein. Das Gebet kann zur «Kontemplation» (Betrachtung) werden, d.h. zu einem gläubigen Hinschauen auf Jesus. «Ich schaue ihn an, und er schaut mich an», sagte ein Bauer von Ars, der vor dem Tabernakel betete, zu seinem heiligen Pfarrer. Die Kontemplation sieht auf die Mysterien des Lebens Christi. Sie lernt auf diese Weise die innere Erkenntnis des Herrn, um ihn mehr zu lieben und ihm besser nachzufolgen (vgl. Hl. Ignatius, Geistliche Übungen, Nr. 104).

Verteidiger der Armen

Pater Franceso-Antonio praktizierte die Tugend der Armut, indem er in seiner engen Zelle auf einem Strohsack schlief, sich mit Wenigem begnügte und abgenutzte Kleider trug. Der Anblick von Bedürftigen ging ihm zu Herzen und in seinen Predigten rief er zu Wohltätigkeit gegenüber den Armen auf.

Mit Umsicht verwaltete er eine «Kreditbank», deren Sitz das Kloster war und deren Ziel im Schutz der Armen vor den Spekulationen der Wucherer bestand. Dank dieser Institution konnte er einen täglich für Notleidende offenen Mittagstisch einrichten. Jeden Tag erschien dort eine bescheidene Frau des einfachen Volkes, Isabella, die eigene Mutter von Pater Fasani. In diesem durch Kriege verwüsteten Land, in dem die Großgrundbesitzer die Bauern mit enormen Zahlungsforderungen plagten, erinnerte der Franziskaner die Reichen an deren Pflicht, die Güter dieser Welt zu teilen und ihren Arbeitern einen gerechten Lohn zu zahlen.

Wie gestern ist auch heute das Üben sozialer Gerechtigkeit eine strenge Pflicht für alle Christen, besonders für die reichsten. «Der hl. Johannes Chrysostomus erinnert an diese Pflicht mit den eindringlichen Worten: 'Die Armen nicht an seinen Gütern teilhaben lassen, heißt sie bestehlen und ihnen das Leben nehmen. Nicht unsere Güter haben wir in Besitz, sondern die ihrigen.' Zuerst muss man den Forderungen der Gerechtigkeit Genüge tun, und man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon aus Gerechtigkeit geschuldet ist. 'Wenn wir den Armen das unbedingt Nötige geben, machen wir ihnen nicht freigebige persönliche Spenden, sondern geben wir ihnen zurück, was ihnen gehört. Wir erfüllen damit viel eher eine Pflicht der Gerechtigkeit als dass wir damit eine Tat der Nächstenliebe vollziehen' (Hl. Gregor der Große)» (Katechismus, Nr. 2446).

Diese Pflicht zur Gerechtigkeit ist in unserer Zeit besonders gravierend, da diese gekennzeichnet ist durch «den Skandal der Überflussgesellschaften von heute, in denen die Reichen immer reicher werden, weil Reichtum Reichtum erzeugt, und die Armen immer ärmer werden, weil die Armut weitere Armut hervorbringt ... In Wirklichkeit muss der Geist der Solidarität in der Welt wachsen, um den Egoismus von Personen und Nationen zu besiegen» (Johannes-Paul II., 4. November 2000).

Die Demut bewirkt Wunder

Der heilige Francesco-Antonio sah sich eines Tages verpflichtet, die Tugend eines mittellosen fünfzehnjährigen Mädchens zu verteidigen, auf welches ein junger Adliger ein Auge geworfen hatte, und führte es in ein Waisenheim, in dem es umsonst großgezogen wurde. Das brachte ihm Bedrohungen und Hass seitens des Adligen ein, der ihn in Rom denunzierte; der Pater musste nach Rom reisen, um sich zu rechtfertigen. Als er beim Papst vorgelassen wurde, sagte er nichts zu seiner Verteidigung; doch während er demütig die Füße des Papstes, der unter der Gicht litt, küsste, fühlte sich dieser bei seiner Berührung augenblicklich von seinem Leiden befreit; so wurde er von der Unschuld des Franziskaners überzeugt. Der Gehorsam von Pater Fasani bewirkte ebenfalls Wunder. Eines Tages, als er von der Kanzel predigte, betrat sein Bischof die Kirche und bat ihn vor aller Welt, zu schweigen; er tat es sofort. Einige Tage später kam der Diener des Bischofs ihn holen: Der von einem heftigen Unwohlsein befallene Würdenträger verlangte nach Pater Francesco-Antonio an seinem Krankenlager. «Nicht mehr nötig», antwortete der Heilige. «Er ist bereits von der Unbefleckten Jungfrau Maria geheilt worden.»

Am 29. November 1742, zu Beginn der Vorbereitungsnovene zum Fest der Unbefleckten Empfängnis starb Pater Francesco-Antonio Fasani an Erschöpfung. Als Johannes-Paul II. ihn am 16. April 1986 heiligsprach, sagte er: «Als unermüdlicher Prediger schwächte der heilige Fasani die Forderungen der evanglischen Botschaft nie in dem Wunsche ab, den Menschen zu gefallen.» Möge er uns von der Höhe des Himmels herab helfen, unermüdlich bei der Gottesmutter Zuflucht zu suchen, die, für immer vor jedem Makel frei, uns von allem Bösen befreien kann, das in uns ist.

O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir bei dir Zuflucht suchen!

Dom Antoine Marie osb

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