Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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5. April 2002
Osterwoche


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 21. März 2001, dem 1500. Jahrestag der Ankunft des heiligen Benedikt in der Einöde von Subiaco, kleidete der Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano seine Dankbarkeit Gott gegenüber in folgende Worte: «Der junge Benedikt kam in diese einsame Felsengegend, um sich voll und ganz der Betrachtung Gottes widmen zu können. Und 1500 Jahre später mahnt er uns immer noch an die Hauptaufgabe unserer Existenz: Gott über alles zu lieben ... Hier hat der junge Benedikt die Familie der Benediktiner gegründet, jene Schule des Dienens für Gott, um im Laufe der Jahrhunderte eine unzählige Menge von Menschen unter der Leitung des Evangeliums zu einer innigeren Vereinigung mit Christus zu führen.»

Die Kirche hat vor kurzem einen der geistigen Söhne des heiligen Benedikt zur Ehre der Altäre erhoben: Dom Columba Marmion, den Abt von Maredsous (Belgien), der am 3. September 2000 seliggesprochen wurde. Joseph Marmion, dessen Vater Ire und dessen Mutter Französin war, ist 1858 in Dublin geboren.

Herr Marmion, der in einer bedeutenden Exportfirma eine verantwortungsvolle Position bekleidete, war ein glühender Christ. Als sein Sohn Joseph später Seminarist wurde, sagte er zu ihm: «Selbst inmitten meiner dringenden Geschäfte vergehen niemals mehrere Minuten, ohne dass ich mich selbst Gott zum Opfer darbiete.» Frau Marmion war dem religiösen Ideal ihres Mannes in jeder Hinsicht verbunden, und die Familie folgte dem frommen Vorbild der Eltern. Drei der vier Töchter wurden Nonnen.

Joseph war liebenswürdig und sanft und wurde von allen zärtlich geliebt. Er gewöhnte es sich an, alles im Lichte des Glaubens zu betrachten. Eines Tages sagte er zu einem Onkel, der von nichts anderem als Banken und Märkten sprach: «Aber, Onkel, Geld ist doch nicht alles!» – «Ach, mein Kleiner, du weißt noch nicht, was Geld bedeutet! Das kannst du noch nicht verstehen!» Später merkte Pater Marmion hierzu an: «Jetzt ist mein Onkel in der Ewigkeit und hält noch viel weniger vom Geld als ich!» Nach Beendigung der höheren Schule beschloss Joseph, in ein Priesterseminar einzutreten. Doch schon bald sah er sich heftigen Versuchungen gegen seine Berufung ausgesetzt. Unter dem Eindruck dieser Anfechtung wollte er einen seiner Freunde aufsuchen, bei dem er etwas Trost zu finden hoffte. Dieser Freund, der leichtlebig und weltlich gesonnen war, hätte ihm allerdings davon abgeraten, Seminarist zu werden. Joseph fand ihn jedoch nicht vor; statt seiner traf er auf einen anderen Freund, einen eifrigen Katholiken, der ihm die Falle des Teufels vor Augen führte und ihn in seinem Plan bestärkte, sich Gott zu weihen. Joseph sah in dieser Begebenheit einen von seiner Schwester Rosie im Gebet erflehten Fingerzeig der Vorsehung.

Welcher Geist führt uns?

«In jedem Menschen streben drei Geister nach der Herrschaft», schrieb Dom Marmion später. «Der Geist der Falschheit und der Gotteslästerung, der seit jeher stets das Gegenteil dessen suggeriert, was Gott einem ins Ohr flüstert; der Geist der Welt, der uns dazu bewegen will, die Dinge nach dem sinnlichen Verlangen und der fleischlichen Weisheit zu beurteilen, doch die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott (vgl. 1 Kor 3,19); schließlich der Geist Gottes, der uns ständig dazu anhält, unsere Herzen über die Natur zu erheben und aus dem Glauben heraus zu leben. Dieser Geist erfüllt uns dann mit Frieden und Freude und bringt in uns die Früchte hervor, von denen der heilige Paulus spricht (vgl. Gal 5,22). Der Geist Gottes erfüllt die Seele stets mit Frieden und kindlichem Vertrauen zu unserem himmlischen Vater, selbst wenn er uns Vorhaltungen macht und uns wegen unserer Sünden in Verlegenheit stürzt. Die anderen Geister dörren unsere Seele aus... sie stürzen uns in Niedergeschlagenheit und Entmutigung.»

Joseph trat also im Januar 1874 in das Holy Cross College ein, ein Priesterseminar, das damals an die 80 Schüler hatte. In den Pausen von ansteckender Fröhlichkeit, wurde er bald zum Mittelpunkt einer Gruppe, von der meistens helles und freudiges Lachen ausging. Wurde er mitunter vom leitenden Pater für seine überbordende Heiterkeit getadelt, so nahm er den Tadel mit Demut hin: «Das ist eine bittere, aber heilsame Medizin: Man muss sie nehmen, um gesund zu werden.» Zum Abschluss seines Theologiestudiums wurde Joseph Marmion nach Rom geschickt; er blieb zwei Jahre dort und wurde am 16. Juni 1881 in der irischen Kapelle zum Priester geweiht. Auf dem Rückweg reiste er durch Belgien und besuchte die Benediktinerabtei von Maredsous; als er über die Schwelle des Klosters trat, vernahm er eine innere Stimme, die sagte: «Hier will ich dich haben.» Fünf Jahre vergingen, bevor er diesem Ruf Folge leisten konnte. Nach seiner Rückkehr nach Irland wurde er zunächst zum Vikar in der Gemeinde von Dundrum im Süden Dublins ernannt; im folgenden Jahr vertraute man ihm die Philosophiekurse am Seminar von Holy Cross an. Seine Entscheidung ließ er vier Jahre lang reifen, bevor er 1886 mit Zustimmung seines Erzbischofs ins Kloster ging.

Seine Familie und seine Vertrauten waren seit längerem über seine Neuorientierung auf dem Laufenden. Als er sie öffentlich machte, wurde sie mit einer Mischung aus Überraschung und Enttäuschung aufgenommen; man konnte es sich nicht versagen, den Wechsel zu kritisieren. Doch der Meister, der ihn gerufen hatte, war zur Stelle. «Bevor ich Mönch wurde», erklärte Dom Marmion später, «konnte ich in den Augen der Welt nicht mehr Gutes tun, als das, was ich dort tat, wo ich mich befand. Doch ich habe überlegt, ich habe gebetet und ich habe begriffen, dass ich nur dann sicher sein konnte, stets den Willen Gottes zu erfüllen, wenn ich religiösen Gehorsam übte. Ich besaß alles, was ich für meine Heiligung brauchte, mit Ausnahme eines einzigen Gutes: des Gehorsams. Deswegen habe ich meine Heimat verlassen, auf meine Freiheit und alles verzichtet. Ich wurde Mönch, weil Gott mir die Schönheit und Größe des Gehorsams enthüllte.»

Die wahre Freiheit erlangen

Der heilige Benedikt lehrt, der Gehorsam kennzeichne «alle..., die nichts höher schätzen als ihre Liebe zu Christus» (Regel, Kap. 5). Das geweihte Leben ist eine Christus ganz eigene Lebensform. Jesus hat sich uns als der «Gehorsame» schlechthin offenbart, der vom Himmel herabgekommen ist, nicht um seinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt hat (vgl. Joh 6,38). Ebenso unterwirft sich der Mönch «dem Obern aus Liebe zu Gott in vollkommenem Gehorsam, indem er den Herrn nachahmt, von dem der Apostel sagt: Er war gehorsam bis zum Tod» (Regel des hl. Benedikt, Kap. 7). Für viele unserer Zeitgenossen steht der Gehorsam der persönlichen Freiheit und dem legitimen Wunsch entgegen, über sein Leben unabhängig zu entscheiden. Doch Christus, der die Wahrheit ist, weist uns den Weg zur wahren Freiheit. Er hat selbst zu uns gesagt: die Wahrheit wird euch frei machen (Joh 8,32).

Joseph Marmion kam am 21. November 1886 in Maredsous (Belgien) an. Die Askese des monastischen Lebens widerstrebte seiner überströmenden Fröhlichkeit. Das Exil fern von seinem Heimatland stellte eine erste Prüfung dar; man gab ihm wohl den Ordensnamen eines heiligen irischen Mönches, Columba, doch der Name erinnerte ihn an alles, was er verlassen hatte. Zudem konnte er kein Französisch und er musste sich sehr anstrengen, bis er es korrekt sprechen konnte. Schließlich durfte er so verschwindend wenige Briefe schreiben und sein Priesteramt nur so beschränkt ausüben, dass er das Gefühl hatte, er würde seine Freunde und die Personen, die sich an ihn wandten, im Stich lassen. Für einen an Geselligkeit gewöhnten Iren war die Abgeschiedenheit überaus schmerzhaft. «Ich hatte am Tage meiner Ankunft in Maredsous den Eindruck», schrieb er am 30. November, «dass ich mit meinem Eintritt ins Kloster die unsinnigste Tat auf der Welt begangen hatte.» Eines Tages warf er sich mit zerknirschtem Herzen vor dem Allerheiligsten nieder: «Mein Jesus, du hast mich gerufen. Für Dich bin ich hier.»

«In die Hände Gottes»

Die Berufung dieses jungen ausländischen Priesters wurde vom alten und strengen Novizenmeister mit einiger Skepsis betrachtet. Zwischen ihm und Bruder Columba herrschte ein völliger Gegensatz der Charaktere. Um gegen den Mangel an natürlicher Sympathie anzukämpfen, die er für diesen Pater empfand, machte es sich der Novize zur Gewohnheit, jeden Abend zu ihm zu gehen und ihm demütig die Verfehlungen des vergangenen Tages zu bekennen. Später schrieb er an einen seiner Mönche, der mit ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte: «Sie werden wie ich während meiner ersten Jahre in Maredsous gezwungen sein, sich mit gesenktem Haupt in die Hände Gottes zu werfen. Versuchen Sie, mein lieber Sohn, alles in Ihm zu finden. Versuchen Sie, ein nach innen gewandter, ganz gottergebener Mensch zu werden, und gewöhnen Sie sich daran, sich allein auf Ihn zu stützen.» Bruder Columba las vielerlei: die Heilige Schrift, insbesondere die Schriften des hl. Paulus, die Schrifte der Kirchenlehrer und die Meisterwerke der Spiritualität. Unbewusst bereitete er auf diese Weise bereits seine zukünftigen spirituellen Vorträge vor, die mehrere Bücher füllen sollten.

Mit der Zeit bildete sich in der Seele Bruder Columbas immer stärker die Überzeugung heraus, seine Berufung gefunden zu haben. Er schrieb an einen Freund: «Ich bin dort, wo Gott mich haben will. Ich habe großen Frieden gefunden und bin äußerst glücklich.» Pater Marmion legte die ewigen Gelübde am 10. Februar 1891 ab. Am folgenden Sonntag bat der Pfarrer eines benachbarten Marktfleckens darum, dass einer der Mönche in seiner Kirche predigen möchte. «Es gibt wohl einen jungen ausländischen Mönch hier», erwiderte der Prior, «aber ich glaube nicht, dass ich ihn zu Ihnen schicken kann, denn sein Französisch ist noch unvollkommen, und ich bezweifle, dass er Ihnen nützen könnte.» – «Schicken Sie ihn trotzdem, das wird immerhin eine Abwechslung für meine Gemeinde.» Nach der Messe versicherte der Pfarrer, er hätte noch nie einen solchen Prediger in seiner Pfarrgemeinde gehabt. Von da an war der «irische Pater» überall in der Gegend gefragt. Seiner Begabung für das Predigen wohl bewusst, wusste Pater Marmion ebenso, dass es nichts nützt, «von den Dächern zu predigen, wenn dem nicht eine innige Vereinigung mit dem Herrn in der 'Finsternis' oder in der Stille des Gebetes vorausgeht.»

Im Oktober 1900 wurde Pater Marmion zum Prior des Klosters von Mont-César ernannt, einer von Maredsous ausgegangenen Gründung in der Nähe der Stadt Leuven. Als Abt hatte er Dom Robert de Kerchove über sich, einen energischen und kalten Mann von eher schneidender Autorität. Pater Columba verließ Maredsous bekümmert; doch er überließ sich dem Willen Gottes. Abt Robert wünschte, dass seine Mönche ständig in ihrer Klausur blieben, während Pater Columba, voll apostolischen Eifers, geneigt war, den Anfragen, die von außerhalb an ihn herangetragen wurden, zu entsprechen; dennoch kam es zwischen ihnen nie zu einer Auseinandersetzung, da Pater Marmion stets bereit war, sich seinem Abt unterzuordnen. Eines Tages im Jahre 1905 überkamen ihn starke Zweifel; in Sorge um die Zukunft dachte er, wie wunderbar es wäre, wenn sich alles nach seinen Ansichten fügen würde. Doch er blickte auf sein Kruzifix und rief: «Nein! Nicht wie ich will, sondern wie Du willst, Herr!» Er bekräftigte später: «Wenn in diesem Moment Christus zu mir gesagt hätte: 'Ich gebe dir freie Hand. Richte dein Leben und alles, was dich betrifft, so ein, wie es dir gefällt. Nimm deine Feder, schreibe deinen Plan nieder und ich unterschreibe', so hätte ich ihm geantwortet: 'Nein, Jesus, ich will nicht im mindesten Pläne für mein Leben hegen. Ich will nur Deinen göttlichen Plan für mich erfüllen; Du wirst mich führen. Ich gebe mich ganz in Deine Hände'.»

Aktivität oder Aktivismus?

Neben seinem Amt als Prior war Pater Columba auch als Theologieprofessor tätig. Er unterrichtete diese Wissenschaft mit seinem Verstand, seinem wunderbaren Gedächtnis, vor allem aber mit seinem vor Liebe zu Gott brennenden Herzen. In seinen Augen war die Theologie eine Nahrung für das Gebet und eine Orientierung zu den wahren Gütern hin, ob man nun dafür dankte oder um sie bat. Die Tätigkeit des neuen Priors umfasste auch die Leitung von Exerzitien in vielen Gemeinden Belgiens und in verschiedenen englischen Klöstern. Nur die Intensität seines mit Gott vereinten Lebens erklärt die Früchte seiner überreichen Aktivität, die ebenso in sterilen Aktivismus hätte münden können.

Am 28. September 1909 wurde der 52-jährige Pater Marmion von seinen Mitbrüdern zum Abt von Maredsous gewählt. Sein Wahlspruch lautete: «Lieber dienen als herrschen». Wenn man die wichtigste Eigenschaft benennen müsste, die seine Brüder dazu veranlasste, ihn zum Abt zu wählen, so wäre das sein Ruf, die wahre Lehre zu predigen. Bei den Exerzitien, die er in Maredsous vor der Abtwahl hielt, begriff die Gemeinschaft, dass sie an ihm einen Lehrer des spirituellen Lebens haben würde. Doch eine Kommunität von über hundert Mönchen zu leiten, ist nicht so einfach! Dank seiner ständigen Einheit mit Gott, bewahrte Pater Columba seine innere Ruhe und einen unverbesserlichen Optimismus, wenn es darum ging, zum Wohl der Seelen zu wirken. Während seiner Amtszeit übte das Kloster eine große spirituelle und intellektuelle Ausstrahlung aus. Neuberufene strömten herbei. Doch Abt Marmion verlor auch an zeitlichen Fragen nicht das Interesse. So ließ er das Kloster mit elekrischem Anschluss und einer Zentralheizung versehen, damals eine Seltenheit in Klöstern.

Leuten aller Altersstufen und aller Lebenslagen, die zu ihm kamen und ihn um geistliche Orientierung fragten, wies er entschieden den Weg: Das geistliche Leben ist vor allem Suche nach Gott. Er betonte, Jesus Christus müsse im Mittelpunkt jedes Gebetes stehen und der einzige Weg der Vereinigung mit Gott sein: Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh 14,6), sagt Jesus; der heilige Petrus fügt hinzu: Und in keinem anderen ist das Heil (Apg 4,12). Gott hat uns dazu bestimmt, an seinem göttlichen Leben teilzuhaben, für immer in die Gesellschaft seiner drei Personen aufgenommen zu werden, und zwar bereits hier auf Erden durch die heiligmachende Gnade, die uns zu seinen angenommenen Kindern (vgl. Eph 1,5) und zu Erben seines Ruhms macht. In der Zeit ist diese ewige Prädestination durch Jesus Christus verwirklicht: Durch seine erlösende Passion hat Jesus die in Sünde verfallene Menschheit losgekauft und allen, die an Ihn glauben und Ihm gehorchen, das übernatürliche Leben der Gnade weitergegeben. Dieses Leben soll im ewigen Leben zur Entfaltung kommen, in der unmittelbaren Schau der Dreifaltigkeit von Angesicht zu Angesicht.

Die Kraft der Wahrheit

Bei Sündern ging der Scharfblick Abt Marmions mit großer Nächstenliebe einher. «Ich bin überzeugt», sagte er wiederholt, «und das aus Erfahrung, dass man die Seelen nicht durch Diskussion, sondern durch Güte gewinnt und zurückführt. Nicht dadurch gewinnt man jemanden, dass man ihn von seinem Unrecht überzeugen will, sondern dadurch, dass man ihm sanft und wohlwollend die Wahrheit zeigt.» Die folgende Geschichte veranschaulicht seine Methode. In einer Großstadt lag während des Ersten Weltkriegs ein armer Priester im Sterben, dessen Glaube und Sitten seit mehreren Jahren in Folge spiritistischer Praktiken darniederlagen. Abt Marmion suchte ihn mehrfach auf. Man unterhielt sich freundschaftlich; da sich der Zustand des Kranken besserte, konnten sie sogar zusammen Tee trinken. Als Pater Marmion schließlich die Frage nach dem geistlichen Zustand des Priesters aufwarf, erhielt er nur ausweichende oder negative Antworten: «Ich habe den und den konsultiert ... Ich bin glücklich, wie ich bin ... Ich möchte keine Änderung ...» Der Pater Abt ließ für diese Seele beten und bot sich Gott als Opfer für sie dar. Nach weiteren fruchtlosen Besuchen, die ihn zwar sehr bekümmerten, aber nicht entmutigten, startete er einen letzten Versuch und sandte er eine Botschaft an den Priester, in der sein apostolisches Herz vor Liebe und übernatürlichem Ernst überfloss. Nun schlug die Stunde der Barmherzigkeit. Bald kam eine Karte vom Priester zurück: «Sie haben gewonnen... Kommen Sie, ich erwarte Sie.» Abt Marmion leitete alle notwendigen Schritte ein und konnte diese Seele am Vorabend von Weihnachten mit dem Herrn versöhnen. Einige Zeit später gab der Kranke mit dem sichtbaren Gefühl der Reue und der Liebe seine Seele in die Hände Gottes zurück.

Die Sorge Abt Marmions für die Seelen entsprang seiner starken Hingabe an das heiligste Herz Jesu. So schätzte er das heilige Messopfer, die Erneuerung des Opfers vom Kalvarienberg und Zeugnis der Liebe Christi zu uns, höher als alles andere: «Während der heiligen Messe im Konvent, die wir jeden Tag singen», erklärte er, «habe ich die Muße, über den großen Akt nachzudenken, der sich am Altar vollzieht. Meistens fühle ich mein Herz vor Freude und Dankbarkeit überfließen, wenn ich daran denke, dass ich im auf diesem Altar gegenwärtigen Jesus etwas besitze, was ich dem Vater als Wiedergutmachung, die seiner würdig ist, anbieten kann, als Genugtuung von unendlichem Wert. So viele Gnaden sind in der Messe enthalten! Kein Heiliger, selbst Unsere Liebe Frau nicht, konnte aus diesem Opfer die ganze Frucht ziehen, die darin eingeschlossen ist».

«Und ich, ich will dort eingehen!»

Pater Columba war auch von einer tiefen Verehrung für unsere Liebe Frau beseelt: «Wir müssen aus Gnade das werden, was Jesus von Natur aus ist, ein Kind Gottes und ein Kind Marias», pflegte er oft zu sagen. Eines Tages sagte jemand zu ihm: «Der Rosenkranz ist für Frauen und Kinder.» – «Zugegeben», erwiderte er. «Aber was hat unser Herr gesagt? Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen (Mt 18,3). Und ich, ich will dort eingehen!»

Die dreizehn Jahre Amtszeit von Abt Marmion waren durch die Schrecken des Ersten Weltkriegs geprägt. 1914 hatte er ein Priorat in Irland gegründet. Zahlreiche Schwierigkeiten, Missverständnisse und Spannungen mit Maredsous waren die Folge. Das irische Haus ähnelte mehr einem Ferienheim für Studenten als einem Kloster. 1916 kam es zu einer Krise; sie dauerte bis ins Jahr 1918. Abt Marmion schrieb dazu: «Ich brauche eure Gebete, weil mir manche der jungen Patres hier in Edermine mit ihrer einstudierten Haltung kalter Gleichgültigkeit mir gegenüber Schmerzen bereitet haben ... Ich habe versucht, sie durch Beständigkeit und Gebet zu gewinnen, doch bis jetzt ohne Erfolg. Sie sind gut, aber voller Selbstvertrauen ... Sie halten dem Geist der heiligen Regel den Wortlaut des kanonischen Rechts entgegen.» Die Affäre zog ihre Kreise bis nach Rom, wo die Religiosenkongregation damit befasst wurde. Pater Marmion legte große Demut und großen Gehorsam an den Tag, und schließlich wurde das Haus von Edermine 1920 geschlossen.

Am Ende des großen Krieges tauchten neue Probleme auf. Allenthalben war eine neue Mentalität als Folge des Einsturzes sozialer Schranken aufgekommen ... Abt Marmion bemühte sich, die seltsamen Umgangsformen seiner jungen Mönche zu verstehen. Viele hatten während des Krieges als Sanitäter oder als Geistliche gedient; bei ihrer Rückkehr ins Kloster konnten sie ihre beim Militär angenommenen Gewohnheiten nicht von einem Augenblick zum anderen ablegen. «Ich fürchte die Ankunft dieser jungen Mönche, die so lange unsere Traditionen und unseren monastischen Geist entbehrt haben», schrieb der Pater Abt. Die meisten konnten sich dank ihrer Glaubensstärke jedoch wieder anpassen.

All diese Prüfungen erschöpften den Organismus von Abt Marmion vorzeitig und führten ihn an die Pforte des Todes. In den Momenten vor seinem «Heimgang» vereinigte er sich mit dem Leidensweg Jesu durch den Kreuzweg. Seine letzten Worte waren: «Jesus, Maria, Josef!» Am 20. Januar 1923 gab er seine Seele friedlich dem himmlischen Vater zurück. Pater Raymond Thibaut, seinem Sekretär, ist es zu verdanken, dass die mündliche Lehre von Abt Marmion uns in der Form dreier berühmter Bücher erhalten geblieben ist: Christus, das Leben der Seele (erschienen 1917), Christus in seinen Geheimnissen (1919) und Christus unser Ideal (1922). Diese drei Werke waren noch von Abt Marmion durchgesehen worden und wurden 1928-31 ins Deutsche übersetzt (Paderborn, Schöningh Verlag).

Bei der Seligsprechung von Pater Marmion am 3. September 2000 erklärte Papst Johannes-Paul II.: «Er hat uns einen echten Schatz an spiritueller Lehre für die Kirche unserer Zeit hinterlassen. In seinen Schriften lehrt er einen schlichten und doch anspruchsvollen Weg der Heiligkeit für alle Gläubigen, die Gott aus Liebe dazu bestimmt hat, seine Kinder in Christus Jesus zu sein ... Möge die breite Wiederentdeckung der geistlichen Schriften des seligen Columba Marmion den Priestern, Ordensleuten und Laien helfen, in der Einheit mit Christus zu wachsen und Ihm durch ihre glühende Liebe zu Gott und ihren großherzigen Dienst an ihren Mitbrüdern ein getreues Zeugnis darzubringen.»

Seliger Dom Columba, bleib uns nahe; gib uns durch dein Gebet zu Gott und die Fürsprache der Allerseligsten Jungfrau die Größe und Tiefe deiner Liebe zu Ihm weiter!

Dom Antoine Marie osb

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