Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


[Cette lettre en français]
[This letter in English]
[Deze brief in het Nederlands]
[Esta carta en español]
[Questa lettera in italiano]
24. Januar 2002
Hl. Franz von Sales, Kirchenlehrer


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 3. August 1903 kniete ein Kardinal weinend und tief in Gebet versunken in der Paulinischen Kapelle des Vatikans. Plötzlich trat ein junger spanischer Prälat, Mgr. Merry del Val, zu ihm und überbrachte ihm mit leiser Stimme eine Anfrage des Kardinalsdekans aus dem heiligen Kollegium: Sei er immer noch entschlossen, die Papstwürde auszuschlagen, wenn er gewählt werde? «Ja, ja, Monsignore», antwortete Kardinal Giuseppe Sarto, der Patriarch von Venedig, «sagen Sie dem Kardinalsdekan, er möge mir die Güte erweisen, nicht mehr an mich zu denken.» Auch später an jenem Tag widersetzte sich der verwirrte Kardinal Sarto dem Drängen seiner Mitbrüder; er sagte, er sei des höchsten Pontifikats unwürdig und unfähig, eine so erdrückende Last zu tragen. «Kehren Sie doch nach Venedig zurück, wenn das Ihr Wunsch ist», sagte Kardinal Ferrari ernsthaft zu ihm, «doch Sie werden mit einer so von Gewissensbissen geplagten Seele dorthin zurückkehren, dass Sie bis ans Ende Ihres Lebens nicht davon loskommen!»

Am nächsten Tag fiel die Wahl, wie vorausgesehen, wieder auf Kardinal Sarto. Dieser vertraute sich den Händen Gottes an und erklärte: «Wenn es nicht möglich ist, dass dieser Kelch an mir vorübergeht, möge Gottes Wille geschehen! Ich nehme das Pontifikat als Kreuz an.» – «Welchen Namen wollen Sie tragen?» – «Weil die Päpste, die im vergangenen Jahrhundert am meisten für die Kirche gelitten haben, den Namen Pius trugen, werde ich diesen Namen annehmen.» Er wurde also Papst Pius X..

Giuseppe (Josef) Sarto war am 2. Juni 1835 in Riese, einem Dörfchen in der Diözese Treviso in Venetien (Norditalien), geboren. Sein Vater war ein bescheidener Kommunalbeamter; er besaß lediglich ein einfaches Häuschen und ein mageres Feld. Der einzige Reichtum der Eltern Sarto bestand in ihrem schlichten und tiefen Glauben, den sie an ihre Kinder – zehn an der Zahl – weitergaben. Giuseppe fühlte sich sehr früh zum Priesteramt berufen; er folgte dem Ruf Jesu Christi mit Begeisterung und wurde am 18. September 1858 zum Priester geweiht. Die göttliche Vorsehung ließ ihn auf verschiedenen Stufen der Hierarchie der Kirche dienen: Er war nacheinender Vikar, Pfarrer, geistlicher Leiter des Seminars von Treviso, Bischof von Mantua und schließlich Patriarch von Venedig, bevor er zum Papst gewählt wurde – eine erdrückende Verantwortung, die einen ganz zu Recht in Schrecken versetzen konnte!

Der Zugang zu Jesus Christus

Der Papst ist der Nachfolger des Apostels Petrus, zu dem Jesus Christus gesagt hat: Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein (Mt 16,19). «Die 'Schlüsselgewalt' bedeutet die Vollmacht, das Haus Gottes, die Kirche, zu leiten» (Katechismus der Katholischen Kirche, 553). Der römische Pontifex emfängt von Christus eine universelle Mission; er soll der ganzen Welt das Evangelium verkündigen und die ganze Kirche, Hirten wie Gläubige, in Treue zum Evangelium führen. Er spricht und handelt nicht aus eigener Autorität heraus, sondern kraft der Autorität Christi, dessen Stellvertreter er ist.

Bereits in seiner ersten Enzyklika, E supremi apostolatus, vom 4. Oktober 1903 ließ Pius X. die ganze Welt wissen, was das Programm seines Pontifikates sein wird: «Alles in Christus zusammenführen, damit Christus alles und in allen sei... Das Menschengeschlecht in das Reich Christi zurückführen. Danach wird der Mensch sich eben dadurch zu Gott zurückgeführt sehen... Wo ist nun der Weg, der uns Zugang zu Jesus Christus verschafft? Er liegt vor unseren Augen: die Kirche.» Das II. Vatikanische Konzil lehrt im selben Sinne: «Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten...» (Erklärung Dignitatis humanæ, 1).

Der Unwissenheit abhelfen

Gott will das Heil von allen durch die Erkenntnis der Wahrheit. Diesem außerordentlichen Wohlwollen Gottes entspricht auf der Seite des Menschen eine Pflicht: «Weil die Menschen Personen sind, d.h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, werden alle – ihrer Würde gemäß – von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen» (Ibid., 2). Eine der Hauptsorgen Pius' X., die in der Enzyklika Acerbo nimis zum Ausdruck gebracht wurde, galt der Erkenntnis und Weitergabe des Glaubens durch das Mittel des Katechismus; das religiöse Unwissen, erklärte er «ist der Hauptgrund für das gegenwärtige Erlahmen, für die Schwäche der Seelen und für die überaus schweren Übel, die daraus entstehen... Dort, wo der Geist von der Finsternis einer tiefen Unwissenheit eingehüllt ist, können unmöglich ein aufrechter Wille oder gute Sitten fortbestehen. Denn wenn es schon für den, der mit offenen Augen dahinschreitet, möglich ist, vom geraden und sicheren Weg abzuweichen, droht diese Gefahr gewiss demjenigen, der von Blindheit geschlagen ist. Hinzu kommt, dass das Licht des Glaubens, wenn es nicht völlig erloschen ist, zur Hoffnung auf eine Besserung verdorbener Sitten berechtigt; wenn aber beides zugleich zutrifft, die Verdorbenheit der Sitten und der Mangel an Glauben aus Unwissenheit, so gibt es kaum Raum für Abhilfe, und der Weg führt ins Verderben.» 1905 ließ Pius X. einen Katechismus für die Diözese Rom veröffentlichen, der in seiner Art nach wie vor beispielhaft ist. Papst Johannes-Paul II. teilt den Wunsch, allen eine sichere katechetische Lehre anzubieten; 1986 äußerte er auf seiner Reise nach Lyon seine schwere Besorgnis: «Die religiöse Unwissenheit breitet sich in beunruhigender Weise aus, umso spürbarer wird das Bedürfnis nach einer klaren und zündenden Darstellung des Glaubens...» Als Antwort auf dieses Bedürfnis hat der Heilige Vater 1992 den Katechismus der Katholischen Kirche veröffentlicht, eine systematische Darstellung der Wahrheiten des Glaubens, einen Bezugstext für unsere Zeit.

Die Nächstenliebe Don Sartos allen gegenüber zeigte sich bereits in den ersten Jahren seines Priestertums, sie war geradezu legendär: Da er schnell bereit war, alles hinzugeben, hatte er nie einen Pfennig in der Tasche; er rühmte sich, arm geboren zu sein und arm zu leben. Die Berufung in das höchste Amt der Kirche ließ ihn weder seine Güte noch seine Demut verlieren, vor allem Personen aus bescheidenen Verhältnissen gegenüber. Er fühlte sich für das Schicksal aller Unglücklichen verantwortlich und gab rückhaltlos. Diese unerschöpfliche Nächstenliebe kam von seiner innigen Vereinigung mit Gott. Kardinal Merry del Val, sein Staatssekretär, bezeugte: «In all seinen Handlungen ließ er sich stets von übernatürlichen Gedanken leiten und zeigte, dass er mit Gott vereint war. Für die wichtigsten Angelegenheiten pflegte er auf das Kruzifix zu blicken und ließ sich von ihm erleuchten; in Zweifelsfällen vertagte er seine Entscheidung und pflegte mit festem Blick auf das Kruzifix zu sagen: Er wird entscheiden».

Ein Übel im Schoße der Kirche

Als wachsamer Hirte der Herde Christi erkannte Pius X. die Gefahr, die von einer gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommenen Gedankenströmung für den Glauben der Kirche ausging. Eine Gruppe von Intellektuellen hatte es sich unter dem Vorwand einer Anpassung an die moderne Mentalität (daher der Name «Modernisten») in den Kopf gesetzt, die dogmatische und moralische Lehre der Kirche radikal zu verändern. Entschlossen, in der Kirche zu verbleiben, um sie nachhaltiger verändern zu können, wollten sie ihr ein neues Credo geben, wobei das katholische Vokabular zwar beibehalten, sein tieferer Inhalt aber nach ihren eigenen Vorstellungen abgewandelt werden sollte. Nach mehreren freundlichen Appellen an die Irregeleiteten und angesichts ihrer verstockten Haltung erließ Pius X. am 3. Juli 1907 das Dekret Lamentabili, das die Irrtümer der Modernisten aufzählte; zwei Monate später legte er in der Enzyklika Pascendi lehramtlich dar, inwiefern dieses System der heilbringenden Philosophie und dem katholischen Glauben widerspreche.

Das modernistische System beruht auf irrigen philosophischen Prinzipien: dem absoluten Agnostizismus, d.h. der Annahme, dass es für den menschlichen Geist unmöglich sei, zu Gewissheiten zu gelangen, und dem Immanentismus, demzufolge Gott durch vernunftgestützte Beweise nicht erkannt werden könne, sondern einzig und allein durch die subjektive Erfahrung jedes Einzelnen. Diese Grundsätze führen dazu, dass die Existenz einer objektiven Wahrheit und daraus folgend die Möglichkeit einer göttlichen Offenbarung geleugnet wird. Letztlich reduziert sich dabei die Religion auf Symbole. Gott selbst ist nicht mehr der transzendente (d.h. präexistente und über das Weltall hinausreichende) Schöpfer, sondern lediglich eine immanente Kraft, «die universelle Weltseele»; das führt direkt zum Pantheismus (Identifikation der Welt mit Gott); Jesus Christus ist nur ein außergewöhnlicher Mensch, dessen historische Person durch den Glauben verklärt worden ist. Daher die modernistische Unterscheidung zwischen dem historischen Christus, der nur ein am Kreuz gestorbener Mann aus Palästina war, und dem Christus des Glaubens, den sich die Jünger als «Auferstandenen» vorgestellt und den sie in ihrem Herzen «vergöttlicht» haben. So führt der Modernismus zur Auflösung jedes präzisen religiösen Inhalts. Deshalb wurde er vom Papst als die Synthese und Zusammentreffen aller Häresien definiert, die die Grundlagen des Glaubens zu zerstören und das Christentum zu vernichten drohen.

Ein Kriterium der Treue zu Gott

Die von Pius X. ergriffenen Maßnahmen zum Kurieren dieses Übels, das «fast bis in die Eingeweide und in die Adern der Kirche» vorgedrungen ist, führten in wenigen Jahren zum Niedergang des Modernismus. Die wichtigsten Unruhestifter wurden aus dem katholischen Lehramt entfernt, die philosophischen und theologischen Studien nach den Grundsätzen des heiligen Thomas von Aquin mit neuem Schwung vorangetrieben. In der Doktrin unnachgiebig, erwies sich Pius X. den Verfechtern der Irrlehre gegenüber als überaus gütig. 1908 empfahl er dem neuen Bischof von Châlons (Frankreich): «Sie werden nun der Bischof von Pfarrer Loisy (einem wegen seines Festhaltens am Modernismus exkommunizierten Priester). Ergibt sich die Gelegenheit, so behandeln Sie ihn mit Güte, und wenn er einen Schritt auf Sie zu macht, so machen Sie zwei auf ihn zu.» Das war die konkrete Anwendung seines Leitsatzes: «Irrtümer bekämpfen, ohne Personen anzutasten.»

So erfüllte Pius X. seinen Auftrag, das Volk Gottes «vor Verirrungen und Glaubensschwäche [zu] schützen und ihm die objektive Möglichkeit [zu] gewährleisten, den ursprünglichen Glauben irrtumsfrei zu bekennen» (Katechismus 890). Der väterlichen Fürsorge des Pontifex maximus muss auf der Seite der Gläubigen eine kindliche Haltung der Folgsamkeit und der Unterwerfung entsprechen. Denn Jesus Christus hat zu seinen Aposteln gesagt: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat (Lk 10,16). Der Gehorsam dem Lehramt der Kirche und insbesondere dessen sichtbarem Haupt, dem Papst, gegenüber ist ein unerlässliches Kriterium der Treue zu Gott. Pius X. unterstrich das am 10. Mai 1909 in einer Rede: «Lasst euch durch die listigen Erklärungen derer nicht täuschen, die stets vorgeben, mit der Kirche sein zu wollen, die Kirche zu lieben, dafür zu kämpfen, dass sich das Volk nicht von ihr entfernt... Sondern beurteilt sie nach ihren Werken. Wenn sie die Hirten der Kirche und selbst den Papst verachten, wenn sie mit allen Mitteln versuchen, sich ihrer Autorität zu entziehen, um ihren Hinweisen und Meinungen auszuweichen, von welcher Kirche wollen diese Leute sprechen? Gewiss nicht von der, die gebaut ist auf dem Fundament der Apostel und Propheten, deren Eckstein Christus Jesus (Eph 2,19) ist.»

Immer noch aktuell

Doch der von Pius X. so heftig angeprangerte Modernismus ist nicht verschwunden. 1950 warnte Pius XII. in der Enzyklika Humani generis vor verschiedenen Irrlehren, von denen mehrere mit dem Modernismus verwandt sind. Der Philosoph Jacques Maritain schrieb in seinem Buch Le Paysan de la Garonne (1960), «der Modernismus in der Zeit von Pius X. war nur ein bescheidener Heuschnupfen im Vergleich zur neumodernistischen Strömung.» Bei der Generalaudienz vom 19. Januar 1972 warnte Papst Paul VI. vor den «Irrlehren, die unser christliches Lebens- und Geschichtsverständnis völlig zerstören könnten. Diese Irrtümer kamen in charakteristischer Weise im Modernismus zum Ausdruck, der unter anderen Namen immer noch aktuell ist». Am 14. September 1972 nahm Kardinal Heenan, der Erzbischof von Westminster, auf diese Erklärung des Papstes Bezug und bemerkte, selbst wenn das Wort «häretisch» heutzutage nicht mehr gebräuchlich sei, «gibt es nach wie vor Häretiker. Die Häresie Nummer eins ist die, die man früher Modernismus zu nennen pflegte... Der Modernismus ist zurückgekehrt und wird von neuem als wichtigste Bedrohung für die Kirche von Morgen in Erscheinung treten. Da Autorität in all ihren Formen überall unpopulär geworden ist, war das Klima nie günstiger für einen erneuten Angriff auf die Autorität Gottes und auf das Lehramt seiner Kirche. Die Auferstehung, die heilige Dreifaltigkeit, die Unsterblichkeit der Seele, die Sakramente, das Messopfer, die Unauflöslichkeit der Ehe, das Lebensrecht ungeborener Kinder, alter Menschen und unheilbar Kranker: All diese bis heute von den Katholiken problemlos anerkannten Lehren werden wahrscheinlich bald Angriffen innerhalb der Kirche von Morgen ausgesetzt sein.» Die Erfahrung der letzten dreißig Jahre zeigt die Richtigkeit dieser Analyse und müsste das Interesse an der Lehre des heiligen Pius X. wieder aufleben lassen.

Kühne Initiativen

Manche Schriftsteller haben Papst Pius X. als fortschrittsfeindlich dargestellt; sein Pontifikat hätte sich durch die «Jagd auf die Modernisten» ins Abseits begeben. In Wirklichkeit war er ein für die Realitäten seiner Zeit sehr aufmerksamer und einzig am geistigen Wohl der Menschen orientierter Oberhirte. Überzeugt von der Lebendigkeit der Tradition, nahm er wichtige Reformen beherzt in Angriff, die er für die «Verjüngung» der Kirche für unerlässlich hielt.

«Mein Volk», pflegte unser Heiliger gern zu sagen, «muss auf Schönheit beten.» In seinem Motu Proprio Tra le sollecitudini vom 22. November 1903 erinnerte der Papst, ohne dabei andere legitime Formen der Kirchenmusik auszuschließen, daran, dass der gregorianische Gesang dem Ziel der Liturgie in hervorragender Weise dient: der Verherrlichung Gottes und der Heiligung der Gläubigen. So ermunterte er zur Neubelebung dieses Gesanges. Auch das II. Vatikanum bestätigte: «Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; demgemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen, wenn im übrigen die gleichen Voraussetzungen gegeben sind, den ersten Platz einnehmen» (Sacrosanctum concilium, 116).

Dem ausdrücklichen Wunsch des Konzils von Trient folgend, der allerdings bis dahin wirkungslos verhallt war, ergriff Pius X. 1905 durch sein Dekret Sacra Tridentina Synodus eine pastorale Initiative von großer Bedeutung: Im Gegensatz zur seit Jahrhunderten eingebürgerten Praxis eröffnete er allen den Zugang zur häufigen, ja sogar täglichen Kommunion. Es reichte aus, wenn man sich im Zustand der Gnade befand und eine richtige Absicht dabei hatte: d.h. «nicht aus Gewohnheit» zu kommunizieren, «oder aus Eitelkeit oder aus menschlichen Gründen, sondern um den Willen Gottes zu erfüllen, sich mit Ihm durch die Liebe inniger zu vereinen und dank dieses göttlichen Heilmittels seine Fehler und Schwächen zu bekämpfen». Man muss ebenso das notwendige Fasten zuvor beachten (heute mindestens eine Stunde lang vor der Kommunion) und eine würdige Bekleidung tragen. Fünf Jahre später ließ Pius X. die Erstkommunion für Kinder zu, sobald sie als vernünftig galten. Bis dahin wartete man damit gewöhnlich bis zum Alter von 12 oder 13 Jahren. Der Papst betrachtete diese Reform als eine unschätzbare Gnade für kindliche Seelen: «Bevor die Blüte der Unschuld angerührt wird und verwelkt, wird sie bei Dem Schutz suchen, der gerne unter Lilien lebt; von den reinen Seelen kleiner Kinder angefleht, wird Gott die Hand seiner Gerechtigkeit bremsen». Der heilige Pius X. wurde demnach zu Recht «der Papst der Eucharistie» genannt.

Um auf die Einwände der Wissenschaft und der modernistischen Exegese wissenschaftlich antworten zu können, gründete der heilige Papst 1909 das Biblische Institut, das er mit der Vertiefung linguistischer, historischer und archäologischer Studien beauftragte, um eine bessere Kenntnis der Heiligen Schrift zu fördern. Er war fest davon überzeugt, dass die Kirche von der wahren Wissenschaft nichts zu befürchten habe und dass die modernsten Forschungsmethoden in den Dienst des Glaubens gestellt werden könnten und sollten.

Um die Kirche für die Annäherung der Menschen an Jesus Christus immer aufgeschlossener und offener zu machen, ordnete Pius X. die Aufarbeitung und Kodifizierung der im Laufe der Generationen zahlreich und komplex gewordenen kirchlichen Gesetze an. Dieses Werk wurde von seinem Nachfolger, Papst Benedikt XV., 1917 abgeschlossen.

Verzichten wir auf die Kirchen, aber retten wir die Kirche!

1905 brach Frankreich unter dem Einfluss kirchenfeindlicher Kräfte die diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl ab, erklärte die Trennung zwischen Kirche und Staat und äußerte die Absicht, kirchlichen Besitz «Kultvereinen» zu übertragen, in denen die Bischöfe keine wirkliche Autorität besitzen sollten. Durch die Enzyklika Vehementer vom 11. Februar 1906 verurteilte Pius X. diese ungerechten Maßnahmen. Die These von der Trennung zwischen Kirche und Staat sei «absolut falsch», sagte er. Denn «der Schöpfer des Menschen ist auch der Gründer menschlicher Gesellschaften... Wir schulden ihm nicht nur private Verehrung, sondern auch einen öffentlichen und sozialen Kult zu seiner Ehre...» Darüber hinaus kann die zivile Gesellschaft «weder gedeihen noch lange bestehen, wenn man darin der Religion ihren Platz als oberste Regel und erhabene Lehrerin in Bezug auf die Rechte und Pflichten des Menschen verweigert». Da Pius X. sowohl die «Kultvereine» als auch die Zahlung von 40 Millionen Francs jährlich ablehnte, die von der französischen Regierung für den Kult vorgesehen waren, wurden sogleich alle Kirchengüter konfisziert, wodurch der Klerus hinfort auf Almosen angewiesen war. Die ablehnende Haltung Pius' X. kam für die Feinde der Kirche überraschend, doch sie bewahrte die Einheit und Freiheit der Kirche. «Ich weiß, dass manche sich um die Güter der Kirche sorgen», sagte er. «Ich sorge mich um das Wohl der Kirche. Verzichten wir auf die Kirchen, aber retten wir die Kirche.»

Zu Beginn seines Pontifikats hatte Pius X. geschrieben: «Den Frieden ohne Gott zu suchen, ist eine Absurdität.» Da er selbst einen großen Krieg zwischen den europäischen Völkern vorhergesehen und vorhergesagt hatte, unternahm er vielfache diplomatische Schritte, um die Tragödie abzuwenden. Nichtsdestoweniger brach im Sommer 1914 der erste Weltkrieg aus. In seiner Angst wiederholte der Papst Tag und Nacht: «Ich biete mein elendes Leben als Opfer dar, um den Mord an so vielen meiner Kinder zu verhindern... Ich leide für alle, die auf den Schlachtfeldern sterben.» Am 15. August begann er ein allgemeines Unwohlsein zu fühlen, am 19. stand er bereits an der Pforte des Todes. «Ich gebe mich in die Hände Gottes», sagte er mit übernatürlicher Ruhe. Gegen Mittag wurden ihm die letzten Sakramente gespendet; er empfing sie ruhig und gefasst, in völliger geistiger Klarheit und mit bewundernswerter Hingabe. Am 20. August 1914 ging ruhig und sanft der Heilige Vater in das ewige Leben ein.

Pius X. wurde 1951 selig und am 29. Mai 1954 durch Papst Pius XII. heilig gesprochen. Bei einer Pastoralvisite in Treviso 1985 wurde er von Papst Johannes-Paul II. mit folgenden Worten gepriesen: «Er hatte den Mut, das Evangelium Gottes inmitten vieler Kämpfe zu verkünden... Er arbeitete mit großer Aufrichtigkeit daran, die trügerischen Winkel des theologischen Systems des Modernismus ins Licht zu rücken, mit großem Mut, in seinem Eifer einzig und allein bewegt vom Wunsch nach Wahrheit, damit die Offenbarung seines wesentlichen Inhalts nicht beraubt werde. Dieses große Vorhaben zwang Pius X. zu ständiger innerer Arbeit, um den Menschen nicht zu Gefallen sein zu wollen. Wir wissen, welche Trübsal er erdulden musste, gerade wegen der Unpopularität, der er wegen seiner Entscheidungen ausgesetzt war. Als treuer Jünger des Herrn Jesus wollte er Gott angenehm sein, der unsere Herzen erprobt.»

Beten wir zum heiligen Pius X., er möge in uns den Wunsch wecken, Gott allein zu gefallen, ebenso wie einen Geist kindlicher Unterwerfung gegenüber der heiligen Katholischen Kirche.

Dom Antoine Marie osb

Die Veröffentlichung des Rundbriefes der Abtei St.-Joseph de Clairval in einer Zeitschrift, oder das Einsetzen desselben auf einem ,,web site" oder einer ,,home page" sind genehmigungspflichtig. Bitte wenden Sie sich dafür an uns per E-Mail oder durch http://www.clairval.com.

Index der Briefe  - Home Page

Webmaster © 1996-2017 Traditions Monastiques