Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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20. Dezember 2001
Oktave vor Weihnachten


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Bei der Heiligsprechung von Marguerite d'Youville bemerkte Papst Johannes-Paul II.: «Die Gründerin der ,Grauen Schwestern' gibt uns ein großes Beispiel: Sie konnte ihre Enttäuschungen bewältigen und Leiden als das Kreuz Christi annehmen. Den Händen der Vorsehung hingegeben, ging sie ihren Weg in der Hoffnung. Das Vertrauen verließ sie nie. Sie hat ihr Leben ganz in die Hände des Schöpfers gelegt.» Diese Haltung war wirklich weise, denn «diese völlige Abhängigkeit vom Schöpfer zu erkennen, führt zu Weisheit und Freiheit, zu Freude und Vertrauen» (Katechismus der Katholischen Kirche, 301). Nach der Schöpfung überlässt Gott sein Geschöpf nämlich nicht einfach sich selbst, sondern «erhält es auch in jedem Augenblick im Sein, gibt ihm die Möglichkeit zu wirken und bringt es an sein Ziel» (ibid.). Das Leben unserer Heiligen legt ein lebendiges Zeugnis davon ab.

Marie-Marguerite Dufrost de Lagemmerais kam am 15. Oktober 1701 in Varennes bei Montreal in «Neufrankreich» (heute in Kanada) auf die Welt. Ihr Vater, ein seit 1687 in Neufrankreich lebender bretonischer Adliger, war Offizier. Marie-Marguerite (der Rufname «Marguerite» setzte sich durch) war das Älteste von sechs Kindern. Da sie bereits im Alter von sieben Jahren ihren Vater verlor, trat sie ganz jung in die Schule der Armut ein. Ihr Vater hatte zum Unterhalt seiner Familie nie etwas anderes gehabt als seinen mageren Offizierssold; das reichte gerade, um nicht zu verhungern. Nach seinem Tod sahen sich seine Witwe und seine Kinder an den Bettelstab gebracht. Sechs Jahre leidvollen Wartens vergingen, bevor Frau Dufrost eine lächerliche Rente bewilligt bekam, um ihre Kinder großzuziehen. Dank der Unterstützung wohltätiger Leute wurde Marguerite zwei Jahre lang im Heim der Ursulinen von Québec untergebracht. Dort erhielt sie eine gute religiöse Erziehung. Mit zwölf Jahren kehrte sie nach Hause zurück, um ihre Mutter in deren häuslichen Pflichten und bei der Erziehung ihrer Brüder und Schwestern zu unterstützen.

Am 12. August 1722 heiratete sie François d'Youville: Dieser war ein gut aussehender Kavalier, aber auch ein Abenteurer mit zweifelhaften Sitten, der Sohn eines Pelz- und Alkoholhändlers, der selber Handel trieb. In wenigen Jahren brachte er sein Hab und Gut durch und zerstörte sowohl seine eigene Gesundheit wie das Glück seiner Frau. Er starb 1730 achtundzwanzigjährig nach acht unglücklichen Ehejahren. Seiner Witwe, die Mutter von zwei Kleinkindern und mit dem dritten Kind schwanger war (vier weitere Kinder waren bereits in der Wiege gestorben), hinterließ er nur Schulden. Marguerite nahm all diese Prüfungen mit Mut, im Geiste des Glaubens hin. Sie wusste, dass die Fürsorge der göttlichen Vorsehung konkret und unmittelbar ist, dass sie sich um alles kümmert, von den kleinsten Dingen bis zu den größten Ereignissen der Welt und der Geschichte. Jesus selbst fordert eine kindliche Hingabe an die Vorsehung des himmlischen Vaters, der für die geringsten Bedürfnisse seiner Kinder sorgt: Macht euch also nicht Sorge und sagt nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken. Euer Vater im Himmel weiss ja, dass ihr all dessen bedürft. Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben werden (Mt 6,31-33).

«Trösten Sie sich, Madame.»

Die Prüfungen sollten im Leben Marguerites, das so schlecht begonnen zu haben scheint, Früchte der Heiligung tragen. Pfarrer de Lescöat, der Beichtvater der jungen Witwe, kündigte ihr gleich nach dem Trauerfall an: «Trösten Sie sich, Madame, Gott hat Sie für ein großes Werk ausersehen, und Sie werden ein Haus vor dem Verfall retten.» In der Stadt Montreal gab es nämlich ein nach seinem Gründer benanntes Hospital Charon, das 1692 gegründet worden war und nun immer mehr verfiel. Zwei Sulpizianer, die Geistlichen de Lescöat und Normant, wollten sich dieser für die Armen der Stadt unverzichtbaren Institution annehmen und sie retten. Im 18. Jahrhundert waren die Hospitäler nicht wie heute auf medizinische Pflege beschränkt; sie boten vielmehr Aufnahme für alle Arten von Not und Elend. Nach dem Tode von Pfarrer de Lescöat wurde sein Nachfolger Normant zum Beichtvater von Marguerite d'Youville. Er bemerkte die Frömmigkeit der jungen Frau, die ihren Mann mit aufrichtigen Tränen beweinte, obwohl dieser sie so wenig verdient hatte. Er achtete die Mutter in ihr, die sich für die Erziehung ihrer beiden Söhne, François und Charles, aufrieb, die beide später Priester werden sollten. Er sah, wie diese Frau Arme und Kranke besuchte und ins allgemeine Krankenhaus ging, um die Lumpen von vernachlässigten und verwahrlosten Eingeborenen zu flicken; er erkannte die Findigkeit und den wunderbaren Unternehmungsgeist dieser wohltätigen Person. Zu den großen natürlichen Gaben, die Gott ihr geschenkt hatte, fügte sie noch eine innige Liebe zu Gott, dem Vater, hinzu; sie zeigte ein fast verwegenes Vertrauen auf die Vorsehung des Vaters, an dem es denen niemals mangelt, die für die Heiligung seines Namens und für das Kommen seines Reichs wirken.

Pfarrer Normant hielt diese Frau für fähig, dem Hospital zu neuem Leben zu verhelfen; vielleicht würde Gott sie dafür sogar zur Mutter einer Ordensfamilie machen. Von solchen Gedanken bewegt, schlug er Marguerite d'Youville vor, einige Arme bei sich aufzunehmen. Dann besorgte er ihr eine Gefährtin. Bald schlossen sich ihnen zwei weitere junge Frauen an: Man zog in ein angemietetes Haus, zunächst mit fünf Armen, aus denen bald zehn wurden. Somit stand der Kern einer neuen Gemeinschaft; man schrieb das Jahr 1737. Doch diesem Werk der Barmherzigkeit standen schwere Prüfungen bevor.

Vom Alkohol benebelt?

Manche Leute sahen die Initiative der Sulpizianer nicht gern. Sie wurden verdächtigt, das allgemeine Hospital völlig auflösen zu wollen, um sich der Grundstücke und der Gebäude zu bemächtigen, die ihnen dann rechtmäßig zufallen würden. Zudem lebten noch einige alte Hospitaliterbrüder dort; warum sollten sie durch eine noch nicht existierende Gemeinschaft ersetzt werden? Eine von den namhaftesten Persönlichkeiten Montreals unterzeichnete Petition an den Staatssekretär, den Grafen von Maurepas, forderte die Ausweisung von Frau d'Youville aus der Stadt. Unter den ersten Unterzeichnern dieser Petition befanden sich nahe Verwandte von Marguerite d'Youville, die François d'Youville und seinem Vater immer noch schwer nachtrugen, dass sie durch ihren Handel so viele ehrliche Geschäftsleute ruiniert und dadurch die Familie entehrt hatten.

An Allerheiligen verließen Marguerite und ihre Gefährtinnen ihr Haus, um zur Messe zu gehen. Draußen wurden sie von einer brüllenden Menge mit wüsten Schmähungen empfangen; die eingeschüchterten Frauen wurden mit Steinwürfen verfolgt. An den folgenden Tagen kam es immer wieder zu ähnlichen Szenen. Die an wilden Gerüchten stets fruchtbare Verleumdung breitete sich rasend schnell aus: Die Sulpizianer wurden beschuldigt, Frau d'Youville und ihre Helferinnen mit Alkohol zu beliefern, den diese insgeheim an die Indianer weiterverkaufen, aber auch selber trinken sollten. So wurden sie spöttisch «graue Schwestern» genannt, d.h. vom Alkohol benebelt (frz. grisées, betrunken).

Zur gleichen Zeit starb eine der treuesten Freundinnen von Marguerite bei der Arbeit; Pfarrer Normant, der fast einzige Fürsprecher der entstehenden Gemeinschaft erkrankte an einer unheilbaren Krankheit. Marguerite selbst sah sich durch hartnäckige Knieschmerzen an einen Stuhl gefesselt. Zu all dem wurde die kleine Gemeinschaft am 31. Januar 1745 durch ein Feuer halbbekleidet aus ihrem Haus in den Schnee hinausgejagt. Böse Zungen sahen darin unweigerlich eine «gerechte Strafe des Himmels». Durch eine barmherzige Fügung der göttlichen Vorsehung stellte jedoch eine mitleidige Dame ihr Haus Marguerite d'Youville zur Verfügung, sodass diese ihr Werk fortführen konnte.

Eine ebenso bedrängendewie unvermeidliche Frage

Die Widerstände gegen dieses gute Werk können folgende Frage aufwerfen: Wenn Gott, der allmächtige Vater, der Schöpfer der geordneten und guten Welt, sich um all seine Geschöpfe kümmert, warum existiert dann das Böse? Diese ebenso bedrängende wie unvermeidliche, für uns ebenso schmerzliche wie geheimnisvolle Frage kann nicht rasch und erschöpfend zugleich beantwortet werden. Die Antwort umfasst die Gesamtheit der christlichen Botschaft. «Gott ist unendlich gut und alle seine Werke sind gut. Niemand entgeht jedoch der Erfahrung des Leides, der natürlichen Übel – die mit den Grenzen der Geschöpfe gegeben zu sein scheinen – und vor allem kann niemand dem Problem des sittlich Schlechten ausweichen. 'Ich fragte nach dem Ursprung des Bösen, doch es fand sich kein Ausweg', sagt der heilige Augustinus, und sein schmerzliches Suchen wird erst in seiner Bekehrung zum lebendigen Gott einen Ausweg finden. Die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit (2 Thess 2,7) enthüllt sich nämlich nur im Licht des Geheimnisses des Glaubens (1 Tim 3,16)» (Katechismus 385).

Mit der Zeit kann man erkennen, dass Gott in seiner allmächtigen Vorsehung aus den Folgen eines – selbst moralischen – Übels, das von seinen Geschöpfen verursacht wurde, Gutes entstehen lassen kann: Nicht ihr habt mich also hierher gesandt, sondern Gott, sagt Jakobs Sohn Joseph zu seinen Brüdern. Ihr gedachtet, mir Böses zu tun, Gott hat es aber zum Guten gelenkt, um viel Volk am Leben zu erhalten (Gen 45,8; 50,20). «Der allmächtige Gott könnte in seiner unendlichen Güte unmöglich irgend etwas Böses in seinen Werken dulden, wenn er nicht dermaßen allmächtig und gut wäre, dass er auch aus dem Bösen Guten zu ziehen vermöchte», schreibt der heilige Augustinus. Aus dem schlimmsten moralischen Übel, das je begangen worden ist, aus der durch die Sünden aller Menschen verschuldeten Zurückweisung und Ermordung des Sohnes Gottes, hat Gott im Übermaß seiner Gnade das größte aller Güter gemacht: die Verherrlichung Christi und unsere Erlösung. Freilich wird deswegen das Böse nicht zu etwas Gutem. «Die in Christus geschehene Offenbarung der göttlichen Liebe zeigt zugleich die Größe der Sünde und die Übergröße der Gnade. Wenn wir uns der Frage nach dem Ursprung des Bösen stellen, müssen wir also den Blick unseres Glaubens auf den richten, der allein dessen Besieger ist» (Katechismus, 385). Christus hat durch seine Passion und seinen Tod dem Leiden wie dem Tod einen erlösenden Wert verliehen und sie zu Mitteln der Heiligung gemacht. Mit seinem Kreuz vereint, führen die vielfachen Kreuze der Menschen zur Auferstehung.

Eine kaum beneidenswerte Übernahme

Die heilige Marguerite d'Youville betrachtete ihre Heimsuchungen im Lichte Christi. 1747 wurde angesichts des tatsächlichen Ruins des Hospitals von den Behörden des Landes eine unerwartete und beinahe unglaubliche Entscheidung gefällt: Die Verwaltung der Anstalt wurde provisorisch Frau d'Youville anvertraut. Die kranke Gründerin musste sich auf einer Matratze liegend mit einer Karre heranfahren lassen. Ihr folgten fünf Anhängerinnen und neun Arme. Das Gebäude, das ihr übertragen wurde, war in einem erbärmlichen Zustand: Die Mauern wiesen Risse auf, die Dächer hatten überall Löcher; an den Fenstern fehlten 1226 Scheiben. Zwei sehr betagte Hospitaliterbrüder lebten noch dort im Dienste von vier armen Kranken. Daneben ein kaum erschlossener Bauernhof ohne Viehbestand, der so gut wie nichts abwarf. Dank der Hilfe mehrerer Personen verbesserten Marguerite und ihre Kameradinnen allmählich die Situation. Sie blieb nichtsdestoweniger prekär.

Bei den Regierenden des französischen Kanadas setzte sich die Idee durch, das Hospital von Montreal mit dem von Québec zu vereinigen. Eines schönen Morgens im Jahre 1751 erfuhr Marguerite d'Youville durch die Stimme eines öffentlichen Ausrufers, dass der Vertrag von 1747, der ihr die Verwaltung des Hospitals übertragen hatte, widerrufen worden war und sie den Nonnen aus Québec Platz machen sollte. Doch Marguerite wollte nicht: Mit unerschrockener Beredsamkeit vertrat sie ihr Anliegen bei den staatlichen und religiösen Behörden. Sie konnte sich nunmehr auf die öffentliche Meinung stützen: Seit vier Jahren konnte man die von ihren Anhängerinnen vollbrachte Arbeit beobachten; man sah, dass sie friedlich, gut und allem menschlichen Elend gegenüber barmherzig waren. Zudem fand Marguerite schließlich mit ihrer weiblichen Intuition das entscheidende Mittel zum Überwinden der Widerstände: Sie bot an, sämtliche Schulden des Staates in dieser Angelegenheit bis auf den letzten Pfennig zu begleichen, und die Schulden waren beträchtlich. 1753 durfte sie das Hospital endlich wieder übernehmen. Zwei Jahre später wurde die kleine Gruppe der Gefährtinnen Marguerites vom Bischof zur Ordensgemeinschaft erklärt. Aus dem Geiste der Demut und der Vergebung für den Spott zu Beginn der Gründung heraus, lautete der Name der Gemeinschaft «Graue Schwestern», und ihre Tracht war tatsächlich von grauer Farbe. Es hatte sechzehn Jahre Arbeit, hartnäckigen Kämpfens und Prüfungen aller Art gebraucht, um diese offizielle Anerkennung zu erlangen.

Fieberhafte Tätigkeit

Frau d'Youville setzte alle Hebel in Bewegung, um das Hospital mit neuem Schwung und Leben zu füllen. Sie nahm Frauen in Pension; mit ihren Töchtern widmete sie sich allen möglichen Näharbeiten: Sie nähten Kleidungsstücke für die königlichen Truppen, für die Indianer sowie Häuptlingsschmuck für deren Stammesführer. Sie produzierten Hostien und Kerzen, richteten eine verlassene Brauerei wieder her, verkauften Kalk, Bausteine, Sand. Alle armen Bewohner des Hospitals, die einsatzfähig waren, wurden zu einer nützlichen Arbeit herangezogen. Auf der instandgesetzten Farm Pointe-Saint-Charles wurden Weiden für die Tiere angelegt. Diese fieberhafte Tätigkeit trug schließlich Früchte. Die Schulden der Brüder wurden vollständig beglichen, und man legte sogar Ersparnisse zurück, um die Armen finanziell abzusichern. Es wurden mehrere Gebäude errichtet; das Hospital wurde erweitert, die Kirche fertiggestellt. Die Tore des Hospitals standen allen Notleidenden und all denen, die nirgends erwünscht waren, offen: Epileptikern, Leprakranken, Frauen üblen Lebenswandels, die besserungswillig waren, Verwundete oder kranke englische Gefangene. 1761 gründete Mutter d'Youville eine Krippe für ausgesetzte Kinder: In elf Jahren nahm sie 328 Kinder auf. Für die Kleinsten dieser Armen wurden Ammen gesucht und bezahlt.

Doch für die Gründerin war die Zeit der Heimsuchungen nicht vorbei. 1756 begann der Siebenjährige Krieg zwischen Frankreich und England, die sich die Neue Welt schon seit langem gegenseitig streitig gemacht hatten. Er endete mit dem Sieg Englands, der 1763 durch den Pariser Friedensvertrag besiegelt wurde «Neufrankreich» gab es nicht mehr. Der Krieg brachte zahlreiche Übel mit sich: Hunger, Preisauftrieb im von Flüchtlingen überschwemmten Montreal; Angst um die Zukunft und das Überleben der Ordensgemeinschaften; Abwanderung von Förderern, Freunden und Verwandten nach Frankreich und somit eine wesentliche Einschränkung der Hilfsmöglichkeiten trotz der Zunahme des zu lindernden Elends; Geldentwertung usw. Marguerite d'Youville und ihre Schwestern taten ihr Möglichstes.

«Seid beruhigt.»

Doch dann brach eine weitere Katastrophe über sie herein: der Brand vom 18. Mai 1765, der, nachdem er mehr als hundert Häuser der damaligen Stadt verschlungen hatte, auch das Hospital erreichte, zerstörte und 118 Personen obdachlos machte. In dieser verzweifelten Situation schöpfte Mutter Marguerite aus ihrem Glauben den Mut, sich schlicht und einfach wieder an die Arbeit zu machen. Zunächst versammelte sie ihre verstörten Töchter um sich und sprach zu ihnen: «Meine Kinder, wir werden Gott auf Knien für das Kreuz danken, das er uns gerade geschickt hat, indem wir das Dankgebet Te Deum sprechen.» Danach erhob sie sich mit den vom Himmel inspirierten Worten: «Seid beruhigt, das Haus wird nicht mehr brennen.»

Die Haltung der heiligen Marguerite d'Youville angesichts dieses Unglücks ist ein heroisches Vorbild für den Glauben an die göttliche Vorsehung, der nichts entgeht. Die heilige Katharina von Siena sagte denen, die sich daran, was ihnen zustieß, Ärgernis nahmen und sich dagegen auflehnten: «Alles geht aus Liebe hervor, alles ist auf das Heil des Menschen hingeordnet, Gott tut nichts außer mit diesem Ziel.» Und der heilige Thomas Morus tröstete seine Tochter vor seinem Märtyrertod mit den Worten: «Es kann nichts geschehen, was Gott nicht will. Was immer er aber will, so schlimm es auch scheinen mag, es ist für uns dennoch wahrhaft das Beste» (vgl. Katechismus 313). Der heilige Franz von Sales schrieb an eine von Prüfungen heimgesuchte Frau: «Sie müssen sich mit einer völligen Selbsthingabe in die Arme der Vorsehung stürzen, denn jetzt ist die dafür angebrachte Zeit. Sich inmitten der Milde und des Friedens persönlichen Wohlergehens Gott anzuvertrauen, das kann fast jeder; sich aber inmitten der Stürme und Gewitter auf Ihn zu verlassen, ist eine Eigenheit seiner Kinder; ich sage, mit ganzer Hingabe sich Ihm anvertrauen.»

Das Vertrauen Marguerite d'Youvilles sollte noch erstaunliche Früchte tragen. Weniger als einen Monat nach dem Feuer hatte der Wiederaufbau des Hospitals bereits begonnen. 1769, vier Jahre später, stand alles wieder an seinem Platz, und Mutter Marguerite war schuldenfrei. Auf das Unglück waren mehrere Wunder gefolgt, so die Vermehrung von benötigtem Wein in einem unter den Trümmern gefundenen Fass und das unerklärliche Auftauchen von Geldstücken in den Taschen der Gründerin, alles tröstliche Antworten der Vorsehung auf deren Unterwerfung und vollkommenes Vertrauen. Stets in der Sorge um die Armen und um ihnen Geldquellen zu erschließen, erwarb Marguerite ein großes Gut und baute darauf eine Wassermühle; um sie zu betreiben, ließ sie in den Stromschnellen einen drei Meter hohen Damm sowie einen Kanal errichten. In einer schwierigen Stunde der Geschichte Kanadas, als andere ihren Mut und Glauben verloren und sich der Verzweiflung überließen, führte diese Gründerin durch ihre Werke die unerschöpflichen Reserven christlicher Kraft vor.

Kurz davor, an allem Mangel zu leiden

Ein Jahr vor ihrem Tod schrieb Marguerite d'Youville: «Wir sind achtzehn allesamt gebrechliche Schwestern und führen ein Haus, in dem einhundertsiebzig Personen zu ernähren und fast genau so viele zu unterstützen sind. stets kurz davor, an allem Mangel zu leiden, und doch mangelt es uns an nichts, zumindest was das Notwendige angeht. Ich bewundere jeden Tag die göttliche Vorsehung, die sich ihrer armen Untertanen bedient, um ein bisschen Gutes zu tun!»

Am Ende ihres Lebens sagte Mutter Marguerite zu ihren Töchtern: «Meine lieben Schwestern, bleibt dem Stand, den ihr gewählt habt, immer treu; wandelt stets auf dem Pfad der Beachtung der Regeln, des Gehorsams und der Kasteiung; vor allem aber sorgt dafür, dass unter euch die vollkommenste Einheit herrsche.»

Am 9. Dezember 1771 erlitt sie einen Schlaganfall. Sie starb am 23. Dezember im Alter von siebzig Jahren. Mehrere glaubwürdige Personen bezeugten, dass in dem Moment, in dem sich ihre Seele von ihrem Leib löste, um in den Himmel einzugehen, über dem Hospital ein helles Licht in der Form eines Kreuzes aufleuchtete. Als eine gelehrte und berühmte Persönlichkeit das sah, ohne über den Tod der Gründerin informiert zu sein, rief sie: «Ach! Welches Kreuz wird über die armen Grauen Schwestern kommen? Was wird ihnen geschehen?»

Verwurzelt im Kreuz

Was geschah? Das Werk der heiligen Gründerin, das durch ihre Lebensarbeit fest verwurzelt und durch ihre Verdienste befruchtet worden war, empfing durch ihre Fürsprache bei Gott ein Übermaß an himmlischer Fruchtbarkeit. Die Kongregation der Grauen Schwestern wurde am 30. Juli 1880 von Papst Leo XIII. feierlich anerkannt. Sie breitete sich vom Atlantik bis zum arktischen Eismeer aus, von Kanada bis nach Südafrika. Sie wird heute noch fortgeführt durch sieben Ordensgemeinschaften, die aus der Initiative von Mutter Marguerite hervorgegangen und in ihrem Geiste entstanden sind. Sie zahlen heute mehr als 2000 Schwestern.

Wir glauben fest daran, dass Gott der Herr der Welt und der Geschichte ist. Im ewigen Leben werden wir die wunderbaren Wege der Vorsehung voll und ganz erkennen können. Hier auf Erden bleiben uns diese Wege oft unbekannt, doch das Wort Gottes versichert uns, dass denen, die Gott lieben, alles mitwirkt zum Guten (Röm 8,28). Diese Gewissheit möge unseren Gang zum Himmel unter dem Schutz der Allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter der Immerwährenden Hilfe, erleuchten!

Die Mönche der Abtei St. Joseph wünschen Ihnen von Herzen gesegnete Weihnachtsfeste sowie ein gutes Jahr 2002. Sie versichern Sie Ihres Gebets für all Ihre Anliegen.

Dom Antoine Marie osb

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