Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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9. Oktober 2001
Hl. Dionysius und Gefährten, Märtyren


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 17. Dezember 1944, einem Sonntagmorgen, trug sich in der Baracke 26 des Konzentrationslagers Dachau ein unerhörter Vorgang zu: Karl Leisner, der Gefangene mit dem unerschöpflichen Lächeln, der seit fünf Jahren als Trostengel seiner Leidensgefährten gewirkt hatte, wurde zum Priester Jesu Christi geweiht. Schwer krank, stand er damals am Rande der Erschöpfung. Er wurde am Kreuze zum Priester gesalbt. Sein schöner, durch das Leid besänftigter, gereifter und fieberglühender Blick kündete von der unwandelbaren Freude Jesu Christi. Er hatte nur noch neun Monate zu leben.

Karl Leisner wurde am 28. Februar 1915 in Rees in Westfalen geboren. 1921 zog seine Familie nach Kleve, einer nahegelegenen Kleinstadt. Vater Leisner war Schatzmeister am Gericht, ein sehr ordnungsliebender Mann, der dem von den Vorfahren ererbten katholischen Glauben treu anhing. Seine ruhige und versöhnliche Frau brachte im Heim der Familie die Liebe zum Strahlen. Karl, ein aufgeweckter, übermütiger Knabe, besuchte zunächst die Grundschule und wechselte dann 1927 auf das staatliche Gymnasium über. Er war ein guter Schüler und lernte leicht. Seine Neugier kannte keine Grenzen; er wollte ständig das «Warum» der Dinge erkunden. Sein strahlendes Lächeln öffnete ihm die Herzen. Unter der Leitung des Schulseelsorgers, des Pfarrers Walter Vinnenberg, entfaltete Karl sein Talent zum Organisator und Jugendleiter. Er war 12 Jahre alt, als der Priester ihm vorschlug, eine Jugendvereinigung, die Gruppe des heiligen Werner, zu gründen. Er willigte ein und begann ein Heft über die Gruppentreffen zu führen. Seine Berichte wurden ab Mai 1928 zum Tagebuch seiner seelischen Entwicklung, mit dessen Hilfe wir den spirituellen Aufstieg des jungen Mannes verfolgen können.

«Gib mir Kraft, Herr!»

Unter den Aktivitäten der Gruppe des heiligen Werner nahmen Fahrradausflüge breiten Raum ein. Karl berichtete ausführlich und humorvoll über sie. Dem Start ging eine Messe voraus, und wenn der Schulseelsorger die jungen Leute begleitete, bestand der Höhepunkt eines jeden Tages im heiligen Messopfer. Karl und seine Freunde verbrachten berauschende Tage damit, das Zelt aufzuschlagen, Städte und Landschaften, Menschen und Berufe zu entdecken, Hindernisse zu überwinden und sich selbst darin zu übertreffen, andere Jugendliche in das Licht Gottes zu führen. Als edler Charakter, passte sich Karl jeder Situation an. Bald wurde er zum Beauftragten für die katholischen Jugendbewegungen im Bezirk Kleve ernannt; er interessierte sich auch für das staatliche und politische Leben.

Der Heranwachsende zeigte erstaunliche Reife. Nach dem Begehen einer Sünde schrieb er: «Ich bin noch einmal gefallen. Schluss damit! Fort mit der Sünde! Bleib ruhig und mutig, trotz aller Haltlosigkeiten und aller Begehrlichkeit der Sinne! Ich will Hochachtung vor mir selbst haben: Ich bin ein Abbild des dreieinigen Gottes, der ein einziger Gott ist. Ich muss in mir die Einheit zwischen Wollen und Handeln wiederherstellen.» Karl war weder ein Übermensch noch ein glorreicher, vom Himmel gefallener Engel. Er führte einen harten inneren Kampf. Bereits in zartem Alter beschloss er, seinen Geist und sein Herz reinzuhalten und sein Verhalten selbst zu bestimmen. Seine Entschlüsse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Ordnung (im Inneren der Seele, im äußeren Benehmen, in den Handlungen), Disziplin, Frömmigkeit und Liebe. 1933 notierte er: «Es irrt mein Herz umher, bis es – o Gott – ruhet in Dir. Du, Herr, bist die Ordnung, die Schönheit, die tiefste Ruhe. Du gibst Frieden, den die Welt nicht geben kann. Denn ohn Gottesliebe und Freude der Seele komme ich zu nichts. Mit Gott werde ich alles in mir haben! Gib mir Kraft, Herr!» Zu Ostern 1933 begab sich Karl vor Beginn des letzten Schuljahres zu Exerzitien nach Schönstatt. Im Mittelpunkt der Spiritualität der apostolischen Bewegung von Schönstatt stand die Verbundenheit mit Maria in der Liebe: Man ließ sich von der Seligsten Jungfrau zu Christus hinführen, der seinerseits die Jünger zum Vater führt. So wandelte man auf dem Wege der Heiligkeit, der Hingabe an die Vorsehung und der geistigen Kindheit, wobei die tägliche Pflicht, mochte sie in den Augen der Menschen noch so bescheiden und unbedeutend sein, möglichst umfassend und mit Liebe erledigt wurde.

Gegen den Strom

Unterdessen war im Januar 1933 der Nationalsozialismus in Deutschland an die Macht gekommen. Am 2. Juli danach wurden die Räume der katholischen Organisationen von den Behörden geschlossen und ihr Besitz beschlagnahmt. Karl schrieb: «In der Schule werden die Auseinandersetzungen immer härter. Man prangerte uns als katholische Aktivisten, als Staatsfeinde an. Wir sind dadurch nur umso stolzer. Ungeachtet mehrfacher dunkler Augenblicke, die einem Angst einjagen, halten wir das Banner der katholischen Jugendbewegung überaus hoch.» Sehr früh wurde der junge Mann von der Gestapo ermittelt und registriert. Er versuchte, mit seinen Worten vorsichtiger zu sein, ohne deshalb seinen christlichen Glauben zu verhehlen und ohne auf sein Wirken für das Reich Gottes zu verzichten. Jeden Tag machte er sich die Mühe, früh genug aufzustehen, um zur hl. Messe und zur Kommunion gehen zu können. Seine ernsthafte schulische Mitarbeit verhinderte, dass die Leitung des Gymnasiums ihn der Schule verwies. Sein Abitur bestand er mit der Note «Gut».

In der Stille der Exerzitien, an denen er im Dezember 1933 teilnahm, beschäftigte sich Karl mit der Frage, welche Laufbahn er einschlagen sollte: «Die Einsamkeit hat mich gestärkt, sie hat mir endgültig den Mut zu dem Wagnis gegeben, die Last der priesterlichen Berufung auf mich zu nehmen.» Der Beschluss beruhigte den jungen Mann, doch er musste späterhin viele Kämpfe deswegen ausfechten. Am 5. Mai 1934 trat er ins Borromäum in Münster ein, ein Haus für Priesteramtskandidaten. Zwei Jahre lang studierte er Philosophie und Theologie an der Universität Münster. Der zuständige Bischof, Clemens Graf von Galen, dem sein heldenhafter Widerstand gegen den Nationalsozialismus den Beinamen «der Löwe von Münster» einbrachte, ernannte ihn zum Diozesanbeauftragten für die Katholische Jugend. «Der Glaube und die Begeisterung Karls für Christus sollen eine Ermutigung und ein Vorbild sein, vor allem für die Jugendlichen, die in einer von Unglauben und Gleichgültigkeit geprägten Umgebung leben. Denn politische Diktatoren sind nicht die Einzigen, die die Freiheit einschränken. Ebenso viel Mut und Kraft benötigt man, um sich gegen den Strom des Zeitgeists zu behaupten, der auf Konsum und egoistischen Lebensgenuss ausgerichtet ist und gelegentlich zur Antipathie gegen die Kirche, d.h. zu einem militanten Atheismus tendiert» (Johannes-Paul II., Predigt anlässlich der Seligsprechung von Karl Leisner).

«Wir brennen vor Liebe zu Christus»

In der Juninummer einer katholischen Monatszeitschrift für Jugendliche schrieb Karl 1934: «Wir brennen vor Liebe zu Christus und zu jedem menschlichen Wesen, umso mehr zu jedem Bruder und jeder Schwester unseres deutschen Volkes! Wir werfen allen Hass ins Feuer. Aus den Flammen der Liebe möge die ewige Sehnsucht des deutschen Herzens emporsteigen: ein großes und mächtiges, durch die Liebe und die gegenseitige Achtung christlich vereintes Volk.»

Zu Ostern 1936 zog Karl, der seine Studien zwei Semester lang an einer Universität seiner Wahl fortsetzen sollte, nach Freiburg im Breisgau. Von dort aus durfte er Rom besuchen und wurde von Papst Pius XI. zu einer Privataudienz empfangen. Innerhalb von fünf Tagen hatte der Nachfolger Petri sowohl den Nationalsozialismus (Enzyklika Mit brennender Sorge, 14. März) als auch den Kommunismus (Enzyklika Divini Redemptoris, 19. März 1937) verurteilt. In Freiburg wohnte Karl bei der Familie Ruby, wo er die Schularbeiten der neun Söhne zu überwachen hatte. Mit der Zeit empfand er wachsende Zuneigung für die älteste Tochter der Rubys, Elisabeth, doch er behielt sein Geheimnis für sich und offenbarte sich nicht dem jungen Mädchen gegenüber. Es begann ein langer und schmerzhafter Kampf für ihn zwischen der Treue zu seiner Berufung nach dem Priesteramt und dem Wunsch nach Familienleben. Im Juni 1938 bewog ihn ein Brief Elisabeths, der er seine Seele geöffnet hatte, dazu, seine Berufung zum Priestertum nicht aufzugeben. Am 25. März 1939 wurde Karl aus den Händen von Bischof von Galen zum Diakon geweiht.

Seit einiger Zeit bereits fühlte er sich sehr müde und führte diesen Zustand auf seine Berufungskrise zurück. Doch seine immer häufigeren Hustenanfälle hatten eine andere Ursache. Eine medizinische Untersuchung kam zu einem schrecklichen Ergebnis: fortgeschrittene Tuberkulose. Karl war niedergeschmettert. Bald jedoch nahm er sich zusammen: «Ich muss gesund werden.» Er wurde in ein Sanatorium im Schwarzwald eingewiesen. Nach und nach führte das sorgsame Befolgen der ärztlichen Anweisungen zu einer Besserung seines Gesundheitszustands: Die Heilung schien in Reichweite zu rücken. Währeddessen war der Krieg ausgebrochen: Europa stand in Flammen.

Eine fatale Wut

Am 9. November 1939 verbreitete sich im Sanatorium die Nachricht von einem Attentat auf Hitler in München. Karl befand sich in seinem Zimmer, als ein Freund, der die Illusionen vieler Deutscher über das «Dritte Reich» teilte, ihm mit Freude berichtete, Hitler sei bei dem Attentat unversehrt geblieben: «Schade, dass er nicht draufgegangen ist», entgegnete Karl, der ahnte, in welch schreckliche Tragödie der Stolz des Führers Deutschland und Europa führen sollte. Der Freund lief wutentbrannt aus dem Zimmer. Ohne böse Absicht, jedoch durch Fragen der umstehenden Kranken bedrängt, ließ er durchblicken, von welchen Gefühlen Karl bewegt wurde. Sogleich wurde Leisner bei der Polizei angezeigt und noch am selben Tag in das Gefängnis von Freiburg eingeliefert. In eine grobe Decke gehüllt, auf einem eisernen Bett liegend, in einer dunklen Zelle vor Kälte zitternd, fühlte er sich einsam, verlassen und unentrinnbar dem Tod preisgegeben. Die ersten Tage waren fürchterlich. Doch nach und nach erholte er sich und schöpfte aus seinem Glauben die Kraft, die Situation zu akzeptieren. Er sprach sein fiat, vergab aus ganzem Herzen allen, die ihm Böses getan hatten, und suchte Trost bei der Allerseligsten Jungfrau und der Gemeinschaft der Heiligen.

Am 16. März 1940 wurde Karl im Konzentrationslager Sachsenhausen in der Nähe von Berlin interniert. Sein Name war nun abgeschafft: Er wurde fortan bei seiner Gefangenennummer gerufen: 17520. Mit kahlgeschorenem Kopf, mit der gestreiften Uniform der Deportierten bekleidet, «aus dem Schoße des deutschen Volkes ausgestoßen», besaß er keine Rechte mehr. Im Lager herrschten die Furcht vor der Peitsche und vor der übermenschlichen Zwangsarbeit sowie der nagende Hunger und die ständige Angst vor der Zukunft. Doch Karl war von einer inneren Freude beseelt und strahlte seine Gefährten mit seinem lächelnden Optimismus an. Im Dezember beschloss Himmler auf Drängen des deutschen Episkopats, die Kirchenangehörigen in einem einzigen Lager zusammenzuführen und ihnen weniger unmenschliche Bedingungen aufzuerlegen. Das Lager Dachau in der Nähe von München, das ursprünglich für 8000 Häftlinge geplant war, sollte bis zu 50 000 aufnehmen; jährlich starben dort 15 000 Gefangene. Die Zahl der verhafteten Priester stieg auf über 2600, von denen etwa 1000 starben. Sie hatten allerdings – als unbezahlbaren Trost – die Möglichkeit, der Messe beizuwohnen. Das Jahr 1942 war hart: ein eiskalter Winter, danach ein verregneter Frühling. Karls Gesundheit war dem nicht gewachsen. In der Nacht zum 15. März platzte ein Blutgefäß in seiner Lunge und führte zu einem Blutsturz. Er wurde auf die Krankenstation aufgenommen, wo er zwei Monate blieb. Dreimal kehrte er nach kurzen Aufenthalten in den Baracken der Priester dorthin zurück.

Der Trostengel

Die «Krankenstation» war ein Sterbetrakt, in dem Menschen unter unbeschreiblichen Bedingungen zusammengepfercht und in höchster Verzweiflung dem Tod begegneten. Das Keuchen und der trockene Husten der Tuberkulosekranken verstummte Tag und Nacht nicht. Karl suchte durch Gebet und Anbetung beim Heiligsten Herzen Jesu Zuflucht. Aus der heiligen Kommunion, die ihm regelmäßig heimlich gebracht wurde, schöpfte er Frieden und die Kraft zu lächeln. Sobald er aufstehen konnte, ging er von einem Bett zum anderen, sprach allen Mut und Trost zu und erhellte die Herzen mit seinem schönen Lächeln. Bald war er als der Trostengel bekannt, und die Kranken kamen zu ihm, um ihm ihre Not anzuvertrauen. Unter seinem Kissen hielt er ständig eine Schachtel mit geweihten Hostien versteckt, die er als Diakon an seine Glaubensbrüder weitergab. Seine Gegenwart diente insbesondere den russischen Deportierten zum Trost, die in großer Zahl vom Tod dahingerafft wurden. Dank der Grundkenntnisse, die er in ihrer Sprache erworben hatte, hörte mehr als einer dieser Häftlinge zum ersten Mal von der Passion Jesu und von der Guten Nachricht von Gott dem Vater, der uns liebt und erwartet. «Der Herr verlangt von seinen Jüngern nicht eine Anpassung an die Welt, sondern im Gegenteil ein Glaubensbekenntnis, das bereit ist, sich selbst als Opfer darzubringen. Karl Leisner hat dieses Zeugnis nicht nur durch Worte, sondern auch durch sein Leben und seinen Tod abgelegt. In einer unmenschlich gewordenen Welt war er ein Zeuge Christi, der als Einziger der Weg, die Wahrheit und das Leben ist» (Johannes-Paul II., Seligsprechungspredigt).

Als Kranker zählte Karl zu den «unnützen Essern». Im Oktober 1942 stand er auf der Liste der Deportierten, die in einer Gaskammer hingerichtet werden sollten. Zwei Priestern gelang es, seinen Namen von der Liste streichen zu lassen. «Jeden Tag biete ich mich der Heiligen Jungfrau, meiner Mutter, dar», schrieb er. «Sie hat mich in den drei Jahren Gefangenschaft wunderbar geführt.» Anfang 1943 wütete eine Typhusepidemie in Dachau, die 6000 Opfer forderte. Karl wurde nicht angesteckt, da die Abteilung der Tuberkulosekranken vom Rest des Lagers isoliert war. Am 4. Juni schrieb er an einen Freund: «Wenn ich zurückblicke, bin ich dem Herrn und der Heiligen Gottesmutter sehr dankbar. Wenn ich auf den Kleinmut des menschlichen Herzens höre, möchte ich auf eine rasche Heimkehr hoffen, um euch wiederzusehen. Doch der Herr weiß, was kommen muss.» In der absolut verzweifelten Situation kam er auf einen heldenhaften Gedanken: Er dankte Gott dafür, dass er ihn mittels dieser Prüfungen der Passion seines Sohnes entsprechend geformt hatte.

Undenkbar, aber wahr!

Am 6. September 1944 traf ein Konvoi französischer Gefangener in Dachau ein, unter denen sich auch ein französischer Bischof, Mgr. Gabriel Piguet befand. Bald ging ein Gerücht unter den Gefangenen um: «Warum sollte der Bischof Karl nicht zum Priester weihen?» Karl auf seinem Lager protestierte heftig: «In Dachau zum Priester geweiht? Undenkbar! Und außerdem hat meine Gemeinde ein Recht auf meine erste Messe!» Doch nach und nach setzte sich die Idee durch, und am 23. September bat der Kranke seinen eigenen Bischof in einem Brief um die notwendige Erlaubnis. Gegen Ende des Jahres 1944 verlor das Dritte Reich angesichts des Vorstoßes der Alliierten an Boden; die Postkontrolle durch die SS wurde gelockert. Ein zwanzigjähriges junges Mädchen stellte unter Lebensgefahr eine Verbindung zwischen den Gefangenen und der Außenwelt her. Anfang Dezember 1944 erhielt Karl einen Brief von einer seiner Schwestern, der mitten im Text versteckt folgende Worte in einer anderen Handschrift enthielt: «Ich genehmige die beantragten Zeremonien unter der Bedingung, dass sie gültig durchgeführt werden können und dass hinterher ein sicherer Beweis dafür existiert»; es folgte als Unterschrift die Vorname von Bischof von Galen.

Von da an wurde unter großer Geheimnishaltung die heimliche Ordination vorbereitet. Unter der Mithilfe mehrerer Gefangener wurde ein Bischofsring aus Messing gebastelt, ein Kreuz aus Eichenholz geschnitzt, eine Mitra aus Seide und Perlen sowie ein Ornat aus violettem Stoff genäht. Endlich brach der Sonntag «Gaudete», der 17. Dezember, an. Die vorgeschriebenen Riten wurden bis ins Kleinste befolgt. Die roten Wangen des Kranken verrieten das verzehrende Fieber, unter dem er litt. Die Rührung der dreihundert Zeugen, zu denen sich die übrigen 2300 Priester des Lagers gesellt hatten, war unbeschreiblich. Während der Zeremonie spielte ein jüdischer Häftling draußen Geige, um die Aufmerksamkeit der Wächter abzulenken. Nach der Messe fanden sich Bischof Piguet und Pfarrer Karl zu einem von der Gruppe der protestantischen Pastoren vorbereiteten Frühstück ein. Wie viel heimliche Zusammenarbeit und Einfallsreichtum waren nötig gewesen, um diese Tafel zu decken: weiße Tischdecke, Porzellangeschirr, Kaffee und Kuchen.

Zurück bei den Tuberkulosekranken, setzte Karl seinen Kreuzweg fort. Am 26. Dezember konnte er seine erste und einzige Messe feiern. Er schrieb: «Nach fünf Jahren des Gebets und des Wartens von großem Glück erfüllte Tage. Dass Gott durch die Fürsprache unserer Lieben Frau uns auf so gnädige und einzigartige Weise erhören konnte, kann ich immer noch nicht fassen.» Während die Tuberkulose in ihre letzte Phase ging, zeigte der frischgebackene Priester eine totale Hingabe an die göttliche Vorsehung.

Das Ende des Krieges stand bevor. Am 29. April 1945 eroberten die Amerikaner das Lager Dachau. Endlich Freiheit für die Überlebenden der schrecklichen Deportation! Anfang Mai wurde Karl in das Sanatorium Planegg bei München gebracht. Er notierte: «Überschwengliche Freude! Danke, danke. Allein in einem Zimmer, das mir gehört, welche Glückseligkeit! In der Stille spricht Gott, obwohl ich so erschöpft bin.» Doch es war zu spät für eine Rettung des Körpers von Pfarrer Leisner. Es folgte eine Zeit schweren Leidens bis zum Ende. Mit Christus am Kreuz vereint, bot er sich Gott als Sühnopfer für die Sünden und das Heil der Menschen dar. Trotz seiner Schmerzen blieb er fröhlich wie zuvor und dachte kaum an sich selbst. Er schrieb: «Nicht den Mut verlieren, auch nicht die Geduld.»

Zurück zur Quelle

Am 16. Juni blätterte Karl in einem hervorragenden Bilderbuch über Europa. Da entsprang aus der Tiefe seines Herzens ein Aufruf: «O du armes Europa, kehre zu deinem Herrn Jesus Christus zurück! Dort ist die Quelle der schönsten Werte, die du entfaltest. Kehre zur frischen Quelle der wahren göttlichen Kraft zurück!» Dieser Aufruf klingt heute im Brief von Papst Johannes-Paul II. vom 14. Dezember 2000 nach, den er zum zwölfhundertsten Jahrestag der Krönung Karls des Großen schrieb: «Nur durch die Annahme des christlichen Glaubens wurde Europa zu einem Kontinent, der jahrhundertelang seine Werte auf fast allen anderen Erdteilen erfolgreich verbreiten konnte, zum Wohle der Menschheit. Die Ideologien, die so viele Ströme von Tränen und Blut im Laufe des 20. Jahrhunderts verursacht haben, sind in einem Europa aufgekommen, das seine christlichen Grundlagen hatte vergessen wollen. Die Absage an Gott und seine Gebote errichtete im vergangenen Jahrhundert die Tyrannei der Götzen, die in der Verherrlichung einer Rasse, einer Klasse, des Staates, der Nation und einer Partei zum Ausdruck kam, an Stelle der Verherrlichung des lebendigen und wahren Gottes. Erst im Lichte des Unglücks, das sich über das 20. Jahrhundert gebreitet hat, versteht man, wie sehr die Rechte Gottes und die Menschenrechte sich gegenseitig stärken oder zusammen fallen.»

Am 29. Juni 1945 bekam Karl Besuch von seinem Vater und seiner Mutter. Alle drei waren tief bewegt: «Wir sind zusammen!» Am 25. Juli schloss Karl sein geistliches Tagebuch mit den Worten ab: «Segne auch meine Feinde, o höchster Herr!» Es blieben ihm noch sechs Tage Leben. Er sagte zu seiner Mutter: «Mama, ich muss dir etwas anvertrauen; aber sei nicht traurig. Ich weiß, dass ich bald sterben werde, doch ich bin glücklich.» Am Abend des 8. August kamen seine drei Schwestern an: Welche Freude, lange mit ihnen plaudern zu können! Am 12. August schließlich lag er im Sterben und entschlief friedlich, um sich im Himmel dem Chor der heiligen Engel anzuschließen.

Als Papst Johannes-Paul II. ihn am 23. Juni 1996 seligsprach, stellte er ihn als Vorbild hin: «Karl Leisner ermutigt uns, auf dem Wege zu bleiben, der Christus heißt. Wir dürfen uns nie der Ermüdung hingeben, selbst wenn der Weg uns manchmal dunkel erscheint und Opfer verlangt. Hüten wir uns vor falschen Propheten, die uns andere Wege weisen wollen. Christus ist der Weg, der zum Leben führt. Alle anderen Wege werden sich als Umwege oder als falsche Fährten erweisen.»

Dom Antoine Marie osb

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